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Full text of "Münchener geographische Studien"

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J&H 4 1927 


MÜNCHENER 
GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIGMUND GÜNTHER. 


EINUNDZWANZIGSTES STUCK : 

KONRAD PEUTINGER 

UND 

WILIBALD PIRCKHEIMER 

IN 

IHREN BEZIEHUNGEN ZUR GEOGRAPHIE. 
I EINE GESCHICHTLICHE PARALLELE 

I VON 

' MAX WEYRAUTHER 

K. REALLEHRER IN ROSENHEIM. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HOF-BL'CHHÄNDLER 
1907. 





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MÜNCHENER 
GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIGMUND GÜNTHER. 


EINUNDZWANZIGSTES STUCK : 

KONRAD PEUTINGER 

UND 

WILIBALD PIRCKHEIMER 

IN 

IHREN BEZIEHUNGEN ZUR GEOGRAPHIE. 
EINE GESCHICHTLICHE PARALLELE 

VON 

MAX WEYRAUTHER 

K. REALLEHRER IN ROSENHEIM. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HOF-BUCHHÄNDLER 
1907. 


VI 


B. Hilfsliteratur 

(darunter eine Anzahl Werke von Zeitgenossen Peutingers und 

Pirckheimers): 

Beati Rhenani Sclestadiensis Rerum Germanicarum Libri tres. 

Basileae 1531* 
H. B e r g e r , Gesch. der wissenschaftl. Erdkunde der Griechen. Leipzig 

1893 

F. Boll, Studien über Claud. Ptolemaeus. Leipzig 1894. 

G. Breusing, Leitfaden durch das Wiegenalter der Karthographie 

bis zum Jahre 1860. Frankfurt 1883. 
J. G. Cuno, Forschungen im Gebiete der alten Völkerkunde. Berlin, 

1871. 
Doppelmayr, Hist. Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis 

und Künstlern. Nürnberg 1730. 
J Fischer, die Entdeckungen der Normannen in Amerika. Freiburg 

1902. 
L. G a 1 1 o i s , Les Geographes Allemands de la Renaissance. Paris 

1890 

L. Geiger, Renaissance und Humanismus. Berlin 1882. 

L. Geiger, Bilibald Pirckheimer (Allgem. deutsche Bio- 
graphie). 

S. Günther, Geschichte des mathemat Unterrichtes im Mittelalter 
bis 1525 Berlin 1887. 

S. Günther, Joh. Werner aus Nürnberg und seine Beziehungen 
zur math- u. physischen Erdkunde. Halle a. S. 1878. 

S Günther, Peter und Philipp Apian, zwei deutsche Mathe- 
matiker und Kartographen (Abhandl. d. k. Böhm Ges. d. Wiss, 
VL Folge, II Bd Prag 1882. 

S. Günther, J. Eck als Geograph (Forsch, zur Kultur- und Litera- 
turgesch. Bayerns. München und Leipzig 1894, S. 140 ff). 

S. Günther, der Humanismus in seinem Einfluss auf die Entwick- 
lung der Erdkunde. Geogr. Zeitschrift, 6. Jahrg , 2. Heft. Leipzig 
1900. 

S. Günther, WilibaldPirckheymer, einer der Wiedererwecker 

der Geographie in Deutschland. Im 4. Jahrg. des „Bayerland''. 

Münch. 1893. 
D i o n. Grün, die Peutingersche Tafel. Mitteil, der k. und k. geogr. 

Gesellschaft in Wien 1874. S. 229 ff. 
Th. Geiger, Conr. Celtis in seinen Beziehungen zur Geographie. 

München 1896. 

S. G ü n t h e r . M a r t i n B e h a i m. 13. Bd. d. „Bayer. Bibl." Bamberg 

1890. 
O. Hase, Die Koberger Buchhändler-Familie zu Nürnberg. Leipzig 

1869. 


vn 

V. Hantzsch , Die deutschen Geographen der Renaissance. Geogr. 
Zeitschrift, 3. Jahrg. Leipzig 1897. 

J. Hartmann , Der erste bayer. Geschichtsschreiber , J o h. T u r • 
m a i r , in seinen Beziehungen zur Geographie. Ingolstadt 1898. 

A. Horav^itz, Nationale Geschichtschreibung im 16. Jahrh. Hist. 
Zeitschr. Bd. 25, 187 1, S 66 ff . 

A Hora^vitz, Beatus Rhenanus (Sitzungsberichte der kais. Akademie 
der Wiss. Phil.-hist Klasse. LXIX. Bd, Heft 1-3, S. 189 ff. Wien 
1871. 

Irenicus). Germaniae Exegeseos Volumina Duodecim a Francisco 
Irenico Ettelingiacenso exarata. 1518. 

R. Hagen, Wilib. Pirckheimerin seinem Verhältn. zum Hu- 
manismus und zur Reformation (Mitteil des Ver. für Gesch. der 
Stadt Nürnb. 4. Heft. Nürnb. 1882). 

H. Kiepert, Lehrbuch der alten Geographie Berlin 1877. 

F. Kunstmann, Valentin Ferdinands Beschreibung der Westküste 

Afrikas bis zum Senegal München 1856. (s. o. !) 
A L i e r , Der Augsburg. Humanistenkreis (Zeitschr. d. Hist Ver. ftir 

Schwaben u. Neuburg 1880. S 68 ff ). 
A Lier,C. Peutinger (AUgem. deutsche Biographie). 
H. Lutz, Zur Geschichte der Kartographie in Bayern. (Jahresber. 

d. Geogr. Gesellschaft in München fttr 1886). München 1887. 
0. Markwart, Wilib. Pirkheimer als Geschichtschreiber. Basel. 
Claudii Ptolemaei Geographia ed. C. M ü 1 1 e r u s. Parisiis 

MDCCCLXXXIII. 
E. Münch, Bilibald Pirkheimers Schweizerkrieg. Basel 1826. 
H. V. N e u e n a r , Brevis narratio de origine et sedibus priscorum 

Francorum. 
Hermani aNuenare Epistola ad Carolum V. etc. 

Beide als Anhang zur oben bezeichneten Ausgabe der 
Serm. Convivales. 
H. Nuenari De Gallia Beigica Commentariolus. Antwerpen 1584. 
A. E. Nordenskiöld, Facsimile- Atlas to the early History of Carto- 

graphy. Stockholm 1889. 
E. Oberhummer, Die Entstehung der Alpenkarten. Zeitschr. des 

Deutschen und Österr. Alpenv. München 1901. 
? P a u 1 s e n , Geschichte des gelehrten Unterrichts. Leipzig 1896. 
). Peschel-S. Rüge, Geschichte der Erdkunde. München 1877. 
thenda •* Max Transylvanus, De Moluccis insulis. 
H. Schreiber; Heinrich Loriti Glareanus. Freiburg 1837. 
H. Tollin, Michael Servet als Geograph. Zeitschr. d. Ges. t. 

Erdk. zu Berlin, 10. Bd. S. 188 ff. Berlin 1875. 

G. Voigt, Die Wiederbelebung des kla'ss. Altertums oder das erste 

Jahrh. des Humanismus. Berlin 1881. 
F R. V. Wieser, A. E. v. Nordenskiölds Periplus. Pet. Mitt. 
45. Bd. S. 188. Gotha 1899. 


Vlll ' 

F. R. V. Wieser, A. E. v. Nordenskiölds Facsimile-AtlaS. Pet. 

Mitt. Bd. 36. S. 270 ff. Gotha 1890. 
J. Wimpfeling, Germania ad Rempublicam Argentinensem (1501 ). 
J. Wimpfeling, Epitome Germanorum. 
W. Wolkenhauer, Leitfaden zur Geschichte der Kartographie 

Breslau 1895. 
A. Wolkenhauer, Über die ältesten Reisekarten von Deutschland. 

Deutsche Geographische Blätter. 26. Band (1903), Heft 3 und 4. 
W. H. R i e h 1 , Kulturstudien aus 3 Jahrh. Stuttgart 1859. S. 261 ff. 
Jobst Ruchamer, Newe unbekanthe landte und ein newe weldt ein 

kurz verganger zeythe erfunden. Nürnberg 1508. 
S. Rüge, Ein Jubiläum der deutschen Kartographie, Globus, LX. Bd. 
S. Rüge, Die Entwicklung der Kartographie von Amerika bis 1570. 

Petermanns Mitt., Ergänzungsheft No. 106 Gotha 1892. 
S. Rüge, Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen. Berlin 1881. 
S Rüge, Der Periplus Nordenskiölds. (Deutsche Geogr. Blätter, 

Bd. XXIII. Heft 4, S. 161 ff. Bremen). 
K. Rück. Wilibald Pirckheimers Schweizerkrieg mit Auto- 
biographie P.'s. München 1895. 
Joh. Schöner, De nuper repertis Insulis In „J o h. Schöner 

Professor of Mathematicis at Nuremberg" by Henry Stevens 

of Vermont. London 1888. 


Konrad Peutinger und Wilibald Pirckheimer 
in ihren Beziehungen zur Geographie. 


Das Zeitalter des Humanismus, das nahezu das ge- Einleitung, 
samte geistige Schaffen sich in neuer Blüte entfalten sah, 
erlebte eine „Renaissance" auch auf dem Gebiete der Geo- 
graphie. Und wie in Deutschland der Humanismus Ober- 
haupt eine Stätte bester Pflege fand, so nahmen bald auch 
deutsche Gelehrte eine führende Stelle in der Geogra- 
phie ein. Nicht in letzter Reihe aber stehen unter diesen 
Führern Konrad Peutinger aus Augsburg und Wilibald 
Pirckheimer aus Nürnberg. 

Die in geographischer Hinsicht entfaltete Wirksamkeit 
der beiden Humanisten — die man ja infolge der auffallenden 
Ähnlichkeit ihrer Gesamterscheinung auch sonst oft in einem 
Atemzug nennen hört — neben einander zu stellen, sie an 
und für sich und in Vergleichung unter einander abzuwägen, ' 
das soll der Zweck der folgenden Zeilen sein. Dabei ist 
nicht zu umgehen, auch einen kurzen Blick auf der Beiden 
Lebensgang und Lebensverhältnisse zu werfen, da sich aus diesen 
wenigstens teilweise ihre Geistesrichtung und so auch die 
Art, wie sie sich mit der Geographie beschäftigen, erklären 
lässt. 

Der Ältere, Konrad Peutinger (1465 — 1547), ent- Peutingers 
stammte einem schon etwa 200 Jahre vor seiner Geburt in ^l^^l^' 
Augsburg angesessenen Bürgergeschlechte. Nachdem er trotz 
des frühzeitigen Todes seines Vaters eine sorgfältige Er- 
ziehung genossen hatte, begab er sich im Alter von 17 Jahren, 

Wcyrauther, Peutinger und Pir c kh e im er. I 


gang. 


— 2 — 


einem vielbetretenen Bildungsgange seiner Zeit folgend, nach 
Italien, wo er in Padua, in Bologna, in Florenz und in 
Rom dem Studium des Rechtes oblag, daneben aber auch 
eine allseitige humanistische Bildung sich zu eigen machte. 
1490 trat er in den Dienst seiner Vaterstadt, die ihm 7 Jahre 
später das wichtige Amt eines Stadtschreibers verlieh. Als 
Archivar und Jurist entfaltete er nunmehr efne umfassende 
Tätigkeit. Noch wichtiger fast war aber sein Wirken für 
die auswärtige Politik der Reichsstadt, die ihn häufig als 
Gesandten auf Reichstage und Städtetagungen, an Kaiserhof 
und Fürstenresidenzen schickte. Durch einen grossen Teil 
Mitteleuropas führten ihn dabei seine Wege; denn wir finden 
ihn als Gesandten nicht nur in Tübingen und Reutlingen, in 
Lindau und in München, sondern auch in Rom und in den 
Niederlanden, in Köln und Worms und in Wien und Graz. 
Nicht wenig mögen solche Reisen sein Interesse an geogra- 
phischen Fragen geweckt haben, wie ja auch die persönliche 
Anschauung von Land und Volk von selbst seine geogra- 
phischen Kenntnisse erweitern musste. 

Allerdings erstreckte sich sein Interesse nicht etwa nur 
auf die Geographie, er gibt uns vielmehr ein Bild vielseitiger 
Gelehrsamkeit, indem er auch der Geschichte, der Alter- 
tumskunde, der Numismatik, sowie theologischen Streit- 
fragen sein Augenmerk zuwendete. Und besondere Ver- 
dienste erwarb er sich als Herausgeber alter Handschriften, 
die er, wie auch antiquarische Reliquien jeder Art, überall 
aufkaufte, so dass er bald nicht nur eine kostbare Bibliothek, 
sondern auch ein förmliches archäologisches Museum in den 
weiten Räumen seines Hauses zusammenbrachte. Bereit- 
willig gab er Wissensdurstigen Einblick in seine Schätze ; 
ja der wohlbegüterte, gastfreie Mann erschloss überhaupt 
gerne auch den vagierenden, weniger gut gestellten geistigen 
Mitstrebern sein Haus und unterstützte sie wie ein Mäcenas. 
Kein Wunder, wenn er selbst bald als einer der Kristalli- 
sationspunkte der humanistischen Bewegung in Deutschland 
angesehen wurde. Mit den erlesensten Geistern stand er in 
brieflicher Verbindung oder trat er, wo es möglich war, in 
persönliche Berührung. Aber auch ein engerer Kreis be- 


— 3 - . 

(tutender Männer ^) scharte sich um ihn und verehrte willig 
in ihm seinen Mittelpunkt. Durch innige Freundschaft war 
er mit Veit Bild verbunden, der neben der Pflege der an- 
tiken Sprachen auch die naturwissenschaftlichen 
Studien der Alten wieder aufnahm, astronomische Orts- 
bestimmungen machte, dazu notwendige Instrumente ver- 
fertigte und auch — gleichwie J. Mader (Foeniseca),*) der 
sich ebenfalls in Augsburg aufhielt — dem Ptolemaeus 
seine Aufmerksamkeit zuwendete. In regem Verkehr mit 
Peutinger lebte femer eine Zeitlang in Augsburg Joh. 
Voegelin^) , der später (1528) „der erste offiziell beglaubigte 
Hochschullehrer für Geographie" in Wien geworden ist, und 
ebenso ßernh. Adelmann von Adelmannsfelden, 
v/elcher der von Peutinger gegründeten societas litteraria 
Augustana als eifriges Mitglied angehörte. Der Umgang mit 
solchen Männern konnte nicht verfehlen, anregend Peu tingers 
^wissenschaftliches Wirken zu beeinflussen, während anderer* 
seits auch von ihm mannigfache Förderungen geographischer 
Arbeiten anderer Humanisten ausgingen. Einen hohen Gönner 
hatte Peutinger schliesslich an Kaiser M a x i m i 1 i a n L, der 
seinen Arbeiten ein starkes Interesse entgegenbrachte, freilich 
auch des Humanisten Gelehrsamkeit und künstlerischen Ge- 
schmack für seine Zwecke zu benutzen verstand. Zur Anerken- 
nung beehrte ihn der Kaiser mit dem Titel eines kaiserlichen 
Rates, und sein Nachfolger Karl V. erhob den vorher auch 
schon von seiner Vaterstadt mit dem Patriziat ausgezeich- 
neten Augsburger Bürger in den erblichen Adelstand. 

So schloss, als Peutinger 1547 starb, mit seinem Tode 
ein Leben ab, das ebenso reich an amtlicher und wissen- 
schaftlicher Tätigkeit wie an Glanz der äusseren Lebens- 
stellung gewesen war. — — — - 

In Lebensgang und Lebensstellung, in Neigung und 
Tätigkeit ist nun bei K. Peutinger und W. Pirck- 
heimer leicht eine weitgehende Parallelität zu ersehen. 

*) A. Lier, der Augsburger Humanistenkreis. 
*) Darüber berichtet Cochläüs in einem Brief an Pirckh. in Heu- 
mann, S 50 und 51. 

^) Günther „der Humanismus etc.** S. 85, Anm. 3. 

I* 


- 4 — 

Pirck. W. Pirckheimer (1470 — 1530) stammte, ähnlich wie der 

Lebens! Augsburger Humanist, aus einem alten, durch Handel reich ge- 
gang, wordenen und durch Bildung ausgezeichneten Nürnberger 
Patriziergeschl echte, das mit ihm seinen Abschluss erhielt, in 
ihm aber auch seinen Gipfelpunkt erreichte. Sein Vater, der 
einen grossen Teil seines Lebens als rechtskundiger Rat in dem 
Dienste verschiedener Fürsten stand, liess ihm eine sorg- 
fältige Erziehung angedeihen und nahm den geweckten 
Knaben frühzeitig auf seinen Gesandtschaftsreisen mit, so dass 
Wilibald schon in jungen Jahren eine gewisse äussere 
Kenntnis des deutschen Landes erlangte. Nachdem der 
junge Patrizier dann am Hofe des Bischofs von Eichstätt 
ritterliches Waffenwerk und höfische Sitte gelernt hatte^ 
bezog er 1489 als Neunzehnjähriger, wie Peutinger, die Hoch- 
schule von Padua und drei Jahre später die von Pavia, wo er^ 
dem Wunsche seines Vaters sich fügend, sich ebenfalls dem 
Studium der Jurisprudenz widmete, daneben aber auch 
seinen eigenen Neigungen folgend, zumal in Padua, dem 
Studium der alten Sprachen (besonders auch der griechischen) 
wie der Mathematik und Astronomie oblag. Von 
seinem inzwischen gealterten Vater zurückgerufen, wurde er 
nach seiner Verheiratung 1497 ^^ den Nürnberger Rat ge- 
wählt und 1499 ^Is Befehlshaber des reichsstädtischen Kon-- 
tingentes dem Kaiser in seinem Kampfe gegen die Schweizer 
zu Hilfe geschickt. Bei dieser Gelegenheit erwarb er sich 
die Gunst Maximilians, der von nun an in ähnliche Be- 
ziehungen wie zu Peutinger auch zu dem Nürnberger Rats- 
herrn trat und diesen in gleicher Weise wie jenen auszeich- 
nete und benützte. Nach seiner Rückkehr aus dem Kriege 
wurde der redegewandte, kluge und tatkräftige Patrizier 
häufig als Gesandter von seiner Vaterstadt (wie Peutinger 
von der seinigen) verwendet. 

Wie einst schon als Knabe durchreiste er jetzt als ge- 
reifter Mann häufig Deutschlands interessanteste Gegenden^ 
mit regem Interesse alles in sich aufnehmend, überall Ver- 
bindungen mit gelehrten Männern anknüpfend. 

Nur ungern entliess schliesslich im Jahre 1522 die Stadt 
den wegen seiner mannigfachen Verdienste uiid Fähigkeiten 


ausserordentlich hochgeschätzten Ratsherrn aus ihren Diensten, 
als er verärgert durch heftige Anfeindungen um seine Ent- 
lassung bat. 

Seine Müsse war nicht ungetrübt; denn ein schmerz- 
haftes Podagraleiden fesselte ihn seit seinen vierziger Jahren 
mehr und mehr ans Haus. Es hätte ein wahres otium cum 
dignitate sein sollen, das Pirckheimer jetzt antrat, allein 
gerade sein letztes Jahrzehnt brachte ihm noch mancherlei 
Verdruss. Doch erlaubte ihm die Befreiung von den poli- 
tischen Geschäften jetzt eine eindringlichere Beschäftigung 
mit den Wissenschaften als vorher. Freilich hatte er schon 
während seiner öffentlichen Tätigkeit trotz seiner starken 
Inanspruchnahme noch Zeit und Kraft gefiinden, sich wissen- 
schaftlich zu beschäftigen, es war aber mehr geniessend als 
schaffend geschehen. Seine Name hatte schon längst in den 
Kreisen der Humanisten einen guten Klang. 

Denn in dem schönen Zuge gleicht er wieder Kon r ad 
Peutinger, dass auch er zahlreichen Humanisten in seinem 
Hause gastliche Aufnahme bot und manche von ihnen mate- 
riell unterstützte. Ja, er wurde ebenso wie der Augsburger 
Patrizier bald einer der Mittelpunkte der humanistischen Be- 
wegung in Deutschland, wobei jedoch nicht übersehen wercien 
darf, dass sein Ruhm als Gelehrter und Mäcen hauptsächlich 
aus dem ersten und zweiten Dezennium des XVI. Jahr- 
hunderts stammte. 

Und ein guter Teil gerade der Humanisten, mit denen 
Pirck heimer in engere Verbindung trat, hat auf dem Gebiete 
der Erdkunde Hervorragendes geleistet. Deshalb spricht 
Gallois in seinem Werke „Les Geographes AUemands de 
la Renaissance" mit Recht von einer Nürnberger Geographen- 
schule. Deren Grund war allerdings schon vor Pirckheimer 
gelegt worden.^) Zumal seit Joh. Regiomontanus hier 
seinen bleibenden Wohnsitz aufgeschlagen hatte, war Nürn- 
berg auch der Mittelpunkt der „mathematischen" und astro- 
nomischen Studien geworden. Wenn der Meister selbst 
auch viel zu früh der Wissenschaft entrissen wurde, sein 


») Hagen, Wil. Pirckh. S. 62. 


— 6 — 

Geist, seine Pläne lebten doch in seinen Freunden und 
Schülern, einem Bernhard Walter, einem Joh. Werner 
u. a. lebendig fort. In Nürnberg ferner bildete 1492 Martin 
Behaim, auch ein Sohn der Stadt, seinen berühmten 
Globus, zeichnete H. Seh edel die zweite, wenn auch mangel- 
hafte Karte von Deutschland. Mit diesen Gelehrten und huma- 
nistisch gebildeten Bürgern (wie Peter Dannhauser, Seb. 
Schreier, Joh. Löffelholz) war schon Wilibald Pirck- 
heimers Vater in Beziehimgen getreten; in ihren Kreis trat 
er bald auch selbst ein, und rasch verstand er es sogar, 
sein Haus zum Mittelpunkt des ganzen damals in seiner 
höchsten Blüte stehenden geistigen und künstlerischen Lebens 
der Reichsstadt zu machen. Sein bester Freund wurde 
Albrecht Dürer, der ja auch der Kartographie und Astro- 
nomie seine Kunst widmete.^) In häufige persönliche Beruh- 
rung trat Pirckheimer ferner mit dem schon erwähnten J. 
Werner, dem bedeutenden Astronomen und Kartographen,, 
mit J. Schöner, dem Verfertiger einer Reihe für die Ent- 
deckungsgeschichte wichtiger Globen und Verfasser er- 
klärender „wahrhaft geographischer" Abhandlungen dazu,, 
mit. Job st Ruchamer, dem Verfasser der „Newe un- 
bekannte Landte", mit Cochlaeus, dem Förderer des geo- 
graphischen Unterrichtes an Mittelschulen.^) Und auch der 
„Erzhumanist" Konrad Celtis, dessen Freund sich auch 
Peutinger nannte, war ein guter persönlicher Bekannter der 
beiden Pirckheimer; hatte er doch schon in den neunziger 
Jahren im Pirckheim ersehen Hause Gastfreundschaft ge- 
nossen und zum Lobe der Reichsstadt seinen „De origine, situ^ 
moribus et institutis Norimbergae libellus" geschrieben. 

Dazu stand Wilibald Pirckheimer nach Humanistenart 
ebenfalls in einem ausgedehnten, auch für die Geschichte der 
Geographie manches bietenden Briefwechsel, und zwar 
im grossen und ganzen mit den nämlichen Humanisten, mit 
denen auch Peutinger brieflich verkehrte. Und seine zahl- 
reichen Verbindungen mit auswärtigen Gelehrten, wie auch seine 


*) Breusing S. 8. Heumann S. 278 ff. 

«) Günther, Wil. Pirckh. S. 570 (Bayerl. 4. Jahrg.). 


— 7 — 

Konnexionen mit den grossen Nürnberger Handelshäusern*) 
benützte auch er, um überall neu erschienene Werke und 
alte Handschriften aufzukaufen. 

So inmitten eines reichen Lebens stehend, ausgestattet 
mit hervorragenden Geistesgaben und mit nicht minder viel- 
seitigem Interesse, wie sein Augsburger geistiger Zwillings- 
bruder, verlebte er wie Peutinger ein arbeitsames und er- 
folgreiches Leben, bis diesem 1530 der Tod ein verhältnis- 
mässig frühes Ende bereitete. 

So viel Ähnlichkeit nun Peutingers und Pirckheimers 
ganzes Leben und Streben aufweisen, so sind die beiden 
Geistesverwandten doch verhältnismässig wenig miteinander 
in Verbindung getreten: Von einer gegenseitigen Unterstützung 
oder etwa einem wissenschaftlichen Meinungsaustausch ist 
namentlich in geographischen Dingen bei ihnen nichts be- 
kannt. Nichtsdestoweniger ^bewegt sich doch auch ihre Tätig- 
keit auf erdkundlichem Gebiete im grossen und ganzen in 
denselben Grenzen. 

Ihr Schaffen, soweit es mit der Geographie in 
Verbindung steht, soll nun betrachtet werden, und zwar zu- 
nächst das Peutingers. 

Sein Sammeleifer ist schon oben erwähnt worden; Peutingers 
als Sammler beginnt er auch seine geographische Tätig- "dirEnt- "^ 

keit. deckungcn. 

Mit Staunen war auch in Deutschland die Kunde 
von der Entdeckung einer Neuen Welt im Westen 
und des Seeweges nach Ostindien vernommen worden, 
und mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte man allent- 
halben die Nachrichten, die das Dunkel, das noch über un- 
geheuren Gebieten der Erdoberfläche schwebte, nun mehr 
und mehr lichteten. 

Solche Seefahrtenberichte begann nun Peutinger zu 
sammeln. Nahe verwandt mit der berühmten Kaufherren- 
familie der Wels er, die Agenten in allen wichtigen Hafen- 
plätzen, vor allem auch in Lissabon, unterhielten, konnte es 
Peutinger nicht allzu schwer fallen, sich über den Fortschritt 


") Hase, die Koburger. 


— 8 — 

der Entdeckungen auf dem Laufenden zu erhalten. Dass aber 
seine Anteilnahme keine blosse Neugierde, sondern wissen- 
schaftliches Interesse war, zeigt eben der Umstand, dass er 
die Berichte sammelte und teilweise im Verein mit seinem 
Schwager Christoph Welser selbst übersetzte (so aus dem 
„Longobardischen" einen Brief „von der Portogalesischen 
Meerfahrt" ddo. 30. März 1503, der über die Sckicksale einer 
an der, 2. Reise Vasco da Gamas teilnehmenden Flotille be- 
richtet.) Diese Nachrichten, welche sich über die Jahre von 
1497 bis 1505 erstrecken, bestehen aus dem überhaupt 
damals vielfach verbreiteteten Brief Amerigo Vespuccis 
über seine 2. Reise und aus 7 Berichten über die ersten 
Seefahrten der Portugiesen nach Ostindien, darunter eine 
ausführliche Beschreibung der Westküste Afrikas aus der 
Feder des in Lissabon lebenden Deutschen Valentin Fer- 
dinand (Moravus).*) 

Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass 
Peutinger vielleicht im Sinne hatte, seine Sammlung zu ver- 
öffentlichen. Er mochte aber davon abgestanden sein, weil 
ein Teil der Briefe von anderer Seite dem Druck übergeben 
wurde und bald auch Sammelwerke, wie das Jobst Ru- 
c harne rs (s. o.), in den Buchhandel kamen.^) Vielleicht 
wurde der Vielbeschäftigte auch durch andere Arbeiten ab- 
gehalten. 

In einem Werk hat er allerdings diese Seefahrten 
wieder berührt: in seinen berühmten 1506 erschienenen 
,»Sermones convivales*'. Mit Stolz betont er da ^wie auch in 
einem Brief an den kaiserlichen Sekretär BlasiusHölzl vom 
Jahre 1505)') die Teilnahme von Augsburgern an Indien- 


*^ S. a6. Jahresber. d« hist. Kreisvereines von Schwaben u. Neu- 
burg u. Kunstniann Val. Ferdin, Beschreibung der Westküste Afrikas. 
München 18156. 

*^ Ruchamer übersetzte die in Vicenza 1507 erschienene Sammlung : 
^Paesi novamente retrovati et novo mondo da Alba-ico Vesputio flo- 
rentino inlitulato** unter dem Titel „Newe unbekanihe Landte u. eine 
nexve Weldte in kurtz verganger Zcyth erfunden", Nürnberg 1308, 
Vgl. Gallais S, 7tv77. 

^I S. a6 Jahresber. d, h. Kreisvcrcins v. Schw^ u. Neub. (S. Anm, ft. 


fahrten ; er denkt dabei offenbar anHansMayr und B a 1 1 h. 
Sprenger, die im Auftrag mehrerer Handelsherren, nament- 
lich der Fugger und Welser, auf deutschen Schiffen im 
Gefolge des Vizekönigs Alm ei da nach Calicut gesegelt 
waren und beide Beschreibungen ihrer Fahrt hinterliessen.^) 
Peutinger müsste aber kein wahrer Humanist ge- 
wesen sein , wenn er sich mit der Registrierung derartiger 
zeitgenössischen Ereignisse begnügt hätte ; nichts ist vielmehr 
natürlicher, als dass ein Mann von so viel geschichtlichem 
Sinne \sne er die Frage aufwarf: „Haben denn vielleicht 
auch schon die Alten von diesen jetzt aufgefundenen See- 
wegen etwas gewusst?" 

Und so gräbt er denn nach und findet auch wirklich in 
Plinius, Cornelius Nepos undPomponius Mela Stellen, 
welche ihn „etwas zweifelhaft machen", ob nicht doch schon 
„unsere Vorfahren" (I) den Seeweg (um Afrika herum) ge- 
kannt haben. Obwohl er also diesen Überlieferungen keines- 
wegs mit absolutem Vertrauen gegenüber steht, (wie gerne 
v\1irde er es tun I), führt er doch ohne jede kritische Bemer- 
kung z. B- die Fabelei des Nepos an, dass Seefahrer aus 
Indien durch Stürme nach Germanien verschlagen worden 
seien, und ähnliche. Unter den Seefahrern des Altertums, 
die zweifellos längere Küstenstrecken Afrikas — abgesehen 
natürlich von Nord- und Nordostafrika — befahren haben, 
ist ihm auch Hanno bekannt; freilich glaubt er irrtümlich 
von ihm, er sei von Gades aus um ganz Afrika bis nach 
Arabien gesegelt. — Man sieht, Peutingers obige Frage 
bildet ein Problem der Geschichte der Geographie, 
das er, allerdings auf Grund unzulänglicher Quellen und mit 
einem gewissen Mangel an Kritik, zu lösen versucht hat. 

Eine Frage der historischen Geographie ist es ferner, die Die 
den grössten Raum in seinen „Sermones convivales" ein- ^^®^°^'^*^*^* 
nimmt und das Werk erst so recht berühmt gemacht hat. 
„Quod cisrhenanae civitates ab Agrippina ad Argeh- 
tinam, et aliae a C, Julii Caesaris Dictatoris ac superiore 
tempore non Gallis, sed Germanis, vel Romani imperii Cae- 


1) S. Hantzsch. 


lO 


saribus. Augustis, vel regibus semper paruerint" überschrieb 
Peutinger diesen Teil seines Büchleins. 

Die übrigens ja klar formulierte These lässt sich so 
ziemlich in Deckung bringen mit der modernen Arndt' sehen 
Formel „Der Rhein Deutschlands Strom, nicht 
Deutschlands Grenze!" 

Lind wie bei dem preussischen Dichter \yar es auch bei 
dem süddeutschen Humanisten gegen die Franzosen 
gerichteter Patriotismus, was ihm die Feder in die 
Hand drückte. Ein entrüsteter Protest ist seine Abhand- 
lung gegen die Bestrebungen der „gallischen" Könige, das 
linke Rheinufer unter ihre Herrschaft zu bringen, und eine 
eifrige Widerlegung der „proditores patriae", der liebediene- 
rischen linksrheinischen Gelehrten, welche jene französischen 
Ansprüche aus den Schriften der Alten und aus früheren Zu- 
ständen als gerechtfertigt zu begründen suchten. Peutinger 
hatte in diesem Streit um Deutschlands Westgrenze bereits 
einen Vorkämpfer gehabt. Denn bereits 150 1 hatte 
Jakob Wimpfeling aus Schlettstadt , der ja auch als 
linksrheinischer Deutscher der Sache immerhin näher stand 
als der Augsburger, den gleichen Ton mit Kraft und ziem- 
lichem Geschick angeschlagen. Durch „Wahrscheinlichkeits- 
schlüsse, durch gewichtige Zeugen und durch geschichtliche 
Belege" suchte dieser in seiner „Germania ad rempublicam 
Argentinensem" nachzuweisen, dass Strassburg und die 
übrigen „diesseitigen" Rheinstädte niemals den Galliern unter- 
worfen gewesen seien. Einzelne von Wimpfelings Gründen 
kehren auch in den „Sermones convivales" wieder, ihm gebührt 
auch der Ruhm, zuerst den Kampf mit geistigen Waffen auf- 
genommen zu haben. Aber Peutingers Arsenal ist ungleich 
reicher ausgerüstet. Mit Bienenfleiss hat dieser eine grosse 
Menge von Zitaten, deren Beweiskraft allerdings öfters recht 
schwach ist, aus Livius, Caesar, Tacitus, Ptolemaeus, 
Strabo, AmmianusMarcellinus, Suetonius, Solinus, 
M. Anton. Sabellicus, Orosius, Berosus u. a., also aus 
mehr oder minder glaubwürdigen Schriftstellern, zusammen- 
gesucht, um wie Wimpfeling zu erhärten, dass „die dies- 
rheinischen Städte von Köln bis Strassburg und andere von des 


— II — 

Diktators C. JuliusCäsar Zeit an und auch schon früher 
nicht den Galliern, sondern Germanen, den römischen Kaisern 
oder Königen immer untertänig gewesen seien." 

Der Gang seiner Entwicklung ist nicht immer gerade 
klar, öfters von abschweifendem gelehrtem Beiwerk verwirrt, 
an anderen Stellen sprunghaft voreilend oder wieder zurück- 
greifend; aber im grossen und ganzen sind die als Beweise an- 
geführten Zitate in d e r Weise angeordnet, dass Peutinger 
zuerst Belegstellen anführt, welche positiv für seine Be- 
hauptung sprechen, und dann bei den von den „patriae 
desertores*' für ihre Zwecke ausgebeuteten Schriftstellen die 
Haltlosigkeit der darauf gegründeten Thesen nachzuweisen 
sucht. 

Als seine Hauptfolgerungen kann man folgende heraus- 
schälen : 

Wenn Cäsar, Plinius und Ptole maus berichten, dass 
nicht Beigen (die übrigens nach Cäsar meist von Germanen 
abstammten), nicht Gallier, sondern Germanen dem Strom 
(sc. auf dessen linkem Ufer) am nächsten wohnten, wenn 
sodann Suetonius und Strabo sagen, dass von Augustus 
Sueven und Sicambrer auf das linke Rheinufer verpflanzt 
worden seien, wenn ferner die Germanen die Gallier ver- 
trieben und über sie geherrscht hätten, was allerdings nicht 
näher belegt wird, und Köln, Mainz und Strassburg als 
deutsche Städte bezeugt seien, wenn schliesslich doch fest- 
stehe, dass der Rhein das obere und untere (linksrheinische) 
Germanien von Grossgermanien getrennt hat, so sei nicht 
abzusehen, wie das strittige Gebiet den Galliern gehört 
haben solle. 

Wenn aber, meint Peutinger weiter, Cäsar, Tacitus, 
Plinius u. a. doch auch wieder den Rhein als Grenze be- 
zeichneten, so könne man zugeben, dass die ältesten 
Grenzen Galliens einst bis zu einem Teile des Rheines aus- 
gedehnt gewesen seien; er leugne auch nicht, dass die alten 
Elvetier und Rauracer bis zu den Nantuates (quos appellant 
Constancienses !) einst Gallier gewesen seien, jetzt aber ge- 
hörten sie (ihr Land, will er sagen) zu Oberdeutschland, 


— 12 — 

und deutsche Schwaben (Suevi Germani) bewohnten von 
den Italien begrenzenden Alpen und vom Ursprung des 
Rheines an ihr Gebiet. 

Er erklärt also die bei den antiken Schriftstellern vor- 
handenen Widersprüche auf ganz vernünftige Weise, ohne 
starrsinnig unhaltbare Behauptungen aufrecht erhalten zu 
wollen, aber auch energisch die Ansprüche der Gegner 
zurückweisend. 

Nachdem nun Peutinger die Frage in seinem Sinne 
gelöst hat, soweit sie an der Hand der antiken Schrift- 
steller für ihn zu lösen war, wendet er sich der Periode 
der Völkerwanderung zu und stellt mit freudigem Stolz 
fest, dass die Franken, Alanen und Sueven von Deutschland 
aus in Gallien siegreich eingedrungen seien, und dass Bur- 
gund schon looo Jahre seinen Namen von den (germanischen) 
Burgundern trage. Die Franken seien durchaus keine Gallier 
gewesen, der Name Francia sei ursprünglich die Bezeichnung 
eines Teiles von Deutschland ! ^) Ebenso seien die Merowinger 
und Karolinger Deutsche gewesen; das bewiesen z. B. die 
Namen der von ihnen gegründeten Orte , wie der von 
Weissenburg („Albiburgium" aber nennt es Peutinger, der 
Humanist!) u. a. 

Dann redet er von der ehemaligen Einteilung von Ost- 
und Westfranken, wobei er als Quellen Urkunden, die er 
selbst eingesehen habe, und Otto von Freising benützt, 
spricht von den späteren Erwerbungen der deutschen Könige in 
dem linken Rheinstromgebiet, von Lothringen, den belgischen 
Provinzen etc. und betont, dass diese bis auf seine Zeit be- 
ständig unter den römischen (sc. deutschen) Kaisem ge- 
standen seien. 

Mit diesen Schlussteinen hat er seinen Aufbau an Be- 
weisen vollendet. Nicht zufrieden aber mit der Beweisfüh- 
rung wendet er sich noch zum Schluss mit dem warmen 
Appell an die Deutschen, sie möchten ihre inneren Streitig- 


') Die einfällige Sage, die Franken stammten von den Trojanern 
ab, weist Herrn, v. Neuenahr in seiner „Brevis narratio de origine et 
sedibus priscorum Francorum" zurück. 


— 13 — 

ieiten beiseite setzen und mit ihrer angeborenen kriegerischen 
Tapferkeit nach dem Beispiel ihrer Vorfahren aus allen 
Kräften verhindern, dass die „Gallier" jemals ihre Herrscher- 
g^ewalt über Deutschland ausdehnten. 

Aus diesem Mahnruf wird noch einmal klar ersichtlich, dass 
Peutinger seine geschichtlich - geographischen Kenntnisse 
in den Dienst einer patriotischen Tendenz gestellt, dass 
er mit den Waffen des gelehrten Humanisten für die Rettung 
eines Stückes deutschen Bodens und Volkes gekämpft hat. 
Denn die Humanisten, die sich sogerne.mit der römischen 
Toga drapierten, die in fast kindischer Spielerei häufig ihren 
Namen we die geographischen Bezeichnungen latinisierten, 
ja sogar, wenn sie wie Peutinger bei Weissenburg (Albi- 
burgium!) auf die Deutschheit eines Namens hinwiesen, 
den Namen latinisiert wiedergeben zu müssen glaubten, 
sie, die ihre vaterländischen Apologien nicht in ihrer vater- 
ländischen, sondern in lateinischer Sprache schrieben, diese 
Humanisten hatten doch auch aus den römischen Schrift- 
stellern gelernt, was Nationalbe wusstsein sei. Und 
wenn auch bedauerlicher Weise dieses Aufflammen des 
deutschen Nationalgefühles auf politischem Gebiet so 
wenig tatsächliche Erfolge zeitigte, auf dem Gebiet der 
Geographie förderte es ohue Zweifel in hohem Grade 
die Kenntnis des deutschen Landes und des deutschen Volks- 
tumes. Aus der Vaterlandsliebe hat sich damals die Vater- 
lands künde entwickelt. 

Peutinger hat dazu ein erkleckliches Stück bei- 
getragen. Sein Werk machte auf die anderen Humanisten 
einen bedeutenden Eindruck. Von ülr. Zasius und Seb. 
Brandt wurde er als Streiter für die deutsche Sache in Versen 
gefeiert,^) Seb. Münster aber bezeichnete ihn mit Rücksicht 

auf seine „Sermones convivales" auch als „insignem geogra- 
phum/'2) 


conv." 


*) In der in dem Literaturverzeichnis angiefQhrten Ausg. der „Serm. 
2) Lotter-Veith S. 88. 


„Tabula" 


— 14 — 

In der Tat steckt auch ein Gutteil geographischer 
Arbeit darin. War es doch Peutinger darum zu tun, geo- 
graphische Kenntnisse und Anschauungen der Alten wieder- 
zugeben, die Grenzen eines Landes festzustellen, einen Über- 
blick über, die Verschiebungen und die Ausbreitung von 
Volkerstämmen zu geben, die Volkszugehörigkeit der Be- 
wohner bestimmter Landstriche zu fixieren. Auch wenn er 
von den Abstammungssagen der Germanen redet, bringt er 
damit einen Beitrag zur Ethnologie. Ferner richtete er, was 
ja an einem Humanisten nicht weiter wundernehmen kann, 
auch sein Augenmerk auf die Entstehung und etymologische 
Erklärung geographischer Bezeichnungen. So beschäftigt er 
sich z. B. mit dem Namen „Germanen". Bezeichnender- 
weise erwacht bei ihm gerade in diesem Falle die Kritik 
gegen sonst doch von ihm als hohe Autoritäten anerkannte 
Schriftsteller wie Strabo und Tacitus; es verletzt den 
Nationalstolz Peutingers, dass diese Autoren den Namen 
„Germanen" als jung bezeichnen, und er glaubt, dass die 
Bezeichnung viel älter sei; natürlich ohne dafür den Beweis 
liefern zu können. Auch mit seinen etymologischen Erklä- 
rungen hat er (wie übrigens auch andere Humanisten) nicht 
oft Glück, ja diese sind öfters so künstlich konstruiert, dass 
sie geradezu komisch wirken.^) Solche Erklärungen und 
andere Abschweifungen finden sich in seiner Beweisführung, 
dass der Rhein nicht Deutschlands Westgrenze sei, in ziem- 
licher Zahl vor, die Übersicht nicht gerade erleichternd, öfters 
aber doch auch Streiflichter auf Peutingers geographische 
Kenntnisse werfend.^) — Damit wäre wohl die geographische 
Bedeutung der „Sermones convivales" ziemlich erschöpfend 
charakterisiert. 
Die Wenden wir uns nun von dem Werke, das Peutingers 

Namen zu seiner Zeit mit am bekanntesten gemacht hat, 


*) Den Namen der Ortschaft Kriegshaber bei Augsburg leitet er 
von einem Griechen Arar ab, der im Teutoburger Wald gefallen 
sein sollte! 

*) Wie wenig sichere Kenntnisse man damals vom Alpengebiete 
hatte, beweist der Passus S. 48, in dem es P. dahingestellt lässt, wo 
eigentlich der Rhein entspringe. 


— 15 — 

ZU einem anderen, das seinen Namen auch heute noch 
weiteren Kreisen ins Gedächtnis ruft: zu der „Tabula Peu- 
tiflgeriana I'' 

Es ist dies keine eigene Arbeit des Augsburger Hu- 
manisten, sondern die Kopie einer römischen „Itinerarkarte", 
welche von seinem Freunde Celtis um 1496 in der Rhein- 
gegend (man weiss nicht genau, in Worms, Speyer oder 
auch wo anders) aufgefunden und von ihm i5o8Peutinger 
testamentarisch vermacht wurde. Das nicht erhaltene Ori- 
ginal der Karte stammt vermutlich aus dem 3. (?) Jahrhundert 
n. Chr., die nicht ganz vollständig erhaltene Kopie viel- 
leicht von einem im 13. Jahrhundert lebenden Kolmarer 
Mönch. 

Sie stellt nicht etwa eine Karte in dem uns sonst ge- 
läufigen Sinne vor, die einen Teil der Erdoberfläche etwa 
in Winkel- oder flächentreuer Projektion wiedergäbe, sondern 
dem Zeichner der Tabula Peutingeriana war es hauptsäch- 
lich nur darum zu tun, ohne Berücksichtigung der wirklichen 
Himmelsgegenden die Strassenzüge des römischen Reiches 
mit den daranliegenden Städten , Kastellen etc. auf einen 
langen, verhältnismässig schmalen Streifen zu zeichnen und 
so in Rollenform eine handliche Übersichtskarte für Militär- 
und Reisezwecke zu bieten; ein einheitliches Prinzip liegt 
allerdings diesem Itinerarium zugrunde: Die Entfernung 
aller angegebenen Orte ist von Rom, als dem Mittel- 
punkt des römischen Reiches, aus proportional richtig ein- 
getragen. 

Dass dieses seiner Form nach seltsame kartographische 
Denkmal aus dem Altertum einen ausserordentlichen Wert 
für die Geschichte der Kartographie hat, wurde von Ren- 
ting er klar erkannt Das geht schon daraus hervor, dass er 
auf ein hohes Kaufangebot hin erklärte, die Karte sei ihm 
lieber als irgend eine dafür gebotene Summe. ^) Mit der 
doppelten Freude des Gelehrten und Antiquitätenliebhabers 
mag er diese Bereicherung seiner ohnedies kostbaren Bi- 
bliothek einverleibt haben. 


*) S. Lotter-Veith S. 119. 


— i6 — 

9 

Ganz selbstverständlich war es aber bei einem Manne 
wie Peutinger, dem ja die Wissenschaft die Veröffentlichung 
einer ganzen Reihe alter Handschriften verdankt, dass er 
auch die Itinerarkarte der Gelehrtenwgjt nicht vorenthalten 
wollte. Zu diesem Zweck liess er sich von Kaiser Maxi- 
milian 1511 ein Privilegium impressorium erteilen. Mit dessen 
Ausnützung hatte es freilich gute Wege. Denn der so stark 
in Anspruch genommene Reichsstadtbeamte fand offenbar 
nicht leicht die Zeit dazu, die von den anderen Humanisten 
sehnlich erwartete Herausgabe der Karte auszuführen. Aller- 
dings blieb das Itinerarium deswegen nicht ganz unbenutzt 
im Kasten liegen; vielmehr ermöglichte der gefällige Besitzer 
seinen Freunden den Einblick, so dass z. B. Beatus Rhe- 
nanus die Karte in seinem Werk „Rerum Germanicarum 
libri III" mehrfach (z. B. S. 36) zu Rate ziehen konnte. Ja, ein 
anderer guter Bekannter P e u t i n g e r s , Gab r i e 1 H u m m e 1 - 
berg, hat sogar eine Kopie der Tabula unternommen, wie 
aus einem Brief seines Bruders MichaelH. anPirckheimer 
hervorgeht, der also auch Interesse an der Herausgabe des 
antiken Denkmals genommen haben wird^). Vielleicht darf 
man der Vermutung Raum geben, dass die zwei allerdings 
sehr mangelhaften Kopien eines Teiles der Itinerarkarte, 
welche M.Weiser um 1587 in Peutingers Bibliothek fand 
und dann durch den Druck vervielfältigen liess, wenn nicht 
auf Peutinger selbst, auf Hummelberg zurückzuführen 
sind. Zu einer Facsimileausgabe durch Peutinger war es 
nämlich vorher nicht gekommen, so dass das Interesse an 
der Karte allmählich erlahmte, ja diese selbst nach dem Tode 
Peutingers in irgend einem Winkel seiner Bibliothek der 
Vergessenheit anheimfiel. Erst 1598 fand M. Welser die 
Tabula selbst wieder auf und liess durch Albr. Oertel und 
Joh. Moretus ein Facsimile davon herausgeben. Nun war 


*) Heumann S. 72 u. 73. M. Hummelberg schreibt : „Scripsi nuper 
Peutingero, ut praestet aliquando, quae tot iam annis promisit, seil. 
Apuleium et Itinerarium militare Romanorum, in quo transcri- 
bendo maximos habuit labores frater meus." Der Brief ist im April 
1529 geschrieben. 


— 17 — 

; auch die Anteilnahme der gelehrten Welt wieder auf das 
lebhafteste erweckt. Die Karte, die nach mehrfachem Besitz- 
wechsel gegenwärtig einen der kostbarsten Schätze der 
Wiener Hofbibliothek bildet, wurde öfters Objekt gründlicher 
wissenschaftlicher Abhandlungen und auch mit den vervoll- 
kommneten Mitteln der modernen Reproduktionstechnik ge- 
treulich nachgebildet. 

Wie mit diesem für die Geschichte der Kartographie 
und der Länderkunde so wertvollen Itinerarium aus dem Alter- 
tum, ist Peutingers Name auch noch mit einer zweiten 
Karte verknüpft, der in der Geschichte der Kartographie 
unseres Vaterlandes eine hohe Stellung zuzuweisen ist. 

Diese Karte stammt aus der Hand des berühmten, 1464 ^**^"** 
verstorbenen Kardinals Nikolaus von Cusa, erschien jedoch 
erst 1491 und zwar zu Eichstätt. Sie scheint aber bald sehr 
selten geworden zu sein, so dass Seb. Münster es Peu- 
tinge r zu hohem Verdienste anrechnete, als dieser durch Kauf 
das Original in seine Hände brachte und es durch Andreas 
Cratander (Cartander) in Basel veröffentlichen lassen wollte. ^) 
Seb. Münster verfasste dazu 1530 eine Beschreibung 
Deutschlands. Ob es aber wirklich zum Neudruck der Karte 
gekommen ist, steht nicht fest, wenigstens ist bis jetzt nach 

■ 

Rüge kein Blatt davon bekannt geworden. 

Die Bedeutung der Karte Cusas hat Rüge dahin cha- 
rakterisiert, dass „sie die erste gedruckte Originalkarte ist, 
die uns Mitteleuropa nicht nach Vorstellung der alten 
Griechen, sondern nach der lebensvollen Auffassung eines 
modernen Beobachters, der das Land auf vielfachen Reisen 
kennen gelernt hat, vor Augen führt* ^ 

Nun hat ja Peutinger sich um das Zustandekommen 
dieser Karte kein Verdienst erworben ; wenn er sie aber vor 
dem Verschwinden von dem Markte retten wollte, so beweist 
i dies doch wenigstens) dass er den Wert auch dieser Karte 
richtig erkannt hat und dass er seine geographischen Kennt- 
nisse nicht etwa nur aus den klassischen Schriftstellern, wie 


*) Lotter-Veith S. 88. Vgl. auch die unter den literarischen An- 
gaben der Einleitung verzeichnete Abhandlung von A. Wolkenhauer. 

Weyrauther, Peutinger und Pirckheimer. 2 


- i8 — 

es bei einem einseitigen Humanisten nicht unmöglich ge- 
wesen sein könnte, sondern auch aus zeitgenössischen Er- 
scheinungen zu schöpfen wusste. 

, Er wurde aber auch für berufen erachtet, praktisch 
als Kartograph zu arbeiten: Sebast. Münster, der bereits 
mit Hilfe einer Art von Triangulationsmethode die Gegend 
von Heidelberg vermessen und kartographiert hatte, eriiess 
1528 „eyn vermannung an alle liebhaber der künstenn, im 
hilff zu thun zu warer unnd rechter beschreybung Teutscher 
Nation''; in dieser Aufforderung heisst es „Es bedunckt mich 
aber wir müssen diesach also angreiffen: Herr Cunrad Peu- 
tinger verschaff, dass der umkreyss oder bezirck um Augs- 
purg auff 6 oder 8 meilen weit gebürhch beschriben (d. h. 
gezeichnet) werd . . . /' Andere Gelehrte wie die bereits 
erwähnten oder noch zu erwähnenden J. Voegel in, Aven- 
tin, Schöner, P. Apian, J. Stoeffler, J. Hüttich, 
L. Fries, J. Glarean u. a. sollten ebenso ihre Bezirke 
aufnehmen, so dass aus diesen Arbeiten eine Deutschland 
zur Ehre gereichende Karte entstehen sollte. 
Pcutinger Es erübrigt nun noch den Standpunkt zu betrachten, 

den Peu tinger gegenüber der Astrologie einnahm, diesem 
falschen Trieb am Stamm der Astronomie, der damals auch 
von erleuchteten Geistern, wie Pirckheimer, mit gleichem 
Ernst gepflegt wurde wie letztere. Peutinger aber hat über 
die Sterndeuterei ein sehr gesundes Urteil. In einem 1524 
an den oben erwähnten Veit Bild ^) gerichteten Brief äussert 
er sich entrüstet über die „ungebildeten Mathematiker'', von 
denen einige Vermessene durch ihre schlechten Berech- 
nungen und Narrenspossen nicht nur dem ungebildeten Volk 
Sehrecken einflössten , sondern auch der göttlichen Macht 
Schlingen zu stellen suchten (I). Ofienbar hat er bei diesem 
absprechenden Urteil den übrigens sonst auch in geographi- 
schen Fragen tüchtigen Tübinger Professor J oh. Stoeffler 
(s. o.) im Auge, der für das Jahr 1524 aus den Gestirnen ein 
grosses Verderben geweissagt hatte.^) Jedenfalls um noch 


und die 
Astrologie. 


1) Lotter-Veith S. 212 flf. 
'^) Gallois S. 103. 


— 19 — 

ekn Beweis für die Richtigkeit seiner — astrologischen 
Prophezeiungen abholden — Ansicht zu erlangen, bittet 
Peutingers Schreiben Bild, er möge die Konstellation 
der Gestirne für den Oktober des Jahres 1586 feststellen und 
ihn benachrichtigen, ob sie eine für jene Zeit beglaubigte 
grosse Überschwemmung anzeige oder nicht. 

Betrachten wir nun die Jahre, in denen P eu tinger Die Schriu 
auf geographischem Gebiete besonders tätig gewesen , so **^^Mde-'^ 
ünden wir, dass sich diese Tätigkeit hauptsächlich auf die rungen. 
Zeit um die Jahrhundertwende beschränkt. Dann sehen wir, 
dass er zwei Karten von grosser Bedeutung herausgeben 
^vill, aber zur Ausführung seiner Pläne leider nicht kommt. 
Aus seiner späteren Lebenszeit erfahren wir aber überhaupt 
nichts von einer Beschäftigung mit der geographischen Dis- 
ziplin. Das letzte von ihm verfasste Werkchen, das 
einigermassen noch aus dem Gebiete der Geschichte, in dem 
es sich doch haupteächlich bewegt, auch hinübergreift in das 
nachbarliche Terrain der Geographie, ist seine 153 1 er- 
schienene Schrift „De inclinatione Romani imperii et prae- 
cipue Germanorum commigrationibus epitome^'. 

Wieder werden darin Völkerbewegungen und -verschie- 
l^ungen behandelt, wie schon früher in seinen „Sermones 
convivales". ÄhnUch wie in diesen, nur umfassender, spricht 
der Verfasser von dem Vordringen (hauptsächlich) der Ger- 
manen nach dem Westen und Südwesten Europas, und der 
Greis wird sich auch lebhaft seiner damals schon ein Viertel- 
jahrhundert alten Streitschrift erinnert haben, als er in seiner 
»Völkerwanderung" mit nachdrücklicher Betonung wieder 
von den Germanis Burgundionibus und den Franconibus 
Germanis erzählte. Er ist damit auf die Spuren zurück- 
gekommen, auf denen er zuerst mit öffentlich sichtbar ge- 
wordenem Erfolge als Geograph gegangen und auch als 
solcher sein Bestes geleistet hat. 

Betrachten wir nun Pirckheimers Beziehungen zur Pirck- 

Erdkundel heimers 

Die geographische Arbeit, welche zuerst aus seinen 
Händen hervorging und allein schon seinem Namen einen 
S^ten Klang in der Geschichte der Geographie gesichert 


2* 


— 20 — 

hätte, ist seine Ptolemäusausgabe, welche 1525 zu 
Strassburg erschien 

Den grossen Länderentdeckungen gegen Ende des 
15. Jahrhunderts, welche den Europäern allmählich einen immer 
klarer werdenden Überblick über das Erdganze gaben, war 
schon eine andere, in den Anfang des gleichen Säculums 
fallende Entdeckung vorausgegangen, welche nicht minder 
kräftig die Renaissance der Geographie mit entwickeln half, 
ja der Beschäftigung mit der Erdkunde erst so recht einen 
wissenschaftlichen Charakter verlieh: wir meinen die 
Entdeckung des Ptolemäus ftir die westeuropäische Ge- 
lehrtenwelt. 

Zunächst lernte man dessen „yecoyQaifixf^ {f(prjyTiaig'\ die 
allein hier in betracht kommt, nicht in der griechischen Ur- 
spräche, sondern in einer lateinischen Übersetzung kennen, die 
ein griechischer, nach Italien gekommener Gelehrter, Emma- 
nuel Chrysoloras, begonnen und sein Schüler Jac. Ange- 
1 US 1410 vollendet hatte.^) Auf dieser zuerst nur handschriftlich 
verbreiteten Übersetzung basieren die nächsten Ausgaben. 
Gedruckt (und zwar von dem Deutschen H. Lichten stein), 
aber ohne Karten erschien sie zum erstenmal 1475, zum 
zweitenmal bereits 1478 zu Rom (wieder war ein Deutscher 
der Drucker), diesmal aber versehen mit 27 nach den grie- 
chischen Originalen von Angelo latinisierten Karten. Bis zum 
Schluss des 15. Jahrhunderts waren bereits 7 gedruckte 
Ausgaben, fast alle mit der Übersetzung des Angelo (nur 
eine mit einer italienischen) erschienen und im 16. Jahrhundert 
bis zum Erscheinen der Pirckheimerschen noch weitere 7. 
Bei ihnen war aber meiistens die Neuerung eingeführt, dass 
den alten Ptolemäuskarten auch moderne kartographische 
Erzeugnisse beigegeben waren. Von diesen Neuausgaben 
kommt für unsere Zwecke hauptsächlich die bei Schott in 
Strassburg 15 13 erschienene in Frage. Deren Text ist eine 
von Matthias Ringmann, Professor in St. Die, besorgte 
revidierte Neuausgabe der Übersetzung von J. Angelo; 2) , 


•» Nordenskiöld, Facsimile- Atlas. 
*) GaUois S. 58. 


— 2T — 

an Karten sind neben den hie und da verbesserten Ptole- 
juäuskarten nicht weniger als 20 moderne beigegeben, die 
für sich einen eigenen Atlas bilden und jedenfalls von 
Waldseemüller (Hylacomylus) stammen. Die nächste 
Ausgabe erschien ebenfalls zu Strassburg im Verlag von 
Job. Grieninger im Jahre 1522 und brachte die gleichen 
inhaltlich wenig geänderten, aber von Lorenz Fries (mit 
Ausnahme der tab. V Asiae) etwas verkleinerten Karten; 
ausserdem fügte dieser noch 3 weitere moderne Karten bei, 
so dass die Ausgabe nun einen Atlas von 50 antiken und 
modernen Karten in sich schliesst. Dieses gesamte Karten- 
material ging schliesslich in die Ausgabe Pirckheimers 
über, welche 1525 in dem gleichen Verlag unter dem Titel 
erschien : 

Claudii Ptolemaei Geographicae Enarrationis Libri 
Octo Bilibaldo Pirckeymhero Interprete. Annota- 
tiones Joannis de Regiomonte in errores commissos a 
Jacobo Angelo in translatione sua. 

Die bei Doppelmayr (a.a.O., S. 42) zu findende und 
dann auch in Wi 11s „Gelehrtenlexikon'* übergegangene An- 
gabe, Pirckheimer habe auch eine Übersetzung des ersten 
Buches des Ptolemaeus geliefert, ist nicht zutreffend, obwohl 
auch in Seb. Münsters Ptolemäus-Ausgabe (Basel 1540) von 
einer solchen Arbeit gesprochen wird (vgl. F. A. Ebert, All- 
gemeines Bibliographisches Lexikon, 2. Band, Spalte 543). 
Es scheint durchweg eine Verwechselung zwischen Pirck- 
heimer und Werner vorzuliegen. Ob solche Konfusion viel- 
leicht auf die ungünstige Beurteilung des Nürnberger Mathe- 
matikers mit eingewirkt haben mag, die, wie sich gleich 
zeigen wird, im Pirck he im ersehen Kreise obwaltete, wird 
sich nicht entscheiden lassen. 

Was hat nun wohl Pirckheimer bewogen, sich an 
die Herausgabe eines neuen Ptolemäus zu machen ? 

Vielleicht aus dem Nachlass des Nürnberger Astronomen 
Walter, wie Günther (nach Doppelmayr) vermutet,^) war 


^) Nordenskjöld S. 20. 

^) Günther, Wil. Pirckh. S. 570 s. o. 


— 22 


ein griechisches Manuskript der Geographie des P t o 1 e • 
maus in Pirckheimers Hände gekommen. Dieser aber hatte 
sich bereits in Italien ein Mass griechischer Sprachkenntnis er- 
worben, wie sich dessen wenige Humanisten rühmen konnten. 
Nun ergab, wie Pirckheimer selbst in der dem Bischof 
Sebastian von Brixen gewidmeten Vorrede zu seiner 
Ausgabe sagt, eine Vergleichung der vorhandenen lateinischen 
Übersetzungen mit dem Urtext eine Unvollkommenheit der 
ersteren in zweifacher Hinsicht : in die bisherigen Über- 
setzungen sei kaum ein Schatten von der Feinheit und Gelehr- 
samkeit des Ptolemäus übergegangen; denn der Floren- 
tiner Jacobus habe zwar vom Griechischen etwas ver- 
standen, sei aber in den mathematischen Disziplinen 
unwissend gewesen ; der zweite ihm (P i r c k h.) bekannte Über- 
setzer (Joh. Werner von Nürnberg), der als Mathema- 
tiker hervorragend sei, habe dagegen bei der Übersetzung 
aus dem Griechischen bisweilen so gefaselt,^) dass er eher 
Dunkel als Licht in den Sinn gebracht habe. Er selbst sei 
überzeugt, dass seine Übersetzung klarer sei und dem Sinne des 
Ptolemäus näherkomme, zumal er meistens der Autorität 
des grössten Mathematikers seiner Zeit, dem Johann von 
Königsberg, gefolgt sei, dessen nur ihfn (Pirckh.) be- 
kannte Berichtigungen (nämlich des Angelo) er seinen 
eigenen Forschungsresultaten angehängt habe. 
Schwierig- Nur aus Liebe zur Wissenschaft habe er, da ihn keine 

Textes^^ Disziplin so freue, wie das Studium der heiligen Schrift und 
der „Mathematik", sich an die Arbeit gemacht trotz der 
sehr grossen Schwierigkeiten; diese bestünden darin, dass 
nicht nur die griechischen, sondern auch die lateinischen 
Abschriften von einander abwichen, besonders in den Zahlen- 
angaben, was kein Wunder sei, da manche griechische 
Ziffern leicht zu verwechseln seien. Solche Fehler gebe es 


^) Eine scharfe Kritik gegenüber einem guten Bekannten! Ein 
absprechendes Urteil über Werner von Pirckheimers Freund Lorenz 
Behaim s. auch: Forschgn. z. Gesch. Bayerns, XIV. Bd., S. 21. Alles 
scheint auf eine momentane Verstimmung zwischen dem sprachkun- 
digeren Pirckheimer und dem sachkundigeren Werner (s. 0.) 
hinzuweisen. 


— 23 — 

überall, im 8. Buch an mehr als 400 Stellen, wo weder die 
Linge des Tages, noch der Abstand vom Meridian von Ale- 
landria, noch der „vertikale Durchgang der Sonne" mit der 
Wahrheit übereinstimme, so dass er oft die Abschriften habe 
ausser acht lassen müssen und seine Zuflucht zu mathema- 
tischen Berechnungen genommen und viel Zeit an der Armillar- 
sphäre zugebracht habe. Er glaube alles so hergestellt zu 
haben, dass die Einzelheiten ebenso zu dem Urtext wie zu 
den mathematischen Berechnungen stimmten. Auch das 
dürfte nicht verschwiegen werden , dass sowohl die grie- 
chischen wie die lateinischen Abschriften, welche ihm zur 
Verfügung standen, manche Abweichungen in der Entfernung 
der Parallele vom Äquinoktialkreis aufwiesen (er meint : Ab- 
weichungen in den Breitenangaben). Er habe immer die 
wahrscheinlichere Zahl gewählt, wobei zu bedenken sei, 
dass die Entfernung der Parallele zu seiner (Pirckheimers) 
Zeit von der grössten Deklination der Sonne, welche auf 
23O 29' geschätzt werde, nicht wenig abweiche gegen diejenige 
zur Zeit des Ptolemäus, welche 23® 50' betragen habe. Das 
müssten die Geographiebeflissenen bedenken, die auch in der 
Anweisung des Ptolemäus (nämlich in dessen Ortstabellen) 
die Orte von Fehlern frei machen möchten, deren Lage in 
der Neuzeit genauer und sorgfältiger festgestellt worden sei. 
Wenn das geschehe, so vertraue er darauf, dass Ptole- 
mäus bald im alten Glänze dastehen werde. 

Nun folgt eine Stelle, die anscheinend zuerst von Norden- Pirck. 
skiö Id, ^) dann aber noch des öfteren die Auslegung erfahren ^^^ 
hat, als hätte Pirckheimer im Sinne gehabt, Karten zu graphie. 
zeichnen, die eine ähnliche Projektion wie die spätere des 
Mercator erhalten sollten. Die Stelle lautet: „Ego quidem 
novas aliquando tabulas edere constitui, meridianis aequidi- 
stantibus, ut Ptolemaeus iubet, et haudquaquam inclinatis, 
quo longitudo recte ex utraque tabulae extremitate, cum 
latitudine, conveniat, conservabitur et certa parallelorum 
ratio, non solum cum meridianis, sed in vera quoque ab 
aequinoctiali distantia, ac quantitate diei, iis locis pro fun- 


^) Nordenskiöld, Facsimile-Atlas S. 22. 


— 24 — 

damento positis, quae nostro edam teinf>ore diligentiori ob- 
servatione sunt rectificata, quura haudquaquam sit obscunim, 
quam non quadret hac nostra aetate, in locis plerisque Da- 
nubianis^ Ptolemaei consideratio . . . ." 

Behält man aber nur im Auge, was Pirck heimer kurz 
vorher betonte, dass sowohl die Langen- als auch die Breiten- 
angaben in den verschiedenen Handschriften ditferierten, 
dass femer die nach dem Abstand von den Wendekreisen 
angegebenen Breiten schon deshalb nicht mehr stimmen 
könnten, weil auch der Wendekreis nicht mehr die gleiche 
Breite wie zur Zeit des Ptolemäus hätte, so scheint uns 
aus dem Wortlaut hervorzugehen, dass Pirckheimer für 
eine Ptolemäusausgabe Karten zeichnen wollte, die einfach 
folgende Bedingungen erfüllten : 

1. Die Meridiane sollten, wie Ptolemäus es verlangte, 
(s. Prolog zum 2. Buch der yecjyQaffixfj vqt]yrfii^), gleichen 
Abstand von einander bewahren, also parallel laufen, so dass 
die Länge mit der Breite „recte conveniat", d. i. rechtwinklig 
zusammenstosse. Pirckheimer will also, um eben eine mög- 
lichst getreue Ptolemäusausgabe herzustellen , zu der 
Plattkarte des Marinus-Ptolemäus zurückkehren, 
deren Zylinderprojektion zuerst von Dom. Nie. Germanus 
verlassen worden war ; dieser hatte nämlich in seinen sonst treu 
nach Ptolemäus gezeichneten Karten eine Kegelprojektion 
mit geradlinigen, konvergierenden Meridianen eingeführt, die 
dann in alle Ptolemäusausgaben (mit Ausnahme der des 
Berlinghieri vom Jahre 1478) übergegangen war. 

2. Gewahrt werden sollte bei seinen Karten auch ein 
zuverlässiges Verhältnis bei den Parallelen nicht nur zu den 
Meridianen (offenbar, insofern sie mit diesen, wie erwähnt, 
rechte Winkel bilden sollten), sondern auch in bezug auf 
ihre wahre Entfernung von dem „Äquinoktialkreis" und aut 
die Tageslänge (die Breite wurde nämlich bei den Ptolemäus- 
karten nicht nur durch Angabe der Gradzahl bezeichnet, 
sondern an dem Rande war auch vielfach in Abständen die 
Dauer des längsten Tages für die jeweilige Breite vermerkt). 
Dabei sollten die neuesten zuverlässigen Ortsbestimmungen 
zur Grundlage genommen werden. 


- 25 — 

Pirckheimer erfüllt eben offenbar vor allem der 
Wunsch, den Pt ol em aus wie im Texte so auch in den 
Karten möglichst in seiner ursprünglichen Ge- 
stalt herauszugeben, wenn er auch dessen offenkundige 
Fehler dabei beseitigen wollte. Für einen Binnenländer wie 
Pirckheimer dürfte auch die Idee einer „Mercatorprojektion", 
die ja auch ihr Erfinder zunächst für Schiffahrtszwecke 
konstruierte, ziemlich in der Ferne gelegen sein, und die 
Anwendung einer derartigen Projektion für ein verhältnis- 
mässig in der Richtung von S. nach N. schmales Landgebiet 
wie etwa die Donauregion, von der Pirckheimer in dem 
betr. Zusammenhang spricht, hätte gar wenig Zweck gehabt. 
— Wie mit den alten Karten — denn nur auf diese können 
sich im wesentlichen seine obigen Auslassungen beziehen — 
scheint Pirckheimer auch mit den modernen Karten, die 
seiner Ptolemäusausgabe beigegeben worden waren, nicht 
recht zufrieden gewesen zu sein. Denn an J. Huttichius, der 
sich als sein beauftragter Korrektor um die Herausgabe des 
Werkes verdient, gemacht hat, schreibt er, er habe seine 
Übersetzung nur deshalb nach Strassburg in Druck gegeben, 
weil er sonst keine Karten gehabt hätte und weil ihn der 
Verlagsbuchhändler Koberger in Nürnberg wiederholt 
dazu gedrängt habe; diese Karten, die, wie schon oben be- 
merkt, die gleichen wie die in der Fries sehen Ausgabe von 
1522 sind, bezeichnet er als „multis in locis ineptas". Auch 
Huttichius und Glareanus stimmen in dieser Kritik 
teilwreise mit Pirckheimer überein. ^) Namentlich der von 
Glareanus ausgespnochene Tadel ist sehr gerechtfertigt, 
während übrigens dieser Ptolemäus- Atlas andererseits auch 
recht gute Karten enthält. Für Pirckheimer aber war ihre 
Beigabe nichts weiter als ein Notbehelf; ihn kann also ihretwegen 
weder Lob noch Tadel treffen. Aus seiner Bemerkung, er habe 
nun den Ptolemäus und Regiomontans „Adnotationes" 
herausgegeben, folgt ja direkt, dass auch die vielfach ungenügen- 
den Länderbeschreibungen nicht von ihm selber herrühren 

^) GoMast S. 315 und S. 313. Heumann S. 225. Oberhaupt war 
Pirckheimer wenig zufrieden mit dem Drucke Grieningers (vgl. Hase, 
Brief buch der Koberger, N. St., Leipzig i88i\ 


— 26 — 

Andere Ar- ß^|^ machte CF sich auch daran, seinen in der Vorrede 

heiraers ZU Seiner Ptoleraäusausgabe ausgesprochenen Vorsatz aus- 

über zuführen. Das beweist ein Brief an BeatusRhenanus,in 

Ptolemäus. 

dem Pirckheimer schreibt : ^) „Ego tabulas tarn novas, quam 
antiquas delineare coepi. Si Deus annuerit, aliquando absolven- 
tur, et denuo Ptolemaeus noster imprimetur." An diesem 
Ziel hielt er mit Zähigkeit fest. An Selbstkritik und freund- 
schaftlicher Kritik hat es ihm dabei nicht gefehlt. Namentlich 
verfolgte Glareanus, wie wir aus mehreren Briefen ent- 
nehmen können, mit grösstem Interesse und mit nicht weniger 
Sachkenntnis die Fortschritte der Arbeit Pirckheimers. 1529 
schrieb er diesem aus Freiburg: 2) „Tuum recens elabora- 
tum expectamus Ptolemaeum, non immemores, quantum 
prioris editio adiuverit multos, quantumvis saevierint in eum 
barbari bibliopolae." Die neue Übersetzung scheint also ziem- 
lich vollendet gewesen zu sein. Unterdessen hatte sich aber 
Pirckheimer sein Ziel noch höher gesteckt. Trotz anderer 
noch zu betrachtenden Arbeiten schritt er nämlich an eine noch 
umfassendere Aufgabe; denn in der an Hermann von 
Neuenahr gerichteten Widmung seiner „Germaniae expli- 
catio'' kündigt er an, dass er in kurzem das erste Buch 
des Ptolemäus sowohl in griechischer wie in latei- 
nischer Sprache herausgeben wolle und die übrigen 
Bücher im Verein mit Karten folgen lassen werde. Allein 
die Genugtuung, dieses Werk, an dem er jahrelang ge- 
arbeitet hatte, vollendet zu sehen, wurde ihm nicht zuteil; 
der Tod riss ihn mitten aus der Arbeit. Leider ist uns von 
seiner letzten Bearbeitung des Ptolemäus ebensowenig wie 
von den dazu entworfenen Karten etwas erhalten ; nament- 
lich das Verschwinden der letzteren ist ein bedauerlicher 
Verlust. 

Die lateinische Übersetzung scheint nach dem Tode 
ihres Verfassers in die Hände Peter Apians, des berühmten 
Ingolstädter Geographen, gekommen zu sein. Denn dieser 
spricht 1531 die Absicht aus, „die CosmographeyP toi emaei 


M Goldast S. 319. 
2) Goldast S. 315. 


— 27 — 

in Kriechischer Sprach, darbei die Newe Translation, die der 
Hochberümbt Biliwaldus Pirckhaimer, jetzt zum andern 
ml transferiert und nach jm verlassen hat, mit einer newen Art 

der Tafeln, so Johannes Küngsperger gebessert hat ",*) 

herauszugeben. Sollte die letztere Mitteilung nicht auf einem 
Irrtum beruhen ? Dass der „Küngsperger" Ptolemäuskarten 
„gebessert" habe, davon ist sonst nichts bekannt. Sicherlich 
hätte es Pirckheimer gewusst und verwertet; nach dem 
Wortlaut der Ankündigung Apians muss man sogar an- 
nehmen, dass diese Karten aus dem Nachlasse Pirckheimers 
stammten. Dann hätte dieser aber jedenfalls die „Küngs- 
perger" sehen Karten in einem seiner Briefe erwähnt. Er 
redet jedoch immer nur von seinen Karten. So darf man 
also wohl annehmen, dass Apian eben die Karten Pirck- 
heimers fälschlich dem Joh. Regiomontanus zuschrieb. — 
Leider hat Apian seine Absicht nicht verwirklicht, und die 
von ihm erwähnten Karten scheinen verschwunden zu sein, 
so dass man darüber ein sicheres Urteil nicht fällen kann. 
Eine griechische Ausgabe des Ptolemäus hat aber 2 Jahre 
nach Pirckheimers Tod Erasmus von Rotterdam be- 
sorgt. Dass jedoch dadurch des Ersteren lateinische Über- 
setzung nicht verdrängt wurde, beweist ihre Benützung noch 
in einer Reihe von lateinischen Ptolemäusausgaben; denn 
sie ist den Ausgaben des Mich. Servet von 1535 und 
1541, sodann der 1562 zu Venedig erschienenen des Mole- 
tius und sogar noch Mercators Ausgabe von 1584 zu 
Grunde gelegt. — Eine solche Wertschätzung hat Pirck- 
heimers Ausgabe aber auch verdient. Wir haben ja schon 
aus seiner Vorrede gesehen, mit welcher Gründlichkeit er 
griechische Texte mit lateinischen Übersetzungen verglich, 
den Text trotz schwerer Lesbarkeit vieler Stellen wieder- 
herzustellen suchte, wo dies nicht ging, zu mathematischen 
Berechnungen griff und schliesslich auch mit gesunder Kritik 
offenbare Irrtümer des Ptolemäus beseitigte. Sein lateinischer 
Text und seine Zahlenangaben bedeuten denn auch einen 
grossen Fortschritt gegenüber den früheren Ausgaben. Unsere 

M Günther, Wil. Pirckh. 


- 28 — 

volle Hochachtung verdient er aber deshalb, weil er nicht 
mtlde wurde, an seinem Werke auch weiterzuarbeiten, es 
durch eine griechische Ausgabe und neu gezeichnete Karten 
zu ergänzen bestrebt war. Sehen wir doch daraus auch, 
dass er, der sich in der Kritik anderen gegenüber öfters 
etwas brüsk zeigte, dieselbe auch gegen sich anzuwenden 
verstand und an die Stelle des erreichten Guten das noch 

Bessere zu setzen suchte. 

Lässt sich Pirckheimers Tätigkeit als Herausgeber der 
„Geographie'' des Ptolemäus mehr unter der Bezeichnung 
„philologisch - geographisch" kennzeichnen, so war er in 
seinem nächsten hier einschlägigen Werk mehr historisch- 
geographisch tätig. Diese Arbeit ist seine „Germaniae ex 
variis scriptoribus perbrevis explicatio", welche 1530 zum 
erstenmal erschien.^) 
Die Be- Es ist dics ein Versuch, die Lage der bei den alten 

Germlnre^s. Schriftstellern erwähnten Ortschaften, Berge und Flüsse fest- 
zustellen, bezw. nachzuweisen, welche modernen geogra- 
phischen Bezeichnungen mit den antiken zu identifizieren 
sind. Einen kurzen derartigen Yorversuch (sozusagen) hatte 
er schon seiner Ptolemäusausgabe beigegeben, ein Zeichen, 
dass der Gedanke der „Explicatio" auf die Beschäftigung 
mit Ptolemäus zurückgeht. In der Tat lag es auch bei der 
Betrachtung der Ptolemäischen Karten und Tabellen nahe, 
zu fragen , inwieweit deren Angaben mit den neuzeitlichen 
geographischen Tatsachen in Einklang zu bringen seien. 
Die Schwierigkeit einer solchen Unternehmung verhehlte 
sichPirckheimer durchaus nicht. Unsere Vorfahren, sagt er 
in der Vorrede, hätten keine einheimischen Schriftsteller ge- 
habt, die Griechen nur Fabeln über Deutschland berichtet 
und die Römer (die auch den Ruhm der Deutschen ver- 
kleinert hätten) sich oft wegen Unkenntnis der deutschen 
Gegenden geirrt, auch solche, welche selbst dort gewesen, 
wie Cäsar, der den Fluss Scalde (Scheide) in die Mosel 


*) Das Werk erschien im gleichen Jahre 1530, offenbar auch mit 
gleichem Satz gedruckt, in Nürnberg bei Joh. Petreius und in Augsburg 
bei H. Stainer. Später noch öfter. 


- 29 — 

inden, und Strabo., der die Lippe, Weser und Ems zu- 
«nfliessen lasse. Ausserdem seien die Namen der 
lölkerschaften, Ortscliaften, Städte etc. wegen der Schwierig- 
keit der AusspiracYie verdorben und verdreht worden, und 
schliesslich sei alles durch die Wanderungen der Germanen 
in Verwirrung geraten, so dass man öfters nur Vermutungen 
aussprechen, statt etwas Sicheres behaupten könne. In der 
schon oben zum teil angeführten Widmung aber lässt der 
Verfasser erkiennen, dass es vor allem die Liebe zum deutschen 
\ Land, und Volk war, welche ihn zu seinen historisch-geo- 
graphischen Untersuchungen antrieb. „Quid enim absurdius", 
ruft er , ,,q>iam Germanos orbem describere Universum, 
patriam tarnen Interim propriam nequaquam ex oblivionis 
vindicare barathro ?" Und was versteht er unter Ger- 
manien! Ein G r o s s germanien ist seine patria, das er nach 
Osten über die Weichsel und den Don ausdehnt, da alle 
diese Gebiete die Germanen einmal besessen und freiwillig 
aufgegeben hätten , um sich schönere Länder zu erobern I 
Und mit Peutinger stimmt Pirckheimer ganz insofern 
überein, als auch er, „im Gegensatz zu einigen Schrift- 
stellern'*, den Rhein nicht als Grenze betrachten will (s. Eiiil. 
der „Expl."), da auch schon die Römer das linke Rheinufer 
als deutsch bezeichneten. 

Andererseits rechnet er aber auch die Gebiete südlich 
der Donau zu Germanien, obwohl das die Römer nicht 
taten. Kurz, er zieht eben alle Gebiete in den Kreis seiner 
Betrachtung, welche ehemals den „Deutschen" gehört hatten 
oder zu seiner Zeit noch in ihrem Besitz waren. Und wie 
er die Grenzen des den Deutschen eigentlich gebührenden 
Gebietes nicht weit genug ziehen kann, so ist er auch über- 
zeugt, dass überhaupt kein anderes Volk dem Deutschen 
gleichkomme; und um ihren Ruhm stünde es ganz anders, 
wenn sie nur eigene Geschichtsschreiber gehabt hätten (s. Wid- 
mung der „Expl.")- 

Das Ziel, das sich nun Pirckheimer in seiner „Expli- 
catio" gesteckt hatte, war nicht leicht zu erreichen. Ein- 
gehendere Vorarbeiten waren nicht vorhanden. Peutinger 
hatte sich auf die Festlegung der deutschen Westgrenzen 


— 30 — 

beschränkt und dabei ebenso wie Celtis, Irenicus, Beatus 
Rhenarrus sozusagen nur im Vorübergehen solche Identifi- 
zierungsversuche, wie siePirckheimer beabsichtigte, unter- 
nommen; nur A venu in hatte, ^) allerdings auch nur für 
Bayern, vorbildliche und vonPirckheimer. auch dann be- 
nützte Zusammenstellungen von antiken und den entsprechen- 
den modernen Ortsnamen herausgegeben. Pirckheimer aber 
stellte planmässig umfassende Untersuchungen an und 
schuf damit die erste „historische Geographie'' 
Deutschlands, 
pirck- Ajg Quellen benützt er Caesar , Tacitus, Pomponius 

thode der Mcla, PUuius, Procopius, Solinus, Strabo und (last not 
idcntifizie- least) Ptolemaeus- Dabei geht er mit anerkennenswerter Vor- 
sicht bei seinen Feststellungen vor. Das zeigt sich besonders bei 
der Identifizierung der alten Ortsnamen mit den entsprechen- 
den der Neuzeit. Gewissenhaft fügt er nämlich bei seinen 
meisten Erklärungen ein „certissimum", „certum" oder „con- 
jectura'' bei, je nachdem er seine Resultate als mehr oder 
weniger sicher annehmen konnte. Und dass man seinem 
„certum" auch ein weitgehendes Vertrauen schenken kann, 
ergibt sich daraus, dass von seinen ca. 75 Ortserklärungen, 
denen diese Bemerkung beigefügt ist, nur etwa der sechste 
Teil nicht mit den neueren Forschungsergebnissen überein- 
stimmt. Und auch seine übrigen Resultate weisen immerhin 
noch eine hübsche Anzahl Treffer auf. Bei einer Anzahl 
von Städten war es allerdings nicht schwierig, die Identität 
der alten und neuen Bezeichnungen nachzuweisen, wenn 


*) Aventin hatte nämlich seiner in Nürnberg 1523 erschienenen 
Karte von Bayern Bemerkungen beigegeben, in welchen er, wie später 
Pirckheimer in erweitertem Mass, die Identität alter Orte mit neuen 
festzustellen sucht. Bei einem Teil gibt er eigens an, dass er „die 
nachvolgend flegken aus den alten stainen und brieven und dergleichen 
antiquiteten in seinen umbreiten erforst". Es sind das also Original- 
erklärungen von Aventin. Den grössten Teil hat Pirckheimer über- 
nommen, allerdings nicht blindlings; denn er erklärt z. B. Augusta 
Vindelicorum richtig als Augsburg, während Aventin es in der Gegend 
von Schäftlarn und Wolfratshausen sucht. — Zu Celtis vgl. Th. Geiger, 
Conrad Celtis in seinen Beziehungen zur Geographie, Münch. Geogr. 
Studien, 2. Stück (1896). 


~ 31 - 

nämlich die Orte ihre Geschichte lückenlos auf alte Römer- 
städte zurückführen konnten. In anderen Fällen musste sich 
Pirckheimer eben durch Kombination helfen. Dabei verfuhr 
er in verschiedener Weise. Wusste er die ungefähre Lage 
einer antiken Ortschaft, so suchte er in der betreffenden 
Gegend nach einem Orte, in dessen neuzeitlicher Bezeichnung 
vielleicht noch Reste der alten zu erkennen waren, (z. B. 
Campodunum = Kempten, Matreio == Matran [Matrey], 
Parthanum = Partenkirchen). Oder er ersah aus den alten 
Schriftstellern, dass ein Ort an der Vereinigung zweier Flüsse 
gelegen war; dann konnte er leicht die entsprechenden 
modernen Orte einsetzen (z. B. Bojodurum = Passau [eigent- 
lich die Innstadt]). Oder hatte er Kunde davon, dass in der 
Nähe eines Ortes noch Ruinen zu finden seien, so diente 
ihm auch diese Kenntnis als Anhaltspunkt (z. B. „Artobriga 
iam Veitenburg, monasterium supra Ratisponam. Certissimum 
ex magnis aedificiorum ruinis"). Man sieht, bessere Me- 
thoden können wir auch heutzutage im allgemeinen nicht 
anwenden. 

Was die Anordnung seines Stoffes betrifft, so geht 
Pirckheimer in dem i. Kapitel, das über Land- und Ort- 
schaften handelt, in praktischer Weise von den Gebieten 
südlich der Donau und westlich des Rheines aus und ver- 
folgt dann streifenweise die Gebiete östlich und nördlich 
dieser Ströme bis hinein nach Russland und hinauf nach 
Lappland. Bei den einzelnen Gebietsteilen (Rhaetien etc.) 
gibt er zunächst die Grenzen an, und dann benennt er meist 
die alten und die jetzt dort wohnenden Völkerschaften. 
Hierauf wendet er sich der Erklärung der Orte selbst zu, 
indem er in zwei Reihen die antiken und modernen Orts- 
bezeichnungen einander gegenüberstellt. So erhält der erste 
Teil seines Werkes die Form . eines Lexikons. Bei Rhätien 
z. B. beginnt er: 

Juxta Rhenum et non longe ab illius fontibus: 
Curia Cur certum 

Bregetium Bregnitz certum 
Abusiacum. Püssen certum 

etc. 


_ 32 — 

Die Liste seiner Ortschaften ist nahezu vollzählig; 
selten, dass er einen bedeutenderen Ort, wie z. B. Noreja, 
auslässt. 

Den grössten Raum in seinem historisch-geographischen 
Lexikon nehmen natürlich die Ortschaften auf dem rechten 
Donau- und linken Rheinufer ein. Auf dem rechten Rhein- 
ufer muss er sich auf die Anführung der Namen der alt- 
germanischen Stämme und die Festsetzung von deren Wohn- 
sitzen beschränken; zur Ausfüllung führt er aber auch ein- 
fach, wo keine Ortlichkeiten aus dem Altertum zu nennen 
sind, moderne an, öfters mit kurzen Bemerkungen über deren 
Bedeutung. Überhaupt geht er in diesem Teil mehr von der 
trockenen Gegenüberstellung der alten und neuen Orts- 
bezeichnungen ab, berichtet über den Wert ganzer Land- 
schaften, (z. B. von den Eisengruben im Böhmerwald), er- 
wähnt, den Ptolemäus berichtigend, dass Schweden nicht 
überall vom Meer umflossen sei, und flicht sogar Längen* 
und Breitenangaben von Bergen, Stockholm u. a. Städten 
ein. Vollends einen kleinen geographisch - ethnographisch- 
historischen Essay bildet aber der Abschnitt über das „sar- 
matische Europa", dessen Gebiet mit dem heutigen Euro- 
päischen Russland so ziemlich zusammenfällt. Dieses bildete 
für das Westeuropa zur Zeit der Entdeckung Amerikas fast 
nicht weniger eine terra incognita als der neu entdeckte 
Erdteil. Pirckheimer aber zeigt sich auf grund von Länder- 
beschreibungen, brieflichen Mitteilungen und vielleicht auch 
von Karten bereits recht gut über die dortigen politischen, 
ethnographischen und oro- und hydographischen Verhältnisse 
unterrichtet (s. u. !)^) 


*) Erst durch die Gesandtschaften, die Friedrich III. i486 und 1489, 
Maximilian I. 1490 und 92 und der Herzog Sigismund v. Tirol (dessen 
Rat Pirckheimers Vater war!) nach „Moskovien" sendeten, dann durch 
die 1517 erschienene Schrift des Polen Miechow (auf die Pirckh. von 
Adelmann v. Adelmannsfelden (Heumann S. 165) verwiesen wird), kam 
etwas Licht in die Länderkunde dieses Gebietes. Eob. Hessus machte 
Pirckh. auf 2 Karten „Sarmatiens und Skythiens", die in Krakau er- 
schienen waren, aufmerksam (Heum. S. 119), und auch Ulrich v. Hütten 
korrespondierte mit Pirckh. über Osteuropa. Dieser hatte seine Kennt- 


— 33 — 

Eine kurze geschichtsphilosophische Betrachtung Ober 
das Wachsen, Blühen nnd Vergehen der Völker beschliesst 
dann diesen Teil der „Explicatio'*. 

Ihr zweiter Teil ist überschrieben: Deutsche 

-, Gebirge und 

Montes et sylvae in Germania. nasse bei 

Seine Anordnung ist teilweise sprunghaft. Nachdem '^'^^^' 
Pirckheimer die Bemerkung vorausschickt, dass Ptole- 
maeu s von den Gebirgen an die erste Stelle das „Sarmatische" 
stelle, welches jetzt Ungarn, Polen und Deutschland trenne 
und Cremnitz und Semnitz (I !) genannt werde , beginnt er 
mit dem Gebirge am Ursprünge der Donau, das zum teil 
aus dem Schwarzwald bestehe. Der Bregenzer Wald reiche 
bis zu den Alpen. Den „Abnobi montes*' räumt er eine zu 
grosse Fläche ein, indem er sie für einen grossen Teil der 
rechtsrheinischen deutschen Mittelgebirge bis nach Westfalen 
hinein erklärt, während offenbar darunter nur der Schwarzwald 
zu verstehen ist. Die „Sudetae*'*) sind für Pirckheimer 
die Fränkische Schweiz imd das Vogtländische Gebiet. Auch 
über die „Gabreta sylva'* ist er sich wenig klar; denn 
während er dieses Waldgebirge zuerst als „Böhmerwald" 
bezeichnet, der Böhmen überall umschliesse, nennt er es 
wenige Zeilen danach als Teil des Böhmerwaldes; und das 
Letztere sagt er auch von der „Luna sylva'*, die sich nach 
Süden bis zur Donau erstrecke und also entweder mit dem 
Bayerischen Wald oder mit unserem Böhmerwald iden- 
tisch sein müsste. So weiss Pirckheimer schliesslich auch 
mit dem „Herzynischen Wald*', der zwischen den Sarmatischen 
Bergen seinen Anfang nehme, (allerdings recht verzeihlicher 
Weise) wenig anzufangen. Hierauf wendet er sich den 
Alpen zu, soweit er sie zu Deutschland rechnet, und sucht. 


nisse von S. v. Herberstein, dem kaiserlichen Gesandten am moskovi- 
tischen Hofe . (Günther, „der Humanismus ..." S. 88, Anm.); mit dessen 
„Rerum Moscovitarum Commentarii", die übrigens erst 1549 erschienen, 
beginnt nach Peschel (S. 316) erst „die neuere Länderkunde vom mos- 
kovitischen Reich!" 

*) Unsere heutigen Sudeten führen nach Kiepert, Lehrb. d. alten 
Gcogr. S. 535 mit Unrecht ihren Namen; dieser gebührte dem Erz- 
gebirge. ' 

Weyrauch er, Peutinger und Pirckheimer. 3 


— 34 — 

teilweise auch richtig, einzekie Teile derselben zu erklären. 
Dann betrachtet er die rechtsriieinischen Gebirge wie von 
einer höheren Warte aus und bringt eine in der Tat recht 
zutreffende Charakterisierung ihres Laufes, indem er schreibt : 
„Übrigens muss man auch das wissen, dass Deutschlands 
„Gebirge und Wälder", obwohl sie mit verschiedenen Namen 
belegt werden, doch alle von den Alpen ihren Anfang 
nehmen, später immer wie in ununterbrochenem Zug hierin 
und dorthin auseinander laufen, sich in sich selbst wieder 
zurückbeugen und grossenteils an dem böhmischen Gebirgs- 
land und „jenem Walde" zusammenlaufen". Mit letzterem 
denkt er offenbar an den Gebirgsknotenpunkt des Fichtel- 
gebirges, das er hier übrigens nicht mit Namen nennt. 

Nach den rechts rheinischen Gebirgen behandelt P i r c k - 
he im er diejenigen links des Stromes. 

Der Jura, der bis zu den AUobrogem (!) reiche, um- 
fasst nach ihm die Schweizer Alpen ^) (!). Die Vogesen 
erstreckten sich bis zum Hunsrück (nach ihm Hunorum (1) 
tergum; in Wirklichkeit „hoher Rücken") und durch Loth- 
ringen. Die Ardennen hätten sich einst weit ausgebreitet, 
heutzutage existiere nur noch ein Teil davon, die Eifel (I). 
Schliesslich macht er einen Sprung wieder nach „Sarmatien" 
zurück und betont, dass die Riphei et Hyperborei 
Montes weder im europäischen noch asiatischen 
Sarmatien existierten, da dort alles eben sei, ausser 
am Eismeer, wo sich mittelmässige Hügel erhöben. 

Er weiss auch, was er in den drei Kapiteln seiner 
Schrift betont, dass die grössten russischen Ströme, wie 
Wolga und Düna, aus ebenen, sumpfigen Wäldern, 
aber keineswegs aus Bergen entspringen, wie er sich, die 
Niedrigkeit der grossen osteuropäischen Wasserscheide stark 
betonend, ausdrückt. Und einen solchen Nachdruck legt er 
nicht umsonst auf diese physikalisch-geographische Tatsache. 
War es doch eine allgemeine Anschauung, dass grosse Flüsse 
nur in hohen Gebirgen ihren Ursprung nehmen könnten ! 


*) Im „Schweizerkrieg" spricht P. dagegen von den „Jurassum 
montem adhaerentes Alpes." 


— 35 - 

Das 3. Kapitel der „Germaniae explicatio" handelt von den 
Flassen „Germaniens", 

Gegen den Schluss dieser Abteilung bemerkt P i r c k - 
heimer, dass man für N i e d e r deutschland ganz gut die 
Idaitität der alten Flussbezeichnungen mit modernen fest- 
stellen könjae, nicht aber in Ob er deutschland, da hier kein 
FIuss von den antiken Schriftstellern überliefert werde ausser 
der Donau, dem Main und dem Inn. 

Demgemäss bildet dieser Teil seiner Untersuchung meist 
weniger eine Gegenüberstellung von alten und neuen geo- 
graphischen Namen als einfach eine öfters mit historischen 
Reminiszenzen^) gemischte hydrographische Übersicht. Und 
da bei vielen Flüssen keine antike Bezeichnung vorhanden 
ist, hilft sichPirckheimer meist durch eine manchmal ziem- 
lich willkürliche Latinisierung der modernen Benennimgen.*) 

Die Flüsse zuerst im ganzen überblickend, sagt er : „Es 
gibt deren in Deutschland gar viele ; teilweise münden sie in 
den Rhein, die Donau, die Elbe und die Weichsel; einige 
aber fliessen in den Deutschen Ozean, ohne Zuwachs durch 
andere Flüsse zu erhalten. Die Etsch aber fliesst, obwohl 
sie in den Alpen und in Deutschland entspringt, in das 
Adriatische Meer". 

Mit der Anführung dieser Flüsse hat er also ganz zu- 
treffend die Hauptquellgebiete und Gefällrichtungen des 
deutschen Flussnetzes, wenn auch mehr indirekt, gekenn- 
zeichnet. 

Zunächst behandelt er dann den Rhein mit seinen 

Nebenflüssen,^) von deren Grösse und Bedeutung er freilich 

nicht immer eine zutreffende Vorstellung hat (so nennt er 

z. B. die Nahe „amnis insignis"). Dann befasst er sich mit 

I den Nebenflüssen der Donau, bei denen er richtig den 


] 

' *) So gedenkt er z. B. des Versuches Karls d. Gn, Regnitz und 

* AJtmühl durch einen Kanal zu verbinden. 

. «) Die Altmühl nennt er z. B. Almo und Almonus, jedenfalls in 

■ Anlehnung an den ital. Fluss Almo. 

[ ») Sonderbarer Weise rechnet er, der Franke, auch die Tauber 

zu den Nebenflüssen des Rheines. 

3* 


- 36 - 

Wasserreichtum und das rasche Gefälle hervorhebt (Isar 
und Lech nennt er rapidus et ingens, den Irin aber maximus, 
dessen tatsächliche Oberl^enheit über die beiden anderen 
* bezeichnend, ac rapidissimus). Dabei laufen hie und da auch 
Irrtümer mit unter ; so lässt er die Isar bei Vilshofen münden 
und hält March und Morawa (= Raab) sowie Aluta und Sereth 
ftir die gleichen Flüsse, über die Flüsse, die sich def Nord- 
küste Deutschlands zuwenden, ist er im ganzen gut unter- 
richtet; doch mündet nach ihm auch die Spree in das Meer 
und die Narwa fast 200 km östlich von ihrem wahren Mün- 
dungsorte. Von den Strömen schliesslich, die in das Schwarze 
Meer münden, führt er den Tiras („Nester*), den Bori- 
sthenes („Neper**) und den Tanais (Don) an. Auch den in das 
Kaspische Meer fliessenden Rha (Wolga) vergisst er nicht 
und beschreibt ihn richtig nach Quellen, Lauf- und Mün- 
dungsart. 
Gcogia- Mit einer zusammenhanglos angefügten Bemerkung 

kurse üi der ^^^^ ^^ Herkunft des Namens seiner Vaterstadt, den er von 
»Germania-. Norica herleitet, schliesst er sein von Fehlem mancherlei 
Art nicht freies, aber auch von gründlichem Fleiss und um- 
fassendem Wissen zeugendes Werk, soweit es die „Germania" 
des Verfassers betrifft. Pirckheimer hat aber seinem 
Büchlein über Deutschland noch einen Anhang beigegeben, 
in dem er ähnlich wie im i. Kaj)itel seiner „Germaniae ex- 
plicatio" in Tabellenform antike und moderne Ortsbezeich- 
nungen gegenüberstellt, und zwar Namen von Orten, die 
sich namentlich über die zum ehemaligen Römischen Reich 
gehörigen Gebiete Europas, sodann über Nordafrikä und 
Indien verteilen. 

Vielleicht hatte Pirckheimer im Sinne, diese Liste noch 
zu vervollkommnen — , wie er ja auch seine erste Liste 
deutscher Orte nach und nach zu seiner „(jermaniae ex- 
plicatio" ausgestaltet hatte — , und eine „explicatio orbis 
terrarum" daraus zu machen. 

Der Schluss dieser verhältnismässig kurzen Tabelle 


lautet : 


Aurea Chersonesus = Malaqua 
Sinae = Schin, 


~ 37 — 

Postea est Regnum de Cuschi et Zampa, deinde 

Cathaio. 

Er wendet also in dieser Liste seine Aufmerksamkeit 
auch denjenigen Gebieten zu, die durch die Entdeckungen 
namentlich der Portugiesen und Spanier mehr wie jemals in 
den Gesichtskreis der Europäer gerückt wurden. 

Und wiePeutinger einst in seinen „Sermones conv." 
untersucht hatte, ob denn nicht schon die Alten etwas von dem 
Seewege um Afrika gewusst hätten, so führt Pirckheimer in 
einem zweiten Anhang zwei Stellen aus Aristoteles an, wo- 
nach Seefahrer aus Gades und Karthago bereits Inselgruppen 
westlich von Afrika entdeckt hätten, deren eine Pirckheimer 
mit der Madeiragruppe identifiziert. Schliesslich teilt er 
auch noch einige Längen- und Breitenbestimmungen von 
Hispana (Hispagnola jedenfalls), Sta. Martha und Darien 
mit, „von welchem aus sich in sehr langem Zuge auch Mexiko 
mit der Insel (!) Yukatan und anderen jüngst entdeckten 
Inseln erstrecke''. Hier ist der Einfluss Schoeners, des Ver- 
fassers der Schrift „De nuper repertis insulis" unverkennbar. 

Die Anfügung solcher nur in lockerem oder gar keinem 
Zusammenhange mit dem eigentlichen Stoffe stehenden Be- 
merkungen beweist uns aber nicht etwa eine gewisse Auf- 
dringlichkeit des Verfassers, sein Wissen an den Mann zu 
bringen, sondern vielmehr nur, wie gerne man offenbar damals 
auch solche kleine wissenschaftlichen Mitteilungen überhaupt 
entgegennahm. Umsomehr fand natürlich ein immerhin gut 
durchgearbeitetes Werk wie die „Germaniae explicatio" bei 
den Zeitgenossen Anklang. So schrieb z. B. JuliusPflug aus 
Augsburg (Goldast S* 242) nach dem Empfang des Buches 
an den Verfasser : „Ex topographia . • . magnum cepi fruc- 
tum . , . . quod me domum quodam modo duceret. Nunc 
te duce quibus in locis sim, video, Magnam, crede, lucem 
mtulisti Tacito . . ." Man sieht, Pirckheimer hat gelehrten 
Männern seiner Zeit mit dem eben besprochenen Werke 
genug getan, und auch wir können nicht anstehen, es als 

■ 

^me sehr tüchtige Arbeit zu bezeichnen. Geograph. 

Nächst dieser „Historischen Geographie" hat Pirck-^^*""^"**"'" 

heim er nur noch ein Werk geschaffen, das hier einige Beach- siutcnsc". 


- 38 - 

tung verdient; es ist sein „Bellum Suitense sive Helveticum", eine 
Geschichte des Krieges, den Maximilian 1499 gegen die 
Schweizer geführt und an welchem Pirckheimer als Be- 
fehlshaber des Nürnberger Kontingentes teilgenommen hatte. 
Auch die vorausgegangene Geschichte der Schweizer be- 
handelt das Werk im i. Buch. Ist so die historische Basis 
der Kriegsgeschichte eine breite und gründliche, so kann 
man das Vorhandensein einer solchen in geographischer 
Hinsicht leider nicht konstatieren, obwohl etwa der „Gal- 
lische Krieg" C ä s a r s auch in dieser Beziehung für Pirck- 
heimer hätte vorbildlich sein können. Pirckheimer freilich 
zeigt in seiner Schrift überall eine grosse Vertrautheit mit 
der Länderkunde der Schweiz, die er abgesehen von dem 
Kriegsjahr schon in der Jugend 1481 und 1487 und später auch 
als reifer Mann (1519) kennen gelernt hatte. Aber er bringt 
nirgends eine Übersicht über die geographischen Verhält- 
nisse des Landes, die dazu bestimmt wäre, den Leser in 
diese einzuführen. An Einzelheiten, die in die geographische 
Disziplin einschlagen, liesse sich allerdings eine ziemlich 
grosse Auslese auch aus dem Geschichtswerke zusammen- 
stellen. 

So werden nicht nur eine Menge Ortschaften, Flüsse, 
Berge etc. angeführt, sondern einzelne davon auch charakte- 
risiert, wie es z. B. kurz und gut bei der Maiser Ebene ge- 
schieht. Eine lebendige Vorstellung kann der Leser auch 
von der Wildheit der Hochgebirgsnatur und der Schwierig- 
keit von Truppenbewegungen in solchem Gelände bekommen 
(S 82); er hört ferner von dem die höchsten Gipfel be- 
deckenden ewigen Schnee (S. 83), von den Hunderte von 
Soldaten fortreissenden Lawinen und deren Entstehung 
(S. 84) und erfährt, dass das Bodenseeufer teilweise von 
sumpfigen Flächen gebildet wird, die nur zur Zeit der 
Schneeschmelze überflutet werden, sowie von einer überaus 
raschen Änderung des Rheinwasserstandes infolge plötzlicher 
Schneewasserzufuhr etc. Namentlich gewinnen die Gegenden, 
die Pirckheimer selbst durchzog, wie die Vorfälle, die er als 
Augenzeuge schildert, Form und Farbe. — Des weiteren ist 
auch die Behandlung der geographischen Namen durch Pirck- 


~ 39 — 

heimer — und da unterscheidet er sich nicht von Peu tinger 
und anderen Humanisten — aus sdnem „Schweizerkrieg" 
an drastischen Beispielen zu erkennen (s. auch oben I). In 
der Regel werden, entsprechend der lateinischen Sprache, in 
der das Werk geschrieben ist, auch die geographischen 
Namen latinisiert, meist nur durch Anhängung lateinischer 
Endungen (z. B. Neuburgum) oder durch oft nur partielle 
Umwandlung des Wortes (z. B. Neoburgum, Brisgoienses 
neben Brisgevensens) ; neben den latinisierten kommen aber 
auch die deutschen Bezeichnungen vor (Lauffenberg neben 
Laufenbergum) ; wo endlich die Orte etc. bereits im Alter- 
tum existierten, wird der antike Name angeführt, ja die Vor- 
liebe dafür geht so weit, dass schon längst erloschene 
Völkemamen zur Bezeichnung von Gegenden angewendet 
werden (so schreibt Pirck heimer wie ein Li vi us redivivus: 
„Ad Lingones usque, quos nunc Burgundos vocamus oder ex 
Tricasinis et Allobrogibus , quos nunc Sabaudienses vocant," 
wo man doch erwarten sollte, er schriebe : ex Sabaudiensibus, 
quos olim Tric. et AUobr. vocabant). Doch gebraucht er 
auch wieder moderne (allerdings latinisierte) Völkernamen 
neben den antiken. So schreibt er sowohl Suitenses als 
Helvetii, obwohl er selbst (s. o.!) die Helvetier als Gallier, 
die heutigen Schweizer aber als Deutsche bezeichnet. 

Dagegen hält er ganz richtig die Erzählung, die 
Schweizer stammten von den Schweden ab, für eine Fabel. 
Eine gar nicht bedeutende Ähnlichkeit der Namen hatte eben 
offenbar genügt, eine solche Fabelei zu erdichten. Anderer- 
seits verfällt Pirckheimer, der übrigens nicht aus sprach- 
lichen, sondern aus Vernunftgründen diese Fabel verwarf, 
selbst in den gleichen Fehler, wenn er von den Scyren die 
Stirii (Steierer) und von den Turcilingi die Thüringer ab- 
stammen lässt (Germ. expl. S. 105). Man war eben doch 
noch zu wenig mit den Gesetzen der Lautumbildungen be- 
kannt, als dass man solche philologische Unmöglichkeiten 
hätte einsehen können. 

Damit wären die geographischen oder doch geographi- Geograph. 
sehe Fragen berührenden Werke Pirckheimers behandelt, ^*p"rck^^^^ 
soweit sie gedruckt sind. Die Nürnberger Stadtbibliothek heimers. 


Astrono- 
mische 


- 40 — 

enthält aber (nach Günther, Der Humanismus in seinem Ein- 
flüsse auf die Entwicklung der Erdkunde; Geographische Zeit 
Schrift 6, Jahrgang S. 81, Anmerkung 2) „noch handschrift- 
liche Reliquien, darunter besonders eine bemerkenswerte 
„Corographia Historialis Aegipti", teilweise nach Orosius, 
teilweise auch zweifellos nach neueren Reiseberichten ge- 
arbeitet" (das wäre also der Behandlung nach etwas Ahn- 
liches wie Pirckheimer s Bericht über Russland in der „Germ, 
expl.") und ein „der Beachtung besonders wertes Manu- 
skript (Prodi Diadochi sphera Bilibaldo Pirckhey- 
mero interprete)". 

Dass Pirckheimer und zwar in Verbindung mit A. 
Studien. Dürer selbst Armillarsphären entwarf, geht aus Briefen des J o h. 
Tscherte aus Wien hervor (Heumann S. 278 ff.). Und dass 
er mit astronomischen Instrumenten oft bis tief in die Nacht 
hinein den Lauf der Gestirne verfolgte, ergibt sich aus dem 
Widmungsschreiben an Adelmann von Adelmannsfelden, 
das er seiner launigen Schrift „Laus Podagrae" vor- 
setzte (Goldast S. 233); freilich war er auch, in Gegensatz 
zuPeutinger, der Astrologie nicht abhold und glaubte aus 
der Beobachtung des Sternenlaufes Wetter und Schicksal 
prophezeien zu können, wie so mancher andere hochstrebende 
Geist seiner Zeit. 

Pirckheimer SchUessUch ist auch Pirckheimer in Beziehung zur 

höhere* „S c h u Ige ogr ap h ic" getreten; denn „der nachweislich 
Schule, erste Versuch, der Geographie als anerkanntem und offi- 
ziellem Lehrgegenstande Eingang in die Mittelschule zu ver- 
schaffen, ist untrennbar mit dem Namen Pirc kheim er s ver- 
knüpft".^) Zwar wirkte Pirckheimer nicht etwa selbst als 
Lehrer dieses Faches, aber er scheint dem Joh. Cochlaeuszu 
dem Rektorat der St. Lorenz-Schule in Nürnberg verholfen 
zu haben und hat diesen tüchtigen Pädagogen und Geo- 
graphen auch bei der Abfassung einer Art geographischer 
Lehrbücher, nämlich der Bearbeitungen der Länderkunde des 
Pomponius Mela und der Aristotelischen „Meteorologie" 


n Günther, Wil. Pirckh S. 570 (s. o.!) 


— 41 — 

mit seinem Rate unterstützt , als er in seiner Schule den 
Geographieunterricht einführte. 

Damit wäre auch der Versuch beendigt, die Bezie- 
Imngen Pirckheimers zur Geographie zu charakterisieren. 
Fast das ganze letzte Jahrzehnt seines Lebens hatte 
er einen grossen Teil seiner geistigen Kraft auf das Studium 
der Erdkunde verwendet, bis der Tod seiner Tätigkeit ein 
Ende machte (1530). 

Fast in der gleichen Zeit hatte auch Peutinger sein 
schriftstellerisches Wirken abgeschlossen , soweit es hier zu 
betrachten ist. Der Zufall hat es gefügt, dass auch ihren 
zeitlichen Abschluss die geographische Tätigkeit der beiden 
Humanisten gemeinsam hatte, deren Beziehungen zur Geo- 
graphie sich einerseits in einer Reihe von Punkten berühren 
und andererseits sich so ergänzen, dass sie sich ungezwungen 
in einem Rahmen vereinigen lassen. 

Denn — um ihr geographisches Wirken noch ein- Analogien 
mal im Zusammenhalt zu überblicken — beide standen '''JJ^^^^^["' 
in engem Verkehr mit einer Reihe von anderen Humanisten, tung der 
k als Geographen von Bedeutung waren, und förderten ^^^^^j""' 
mit Rat und Tat deren Unternehmungen (z. B. Irenicus und 
ßeatus Rhenanus). Beide sammelten und veröffentlichten 
alte Quellenschriften geographischen oder doch geographische 
Fragen berührenden Inhaltes. Beide verfolgten aufmerksam 
die zeitgenössischen Entdeckungen, wobei Peutinger selbst 
Reiseberichte erwarb und teilweise ins Deutsche übersetzte, 
während Pirckheimer wenigstens sowohl den) Über- 
I Setzer der „Paesi novamente retrovati" als auch dem als 
I Globenverfertiger und Länderbeschreiber für die Entdeckungs- 
geschichte so wichtigen J. ^choener nahe stand. Beide 
' warfen ferner die Fragen auf: „Was haben die Alten bereits 
von diesen jetzt als neu geltenden Entdeckungen schon ge- 
^iisst?*' und durchforschten als Historiographen die Schriften 
I ^er antiken Autoren , um diese Fragen zu lösen sowie um 
I Oberhaupt die geographischen Kenntnisse und Verhältnisse 
fc Altertums (teilweise auch späterer Zeiten) in vergleichen- 
dem Hinblick auf diejenigen ihrer Zeit festzustellen. Im 
^ erlauf von solchen Untersuchungen behandeln sie aber 


- 42 — 

nicht nur Fragen der politischen und physikalischen Länder- 
kunde , sondern kommen auch gerne auf ethnographische 
Themen zu sprechen, vor allem jedoch richten sie dabei 
ihr Hauptaugenmerk auf ihr eigenes Vaterland, und zwar 
ausgesprochenermassen aus Vaterlandsliebe und in der Ab- 
sicht, Vaterlandsliebe und nationales Bewusstsein zu fördern 
und den nationalen Besitz behaupten zu helfen. Damit 
nicht genug: beide traten auch der Kartographie näher. 
Zwar sind beide nicht zu einem abgeschlossenen Schaffen 
auf diesem Gebiete gekommen, dessen Resultate prüfbar vor 
unseren Augen lägen; Peutinger erwarb sich aber doch 
neben Celtis ein zweifelloses Verdienst um die Rettung der 
nach ihm benannten römischen Itinerarkarte, und von Pir ck- 
heimer wissen wir auch sicher, dass er nach wissenschaft- 
lichen Prinzipien sich mit der Wiederherstellung und Verbesse- 
rung der alten Ptolemäuskarten und mit der Zeichnung mo- 
derner Karten und Herstellung von Sphären befasste. Dass beide 
auch endlich der Astronomie nicht fremd gegenüber standen 
und Pirckheimer auch der Geographie als Lehrgegenstand 
seine Aufmerksamkeit widmete, ist ebenfalls erwähnt worden. 
Auch in der Art und Weise, wie Pirckheimer und 
Peutinger ihren Stoff wählten und behandelten, gleichen sie 
sich ; der Historiker und Philologe spielt in ihren Unter- 
suchungen eine grosse Rolle. Rein länderkundliche Be- 
schreibungen für sich haben beide nicht geliefert, sondern 
immer nur im Zusammenhange mit geschichtlichen Studien; 
immerhin löst Pirckheimer wenigstens hie und da auf kurze 
Abschnitte diese Verquickung von Geschichte und Geogra- 
phie, In die alten geographischen Schriftsteller haben sich 
beide in einer Weise hineingelesen, dass sie sich ganz deren 
Wortschatz an geographischen Bezeichnungen angeeignet 
haben und mit denselben auch an nach unseren Begriffen 
wenig dazu geeigneten Stellen operieren. Ihre Belesenheit 
verleitet sie aber auch oft zu abschweifenden Einstreuungen 
in ihre Untersuchungen, denen es überhaupt recht oft an 
Konsequenz der Methode und auch hie und da an gleich- 
massiger Durcharbeitung fehlt. Einen gewissen Mangel 
an Kritik verraten sie ferner, wie das nun einmal die Sig- 


— 43 — 

natur des Zeitalters ist, gegenüber den antiken Autoren; 
(fiese erwacht fast nur in ihnen, wenn es sich um Verhält- 
nisse des deutschen Volkes und Landes handelt. 

Mögen aber immerhin so manche Mängel an ihren 
Werken zu finden sein, es sind das Mängel, die in jener 
wissenschaftlichen Periode überhaupt häufig vorhanden waren. 
Andererseits haben beide Männer aber auch an allem Tüch- 
tigen teilgenommen , was in ihrer Zeit auf dem Gebiete der 
Geographie geleistet wurde. Und was jene Periode der Ge- 
schichte der Erdkunde auszeichnet, ist hauptsächlich die 
wissenschaftliche Auffassung der Geographie, 
namentlich infolge des Bekanntwerdens mit Ptolemäus und 
anderen antiken Autoren; räumliche Erweiterung des geo- 
graphischen Gesichtskreises infolge der grossen Entdeckungen 
und Verbreitung von Berichten darüber; mit patriotischem 
Eifer betriebenes Studium des eigenen Landes und Volkes; 
ein bewundernwertes Auf blühen der Kartenzeichenkunst (be- 
sonders in Deutschland) und Einführung der Geographie als 
Lehrgegenstand. 

Auf allen diesen Zweigen haben nunPirckheimer und dauerndes 
Peutinger, entweder beide oder doch der eine oder der der beiden 
andere, Achtbares geschaffen oder können wenigstens Ansätze Patrizier, 
in der oder jener Richtung aufweisen. Ihre Leistungen, ge- 
meinschaftlich betrachtet, spiegeln in typischer Weise den 
Stand der damaligen erdkundlichen Kenntnisse und Bestre- 
bungen wieder. Im ganzen allerdings magPirckheimer, an 
dem auch deutlicher ein mathematischer Einschlag zu er- 
kennen ist, durch seine umfassendere und intensivere geo- 
graphische Tätigkeit mehr zu diesem Eindrucke beitragen, 
aber auch Peutingers Stellung in der Geschichte der Erd- 
kunde ist eine gesicherte Position. Und beider Namen 
sollten bei dem Geographen einen guten Klang behalten, 
wie stets beide, Peutinger und Pirckheimer, in ihrer 
Gesamterscheinung als die Blüte des spätmittelalter- 
lichen Bürgertums aus ihrer Zeit hervorleuchten werden. 


Namen-Index.*) 


Adrfmann von Adebnannsfiddea 3^ 

32r 40. 
Almeida 9. 

Aimnianns Marcdliniis 10. 
Angdo (Angelas) 20, 21, 22. 
Apian (Peter) 18^ 26, 27. 
Apulejtis 16. 
Arar (?) 14- 
Aristoteles 37, 40. 
Arndt 10. 

Augostus (Kaiser) 11. 
Aventinus 18^ 30. 

Behaim (Lorenz) 32. 
Behaim (Martin) 6. 
Berlinghieri 24. 
Berosus 10. 
Büd 3, 18, 19. 
Brandt 13. 
Breusing 6. 

Caesar (Julius) 9^ 10, "i ^By ^p^ 38. 

Celtis 6, 15, 30. 

Chrysoloras 20. 

Cochlaeus 3^ 6, 40. 

Comelins Nepos 9. 

Cratander 17. 

Cusa (Kardinal) 17. 

Dannhauser 6. 
Doppebnayr 21. 
Dürer ('Albrecht) 6, 40. 


I 


Ebert 21. 

Erasmns (Rotteradamiis) 27. 


I 


I 


Ferdinand (Valentin, Moravus) 8. 

Foenisca ^ 

Friedrich m. :^Kaiser 1 32- 

Fries 18, 21. 

Fugger (Familie) 9. 

GaUots 5y 8^ i8y 2a 
Gama ( Vasco da) 8. 
Geiger 30. 
Glareanus 18. 261 
Goldast 25, 26, 37. 
Grieninger 21, 25. 
Günther 3^ 6,- 21, 27, 33^ 40. 


1 


Hanno 9. 

Hase 7, 25. 

Hessus (Eobanus^t 32. 

V. Herberstein 33. 

Heuniann 6, 16, 32. 

Hoelzl a 

Huettich (Huttichius) 18; 25. 

Hunimelberg (Gabriel) 16. 

Hummelberg (Küchael) 16. 

V. Hütten (Ulrich) 3a. 

Hylacomylus s. WaldseemOller. 

Jacobus Florentinus aa. 
Irenicus 30, 41. 


*) Die beiden Namen Konrad Pentin^er and Wiiibald Pirckhelmer 
sind, weil allza hAnf^ im Texte vorkommend, liier nidit mit angenommen worden. 


45 — 


Kri der 
M V. (Kaiser) 3 
Xiepert 33. 
Roberger 7, 
Kunstmann B. 


Lichtenstein 

IJerß. 

Livius 10, 

Loeffelholz 6w 

Lotter 13, 15, 17, la 

ISader 3. 

Marinus 24. 

Maximilian I. (Kaiser) 3, 4, 16, 3a, 38. 

Mayr 9- 

Me\a s. Pomponius. 

Mercator 23, 27. 

Miecho^v 32. 

Moletius 27. 

Moravus s. Ferdinand. 

Monster (Sebastian) 13, 17, 18, 21. 

Muretus i6, 

Neuenahr (Hermann von) 11, 26. 
Nicolaus Germanus 24. 
Nordenskiöld 20, 23. 

Oertel 16. 
Orosius 10, 40. 
Otto von Freising 12. 

Peschel 33. 
Petrejus 28. 
Peutinger (Vater) i. 
Pflug 37. 

Pirckheimer (Vater) 4, 6, 32. 
Plinius 9, II, 30. 
Pomponius Mela g, 30, 40. 
Proclus 40. 
Procopius 30. 

Ptolemaeus 10, 11, 19, 20, 21, 22, 
23, 24, 25, 26, 27, 28, 30, 32, 42, 43. 


Regiomontanus (J. Müller, Johannes 
de Monte Regio, Küngsperger) 
5, 21, 22, 25, 27. 

Rhenanus (Beatus) 16, 26, 41. 

Ringmann 20. 

Rüge (S.) 17. 

Ruchamer 6, 8. 

Sabellicus 10. 

Schoener 6, 37, 41. 

Schott 20. 

Schreier 6. 

Sebastian (Bischof) 22. 

Servet (Michael) 27. 

Sigismund (Herzog) 32. 

Solinus 10, 30. 

Sprenger 9. 

Stainer 28. 

Stoeffler 18. 

Strabo 10, 11, 14, 29, 30. 

Suetonius 10, 11. 

Tacitus IG, II, 14, 30^ 37. 
Tscherte 40. 

Veith 13, 15, 17, 18. 
Vespucci (Amerigo) 8. 
Voegelin 3, 18. 

Waldseemüller (Hylacomylus) 21. 

Walter 6, 21. 

Welser (Familie) 7, 9, 

Welser (Christoph) 8. 

Welser (Marcus) 16. 

Werner 6, 21, 22. 

Will 21. 

Wimpfeling 10. 

Wolken hauer 17. 

Zasius (Ulricus) 13. 


-3 ,o 


X 


MÜNCHENER 


GEOGRAPHISCHE STUDIEN, 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIEGMÜND GÜNTHER. 


ZWEIUNDZWANZIGSTES STÜCK : 

DIE 

ANSCHAUUNGEN der KIRCHENVÄTER 

ÜBER 

METEOROLOGIE. 

EIN BEITRAG ZUR GESCHICHTE DER METEOROLOGIE 

VON 

IMMANUEL HOFFMANN. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HOF-BUCHHÄNDLER 
1907. 


N. ^- 


MÜNCHENER 
GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIEGMUND GÜNTHER. 


ZWEIUNDZWANZIGSTES STÜCK : 

DIE 

ANSCHAUUNGEN der KIRCHENVÄTER 

ÜBER 

METEOROLOGIE. 

EIN BEITRAG ZUR GESCHICHTE DER METEOROLOGIE 

VON 

IMMANUEL HOFFMANN. 


MÜNCHEN 


THEODOR ACKERMANN 

KÖNI6LICHBR HOF •BUCHHÄNDLER 
1907. 


DIE 


ANSCHAUUNGEN DER KIRCHENVÄTER 


ÜBER 


METEOROLOGIE. 


EIN BEITRAG ZUR GESCHICHTE I^R METEOROLOGIE 


VON 


IMMANUEL HOFFMANN. 


MÜNCHEN 


THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER MOF'BUCHHANDLSR. 
1907. 


Vorwort. 


Die vorliegende Arbeit gibt im wesentlichen nur eine 
Darstellung der Anschauungen der Kirchenväter über Meteo- 
rologie. Sie begnügt sich damit, im allgemeinen festzustellen 
inwieweit diese Anschauungen auf heidnisch-philosophische 
bezAV. auf biblische Einflüsse zurückzuführen sind, ohne die 
jeweiligen speziellen Quellen aufzusuchen. Den Zusammen- 
hang der Anschauungen der Kirchenväter mit denen des 
späteren Mittelalters darzustellen, muss ich gleichfalls einer 
späteren Arbeit überweisen. 

Die Zeit der Kirchenväter rechnet man gewöhnlich für 
das Abendland bis zum VII., für das Morgenland bis zum 
VIII. Jahrhundert. Ich habe, hinsichtlich des Abendlandes, 
über das VII. Jahrhundert hinausgreifend, auch noch Beda 
Venerabilis (VIIL Jahrhundert), Rabanus Maurus und Ago- 
bard (IX. Jahrhundert) in den Bereich meiner Studien 
gezogen. 

Als eine Art Vorgänger zu meiner Arbeit sind Sibers 
„Beiträge zur Geschichte der Meteorologie" zu betrachten. 
Siber beschränkt sich aber auf die Darstellung der An- 
schauungen Isidors und Bedas. Was Beda anbelangt, so 
wird seine Anschauung von Siber auf Grund von i. ITegl 
dtSd^ecov, 2. De mundi coelestis terrestrique constitutione, 
3. Libellum de tonitrui ad Herefridum dargestellt. Hierzu 
ist zu bemerken: 

1. IleQl didd^ecov ist überhaupt nicht von Beda verfasst 
^s. Hellmann Neudrucke Nr. 15, S. 19) ; 2. De mundi coelestis 
etc. wird in Mignes Ausgabe (Patrol. Latina Bd. XC, I, 
S. 882 ff.) unter den opera dubia et spuria aufgezählt, wird 
also besser nicht zum Dolmetscher der Bedaschen An- 
schauungen gemacht; 3. das libellum de tonitruis stellt ledig- 
lich eine Übersetzung aus dem Griechischen dar (s. Hell- 
mann, Neudrucke 15, S. 16), eignet sich also auch nicht zu 


VI 

einer Darstellung der Anschauungen Bedas. Das für diese 
hinsichtlich unseres Zwecks hauptsächlich in Betracht kom- 
mende Werk Bedas, den über de natura rerum, lässt Siber 
ausser Betracht. So interessant also die Darstellungen 
Sibers an sich sein mögen — die Anschauungen Bedas geben 
sie nicht wieder. 

Herrn Geh, Regierungsrat, Prof. Dr. Hellmann-Berlin, 
der die Freundlichkeit hatte, mich auf die Abhandluhg Sibers 
aufmerksam zu machen, der mir auch über Regenmessungen 
in den ersten Jahrhunderten durch HinWeis auf seine 
Neudrucke Nr. 13 willkommene Aufklärung gegeben hat, 
spreche ich an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank 
aus. Ebenso bin ich Herrn Prof Dr. Günther-München, der 
die Freundlichkeit hatte, mir einen benötigten Band der in 
deutschen Bibliotheken offenbar äusserst seltenen Bibliotheca 
Mathematica (Stockholm) aus seiner Privatbibliothek in der 
liebenswürdigsten Weise zu leihen, zu grossem Dank ver- 
pflichtet. 

Bei der Auswahl meiner Literatur habe ich mich im 
wesentlichen von Kretschmer leiten lassen. Für die Ge- 
winnung der Hilfsliteratur ist mir Günthers Geophysik mit 
ihrer reichen Fülle von Literaturangaben von grossem Nutzen 
gewesen. 

Erwähnt sei noch, dass ich Leute wie Lactanz, Kosmas 
u. A. in meine Darstellung der Meteorologie der Kirchen- 
väter einbezogen habe, obwohl sie streng genommen keine 
„Kirchenväter" sondern Kirchenschriftsteller sind. Da sie 
aber in Haltung und Wirkung den Kirchenvätern gleich- 
stehen, so waren sie mit in Betracht zu ziehen (s. Kretschmer, 
Physische Erdkunde im christl. Mittelalter, Geogr. Abhand- 
lungen Bd. IV, S. 16). 

Was das Buch Henoch anbelangt, so sei gleich hier 
im Vorwort festgestellt, dass sich kein Einfluss desselben auf 
die meteorologischen Anschauungen der Kirchenväter nach- 
weisen lässt. 


Literaturverzeichnis. 


A. Quellen: 

Agobardus, Liber de grandine et tonitruis, ed. Migne, Patr. Latina 

Bd. CIV. 
Anastasius Sinaita, Anagogicarum contemplationum in Hexae- 

meron ad Theophilum 11 XII, ed Migne, Patrol Graeca LXXXIX. 
Arnobius, Adversus nationes U VII rec. Augustus Reifferscheid, 

Vindobonae 1875, in Corpus Scriptonim Ecclesiasticonim Latinorum, 

Bd. IV. 
Augustinus, de civitate Dei, ed. Dombart, Leipzig 1877. 
Augustinus, de genesi ad litteram imperfectus liber, ed. Zycha, 

Corpus ScHptorum Ecclesiasticorum Latinorum Bd. III, 2. 
Augustinus, de genesi ad litteram II XII, ed. Zycha, Corpus Script. 

Eccl. Lat. Bd. III, 2. 
Augustinus, de genesi contra Manichaeos , Mauriner • Ausgabe, 

Paris 1836. 
Augustinus, de divinatione daemönum» ed. Zycha, Corp. Script. 

Eccl. Lat. Bd. XXXXI, V, 3. 
Basilius, Homiliae IX in Hexaemeron, ed. Migne Patr. Graeca 

Bd. XXIX, I. 
ß e d a Venerabilis, de temporum ratione, ed. Giles, opp. omnia Bd. VI, 

London 1843. 
ß e d a Venerabilis, liber de natura rerum, ed Giles, opp. onuiia Bd. VI, 

London 1843. 
B e d a Venerabilis, in librum genesis, ed. Giles, opp. omnia, Bd. VII, 

London 1854. 
Johannes Ch ry sostomus, Homiliae in Genesin, ed. Migne, Patr. 

Graeca Bd. LVI, VI. 
Johannes Chry sos t om us, Sermon6s IX in Genesin, ed. Migne 

Patr. Graeca Bd. LIV, IV, 2. 
Clemens Alexandrinus. Cohortatio ad gentes, ed. Migne Pate Graeca 

Bd. VIII, I. 
S. Clementis Romani Recognitiones, ed. E. G. Gersdorf, Leipzig 1838. 


VIII 

Johannes Damascenus, de fide orthodoxa, ed. Migne , Patr. 

Graeca, Bd. XCIV, I. 
Diodorus Tarsensis, in Bibl. Photiana, ed. MignCi Patr. Graecai 

Bd. cm, IV. 
Ephräm des Syrers Ansichten von der Schöpfung, von Uhlemann in 

Illgens Zeitschrift für historische Theologie Bd. III, Leipzig 1833. 
Ephräm des Syrers Ansichten vom Paradies etc., von Uhlemann in 

Illgens Zeitschrift Bd. I, 1832. 
Gregorius Nyssenus, Hexaemeron, ed Migne Patr. Graeca 

Bd. XLIV, I. 
Hieronymus, Commentarium in librum Job, ed. Migne, Patr. Latina 

Bd. XXVI. 
Hieronymus, Breviarium in psalmos, ed. Migne, Patr. Latina 

Bd. XXVI. 
Jakob von Edessa» L'hexameron de Jacques d' Edesse, in Journal 

Asiatique 1888. 
Isidorus Hispalensis, liber de natura rerum, ed. G. Becker, Berlin 1857. 
Isidorus Hispalensis, Origines, ed. Lindemann, Corpus Grammati- 

corum Latin orum veterum Bd. III, Leipzig 1833. 
K o s m a s , Topographia Christiana, ed. Migne, Patr. Graeca Bd. LXXX VIII. 
Lactantius Firmanus, Divinarum institutionum 11 III, ed. S. Brandt, 

Vindobonae 1890. 
Fragmenta ex Apologia Melitonisad Antonium Caesarem, ed. Migne, 

Patrologia Graeca, Bd. V. 
Minucius Felix, Octavius, rec Herm. Boenig, Leipzig 1903. 

O r i g e n e s , Contra Celsum ed. Paul Koetschau, Leipzig 1899. 

Or igen es, Homiliae in Genesin, ed. Migne Patr. Graeca Bd. XII, II 

(erste Homilie). 
Johannes Philoponos, Kosmopoiia (de mundi creatione), ed. Gallan- 

dius Bibliotheca veterum Patrum Bd. XII, Venedig cioioclxxviii. 
Johannes Philoponos, in Aristotelis Meteorologicorum librum primum 

commentarium, ed. Hayduck, commentaria in Aristotelem Graeca 

Bd. XIV. Beriin 1901. 
Johannes Philoponos, in Aristotelis libros de generatione et cor- 

ruptione commentaria ed. Hayduck, com. in. Ar. Gr. Bd. XIV, 

Berlin 1901. 
Procop von Gaza, Commentarii in genesin, ed. Migne, Patr. Graeca 

Bd. LXXXVII, I. 
Rabanus MauruS; de Universo 11 XXII, ed. Migne, Patr. Latina 

Bd. CXI, V. 
Severianus von Gabala, Homiliae VI de mundi creatione, ed. Migne, 

Patr. Graeca Bd. LVI, VI. 
Tertullianus, Apologeticus, ed. Migne Patr. Latina Bd. I, I. 
Theodoretus Cyrensis , Quaestiones in genesin, ed. Migne, Patr. 

Graeca Bd. LXXX, I. 


vn 

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Corpus Apologetarum Christianoruin saeculi secundi, Jena t86t. 

B. HiliMiteratur. 

W. J. van Bebber, Handbuch der ausübenden Witterungskunde, 
Stuttgart 1885. 

Hugo B e rg e r, Geschichte der wissenschattlichen Erdkunde der Griechen, 

Leipzig 1903- 
Die B i b e 1 , in Luthers Uebersetzung. 

Theobald Fischer, Studien über das Klima der Mittelmeerländer, 
Ergänzungsbd. XIII Nr. 58 zu Petermanns Mitteilungen, Gotha 1880. 

Albert For biger, Handbuch der alten Geographie, Bd. I, Hamburg 

IÖ77- 
Sigmund Q Q ii t h e r , Handbuch der Geophysik, Stuttgart 1897. 

Sigmund Günther, Die Meteorologie ihrem neuesten Standpunkt ge- 
mäss mit besonderer Berücksichtigung geographischer Fragen dar- 
gestellt. München 1889. 

Sigmund Günther, Notiz zur Geschichte der Klimatologie , in 
Bibliotheca Mathematica Nr. 3, ed. Emeström, Stockholm 1887. 

Julius Kann, Handbuch der Meteorologie* Leipzig 1901. 
Julius Hann, Handbuch der Klimatologie. Stuttgart 1897. 
A. Heller, Geschichte der Physik von Aristoteles bis auf die neueste 
Zeit, Stuttgart 1882. (Bd. I) 

G. Heil mann, Neudrucke von Schriften und Karten über Meteo- 
rologie uhd Erdmagnetismus. Nr. 13 und 15. 

Das Buch Henoch, nach der deutschen Übersetzung des aethiopischen 
Texts von Dr. J. Flemming u. Dr. L. Radenmacher. Leipzig 1901. 

Herzogs Realencyklopädie für die protestantische Theologie. 

H. Holzinger, Erklärg. d. Genesis, Lieferung 5 des Kurzen Kom- 
mentar zum Alten Testament herausg. v. K. Marti, Freiburg i. B., 
Leipzig und Tübingen 1896. 

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1859 
de 1er, Meteorologia veterum Graecorum et Romanorum, Berlin 1832. 
l'd'ibel, Antike Windrosen, in Hermes Bd. 20, 1885 
Kopp, Einiges über Witterungsangaben, Braunschweig 1879. 
Konrad Kretschmer, Die physikalische Erdkunde im christlichen 

Mittelalter, in Geographische Abhandlungen ed. Penck Bd. IV, 1890. 
Lucretius, De natura rerum, ed. Brieger, Leipzig 1899. 
G. Marine 11 i, La geografia e i padri della chiesa, Rom 1882. (Deutsch 

von L. Neumann, Leipzig 1884.'^ 
Iwan V. Müller, Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft. 

Bd. V, I. 


Vffl 

Oskar P e s c h e 1 , Geschichte der Erdkunde bis auf A. v. Humboldl 
und Garl Ritter, München 1865; 2. Aufl. (v. Rüge), ibid. 1877. 

Alfred Philippson, Das Mittelmeergebiet, Leipzig 1904. 

P 1 i n i US Secundus, Histpria, naturalis Buch II, ed. v. Jan und Mayhoff, 
Leipzig 1904. 

Röscher, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie 
Leipzig t886 ff. 

Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt und heraus 
gegeben von E. Kautzsch, Freiburg i. B. und Leipzig 1894. 

Seneca (L. Annaeus), Naturalium Quaestionum 11 VII, ed. Haase 
Leipzig 1881. 

Siber, Beiträge zur Geschichte der Meteorologie, in Bayerische An 
nalen, München 1832 und 1833. 

W. G. Sold an, Geschichte der Hexenprozesse. Stuttgart und Tü- 
bingen 1843, 

O. Zöckler, Geschichte der Beziehungen zwischen Theologie unc 
Naturwissenschaft, Gütersloh 1877 (Bd. I, Buch I und II). 


I 


l. Kapitel. 


Einleitung. 

Wenn in unseren Tagen gerade die sog. „christlichen'* 
Völker an der Spitze der wissenschaftlichen, speziell der natur- 
wissenschaftlichen Forschungsarbeiten stehen, so kann das 
keineswegs als eine Wirkung des Christentums bezeichnet 
werden. „Quid ergo quaeris quae nee potes scire, nee si scias, 
beatior fies?" fragt Lac tanz ^) und versichert an derselben 
Stelle : „perfecta est in homine sapientia si et deum esse unum 
et ab ipso facta esse universa cognoscat". Wir können, meint 
Lactanz, die Naturvorgänge gar nicht ergründen, und könnten 
wir's, was hätten wir für unsere Glückseligkeit gewonnen? 
Ahnlich urteilen sämtliche Kirchenväter. 

Dazu kommt, dass das Christentum aus dem Judentum 
herausgewachsen ist: das Judentum aber, so wie es uns in 
fe Bibel gegenübertritt, zeigt für Naturwissenschaften kein 
Verständnis. Es scheint im Judentum sogar die Meinung ge- 
lierrscht zu haben, dass es unmöglich sei, die natürlichen 
rsachen der Naturerscheinungen zu . ergründen. *) Tatsache 
^t jedenfalls, dass wir von keinem jüdischen Naturwissen- 
chaftler in vorchristlicher Zeit etwas wissen.^) 


t 


"v^ 


*) Divin inst. II, 8, 71. 

-) S. Hiob. Kap. 38. 

*) Für die Poesie und Harmonie der Natur hatten die Juden 
ichr viel Verständnis, und dieses Verständnis ging auf die Kirchenväter 
^^er. Es bleibt aber trotzdem bestehen und muss nachdrücklich betont 
werden, dass den Juden der Sinn ftlr die wissenschaftliche Be- 
•rachtung der Natur fehlte, und dass, wo die Kirchenväter solchen zeigen, 
^Jes unbedingt dem Einfluss der griechischen Philosophie zuzuschreiben ist. 

Hoffmann , Meteorologie der Kirchenväter. I 


So finden wir denn begreiflicherweise in den ersten 
Schriften der Christen, im Neuen Testament, naturwissen- 
schaftliche Notizen so gut wie gar nicht. Erwartete man 
doch in jener Zeit die Wiederkunft Christi in nächster Bälde ! *) 
Da galt es rasch fürs Seelenheil zu sorgen, ehe der Herr wie 
ein Dieb bei der Nacht wiederkomme. 2) 

Aber Christus kam nicht wieder. Seine Lehre indes 
verbreitete sich immer mehr, auf Kosten des Heidentums. 
Von den Heiden angegriffen, mussten sich die Christen ver- 
teidigen. Es entstanden die Apologien, die bereits, da die heid- 
nische Philosophie zu einem Teil Naturwissenschaft war, sich 
gelegentlich auch mit Erörterungen über diesbezügliche Fragen 
abgaben. Noch mehr war Gelegenheit zu naturwissenschaftlichen 
Erörterungen für die Exegeten des Sechstagewerks gegeben, wo- 
fern sie nicht, wie z. B. Origenes dasselbe allegorisch erklärten. 

Häufig waren diese Exegeten Leute, die in der heid- 
nischen Philosophie wohl unterrichtet waren. Es ist daher 
sehr begreiflich, dass sie zuweilen heidnische Reminiszenzen 
in ihre christlichen Exegesen hinüberretteten, und das in 
naturwissenschaftlichen Fragen umsomehr, als die Bibel, die 
zwar eigentlich nach Meinung der Christen der ersten Jahr- 
hunderte „Alles enthielt, was den wissenschaftlichen Horizont 
des Menschen ausmacht'' ^), eben doch gerade in naturwissen- 
schaftlichen Fragen unverkennbare und sehr bedeutende Lücken 
aufwies. So wurde denn „die Abneigung gegen die antike 
Naturwissenschaft meist sehr erzwungen zur Schau getragen, 
während man mit ihr im Stillen bei jeder Gelegenheit liebäugelte. 
Ausserdem waren in Wirklichkeit einzelne Theoreme*) bereits 
so in sucum und sanguinem übergegangen, dass sie nicht mehr 
als antik, sondern als ganz selbstverständlich gefühlt wurden, und 
während man offen gegen die alte Wissenschaft Krieg führte, 
bemerkte man nicht, dass der gesamte gelehrte Apparat mit 
allen Wurzeln und Fäserchen in der alten Welt haftete."^) 


*) I. Thess. 4, 15, 17. I. Kor. 15, 51 ff. 

') Matth. 24, 43, 44. I. Thess. '5, 2. 2. Petr. 3, 10. 

') Kretschmer S. 8. 

*) Z. B. die Elementenlehre. 

*) Kretschmer S. 10. 


— 3 — 

Die Quellen, aus denen die Kirchenväter des Abend- 
Wes schöpften, waren nach Kretschmer S. 12 und 13 
iiesonders Martianus Felix Capella,Plinius, Solinus, 
Macrobius, Sueton, Vitruv u. A. Die griechischen 
Schriftsteller, insbesondere Aristoteles, kamen erst vom 
13. Jahrh. an direkt in Betracht. 

Günstiger lag die Sache bei den Christen des Orients. Schon 
beiBasilius und Gregor vonNyssa findet man ganze Sätze 
aus Aristoteles übernommen. Freilich haben bei weitem nicht 
alle orientaliche Kirchenväter aristotelische Bildung besessen. 

Vollständig durchgerungen hat sich der Aristotelismus 
mOsten bei Jojpiannes Philoponos erst im 6.— 7. Jahrb., 
im Westen erst an der Wende des 12. Jahrh. ^) 

Noch ist eine Vorfrage gleich hier zu erledigen; Natur- 
wissenschaftliche Forschungen stellten die Kirchenväter nicht 
an. Was sie an naturwissenschaftlichen Kenntnissen besassen, 
war Bücherweisheit, aus den Produkten der heidnischen Philo- 
sophie geschöpft. Spezielle naturwissenschaftliche Werke 
treffen wir im Abendland erst vom siebten Jahrhundert 
Isidors Etymologien und liber de natura rerum), im Osten 
vom sechsten Jahrhundert ab (Joh. Philoponos). 

Unter solchen Umständen werden wir keine allzugrossen 
Erwartungen von den naturwissenschaftlichen Kenntnissen 
te Kirchenväter hegen. PescheP) spricht sogar von der 
patristischen Zeit als „dem erdrückenden Schauspiel eines 
Verfalls der Wissenschaft und ihres Zurücksinkens in das 
findesalter der jonischen Schule". Dies ist nun eine von 
'äen unglücklichen allgemeinen Behauptungen, die weder ganz 
"chtig, noch ganz falsch sind. Richtig ist, dass die patristiche 
^eit einen Verfall der Wissenschaften darstellt, und zwar je 
eniger griechisch-heidnisches Element in ihr ist, desto mehr. 
^^ Beginn der christlichen Ära wird deshalb der grösste 
l^iefstand der christlichen Wissenschaft festzustellen sein und 
^ diese Zeit passt der Ausdruck „Kindesalter der jonischen 
^W' sehr gut. 


^) Kretschmer S. 13. 
*) Gesch. d. Erdk. S. 72. 

I* 


Von einem „Zurücksinken in das Kindesalter der jonischen 
Schule" spricht P esc hei wohl besonders im Hinblick auf die 
Lehre von der Gestalt der Erde und des Himmels. Teilweise 
allerdings lehren die Kirchenväter die Scheibengestalt der 
Erde und bestreiten die Umdrehung des Himmels, daneben 
aber finden wir die aristotelische Kugellehre streng ausge- 
sprochen, sodass in Bezug auf diesen Teil der Kirchenväter 
von einem Zurücksinken in das Kindesalter der jonischen 
Philosophie denn doch nicht geredet werden kann. Ein 
Beispiel für Einfluss der nachjonischen Philosophie auf alle 
Kirchenväter giebt die aristotelische Elementenlehre. 

Auf die Vorstellungen der Kirchenväter über Gestalt der 
Erde und des Himmels gehe ich nur der Vollständigkeit halber 
ganz kurz hier ein und verweise im übrigen auf Kretschmers 
physische Erdkunde im christlichen Mittelalter (S. 34 ff). 

Seit Aristoteles glaubte in der gebildeten heidnischen 
Welt jedermann an die Kugelgestalt der Erde und die HohK 
kugelform und Umdrehung des Himmels. 

Der aristotelischen Lehre schliessen sich unbedingt an : 
Basihus, Gregor von Nyssa, Philoponus, Isidor von Sevilla^ 
BedaVenerabilis (Kretschmer phys. Erdk. S. 48 ft.). A m - 
brosius und August in schwanken (Kretschmer S. 50)^ 
ebenso Joh. Damascenus, der jedoch mehr zur aristo- 
telischen Lehre neigt (Zöckler I S. 219).^) 

Die biblische Lehre von der Scheibengestalt der Erde 
vertreten: Lactanz, Kosmas, Diodor von Tarsus^ 
Joh. Chrysostomus, Ephräm, Severian, Prokop von 
Gaza. Die Rotation des Himmels, den viele für flach, Prokop 
für halbkugelförmig, Kosmas für länglich gewölbt erklärt^ 
ist jedenfalls ausgeschlossen (Kretschmer 37 ff.). 

„Seit dem VIII. Jahrhundert hat kein nennenswerter 
Kosmograph mehr die Kugelgestalt der Erde ernstlich in 
Frage gestellt.'* (Kretschmer S. 51). 

Die heliozentrische Lehre findet sich bei den Kirchen- 
vätern nirgends. 

*> Für rundlich, aber nicht völlig rund hält Jak. v. Edessa die 
Erde. Journal asiatique 1888, S. 454. 


— 5 — 

Das Firmament und die oberhinmilischen Wasser. 

Dieser Abschnitt ist in Kretschmer (S. 39) nur an- 
gedeutet ; bei Z ö c k 1 e r ist einiges Wenige im ganzen ersten 
Band verteilt. 

Da Firmament und oberhimmlisches Wasser, wie wir 
später sehen werden, bei gewissen patristischen Schriftstellern 
zu meteorologischen Vorgängen in ursächliche Beziehung 
gesetzt werden, so müssen wir auf diese Dinge, wenigstens 
kurz, zu sprechen kommen. 

I. Das Firmament. 

Das Wort Firmament ist ein „biblischer'* Begriff. Wollten 
wir aber deshalb meinen, es werde über dessen Wesen unter 
den Kirchenvätern Übereinstimmung bestehen, so würden 
wir uns sehr getäuscht sehen. Es herrschen in den Dar- 
stellungen der Kirchenväter Differenzen : i. rücksichtlich des 
Ortes des Firmamentes, 2. bezüglich des Stoffes, 3. hin- 
sichtlich des Zweckes desselben. 

I. Der Ort des Firmaments: 

a) oberhalb der sinnlichen Wahrnehmung lässt es Gregor 
von Nyssa liegen.^) Kosmas (Topogr. ed. Migne 88. S. 184): 
Das Firmainent trennt die sichtbare Welt vom unsichtbaren 
Königreich der Himmel. Beda: Das Firmament ist gleich dem 
Äther, der sich an unsere Luft anschliesst und bis zu den 
Sternen hinaufreicht. 2) 

b) Das Firmament liegt oberhalb von Sonne, Mond und 
Sterne. So: Severian: Sonne und Mond wurden deshalb 


^) Gregorius von Nyssa Hexaemeron, ed. Migne Bd. XLIV, I S. 80; 
.^'AjJ.ä /Lii^y Tidarig tnägxeiTai r^j dio&fjtflg xtCaecag tb aveQ^wfia, Zöckler Bd. I 
S. 199 lässt Gregors Firmament an der „äussersten Grenze der sinnlich 
wahrnehmbaren Natur liegen", also gerade noch innerhalb der sinnlichen 
Wahrnehmung. Er stützt sich jedenfalls auf § 81 : tö ategiiafia ijtfjxkiij&fj 
övgaydg , fieS-ÖQiov z'^g aiad^i^g iaxt xtCasoig .... Gregor hat offenbar 
selbst keine klare Vorstellung von der Sache. 

*) In IIb. Gen. unter ,.creavit deus cete grandia et omnem animam 
viventem" etc. : Intelligendum est, quod ideo dictum sit volare aves sub 
ürmamento coeli, quia hoc nomine etiam aether indicatur: hoc est 
superius illud aeris spatium, quod a turbulento hoc et caliginoso loco 
in quo aves volant usque ad astra pertingit. 


— 6 — 

• 

am ersten Tag noch nicht geschaffen, weil das Firmament, 
in dem sie befestigt werden sollten, noch nicht da war. ^) 

Ebenso P r o k o p . 2) Ebenfalls im Firmament lässt Philo- 
ponos die Sterne plaziert sein. 3) 

Nach Kap. 5 des gleichen Buches dagegen muss kon- 
sequentermassen das Firmament in die untere Luftschicht ver- 
wiesen werden (s. u. 2, b). 

c) Das Firmament reicht bis zu der feuchten, dichten 
Luft herunter nach Augustin.*) 

d) Das Firmament ist der sichtbare Himmel. So Theo- 
philus.^) 

Diese Meinung teilt Ephräm®): Das Firmament ist die 
Luft über unserem Haupte. 

2. Der Stoff des Firmaments. 

Hierüber etwas Bestimmtes festzustellen hält Basilius 
für unmöglich, und um nicht etwas für wirklich zu erklären, 
was nur möglich ist, lässt er die Frage offen, ob das Firma- 


^) Sever. v. Gabala ed. Migne Bd. LVI, VI. De creatione mundi 
hom. III, 2: Tfi TtQünp ^f^^Q^ ^tä xC oifx inolriaev Hkiov xal aeX^rtjy; 'EneiSri 
oddijto) ^v TÖ avegäcDfia yevdfxevov iv ^ ^fxeXXe T^ejifj^^d'ai. Hom. V, 3 dagegen r 
*AistiQ€g i}7€oxdt(a tov aiegeibfiatog. Sind die Sterne unterhalb des Firma- 
ments, so werden wir Sonne und Mond auch dort suchen und das iy 
von hom. III, a nicht allzustreng wörtlich nehmen müssen. 

*) Comment. in Genesin, Migne LXXXVII, I S. 68 ff. 

') Kosmopoiia ed. Gallandius Bd. XII, III, 17: „Toi}g yag (fxoaifiQag 
iv aini^ ndvxag ^S^Tcev 6 ^eög." 

*) De gen. ad. lit. imp. Hb. ed. Zycha S. 493 : Si volatilia non volant 
in illo purissimo aere, ubi nulla nubila oriuntur, hinc manifestum est ad 
firmamentum eum pertinere, quia sub firmamento coeli dictum est 
volatilia volare super terram. 

') Theoph. Antioch. Ad Autolycum ed. Otto II, 13: Tg juky oiv 
TiQijiitfj i>7ia&iaei t^g latOQlag, xal yeyäae<og tov xoafiov, etqrixev ^ äyia ygacpfj 
ad TrcQl tOTütov tov aregcibfiatog, dXXä Tregl ktiQov o-ÖQayoi) xal dogaiov f^f^^^r 
/ne&'öy odiog 6 dgardg iifxtv otQxvbg xäxXr^tat ateQiw^a, i<f'^ dyelXfjTrtai td fj^Kfv 
TOV 'ßdatog, STuag ^ zfi dyd-QWTtörijTi elg terohg xal öfxßQovg xal ögöaovg. To 
dh IJfxtav 'Matog hneXeCtpd^ iv zfj yg elg notafxohg xal Tirjy&g xal d-aXdaaag. — 

Theoph. ad Autol. ist nach Zöckler I S. 152 der „älteste auf uns 
gekommene Hexaemeron-Commentar aus patristischer Zeit**. 

•) Uhlemann „Ephräm d. Syrers Ansichten v. d. Schöpfung*' in 
lUgens Zeitschrift für die historische Theologie Bd. III S. 219. 


— 7 - 

meat aus einem einfachen Element oder aus einer Mischung 
(ierselben bestehe.^) 

Ähnlich spricht sich Chrysostomus aus.*) 

a) Der Stoff des Firmamentes ist Luft, also nichts Festes. 
IVir haben oben unter i, d gesehen, dass nach Ephräm 
das Firmament die Luft über uns ist. 

Etwas anderes wird wohl Theophilus kaum aus- 
drücken wollen mit den Worten : ohto^ b ögaTÖg fjfuv oigavö^ 
üürjTai at€Qio)fia^ die wir unter i, d kennen gelernt haben. 

ßasilius lehnt es zwar ab, eine bestimmte Erklärung 
aber den Stoff des Firmaments zu geben, nach dem aber, 
« er Hex. III § 7 über diesen Gegenstand sagt, ist zum 
aiindesten auf etwas Luftartiges zu schliessen. ^) 

Dasselbe gilt für Gregor von Nyssa (Hex. S. 80). 

Für die bisher angeführten Schriftsteller versteht sich 
von selbst, dass das Firmament nichts Festes ist Es folgen 
nun die Autoren, denen zufolge das Firmament aus Wasser 
besteht. Dabei handelt es sich zum mindesten um eine gewisse 
Festigkeit oder Dichtheit des Firmaments, wenn nicht um 
gefrorenes Wasser, also Eis. 

b) Der Stoff des Firmamentes ist Wasser. Nach Joh. 
Philoponos, Kosmopoiia III, 5, besteht das Firmament 

M Basil. Hexaem. ed. Migne Bd. XXIX, 1, Hom. 3, § 4. 

') Hom. in Gen. IV, § 3: AXlä tl äv t^g eXnoi roBtoelyai z6 cxeQiiafAa: 
W(üp lunvjyögj äXX' äiQct twa avyeaxQOfAfAivoy, äXk' Mquv ttva o^aloof; 
'^hävng ä7ti<os t&v e'6<f>QOvo-öytd<üy <f *t(T/v^/(ra*ro. 

') Er führt dort aus: EtQfita tl tb afifiaovö^eyov na^ä tfl P^atpfj t6 
^v oisgeüifiaTog Syofia. "Or* o^/l t^v ävtltvnov xal oxe^ifÄViov (fvatv, ri;r 
7owav ßdqos Ttal dytdgeMw, ot xa6xfiv Xiy9$ ategiiafta. Ich glaube nicht, 
^3ss damit gesagt sein soll, dass das Firmament absolut gesprochen 
^eme Schwere und Widerstandskraft besitzt, sondern relativ. Zu dieser 
Erklärung scheint mir besonders die Fortsetzung hinzuführen : ""H oihcjg 
'^*vqt^teqov ^ yfl, trjg tOiO'&t'qg xli^a€<iDg ^^uo^f^. 'AXXä diä xfyf q^aiv t&v 
'^^Hfiivüiv Xentfyf oikfity xal ägaiär xal oMefii^ alad^'^aei xataktiTn^Vy 
'^'^/la %omo d>röfiaffe, avyxqdCtssi t&v XenToidtioy xal Ttj ai<r-9<ri^8t äxataXriimav. 
i^escs oberhalb des Firmaments befindliche Ding, im Vergleich zu dem 
^as an sich schon äusserst leichte und feine Firmament als etwas Festes 
'^zeichnet werden kann, ist der Äther, wie in der Fortsetzung dieser 
Stelle ausgeführt wird. — Auf den Gegensatz, in dem diese Ausftihrungen 
^ § 4 derselben Homilie stehen, werde ich bei Besprechung der ober- 
•^»nirolischen Wasser näher eingehen. (S. S. 10, Anm. i.) 


- 8 - 

aus Luft und Wasser, den beiden durchsichtigen 
Elementen, während Erde und Feuer undurchsichtig sind. 

Anastasius Sinaita (Anagogicarum etc. II, S. 874) 
lässt das Firmament aus Wasser bestehen (factum ex aquis).^) 

c) Die Meinung, dass das Firmament Eis sei, oder wenig- 
stens etwas Ahnliches, scheint in den ersten Jahrhunderten 
des Christentums ziemlich verbreitet gewesen zu sein. Basilius 
hält es für nötig, Hex. III, § 4 ausdrücklich zu erklären, dass 
das Firmament kein Eis sei. Clemens Romanus hält es 
für solches.^) Ambrosius liebäugelt mit dieser Vorstellung 
(Hex. II, 9, bes. 11) und Beda (in lib. Gen. bei Besprechung 
von „Dixit quoque Deus: Fiat firmamentum in medio aquarum'' 
etc.) bekennt sich zu ihr.*) Für diese Anschauung spricht 
sich auch Severian aus. ^) 

^) Philoponos ist vorsichtig. Er spricht nur von i^ygä (Feuchtig- 
keit), die verdichtet werden. Um Eis dürfte es sich hier nicht handeln. 
Aber auch so noch erhebt sich eine Schwierigkeit. In Kap. 17 desselben 
Buches (s. o. i, b) spricht er davon, dass die Gestirne sich im Firmament 
befinden. Philoponos ist Aristoteliker, der Kosmos ordnet sich daher 
folgendermassen an: zu unterst oder besser gesagt: im Zentrum die 
Erde, umgeben von Wasser, dieses von Luft (die sich in dijQ und 
imixxavfia teilt), diese vom Äther. In letzterem befinden sich die Sterne. 
Schon im hnixxavfia können keine feuchten Dämpfe mehr bestehen 
( Joh. Philoponos, in Aristotelis Meteorologicorum librum primum Commen- 
tarium ed. Hayduck. Berlin 1901. S. 36), geschweige denn im Äther 1 Das 
Firmament müsste sich also demnach notgedrungen im unteren Teil der 
Luft, im eigentlichen &riQ befinden. 

*) Nach Prokop comment. in Gen. I S. 48 besteht nach Manchen 
das Firmament aus dem dritten Teil des anfangs vorhandenen Wassers : 
ein Teil ist auf Erden, der zweite bildet das Firmament, der dritte die 
oberhimmlischen Wasser. 

*) Recognitien, I, 27: Jam vero aqua quae erat intra mundum in 
medio primi illius coeli terraeque spatio, quasi gelu congreta et crystallo 
solidata distenditur, et huiusmodi firmamento veiut intercluduntur media 
coeli ac terrae spatia ; idque firmamentum coelum conditor appellavit, an- 
tiquioris illius vocabulo nuncupatum. Et ita totius mundi machinam cum 
una domus esset, in duas divisit regiones. Divisionis autem haec fuit causa, 
ut superna regio angelis habitaculum, inferior vero praeberet hominibus. 

*) Daneben ist ihm das Firmament = Äther, was jedenfalls kern 
Eis ist! (s. S. 5). 

®) Hom. II, 3: Tovto TÖ ddcDQ tneQeXxBy (piQe elneiv, r^J y^S Ji^X^tg 


3- Der Zweck des Firmaments. 

Abgesehen von dem in der Bibel angegebenen Haupt- 
zweck der Scheidung der beiden Wasser, wurden dem Firma- 
ment — wenigstens von manchen Kirchenvätern — noch 
weitere Funktionen zugewiesen. Diese berühren sich indessen 
mit denen der oberhimmlischen Wasser sehr nah, fallen sogar 
mit ihnen zusammen, weshalb sie mit den Funktionen dieser 
letzteren zusammen behandelt werden sollen. 

IL Die oberhimmlischen Wasser. 

Bei Behandlung der oberhimmlichen Wasser ist fest- 
zustellen: I. der Ort derselben, 2. ihr Aggregatzustand, 
3. ihr Zweck. 

I. Der Ort der oberhimmlischen Wasser. 

Der Ort der oberhimmlischen Wasser befindet sich immer 
direkt über dem Firmament. Ist also der Ort des Firmaments 
bestimmt, so ist damit der der oberhimmlischen Wasser von 
selbst gegeben. Es genügt daher, auf die obige Darstellung 
vom Ort des Firmaments zu verweisen. 

2. Der Aggregatzustand der oberhimmlischen Wasser. 

a) Das Wasser befindet sich in flüssigem Zustand. 

Theophilus spricht in der oben (I, i, d) zitierten Stelle 
davon, dass durch Schaffung des Firmaments die Hälfte des 
Wassers (rd ^fjiiav xov ddatog) oberhalb des Firmaments blieb, 
um Regen und Tau zu liefern. Ob er unter dem Begriff 
Wasser nicht stillschweigend an Wasserdampf gedacht hat, 
ist nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden, jedenfalls gebraucht 
er das in diesem Fall den wahren Begriff wiedergebende 
Wort ärfilg nicht. Ambrosius gibt zum mindesten die 
Möglichkeit zu, dass sich die oberhimmlischen Wasser in 
flüssigem Zustand befinden, denn er weist den Einwurf, dass 
in diesem Falle bei der Rundheit des Himmels und Firma- 
nients das Wasser doch, der Schwerkraft folgend, ablaufen 
niüsste, mit folgender Ausführung zurück: Wir sehen den 

^oidxovia. Eha elnsv 6 dedg. Fewid^xü), ateQiafia iv f^daq) tov Matog xal 
hinoy iv fiäaqt t&v i)d^tüiv indyri ntjyfia xgvataXXoi^eg, xocl ixoiüq>iae x6 ijjuiav 
Wö ddarog äytü, xatiXine x6 flfiiav xdtoi. 


— lO — 

Himmelskreis nur von seiner inneren konkaven Seite. Dass 
er aber, weil er innerlich konkav ist, äusserlich konvex sein 
müsste, ist gar nicht notwendig. E^s gibt Häuser, die innerlich 
konkav und äusserlich quadratisch sind und umgekehrt. ^) 

Sehr deutlich spricht sich Severian von Gabala 
für den flüssigen Zustand aus. 2). 

b) Das oberhimmlische Wasser befindet sich in festem, 
also eisigem Zustand. ^) 

Beda führt etwa aus: Man darf sich darüber nicht 
wundem, dass die oberhimmlischen Wasser nicht herabfliessen : 
in den Wolken bindet Gott das Wasser durch ihren gas- 
artigen Aggregatzustand. Kann Gott dies, so dürfen wir 
ihm auch zutrauen, dass er imstande ist, die oberhimmlischen 
Wasser in festem Zustand über dem Himmelskreis zu halten.*) 


^) Ambros. Hex. II, 3, 9. Sunt etiam, ut de bis dicanus quae scire 
possumus pleraque aedificia foris rotunda, intus quadrata, et foris 
quadrata, intus rotunda, quibis superiora sunt plana, in quibus aqua 
haerere soleat. Dieser Beweis für die Existenz der oberhimmlischen 
Wasser als flüssiger Körper findet sich auch sonst bei den Kirchen- 
vätern (z. B. Prokop von Gaza S. 68/69), werk würdigerweise auch bei 
Basilius, aus dessen Werk ihn wohl Ambrosius kennen gelernt hat. 
Die betreffende Stelle steht im Hexaemeron, Hom. III, § 4. Ich setze 
sie nicht hierher, da sie wesentlich dasselbe besagt wie die bei Ambrosius. 
Wenn Ambrosius die Möglichkeit flüssiger oberhimmlischer Wasser zu 
beweisen sucht, so kann man das begreifen, denn sein Firmament ist 
etwas Festes, auf dem dieses flüssige Wasser ruhen kann. Anders liegt 
der Fall bei Basilius. Er versichert ausdrücklich, dass das Firmament 
nichts Festes sei. Welchen Sinn hat es dann aber für ihn, die Möglichkeit 
der flüssigen oberhimmlischen Wasser zu erhärten ? Seiner Theorie vom 
Firmament zufolge kann es keine solche geben, ihnen würde der Unter- 
grund fehlen. Zöckler Bd. I S. 190 meint, einer popularisierenden Tendenz 
zulieb lasse Basilius hier seine eigentliche wissenschaftL haltbarere 
Meinung, dass die oberhimmlischen Wasser Dunstgebilde seien, vorüber- 
gehend fallen. 

*) Hom. II, 3. EUa elTtev 6 d-EÖg- Fevij&^tü) ategiofia iv fiitstfi tov 
iB^atos' xal Xoitcöv iv fiiatfi x&v h^dxfov indyti jffjyfia XQvaxaXX&Seg, xal 
ixowfiae tö ijfiuiv tov ddaiog äyto, xaxiXme x6 H^mjv xätta. 

^) Die Deutung der oberhimmlischen Wasser als Eis geht nach 
Zöckler (I, S. 63) auf Josephus zurück und erfreute sich grosser 
Beliebtheit. 

*) Beda, in lib. gen. I, unter »Dixit quoque Deus : Fiat firmamentum 
in medio aquarum'' etc. : Si quem movet, quomodo aquae, quarum natura 


— II — 

Ephräm der Syrer sagt nach Uhlemann (Illgens 
Zeitschr. HI, S. 205) über diesen Gegenstand: „Die ober- 
himmlischen Wasser fliessen nicht, sie befinden sich in einem 
völlig regungslosen Zustand". Man könnte dies auf einen 
eisförmigen Zustand dieser Wasser deuten, es hegt aber 
durchaus keine Nötigung vor, da sich Ephräm Erde und 
Himmel flach vorstellt^) und etwaiges Wasser über dem 
Firmament deshalb nicht abzufliessen braucht. Nach den 
Ausitihrungen Uhlemanns auf S. 224 sind die oberhimm- 
lischen Wasser Wolken.^) 

c) Die oberhimmlischen \y asser befinden sich in gas- 
förmigem Zustande. 

So: Basilius (Hex. III, 7). Gregor von Nyssa 
(Hex. ed. Migne Bd. XLIV, I, S. 81) führt aus, dass die 
oberhimmlischen Wasser von dem irdischen nach unten 
strebenden verschieden sind, es kann sich demnach bloss um 
Wasser im gasförmigen Zustand handeln. August in (de 
gen. ad lit. IL XII, S. 38): Durch Teilung der einzelnen 
Wassertropfen wird das Wasser so leicht, dass es von der 
Luft getragen werden kann (Wolken). Das Wasser über 
dem Firmament ist aus noch weitergehender Teilung abzu- 
leiten.^) 


est fluitare semper atque ad ima dilabi, super coelum consistere possin t, 
cujus rotunda videtur esse figura ; meminerit scripturae dicentis de Deo : 
vQui ligat aquas in nubibus suis, ut non erumpant pariter deorsum" ; 
et intellegat, quia qui infra coelum ligat aquas ad tempus cum vult, ut 
oon pariter decidant, nuUa firmioris substantiae crepidine sustentatas, 
sed vaporibus solum nubium retentas; ipse etiam potuit aquas super 
rotundam coeli sphaeram, ne umquam delabantur, non vaporali tenui- 
täte, sed soliditate suspendere glaciali. 

^) S. Kretschmer S. 39. 

^) Die Deutung der oberhimmlischen Wasser als Wolken reprä- 
sentiert griechischen Einfluss. Der Bibel, wie auch den Ägyptern und 
Babyionicm gelten diese Wasser als himmlisches Meer. S. Hol- 
zinger S. 6. 

') De Gen. ad lit. 11. XII, S. 38: ac per hoc, si potest aqua sicut 
k videmus, ad tantas guttarum minutias pervenire, ut super istum aerem 
vaporaliter feratur, quia natura levior est aquis, cur non possit et 
5üpcr iUud levius coelum minutioribus guttis et levioribus immanere 
vaporibus? 


— 12 — 

3- Der Zweck der: oberhimmlischen Wasser. 

a) Sie haben die Erde vor der versengenden Wirkung 
des Äthers und der Gestirne zu schützen. 

So: Basilius.^) 

Ebenso, wohl nach Vorgang des Basilius Ambrosius 
Hex. II, 12, 13. 

Theodoret von Kyros, (Quaest in gen. XI): Die 
oberhimmlischen Wasser haben das Firmament — und damit 
natürlich indirekt auch die Erde — von der Vernichtung 
durch das Feuer der Sterne zu schützen. 

B e d a : Sie dienen zur Linderung der Hitze der Sterne.^) 

Auch August in (de gen. ad Ht. 11. XII S. 38) weist 
ihnen abkühlende Wirkung zu. 

Ebenso Joh. Damascenus, (de fide orthod. II, 9). 

b) Sie haben der Erde die Licht- und Wärmestrahlen 
zuzuführen : 

Severian (Hom. II, 4); Sämtliche Sterne senden, wie 
alles Feuer, ihre Strahlen von Natur nach oben. Wäre nun 
nicht das Weltall vom Firmament mit den oberhimmlischen 
Wassern umschlossen und wäre nicht das Firmament un- 
durchsichtig, so würden sämtliche Strahlen der Gestirne auf- 
wärtsgehend sich im Unendlichen verlieren. So aber werden 
sie alle vom Firmament auf die Erde reflektiert.^) 

Ebenso Prokop von Gaza (comment. in Gen. S. 72.) 


^) Hex. III, 7 : Tby Sh aid-iga vlg ^afitpi/SdXXei fi^ o^/l nvQiodri elvai 
xal diaxafl ; hg ei fi^ zip ävayxaCtfi vov noii^aayTog attöv dgtfi xarei/eco, tI 
Slv ixdiXvaev attbv ndvta (fXoyi^oyra. Tcal xaxa7itfj.7tQ(ovxa tä avvex'^f näaav 
öfjidv tijr iv totg o^i^v i^avaX&aai voxlßa. 

^) De Natura rerum 8 : Aquas firmamento impositas, coelis quidem 
spiritualibus humiliores , sed tarnen omni creatura corporali superiores, 
quidam ad inundationem servatas, alii vero cectius ad ignem siderum 
temperandum suspensas affirmant. 

^) Hom. II, 4: Tb. d^uTtt ijidv<ii T&v oifQavwv oi> fiövov avviriQel töv 
O'ÖQavbv äXXä xal xbv (fXöya tov 'fjXlov xal xfig aeX'^ytjg xaxani^nni,. Ei yag 
fiv diatpav^g 6 o-ögavÖg ÖXri f} ai>y^ äyo) iige^e' zd yaQ nvg äyoxfeQkg dy, 
igrifxoy t^y y^y xateXlfinaye. dJiä tovto yovy inlXriae xby oi>Qayby äyoid-ey 
änelQoig ddaaiy, tya fi ai>yri axeyovfiiyri xdiü) ni^nritai. 


— 13 -- 

c) Die oberhimmlischen Wasser geben Hydrometeore 
an die Erde ab. 

a) Sie liefern der Erde den Tau. „Sieh nur das Wunder I", 
sagt Severian (Hom. II, 3) „der Himmelskörper (das Fir- 
mament) hat solchen Überfluss an Flüssigkeit (tygöv), dass 
er, während diese Flüssigkeit doch mit einer solchen Menge 
von Feuer zu kämpfen hat, sogar noch der Erde etwas ab- 
geben kann ! Woher der Tau ? Nirgends eine Wolke, die 
Luft enthält kein Wasser ! Es ist klar, dass ihn der Himmel 
von seinem Uberschuss herabträufelt." Es wird dann auf 
Jakob verwiesen, der vom Tau des Himmels spricht. (Gen. 
27, 28.) 

Theophilos (ad Autolyk. Zitat s. bei I, i, d S. 6): 
Unser sichtbarer Himmel ist das Firmament. Auf diesem 
ist die Hälfte des Wassers zurückgelassen, um der Erde 
Regen und Tau zu liefern. 

(i) Sie liefern der Erde Regen. 

So Theophilos s. o. 

Ephräm (nach Uhlemann S. 199/200): „Die ober- 
himmlischen Wasser blieben als Tau der Segnungen und 
wurden aufbewahrt al^ Strömungen des Zorns." 

Ambrosius (Hex. 11, 3, 11): Die Wolken gehen 
meistens von Bergen aus. Steigt nun das Wasser von der 
Erde auf, oder steigt es vom Himmel herunter? Der erstere 
Vorgang wäre naturwidrig, weil Wasser schwerer ist als 
Luft. Man muss daher an das Heruntersteigen der Hydro- 
meteore aus den oberhimmlischen Wassern glauben. 

Die Lehre von den 4 Elementen. 

> 

Zu den Theoremen, die den Kirchenvätern „so in sucum 
et sanguinem übergegangen waren, dass sie nicht mehr als 
antik, sondern als ganz selbstverständlich gefühlt wurden", 
ist vor allem die Elementenlehre zu zählen (s. S. 2).^) 

^) Die Vierzahl der Elemente stammt von Empedokles. All- 
gemeine Anerkennung hat die nachstehend darzustellende Lehre von 
den Elementen erst durch Aristoteles erhalten (s. Iwan v. Müllers Hdb. 
d. klass. Altertumswissenschaft, V, i, S. 48). Das fünfte Element, der 
Äther des Aristoteles fällt für die Kirchenväter grosstenteil mit dem 
Elementfeuer zusammen. 


— 14 — 

Der antike Begriff des Elementes ist von unserem 
modernen wesentlich verschieden. Wir heissen Elemente 
solche Stoffe, welche die Chemie (wenigstens bis jetzt) nicht 
mehr in einfachere Stoffe zerlegen kann, und die sie aus 
anderen einfacheren Stoffen nicht herzustellen vermag. Kein 
modernes Element kann demnach je ein anderes Element 
schaffen, die antiken Elemente dagegen entwickeln sich eines 
aus dem andern heraus durch Verdünnung bezw. Ver- 
dichtung. 

Obgleich es eigentlich klar sein musste, dass die Ele- 
mentenlehre ein heidnisches Aufnehmsei in der christlichen 
Bildung darstellte, .obgleich im Buch Mose beim Schöpfungs- 
bericht gar nicht einmal alle vier Elemente erwähnt sind, 
suchen die Kirchenväter ihren Lesern doch klar zu machen, 
dass diese Lehre der Bibel sehr wohl bekannt, und in ihr 
enthalten ist. 

In den Worten „Im Anfang schuf Gott Himmel und 
Erde" sagt Basilius, liegt inbegriffen die Schaffung der 
nichtgenannten Elemente: Wasser, Luft, Feuer und deren 
Eigenschaften. Wenn Mose diese Elemente nicht namentlich 
angeführt hat, so geschah das in dem Gedanken, dass er der 
Nachwelt doch auch noch etwas zu denken übrig lassen 
müsse, zur Übung des Scharfsinns.^) 

Abgesehen von dem Zusatz, dass Mose nur um das 
Denkvermögen der Menschen zu üben, nicht alle Elemente 
genannt habe, findet man wesentlich dieselbe Anschauung 
bei allen Kirchenvätern, sofern sie diesen Gegenstand be- 
sprechen. 

Über die Entstehung der Elemente gehen die Ansichten 
der Kirchenväter auseinander. Die einen lassen sie aus der 
Hyle (Materie) geschaffen sein, (z. B. Isidor, Orig. XIII, 
3, 2; Severian Hom. I, 4), die anderen direkt aus dem 
Nichts (Damascen. de fide orth. II, 5). 

*) Hex. II, 3: Elnoiv ,'Ev ägxv ^^oiijaer 6 &£dg x6v oi>Qaybv xal t^f 
yriv" TtoXXä äTieanüTtijaey, MioQ, ääga, tivq, rä ix xoi^<av dnoyeytbfdeya naB^i' 
ä ndyta fihv dg avfji7tXfiq<tiTixä xov xöa/xov {svwnetnri tu) navtl driXoroTf 
naQiXtJie dh ^ UjioqCa, xbv fjfiäTegoy vovv yvfivdCovoa ngdg ivn^i/Jf-o-y *•? 
dXCyiüv ä(fOQfÄd}y noQexofiivfi äjuXoylC^ad^i tä TiotQcdeinö^epa. 


— 15 - 

Die Elemente enthalten gegenseitig Bestandteile von 
einander. In der Erde findet man, sagt Basilius,*) Wasser, 
Luft und Feuer. Aus den Steinen springt Feuer hervor, 
das Graben von Brunnen beweist den Wassergehalt der Erde, 
der Luftgehalt derselben zeigt sich daraus, dass, wenn die 
Erde nass ist und von der Sonne erwärmt wird, Dämpfe 
{(hfiol)^) aufsteigen. Dass die Luft Wasser enthält beweist 
der Regen (Ambr. Hex. I, 6).^) 

Ebenso Joh. Philoponos.*) 

Darüber, ob denn nun auch in der Luft Erde enthalten 
sei, oder gar Erde im Elementfeuer, habe ich keine Stelle 
gefunden. Die Frage ist für unsere Zwecke auch nicht von 
Bedeutung. Nach der oben entwickelten Theorie muss freilich 
die Luft auch erdige Bestandteile enthalten und ebenso das 
Feuer. Sind Bestandteile der verschiedenen Elemente in 
einander nicht aktuell enthalten, potentiell sind sie's nach 
Philoponos jedenfalls^) 

Anordnung der Elemente. 

Ihrem Gewicht^) nach haben die Elemente von unten 
nach oben folgende Anordnung: Erde, Wasser, Luft, Feuer. 

Über diese Anordnung der Elemente sind sich die 
Kirchenväter insgesamt einig. 


1) Hex I, 7. 

*) Ebenso Beda in lib. Gen. I unter „terra autem erat inanis et 


vacua". 


^) Elemente autem quattuor sunt, aer, ignis, aqua et terra; quae 
in omnibus sibi mixta sunt. Siquidem et in terra ignem reperies qui 
ex lapidibus et ferro excutitur; et in coelo, cum sit ignitus et micans 
fulgentibus stellis polus, aqua possit intelligi, quae vel supra coelum est, 
vel de illo superiore loco in terram largo frequenter imbre demittitur. 

*) Comm. in Arist. Met. S. 119: Kai yäQ iv /nky d^Qi awCatatat, ü6<üq 
mg -bezds xal iv Sdaaiy ä^Q, d)g &i iy TOi^TOig ytvd^eyoi driXovai 7T0/ii(föXvyeg. 

*) Comm. in Arist. Met. S. 13: /uezä ^k tavxa ndXiy äyaXa/ußdyei 
•nämL Aristoteles) rä 7iq6t£qov ei^fiiva neql xdv teaadQioy atoix^CoiVj oig i^ 
äkli^Xtüy ix^^ ^^ yiveaiv xal iy ixdavqi ^vydttei (potentiell) iaxl xä koiixä 
toia, fJLias adzotg ifjioxeifÄiyfjg Mf^g. 

*) Forbiger (Bd. I S. 590 Anm. 81) : „Die Alten kannten die 
Schwere der Luft als Körper, wussten aber noch nichts vom Druck der 
Atmosphaere'*. 


— i6 — 

Hinsichtlich der Eigenschaften der Elemente herrscht , 
Obereinstimmung in Bezug auf Erde, Wasser und Feuer. 
Was die Luft anbetrifft, so standen sich im Altertum zwei 
Meinungen gegenüber, die dann auch in die patristische Zeit 
übergegangen sind: • 

1. Die Luft ist kalt. Diese Meinung vertraten im Alter- 
tum besonders die Stoiker.') Ihr schlössen sich, wie mir, 
scheint, die Minderzahl der Kirchenväter an. So Gregor^ 
von Nyssa,2) Clemens von Alexandria^) und 
Kosmas.*) Bei anderen von mir gelesenen Kirchenvätern 
habe ich diese Anschauung nicht geftmden. 

Am Schlüsse der patristischen Periode wird durch 
Rabanus-Isidor im Westen, durch Damascenus im 
Osten die Luft für von Natur warm erklärt. 

2. Die Luft ist warm. Dieser aristotelischen Meinung 
schliesst sich die Mehrzahl der Kirchenväter an. Es sei 
beispielsweise verwiesen auf Basilius (Hex. IV, 5), Prokop 
von Gaza (Comment. in Gen. I, S. 76), Damascenus (de 
fide orthodoxa II, 8); Ambrosius (Hex. III, 4, 18); Isidor 
(de nat. rer. XI, 2); Beda (de nat rer. 4); Philoponos 
(Comm. in Arist. libros de Gener. et comipt. S. 224). Letz- 
terer gibt auch an, warum die Luft warm sein muss. Das 
Feuer, sagt er nach Aristoteles, ist trocken und warm. Dass 
es leicht ist, steht allgemein fest. Leicht muss es sein infolge 
einer seiner beiden Eigenschaften. Wäre es leicht, sofern es 
trocken ist, so müsste die Erde auch leicht sein. Das ist 
nicht der Fall. Folglich muss es leicht sein dank seiner 
Eigenschaft warm zu sein. Wenn nun aber von der Eigen- 
schaft der Wärme die Leichtigkeit herrührt, die Luft aber 
leicht ist, so muss sie auch warm sein. Ausserdem würde 
sich die Luft, die feucht und warm ist, wenn sie kalt statt 
warm wäre, vom Wasser, das ebenfalls feucht und kalt ist, 
ja gar nicht unterscheiden. Zudem haben die benachbarten 
Elemente je eine gleiche Eigenschaft. Das Feuer ist trocken 

^) S. Forbiger I S. 590 Anm. 82. 
*) Hexaem. S. 108/09. 
') Cohortatio ad gentes Kap. I S. 57. 
*) Topographia II S. 129. 


nd warm, wäre nun die Luft feucht und kalt, so würde hier 
ie verbindende Eigenschaft fehlen. Wir sehen ferner, dass 
ie Umwandlung der Luft aus Wasser durch die Warme 
ewirkt wird, denn das verdunstete Wasser wird zu Luft 

Durch diese Ausführungen sind wir bereits Übergeleitet 
u der Verwandlung der Elemente. Auch bei dieser Lehre 
errscht keine völlige Einheit, und zwar gerade auf Grund 
er Differenz bezüglich der Eigenschaften der Luft. 



Die allgemeine, gewöhnliche Anschauung ist folgende: 
Die benachbarten Elemente haben je eine Eigenschaft mit 
einander gemein und zwar so, dass die Haupteigenschaft des 
einen Eiementes immer zugleich die Nebeneigenschaft des 
benachbarten darstellt. Diese Nebeneigenschaften bilden die 
Brücken zur Umwandlung des einen Elements in die andern. 
Besonders deutlich beschreibt diese Art der Umwandlung 
.\mbrosius (Hex. III, 4, 18). Jedes Element, sagt er, hat 
eine Haupt- und eine Nebeneigenschaft. In der folgenden 
Darstellung wird die Haupteigenschaft durch den Sperrdruck 
hervorgehoben: 


— i8 - 

Erde: trocken und kalt, 
Wasser: kalt und feucht, 
Luft: feucht und warm, 
Feuer: warm und trocken- 
(Siehe Figur i.) 
Da die Erde von trockener und kaher Eigenschaft ist, 
wird" sie mit dem Wasser verbunden durch die Verwandt- 
schaft der kalten Eigenschaft, und durch das Wasser mit 



li|iWl'|l|sthw.r 


der Luft, da die Luft feucht ist. So scheint denn das Wasser 
gewissermassen mit seinen beiden Armen der Kälte und der 
Feuchtigkeit, mit dem einen die Erde, mit dem anderen die 
Luft zu umfassen, mit dem kalten fArm) die Erde, mit dem 
feuchten die Luft. Und die Luft, in der Mitte zwischen zwei 
sich von Natur widerstrebenden (compugnantia) Elementen,- 
nämlich zwischen dem Wasser und dem Feuer, passt sich 
jedes dieser Elemente an, da sie mit dem Wasser durch ihre 
Feuchtigkeit verbunden wird , mit dem Feuer durch ihre 
Wärme. Und da das Feuer von Natur warm und trocken 
ist, wird es durch seine Wärme mit der Luft verknüpft, 


- 19 — 

durch seine Trockenheit aber in die Gemeinschaft und Ver- 
bindung mit der Erde zurückgeleitet (refiinditur) ; und so 
rereinigen sich die Elemente durch diesen Kreislauf (circuitus 
et chorus) der Eintracht und Gemeinschaft. 

So Ambrosius, und ebenso Basilius (Hex. IV, 5), 
demAmbrosius wahrscheinlich seine Anschauung entnommen 
hat. Mit Berufung auf Ambrosius gibt Isidor im liber de 
natura rerum XI, 2 die gleiche Darstellung. 

Das Gewicht der Elemente bleibt bei dieser Anschau- 
ung ausser Spiel. 

Gregor von Nyssa, der die Luft von Natur kalt sein 
lässt, braucht auch dieses, um einen Kreislauf zusammenzu- 
konstruieren (Hex. S. 108/09,) Das verbindende Glied 
zwischen Luft und Feuer lässt er die Leichtigkeit sein, so 
dass sich Figur 2 ergibt. 

Verlässt man die graue Theorie und stellt sich die oben 
dargestellte Verwandlungslehre in Praxi vor, so ergibt sich 
folgende Schwierigkeit. Wie soll das Feuer, das zuoberst 
ist, mit der Erde, die zuunterst ist, durch die Vermittlung 
der Trockenheit sich verbinden ? (Siehe die ' Figur 3.) 
Schon nach Aristoteles geht die Umwandlung der 
Elemente durch Verdichtung bezw. Verdünnung vor sich. 
Es wird also: Erde zu Wasser, zu Luft, zu Feuer durch 
Verdünnung, und umgekehrt durch Verdichtung Feuer zu 
Luft, zu Wasser, zu Erde. So stellt dies denn auch Isidor 
in den Origenes XIII, 3, 2 dar, und ebenso Rabanus Maurus 
De Universo IX , 2 , der gar nichts als eine verschlechterte 
Abschrift von Isidor gibt.^) 


\) In naturwissenschaftlichen Fragen stellt des Rabanus Tätigkeit 
in seinen libri de Universo lediglich eine Abschrift aus Isidor dar. 
Rabanus wird deshalb im Folgenden nicht mehr besondere Erwähnung 
ftnden. Ob an der Verschlechterung des Rabanischen Textes dieser 
selbst schuldig ist oder ob in Mignes Ausgabe beim Abdruck der Hand- 
schrift Druckfehler untergelaufen sind,, lasse ich dahingestellt. Dass 
der ganze Unterschied zwischen dem Isidorischen und Rabanischen 
T^ext in Kleinigkeiten), wie sie sehr wohl auf Druckfehler zurückzuführen 
sein könnten , besteht, zeigt beispielsweise der Abschnitt über die Ele- 

2* 


— 20 


Eine weitere Theorie für den Kreislauf der Elemente 
gibt Isidor.^) Das Feuer ist dünn und scharf, d. h. wohl 



Fig. 3- 


durchdringend (acutus) und beweglich, die Luft ist beweglich, 
durchdringend und dicht (1), das Wasser ist dicht, abgestumpft 


mente. Ich setze zum Vergleich 
hier neben einander. 

Isidorus: 

Nam sicca inter se naturali 
quadam ratione iuncta dicuntur, ut 
modo originem ab igne repetetentes 
usque ad terram, modo a terra 
usque ad ignem, ut ignis quidem in 
aere desinat, aer in aquam densetur, 
aqua in terram crassescat rursus- 
que terra diluatur in aquam, aqua 
rarescat in aera, aer in ignem ex- 
tenuetur. 

^) De nat. rer. XL 


eine Probe aus den beiden Texten 

Rabanus: 

Nam sicca inter se naturali 
quadam ratione juncta dicuntur, ut 
intro originem ab igne repetentes 
usque ad terram, intro a terra 
usque ad ignem: ut ignis quidem 
in aera desinat, aer in aquam 
densetur, aqua in terram crasses- 
cat: rursusque terra, diluatur in 
aquam, aqua rarescat in aerem, aer 
in ignem extenuetur. 


— 21 — 

(obtunsa) und beweglich, die Erde dicht, unbeweglich. So 
verbindet sich die Erde mit dem Wasser durch die Dicht- 
heit und Stumpfheit, das Wasser mit der Luft durch die 
Dichtheit und Bew^lichkeit, die Luft mit dem Feuer durch 
die Scharfheit und Beweglichkeit. Die Erde ist vom Feuer 
getrennt, wird aber mit ihr durch die beiden Zwischen- 
elemente, Wasser und Luft, verbunden.^) 

Sehr befremdlich klingt es, dass hier die Luft als dicht 
bezeichnet wird. „Dicht" und „dünn" sind ja freilich relative 
Begriffe, aber doch wird es im allgemeinen niemand einfallen, 
die Luft für einen dichten Körper zu halten. 

Allgemeines über Meteorologie. 

Alle Vorkommnisse auf Erden, somit auch 
die meteorologischen Erscheinungen, muss der 
Christ in letzter Linie auf Gott zurückführen. 

Dass diese Meinung von den Kirchenvätern vertreten 
wurde, ist so selbstverständlich, dass es Zeitvergeudung 
wäre, sie auf Grund von Zitaten aus den Quellen erst zu 
erhärten. Nur beispielsweise sei auf Augustin (de gen. ad 
litt. V, 21) verwiesen, wo die Anschauung bekämpft wird, 
dass die meteorologischen Phänomene nichts anderes als ein 
Spiel des Zufalls darstellen. Er gibt zwar zu, dass nichts 
so sehr den Anschein des Regellosen, Zufälligen habe, als 
gerade die Vorgänge im Luftmeer, doch dürfe man sich vom 
Schein nicht trügen lassen: falle ja doch kein Sperling auf 
die Erde ohne Gottes Willen I (Matth. 10, 2q). 

Hieran reiht sich von selbst die Frage: Leitet Gott 
die meteorologischen Vorgänge in höchst eigener 
Person, oder hat er seine dienenden Mächte, die 
stellvertretend seinen Willen ausführen? Die Antwort lautet 
bei den einzelnen Kirchenvätern verschieden. Origenes 


^) Is. de nat. rar. XI. Quae etiain ita sibi commiscuntur : terra 
^uidem crassa obtunsa immobilis cum aquae crassitudine et obtunsitate 
conligatur, deinde aqua aeri crassitudine et mobilitate coniungitur, rursus 
^^r igtii communione acuti et mobiiis conligatur; terra autem et ignis 
a se separantur, sed a duobus mediis aqua et aere iunguntur. 


— 22 — 

spricht beispielsweise den Engeln die Leitung der Vorgänge 
in der Luft zu, und mit ihm viele andere; auf der anderen 
Seite wollen Bäsilius u. a. davon nichts wissen.^) 

Nach der christlichen Lehre ist die ganze Schöpfung 
um des Menschen Willen geschehen. Also müssen auch die 
meteorologischen Vorgänge in enger Beziehung zum Menschen 
stehen. Sind nun die meteorologischen Verhältnisse einmal 
nicht so als es für das Wohl des Menschen wünschenswert 
erschiene, so fragt er billig: Woher kommt die schlechte 
Witterung, da doch das Wetter wie die ganze Welt um 
meinetwillen besteht? Es drängt sich ihm von selbst die Frage 
auf: Ist Gott, der diese Witterung macht, mit meinem Ver- 
halten nicht zufrieden ? So kommt jene Anschauung zu Stande, 
die übrigens auch bei anderen Völkern als den Juden und 
in anderen Religionen als der christlichen zu finden ist, dass 
die meteorologischen Phaenomene die Dolmetscher 
der göttlichen Stimmung dem Menschen gegen- 
über seien. Diese Anschauung findet sich sehr stark aus- 
geprägt in der Bibel, Man lese beispielsweise Stellen nach, 
wie 3. Mose 26, 3, 4; Hesekiel 13, 13; Hiob 37, 12, 13; 
Psalm II, 6; Haggai 2, 17 bez. 18. Auch ins Christentum 
gingen diese Vorstellungen über, so z. B. Hieronymus 
(Commentarius in Ubrum Job Kap. 38). Wenn neben dieser 
Meinung jene andere vertreten wird, die Christus Matth. 5, 
45 ausspricht, so ist der Grund dazu sehr leicht ersichtlich. 
In der Anfangszeit des Christentums waren die Heiden sehr 
geneigt, sobald irgend welche schlimme Ereignisse, nament- 
lich auch meteorologischer Art eintraten, die Schuld daran 
den Christen zuzuschreiben, deren Treiben die Götter er- 
zürne. Dem gegenüber betonen begreiflicherweise die 
Christen die Beziehungslosigkeit der meteorologischen Er- 
scheinungen zum Menschen: „Pluit mundus aut non pluit, 
sibimet pluit aut non pluit" (Arnobius, adversus nat. 
I, ig). Auch August in (De civ. Dei I, 8 fT.) betont nach- 
drücklich, dass die Christen in keine Beziehung zu den 


*) Im einzelnen wird diese Frage später gelegentlich behandelt 
werden. 


— 23 — 

meteorologischen Erscheinungen zu bringen seien. „Memento 
autem" sagt er Buch II, 3 „me ista commemorantem adhuc 
contra imperitos agere, ex quorum imperitia illud quoque 
ortum est vulgare proverbium: Pluvia defit, causa Christiani 
sunt^.i) 

Ich gehe zu der weiteren Frage über, die sich manche 
Kirchenväter vorgelegt und allerdings ganz verschieden be- 
antwortet haben: 

Was weiss man über die physikalischen 
Ursachen der meteorologischen Vorgänge? Die 
Stellung des Lac tanz ist bereits oben in der Einleitung be- 
sprochen worden, ebenso die Anschauung der Bibel. Mit 
der negativen Stellung des Lactanz und der Bibel stimmt 
Arnobius überein.^) 

Weniger pessimistisch sind viele andere und gerade 
diejenigen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben. Inte- 
ressant ist besonders die Stellung des Aristotelikers Philo- 
ponos.3) Über viele meteorologischen Vorkommnisse, sagt 
er mit Aristoteles, sind wir bis jetzt noch nicht in der 
Lage, genaue Rechenschaft zu geben, manche andere da- 
gegen können wir, wenn auch nicht von Grund aus, so doch 
oberflächlich erklären. Zu der ersten Kategorie zählt Phi- 
loponos den Regenbogen, die schiefe Richtung des Windes 
und die Farbe der Milchstrasse, zur zweiten Regen, Donner, 
Blitz, Hagel u. s. w. 

Bei Behandlung der Anschauungen der Kirchenväter 
über die Gestalt der Erde habe ich die Autoren in solche 
geteilt, die die aristotelische Lehre von der Kugelgestalt der 
Erde vertraten, und solche die der biblischen Lehre von der 
Scheibengestalt der Erde huldigten. Dies ist nicht so auf- 
zufassen, als ob die ersteren sich in bewussten oder ge- 
wollten Gegensatz zur Bibel gestellt hätten. Auch sie machen 
Bibelstellen namhaft, auf die sie, wie sie meinten, ihre An- 
schauung gründeten. Es lässt sich eben aus der Bibel bei 


\) Weiteres hierüber ist bei Kopp und van Bebber zu finden. 

*) Adv. gentes. II, 59/60. 

'} In Aristot. Met. com. S. 8. 


- 24 — 

entsprechender nachdrücklicher „Deutung'' gar vieles heraus- 
lesen. In Wirklichkeit liegt der Fall, wie so häufig so, dass 
sie mit ihrer Anschauung nicht von der Bibel ausgehen, 
vielmehr mit ihr als einer fertigen an das genannte Buch 
herantreten und es nun zweckentsprechend „deuten''. Im 
übrigen verweise ich hinsichtlich der Frage nach der Gestalt 
der Erde, deren Beantwortung und die dabei in Betracht 
kommenden Einflüsse, auf die vortrefflichen Ausführungen 
Kretschmers. 

Für die Lehre vom Firmament und den oberhimm- 
lischen Wassern gibt die Bibel nur wenige lakonisch geratene 
Anhaltspunkte. Die Kirchenväter bauten diese Lehre weiter 
aus, aber je nach dem Stand ihrer Bildung in verschiedener 
Weise. Holzinger spricht sich über die Anschauung der 
Bibel in betreff unserer Fragen folgendermassen aus (Er- 
klärung d. Gen. S. 6) : Auf Befehl Gottes bildete sich ein 
trennendes Firmament. „Die über denselben befindlichen 
Wasser sind nicht die Wolken, sondern ein himmlisches 
Meer, (vgl. 7, 11, Ps. 104, 3, 148,4), wie es auch die Ägypter 
und Babylonier kennen. (Vgl. Dillmann 24 und die dortigen 
Nachweise, Tiele I, 33)". Das Firmament ist „nicht der 
Luftraum, sondern ein starkes, Jes. 40, 22; Ps. 104, 2 mit 
einem Zelt verglichenes Gewölbe, welches die oberen Wasser 
nur durch besonders darin angebrachte Offnungen durch- 
lässt. Über den Stoff, aus dem es besteht, wird nichts 
gesagt". 

Mir macht es den Eindruck, als ob diese Begriffe, Fir- 
mament und Himmel, oberhimmlische Wasser und Wolken 
schon in der Bibel nicht klar auseinandergehalten, ja sogar 
durcheinander geworfen würden. Gen. 7, 11 ist von „Ofli- 
nungen'*, Fenstern des Himmels die Rede, durch welche 
nach Holzinger die oberen Wasser zur Zeit der Flut 
Durchlass fanden. Ist wohl an andere „Öffnungen" zu 
denken, wenn Psalm 78, 23 ff. zu lesen steht : „Und er gebot 
den Wolken droben und tat auf dieTüren des Himmels, 
und Hess Man auf sie regnen, zu essen, und gab ihnen Himmels- 
brot''. Maleachi 3, 10 ist von Fenstern des Himmels 
die Rede, aus denen Segen herabgeschüttet werden soll. Es 


— 25 — 

ist leider nicht ausdrücklich gesagt, um welche Art von Segen 
es sich handelt, doch kann ich mir — besonders fttr Palä- 
stina — keinen besseren Segen, der von den Fenstern des 
Himmels käme, denken, als den Regen (s. auch 3. Mose 26, 
3, 4 ; Hesekiel 34, 26 ; Jesaia 30, 23 ; Joel 2, 23 ; 5. Mose 28, 
I fF., bes. 12 und 15 ff., bes. 23, 24; Jeremia 3, 3; 14, 4 u. 7). 
Hiob 37, 18 ist vom Himmel die Rede, der fest sei, wie ein 
g^ossener Spiegel. Haben wir hier nicht an das Firmament 
zu denken? Holzinger will die Wolken nicht als die bib- 
lischen oberhimmlischen Wasser gelten lassen. Das aus den 
Wolken kommende Man des Psalms 78, 23 wird in folgenden 
Vers als „Engelsbrot" bezeichnet. Läge es nicht nahe, dieses 
Engelsbrot als von jenseits des eigentlichen Bereichs der ir- 
dischen Sphaere, als von jenseits des Firmaments kommend, 
zu betrachten , so dass die Wolken das Firmament wären ? 
Diese wurden offenbar als aus festerer Substanz gebildet be- 
trachtet, als sie es für unsere moderne Anschauung sind. 
Hiob vergleicht sie 38, 37 mit Wasserschläuchen, und es er- 
scheint ihm merkwürdig, dass sie unter der Last des zu 
tragenden Wassers nicht zerbrechen (26, 8 s. auch Sprüche 
8, 28). Dem darf entgegen gehalten werden, dass das Fir- 
mament doch als eine dauernd vorhandene Einrichtung zu 
betrachten sei, während die Wolken bald vorhanden sind, 
bald fehlen (s. Psalm 135, 7; i. Könige 18, 41 ff.; Hiob 7, 9). 

Eine Entscheidung in dieser Frage wird nur einem des 
Hebräischen , Ägyptischen und Babylonischen kundigen 
Forscher möglich werden. 

Sehen wir uns nach dem Einfluss um, der beim Zu- 
standekommen der Anschauungen der Kirchenväter wirksam 
gewesen war, so ist klar, dass überall da, wo mit Begriffen 
der heidnischen Philosophie gearbeitet wird, diese den haupt- 
sächlichen Faktor abgegeben hat. Die Ausführungen des 
Basilius und Gregor gemahnen stark an den heidnischen 
Aether, dem Beda auch tatsächlich das Firmament gleich- 
setzt. Überall, wo die Kirchenväter dem Firmament und den 
oberhimmlischen Wassern die Festigkeit absprechen, liegt auf 
der Hand, dass den Grund dazu die Eiementenlehre abgegeben 
hat, welche Wasser, Eis oder sonst etwas Festes nur auf 


— 26 — 

der Erde duldet Selbst Severian, der im allgemeinen viel 
biblische Beeinflussung zeigt, verrät mit seinen Ausführungen 
von den Licht- und Wärmestrahlen, die von Natur notwendig 
nach oben von der Erde wegstreben würden, wenn sie nicht 
das Firmament wieder auf diese zurückwürfe, heidnische 
Bildung und Anschauung. Weder biblischer noch heidnischer 
Einfluss mag da vorliegen, wo das Firmament als Luft, oder 
als Eis bezeichnet wird. Im ersten Fall wird Firmament mit 
Himmel überhaupt zusammengeworfen und unter Himmel Luft 
verstanden. Die Betrachtung des Firmamentes als Eis mag 
von der Erwägung ausgehen, dass das Firmament eben doch 
etwas Festes sein sollte, schon weil es die oberhimmlischen« 
Wasser tragen muss. Biblischer Einfluss liegt auf der Hand, 
wenn die oberhimmlischen Wasser als „Wasser" ange- 
sprochen, oder Hydrometeore von diesen abgeleitet werden. 
Die Elementenlehre nehmen zwar die Kirchenväter für 
die Bibel in Anspruch, es ist aber bereits gezeigt worden, 
dass dies ohne den geringsten Grund geschieht, diese viel- 
mehr durchaus der heidnischen Philosophie entlehnt ist. 


2. Kapitel. 


Klimatologie. 

Sind schon die Äusserungen der Kirchenväter über 
Fragen der Meteorologie (im engeren Sinn des Worts) relativ 
spärlich, so gilt dies noch mehr von der Klimatologie. 

Eine strenge Scheidung zwischen Klimatologie und 
Meteorologie ist nicht durchzuführen, es wird daher zuweilen 
auf die Darstellung des Folgenden verwiesen werden. 

Die Erwärmung der Erde. Dass die Erwärmung 
der Erde bezw. der Luft zum allergrössten Teil, wenn nicht 
einzig, der Wirkung der Sonne zuzuschreiben ist, lag zu 
sehr auf der Hand, als dass es hätte verkannt werden können. 

Über die Natur der Sonne sind die Alten nicht 
einig. Die Einen halten die Sonne für eine feurige oder 
wenigstens glühende Kugel, die Anderen (Aristoteles) für einen 
nichtfeurigen Körper, der nur durch die Raschheit seiner 
Umdrehung Wärme entwickelt. Wo die Alten uneinig sind, 
pflegen es die Kirchenväter auch zu sein, in dieser Frage 
aber entscheiden sich alle ftir die erste Annahme. Sogar 
Philoponos, im allgemeinen strenger Aristoteliker, stellt 
sich in dieser Hinsicht in direkten Gegensatz zu seinem Lehr- 
meister. Den Beweis des Aristoteles, dass die Sonne deshalb 
nicht feuriger Natur sein könne, weil sie weiss sei, weist er 
zurück (in Arist. Met. S. 47). Erstens ist sie gar nicht weiss 
ilEvxög), sondern gelb {^avd'ög)^ zweitens aber, auch ange- 
nommen, dass sie weiss wäre, so beweist das gar nichts. 
Auch Sternschnuppen, Blitze und Kometen sind weiss und 
doch sind sie feuriger Natur. Aristoteles bringt die Wärme- 
abgabe der Sonne an unsere Erde mit der Beobachtung in 


— 28 — 

Zusammenhang, dass ein in rasche Bewegung gesetzter Stein 
die ihn umgebende Luft erwärmt. Ähnlich, nur in grossem 
Massstab, sei dies für die Sonne zu denken (S. 45). Wenn 
wir die uns zukommende Sonnenwärme daraus abzuleiten 
hätten — entgegnet Philoponos — , so müssten auch die Sterne 
und namentlich der rotierende Himmelskörper, der sehr fest 
sei {oT€Q€0)TdTov övTog), unsere Erde {rä naQ fiiuv) jederzeit 
erwärmen, was nicht der Fall sei. 

Von grosser Bedeutung sind die oberhimmlischen Wasser, 
sofern durch sie die Glut der Sonne und Sterne gemildert 
und so die Erde vor der Verbrennung geschützt wird (s. Kap. I, 
S. 12). Noch mehr Bedeutung gewinnen sie und das Fir- 
mament nach Severian. Würden sie fehlen, so gingen alle 
Strahlen der Sonne und Sterne im Weltraum verloren, so 
aber werden sie am Firmament zurückgeworfen und gelangen 
auf die Erde (s. Kap. I, S. 12). 

Ist nun die Sonne die einzige Wärmequelle der 
Erde? Prokop^) beantwortet diese Frage mit ja. Ähnlich 
Diodor von Tarsus (Migne Bd. 103, S. 84ifT.). 

Ebenso Beda, denn vor Erschaffung der Sonne, sagt 
er, hatte die Welt überhaupt keine Wärme.^) 

Auch Philoponos stimmt dem bei, indem er allerdings 
zugleich geringe lokale Erwärmung durch Teile, die aus dem 
Elementfeuer in die Luft kommen, erwähnt^) 

Ephräm dagegen nimmt an, dass die Hohlgänge der 
Erde nicht nur zur Wasserzirkulation dienen, sondern auch 
für die Luft zugänglich sind, „und aus ihnen sollten Wärme 
und Kälte aufsteigen, wie sie wechselnd zur Erhaltung der 
Pflanzen und Tiere zuträglich wären; erstere namentlich zur 
Winterszeit, wo sich die Sonne nach Mittag hinneige . . .''*) 


^) Comment in Gen. S. 65 stellt er sich die Frage, was der Erfolg 
wäre, wenn die Sonne im ersten Himmel wäre, also ihre Einwirkung 
auf die Erde wegfiele und sagt dann : 'Aolxfjtos äv hniiQxey ii yi} xmä tä 
UVV atn'^g M^QV xateyjvyfiäva. 

*) In lib. Gen. unter „Luminare majus, ut praeesset diei" etc. 

*) In Arist. Met. S. 45. 

*} Ephr. d. Syrers Ansichten von der Schöpfung S. 234/35. 


— 29 — 

An derselben Stelle wird auch vom Feuer im Erdinneren 
gesprochen, das im Winter zur Erwärmung der Erde bei- 
trage. 

So viel steht jedenfalls für alle Kirchenväter fest: die 
Sonne nimmt bei Fragen der Erwärmung der Erde eine 
durchaus dominierende Stellung ein.^) 

Die Zonenlehre behandelt Kretschmer (Geogr. 
Abh. IV, S. 137). Isidor (de nat rer. X) unterscheidet 
5 Zonen: i) circulus dQXTixög oder septentrionalis, wegen 
Kälte unbewohnbar, 2) circulus d-sQivög oder solstitialis, diese 
Zone hat gemässigtes Klima und ist bewohnbar, 3) circulus 
loYjueQivög oder aequinoctialis, eine dürre, heisse, unbewohn- 
bare Zone, 4) circulus x^^f^Q^'^^Sy gemässigt, bewohnbar, 
5) circulus dvTaQXTixös oder australis, kalt, unbewohnbar. 
Ebenso Beda (de nat. rer. IX). Die Klimaeinteilung nach 
Schattenlänge des Gnonom und längstem Tag s. Kretschmer 
(S. 138). 

Die heisse Äquinoktialzone hielt fnan für regenlos. Dies 
mag damit zusammenhängen, dass ja in den Mittelmeerländern 
4e regenlose oder wenigstens regenarme Zeit des Jahres mit 
der heissen Zeit zusammenfällt. Als besonders heisses Land 
kannten die Alten Aegypten, und gerade hier fällt der Regen 
nur äusserst spärlich. Beda äussert sich hierüber (in lib, de nat. 
rer. XLIII) so: „Nilo flumine, quod inier ortum solis et 
Austrum enascitur, pro pluviis utitur Aegyptus, propter 
Solls calorem imbres et nubila respuens". Isidor 
gibt an der betreffenden Stelle seines lib. de nat. rer. den 
Grund der Regeniosigkeit^) Aegyptens wie so viele andere 


^) über den Vorgang der Erwärmung s. das folgende Kapitel. 

^) Isi<\or spricht (de nat. rer. XLIIIj nicht bloss von der Regen- 
armut, sondern der Regen losigkeit Aegyptens: Aegyptus aeris calorem 
semperque solem habet, numquam nubes vel imbres recipit. Für Kairo 
konstatiert Th. Fischer auf Grund 5 jähriger Beobachtungen folgende Ver- 
teilung der Regentage : Dec. 3,0; Jan. 1,7; Febr. 4,7; März 0,8; April 0,5; 
Mai 0,2; Juni o; Juh o; Aug. o; Sept. o; Okt. 0,4; Nov. 0,2; also jähr- 
^'ch 13,3 Regentage. Für Alexandria auf Grund 7 jähriger Beobachtungen: 
^c. 8,0; Jan. 8,1; Febr. 7,1; März 6,5; April 1,8; Mai 0,4; Juni o; 
Jülio; Aug. o; Sept. 0,1; Okt. 1,0; Nov 4,1; also jährlich 37,1 Regentage. 


— 30 — 

nicht an, wir werden aber nicht fehl gehen, wenn wir den 
von B e d a angegebenen auch für ihn annehmen, Clemens 
Romanus (Recog. VIII, 23) sagt: „illud adverte, quod ad 
axem meridianum, ubi plus est caloris, non multa datur nubium 
constipatio, nee abundans copia imbrium funditur, ne morbus 
habitantibus generetur; humidae enim hubes, si calore rapide 

coquantur, aerem corruptum et pestiferum reddunt 

Denique Aegyptus, quia Aethiopicis e vicino flagrat ardoribus, 
ne insanabiles corruptelas aeris imbrium necessitate susciperet, 
campi eius non pluviam nubibus ministratam, sed terrenum 
quodammodo imbrem Nilo inundante suscipiunL*' Dieser 
Anschauung, dass in sehr heissen Gegenden Regen unmög- 
lich sei, tritt Kosmas, zweifellos auf Grund bei seiner Reise 
gemachter Erfahrung, entgegen (Migne Bd. 88, S. 69): in 
dem sehr heissen Aethiopien fallen reichliche Regen. 

Im selben Masse wie für die Zonen- und Klimaeinteilung 
ist die Sonne von Bedeutung für die Jahreszeiten. Sie 
sind durch die Sonnennähe bezw. -Ferne bedingt.^) 

Die Sonne, sagt Clemens Romanus (Reco^itien 
VIII, 45), macht die Jahreszeiten. Kommt sie in die höheren 
Gegenden des Himmels, so haben wir die massige Temperatur 
des Frühlings, hat sie den höchsten Punkt des Himmels 
erreicht, so entfacht sie die Hitze des Sommers, steigt sie 
wieder abwärts, so gibt sie uns die gemässigte Temperatur 
des Herbstes zurück, wenn sie zum untersten Kreis zurück- 
kehrt, so lässt sie uns aus dem eisigen Zustand (compages) 
des Himmels die strenge Winterkälte zurück. Ebenso B e d a 
(De temporum rat. XXXV), Philoponos (in Arist. Met. 
S. 45), Theodoret (Quaest. in gen. XV), Basil. (Hex. 
VI, 8) u. a. 


*) Die antiken Begriffe der Sonnennähe und Sonnenferne sind mit 
den modernen nicht zu verwechseln. Für die Alten war die Sonnen- 
bahn ein Kreis, uns gilt die Erdbahn als Ellipse. Das Aphel der Alten 
bedeutet den Aufenthalt der Sonne am Wendekreis des Steinbocks, uns 
heisst Aphel die durch die Ellipsenbahn, in der sich die Erde um die 
Sonne bewegt, hervorgerufene grösste Entfernung zwischen Erde und 
Sonne. Mutatis mutandis gilt dasselbe für das Perihel. Für uns steht 
die Erde im Wiritei* im Perihel, für die Alten im Aphel. 


— 31 — 

Die Dauer der Jahreszeiten soll nur kurz gestreift 
werden. Ich finde Angaben über dieselben bei Joh. Damas- 
cenus (De fid. orth, II, 7), Isidor (De nat. rer. VII, 5) und 
Beda (De temp, rat. XXXV). Am übersichtlichsten werden 
die Angaben in folgendem Schema nebeneinandergestellt: 


Damasc. 


Griechen , 

u. Römer Is. nach 

nach Beda 
Beda 


Isid. 


Moderne 


Beginn des Frühlings 
Dauer 


21. März 
95 Tage 


13. Febr. 
85 Tage 


22. Febr. 
91 Tage 


22. Febr. 
91 Tage 


21. März 
92 Tage 


Beginn des Sommers 
Dauer 


24. Juni 9. Mai 
93 Tage 90 Tage 


24. Mai 

I 

91 Tage I 


24. Mai 
91 Tage 


21. Juni 
94 Tage 


Beginn des Herbstes . 
Dauer 


25. Sept. 
91 Tage 


7. Aug. 
92 Tage 


I 23. Aug. 
. 92 Tage 


23. Aug. 
93 Tage 


I 23. SepL 
', 89 Tage 


Beginn des Winters 
Dauer 


25. Dez. 
I 86 Tage 



21. Dez. 
90 Tage 


Summe 365 Tage 365 Tage 


365 Tage 365 Tage 


365 Tage 


Die Unterschiede fallen von selbst ins Auge. Nur 
darauf sei besonders hingewiesen, dass nach Bedas Dar- 
stellung der Isidorschen Jahreszeiten der Winter um einen 
Tag früher begänne als nach Isidor selbst. Interessant ist 
auch die Wertschätzung der Isidorschen Anschauung gegen- 
über der griechisch-römischen. In diesem Fach (disciplina), 
sagt Beda (De temp, rat, XXXV), pflegt man sich mehr 
an die Autorität der Griechen und Römer als an die der 
Spanier (d. h. Isidors) zu halten.^) 

Bemerkenswert ist eine Notiz Augustins (De civ. 
Dei III, 17) über einen ganz ungewöhnlich strengen Winter. 
Es ist zunächst davon die Rede, dass die Heiden irrtümlicher- 
weise den Christen die Schuld an ungünstigen Witterungs- 

^) Was die Zahl der Jahreszeiten anbetrifft, so sei nur im Vorbei- 
gehen darauf hingewiesen, dass nach Kopp S. 2 Hippokrates zuerst von 
^ Jahreszeiten gesprochen hätte. Demgegenüber ist auf Forbiger I 
^ 633 Anm. 82 aufmerksam zu machen! Forbiger spricht dort unter 
Stellenverweis die Vierzahl der Jahreszeiten bereits Homer zu. 


- 32 — 

Verhältnissen zuschreiben, in der Meinung die Götter, durch 
das Treiben der Christen erzürnt, schicken um ihrem Missmut 
Ausdruck zu geben schlechtes Wetter. „Quid?" fährt 
August in fort, „hiems illa memorabilis tam incredibili inmani- 
tate saeviens, ut nivibus horrenda altitudine etiam in foro per 
dies quadraginta manentibus liberis quoque glacie duraretur, 
si nostris temporibus accidisset, quae isti et quanta dixissent!" 
Eine Erklärung für diese Ausnahme von der Regel gibt 
Augustin nicht, ihm genügt vollständig, dass sie sich vor 
Beginn der christlichen Aera ereignet hat. Auch Philo- 
ponos stellt fest, dass die Jahreszeiten an keine absoluten 
Gesetze gebunden sind (in Ar. Met. S. 5): im allgemeinen ist 
im Winter Kälte, Regen, Hagel und Schnee zu erwarten, 
doch kann auch gelegentlich im Winter Hitze und Trocken- 
heit, wie andererseits im Sommer Kälte und Regen eintreten. 
Auch Umtausch der charakteristischen Winde kommt vor. 

Dank der verschiedenen geographischen Breite äussern 
sich die gleichen Jahreszeiten in den einzelnen Ländern ganz 
verschieden. Beda (de temp. rat. XXXV) entnehme ich 
hierüber folgendes: Aegyptus nostra hieme media maxime 
campos herbis floreds, et sylvas fertur habere pomis onustas. 
Sogar die klimatische Einteilung des Jahres kann sich ändern 
(Beda a. a. O.): Indos, ubi alia coeli facies, alii sunt ortus 
siderum, binas aestates, binas habere perhibent messes. hn 
fernen Aethiopien, am Ende der Erde, ist nach Kosmas 
(Migne 88 S. 100/ loi) eine Gegend, die Winter hat, wenn 
wir im Sommer stehen. 

Die Kenntnisse der Kirchenväter vom physikalischen 
Klima sind gering. Vom Höhenklima spricht Basilius 
(Hex. IX, 5): 0^ fmkkov d^avfid^o) zäg /uydlag t6}v öqcjv xoqvcpag^ 
(ü TQ> Tikfjalov elvai t6)v veipwv zfi avvexsi neQinvoiif diaaü'Covai 
cd x^ifiiqiov^ ^ T^v iv Tcus (pdqay^i xoikÖTfjra^ oi) fi6vov tö 
dvarivEfiov twv {)ifjrjka}v diaifevyovaav^ ällä xai d}jetivbv du %bv 
diga awixovaav. Basilius spricht hier nur von den Winden 
als der Ursache des winterlichen Klimas auf Bergeshöhen, er 
lehrt aber (Hex. IV, 7) . auch die Abnahme der Temperatur 
der Luft mit zunehmender Entfernung von der Erde. Über 
diesen Gegenstand wird in Kap. III des Näheren gehandelt 


- 33 - 

werden. An dieser Stelle sind auch die spärlichen Andeu- 
tungen über Gletscher zu erwähnen, die im Kapitel über die 
Hydrometeore behandelt werden (Kap. IV). 

Die Verdünnung der Luft und die damit verbundene 
Verringerung des Feuchtigkeitsgehalts findet ihre Besprechung 
in Kap. III. 

Was die klimatologische Wirkung der Winde betrifft, 
so wird sie später behandelt. Die kühlende Wirkung des 
Windes setzt Basilius (s. o.) voraus, erwähnt wenigstens 
für den Sommer Clemens Romanus (siehe Kap. V). 
Ganz im allgemeinen spricht sich Isidor über die Natur 
der Winde aus in Origines XIII, ii, 13 (siehe Kap. VI, 
wo auch über die Winde im speziellen gehandelt wird). Land- 
und Seewind erwähnen Isidor wie Beda nur kurz ohne 
sie zu erklären (siehe Kap. V). Noch ist eine Erscheinung 
hier namhaft zu machen, die später (Kap. VI) ein- 
gehendere Behandlung findet: Mitten im Winter tritt nach 
Anschauung verschiedener Kirchenväter eine i4tägige Wind- 
stille ein, damit der Eisvogel seine Eier ausbrüten und seine 
Jungen grossziehen kann {dlxvovldsg fiiie^ai). 

Auf eine äusserst interessante Stelle im Octavius des 
Minucius Felix (Kap. XVIII) hat Günther in „Bibliotheca 
Mathematica" Stockholm 1887 N^- 3 »Notiz zur Geschichte 
der KUmatologie" die Aufmerksamkeit gelenkt. Die Stelle 
lautet: „Nee universitate solummodo Deus, sed et partibus 
consulit. Britannia sole deficitur, sed circum fluen- 
tis maris tepore recreatur." „Damit ist dieselbe 
Charakteristik des Seeklimas gegeben, welche in unseren 
Lehrbüchern steht" (Günther a. a. O. S. 68). Vorläufer des 
Minucius in dieser Anschauung, aber ohne diese Präzisheit und 
Klarheit, sind nach Günther Strabo, Cicero und Tacitus: 
»wir dürfen mit Fug und Recht behaupten, dass Minucius 
die ihm bekannten Gelegenheitsäusserungen eines Strabo, 
Cicero und Tacitus zu einer freilich sehr kurzen, aber in ihrer 
Kürze abgerundeten Skizze des insularen Klimas verarbeitet 
hat*. Vielleicht geht Günther hierin etwas zu weit. Tat- 
sache ist allerdings, dass wir die Theorie des insularen 
Klimas zuerst bei Minucius so scharf und klar ausgesprochen 

Hoff manu, Meteorologie der Kirchenväter. 3 


— 34 — 

finden. Da wir aber im allgemeinen bei den Kirchenvätern 
eigene Gedanken über physikalische Dinge nicht finden, so 
liegt es nicht allzufern, Minucius zwar das Verdienst der schrift- 
lichen, auf uns gekommenen Überlieferung, nicht aber das 
der Fixierung jener Theorie zuzusprechen. Es bleibt sodann 
noch ein weiteres zu überlegen: Dürfen wir im Sinn des 
Minucius den von ihm ausgesprochenen Satz überhaupt ver- 
allgemeinern? Minucius will zeigen, dass uns in allen Natur- 
erscheinungen die Vorsehung, die mit Überlegung vorge- 
nommene Sorge Gottes für das Wohl seiner Schöpfung, 
besonders des Menschen, entgegentritt. Britannien fehlt die 
Sonnenwärme, es muss Ersatz dafür geschaffen werden : das 
Meer wird zum wohltätigen Wärmespender. Wenn aber 
die Wärme im Überfluss vorhanden ist, wie auf den Inseln 
des Mittelmeers, tritt dann das Meer auch noch als Wärme- 
spender auf? Es wäre jedenfalls für die obige Auffassung 
günstiger, wenn statt der Wärmewirkung des Britannischen 
(durch den Golfstrom anomal erwärmten) Meers etwa die des 
Mittelländischen behauptet würde. 

Biblischer Einfluss lässt sich für dieses Kapitel nur für 
die an die oberhimmlischen Wasser geknüpften Vorstellungen 
feststellen, alles andere geht auf die heidnische Philosophie 
zurück. Die Behauptung des Kosmas, dass es in Äthiopien 
regne (s. auch S. 30), wird wohl eine Erfahrung sein, die er 
bei seinen Reisen gemacht hat. 


III. Kapitel. 

Die Luft. 

Schon bei den Alten fehlte es dem Begriff „Luft" an 
der scharfen Abgrenzung. Man konnte vom Himmel reden 
und die Luft meinen, wie man andererseits wohl von der 
Luft sprach, die sich bis zum Mond ausdehne und dabei das 
Elementfeuer in diesen Begriff miteinrechnete. Diese Nach- 
lässigkeit wird bei den Kirchenvätern nicht besser, im Gegen- 
teil; es kommt noch der weitere Begriff des Firmaments 
herein, das bald gleich Himmel, bald gleich Äther gesetzt 
ist, so dass die Verschwommenheit der Begriffe noch grösser 
wird. 

Die Zusammensetzung der Luft. Für die moderne 
Wissenschaft ist die Luft ein mechanisches Gemenge einer 
Anzahl Gase, deren beiden bedeutendsten wenigstens in den 
unteren Teilen der Atmosphäre der Stickstoff und der Sauer- 
stoff sind. ^) Diese Gase der Luft sind „stets und überall in 
einem sehr konstanten Verhältnis vorhanden und spielen 
deshalb einzeln bei den meteorologischen Vorgängen gar 
keine Rolle/ (Hann, Meteor. S. 5). Von der Kohlensäure 
wegen ihres stärkeren Absorptionsvermögens gegen Wärme- 
strahlung abgesehen, darf der Meteorologe die Luft als 
ein einheitliches Gas betrachten und hat neben diesem nur 
dem Wasserdampf seine Aufmerksamkeit zu schenken. 

Sein Vorhandensein in der Atmosphäre haben die Alten 
allto erkannt, ja viele hielten die ganze Atmosphäre für 


\ 


*) Eine vollständige Aufzählung sämtlicher bis jetzt in der Luft 
cstgesteJIten Gase findet sich in Hanns Meteorologie S. 5 fF. 

3' 


- 36 — 

nichts anderes als verdunstetes Wasser. Dieser Meinung 
neigt der grössere Teil der Kirchenväter zu. Philoponoj 
vertritt mit Aristoteles eine andere Ansicht. 

Ich stelle zunächst die Vorstellungen des Philoponos 
Aristoteles dar, um dann ihnen die Anschauungen dei 
anderen Kirchenväter gegenüberzustellen. 

Infolge Erwärmung durch die Sonne, sagt etwa Philo 
ponus (in Arist. Met. S. 55), entsteigen sowohl der Erde 
als auch dem Wasser Dämpfe. Die Erddämpfe, die aus der 
kalten Erde kommen, und die Wasserdämpfe, die das kalte 
Wasser abgibt, zeigen die kalte Temperatur ihres Mutter 
Clements nicht mehr. Sie sind vielmehr beide warm 
Keiner Verwandlung unterliegt die jeweilige Komplementär- 
eigenschaft der Elemente. Der Wasserdampf erhält also vom 
Wasser die Eigenschaft der Feuchtigkeit, der Erddampf von 
der Erde die Eigenschaft der Trockenheit. Weil nun diese 
Dämpfe warm sind, so ist klar, dass sie aufsteigen.^) Der 
Erddampf als der leichtere steigt höher auf als der Wasser- 
dampf. Der aufgestiegene Erddampf bildet das Elementfeuer. 2) 
Der schwerere Wasserdampf bildet die Luft,') und zwar durch 
Verdünnung. *) Die eigentliche der Erde zunächstliegende 
Luft ist also wesentlich verdünnter Wasserdampf. 
In dieser Luft steigt der Erddampf empor. Sie enthält nach 
der Elementlehre potentiell auch Erddampf, wird sogar bei 
andauernder Verdünnung, d. h. in grossen Höhen selbst zu 
Erddampf oder Elementfeuer. 

Nach Philoponos stellt also die Luft dar 

1. eine Verbindung von Wasserdampfund Erddampf. 
Letzteren enthält der Wasserdampf potenziell, 

2. ein mechanisches Gemenge von Wasserdampf 
und Erddampf, da sich der Erddampf ja auch aktuell 


') Auffallend ist nur, dass nach Arist. Met. S. 62 del* Wasserdampf 
kälter als die Luft ist. Wie soll er dann um seiner Wärme willen auf- 
steigen ? 

-) Kosmop. IL 2 

^) In Arist. de gen. et corrupt. S. 224 : ohv äv^äg iaxiv 6 är^Q. und 
etwas weiter unten i^at^il^öfierov yaQ vö S^wq degovtai. 

*) In Ar. Met. S. 123. 


~ 37 — 

beim Aufsteigen zu den Regionen des Elementfeuers 

in der Luft befindet. 
An etwas dem Erddampf des Philoponos Ähnliches, 
wenn nicht an diesen selbst, wird man denken müssen, wenn 
Job. Damascenus, der sich in dieser Frage übrigens nur 
referierend verhält, von der Luft als erlöschtera Feuer spricht,^) 
Dass die Luft sich vom Wasser herleite, berichtet er gleichfalls.*) 
Wenn wir nun zur Darstellung der nichtaristote* 
Uschen Anschauung übergehen, so ist von vornherein 
darauf hinzuweisen, dass der springende Punkt die Erddämpfe 
sind. Was eigentlich Aristoteles sich unter diesen Erddämpfen 
gedacht hat, ist nicht recht klar. Er nennt sie „rauchartig" 
xaTtvfbörjg). Jedenfalls ist ihre Annahme vollständig ent- 
behrlich. Sie bilden nach Aristoteles das Elementfeuer. Aber 
nicht sie allein, denn wenn die Wasserdämpfe hoch genug ge- 
stiegen sind und in die Region kommen, die noch an der Kreis- 
bewegung teilnimmt — wir werden davon später zu sprechen 
haben — , so wird eben durch die Bewegung das Dampfartige 
in ihnen aufgelöst und* sie gehen damit in das Elementfeuer 
über. ^) Also der Bestand des Elementfeuers wäre trotzdem 
gesichert; auch allein durch die Verdünnung muss nach der 
Elementlehre der Wasserdampf, d. h. in unserem Falle die 
Luft in das Elementfeuer umgewandelt werden. 

Basilius, in Hex. I § 7 spricht zwar von Dämpfen, 
die aus der Erde aufsteigen, sie sind ihm aber Wasser- 
d ä m p f e. Er spricht dort davon, dass die Elemente Bestand- 
teile von einander enthalten. Dass die Erde Wasser enthält, 
bezeugen die Brunnengräber. Dass sie auch Luft enthält ist 
daraus zu ersehen, dass, wenn die Erde benetzt worden ist 
und die Sonne sie erwärmt. Dämpfe aufsteigen.*) Schon 

*) Job. Dam. De fide orthod. 11, 7: Tiyks fihv ody (foai tö 7ii>Q ixtös 
iivog i^Xijg ä(payäg elvaf Öd-ey xal aßeyyiüfxeyoy dtfaviCercic. "EveQOt dhy tovvo 
fiHewv^evoy eig dcQa (fctac (xetaßdXXBad'at. 

*) Joh. Dam. De fide orthod. II, 8: tfctal <fi x6y äi^a oßiniv nvgbgj 
\ djfidy -öSatog SeQ^ayd-^yvog. 

*; In Arist Met. S. 36. 

*) Tr^r 6h Tov "öSaxog (f-öaiy iyvTtdg^ovaay xf^ y^ ol (fQeijjgvxoi detxyvovai' 
xal xr^y tov ddQog ol änd vevoxififJLiyrig adxijg dx/iiol hnb iiUov ^odcpd-eiafjg dyanefi- 
.löfieyoc. (Hex. I, § 7.) 


- 38 - 

dass zur Bezeichnung dieser Dämpfe das Wort drfiög^ nicht 
dvadvfäaaig gebraucht ist, scheint mir ziemlich sicher auf 
Wasserdämpfe schliessen zu lassen. Philoponos gebraucht 
für Erddampf dvadvfäaaig ^rjQd^ oder dvaSvfuccaig xanvüdrig. 
Dazu kommt noch, dass zur Entstehung dieser Dämpfe die 
Benetzung der Erde Vorbedingung ist. 

Luft entsteht also aus der Ausdünstung des Wassers, 
Dass infolgedessen das Meer den Hauptbestandteil der Luft 
liefern wird, ist klar. Aber auch die Erde kann leucht sein 
und Wasserdämpfe abgeben. 

Nach der Elementenlehre muss die Luft potentiell die 
andern Elemente enthalten, so ergibt sich: 

DieLuft stellt jedenfalls kein mechanisches Ge- 
menge von Erd- und Wasserdämpfen dar, wie 
dies nach Philoponos anzunehmen war, sie ist vielmehr als 
verdünnter Wasserdampf zu betrachten, der die anderen 
Elemente potentiell in sich schliesst. 

Um einige Vertreter dieser Anschauung namhaft zu 
machen, verweise ich neben dem oben angeführten Basilius 
auf Gregor von Nyssa^), Prokop von Gaza^), 
Anastasius Sinaita^), Augustin*). 

Diese Meinung teilen natürlich alle die, welche aus der 
Luft als solcher Wolken und Regen ableiten. 

Anders denkt sich die Luft Severian von Gabala, 
wie? ist allerdings nicht ersichtlich. Um zu beweisen, dass 
der Tau aus den oberhimmlischen Wassern komme, fragt er : 
woher soll der Tau kommen? Nirgends eine Wölket Die 
Luft enthält kein Wasser.^) 


*) Hexaem. S. 112: tö ddcog ngdg rdy diga &iä t&v ävfxoiv ävax^^Vf 
d^Q iyiveto, 

') Comment. in Genesin S. 100: v6 Hdtag i^axfAia^hv diqa noiet 

') Anag. contempl. in Hex. XII S. 861/62: ex aqua enim, ut semel 
dicam, exhalatur aer. 

*) De gen. contra Man. I, 15: per istum aerem volare possunt 
(näml. die Vögel), qui de niaris et terrae humoribus surgit. 

*) Sev. V. Gab. Hom. II, 3: 'Enhi nöd-ev f^ ^QÖaos; NetpäXti o^^a^ov, 
6 d^Q d^(üQ adx fx^^' 


- 39 — 

Fremdkörper in der Luft. Dass die Luft, wenig- 
stens lokal zeitweise ziemliche Mengen Fremdkörper enthält^ 
kann niemand entgehen und war selbstverständlich auch den 
Kirchenvätern bekannt. Jedermann sieht tagtäglich unzählige 
Rauchmengen sich in die Luft erheben und wären es auch 
nur die, welche das zur Bereitung der Mahlzeiten nötige 
Feuer entwickelt. In trockenen Ländern sodann drehen 
sommers häufige Wirbelwinde nicht unbeträchtliche Staub- 
raassen in die Luft, in der sie dann zu verschwinden scheinen. 
Bemerkt haben die Kirchenväter dieses Phänomen sicher, ob 
sie sich viele Gedanken über den künftigen Aufenthalt 
dieser Staub- oder Rauchmassen gemacht haben, bleibt eine 
Frage für sich. Immerhin spricht z. B. Gregor von Nyssa 
vom Staub in der Luft. Auch wenn dieser über weite Strecken 
in der Luft ausgestreut würde, meint er, so müsste er doch 
wieder zur Erde zurückkehren.^) Von ganz kleinen, für 
gewöhnlich völlig unsichtbaren Stäubchen in der Luft spricht 
Philoponos: Fällt durch einen Türspalt ein Sonnenstrahl 
ins Zimmer, so werden durch den Glanz des Lichtes für 
gewöhnlich unsichtbare Staubkörperchen gesehen. ^) Ueber die 
vertikale und horizontale Ausbreitung dieser kleinen Fremd- 
körperchen hatten die Kirchenväter, soweit sie sich überhaupt 
eine Vorstellung von ihr machten, jedenfalls eine falsche Vor- 
stellung, indem sie diese Ausbreitung für bei weitem geringer 
Welten, als sie sich durch die modernen Forschungen ergeben hat. 

Den Höhenrauch scheinen die Altennach Forbiger 
I S. 630 gekannt, wenn auch falsch erklärt zu haben. Bei 
den Kirchenvätern finde ich davon nichts. Vielleicht könnte 
Isid. Orig. XIII, 10, 11: „caligo est umbra spissitate aeris 
eiFecta* darauf gedeutet werden. *) Das kann aber auch der 
l^kannte spanische Trockennebel sein. 

^) Greg. V. Nyssa Hex. S. 96 : CHko) yäg ijze xöyts, xäy inX noXh tov 
^ ^uurx69y ndliy rg yg dno^Motai. 

*) Joh. Philop. In Arist. de gen. et comipt. comm. S. 39: ... &tj7te^ 
'«* xa h T^j &iQi. xoriOQT<Mij iff^yfiata Ttgötegoy fifjLiv dögata öwa, iiret^äv 
^k <^*Ä dvgidos elüßdXfi ögatä iy a^rg ^lä X'^y tov (fcordg XafiJigözijTa ylyetai, 

*) Voran geht die Besprechung von Nebel, Tau, Reif, Kälte, 
^Wc, Hagel, Regen u. s. w. Auf Behandlung von caligo folgt die 
^prechung von Finsternis, Schatten und Licht. 


- 4Ö - 

Optische Trübungen der Luft haben die Kirchen- 
väter natürlich zu beobachten Gelgenheit gehabt, sie aber 
jedenfalls nicht als solche erkannt. 

Wir sind damit bereits auf die Frage nach der Durch- 
sichtigkeit der Luft gekommen. Hierüber finde ich bei 
den Kirchenvätern weiter nichts als dass sie tatsächlich besteht. 
Ich verweise beispielsweise auf B a s i 1 i u s (Hexaemeron II, 3) ; 
Philoponus (Kosmopoiia III, 17); Prokop von Gaza (Com- 
mentaria in Genesin S. 48). Auch dass die Luft relativ 
dünn und elastisch ist, wird gelegentlich erwähnt, ist 
aber eine derart selbstverständliche Tatsache, dass wir die 
Kenntnis derselben auch den Kirchenvätern, welche sie nicht 
durch besondere Niederschrift dokumentieren, getrost zu- 
sprechen . dürfen. ^) 

Verdünnung der Luft nach oben. Je mehr die 
Luft von der Erde entfernt ist, aus desto feineren Bestand- 
teilen setzt sie sich zusammen. Das Nähere hierüber soll 
bei Besprechung der Zweiteilung der Luft später behandelt 
werden. 

Die Durchsichtigkeit der Luft wurde mit der Dünnheit 
derselben in Zusammenhang gebracht. Wenigstens nennen 
die Kirchenväter verschiedentlich diese beiden Eigenschaften 
zusammen. 2) Nach Philoponos hängt Dünnheit und 
Durchsichtigkeit nicht notwendig miteinander zusammen. 
In seiner Kosmopoiia III, 5 spricht er von der Erde und 
dem Elementfeuer (dem für die Alten und Kirchenväter 
dünnsten irdischen Stoff) als den beiden undurchsichtigen 
Elementen, während ihm Wasser^) und Luft als durchsichtig 
gelten. Mit dieser Ansicht widerspricht sich aber Philo- 
ponos indirekt selbst. Sonne, Mond und Sterne sind nach 


*) Isidor freilich weiss, wie wir oben bei Behandlung der Ele- 
mentenlehre gesehen haben, sogar, dass die Luft dicht ist! 

*) Z. B. Basilius Hex. II, 3: 'Jgaiä yäg xal ÖLa(fav^g ^ tov 
deoog tp^aig. 

Prokop V. Gaza Comment. in Gen. S. 48: ... xal fidXiata t&i' 
XäjiTOT^QCüp te xal (fiatpay&y, önoCa tov äigog ^ (p^aig. 

^) Dieses hält z. B. Basilius (Hex, II, 3) für undurchsichtig! 


— 41 — 

ihm im Äther, ^) dieser aber befindet sich für ihn als Aristoteliker 

jenseits des Elementfeuers, von der Erde aus gerechnet. Wenn 

nun das Elementfeuer undurchsichtig wäre, wie könnten wir 

die über diesem befindlichen Sterne, Sonne und Mond sehen ? 

Im Zusammenhang mit der Durchsichtigkeit ist die 

Farbe der Luft zu behandeln. Das Naheliegendste war, 

die Luft für an sich farblos zu halten. Nach Joh Damas- 

cenus (De fide orthodoxa II, 8) ist die Luft an sich völlig 

farblos, durchsichtig und von Natur lichtlos. Ähnlich äussern 

sich Philoponus (Kosmopoiia ü, 2) u. a. Nach Isidor 

ist die Luft weiss, nach Beda blau. Bei Besprechung der 

Farben des Regen bogens lässt Isidor diesen den color albus 

von der Luft beziehen, Beda den color hyacinthinus.^) 

Mit der Dünnheit der Luft hängt auch zusammen ihr 
geringes Gewicht. Die Bestimmung des tatsächlichen Ge- 
wichts der Luft bezw.- eines bestimmten Teils derselben war 
in Anbetracht der jener Zeit zur Verfügung stehenden In- 
strumente ein Ding der Unmöglichkeit. Die Elementenlehre 
weist ihr hinsichtlich ihres spez. Gewichtes den Platz 
zwischen Wasser und Feuer an (s. S. 15). 

Die Form der Luft oder der Atmosphäre. 
Die Kirchenväter hielten die Atmosphäre, wie bei Behand- 
lung der „Vorstellungen der Kirchenväter über die Gestalt 
der Erde und des Himmels" kurz gezeigt worden ist, für flach, 
länglich gewölbt, halbkugelförmig, oder mit Aristoteles 
für kugelförmig. Auf die moderne Anschauung von der 
Form der Atmosphäre konnten die nicht mit Aristoteles 
Gehenden natürlich nicht kommen, und die Vertreter der 
aristotelischen Ansicht auch nicht, weil sie die Erde nicht 
rotieren Hessen, folglich auch an keine Abplattung an den 
Polen zu glauben Anlass hatten. 

Was den Feuchtigkeitsgehalt der Luft betrifft, 
so ist nach den Ausführungen zu Beginn dieses Kapitels die 
Luft ja im Grunde genommen nichts anderes als eine dünne 
Wasserdampfatmosphäre. Als ihre Haupteigenschaft wird des- 


*) Philop. in Arist. Met. S. 3/4. 

») Isid. De nat. rer. XXXI. — Beda. De nat. rer. XXXI. 


— 42 — 

halb auch von der Elementenlehre konsequentermassen die 
Feuchtigkeit bezeichnet. Die Lehre von der grösseren 
Feuchtigkeitskapazität der wärmeren Luft kann 
ich bei den Kirchenvätern nicht findend) 

Die Zweiteilung der Luft. War schon für die 
Lehre von der Entstehung der Luft in der Bibel kein Anhalt 
gegeben, so gilt dies noch mehr von der Zweiteilung der 
Luft: sie ist durchaus griechisch-heidnischen Ursprungs. 

Das Charakteristikum der oberen Luft ist, dass sie in- 
folge ihrer Dünnheit und Feinheit Wolken und Winde nicht 
mehr in sich duldet. 

Sehr klar stellt Isidor in den Origines Buch XIII, Kap. 7, 
I die Zweiteilung dar: „Hie (aer) autem partim ad terrenam 
partim ad coelestam materiem pertinet. Nam illesubtilis ubi ven- 
tosi et procellosi motus non possunt existere, ad coelestam per- 
tinent partem, iste vero turbulentior, qurexhalationibus humidis 


^) Dagegen will Peschel (Gesch. d. Erdkunde S. 64) diese Lehre 
für Aristoteles in Anspruch nehmen. „Er wusste, dass die warme 
Luft mehr Feuchtigkeit aufgelöst zu enthalten vermöge als die kalte, 
und dass daher ein warmer, mit Feuchtigkeit gesättigter Luftstrom, 
wenn er über hohe Gebirge streiche, die stärksten Niederschläge fallen 
lasse, weshalb die Alten auch überall bei grossen Strömen grosse Ge- 
birg als Quellbildner voraussetzten." Peschel stützt seine Behauptung 
auf nachstehendes Zitat: Meteorologica, lib. I cap. 13 ed. Müller: „montosa 
et edita loca quasi spongia incumbens densa, paulatim quidem, sed 
multis in locis, stillant et colligunt aquam ... et ascendentem vaporem 
refrigerant inque aquam versus cogunt, qua propter uti diximus maximos 
fluvios et maximis montibus defluere videmus.*' Wie verhält sich der 
Aristoteliker Philoponos zu dieser Sache? In „Arist. Met." S. 123 
sucht er klar zu machen, warum in den unteren Luftschichten keine 
Wolken entstehen. Er sagt: Die Dämpfe steigen aus dem Wasser all- 
mählich (xavä ßQax^y) auf. Sie können unten nicht bleiben, bis sie sich 
zu Wolken verdichtet haben, sondern steigen alsbald auf Aufsteigen 
müssen sie, weil sie warm sind (^egfiflg voivvv htaviqag äva^fjudaetag 
{fjiagxoT^at^S ^txövws iurly dvd(pü)Qot, S. 55). Man beachte : er sagt nicht ; 
warme Luft kann mehr Feuchtigkeit fassen. Im Gegenteil: Die Dämpfe 
müssen so lange aufsteigen, bis sie in eine Gegend mit geringerer 
Temperatur, als sie selbst haben, kommen: hier hält die Aufwärts- 
bewegung inne, hier sammelt sfch die Feuchtigkeit an und wird zur 
Wolke, die TtoXktjg ätfjiidog a^yxgiaig xal avavaaig ist (S. 123). 


" 43 -- 

corporescit, terrae deputatur, quippe ex se multas species 
reddit.* Nam commotus ventos facit, vehementius concitatus 
ignes et tonitrua : contractus nubila : conspissatus pluviam con- 
gelantibus nubilus nivem: turbulentius congelantibus den- 
sioribus aubibus grandinem . . /*^) I^urz: die untere Luft 
istgegenüber der oberen dadurch charakterisiert, 
dass sie die Trägerin der meteorologischen Phäno- 
mene ist, und dass sie sich aus feuchten Aus- 
dünstungen bildet. 

Auf eine weitere Stelle aus den Werken Augustins 
ist zu verweisen, weil sie — wenigstens scheinbar — • eine 
bestimmte Angabe über die vertikale Ausdehnung 
der unteren Atmosphäre enthält. In de gen. ad litt, 
iraperf. lib. § 14 S. 490 findet sich Folgendes: „nam in illo 
sublimiore atque puriore (aere), qui vere aer ab omnibus^) 
appellatus est, nequent (zu ergänzen ist aus dem Vorher- 
gehenden : volare aves) ; non enim earum pondus tenuitate 
sua sustinet. In illo autem (aere) neque nubes concrescere 
asseruntur nee aliquid procellosum existere : quippe ubi ventus 
adeo non est, ut in vertice Olympi ^) montis, qui spatia huius 
humidi aeris excedere dicitur, quaedam litterae in pulvere 


* ^) Die mit Stern bezeichnete Stelle fällt inhaltlich vollständig mit 
Augustin (de gen. ad litt. III, 10, S. 72) zusammen und stimmt auch 
fast wörtlich damit überein. Ob I s i d o r diese Stelle aus Augustin ent- 
nommen hat, oder ob Beide aus einer antiken Quelle geschöpft haben, 
lasse ich dahingestellt. 

*) Philoponus in Arist. Met. S. 35 bezeichnet gerade die untere 
Luft als die eigentliche Luft. 

') Die Nennung des Olymp gibt uns keinen Anhalt zui* Bestimmung 
der Höhe der unteren Luft, weil wir nicht wissen können, wie hoch 
sich Augustin diesen Berg gedacht hat. Über die Bestimmung der 
Berghöhen im Altertum siehe Iwan v. Müllers Handbuch der klas- 
sischen Altertumskunde Bd. V, erste Abteilung, S. 291. — Denselben 
Gegenstand behandelt Augustin nochmals in de gen. contra Mani- 
chaeos I. Cap. 15, S. 1960. Der Olymp findet sich im selben Zusammen- 
hang erwähnt bei Isidor, De nat. rer. XXX und Orig. XIV, 8, 9. 
Sehr eingehend beschäftigt sich mit der Frage der Ausdehnung der 
unteren Luft und der Höhe der höchsten Berge Philoponos in Arist. 
Met S. 26/27 und S- 33. Letztere beträgt nach ihm 12 Stadien. Da 
das Stadium im Altertum kein einheitliches Längenmass ist und wir 


- 36 — 

nichts anderes als verdunstetes Wasser. Dieser Meinung 
neigt der grössere Teil der Kirchenväter zu. Philoponos 
vertritt mit Aristoteles eine andere Ansicht. 

Ich stelle zunächst die Vorstellungen des Philoponos- 
Aristoteles dar, um dann ihnen die Anschauungen der 
anderen Kirchenväter gegenüberzustellen. 

Infolge Erwärmung durch die Sonne, sagt etwa Philo- 
ponus (in Arist. Met. S. 55), entsteigen sowohl der Erde 
als auch dem Wasser Dämpfe. Die Erddämpfe, die aus der 
kalten Erde kommen, und die Wasserdämpfe, die das kalte 
Wasser abgibt, zeigen die kalte Temperatur ihres Mutter- 
elements nicht mehr. Sie sind vielmehr beide warm. 
Keiner Verwandlung unterliegt die jeweilige Komplementär- 
eigenschaft der Elemente. Der Wasserdampf erhält also vom 
Wasser die Eigenschaft der Feuchtigkeit, der Erddampf von 
der Erde die Eigenschaft der Trockenheit. Weil nun diese 
Dämpfe warm sind, so ist klar, dass sie aufsteigen.^) Der 
Erddampf als der leichtere steigt höher auf als der Wasser- 
dampf. Der aufgestiegene Erddampf bildet das Elementfeuer . 2> 
Der schwerere Wasserdampf bildet die Luft,') und zwar durch 
Verdünnung. *) Die eigentliche der Erde zunächstliegende 
Luft ist also wesentlich verdünnter Wasserdampf. 
In dieser Luft steigt der Erddampf empor. Sie enthält nach 
der Elementlehre potentiell auch Erddampf, wird sogar bei 
andauernder Verdünnung, d. h. in grossen Höhen selbst zu 
Erddampf oder Elementfeuer. 

Nach Philoponos stellt also die Luft dar 

1. eine Verbindung von Wasserdampf und Erddampf. 
Letzteren enthält der Wasserdampf potenziell, 

2. ein mechanisches Gemenge von Wasserdampf 
und Erddampf, da sich der Erddampf ja auch aktuell 


') Auffallend ist nur, dass nach Arist. Met. S. 62 der Wasserdampf 
kälter als die Luft ist. Wie soll er dann um seiner Wärme willen auf- 
steigen ? 

-) Kosmop. IL 2 

') In Arist. de gen. et corrupt. S. 224 : oloy dv^ug iaxiv d äi^Q. und 
etwas weiter unten i^axfjitl^oixevov yäQ %6 i^dtog degomai. 

*) In Ar. Met. S. 123. 


— 37 — 

beim Aufsteigen zu den Regionen des Elementfeuers 

in der Luft befindet. 
An etwas dem Erddampf des Philoponos Ahnliches, 
wenn nicht an diesen selbst, wird man denken müssen, wenn 
Joh. Damascenus, der sich in dieser Frage übrigens nur 
referierend verhält, von der Luft als erlöschtera Feuer spricht,^) 
Dass die Luft sich vom Wasser herleite, berichtet er gleichfalls.*) 
Wenn wir nun zur Darstellung der nichtaristote* 
lischen Anschauung übergehen, so ist von vornherein 
darauf hinzuweisen, dass der springende Punkt die Erddämpfe 
sind. Was eigentlich Aristoteles sich unter diesen Erddämpfen 
gedacht hat, ist nicht recht klar. Er nennt sie „rauchartig" 
ixauviüdrjg). Jedenfalls ist ihre Annahme vollständig ent- 
behrlich. Sie bilden nach Aristoteles das Elementfeuer. Aber 
nicht sie allein, denn wenn die Wasserdämpfe hoch genug ge- 
stiegen sind und in die Region kommen, die noch an der Kreis- 
bewegung teilnimmt — wir werden davon später zu sprechen 
haben — , so wird eben durch die Bewegung das Dampfartige 
in ihnen aufgelöst und* sie gehen damit in das Elementfeuer 
über. 3) Also der Bestand des Elementfeuers wäre trotzdem 
gesichert; auch allein durch die Verdünnung muss nach der 
Elementlehre der Wasserdampf, d. h. in unserem Falle die 
Luft in das Elementfeuer umgewandelt werden. 

Basilius, in Hex. I § 7 spricht zwar von Dämpfen, 
die aus der Erde aufsteigen, sie sind ihm aber Wasser- 
dämpfe. Er spricht dort davon, dass die Elemente Bestand- 
teile von einander enthalten. Dass die Erde Wasser enthält, 
bezeugen die Brunnengräber. Dass sie auch Luft enthält ist 
daraus zu ersehen, dass, wenn die Erde benetzt worden ist 
und die Sonne sie erwärmt. Dämpfe aufsteigen.*) Schon 

^) Joh. Dam. De fide orthod. H, 7: Tiyks fiky o^v (foai td jivq ixiög 
xivog dXrig dtpavig elvai' d&er xal aßewö^evov äipavü^etai. "EzcQot dk, zovto 
oßewvfieroy elg d^ga (paai (xeiaßdlXead'at. 

*) Joh. Dam. De fide orthod. II, 8 : ipwsl Sh z6v ääga oßiaiv Tivgög, 
tf äifidv ddazog SeQfiavd-ivzog. 

'J In Arist. Met. S. 36. 

*) Tliv 6h zov üdazog (föaiy ivvjidq/ovaav zf] yfj ol (pQewgvxoi dttxyi^ovci' 
xocl z^ir zov dägog ol dnd vevoziCfAdvrig a-dz^lg dzfiol tizd i^Xiov ^ctlipd-elarig dvane^- 
'lö^evoir. (Hex. I, § 7.) 


- 46 - 

wegkommen, desto weiter gehen sie auseinander, desto 
geringer wird ihre wärmende Wirkung. Schliesslich hört 
diese Wirkung ganz auf, und dort ist der Ort der Wolken- 
bildung. Dieselbe Anschauung vertritt Basilius Hex. IV, 7. 
Joh. Damascenus (de fide orthodoxa II, 8) kalkuliert 
folgendermassen : Die Luft ist zwar von Natur warm, da 
aber die Erde und das Wasser kalt sind, so wird durch diese 
beiden Nachbarn ihre Temperatur beeinflusst, und es muss 
also die Luft in ihrem unteren Teile kalt sein, ihr oberer 
Teil dagegen warm. Er spricht denn auch konsequenter- 
massen bei Erklärung der Entstehung der Wolken und Regen 
nicht von Kälte als Ursache, sondern sagt über diese gar 
nichts (Kap. 9). August in (de gen, ad litt. II, 5 S. 38) 
meint, je weiter die Luft sich von der Erde entferne, desto 
heisser müsse sie sein infolge der rascheren Umdrehung. 
Auch er sagt deshalb bei Erklärung des Regens nichts von 
Abkühlimg. Bei anderen von mir gelesenen Kirchenvätern 
habe ich über diesen Gegenstand nichts gefunden. 

Nachts ist die Luft dichter als bei Tag (Bas. 
Hex. VI, 10). Wenn die Sonne aufgeht, zerstreut sie diese 
dichte Luft. 

Über die Einwirkung der verdünnten Luft auf 
den Menschen weiss Augustin (de gen. contra Man. I, 
15) zu berichten, dass Leute, die den Gipfel des Olymp be- 
stiegen, dort nicht verharren konnten, ohne einen benetzten 
Schwamm an die Nase zu halten! 

Über den luftleeren Raum mag uns Anastasius 
Sinai ta (Anag. cont. in Hex. I S. 861/62) belehren: hoc 
enim fatentur omnes, nusquam esse locum vacuum, et est 
consentiens omnium opinio, quod aer protinus circumivit uni- 
versitatem, quando simul coacta fuit aqua abyssi. ^) 

Die vertikale Ausdehnung der Atmosphäre 
unter Einrechnung des vierten Elements lässt Philoponus 

*) Lucrez (Leipzig 1899), der den lateinischer! Kirchenvätern teil- 
weise als Quelle gedient hat, ist anderer Ansicht: 330 Nee tarnen undique 
corporea stipata tenentur. Omnia natura; manque est in rebus inane. 
Eine Beeinflussung der Kirchenväter durch Lucrez in dieser Hinsicht 
habe ich nirgends bemerken können. 


47 — 

in Arist. Met. S. 30) bis zum Mond reichen. Ebenso B e d a 
(de nat. rar. XXV). Jenseits des Mondes beginnt der Äther. ^) 
Zum Schluss dieses Kapitels sei noch konstatiert, dass 
es sehr schwer halten dürfte, in diesem ganzen Abschnitt 
über die Luft auch nur den geringsten biblischen Einfluss 
nachzuweisen. Das ganze Wissen der Kirchenväter 
über die Luft leitet sich aus der griechisch- 
römischen Philosophie her. 2) 


\) S. auch Forbiger I S. 590. 

^) Wenn bei Beda in üb. Gen. unter „Dixit autem Deus: Fiant 
luminaria in firmamento coeli ..." gesagt wird, dass am dritten Tage 
die Luft ihren jetzigen Platz erhalten hat, so kann trotzdem von einem 
biblischen Einfluss in Beziehung auf die Vorstellungen Bedas nicht die 
Rede sein. Er hat eine durchaus griechisch-römische Vorstellung vom 
Begriff und Wesen der Luft, über die er aus der Bibel keine Belehrung 
schöpfen kann, und es handelt sich hier nur um Unterbringung einer 
vollständig griechischen Vorstellung in der biblischen Schöpfungs- 
geschichte. 


IV. Kapitel. 


Die Hydrometeore. 

Verdunstung. Joh. Philoponos (in Arist. Met. 
S. 55) nennt als Aristoteliker zwei Arten von Verdunstung: 
I. den Erddampf, der warm und trocken ist und 2. den 
Wasserdampf, der kühler als der Erddampf und die Luft,^) 
aber wärmer als Wasser ist. Nur den Wasserdampf als 
Produkt der Verdunstung kennen die übrigen Kirchenväter. 

Die Ursache der Verdunstung wird in erster 
Linie in der Erwärmung des Wassers durch die Sonne ge- 
sucht. Bei Besprechung des Meeres sagt Basilius (Hex. 
IV, 7) dieses stelle einen Anfang und Ursprung (Tttjyrj) des 
atmosphärischen Wassers dar: durch die Strahlen der Sonne 
erwärmt, gibt das Meer seine feinen Bestandteile in Dämpfen 
{öia dTfiwv) ab, welche in die Höhe steigen, sich abkühlen 
und Wolken und Regen erzeugen. Weitere Belege für diese 
Anschauung findet man bei Ephräm (lUgens Zeitschrift für 
bist. Theol. Bd. HI, S. 197), Philoponos (in Arist. Met. 
S. 55), Damascenus (de fide orthodoxa II, 9), Ambro- 
sius (Hex. IV, 5), Isidor (de natura rer. 41), Beda (de 
natura rer. 40), Gregor von Nyssa (Hex. S. 100), der 
allerdings nur davon spricht, dass die Verdunstung durch 
die Wärme erfolge. Das ist indessen dasselbe, denn die 
grosse Wärmespenderin der Erde ist eben nach Anschauung 
der Kirchenväter gerade die Sonne. Sie ist für die Erde 
dasselbe wie für den mit Wasser gefüllten Kessel das 
darunter befindliche Feuer. (Bas. Hex. IV, 7.) 

^) S. Kap. III. Zusammensetzung der Luft S. 36—38. 


— 49 -^ 

Die verdunstende Wirkung des Windes finde ich be> 
Isidor (de nat. rer. 41) und Beda (de nat. rer. 40) kurz 
erwähnt. Anderer Ansicht ist Ambrosiiis (de Noe et 
Area Kap. 16). Bei Besprechung von Genesis 8, i meint 
er, es könne sich hier nur um den Geist Gottes handeln; 
an eine verdunstende Wirkung unseres irdischen Windes 
dürfe man nicht glauben. Hätte er eine solche, so müsste 
ja das täglich von Winden erregte Meer völlig verdunsten 
Alioquin cum mare ventis exagitetur quotidie, exaniretur 
profecto). 

Joh. Damascehus (de fide orthodoxa II, 9), setzt auch 
die Wässer hose zur Verdunstung in Beziehung (tov fiUov 
oft Tb lemoTEQOv dvificofiivov xal tcjv aicptbviav), 

Gregor von Nyssa (Hex. S. 93) stellt — wie 
übrigens schon Kretschmer, Geogr. Abhandlungen IV, 
S. 142, Anm. 3 mitteilt — zwei Arten von Verdun- 
stung fest, eine sichtbare und eine unsichtbare. Letztere 
erwähnt auch August in (de gen. ad lib. imperf. S. 492). 

Spricht man der Sonne einen wesentlichen Einfluss auf 
die Verdunstung zu, wie das die Kirchenväter tun, so ist 
die Konsequenz , dass eine tägliche und jährliche Pe- 
riode der Verdunstung besteht. Diese Konsequenz 
zieht Ambrosius. Er spricht zunächst ganz allgemein bei 
Behandlung der Jahreszeiten den Satz aus : Je mehr Sonnen- 
schein, desto mehr Verdunstung (Hex. IV, 5, 21),^) und führt 
bei Besprechung des Mondes aus, dass die Feuchtigkeit, 
welche die Sonne der Erde tagsüber entzogen habe, durch 
den Mond bei Nacht dieser wieder zurückerstattet werde.^) 
Aus dieser Stelle scheint mir klar hervorzugehen, dass Am- 
brosius der falschen Meinung ist, dass die Verdunstung 
bei Nacht aussetze. 


Quo magis usu assiduo aeri huic copulatur atque miscetur 
nämlich die Sonne), eo amplius et ipsum aerem vaporat, et terrarum 
exsiccat vaporem. 

*) Hex. IV, 7, 29 Siquidem in id se induit ministerium, in quo et 
frater; ut illuminet tenebras, foveat semina, augeat fructus. Habet etiam 
pleraque a fratre distincta ; ut quem toto die calor humorem terrae sic- 
caverit, eundem exiguo noctis tempore ros reponat. 

Hoff mann, Meteorologie der Kirchenväter. 4 


— 50 — 

^ Die Verdunstung von Eis und Schnee kannten 
die Kirchenväter offenbar nicht, wenigstens habe ich keine 
hierauf bezügliche Stelle ausfindig machen können. 

Mit dem Nebel scheinen sich die Kirchenväter recht 
wenig beschäftigt zu haben. August in (de gen. ad litt. I, 
12) nennt den Nebel weniger dichtes Wasser. Isidor(Orig. 
Xin, 10, 10) spricht davon, dass fliegender Nebel Wolken 
mache. Feuchte Täler hauchen ihn aus, und es entstehen 
daraus Wolken, daraus bedeckter Himmel (nubilum), daraus 
Schnee. Der Nebel geht zu Boden, wenn es schönes Wetter 
gibt, er steigt auf, wenn trübes Wetter kommt 

Auf den Reif kommt Philoponos (in Arist. Met. S. S) 
nur deshalb zu sprechen, weil er ihm als Analogon zum 
Schnee gilt. Wie der Schnee in der Höhe gefrorene Luft 
ist, so ist der Reif bei der Erde imten gefrorene Luft. (6 
dfjQ dv(o (UV Tifiyvvfievos X^om ylvercu. xdTO> di Ttax^rj). Isidor 
(Orig. XIII , IG , 8) : Pruina est matutini temporis frigus. 
Hieraus lässt sich wenigstens ein Zeitpunkt für die Entsteh- 
img entnehmen. Bei anderen Kirchenvätern habe ich den Reif 
nicht erwähnt gefunden. 

Etwas reichlicher fliessen die Mitteilungen über den 
Tau. Theophilus lässt den Tau von den oberhimm- 
lischen Wassern kommen (ad Autolycum 11, 13), zitiert 
aber in Buch I, 7 aus der Bibel Sprüche 3, 19/20, wo der 
Tau als aus den Wolken stammend bezeichnet wird. Eben- 
falls aus den oberhimmlischen Wassern, aber mit dem aus- 
drücklichen Vermerk, dass er nicht aus den Wolken komme, 
leitet Se Verlan (Hom. II, 3) den Tau ab. Nach der Über- 
setzung Uhlemanns in Illgens Zeitschrift für historische 
Theologie S. 204 Anm. spricht £ p h r ä m von einem Tau der 
Segnungen aus den oberhimmlischen Wassern. Aus der 
Luft leitet ihn ab: Joh. Philoponos (Kosmopiia lU, 14): 
Er bildet das Analogon zum Regen (in Arist. Met. S. 128). 
Wie dieser durch Verdichtung der Luft in grösserer Ent- 
fernung von der Erde entsteht (in Arist. Met. S. 122/23), so der 
Tau durch Verdichtung der Luft in der Nähe der Erde. 
Aus der Luft leitet auch August in den Tau ab (de gen. 
ad litt, imperf lib. § 14 S« 490) und schliesst eben daraus, 


_- gX _ 

dass die Luft Tau abgeben kann, auf die nahe Verwandt- 
schaft zwischen Luft und Wassör. Isidör (Orig. XIII, 10,9) 
weiss über den Tau nur zu sagen, däss er nicht so dicht 
sei wie der Regen. Dass Ambrosius den Tau mit dem 
Mond in Zusammenhang bringt, haben wir bei Behandlung 
der Verdunstung (S. 49) gesehen. Das Nähere hierüber 
wird bei Behandlung der Mondmeteorologie besprochen. 

Die Heiterkeit der Nacht setzt Ambrosius an der 
angeführten Stelle zum Tau in Beziehung; auch Augustin 
tut das an dem oben erwähnten Ort, ebenso Basilius 
(Hex. VI, 10), der die eigentliche Ursache der Taubildung 
im Sonnenaufgang sieht. Der Tau entsteht dadurch, dass 
bei heiterem Himmel die nachts verdichtete Luft durch die 
Sonne aufgelöst und zerstreut wird. 

Dass der Wind ein besonderes Hindernis der Tau- 
bildung ist (Hann, Met. S. 246), scheinen die Kirchenväter 
nicht gewusst zu haben. Sie sprechen wenigstens nirgends 
davon. 

Wolken und Regen. Entstehung. Die Wolke ist 
eine Vereinigung von viel Wasserdampf (Philoponos in 
Arist. Met. S. 123). Da aber Wasserdampf für Philoponos 
leicht verdichtete Luft ist (in Arist. Met. S. 123), so kann 
raan einen Schritt rückwärts gehend auch sagen : eine Wolke 
ist verdichtete Luft. Wird die Wolke noch weiter ver- 
dichtet, so entstehen aus den ganz kleinen Dampfteilchen 
etwas grössere. Sobald diese Teilchen oder Tröpfchen so 
gross sind, dass sie von der Luft nicht mehr getragen werden 
können, so fallen sie als Regen zur Erde.^) Sehr schön 


*; Da die Wolken ihren Wasserdampf aus dem Wasser der 
Erdoberfläche (besonders dem Meer) beziehen, so ergibt sich hieraus 
uer Kreislauf des Wassers: A nubibus ergo rapiuntur aquae 
maris et iterum ab ipsis redduntur terris, (Isidor, de nat. rer. XXXII). 
£j hexiby ol x^lfia^QOi yiyyovzai- ndvia 6h nota^bv xelfia^^y xaiovatr ol 
*fv<nxoi' i^ i)et(oy yäg laiy noiafAibv Ttdvxoiv fi yeveaig, o^toi eigßdlXovaiy eig 
u^v d-dXcuTOcty, xal oitöhv ix zTjg Toaamtjg im^^oCag xaivöv a^f^ ti nqoayCy- 
mal, xlvog ivtxey ; inei^i^neQ i^ od xönov n^ög aift'i^v ^idi)y, eig vovzov 
.idiiy ijfaya(rt(}€(povaiy. ix yäg d-cddziijg dvf^ol (pigoytai ngdg ihffog, i^ 
wr req/tj, i$ äty ndkiv letög (Philoponos, Kosmop. III, lo). riyotto 

4^^ 


— 52 - 

stellt dies August in (de gen. ad litt. II, 4 S. 37) dar: „nubes 
quippe, sicut expefti sunt, qui inter eas in montibus ambularunt^ 
congregatione et conglobatione minutissimarum guttarum talem 
speciem reddunt: quae si spissantur amplius, ut coniungantur 
in uham grandem plures guttae minimae, non eas patitur aer 
apud se teneri, sed eius ponderi ad ima dat locum, et haec 
est pluvia'*. Diese Anschauung teilen: Basilius (Hex. III, 8),. 
Gregor von Nyssa (Hex. S. 93), Job. Philoponos (in 
Arist. Met. S. 122), Prokop von Gaza (comment. in Gen. 
S. 100), Isidor (de nat. rer. 32 und 33), Beda (de nat. rer. 
32 und 33). 

Die Verdichtung des Wasserdampfes bezw. der Luft 
kann vor sich gehen durch Abkühlung oder durch irgend 
welchen Druck. So: Job. Philoponos (in Arist. de gen» 
et corrupt. S. 93). Die Abkühlung geschieht durch das Auf- 
steigen in die von den zurückgeworfenen Sonnenstrahlen, 
nicht mehr erreichte obere Region der unteren Luft (in Arist. 
Met. S. 27). Der Druck kann beispielsweise durch den Wind 
ansgeübt werden, wenn ihm ein hohes Gebirge den Weg 
versperrt. Dies ist nach Philoponos für die südwärts 
wehenden Etesien in Arabien der Fall. Der Dampf wird 
gegen die arabischen Berge gedrückt, häuft sich an und wird 
durch die Verdichtung in Wasser verwandelt. So ist dena 
über die ganze Zeit der Etesien in Äthiopien ein quellen- 
artig niedergehender Regen zu sehen, der nicht durch Ab- 


rf' äv Tioie xal XeTivo^eQeGtiQa ztg >/ vr^g votiöog dyad^f.ilaaig, ibg i^taovaB-ac 
JiQi^g TÖy äi^a toöjiov tträ t^ kemöirji, xal ,t/^ JiQÖTsgor q^avsQOvadxti xai£ 
öxfjeai, Tioh' avtr^v JiQÖg iavzrjv av^iTzeaeiv itfi' zoiovKoy hyQciv äva&V" 
uCaatv y.al ovzct) yeviod-ai veq.og diä zr^g avfATiüJjaeog' &aze zag Xenzdg ze xah 
dz^oetSeig ixfAaÖag, zitag jukr iTtiJioXdCen' z^ digi tSiä xov(f6zi]za, xal inoxcifT- 
d-ac zoTg Tivevfjaüiv, ei 6h TiXelov fj zov hyQOV avyyeveia TiQbg adzijy av^^vtiacc 
^iaQeia yivotzo. zöze ixniTizovaav zov äiQog inl zt^v yf^v azayöva ylveaS-at^ 
Ovxovv oifx äi'dXoHjev ij y^eQ^tödr^g ötieq ix zf^g yT^g dye/nd^azo, dXX' i^ dwcHt^ 
fikv avviazri zö v^i^og, zb de vetfog avj'S'?.t,ih', ddonQ iyirezci- zovzo tfh zf^ yf^ 
ndXiv xaza^ii/d-h', eig dzubv dvriyjh], xal 6 dz/nbg ieqa)&elg M(üq iyivezo. 
^Ex 6h zovzov jidXii' fj yf^ zovg dz/nobg dTiexurjae- xdxeZroc TiaxvvS-ivzeg iv zf} 
avazdaei zibr i'e^uiv xazeg^vi^oai" xal zb dTio^^vhv TidXiv 61 dzfAOiv dveöö&rj, 
xal oiku) xvxXog zig yivezat 7i()bg kavzbv dvaazQetfwi', xal 6iä züjy a^zajtr 
del 7reQix<j»Q<^y Te xal iXiaoö^uerog. (Gregor v. Nyssa, Hex. S. 93/96.) 


- 53 - 

kühlung entsteht.^) Von Pressungswolken bezw. Pressungs- 
regen spricht Basilius (Hex. III,' 8), nur dass bei ihm die 
Verdichtung durch den Wind in freier Atmosphäre vor sich 
geht. Er kennt aber auch dieselbe Wirkung durch Ab- 
kühlung (Hex. IV, 7). Gregor voaNyssa (Hex. S. 96) 
genügt schon die blosse Ansammlung der von unten auf- 
steigenden Dämpfe zur Verdichtung und Wolken- und Regen- 
bildung. Prokop (Comment. in Gen. S. 100) spricht nur 
von Verdichtung, ohne über die Art der Verdichtung etwas 
zu sagen. 

Für Isidor (de nat. rer. 32 und 33) und Beda (de nat. , 
rer. 32 und 33) fällt gleichfalls die Abkühlung weg. Die Ver- 
dichtung denkt sich Isidor unter Zitierung Vergils (Aen. V, 
20) durch den Wind bewirkt, und zwar für die Entstehung 
der Wolken und für die des Regens, Beda nur für die Ent- 
stehung des letzteren. Für die Entstehung des Regens aus 
den Wolken kennen Isidor und Beda noch eine Möglichkeit: 
die Einwirkung der Sonne, also die Erwärmung. „Ingra- 
vescente nube modo vi expressae ventorum, modo solis calore 
dissolutae in terrae faciem sparguntur" (nämlich die Dünste 
der Wolken, Is. de nat. rer. 33). Beda (de nat. rer. 33): 
Jmbres ex nubium concreti guttulis, dum in majores stillas 
coeunt, aeris amplius non ferente natura, nunc vento impellente, 
nunc sole dissolvente pluraliter ad terram dilabuntur**. Eine 
gewisse -Inkonsequenz in dieser Auffassung hat selbst für 
den, der sich auf den Standpunkt des Autors stellt, etwas 
verwunderliches. 


*) In Arist. libr. de gen. et corr. comm. S. 93: nitpvxe 6h (nämlich 
^ ^^q) Tivxrova^ai xal eig kaviöv avvii^dveiv oi> ^6vov ^jv^öf^erog dllä xal 
^^fierog xal mXovfievog. oikü) yoOy änoSiSeix^v 6 'JlQiaTotäXrjg kv d-iqei, iy 
ij Jl&ioTiC^ toi)g hetohg ytvofiivovg- did-ouft^ytjg yäg vfig ix T<by ßoQeloiy ät^ldog 
M %(av HriaUoy nyevfjidKüv xal xotg 'Agaßixotg TtQoaniTivo'öafig ögeai fieyürrotg 
^i xal avyd-JL ißofzäy fjg dsl hnb tf^g iniyiyo^ivrig tfj mlirjaet Ttvxvovadui xal 
^k Äfa>ß fieraßdXXety. Maxi yody xöy i&y ivrjaCioy XQ^^oy iy tf} Al&i07ify xavä 
^vviyetav ö^äy xgovyfjJdy tohg hexohg xaxa(f£()Of^iyovg ifw^€(üg äTtdar^g x^Q^S' 
Es handelt sich also hier um das vom modernen Standpunkt aus als 
Steigungsregen bezeichnete Phänomen; für Philoponos ist dies kein 
Stcigungs- sondern Pressungsregen. 


— 54 - 

Von den oberhimmlischen Wassern lassen der 
Regen kommen: Theophilus (ad Antolycum II, 13) 
Ephräm (lUgens Zeitschrift für hist. Theo}. III, S. 204 Anm. 
und Ambrosius (Hex. II, 3, 12). 

Severian (Hom. III, 6) setzt Gott selbst in Tätigkeit 
Gott hat die Wolken wie Schläuche gemacht; mit diesen 
„schöpft er die salzigen Wasser des Meeres und füllt die 
Wolken, und ändert das Wasser um (d h. macht es süss), 
und tränkt die Erde^. Die Wolken leeren sich nicht sogleich, 
sondern gehen über weite Strecken hin, wohin sie der Herr 
ruft, und es ist der Befehl Gottes wie eine Fessel, die auf 
den Wolken lastet, nicht erlaubend zu regnen, bis Gott winkt. 
Damit sich die Wolken nicht auf einmal entleeren, legt Gott 
seine unsterbliche, unsichtbare Hand auf sie. Man kann sich, 
meint Severian, die ganze Einrichtung wie ein Pumpwerk 
vorstellen — und nun wird genau eine Saugpumpe mit ihrem 
Rohr, Kolben, Ventil u. s. w. beschrieben. „So liegt der 
unsichtbare Finger Gottes auf den Wolken und er gibt nach, 
soviel er will und hält zurück (rtjQd näml, Regen), soviel er 
will, auf dass er sende das Geschenk der ganzen Erde.* 

Bedeutend angenehmer macht seinem Gott die Aus- 
übung der meteorologischen Tätigkeit Melito (Apologia, 
Migne P. G. V. S. 1229). Auf Gottes blosses Wort, auf 
seinen Wink oder Befehl geschieht sein Wille. ^Posuit 
coram te nubes, quae, eo jubente, aquas in terram sitientem 
immittunt."- 

Nach Kosmas In dikopleustes (Topographia Christiana 

III, S. 152) war die Besorgung der Luft mit ihren meteoro- 
logischen Vorgängen ursprünglich dem Teufel anvertraut. 
Seit er von Gott abgefallen ist, haben Engel seine Funktionen 
übernommen (Topogr. II, S. 129). 

Wir haben gesehen, dass Severian eine Veränderung 
der Wolkenfeuchtigkeit annimmt, wobei es sich um Ent- 
fernung des in den Wolken noch vorhandenen Salzgehaltes 
handelt. Er ist der einzige nicht, der solchen in den Wolken 
annimmt. Joh. Damascenus (de fide orthod. II, 9) spricht 
z. B. vom Regen, der erst nach Durchseihung — wodurch 
ist nicht gesagt, jedenfalls durch die Luft — süss werde. 


L 


- 55 — 

Auch Isidor (de nat. rer. 33) und Beda (de nat. rer. 32) 
spreche» davon. Isidor gibt fQr die Auslaugung nur den 
einen Grund an, dass die Dämpfe der Wolke, wenn sie etwas 
dichter geworden seien, von der Sonne gekocht werden; 
Beda nennt als weiteren Grund den Weg des Regens durch 
die Luft. Obwohl also beide annehmen, dass die Dämpfe 
salzig in die Wolkenregion kommen, so scheinen sie doch 
schon wenige Kapitel später (Is. de nat. rer. 42, Beda de nat. 
rer. 41) sich dessen nidit mehr zu erinnern, sondern lassen 
uns dort ohne Widerrede (allerdings durch andere, Isidor 
durch Ambrosius, Beda durch Ungenannte) versichern, dass 
das Meer eben deshalb salzig sei, weil die Sonne die 
schwereren, erdigen Bestandteile (aus denen eben der Salz- 
gehalt hergeleitet wird) nicht zum Verdunsten bringen könne. 

Die Regenlosigkeit Ägyptens behaupten zu Beginn 
der patristischen Zeit Clemens Romanus (Recognitien 
VIII, 27) und am Schluss derselben Isidor (de nat. rer. 43) 
und Beda (de nat. rer. 43).^) 

Die Hauptregenzeit ist nach Ambrosius (Hex. 
IV, 5, 21) der Winter.») 


Auch die griechischen Philosophen waren lange in diesem Irrtum 
befangen. S. Forbiger I, S. 594 Anm. 88. 

') Aus den von Fischer (Petermanns Mitteilungen, Ergzbd. Xlil, 
5B, S. 52) angegebenen Regentagen (tkr die einzelnen Monate bin ich zu 
folgenden Regentagen für je eine Jahreszeit gekommen: 



Winter 

Frühling 

Sommer 

Herbst 

Mailand .... 

5,8 

8,a 

6,3 

7,9 

Pavia 

5>9 

7,7 

S6 

73 

Athen 

9fi 

6,5 

1,6 

• 7,^ 

Alexandrien . . 

7,7 

2,9 



1,7 


Für die italienischen Städte lagen Fischer 9jährige Beobachtungen 
vor, für Alexandrien 7jährige, ftlr Athen 11 jährige. Das Minimum der 
Regentage fällt, wie hieraus ersichtlich ist, fQr Mailand, die Heimatstadt 
des Ambrosius, gerade in die Jahreszeit, für die er ein Maximum kon- 


- 56 - 

Johannes Philoponus (in Arist. Met. S. 5) lässt die 
Zeit des Regens (s. in der Zusammenstellung S. 74 Alexan- 
drien), Schnees und Hagels in der Regel in den Winter 
fallen, die Zeit der Trockenheit und Hitze in den Sommer. 
Da er in Alexandrien zuhause ist, so kann diese Behauptung 
auf eigener Beobachtung beruhen; die Kenntnis vom Vor- 
kommen des Schnees und Hagels im Winter wird er freilich 
aus Bücherstudium oder Reisen gewonnen haben. 

Von Regenfall bei heiterem Himmel sprechen die 
Kirchenväter, soweit ich sie kenne, nirgends. Dies ist nicht 
* verwunderlich, da das Phänomen ziemlich selten ist (H a n n , 
Met. S. 296/97). 

Den Ort der Wolkenbildung finde ich bei den 
meisten Kirchenvätern, die genaueres über diesen Gegen- 
3tand mitteilen, gegen das Elementfeuer hin abgegrenzt. 

Dieser Gegenstand ist grösstenteils im dritten Kapitel 
unter „Zweiteilung der Luft" behandelt worden. Hier ist 
nur noch darauf hinzuweisen, dass Philoponos neben der 
oberen Grenze der Wolkenbildung, welche alle Kirchen- 
väter, soweit sie sich mit dieser Frage befassen, annehmen, 
noch eine untere Grenze feststellt (in Arist. Met. S. 27). 


statiert hat. Pavia dagegen zeigt sein Minimum nicht im Winter, sondern 
im Sommer. Jedenfalls fällt auch fbr Pavia das Maximum der Regen- 
tage nicht auf den Winter, so dass wir auch für die weitere Umgebung 
Mailands (ich habe auch Biella und Alessandria von diesem Gesichts- 
punkt aus untersucht) jedenfalls mit Bestimmtheit das Maximum der 
Regentage für den Winter verneinen können. Athen habe ich zum 
Vergleich hier beigesetzt. Die Lehre vom Wintermaximum des Regens 
kam natürlich von Griechenland, wo sie zutraf, nach Italien, in dessen 
südlichen und mittleren Gegenden sie auch noch richtig war. Ich habe 
bei meinen Berechnungen absichtlich die Regentage, nicht die Regen- 
mengen, benützt, weil ich glaube, dass den Kirchenvätern die Regentage 
leichter im Gedächtnis blieben als die Regenmengen, die überhaupt 
schwer zu schätzen sind. Übrigens führt die Berechnung der Regen- 
mengen zum selben Resultat: Winter 68,5; Frühling 109,9; Sommer 77,7 J 
Herbst 99,3. Auch hier das Minimum im Winter! — Messungen von 
Regenmengen wurden nach Hellmann (Neudrucke Nr. 13, S. 10) aller- 
dings in den ersten beiden Jahrhunderten unserer Zeitrechnung gemacht» 
doch haben die Kirchenväter solche nicht vorgenommen, wohl auch 
kaum die Möglichkeit derselben gekannt. 


— 57 — 

Wolken können sich erst da bilden, wo die von ^r. Erde 
zurückgeworfenen Sonnenstrahlen, allmählich sich von einander 
immer mehr entfernend, ihre wärmende Wirkung verloren 
haben. So auch Basilius (Hex. IV, 7). Dort kühlen sich 
die Dämpfe ab und werden zu Wolken und Regen. 

Ober die eigentliche Natur der Wolken hatten die 
Alten und daher auch die Kirchenväter keine völlig geklärte 
Vorstellung. Das einemal wird^ wie z. B. bei Erklärung des 
Schwebens derWolken,^) uns versichert, diese Wolken 
bestehen aus allerkleinsten Tröpfchen (B e d a , de nat. rer. 32), 
das anderemal muss ein in eine Wolke hineingeratener Wind 
die grössten Anstrengungen machen, nur um aus ihr wieder 
herauszukommen; gelingt es ihm endlich die so widerstands- 
fähige Wolke zu durchbrechen, so ist die Folge ein entsetz- 
liches Krachen, der Donner (Is., de nat. rer. 28). Die Stärke 
dieses Krachens brauchen wir uns nicht erst von Isidor. 
durch den Vergleich mit dem Getöse eines aus dem Stall 
fahrenden Viergespanns klar machen zu lassen: ein jeder hat 
schon Gewitter erlebt. Und diese Donnerschläge, die oft 
die Fenster klirren machen, sollen davon herrühren, dass ein 
in einer Wolke eingeschlossener Wind deren zartes Gewebe 
durchbrochen hat! 

Die vertikale Ausdehnung der Wolken ist nicht 
gering (Ph'iloponos in Arist. Met. S. 128). 

Über den Gang der Bewölkung finde ich bei den 
Kirchenvätern keine Bemerkung. 


*) Kretschmer (Geogr. Abhdgn. IV, S. 142 Anm. 3) will aus Greg. 
V. Nyssa (Hex. S. 93) herauslesen, dass die Wolken nicht bloss durch 
ihre Leichtigkeit sondern auch noch durch die Winde in Suspension 
erhalten werden. Dies beruht auf einem Missverständnis der Stelle: 
<«WTc idg kETitds T€ xal äTfA-oeideXg ixfAddag, zioi^ fihv ininoXäCeiv zi^ Aifti dtä 
«roydri^a xal ijio/eta&at zotg nvevfxaatv. Das inox^ia&ai ist eine Begleit- 
erscheinung des Schwebens, falls Winde wehen, keine Ursache desselben, 
t^ie Fortsetzung bei Gregor spricht unzweideutig für diese Auffassung: 
d dk 4i tov ifygov avyyäyeta TTQÖg a-^t^v av^velaa ßoLQeXa yivoixo, t6t€ 
^nlmovaav tod d^gog inl t^iv y/jr axayova ylvea^ai. Der Wind, der doch 
nach Kretschmer auch noch in Betracht käme, wird gar nicht mehr 
erwähnt. (Etwas vollständiger ist der Text zitiert S. 52 Anm.) 


- 58 - 

Der Schnee. Schnee ist nach Philoponos (in Arist. 
Met S, 128) gefrorener Wasserdampf. Philoponos iveist 
ausdrücklich darauf hin, dass der Akt des Gefrierens vor 
der Kondensation zu Wasser vor sich gehen müsse, denn 
sonst entstünde Hagel. Dieser Vorstellung schliesst sich 
Beda (de nat. rer. 35) an. Basilius (Hex. III, 8) denkt 
sich den Vorgang folgen dermassen: Ist durch die Winde eine 
Wolke zu Schaum gemacht, so gefriert die ganze Wolke im 
höchsten Grad, zerbricht und fällt als Schnee zu Boden. Ambro- 
sius (Hex. II, 4): Durch eisige Winde werden die starrenden 
Wasser zu Schnee verdichtet. Isidor (de nat. rer. 34) zitiert 
lediglich A m b r o s i u s. In den O r i g i n e s gibt er keine physika- 
lische Erklärung des Schnees. August in (de gen. ad litt. 
HI, 10): Der Schnee ist eine gefrorene Wolke. 

Der Ort der Entstehung des Schnees ist der der 
Wolken überhaupt (Philoponos in Arist Met. S. 32/33). 
Es hängt also nur von der Temperatur jenes Ortes ab, ob 
eine Wolke Regen oder Schnee liefert. 

Beda erwähnt noch, dass man sage, auf hoher See 
falle kein Schnee (de nat. rer. 35).^) 

Von Gletschern oder Firn scheint Philoponos mit 
folgender Stelle (in Arist. Met. S. 129) zu sprechen : Der stärksten 
Gefrierung wird der Schnee teilhaftig und überdauert deshalb 
auch häufig die ganze Zeit des Sommers und kann auch 
durch Zusammenhang mit der wärmsten Luft (^egfiordTi^ digi 
öfukoi^aa) nicht geschmolzen werden, er ist eine Art Eis imd 
versteinert vollständig.*) Eine ähnliche Stelle findet sich bei 
Gregor, Hex* S 96. 

Der Hagel unterscheidet sich nach Philoponos durch 
drei Verschiedenheiten vom Schnee: i. Der Ort seiner Ent- 
stehung ist in der Nähe der Erde, was aus seiner Grösse 
und daraus, dass er nicht rundlich ist (weil die Zeit seines 
Fallens durch die Luft zu kurz ist) zu schliessen ist (in Arist 

*^ S. hiezu Ideler. Meleorologia § 99. 

*^ itf/i\io»fc{rt,\r oiV .T^^CMC f x**^ rt»/o^ffa*Mil Oj9r mülcfari^ vdr jw ^i- 


— 59 — 

« 

Met. S. 123/24). 2. Er gefriert erst nach Kondensation des 
Wasserdampfes (in Arist. Met. S. 128). 3. Er ist nicht in 
dem hohen Grad gefroren wie der Schnee (in Arist. Met. 
S. 129). Der Hagel gefriert im oberen Teil der Wolke auf 
dem Weg durch dieselbe abwärts. Eine sbfche Hagelwolke 
hat eine beträchtliche vertikale Ausdehnung. Da die Wolke 
bis in die Nähe der Erde herunterreicht, so schmilzt der 
Hagel im Fallen durch den kurzen Raum der zu durch- 
messenden heissen Luft nicht (S. 128—130). Zur Entstehung 
des Hagels muss die Luft feucht und warm sein. Dies ist 
am meisten der Fall im Frühjahr und Herbst, daher ist in 
diesen Jahreszeiten ein Maximum des Hagelfalls zu erwarten.') 
Isidor (de nat. rer. 35): Hagel entsteht durch kalte Winde, 
welche das Wasser der Wolken zu Eis zusammenziehen. 
Dieses Eis wird teils durch die Winde in Stücke zerbrochen 
teils durch die Sonne in solche aufgelöst. Infolge ihres 
weiten Weges durch die Luft kommen diese Stücke rund an. 
Beda (de nat. rer. 34): Hagel entsteht durch die Kälte und 
Kraft der Winde, welche die Regentropfen gefrieren machen. 
Der Hagel löst sich rascher auf als der Schnee und fällt 
tagsüber häufiger als bei Nacht. 

Am meisten biblischer Einfluss lässt sich noch für die 
Anschauungen über die Hydrometeore nachweisen. 

Es ist hier zunächst noch nachzutragen, dass Kosmas 
iTop. I, S. 77) z. B. und ebenso Theophilus (ad Antol. 
l 6) — wohl im Anschluss an Psalm 135, 7 — die Wolken 
vom Ende der Welt kommen lassen, und dass beide an den 
genannten Stellen den Blitz zum Regen in Beziehung setzen, 
ausserdem von Schatzkammern der meteorologischen Faktoren 
sprechen.2) 

Auf biblischen Einfluss zurückzuführen sind auch die 
Meinungen der Autoren, die den Regen imd Tau aus den 
oberhimmlischen Wassern ableiten (s. S. 50 und 54). 

M Nach Fischeis Tabellen besteht ein solches für November mit 0,3 
und Februar mit 0,6. 

*) Was den Blitz und Regen anbelangt, so gehen die Texte bei 
Kosmas (datganäs elg ierdy iTtoCf^s) und Theophilus {äatganäg nXfi^vtov 
^h bn6v) etwas auseinander. S. auch Kap. V S. 67. 


— 6o — 

Wenn Isidor (de nat. rer. XXXII) zum Beweis für 
seine Theorie von der Entstehung der Wolken durch Ver- 
dichtung der Luft aus Buch Hiob zitiert, ^^subito aer cogetur 
in nubes, et ventus transiens fiigabit eas*, so möchte ich 
hieraus nicht auf biblischen Einfluss schliessen. Er zitiert ja 
auch sofort Vergil (Aen. V, 20): ,,Consurgunt venti atque 
in nubes cogitur aer". Es kam ihm nur sehr gelegen, diese 
heidnische Theorie auch durch, die Autorität der Bibel stützen 
zu können. Dasselbe gilt für de nat. rer. XXXIII, wo. die 
Herkunft der Wolken aus dem Meer mit einem Zitat aus 
Amos gelehrt wird. 


V. Kapitel. 


Die Winde. 

Entstehung des Windes.^) Die Entstehung der 
Winde konnte im Altertum dem Ausgleich hohen und nied- 
rigen Luftdrucks in der Atmosphäre nicht zugeschrieben 
werden. Man kannte den atmosphärischen Druck gar nicht. 
Dasselbe gilt für die Zeit der Kirchenväter (s. Kretschmer, 
phys. Erdk. S. 145). Von ihnen begnügen sich übrigens 
die meisten, festzustellen, dass der Wind bewegte Luft 
sei. „Mrj yäg vofäatjg äHo elvai diga^ xcu äkko ävsfiov' ainbg 
rag ö diiQ xivo'dfuvos nom äveiiov** (Severian, Hom. I, 5). 
Diese Anschauung vertreten: Ephräm (lUgens Zeitschrift 
in, S. 179.80), Prokop von Gaza (Komment, in Gen. 
S. 45/47. Prokop referiert übrigens nur). Anastasius 
(Anagog. contempl. III, S. 886 wozu I, S. 859 als Ergänzung 
dient), Damascenus (de fide orthodoxa II, 8); Clemens 
R m a n u s (Recognitien VIII , 23) , A r n o b i u s ( Adversus 
nationes, VI, 10), Augustin (de Gen ad litt. III, 10,8.72), 
Isidor (de nat. rer. XXXVI, Orig. XIII, 7, 11), Beda (de 
nat. rer. XXVI). Auch für Basiilius (Hex. VI, 10) sind die 
Winde bewegte Luft , wenn man von der Entstehung , des 
Morgenwindes auf die der Winde überhaupt schliessen darf 

Die Aristotelische Anschauung: Winde entstehen 
aus den. Erddämpfen, vertritt unter den Kirchenvätern nur 
Philoponos. Es kann schon deshalb nur von Philoponos 


^) über die Vorstellungen des Mittelalters von den Winden handelt 
kurz Kretschmer, Phys. Erdk. Geogr. Abhandlungen IV, S. 145—47. 


— 62 — 

die aristotelische Erklärung erwartet werden, weil er allein 
neben -dem Wasserdampf noch den Erddampf kennt (s. Kap. IV 
unter Verdunstung). Den Geist Gottes über den Wassern, 
der sonst vielfach als bewegte Luft erklärt wird, deutet 
Philoponos (Kosmopoiia II, 2) als Elementfeuer. Dieses selbst 
aber gilt ihm als Erddampf, wie er im selben Kapitel kurz 
vorher ausführt. 

Wenn daher Kretschmer (Phys. Erdk. S. 146) be- 
hauptet, dass man sich im Mittelalter „meist" der aristote- 
lischen Lehrmeinung anschloss, so ist das auf das spätere 
Mittelalter, die Zeit des Aristotdismus zu beziehen. Für die 
Kirchenväter gilt dies keineswegs. 

Wie kommt aber die Bewegung der Luft zu stände? 
Mit dieser Frage beschäftigen sich nur ganz Wenige. 
Kretschmer (Phys. Erdk. S. 145) nennt Isidor und 
Anastasius als solche, die uns Antwort auf unsere Frage 
geben. Isidor (de nat. rer. XXXVI) fahrt zunächst mit 
Berufung auf Lucrez als Beispiel für die Entstehung des 
Windes im Kleinen, die durch das Fächern entstehende 
Luftströmung an. Ähnlich, meint er, könnten durch weniger 
am Tag liegende Bewegungen grosser himmlischer oder ir- 
discher Körper durch einen grossen Raum der Welt hindurch 
unsere Winde entstehen. Anastasius (Anagog. cont. iii 
Hex. rV, S. 904) will die Winde mit dem Mond in Zu- 
sammenhang bringen. Zunehmender Mond bedingt zuneh- 
mende Winde und umgekehrt. Ausser diesen beiden ist 
noch Basilius hier zu nennen. Er lässt (Hex. VI, 10), wie 
bereits gesagt, den Morgenwind durch die Auflösung und 
Zerstreuung der bei Nacht verdichteten Luft entstehen. Die 
auflösende Kraft ist die Sonne. Clemens Romanus (Re- 
cognitien VIII, 23) lässt die Winde aus hohen Bergen auf 
Befehl Gottes als verdichtete und zusammengeengte Luft 
herausgeschleudert (exprimere) werden. Seine Ansicht geben 
Isidor (de nat. rer. XXXVI) und Beda (de nat rer. XXVI) 
wieder. Die Engel sind nach Kosmas (Topographia II, 
S. 117) durch Erregung {xiveiv) der Luft die Verfertiger der 
Winde. Von Vorratskammern des Windes spricht die Bibel 
zuweilen (Jen 10, 13; 51, 16. Psalm 135, 7). Aus ihnen 


- 63 - 

leiten die Winde ab: Theophilus (ad Autolycum I, 6), 
Kosmas (Topogr. I, S. 77). 

Die Winde haben im Sommer abkühlende Wir- 
kung (Clemens Romanus a. a. O.). 

Die Stärke des Windes schildert Isidor (Orig. 
Xin, II, i) so: Vis enim eius tanta est, ut non solum saxa 
et arbores evellat, sed etiam coelum terramque conturbet, 
maria commoveat. 

Die Geschwindigkeit des Windes gilt Isidor 
(Orig. XIII, II, 22) als die schnellste ihm bekannte Bewegung: 
Nihil autem velocius ventis. Von einer zeitweilig oder gar 
periodisch verschiedenen Geschwindigkeit ist nirgends die 
Rede, Eine tägliche Periode der Winde, derart, dass nachts 
Windstille herrschen würde, lässt sich vielleicht aus der 
oben genannten Stelle bei Basiliifs herauslesen, ausdrück- 
lich konstatiert wird sie nicht. Es zeigt sich eben hier, wie 
auch sonst, dass die Kirchenväter keine meteorologischen 
Beobachtungen anstellten, auch die Kenntnisse des Altertums 
sich nur bruchstückweise aneigneten, oder wenigstens in ihren 
Werken nur bruchstückweise wiedergaben. (Vergl. meine 
Darstellung des Wissens der Kirchenväter mit dem der Alten, 
in For biger. Alte Geogr. S. 603 fF.) 

Der von Philoponos auf Grund von Prediger I, 6, 7 
dargestellte Kreislauf des Windes findet sich bei 
Kretschmer (phys. Erdk. S. 146) behandelt, so dass ich 
mich mit diesem Hinweis begnügen kann. 

Von Lokalwinden führt Isidor (de nat. rer. 
XXXVII, 5) unter Angabe des Sueton als Quelle an: In 
Syrien den Syrus, in Cilicien den Carbasus, in der Propontis 
den Tracidas, in Attika den Sciron, in Gallien den Circius, 
in Spanien den Sucronensis. Ausserdem sind unzählige 
nach Flüssen, Sümpfen (stagnum) oder Grenzen benannt. 

An derselben Stelle konstatiert er noch zwei weitere 
Windarten: „Duo sunt tamen extra hos ubique Spiritus 
(Luftzüge) magis quam venti aura et altanus", wozu 
als Kommentar aus Beda (de nat. rer. XXVII) der folgende 
Satz zitiert sei : f> Aura enim est levis motus aeris in terra : 
altanus in pelago". 


- 64 - 

Von diesen schwächsten Winden gehe ich zu de 
stärksten über, den Stürmen (procellae). Sie entstehen nac 
Isidor (Orig. XIII, ii, 22) aus Flüssen oder aus Winde 
(Procellae enim aut de fluminibus aut de ventis fiunt 
Stürme sind gewaltige, mit Regen gemischte Winde (Isic 
a. a. O.). 

Der Wirbelwind ist eine kreisende Bew^ung de 
Windes. (Isidor Orig. XIII, 11, 19. Seine Entstehung win 
nicht erklärt.) 

Wie wir früher für die Hydrometeore in einer be 
stimmten die höchsten Bergspitzen nicht übersteigenden Höh< 
eine Grenze der Existenzmöglichkeit festgestellt haben, sc 
haben auch die Winde ihr nach oben ganz bestimmt ab 
gegrenztes Gebiet: Dieses fällt mit dem der Hydrometeore 
zusammen, wie aus den firüher (Kap. III, S. 42 ff.) genannter 
Stellen hervorgeht. 

Die Winde entstehen nach Philoponos (inArist. 
Met. S. 37} in der Höhe, am selben Ort, wo auch die 
Hydrometeore. Von dort kommen sie zur Erde herunter 
(Kosmop. II, 2> Sie können in jeder Himmelsrichtung ent- 
stehen und wehen einander häufig entgegen (in Arist. Met. 
S. 37). 

Die schiefe Richtung des Windes zählt Philo- 
ponos unter die Erscheinungen, die er nicht genau erklären 
kann (in Arist. Met. S. 8). 

Über die Windrose äussert sich Kretschmer (phys. 
Erdk. S. 147) folgendermassen : „Was die Anzahl der Winde 
anbelangt, so nahm man gemeinhin zwölf an (inkl. der vier 
Hauptwinde», wie auch die Alten schon, denen man auch 
die Namen derselben entlehnte. Aber eine grenzenlose Ver- 
wirrung trat hierbei ein, indem man die Namen willkürlich 
bald diesem, bald jenem Winde zuerteilte". Diese Verwir- 
rung ist nicht erst das Produkt des Mittelalters, wie schon 
aus Forbigers <I. Alte Geogr. S. 608 ff.) Darstellung und 
noch deuthcher aus Kai b eis „Antike Windrosen", Hermes 
Bd. 20 S. 579 ff. hervorgeht. 

Aus der patristischen Zeit haben wir Isidor s und 
Bedas Windrose im Westen, im Osten die des Damas- 


:h 
;n 

ti. 
d. 


- 65 - 
cenus. Die drei Darstellungen stimmen im wesentlichen 

• 

überein (s. die Figur 4). Die nicht unterstrichenen Namen sind 
die von Isidor, die doppelt unterstrichenen die von Damas- 
cenus, die einfach unterstrichenen die vonBeda gebrauchten 



Namen. Die Angaben für diese Windrose sind bei Isidor 
<de nat. rer. XXXVII), Damascenus (de fide orthodoxall, 
8^ und Beda (de nat. rer. XXVII) zu finden. 

Die in [ ] gesetzten Namen Euronotus und Libo- 
notus sind weder in Isidors de nat rer. noch in Orig. 

H o f f m a n n , Meteorologie der Kirchenvater. 5 


— 66 — 

XIII, II genannt, finden sich aber in fig. VII der dem 
Beckerschen Text als Anhang beigegebenen Illustrationen. 
Diese Zeichnungen stammen offenbar von Isidor selbst. 
Er verweist gelegentlich auf sie (s. de nat. rer. VII, 4). 
Über den Ort des Boreas oder Aquilo versäumt Isidor in 
de nat. rer. etwas anzugeben. Aus Orig. XIII, 11, 3 erfahren 
wir, dass er links vom Septentrio zu denken ist. 

Von diesen zwölf Winden sind vier venti principales : 
Septentrio, Subsolanus, Auster, Zeph3n-us, worunter zwei 
venti cardinales: Septentrio und Auster (Isidor Orig. XIII, 
9, 2 und 14). In de natura rerum XXXVII gelten alle 
vier Winde als venti cardinales. Ebenso bei Beda (de nat. 
rer. XXVII). 

Wenn Isidor in de natura rerum (XXXVII, i und 3) 
den Nordwind ex alto, den Südwind ex humili wehen lässt, 
so erklärt sich das daraus, dass er sich die Welt im Norden 
gehoben und Süden gesenkt denkt (s. Orig. III, 29). Beda 
(de nat. rer. XXVII) erklärt aus diesetn Umstand die be- 
sondere starke Erregung des Meeres durch Südwinde wie 
auch die Entstehung der Erdbeben.^) 

Über die Etesien findet sich in Orig. XIII, 11, 15 
die kurze Notiz, dass sie zu einer bestimmten Zeit — welcher 
wird nicht gesagt — direkt vom Boreas nach Ägypten 
wehen. Als ihr Gegenwind wird merkwürdigerweise nicht 
der Austroafricus (s. die Figur 4) bezeichnet, sondern der 
Auster. Philoponos haben wir diese Winde im Kapitel 
über Hydrometeore kurz erwähnen sehen. 2) 

Die Alten und daher auch die Kirchenväter 
kannten die Elektrizität nicht. Sie brachten die 
Phänomene des Donners und Blitzes mit dem Wind 
in ursächlichen Zusammenhang. 

Für die Entstehung des Blitzes finde ich vier Er- 
klärungen: I. Die stoische Ansicht (s. Forbiger, Alte 
Geogr. I, S. 623) gibt Isidor (Orig. XIII, 9, i und de nat. 


^) Von Entstehung der Erdbeben durch Winde will Kosmas 
Kap. II S. 129) nichts wissen. 

^) Weiteres über Winde ist im VI. Kapitel zu finden. 


- 67 - 

rer. XXX, i) wieder: Alle Dinge, welche gerieben werden, 
geben Feuer (z. B. Hölzer oder Steine, die aneinander ge- 
rieben werden). So ist auch die Entstehung des Blitzes durch 
die Reibung zu erklären, welche beim Zusammenstossen 
von Wolken entsteht. Ebenso Beda (de nat. rer. XXIX}. 
2. Eine andere Erklärung gibt Isidor (de nat. rer. XXX, 
3 und Orig. XIII, 8, i). Ist ein heftiger Sturmwind in 
eine Wolke geraten, so erstarkt er, wird in der Wolke 
umher getrieben, erhitzt sich und entzündet sich, durchbricht 
die Wolke, wodurch Blitz und Donner entstehen. Ebenso 
erklärt den Blitz Philoponos (in Arist. de Gen. et corr. 
S. 8), den Donner erklärt er anders, wie später gezeigt wird. 
3- August in ist nur zu entnehmen (de Gen. ad litt. III, 
IG, S. 72), dass der Blitz heftig erregte Luft ist: „qui (aer) 
commotus ventos et vehementius concitatus etiam ignes ac 
tonitrua .... facit". So gut wie wörtlich gibt diese Stelle 
Isidor (Orig. XIII, 7, i) wieder. 4. Eine vierte Theorie 
gibt Beda (de nat. rer. XXIX). Zieht die Luft von unten 
wässerige, von oben feurige Dünste zusammen, so entsteht 
durch den Kampf der beiden Dünste ein schauerliches Getöse 
fder Donner). Siegt das Feuer, so erspriesst daraus den 
Pflanzen Schaden, siegt das Wasser, Nutzen. 

Auch den Regen nennt Isidor (de nat. rer. XXX, 3) 
in Zusammenhang mit dem Blitze: „fit enim fulmen nube, 
imbre, et vento", ohne freilich über das Verhältnis von Blitz 
und Regen auch nur das Geringste weiterhin zu sagen. 

Eine gewisse Beziehung des Blitzes zum Regen nimmt 
auch die Bibel an: Jer. 10, 13 „er macht die Blitze im 
Regen".^) An eine ähnliche oder diese Stelle denkt Kosmas, 
Topogr. I, S. 77 und Theophilus (ad Autol. I, 6). Text 
hierzu s. S. 59 Anm. 2. 

Blitz bei heiterem Himmel gilt Isidor (de nat. 
rer. XXX, 2) unter Zitierung Vergils als Unmöglichkeit. 
Ebenso Beda (de nat. rer. XXX).2) 


^) Kautzsch übersetzt: „Blitze (einen Weg zu bahnen) dem Regen". 
*) Plinius, Hist. nat. II, § 137 weiss von einem solchen als 
Wunderzeichen (prodigium) za berichten. 




— 68 - 

Blitz und Donner entstehen gleichzeitig, wir sehen nur 
rascher als wir hören (Isidor, de nat. rer. XXX, 3; Beda, 
de nat. rer. XXIX). 

Das Feuer des Blitzes ist feiner als das in unserem 
Gebrauch stehende Feuer, deshalb ist es auch mehr befähigt, 
die Gegenstände zu durchdringen (Isidor, de nat. rer. XXX, 
4; Beda, de nat. rer. XXIX). 

Nacli Philoponos (in Arist Met. S. 63/66) geht die 
Bewegung der Blitze je nachdem nach oben, unten oder seit- 
wärts. Ist die die Feuersubstanz enthaltende Wolke unten 
verdichtet, so drückt der Blitz nach oben durch. Befindet 
sich die Verdichtung oben, so resultiert ein Blitz nach unten. 
Es kann auch sein, dass durch Verdichtung schwerer als die 
Luft gewordener Wasserdampf bei seinem Fallen in ihn ein- 
geschlossenes Feuer mitreisst. 

Die schräge Bewegung des Blitzes wird als Produkt 
einer je gleich starken Bewegung nach oben und unten erklärt 
Von Natur -will der Blitz nach oben ; wird er nun nach unten 
aus der Wolke geschleudert, so resultiert eine schräge Be- 
wegung, als Ausgleich der beiden entgegengesetzten Bewe- 
gungen. Philoponos denkt wohl an das Gesetz vom Be 
wegungsparallelogramm , das aber bei gleichzeitiger, gleich- 
starker Bewegung nach unten und nach oben eine Aufhebung 
jeder Bew^ung ergäbe! In seiner Erklärung mit einer Figur 
geht Philoponos falsch vor. Er bespricht eine Bewegung 
von B nach A und von r nach A, statt einer solchen etwa von 
A nach B und gleichzeitig von A nach r (s. die Figuren 5 u. 6). 

Die höher gelegenen Gegenden werden von Wind und 
Blitz mehr mitgenommen als die tieferliegenden. Dies gilt 
aber nur bis zu der früher schon angeführten Grenze der 
vertikalen Entfemungsmöglichkeit der Wolken und Winde 
von der Erde. So Isidor (de nat. rer. XXX, 5). 

Beda (de nat. rer. XXX) kennt gegen Blitze immune 
Gegenden : Scythien und Ägypten. In Scythien ist es dazu 
zu kalt, in Ägypten zu heiss. In Italien dagegen semper 
quodammodo vernat vel autumnat. Hier sind also -die Be- 
dingungen zur Blitzbildung äusserst günstig. Aus demselben 
Grund sind Blitze im Winter und Sommer selten. . Die 


69 - 


Winterluft löscht alle feurigen Dämpfe, die ihr zugeführt 
werden^ aus. Im Sommer werden die warmen und dünnen 
Dämpfe selten zu Wolken verdichtet, ohne die es nicht blitzt. 
Den Donner lässt Philoponos (in Arist. de Gen. et 
com S. 8) durch das Anschlagen des Blitzes an die darunter 
liegenden Wolken entstehen. Nach August in entsteht er 
durch heftige Erregung der Luft (s. die unter Entstehung des 
Blitzes 3) angeführte Stelle). Ambrosius (Hex. II, 4, 16): 
Der in den Wolken eingeschlossene Wind, der sich in der 
Wolke herumtreibt, um mit Gewalt durchzubrechen, macht 
den Donner. Ahnlich Isidor (de nat. rer. XXVIII): der in 
der Wolke eingeschlossene Wind durchbricht diese mit ge- 
waltigem Tosen. Ebenso Beda (de nat. rer. XXVIII). Neben 
dieser Erklärung gibt Isidor (de nat. rer. XXXVII, 4) das 
Zusammenstossen der Wolken, durch den Africus hervor- 
gebracht, als Ursache des Donners an. 

fi 



i 
I 


Fig. 5 u. 6. 


Beda (de nat. rer. XXIX): Manche sagen, der Donner 
entstehe, wenn die Luft von oben Feuerdämpfe, von unten 
Wasserdämpfe anziehe, aus dem Kampf dieser beiden. 

Die Stärke des Donners sucht Isidor klar zu 
machen, indem er das entstehende Getöse mit dem eines aus 
dem Stall ausfahrenden Vierspänners vergleicht (de nat. rer. 
XXVllI, i) oder indem er (Orig. XIII, 8, 11) versichert: 
Manchmal erschüttert er alles mit solcher Gewalt (tam gra- 
viter), dass man glauben könnte, er habe den Himmel zer- 
rissen. 

Auch die Sternschnuppen sind hier zu nennen. Sie 
stellen durch den Wind aus dem Äther herabgezogene 
Feuerteilchen dar. Sie sind keine .Sterne : stellae enim cadere 


— lo — 

non possunt (Isidor Orig. III, 70, 3); Philoponus (in 
Arist. Met. 60 ff.) bezeichnet sie als entzündete Erddämpfe. 
Als solche sind auch die Flammen {(ployeg), Fackeln {dalol) 
und Ziegen {cdyeg) zu betrachten. Ihm gelten auch die Ko- 
meten als entzündete, nur dichtere Erddämpfe, Isidor (de 
nat. rer. 26, 13 und Orig. III, 70, 16) als eigentliche Sterne. 
Alle Planeten werden zu gewissen Zeiten Kometen. 

Von den wenigen genannten Stellen, wie sie sich bei 
einem Kosmas oder Theophilus finden — bei Leuten, 
die auf die meteorologischen Vorstellimgen d«* späteren Zeit 
keinen weiteren Einfluss ausgeübt haben — abgesehen, ist 
auch für dieses Kapitel ausschliesslich griechisch- 
römischer Einfluss festzustellen. 


VI. Kapitel. 


Wetterprognose. 

Für die Zeit bis zum i8., ja noch ins 19 Jahrhundert 
hinein stellt Günther (Geophysik 11, S. 2) den Satz auf: 
„Alle Meteorologie war Astrometeorologie", während er die 
Meteorologie der neuesten Zeit wohl als Heliometeorologie be- 
zeichnen würde. So allgemein ausgesprochen könnte vielleicht 
dieser Satz falsche Vorstellungen erwecken. Zunächst ist darauf 
hinzuweisen, dass gerade der Hauptmeteorologe des Altertums, 
Aristoteles, die meteorologischen Erscheinungen wesent- 
lich nur mit der Sonne in ursächlichen Zusammenhang bringt. 

Die Kirchenväter verneinen zwar alle die Astrologie 
auf das bestimmteste, erkennen aber der Astrometeorologie 
eine gewisse Berechtigung zu, so zwar, dass man nicht sagen 
kann, dass alle Meteorologie Astrometeorologie gewesen 
wäre, dass aber doch die Sterne, überhaupt der Himmel für 
die Wetterprognose in Betracht gezogen wurden. Auch für 
dieses Gebiet der Meteorologie suchte man durchaus nicht 
auf Grund der Sternebeobachtung allein Aufschluss zu 
erhalten. 

Bei Betrachtung von Genesis I, 14 ff. zeigen die Kirchen- 
väter ganz allgemein, dass sie von den Sternen Zeichen für 
die Witterung erwarten. Vergl. z. B. Severian (Hom. III, 3); 
Basilius (Hex. VI, 4); Prokop (comment. in Gen. S. 92); 
Origines (contr. Cels. V, 12); Isidor (Orig. III, 70, 4); 
Beda (in lib. Gen. unter „Et sint in signa et tempora et 
dies et annos"). Es handelt sich dabei um Zeichen für 
Witterung im speziellen Fall oder im allgemeinen für die 
Jahreszeiten. 


- 72 - 

Dabei haben wir es immer mit einem Anmelden der 
kommenden Witterung zu tun, nicht mit einem Machen der- 
selben. Isidor dag^en in Origines HI, 70 berichtet uns von 
einer Reihe von Sternen, welche Regen (z. B. die Hyaden) 
oder Hitze (das Hundsgestirn) machen, doch findet sich am 
Schluss seiner Aufzählung (Orig. III, 70, 38) die Bemerkung : 
Horum igitur signorum ' observationes vel geneses, vel cetera 
superstitiosa, quae se ad cognitionem siderum coniungunt, 
id est ad notitiam fatorum, et fidei nostrae sine dubitatione 
contraria sunt, sie ignorari debent a Chrlstianis, ut nee scripta 
esse videantur. Ohne einen solchen Zusatz spricht B e d a 
fde nat. rer. XI) von der Astrometeorologie, doch haben wir 
hier nicht die eigene Meinung Bedas vor uns, die er vielmehr 
in de temporum ratione ganz klar ausspricht (s. S. 73 u. 74). Es 
muss hier auch auf die in Kap. V dargestellte Theorie Isidors 
von der Entstehung der Winde durch uns verborgene Be- 
wegungen himmlischer oder irdischer Körper durch den 
Weltraum hingewiesen werden. 

Die Kometen zeigen nach Isidor (Orig. III, 70, 16) 
Pest, Hunger (also Dürre) oder Krieg an, nach Beda (de 
nat. rer. XXIV) Hitze, Winde, Kriege, Pest oder eine Ände- 
rung im Regimente (mutationem regni). Sie stehen ako in 
sehr losem Zusammenhang zum Wetter. Anders Philo- 
ponos (in Arist. Met. S. 99). Die Kometen gelten ihm im 
Gegensatz zu Isidor und Beda nicht als Sterne, sondern als 
verdichteter und in Brand geratener Erddampf. Erddampf 
ist die Substanz des Windes. Dieser Erddampf verwandelt 
auch den Wasserdampf in Erddämpfe und erzeugt Winde. 

Ruten ((mßdot) zeigen ungeheure Regen und Stürme 
(xeiiiiwvag) oder überhaupt eine weitausgedehnte Veränderung 
der Luft an (Bas. Hex. VI, 4). 

In einen ursächlichen Zusammenhang zur Luftbeschaffen- 
heit setzt Basilius (Hex. VI, 4) den Mond:^) 


*) HoXXä (Sk xal ji€Qi aekiiVTiv äv^ofjiivriv IJ Iriyovaa vol TOVTOig iff/o 
Xctxözeg rerij^i^xacTt orifieuhdri , <hg tot 71£qX yfjy äiQog ävayxaliag roig 
ö^i^fÄCUTiy ävTf/g avfA^etaßcLkXofAevov. ^Jemi^, filv yaQ o^aa tisqI T^izf^y i^fi-ioav 
xal xad-agä, atad-€{)äy ed^Cav xatenayyikXetai, : Tia/eia ^k vatg xegalaig xal i)7i 
e'Qv&gog ipatvofiivri, JJ vötag Xdßgov djid petfdiy fj vötov ßtalav xCvriatv dneiXei. 


- 73 - 

Das Ab- und Zunehmen der Windstärke setzt Anä- 
stasius (in Hex. IV, S. 904) in Beziehung zum Ab- und 
Zunehmen des Mondes.^) 

Bisher tritt uns der Mond als Wettermacher ent- 
gegen. Im Folgenden gilt er nur als Wetter böte. 

Basilius (Hex. XI, 4). Ist der Mond mit wässerigen 
Dünsten umgeben (ijieidäv ^ ae^vri TceQih/tivd'Cfirai))^ so deutet 
das auf grosse Luftfeuchtigkeit oder Erregung gewaltiger 
Winde. 

Isidor (de nat. rer. XXXVIII) zitiert Nigidius Figulus: 
Hat der Mond zu Beginn des Monats am oberen Teil des Horns 
schwarze Flecken, so sind Regen zu erwarten, zeigen sich 
diese Flecken in der Mitte des Monats, so ist Aussicht auf 
Heiterkeit vorhanden, wenn seine Hörher voll sind (tunc cum 
plena sint in ea cornicula, serenitatem ait fore). Rötet sich 
der Mond wie Gold, so zeigt das Winde an — der Wind 
entsteht nämlich durch die Dichtigkeit der Luft, und infolge 
letzterer röten sich Sonne und Mond. Sind die Hörner des 
Mondes mit Nebel bedeckt, so steht Unwetter (tempestas) in 
Aussicht. Aratus meint, wenn das nördliche Hörn des 
Mondes weiter ausgestreckt sei, so drohe Nordwind, ist das 
südliche weiter ausgestreckt, Südwind. Das vierte Mond- 
viertel wird für den zuverlässigsten Anzeiger der Winde 
gehalten, weshalb Vergilius (Georg. I, 432) sagt: Sin ortu 
quarto, namque is certissimus auctor. 

Isidor verhält sich lediglich referierend. Seine eigene 
Meinung über diese Dinge haben wir oben (S. 72) kennen 
gelernt: der Christ soll sich mit solchen Dingen nicht befassen. 
Man darf billig fragen : Warum erwähnt er sie dann in seinen 
Schriften und zwar wie in de natura rerum, ohne eine Miss- 
billigung solcher Meinungen beizufügen:^ 

Beda (de temp. rat. XXV) spricht sich wie folgt über 
die Mondmeteorologie aus : Sunt qui auras explorari conati. 


*) Hierauf, wie auch auf die obenerwähnte Theorie Isidors vom 
ursächlichen Zusammenhang zwischen Wind und Bewegung von himm- 
lischen bezw. irdischen Körpern im Weltraum, hat bereits Kretschmer 
die Aufmerksamkeit gelenkt (s. Geogr. Abhdlgn. IV, S. 145). 


— 74 - 

dicant lunäm novam, quoties supino eorum utroque videatur, 
tempestuosum mensetn: quoties erecto uno serenum por- 
tendere. Quod longe aliter esse naturalis ratio 
prodit. Quid enim? numquid credibile est, lunae statum, 
qui fixus in aetbere permanet, pro subjacentium mutatione 
flaborum, vel nubium posse aliorsum quam fiierat converti, 
et eam, quasi futurae metu tempestatis aliquanto altius eorum^ 
quam naturae ordo poscebät attolere? Maxime cum non 
omnibus in terris idem fluctuantium possit existere flatus 
aurarum, lunae autem stätus idem, eademque sit pro Variante 
solis disgressu conversio. Sed qui curiosi sunt hujus- 
modi rerum, coloris^) vel ejus, vel solis, vel coeli 
ipsius, vel stellarum sive nubium mutatione, vel 
aliis quibus Übet indiciis saepe statum aeris, qui 
sit futurus explorant 

Dass der Glaiibe an eine Einwirkung des Mondes auf 
die Witterung in der patristischen Zeit bestanden hat, sahen 
wir schon aus dem Beispiel des Basilius und Anastasius, 
zeigt auch folgende Stelle aus Ambrosius (Hex. VII, 30), 
die zugleich dessen Stellung zu diesem Glauben zu erkennen 
gibt: „Viele gelehrte und christlich gesinnte Leute haben 
behauptet, durch den Aufgang des Mondes pflege die Luft 
verändert zu werden. Wenn dies durch eine gewisse Zwangs- 
wirkung der Mondveränderung (mutationis lunaris quadam 
violentia) geschähe, so müsse bei allen Mondaufgängen der 
Himmel mit Wolken bedeckt werden. Regen hernieder- 
gegossen werden/' Er erzählt dann, ein Gespräch, das er 
mit anderen geführt, habe vom Regen gehandelt, den man 
hätte nötig brauchen können. „Der Neumond wird ihn 
geben'', habe einer gesagt. Er, (Ambrosius), obgleich er an 
sich sehr gewünscht hätte, dass es regne, sei dann sehr 
erfreut gewesen, als der Neumond ohne Regen geblieben sei, 


*) Das Zustandekommen der Farben denkt sich Beda jedenfalls 
wie Nigidius als eine Folge der Luftbeschaffenheit (s. S. 73). Wir 
müssen das annehmen, denn wären sie den betreffenden Sternen, der 
Sonne, dem Mond, dem Himmel eigen, so müsste ja, wie Beda ganz 
richtig ausführt, die Wirkung auf der ganzen Welt zeitlich dieselbe sein, 
was nach Beda nicht der Fall ist. 


— 75 - 

bis dann auf die Bitten der Kirche Regen gegeben und dadurch 
gezeigt worden sei, dass man ihn nicht vom Monde, sondern 
von der Vorsehung und Barmherzigkeit Gottes zu erwarten 
habe. 

Erscheint die Sonne bei ihtem Aufgang rot, so 
deutet das auf Unwetter^) (Basilius Hex. VI, 4). Isidor 
(de nat. rer. XXXVIII, 4) im Anschluss an Vergil: Ist die 
Sonne bei ihrem Aufgang fleckig, verbirgt sich hinter einer 
Wolke oder ist sie nur zur Hälfte sichtbar, so steht Regen 
bevor. V a r r o sagt : Wenn die Sonne hohl gesehen wird, so 
dass sie in der Mitte glänzt und Strahlen teils zum Auster, 
teils zum Aquilo sendet, so bedeutet das feuchtes, windiges 
Wetter. (XXXVIII, 5.) Derselbe : Ist die Sonne beim Unter- 
gang rötlich, so wird ein heiterer (sincerus) Tag sein, hat 
sie eine blasse Farbe, so deutet das auf schlechtes Wetter. 
Nigi dius: Geht die Sonne bleich in schwarzen Wolken unter, 
so deutet dies auf Nordwind (aquilo). Der Herr im Evan- 
gelium (Matth. 16, 2): Ist der Himmel abends rötlich, wirds 
am anderen Morgen heiteres Wetter geben. Ist der Himmel 
morgens rötlich und trüb, so ist ein Ungewitter (tempestas) 
zu gewärtigen. Dasselbe enthält Beda (de nat. rer. XXXVI), 
nur ohne Angabe seiner Quellen. 

Die Nebensonnen deuten nach Basilius (Hex. VI, 4) 
auf Vorgänge in der Luft; welche? wird nicht gesagt. 

Vom Regenbogen als Regenboten spricht Ambrosius 
(de Noe et Area XXVII). 

Wind ist von der Seite zu erwarten, an welcher die 
Wolken zerteilt sind und den Ausblick in den Himmel 
eröffnen. (Beda, de nat. rer. XXXVI.) 

Aufsteigende Nebel bringen trübes, absteigende schönes 
Wetter. (Isidor Orig. XIII, 10, 10.) 

Ziemlich eingehend beschäftigen sich die Kirchenväter 
mit der Tiermeteorologie. Unter den Tieren sind es 
besonders die Vögel, denen man teilweise eine Kenntnis des 


*) Ich gebrauche absichtlich dieses farblose Wort, da auch das 
griechische Wort pf^e^wr (Winterwetter) ein ziemlich vager Ausdruck ist. 


- 76 - 

ZU erwartenden Wetters und dementsprechendes Verhalten 
zuschrieb. . 

Die Jahreszeiten werden angekündigt durch die Wan der- 
vögel. Ambrosius (Hex. V, 9, 24) ist hierüber folgendes 
zu entnehmen: Einige von diesen Wandervögeln kehren nach 
Ablauf des Winters zurück, andere treffen im Winter ein, 
während sie sommers auswandern. Die Ankunft der Drosseln 
fällt in das Ende des Herbstes, die. der Störche in den 
Frühling. I s i d o r erwähnt nofch die Krähen, Wachteln und 
Schwalben (Orig. XII, 16, 64, 70). 

Eine vierzehntägige Unterbrechung des Winters etwa 
in dessen Mitte ^) tritt nach Ambrosius (Hex. V, 13, 40) 
dem Eisvogel zuliebe ein, damit er seine Eier ausbrüten kann: 
„Ubi undosum fuerit mare, positis ovis, subito mitescit, et 
omnes cadunt ventorum procellae, flatusque aurarum quies- 
cunt, ac placidum ventis stat mare donec ova foveat halcyone 
süa.*' Sieben. Tage dienen dem Ausbrüten der Eier, weitere 
sieben dem Heranwachsen der Jungen. Ganz dasselbe findet 
sich bei Basilius (Hex. VIII, 5), auch Isidor (Orig. XII, 25) 
stellt, nur kürzer, dasselbe fest. Es ist darauf zu achten, dass nach 
Anschauung der Kirchenväter nicht etwa der Eisvogel die Wind- 
stille vorausfühlt, diese entsteht vielmehr auf Gottes Anordnung, 
damit der Eisvogel in Ruhe legen kann, wenigstens stellen Basi- 
lius (a. a. O.) und Ambrosius (a. a. O.) dies ganz ausdrücklich 
fest. Diese vierzehn Tage nennen die Schiffer Halkyoniden 
und befürchten während ihrer Dauer keinerlei Stürme (A m- 
b r o s. : a. a. O.). Die Eisvogelzeit ist also ein von den 
Schiffern beobachtetes Faktum. Das einzige neuere Werk, 
welches dieser Erscheinung völlig gerecht wird, ist dasjenige 
von Neumann und Partsch.^) 

Weitere Vögel, denen man eine Vorauskenntnis des 
Wetters zuschrieb, sind: der Taucher. Erwähnt wird er 


*) Genauer gibt Plinius (II, § 125) die Zeit an : ante brumam auteni 
Septem diebus totidemque post eam sternitur mare alcyonum feturae, 
unde nomen dies traxere. 

^) C Neumann-Partsch, Physikalische Geographie von Griechen- 
land, Breslau 1885, S 92ff. 


— 77 - 

bei Ambrosius (Hex. V, 43) und Isidor (Orig. XII, 7, 54). 
Durch häufiges Tatrehen sammelt er unter den Fluten Vor- 
zeichen für die Witterung. Sieht er Unwetter (tempestas) 
voraus, so eilt er mit Geschrei ans Ufer. Auf hoher See 
hat das Unwetter schon eine beträchtliche Stärke erreicht, 
wenn er am Ufer ankommt (Den letzten Satz enthält Am- 
brosius nicht.) Das Blässhuhn hat sein Nest mitten im 
Wasser, oder in vom Wasser ausgespülten Felsen. (Isidor 
Orig. XII, .7, 53). Sein besonderes Ergötzen bildet die tiefe 
See. Sieht es Unwetter voraus, so flieht es und spielt in 
Untiefen. (Ambrosius, Hex. V, 13, 43; Isidor a. a. O.) 
Der Reiher fürchtet den Regen und fliegt über die Wolken 
hinaus, um den Sturm der Wolken nicht fühlen zu müssen. 
(Ambrosius a a. O.; Isidor a. a. O 21.)^) Fliegt er also über 
die Wolken hinaus, so bedeutet das Unwetter (Isidora a. 
0. 21 ). Die Krähe soll auch Regen anzeigen ; was die 
Augurn sonst von ihr sagen zu glauben, wäre Sünde (Isidor, 
Orig. XII, 7, 44K Eine Änderung der Windrichtung gegen 
Süden ist zu erwarten, wenn Schwalben herumfliegen. (Isi- 
dor nat. rer. XXXVIII) Näheres sagt Isidor nicht. 

Über die Wetterpro phetie des Seeigels hat sich Ba- 
silius (Hex. VII, 5) von Küstenbewohnern sagen lassen, 
dass dieses Tier die Schiffer über Windstille oder Sturm 
('dvd(j)v eigentliche Bedeutung : Wogenschlag) unterrichtet. 
Sieht er Sturm (TaQaxijv ävificov) voraus, so benützt er ein 
Steinchen als Anker und schwankt so sicher auf den Wellen 
hin und her. Kein Astrologe, kein Chaldäer, sondern der 
Herr des Meeres und der Winde hat ihn das gelehrt Ebenso 
Ambrosius (Hex. V, 9, 24). 


^) Im Kapitel über die Luft haben wir gesehen, dass die Vögel 
<iie Wolken nicht überfliegen können, wenigstens nicht, wenn letztere 
sich an der äussersten Grenze ihrer vertikalen Entfernungstpöglichkeit 
von der Erde befinden. Man kann zu Gunsten des Ambrosius und 
Isidor sagen, dass ja die Wolken nicht immer an dieser . äussersten 
Grenze stehen müssen, doch ist das immerhin eine Möglichkeit, an 
welche die beiden Schriftsteller offenbar nicht dachten, sonst hätten sie 
uns wohl auch Auskunft darüber gegeben, was der Reiher in einer solchen 
Lage tut. ... 


- 78 - 

Auch aus den jeweiligen Winden kann man auf das 
kommende Wetter schliessen. Ganz allgemein stellt Isidor 
(Orig. XIII, II, 13) fest: Alle Nordwinde sind von 
Natur trocken und kalt, alle Südwinde feucht und 
warm. Über die Winde im besonderen finde ich im all- 
gemeinen bei den Kirchenvätern nichts, nur Isidor und 
Beda machen eine Ausnahme. 

Septentrio ist kalt und schneebringend (nivalis), er 
macht trockene Kälte und trocknet die Wolken auf. (Isidor 
de nat. rer. XXX VU, iJ^) 

Beda (de nat rer. XXXVII) lässt im Gegensatz hierzu 
den Septentrio Wolken machen (faciens frigora et nubes). 
Circius macht Schnee und Hagel (Isidor a. a. O.); ebenso 
Beda (a. a. O.). Aquilo ist sehr kalt und trocken, und ohne 
Regen. Er zerteilt die Wolken nicht, sondern zieht sie zu- 
sammen. (Isidor a. a. O.) Beda (a. a. O.): Aquilo zieht 
Wolken zusammen. Im Gegensatz hierzu steht Isidor 
Orig. Xin, II, 13), wo die Wolke durch den Aquilo zer- 
streut wird. 2' 

Subsolanus ist gemässigt (Isidor, de nat. rer. 
XXXVII, 2; Beda, a. a. O.). Vulturnus löst alles auf 
und trocknet es auf (Isidor, a. a. O. und Beda, a. a. O.j. 


*) Die Stelle leidet an Unklarheit Auf der einen Seite ist der 
Septentrio schneebringend (nivalis), auf der andern trocknet er die 
Wolken auf. Siber (Bayerische Annalen 1832, 5.298) übersetzt: „macht 
trockene Kälte und trockene Wolken". Er hatte offenbar den von Are- 
valo hergestellten Text vor sich, wo statt „facit arida frigora et siccat 
nubes*' „facit arida frigora et siccas nubes" gelesen wird. Siccas stellt 
lediglich eine Conjektur Arevalos dar, der überlieferte Text hat siccat. 
Trockene Wolken lassen sich nach Isidors Anschauung von den Wolken 
kaum denken. Das Wesen der Wolke ist eben, dass sie feucht ist und 
feuchte Meteore abgibt. Es spricht also auch ein sachlicher Grund für 
den überlieferten Text siccat nubes, der überhaupt nicht ohne Not ge- 
ändert werden darf Lesen wir aber „siccat nubes", so ist die Schwierig- 
keit die, dass der Nordwind schneebringend ist und doch auch die 
Wolken auftrocknet (verdunstet). Übersetzen wir nivalis mit schnee- 
artig, d. h, die Temperatur des Schnees besitzend, also kalt, so wäre 
geholfen, doch trage ich Bedenken, diese Obersetzung zu empfehlen, da 
ja der Begriff der Kälte schon in frigidus zur Genüge Ausdruck findet. 

^) Aquilo, ideo quod aquas distringat et nubes dissipat. 


- 79 ~ 

Er donnert in der Höhe (alte) Isidor (Orig. XIII, ii, 5). 
Eurus erfüllt (inrigat) den Osten mit Wolken (Isidor, de 
nat. rer. XXXVII, 2); Beda (a. a. O.): er erzeugt Wolken. 
Auster ist feucht, warm und blitzreich, erzeugt reichliche 
ilargus) Wolken und weitausgedehnte Regen (latissimas 
pluvias) (Isidor, de nat. rer. XXXVII, 3). Beda (a. a. OJ: 
er ist feucht, warm und blitzreich. Die weitere Notiz Isi- 
dors hat er nicht. Euroauster ist warm (Isidor, a.a.O.; 
Beda a. a. O.). Aust roafricus des Isidor = Euronotus 
des Beda: er ist gemässigt, warm (Isidor, a.a.O.; Beda, 
a. a. 0.). Zephyrus mildert die Strenge des Winters (Isidor, 
de natura rerum XXXVII, 4; Beda, a. a. O.). Africus 
erzeugt Unwetter und Regen, macht das Zusammenstossen 
der Wolken und den Donner und Blitze (Isidor, a. a. O.; 
Beda, a. a. O.); er ist stürmisch (tempestuosus), erzeugt 
Donner und Blitze. Corus macht im Orient bedecktes, in 
Indien heiteres Wetter (Isidor, a. a. O. ; Beda, a. a. O.). 
Dieses ganze Kapitel weist nicht den geringsten biblischen 
Einfluss auf. Durch den Hinweis Isidors auf die Wetter- 
prognose des „Herrn" dürfen wir uns nicht irreleiten lassen 
Isidor war mindestens diese Wetterprognose auch aus 
seinen Studien in heidnischen Schriftstellern bekannt. So 
spricht auch z. B. Basilius, wenigstens von der schlechtes 
Wetter ankündigenden Rötung der Sonne bei ihrem Aufgang, 
ohne auf das Evangelium zu verweisen. 


VII. Kapiteh 


Optische Phänomene. 

Optische. Phänomene finde ich relativ selten besprochen. 
Am meisten Aufmerksamkeit lenkte offenbar der Regen- 
bogen auf sich. Philoponos (in Arist. Met., S. 2) erklärt 
ihn ausdrücklich für optische Täuschung. Clemens Roma- 
nus (Recogn. VIII, 42) weiss über den Regenbogen zu sagen: 
Wie ein Ring in Wachs abgedrückt wird, so wird in der 
Luft der Regenbogen abgedrückt. Scheint die Sonne auf 
dünne Wolken (rarescentes nubes), so haftet sie ihnen ihr 
Bild (typus) an und gibt einen Bogen wieder, bewirkt durch 
die Zurückwerfung ^) des Sonnenglanzes in den Wolken. Für 
die Entstehung des Phänomens ist wesentlich, dass die Wolken 
dünn sind;- verdichtet sich die Wolke, so verschwindet der 
Regenbogen. Grundbedingung für Entstehung des Regen- 
bogens ist das Vorhandensein der Sonne und einer Wolke. 
Über den Stand der Sonne zur Wolke wird nichts gesagt. 
Dies holt Isidor (de nat. rer. XXXI) unter — allerdings 
nicht wörtlicher — Zitierung des Clemens nach: die Sonne 
muss der Wolke gegenüberstehen. Über die Höhe des 
Sonnenstandes im Verhältnis zur Wolke sagt Isidor nichts. 
In den Origines (XIII, 10, i): Der Regenbogen entsteht, wenn 
hohle 2) Wolken aus gegenüberliegender Richtung den Strahl 
der Sonne erhalten und die Form eines Bogens bilden. Wie 
die Bildung der Bogenform zu denken sei, wird nicht gesagt. 

^) Ob wir es mit einer Reflexion in unserem modernen Sinn zu 
tun haben, geht aus der Stelle nicht hervor. 

*) Isidor dachte sich wohl die betreffenden Wolken als Hohl- 
spiegel (s. Seneca, Quaest. nat. I, 4). 


- 8i - 

Ob wir es bei der Bildung des Regenbogens mit einer Re- 
flexion in unserem Sinn zu tun haben, kann auf Grund der 
Stelle bei Clemens und Isidor nicht entschieden werden. 
Bei Beda kann es sich jedenfalls um eine solche nicht 

handeln. 

Beda (de nat. rer. XXXI) lässt wohl im Anschluss an 
Plinius II, § 150 den Regenbogen entstehen, wenn die Spitze 
des Sonnenstrahls, nachdem er die Wolke getroffen, gegen 
die Sonne zurückgeworfen wird.^) 

Philoponos (iti Arist. Met. S. 70) kommt nur an- 
deutungsweise auf den Regenbogen zu sprechen. Er erklärt 
ihn als Reflexion unserer Sehstrahlen in den als Spiegel 
dienenden kleinen Tropfen gegen die Sonne. Die Farben 
des Regenbogens bespricht er nicht, sondern verweist auf 
Buch III der Pragmatia des Aristoteles. 

Rücksichtlich der Farben des Regenbogens sind 
Isidor (a. a. O.) und Beda (a. a. O.) nur bezüglich der 
Zahl einig: der Regenbogen hat vier Farben. Er erhält: 

nach Isidor: nach Beda: 

vom Himmel die feuerartige vom Himmel die feuerartige 

(igneus) Farbe, (igneus) Farbe, 

vom Wasser die purpurne vom Wasser die purpurne 

Farbe, Farbe, 

von der Luft die weisse von der Luft die blaue 

(albus) Farbe, (hyacintinus) Farbe, 

von der Erde die schwarze von der Erde die grüne 

(niger) Farbe, (gramineus) Farbe. 


^) Arcus in aere quadricolor, ex sole adverso nubibusque formatur, 
dum radius solis immissus cavae nubi, repulsa acie in s o 1 e m refringitur, 
Repulsa acie tibersetze ich: nachdem die Spitze (nämlich des Sonnen- 
strahls) gegen die Sonne zurückgetrieben (umgebogen) ist, so dass diese 
Spitze wieder der Sonne zugekehrt ist. Der Sonnenstrahl ist wohl als 
Pfeil und als etwas Materielles zu denken (s. Röscher, Lexikon d. griech. 
^- röm. Mythologie I, 2, S. 1999 und Plin. 36, § 64). Auch die Wolken 
fnüssen wir uns, wie in Kap. IV gezeigt worden ist, widerstandsfähiger 
vorstellen, als wir es von unseren modernen Begriffen aus gewöhnt 
sind. Der Sonnenstrahl wird also von der Sonne mit der Spitze gegen 
die Wolke geschickt, an dieser wird er umgedreht und kehrt mit der 

Hoffmann, Meteorologie der Kirchenväter. O 


- 82 - 

Die Farben lässt Isidor in den Origines (XIII, lo, i) 
dadurch entstehen, dass das Wasser dünn, die Luft hell 
(lucidus), die Wolken dunkel (caligantes) sind. Konunt hiezu 
die Bestrahlung durch die Sonne, so entstehen die ver- 
schiedenen Farben. Ihre Zahl wird nicht genannt. 

Den Mondregenbogen konstatiert Beda (a. a. O.), 
doch ist er selten und hat Vollmond zur Voraussetzung. 
Ambrosius (De Noe et Area XXVII) will von einem Mond- 
regenbogen nichts wissen. Auch ist unser Regenbogen nicht 
mit dem Gen. 9, 13 genannten gleichzusetzen. 

Sommers ist der Regenbogen seltener zu sehen als 
winters (Beda, a. a. O.). 

Die verschiedenen Farben der Wolken erklärt 
Philoponos auf zwei Arten: i. Läuft eine Wolke unter 
einer im Elementfeuer entstandenen feurigen Stelle hindurch, 
so schimmert der Glanz durch die Wolken. Durch die 
Mischung der schwarzen Farbe der Wolken mit dem Glanz 
der feurigen Stelle im Elementfeuer entstehen die verschie- 
denen Farben, die als optische Täuschungen zu betrachten 
sind. Die Feuererscheinung im Elementfeuer darf nicht gross 
sein, weil sie sonst die Wolke auflösen würde. 2. Die Wolke 
ist im Gegensatz zum ersten Fall dicht und undurchsichtig. 
Jetzt darf die Feuererscheinung nicht mehr senkrecht über 
die Wolke, muss ihr vielmehr schräg gegenüber stehen, und 
es handelt sich in diesem Fall um Zurückwerfung unserer 
Sehstrahlen gegen die Lichterscheinung (dyg rag öipeig fjficbv, 
Tag elg tö vi^og ifiTtiTtrovaag im Tfjv ixTivQcoGiv dvaxlio/iivag 
q)iQea^ai ^ inl töv ijhov fj inl ttjv GElfjvfjv in Arist. Met. S. 69/70). 

Auf ähnliche Ursachen sind die Schlünde {xdofjuxTa) und 
Löcher (ßöd^uvoi) und blutfarbenen Erscheinungen (Nordlicht?) in 
der Luft zurückzuführen (in Arist. Met. S. 67 ff*.). Es handelt 
sich dabei um das Durchschimmern einer Feuererscheinung 
im Elementfeuer durch dünne Wolken. Die Sonne und der 


Spitze gegen die Sonne zu dieser zurück. Weshalb die Wolke gerade 
hohl zu sein braucht, ist nicht recht verständlich. 

^) Er steht hiemit in Gegensatz zu Plinius (Hist. nat. II, § 150) 
der ihn ausdrücklich leugnet. 


- 83 - 

Wind lösen diesen Wolkenschleier auf, daher sind die ge- 
nannten Erscheinungen nur nachts und bei Windstille zu 
beobachten (in Arist. Met S. 68). 

Das Morgenrot erklärt Basilius (Hex. VI, 4) so: 
Geschieht der Sonnenaufgang durch Nebel (dl dxi'^os) hin- 
durch, so werden infolge der Dichtigkeit der Luft die Sonnen- 
strahlen gerötet. Aus der gleichen Ursache erklärt Philo- 
ponos (in Arist. Met. S. 70) Morgen- und Abendrot. 

Sonnen- und Mondhöfe, sowie Nebensonnen 
erwähnt zwar Basilius (a. a. O.), erklärt sie aber nicht. 

Ganz merkwürdig erklärt Ambrosius die Erscheinung 
der Dämmerung. Der Schöpfungsbericht spricht zunächst 
von Erschaffung des Lichtes, dann wird später noch besonders 
die Erschaffung von Sonne, Mond und Sternen erzählt. Das 
erste Licht lassen die Kirchenväter entweder mit den später 
geschaffenen Sternen als Träger desselben zusammenfallen 
(Basilius, Hex. VI, 2), oder man dachte sich das Sonnen- 
licht als aus Umwandlung des ersten Lichtes entstanden 
Severian, Hom. III, 2). Nicht so Ambrosius. Er kon- 
statiert das erste Licht im Unterschied vom Sonnenlicht als 
noch bestehend. Hex. IV, 3, 8: consideremus quia aUud est 
lumen diei, aliud lumen solis et lunae, et stellarum, eo quod 
sol radiis suis fulgorem diurno videatur adiungere, quod vel 
ortus diei potest prodere vel occasus. Nam ante solem 
lucet quidem, sed non refulget, dies. — (Hex. IV, 3, 9) 
Das erste Licht (lux), das eigentliche Tageslicht, ist einfacher 
Xatur: es leuchtet bloss. Das Sonnenlicht ist zweifacher Art: 
I. es leuchtet, 2. es hat die Kraft, die Verdampfung zu be- 
wirken. Das Sonnenlicht ist nämlich feuriger Natur: ignis 
autem et illuminat et exurit. — (Hex. IV, 3, 9) Non solum 
u n u m Signum, sed etiam duo voluit esse diurnae distinctionis 
äcnocturnae; et lux discretionem faciat, et solis exortus; 
et iterum lucis defectus, et stellarum ortus inter occasum diei 
distinguat, et noctis exordium. Nam ubi occiderit sol, 
^anet tarnen adhuc aliquid reliquiarum diei, donec 
tenebrae terram operiant: et tunc luna oritur et stellae. 

Es ist klar, dass es sich hier um die Dämmerung handelt, 

<iie Ambrosius als das Ur licht anspricht. Ähnlich Beda 

6* 


- 84 - 

(in lib. Gen. unter „ut lucerent super terram" etc.), der aber 
die Dämmerung nur mit jenem Urlicht vergleicht. 

Konstatieren wir auch hier kurz den Einfluss der Bibel. 
Über die Entstehung und Farben des Regenbogens ist in der 
Bibel nichts zu finden, ebensowenig über den Mondregen- 
bogen oder über die Zeit des Vorkommens des Regenbogens. 
Philoponos' Erklärung der verschiedenen Farben in den 
Wolken stammt von Aristo teles. Die physikalische Erklärung 
des Morgenrots ist in der Bibel nicht zu finden. Es bleibt 
also nur für die Dämmerung des Ambrosius eine biblische 
Beeinflussung. Freilich handelt es sich auch hier nur darum, 
griechische Vorstellungen wie die von Licht und Feuer in 
der Schöpfungsgeschichte unterzubringen. 


VUL Kapitel. 


Dämonometeorologie. 

Der Dämonenglaube ist ein Gemeingut aller Völker 
(s. Sold an, Gesch. der Hexenpr. S. 9 ff.). Vom Judentum 
und Heidentum wurde er ins Christentum übertragen und 
entfaltete sich hier zu üppiger Blüte. 

Über die Existenz des Dämonenglaubens im Christentum 
dürfen wir uns nicht wundem, hat ja doch der Stifter des- 
selben selbst diesen Glauben geteilt. Man erinnere sich an 
Stellen des Neuen Testaments wie Matth. 8, 28 ff.; Marc. 3, ir; 
Luc. 10, 17—20. 

Nachdem das Christentum die Grenzen Palästinas über- 
schritten hatte und in engere Berührung mit dem Götter- 
glauben der Römer und Griechen kam, vermochten sich die 
Christen nicht zu der Erkenntnis aufzuschwingen, dass dieser 
ganze Götterglauben, mit seinen Göttererscheinungen, Orakeln 
usAV., lediglich das Produkt der getäuschten menschlichen 
Phantasie sei; man liess vielmehr die heidnischen Götter als 
wirklich existierende Wesen bestehen und degradierte sie 
nur von der Rangstufe der Götter, auf welcher für die 

*) Ober die Geschichte des Zauber- und Dämonenglaubens orientiert 
aufs trefflichste Soldans Geschichte der Hexenprozesse. Van Bebbers 
Witterungskunde beschäftigt sich in einem besonderen Abschnitt mit 
den Beziehungen zwischen Dämonen und Meteoren. Wenn ich trotz 
Vorhandenseins dieser beiden Abhandlungen der Dämonenmeteorologie 
hier ein besonderes Kapitel widme» so geschieht das, weil Soldan uncj[ 
van Bebber in ihren die Entwicklung des Dämonenglaubens bis in die 
Neuzeit herauf verfolgenden Darstellungen naturgemäss den Anschauungen 
der Kirchenväter nicht den Raum zuweisen konnten, der ihnen in dieser 
Abhandlung zuerkannt werden muss. 


— 86 — 

Christen nur der eine allmächtige Gott stand, zu der der 
Dämonen. Ich verweise beispielsweise auf Augustin (de 
civitate Dei IV, 17); Origenes (contra Celsum III, 2), wobei 
sich Origenes auf Psalm 96, 5 beruft. Luther übersetzt: 
„Alle Götter der Völker sind Götzen", ebenso Kautzsch; 
Origenes (a. a. O.): TcdvzEg ol d-eol %&v ld^(bv daifiovuz,^) 

Die Lehre von der Entstehung der Dämonen wurde 
■vielfach nach Phi los Vorgang auf Genesis 6, i ff . gegründet 
(s. Soldan, S. 61/62). Dem gegenüber betont Theo doret 
(Quaest. in gen. 47) ganz entschieden, dass es unmöglich sei, 
unter den „Kindern Gottes" {i>oi ^eov) sich Engel zu denken. 
Es würde sich, meint er, mit der Gerechtigkeit Gottes 
nicht vereinbaren lassen, dass die Menschen wegen Ver- 
gehungen, zu denen sie von Engeln gezwungen worden 
waren, bestraft würden: Tavra de Ticcvra (nämlich die von 
Theodoretfür seine Meinung angeführten Gründe) äv^QO)7iovg 
elvai drikoi^ rovg tov Tcagdvofiov ßlov fiyanrix6Ta(;^ und zwar 
waren diese Menschen Nachkommen Henochs. 

Das Haupt der Dämonen ist der Teufel (Ter- 
tullian Apologeticus XXII). Ebenso Origenes (contra 
Celsum IV, 93). Über die Menschen haben die Dämonen 
nur so lange eine Macht, als sie der wahren Gotteserkenntnis 
entbehren, d. h. keine Christen sind (Clemens Romanus, 
Recogn. IV, 17), diese aber sind sogar in der Lage, unter An- 
rufung des Namens Christi dieselben auszutreiben (Origenes, 
contra Celsum I, 6). Ein freundschaftlicher Umgang mit den 
Dämonen ist für den Christen ausgeschlossen (O r i g., contra 
Cels. VII, 69). 

Augustin, De divinatione daemonum, entnehme ich 
Folgendes: Dank ihrer luftigen Natur sind die Dämonen 


^) S. auch Soldan, S. 61, wo er ausführt, dass mit der griechischen 
Übersetzung des Alten Testaments eine Menge griechischer Wörter, 
wie Lamien, Sirenen, Faune, Onokentauren und damit auch der grie- 
chisch-römische Begriff derselben in die Bibel und die Vorstellungen 
der Christen eingedrungen sind. Dem ist beizufügen, dass der griechische 
Einfluss teilweise so weit ging, dass man sogar — wie z. B. Clemens 
Alexandrinus (cohort. ad gent. I, 10) — die griechische Vorstellung von 
der Zahl der Dämonen (30000) teilte. 


- 87 - 

in Stand gesetzt, sich rascher als die Menschen, ja selbst 
als die Vögel zu bewegen. ^) Infolge dieser raschen Bewegungs- 
raöglichkeit, der Schärfe ihrer Sinne und ihrer im Verhältnis 
zu den kurzlebigen Menschen sich über bedeutend längere 
Zeiträume erstreckenden Erfahrung können sie vieles, was 
ihnen vorher bekannt ist, voraussagen und so die Menschen 
in Staunen versetzen (§ 7). Meistens sagen sie übrigens 
das voraus, was sie sich auszuführen vorgenommen haben 
i§ 9). Oft erhalten sie die Erlaubnis^) (natürlich von Gott), 
Krankheiten zu schicken und durch Verunreinigung die Luft *) 
ungesund (morbidus) zu machen und den Bösen (perversis) 
Übeltaten anzuraten. Manchmal wissen sie auch voraus, was 
sie nicht selbst machen, sondern durch natürliche Anzeichen, 
die unseren stumpfen Sinnen nicht bemerkbar sind, erlangen 
sie Kenntnis davon. Die Dämonen können sich aber auch 
täuschen *), selbst über Vorgänge in der Natur, da auch diese 
von den Engeln, die dem höchsten Gott dienen, infolge 
einer anderen den Dämonen unbekannten Anordnung (dis- 
positio) unversehens und plötzlich geändert werden können. 
Sie richten es daher so ein, dass die Schuld in diesem Fall 
ihre Verehrer und Deuter trifft (§ 10). Wie der Arzt aus 
der verschiedenen Temperatur des menschlichen Körpers 
Gutes und Böses voraussieht, so sieht der Dämon am ihm 
bekannten, uns unbekannten Zustand der Luft und deren 
Anordnung (ordinatio) zukünftige Unwetter voraus. Auch 
TertuUian (Apologet. XXII) spricht den Dämonen aus- 
drücklich die Kenntnis der Luftvorgänge und Prophezeiung 
des Regens zu. 


^) Nach Origenes (contra Cels. III, 34) sind sie an gewisse Orte 
gebunden. 

*) Auf dieses Abhängigkeitsverhältnis der Dämonen von Gott ist 
zu achten. Es findet sich gleichfalls ausgesprochen bei Orig., contra 
Cels. VIII, 31, Damascenus, de fide orth. II, 4 mit Verweis auf Hiob I, 
12 und Marc. V, 13. Besonders stark wird es betont von Agobard, de 
grandine et tonitruis V. 

') So auch Origines, contra Cels. VIII, 31. 

*) So auch De civ. Dei IX, 22; Clemens Rom. Recogn. IV, 21; 
öamascenus, de fide orth. II, 4. 


- 88 - 

Soviel steht also fest, dass die Dämonen den 
Menschen gegenüber hinsichtlich der Vorgänge in 
der Luft ein grösseres Wissen besitzen. Hieran 
reiht sich die weitere Frage, ob sie auch über ein grösseres 
meteorologisches Können verfügen. Im späteren Mittelalter 
glaubte man, dass die Dämonen von sich aus die Witterung 
machen können. Trifft dies auch für die Anschauung der 
Kirchenväter zu? Leider beschäftigen sich gerade mit dieser 
Frage nicht allzu Viele. Das weiteste meteorologische Können 
dürfte den Dämonen Augustin einräumen. Nachdem er (De 
civ. Dei DC, 22) ausgeführt hat, dass die Dämonen in die 
eigentliche Tiefe der götthchen Weisheit und seine Ratschläge 
nicht einzudringen vermögen, gibt er zu, dass es ihnen möglich 
sei, weit mehr Dinge zufolge ihrer grösseren Erfahrung vor- 
auszusehen als die Menschen. Dabei handelt es sich aber 
um zeitliche, irdische Dinge. Dann fährt er fort: „Aliud 
enim temporalibus temporalia et mutabilibus mutabilia coniec- 
tare eisque temporalem et mutabilem modum suae 
voluntatis et facultatis inserere, quod daemo- 
nibus certa ratione permissum est." Aus dieser Stelle 
lässt sich eine Einwirkung der Dämonen auf die Witterung 
nach ihrem eigenen Willen als von Gott in gewissem 
Grad zugelassen herauslesen. Im Anschluss hieran ist aber 
auf die oben erwähnte Stelle ausDamascenus zu verweisen 
(de fide orth. II, 4) : „. . . oifx Sxovai (nämlich die Dämonen) 
i;olvw i^ovolav xard rivog^ oidh io^vv^ ei fii] ix &€ov 
dixevofiixcjg avyx^QO'^fisvoi^ (bg im rov ^Id)ß^ Tcal xad-d- 
7i€Q im T(bv xoIqcov iv rcp EiayyeUc^ yiyQamm. Ebenso Ago- 
bard (a. a. O.). Origenes (contra Celsum VIII, 36) erklärt: 
Die Dämonen sind von Gott mit keiner Würde, keinem 
Dienste oder Amt betraut worden. Die Verwaltung der 
Luft, die Celsus für sie in Anspruch nimmt, spricht er den 
Dämonen ausdrücklich ab (contra Celsum VIII, 31) und den 
Engeln zu. ^) Wenn schliesslich den Dämonen eine Funktion 

^) Kosmas (Topogr. III, S. 152) konstatiert ausdrücklich, dass 
der Teufel ursprünglich mit der Besorgung der Luft betraut war (wie 
wir früher schon gesehen haben), nach seinem Abfall von Gott über- 
nahmen Engel die Verwaltung der Luft (Topogr. II, S. 117). 


- 89 - 

in der Luft zugesprochen werden soll, so ist es die Herbei- 
führung der schlimmen Erscheinungen in der Luft, wie z. B. 
übergrosse Hitze, Verderbung der Luft usw. : ndvra Tovra 
daifioveg airvovQYovoi difjfuoi, xqIgi xivi &elif laßövreg i^ovalav 
h occuQolg TiGi ram ivsQyeiv^ ehe eig imaTQoq)ijv ävd^q&Tnav im 
vtjv xvaiv tflg xaxlag i^oxeildvTCOv^ ehe xai elg yvfivdaiov tov 
loyixov yevovg. Von einem willkürlichen Lenken der Luft- 
erscheinungen zu jeder beliebigen Zeit durch die Dämonen 
kann also keine Rede sein. Sie erhalten von Gott zu be- 
stimmtem Zweck für bestimmte Zeiten die Erlaubnis, 
schlimme Lufterscheinungen — dann allerdings nach Ori- 
genes nach Belieben (ainovQyoväi)^) — hervorzubringen. 

Es war oben von der Einwirkung der Dämonen auf die 
Menschen die Rede. Sie hat für unseren Zweck weniger 
Interesse als umgekehrt die Einwirkung der Menschen auf 
die Dämonen. Ihre Haupthilfe erhalten die Zauberer von 
dem Teufel selbst (Or igen es, contra Cels. VI, 45), oder 
auch von Dämonen (contra Cels. I, 60). 

Zauberei und Wet t er machen finde ich nirgends 
in Zusammenhang gebracht, obwohl vom Wetter- 
machen verschiedentlich die Rede ist. Kosmas (Top. III, 
S. 165) spricht von Elias, auf dessen Wort Regen entsteht. 
Clemens Romanus (Recogn. V, 29): Es kann den Menschen 
gelingen, einen Einfluss auf die Witterung zu erlangen und 
zwar durch Gebet zu Gott, Aussicht auf Erhörung haben 
aber nur die Freunde Gottes. Agobard (de grandine et 
tonitrius X): Durch Gebet zu Gott können Fromme, aber 
nur diese, die Witterung nach ihrem Wunsch beeinflussen. 
Agobard verweist auf den Jakobusbrief 5, 16 — 18. Zugleich 
betont er nachdrücklich, dass sich die Frommen bei ihren 
Gebeten rücksichtlich der Witterung immer von höheren 
Absichten leiten lassen. So betet Elias um Regen, um Sein 


*) über dieses Belieben äussert sich Origenes (contra Ceisum 
Vin, 32): „Die Dämonen bringen als Strafvollstrecker in Gottes Auf- 
trag Leiden und Plagen über die Menschen. Ob sie in solchen Fällen, 
wenn sie dürften, den Menschen noch mehr übles zufügen würden, als 
sie ihnen tatsächlich zufügen, kann ein Mensch schwer sagen." 


- 90 - 

Volk zum Herrn zu bekehren. Dieselbe Stellung nimmt 
nach Soldan S. 85 Chrysostomus ein. 

Ich stelle auf Grund meiner Lektüre der Kirchenväter 
zum Schluss dieses Kapitels fest: 

1. an die Existenz der Dämonen wurde geglaubt; 

2. man war der Ansicht, dass die Dämonen auf Grund 
ihrer luftartigen Natur gerade das Wetter sehr wohl voraus- 
fühlen und voraussagen können; 

3. man glaubte an die Möglichkeit eines Verkehrs mit 
den Dämonen und an die Realität der Zauberei und Wahr- 
sagerei mit dämonischer Hilfe; 

4. eine Stelle, die das Wettermachen mit dämonischer 
Hilfe aussprechen würde, habe ich nicht finden können,^) 
dagegen ist vom Wettermachen durch Gebet zu Gott als 
dem Lenker des Wetters des öfteren die Rede.^) 


^) Allerdings hat van Bebber (a. a. O., I, S. 29) eine Stelle gegen- 
teiligen Inhalts namhaft gemacht, das genauere Zitat jedoch nicht ge- 
geben. Dass eine solche Stelle vorhanden sein kann, ist wohl zu- 
gegeben. Gerade mit der Stellung Augustins zur Machtbefugnis 
der Dämonen würde sich eine solche Stelle noch am ehesten vertragen, 
doch weiss auch Huber (Philosophie der Kirchenväter) bei seiner Dar- 
stellung der Vorstellungen Augustins von den Dämonen, von Wetter- 
machen mit dämonischer Hilfe nichts. Zudem finden sich bei Augustin 
Stellen, die ganz ausdrücklich Gott als Leiter der meteorologischen 
Vorstellungen bezeichnen (s. de gen. ad litt. III, 10, S. 72; V, 21, S. 165; 
de divin. daemonum § 10). 

*) Dass das Wettermachen mit dämonischer Hilfe auch vom 
Volke für unglaubwürdig gehalten worden wäre, ist hiermit nicht 
gesagt. Ich gebe keine Meteorologie der patristischen Zeit, sondern 
eine solche der Kirchenväter, habe mich also nur mit ihren Anschau- 
ungen zu befassen, nicht auch mit denen des Volkes jener Zeit. Das 
Volk jener Zeit glaubt an solches Wettermachen (s. Soldan S. 70), wie 
ja auch gerade die Schrift Agobards beweist. Im späteren Mittelalter 
wurde ganz allgemein an Wettermachen mit dämonischer Hilfe ge- 
glaubt. Schon Thomas von Aquino hat diesen Glauben (Soldan, S. 84). 
Während noch auf dem Konzil zu Bracara feierlichst beschlossen 
wurde, der Teufel könne Donner, Blitz, Sturm und Dürre nicht machen, 
wird seit Ende des 13. Jahrhunderts der Zauberglauben kirchlich ge- 
boten und damit die Grundlage zu den berüchtigten Hexenprozessen 
geschaffen, wobei es sich sehr häufig um Wettermachen mit dämonischer 
oder teuflischer Hilfe handelte. Näheres hierüber s. Soldan, Gesch. d 


— 91 — 

Auch für dieses Kapitel ist der Einfluss der Bibel gering 
einzuschätzen. Enthalten war in ihr der Glaube an die 
Realität der Dämonen (s. S. 84) und die Verwerfung des 
Umgangs mit ihnen (s. Sold an S. 11 und 15). Die Lehre 
von der Entstehung der Dämonen führte wenigstens die 
meisten auf die Bibel zurück (s. S. 86). Alles weitere, was 
von den Dämonen geglaubt und gelehrt wurde, konnte der 
Bibel nicht entnommen werden, geht also auf heidnischen 
Einfluss zurück. 


Hexenprozesse und van Bebber, Witterungskunde. Bemerkt sei noch^ 
dass nach Soldan, S. 14, im Alten Testament die Erregung von Ge- 
wittern durch Zauberei nirgends genannt ist. Auch das Neue Testament 
dürfte schwerlich eine einschlägige Stelle enthalten. « 


Notiz zu Figur 3. 

Da Färbung, wie sie der Verfasser ursprünglich im Auge hatte^ 
nicht wohl tunlich ist, so ward folgendes Auskunftsmittel getroffen : 

Nicht unterstrichene Namen stammen von Isidorus, 
Einfach „ „ „ „ Beda, 

Doppelt „ „ „ „ Damascenus. 


Schlusswort. 


Wir haben den Leser durch ein buntes Durcheinander 
von Meinungen geführt. Es ist für die Zeit der Patristik 
charakteristisch, dass eine allgemein gültige Meinung über 
die physikalischen und damit auch meteorologischen Erschei- 
nungen, wie eine solche für die Zeit des Aristotelismus oder 
des späteren Mittelalters im allgemeinen festzustellen ist, 
nicht besteht. • 

Das frühere Mittelalter erkennt, auch für physikalische 
Fragen, nur die Bibel als unumstössliche Autorität an, 
und diese nur scheinbar. Je nach dem Bildungsstand, d. h. 
je nach der Beeinflussung durch die heidnische Wissen- 
schaft, wurden von den verschiedenen Schriftstellern die in 
Betracht kommenden Bibelstellen verschieden erklärt. 

Auch an Inkonsequenzen fehlt es bei den Kirchenvätern 
nicht, selbst die intelligentesten, wie z. B. Basilius, Philo- 
ponos, Beda, nicht ausgenommen. 

Einige fast durchgängig anzutreffende, gemeinsame Vor- 
stellungen lassen sich feststellen : 

Die Sonne wird allgemein für feuriger Natur gehalten, 
die Erde durchweg als bewegungslos betrachtet. 

Die Luft gilt — mit Ausnahme Severians — den Kirchen- 
vätern als verdünnter Wasserdampf. Auch Philoponos 
lässt die eigentliche, untere Luft zum allergrössten Teil aus 
verdünntem Wasserdampf entstehen, daneben freilich enthält 
sie für ihn auch Erddämpfe. Über die natürliche Temperatur 
der Luft teilen sich die Anschauungen bereits in zwei Lager. 

Der Wind gilt ganz allgemein als bewegte Luft, nur 
Philoponos lässt ihn aus Erddämpfen entstehen. 

Über den Blitz gehen die Anschauungen bereits mehr- 
fach auseinander, wenn auch die vorwiegende Meinung ihn 
als entzündete Luft erklärt. 


— 93 ~ 

Noch grössere Differenzen lassen sich für die Hydro- 
meteore feststellen. 

Mit seiner Anschauung von der Erwärmung der Erde 
auch durch eine aus dem Erdinneren kommende Wärme steht 
Ephräm für sich da. 

Die Astrometeorologie hat nur wenige Vertreter, und 
selbst diese stellen sie nicht in den Mittel- und Ausgangs- 
punkt ihrer meteorologischen Anschauungen überhaupt. 

Den Glauben an Wettermachen mit dämonischer Hilfe 
kann ich für die Kirchenväter auf Grund meiner Lektüre 
nicht feststellen. 

Der biblische Einfluss auf die meteorologischen An- 
schauungen ist sehr gering. Auch wo eine biblische Schale 
den heidnischen Einfluss zu verdecken sucht, tritt uns bei 
genauerem Zusehen ein echt heidnisch-philosophischer Kern 
entgegen. 

Ein Fortschritt in der meteorologischen Erkenntnis ist 
nirgends zu konstatieren. Nur Minucius Felix scheint in 
bezug auf den Unterschied zwischen maritimem und kon- 
tinentalem Klima einen Fortschritt zu bedeuten. Eine Be- 
schäftigung mit der Meteorologie um ihrer selbst willen, ist 
für die Kirchenväter — von Philoponos abgesehen — 
selbstverständlich ausgeschlossen. Das Verdienst der Kirchen- 
väter besteht darin, wenigstens einen Teil der heidnisch- 
philosophischen Anschauungen — und zwar nicht bloss der 
ionischen, wie Peschel will — in ihre Werke aufgenommen 
und so ein gewisses Interesse für die physikalischen und 
damit auch die meteorologischen Vorgänge wach gehalten 
zu haben ; ein Interesse, das sich offenbar gegen Schluss der 
patristisehen Zeit gesteigert hat, wie besonders Isidors De 
natura rerum, seine Origines, Bedas De natura rerum und 
des Rabanus libri de Universo zeigen. Damit war der 
Boden geschaffen, auf dem später der Aristotelismus 
festen Fuss fassen konnte, und die zweite Periode der 
niittelalterlichen Meteorologie vorbereitet. 


Alphabetisches Sachregister. 


Abendrot 83. 

Ägypten, blitzlos 68. 

Ägypten, Regenarmut 29-30, 55. 

Äquinoktialzone , Regenlosigkeit 
der 29. 

Äther 13, 25. 

Äthiopien 30, 52. 

Astrologie, Stellung der Kirchen- 
väter zur 71. 

Astrometeorologie , Stellung der 
Kirchenväter zur 71. 

Atmosphäre, Form der 41. 

Bewölkung, Gang der 57. 
Blitz, Bewegungsrichtung des 68. 

und Donner gleichzeitig 68. 

Entstehung des 66, 67. 

Feuer des 68. 

in höher gelegenen Gegen- 
den 68. 

bei heiterem Himmel 67. 

und Regen 59. 
blitzlose Gegenden 68. 
blitzreiche Gegenden 68. 

Dämmerung 83. 

Dämonen, Entstehung der 86. 

Haupt der 86. 

Können der 88. 

Wissen der 87. 
Dämonenglaube und Christentum 

85, 86. 
Dämonometeorologie, Ka- 
pitel über die 85—91. 
Dämpfe, Entstehung der 36. 


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II 


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II 


I 


ff 


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Donner, Entstehung des 69. 
Donner gleichzeitig mit Blitz 68. 
Donner, Stärke des 69. 

Clement, Begriff des 14. 
Elemente, Anordnung der 15. 

Entstehung der 14. 

Eigenschaften der 16. 

Verwandlung der 17—21. 

Zahl der 13. 
Elementenlehre 13 — 21. 
Eis, Verdunstung des 50. 
Erddampf, Entstehung des 36. 

Eigenschaften des 36. 
Erde, Erwärmung der 27—29. 

„ Gestalt der 4. 
Etesien 66. 

Firmament, das 5—9, 24—26, 28. 
Fremdkörper in der Lufl 39. 

Gletscher 33, 58. 

Hagel, Entstehung des 59. 

und Schnee 58 — 59. 

Zeit des 56. 
Heliozentrische Anschauung 4. 
Höhenklima 32. 
Höhenrauch 39. 

Hj'drometeore, Kapitel Ober 
die 48—60. 

Jahreszeiten, die 30—32. 

Dauer der 31. 
Entstehung der 30- 


>» 


ti 


- 95 


Jahreszeiten, Zahl der 31. 

„ sind an keine absolute 

Gesetze gebunden 32. 

Klimaeinteilung nach Gnomon und 
längstem Tag 29. 

Klimatologie, Kapitel über die 

27—34- 
Kometen 72. 

Luft, Begriff der 35. 

„ Dichtigkeit der (nachts) 46. 
„ Durchsichtigkeit der 40. 
„ Eigenwärme der 16, 44. 
„ Einwirkung der verdünnten 
. . . auf den Menschen 46. 
Entstehung der' 17, 19. 
Erwärmung der 45. 
Farbe der 41. 

Feuchtigkeitsgehalt der 41 , 44 
Fremdkörper in der 39. 
Gewicht der- 15, 41. 
Luft, Kapitel über die 35-47. 
nach Philoponos 36. 
nach den andern Kirchen- 
vätern 38. 

Temperatur der 44—46. 
Verdünnung der . . . nach 
oben, 40, 44. 

vertikale Ausdehnung der 
46—47. 

vertikale Ausdehnung der 
unteren 43. 

Wärmeausstrahlung der 45. 
Zusammensetzung der 35, 

38. 

Zweiteilung der 42-43. 
luftleerer Raum 46. 


Mond und Luftbeschafienheit 72—73. 
„ Tau 51. 


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Meteorologie , Allgemeines über 

21 — 26. 
meteorologische Vorgänge und die 

Christen 22, 31. 
meteorologische Vorgänge und 

Gott 21—23. 
meteorologische Vorgänge , die 

physikal. Ursachen der 23. 


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II 


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„ ,T Wetterprognose 73—75- 
Mondregenbogen 82. 
Morgenrot 83. 

Naturwissenschaft und Christentum 

1-3- 
Nebel 50. 

Nebel und Wetterprognose 75. 

Oberhimmlische Wasser 9-— 131 24, 

25-26, 28, 54, 59. 
Optische Phänomene, Kapitel 

über die 80-84. 
optische Trübung der Luft 40. 

Pressungsregen 53. 
Pressungswolken 53. 

Regen und Blitz 59. 

Entstehung des 51—54. 
Hauptzeiten des 55—56. 
bei heiterem Himmel 56. 
Regenbogen, Entstehung des8o— 81. 
Farben des 81 — 82. 
optische Täusch ung 80. 
und Wetterprognose 

75- 
Reif 50. 

Schnee, Entstehung des 58. 

Ort der Entstehung 58. 

auf hoher See 58. 

Verdunstung des 50. 

Zeit des 56. 

und Hagel 58—59. 
Scythien blitzlos 68. 
Seeklima 33—34. 
Sonne, Natur der 27—28. 

,, und Wetterprognose 75. 
Sternschnuppen 69 — 70. 

Tau 50-51- 

und Heiterkeit bei Nacht 51. 
und Luft 50. 
und Mond 51. 
„ und ober himmlische Wassers©. 


i> 


II 


11 


II 


II 


}} 


96 - 


Tau und Sonnenaufgang 51. 

„ und Wind 51. 
Tiermeteorologie 75—77. 

Verdunstung 48—50. 

zwei Arten von 49. 
von Eis undSchnee5o. 
bei Nacht 49. 
Ursache der 48. 
und Wasserhose 49. 
und Wind 49. 

Wasserdampf, Entstehung des 36. 
„ Eigenschaften des 

36- 

Wettermachen mit dämonischer 
Hilfe 89-90. 

Wetterprognose, Kapitel über 
die 71—79. 

Wind, abkühlende Wirkung des 63. 
Entstehung des 61—63, ^4- 
Geschwindigkeit des 63. 
in höher gelegenen Gegen- 
den 68. 
Kreislauf des 63. 


>> 


)> 


>> 


Wind, tägliche Periode des 63. 
,, schiefe Richtung des 64. 
„ Stärke des 63. 
„ und Tau 51. 
„ verdunstende Wirkung des 
49. 
Winde, Arten der 63—64. 
Winde, Kapitel über die 61 — 70. 
„ periodische (Etesien) 66. 
„ vertikale Erstreckung des 

Bereichs der 64. 
„ und Wetterprognose 78 

-79- 
Windrosen 64-66. 

Wolken, Entstehung der 51 

Farben der 8a, 

Herkunft der 59. 

Natur der 57. 

Salzgehalt der 54—55. 

Schweben der 57. 

vertikale Ausdehnung der 

57- 
Wolkenbildung, Ort der 56—57. 

Zonenlehre 29. 




,^ 4 19^ 

MÜNCHENER 


'i0 


GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIEGMUND GÜNTHER. 


DREIUNDZWANZIGSTES STÜCK: 

KARL ERNST VON BAER 

ALS 

GEOGRAPH 

VON 
ALFRED HEYDENREICH. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HOF-BUCHHÄNDLER 
1909. 


MÜNCHENER 
GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIEGMUND GÜNTHER. 


DREIUNDZWANZIGSTES STÜCK: 

KARL ERNST VON BAER 

ALS 

GEOGRAPH 

VON 
ALFRED HEYDENREICH. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGUCHER HOP-BUCHHANDLXR 
1909. 


KARL ERNST VON BAER 


ALS 


GEOGRAPH 


VON 


ALFRED HEYDENREICH. 


MIT 3 KÄRTCHEN. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HOF-BUCHHAnDLER 
1909. 


Karl Ernst von Baer als Geograph. 


-#>- 


Karl Ernst von Baer, der berühmte deutsch-russische ßaers stei- 

lunf m der 

Naturforscher gehört zu denjenigen Vertretern seiner Wissen- "jj^*"* 
Schaft, welchen die Nachwelt das ehrende Prädikat eines »»aupt. 
»Klassikers" ^) verliehen hat. Seine wissenschaftliche Tätig- 
keit macht ihn dieser Auszeichnung würdig; sie stellt ihn in 
eine Reihe mit Alex. v. Humboldt, Darwin, Liebig 
und anderen Grössen der Naturwissenschaft. Geboren am 
17. (29.) Februar 1792 auf seines Vaters Gut zu Piep in 
Esthland erhielt er seine erste wissenschaftliche Ausbildung 
als Mediziner 1810— 14 zu Dorpat, einer Universität, die da-. 
mals noch das Gepräge einer rein deutschen Hochschule 
trug. Zur Fortsetzung seiner Studien begab er sich 1815 
nach Deutschland, wo er zu Wien, Würzburg und Berlin 
Schüler der bedeutendsten Gelehrten war, bis er 1817 in 
Königsberg Prosektor, 1819 a. o. und 1822 o. Professor der 
Zootomie wurde. Eine Zeitlang konnte diese preussische 
Universität hoffen, den ausgezeichneten Gelehrten für immer 
gewonnen zu haben, da entschloss sich Baer 1834 als Zoologe 
nach St. Petersburg überzusiedeln, das ihn schon 1829 zum 
Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt und 
vorübergehend (W. S. 1829/30) bei sich gesehen hatte. Un- 
zertrennlich ist nun der Name Baers mit der Geschichte 
dieser wissenschaftlichen Körperschaft verbunden, der er fast 
ein halbes Jahrhundert angehörte, „nicht bloss ihre Zierde 
und ihren Stolz, sondern auch lange Jahre hindurch ihre 
Seele bildend/' 2) 1862 schied er aus seiner amtlichen Stel- 

^) Klassiker der Naturwissenschaften, herausgeg. von L. Brieger- 
Wasservogel IIL Bd. K. E. V. Baer von Wilh. Haake. 

*) Schrenck in der Grabrede. Bei Stieda: Karl E. v. Baer. 
£ine biogr. Skizze. Brauoschweig 1886, Seite 99. 

1 


— 2 — 

lung aus und zog sich von persönlichen Gründen geleitet 
nach Dorpat zurück, wo er, bis zum letzten Augenblicke 
tätig, 1876 am 16. (28.) November sein reich gesegnetes 
Leben schloss. 

Karl Ernst von Baer war, wie sein Freund G. v. Hel- 
mer sen von ihm in einem Nachrufe sagt, ^) „ein Mann, wie 
sie in ganzen Jahrhunderten nur selten erschienen sind. Ein 
genialer Mann der Wissenschaft und der Forschung, begabt 
mit durchdringendem kritischen Verstände, mit ungewöhn- 
lichem Beobachtungstalent, mit Ausdauer und Energie bei 
der Arbeit. Die Erde und ihre Bewohner waren das grosse 
Feld seines Forschens und er brachte zu seiner Arbeit nicht 
nur eine tiefe philosophische Bildung, sondern auch einen 
Apparat der gründhchsten Kenntnisse in mehreren Disziplinen 
der Naturwissenschaft mit, wie ihn manche grosse Geister 
unserer Zeit nicht besessen haben." „Sein Name ist mit 
grossen Zügen in das Buch der Wissenschaft und ihrer Ge- 
schichte eingetragen." 

Das Gebiet von Baers Tätigkeit ist die Naturwissen- 
schaft in ihrer weitesten Fassung. Man kann wohl 
wie dies auch Stieda^) tut, im allgemeinen sagen, dass 
Baer anfangs hauptsächlich Zoologe, Anatom und Embryo- 
loge war, dann vor allem Geograph und schliesslich Anthro- 
pologe wurde. Und doch war er „keines von allem, er war 
viel mehr, er war alles zusammen: Naturforscher im 
weitesten Sinne des Wortes; jede der obigen Bezeichnungen 
deutet nur eine Seite seiner Tätigkeit an." 

„Baers Bedeutung ist eine universale, für alle Zukunft 
dauernde. Bleibendes hat er geleistet durch seine Typen- 
lehre, Bleibendes durch seine Begründung der Entwicklungs- 
geschichte, Bleibendes in Geographie und Anthropologie und 
Ethnographie."^) 


^) Helmersen: Nachruf an Baer in der St. Petersburger Ztg. 
1876 Nr. 305 bei L. Stieda a. a. O. Seite 194. 

*) L. Stieda. a. a. O. Seite 198. 

«) Stölzle: K. E. v. Baer und seine Weltanschauung. Regens- 
burg 1897. Seite 32. 


— 3 — 

In seiner allgemeinen Bedeutung für die Naturforschung 
ist Baer auch von Stieda und Haake in eigenen Bio- 
graphien gewürdigt worden; seine Weltanschauung ist der 
Gegenstand einer gründlichen Darstellung Stolz les ge- 
worden; nur seine Stellung zur Geographie und ihren 
Problemen ist noch nicht im besonderen beleuchtet worden. 
Als ein Versuch dazu nun seien die folgenden Ausführungen 
gedacht. 

Zunächst soll davon die Rede sein, welche Auffassung 
Baer von der Geographie als Wissenschaft hatte. 

Dabei müssen wir uns daran erinnern, dass um die 
Zeit, da B a e r sich der Geographie mehr und mehr zuwandte, 
diese Wissenschaft bereits in ein neues Zeitalter der Blüte 
eingetreten war. Aus der unwürdigen Stellung, die sie als 
Dienerin anderer Wissenschaften, besonders der Geschichte 
eingenommen hatte, hatte sie sich zur Selbständigkeit empor- 
geschwungen. Zwei berühmte deutsche Namen sind es, an 
die sich diese Entwicklung der Geographie knüpft: Alex. 
V. Humboldt u. Karl Ritter. Jener Meister in der Kunst 
des wissenschaftlichen Reisens wie in der Darstellung des 
Beobachteten; dieser Schöpfer der vergleichenden Länder- 
kunde. Ein neuer Geist war durch sie in die Wissenschaft 
eingezogen. Baer zeigt sich von diesem erfüllt, wenn er 
seine Ansicht über Geographie ausspricht. 

Wie er über sie urteilte, welch grosse Bedeutung er ^^b" ^U**^ 
ihr beimass, erkennen wir deutlich aus den Worten, mit^^ögraphie, 
denen er 1839 das Erscheinen der „Beiträge zur Kenntnis 
des Russischen Reiches und der angrenzenden Länder" an- 
kündigt. Der Plan zur Gründung dieser Zeitschrift war von 
Baer und Helmersen zu einer Zeit gefasst worden, als 
Baer infolge seiner Reisen nach dem Norden (Nowaja-Semlja 
1832, Finnische Inselwelt 1838/39) und seines regen Verkehrs 
mit ausgezeichneten Reisenden wie Zivolka, v. Lütke, 
v.Krusenstern, v. Wrangeil immer mehr von seinem ur- 
sprünglichen Wissensgebiet, der Anatomie und Embryologie, 
abgelenkt und der Geographie zugeführt worden war. Manchen 
für die Geographie Russlands wertvollen Aufsatz hat dieses 

Journal gebracht, und Baer hat zu einigen derselben ein 

1* 


— 4 - 

Vorwort geschrieben oder Anmerkungen geliefert. In dem 
I. Bande ^) spricht er sich folgendermassen über Geographie 
aus: „Die Geographie im weitesten Sinne des Wortes ist 
eine Wissenschaft, geworden von dem allgemeinsten Interesse, 
seitdem die Arbeiten eines Humboldt und eines Ritter 
anschaulich gemacht haben, dass nicht nur die Gesetze der 
Verbreitung der organischen Körper, sondern zum grossen 
Teile auch die Schicksale der Völker an der Erdoberfläche 
geschrieben stehen. In der Tat ist di6 Weltgeschichte, im 
ganzen übersehen, die Entwicklung zweier Bedingungen: der 
Beschaffenheit des Wohngebietes der Völker und der inneren 
menschlichen Anlage der letzteren. Es ist daher in unseren 
Tagen, ausser dem speziell geographischen, auch das ethno- 
graphische Interesse sehr gesteigert, und je mehr die euro- 
päische Zivilisation sich verbreitet und alle Verhältnisse 
gleich zu machen strebt, um so mehr muss man bemüht 
sein, treue und vollständige Gemälde der gesellschaftlichen 
Zustände auf allen Stufen der Ausbildung zu erhalten. Nur 
aus ihnen wird sich die innere Anlage des Menschen, modi- 
fiziert nach den Stämmen und Völkern, erkennen lassen. Das 
Russische Reich darf diesen Bestrebungen nicht fremd bleiben 
und ist ihnen in neuester Zeit nicht fremd." 
phrsdTeGe" So bctont Baer die Wichtigkeit geo- und ethno- 

Petereburgs graphischcr Studien als Voraussetzung der Geschichtsforschung 
und hält es dabei für eine Ehrenpflicht des Russischen 
Reiches, hierin nicht zurückzubleiben. Er fühlt in diesem 
Punkte als russischer Patriot, den es schmerzt, dass sein 
Vaterland bei dem Wettbewerbe der Nationen auf dem Ge- 
biete wissenschaftlicher Betätigung zurückbleiben könnte. 
Dies tritt noch mehr zu Tage bei einer anderen Tat. Baer s, 
die sein Interesse für Geographie zeigt, bei der Gründung 
der Geographischen Gesellschaft in St. Petersburg 1845. Da- 
mals war gerade Middendorff von seiner sibirischen Reise 
zurückgekehrt; man feierte den kühnen Reisenden bei einem 
grossen Festmahle. Hiebei empfand man es als einen be- 


*) Baer und Helmersens Beiträge zur Kenntnis des russischen 
Reiches I Bd. St. Petersburg 1839. 


- 5 - 

klagenswerten Missstand, dass kein Verein in Russland be- 
stehe, der die Verdienste eines solchen Mannes wie Midden - 
dorft gebührend hervorhebe und sie auch im Westen 
Europas, etwa in deutscher oder französischer Sprache, be- 
kannt mache. Aus solchen Erwägungen heraus schritt man 
zur Gründung eiper Geographischen Gesellschaft. Baer 
und die Admirale v. Lütke und v. Wrangeil bildeten den 
Stamm, bald schlössen sich andere Freunde der Geographie 
an. Baer wurde, i. Vorsitzender der Sektion für Ethno- 
graphie. Er hatte wesentlich zur Gründung der Gesellschaft 
beigetragen und brachte ihr auch ferner lebhaftes Interesse 
entgegen. So schrieb er für das von ihr herausgegebene 
Taschenbuch eine Abhandlung „Ueber den Einfluss der 
äusseren Natur auf die sozialen Verhältnisse der einzelnen 
Völker und die Geschichte der Menschheit"^), von der hier 
gleich die Rede sein soll, weil die schon oben erwähnte An- 
sicht B a e r s über die Stellung der Geschichte zur Geographie 
hier weiter ausgeführt ist. 

„Das Schicksal der Völker", sagt er, „wird durch die 
Beschaffenheit der Wohngebiete, die sie inne haben, mit einer 
gewissen Notwendigkeit geleitet und also voraus bestimmt." 
Je mannigfaltiger die Beschaffenheit der Wohnbezirke, desto 
mannigfaltiger die Lebensweise und desto höher die Ent- 
wicklung der sozialen Zustände. Die Bodengestaltung, d. i. 
die Verteilung von Land- und Wasserflächen, von Gebirgen 
und Wüsten und die dadurch bedingten klimatischen Ver- 
hähnisse sind von bestimmendem Einfluss auf die Geschichte 
der Völker. „In der physischen Beschaffenheit der Wohn- 
gebiete ist das Schicksal der Völker und der gesamten 
Menschheit gleichsam vorgezeichnet/' Da aber alle physi- 
schen Verhältnisse der Erdoberfläche bestimmt sind durch 
die Neigung der Erdachse, so folgert Baer, „war das Fatum 
des Menschengeschlechtes in grossen Umrissen voraus be- 
stimmt, als die Erdachse ihre Neigung erhielt, als das feste 
Land vom Wasser sich schied, als die Berghöhen sich hoben 
und die Ländergebiete begrenzten; und die Weltgeschichte 

^) Reden und Aufsätze IL Teil i. Hälfte. St. Petersburg 1873. 
3. 1-47. 


— 6 — 

ist nur die Erfüllung dieses Fatums." Aber, so fohrt Baer 
seine Gedanken weiter, dieselben Verhältnisse, die von An- 
fang an das Fatum der Menschen bestimmten, sind auch 
heute noch von Einfluss, obgleich die Eroberungen der 
Wissenschaft und der Industrie dem Menschengeschlechte 
ausserordentliche Mittel zur Beherrschung der Naturverhält- 
nisse gegeben haben. Der zivilisierte Mensch vermehrt sich 
rasch, der Boden kann nicht alle ernähren. Der Mangel an 
Nahrung wird zur Auswanderung zwingen. Der Mensch 
wird daher in ferner Zukunft in seine wahrscheinlich ur- 
sprüngliche Heimat, in die heisse Zone zurückwandern» 
Aber er bringt einen Gewinn mit, den er sich auf der hohen 
Schule der Menschheit, Europa, erworben hat und das ist 
die Arbeit. Damit erkennen wir auch, meint Baer, und 
dies ist bezeichnend für seine teleologische Weltanschauung, 
warum die Erdoberfläche nicht überall gleich üppig für die 
Bedürfnisse der Menschen sorgt. 

„So wird die Menschheitsgeschichte", und das ist der 
Kern von Baers Darlegungen, „nur verständlich durch das 
Studium der physischen Verhältnisse, und die Geographie ist 
also notwendig die Basis vom Studium der Weltgeschichte.'*^ 

Baer und Mit dicscr Ansicht steht Baer auf einer Stufe mit 

K. Ritter, der „unbefriedigt von dem bisher bestehenden 
Verhältnis der Abhängigkeit der Geographie von der Ge- 
schichte diese Beziehungen für beide Teile fruchtbringender 
zu gestalten suchte, indem er die geographische Bedingtheit 
der historischen Ereignisse nachzuweisen sich bemühte."^) 

Noch in manch anderer Beziehung zeigt sich eine Ueber- 
einsdmmung der Anschauungen Baers und Ritters. So 
begrüsst Baer freudig die neu aufgekommene Ritt ersehe 
Methode des geographischen Unterrichtes. In seiner Selbst- 
biographie 2) äussert er sich über den geographischen Unter- 


*) S. Günther: Geschichte der Erdkunde, Wien 1904. Seite 292. 

*) Nachrichten über Leben und Schriften des Herrn Geheimrates 
Dr. K. C. V. Baer, mitgeteilt von ihm selbst. St. Petersburg 1869- 
Seite 35— 3Ö- 


— 7 — 

rieht, den er in seiner Jugend genoss. Das einzige, was er 
dabei vermisste, war die Berücksichtigung der „Ab- 
dachung," wie sie die neue Methode Ritters brachte, 
wenn er auch das Fehlen derselben nicht für unersetzbar 
hält. Denn, da die Gestaltung der Länder und Staaten 
nebst dem Verlaufe der Gebirge und Flüsse durch das da- 
mals geübte Copieren der Karten dem Gedächtnis tief ein- 
geprägt wurde, so schien es ihm, dass sich die Vorstellung 
von den Höhenverhältnissen sehr leicht daran knüpfen liesse, 
wie alle diejenigen finden würden, die vor Ritter ihren 
geographischen Unterricht genossen hätten. Sicher sei diese 
Vorstellung wesentlich und notwendig für jeden, der ein an- 
schauliches Bild von der Gestaltung der Gesamtoberfläche 
der Weltteile haben wolle, aber man habe nach seiner An- 
sicht Unrecht gehabt, eine Zeitlang wenigstens, diese An- 
schauung als fast alleinige Grundlage des geographischen 
Unterrichtes zu betrachten. Und zwar hauptsächlich aus 
zwei Gründen: Dem Kinde werde es schwer, Abdachungs- 
verhältnisse grösserer Ländermassen sich vorzustellen und 
diese Vorstellung sich zur Gewissheit zu bringen, wenn man 
nicht unausgesetzten Gebrauch von Reliefkarten machen 
könne. Zweitens führe die ausschliessliche Betonung der 
Abdachungsverhältnisse dazu, dass der Schüler keine rechte 
Vorstellung habe von der Lage von Städten und Staaten, 
von denen doch ununterbrochen die Rede sei. Als Beispiel 
führt Baer dazu einen Königsberger Schüler an, der seiner 
Obhut anvertraut war. „Dessen Lehrer," sagt Baer, „war 
so begeistert von der soeben erlernten Ritter sehen Methode, 
dass er alle gewöhnlichen Benennungen der Länder und 
Staaten verbannt wissen wollte. Wenn ich den Knaben 
fragte, wo Lemberg oder Turin liege, so wusste er durchaus 
nur zu sagen: im Nordkarpartenlande oder im Südalpen- 
lande/' „Dass doch jeder Fortschritt," so ruft Baer aus, 
»)denn das ist die Berücksichtigung der Abdachungsverhält- 
nisse in der Geographie gewiss, da sie die Züge der Völker 
und die Wege des Handels bedingen, anfangs bis zur Narr- 
heit entwickelt werden muss." 

Noch bei anderer Gelegenheit in dem Aufsatze: „Ueber 


— 8 — 

Flosse und deren Wirkungen"^) spricht Baer seine Achtung 
vor der neueren plastischen Behandlung der Geographie aus. 
Er weist darauf hin, dass Ritter die geographische Wissen- 
schaft neu belebt habe, indem er Hochländer und Tiefländer 
unterscheidend darauf gedrungen habe, die wahre Gestaltung 
der Kontinente nach der grösseren oder geringeren Er- 
hebung in ihren einzelnen Teilen zu unterscheiden und so 
eine wichtige Anschauung von den Formverhältnissen der 
Erdoberfläche zu gewinnen. Dabei nennt er den Unterricht, 
welchen die ältesten noch lebenden Personen erhalten haben, 
so flach wie die Landkarten. Eine übertriebene Berücksich- 
tigung der verschiedenen Abdachungen (Erhebungsverhält- 
nisse), wie er sie in seiner Umgebung beobachtet hatte, miss- 
billigt er zwar, doch hebt er nachdrücklich die wissenschaft- 
liche Wichtigkeit der Abdachungsverhältnisse hervor, da sie 
auf die Entwicklung der einzelnen Völker, ihre Berührungen 
und Bewegungen den grössten Einfluss ausüben. Der wich- 
tige Satz, in dem seine Anschauung zusammengefasst ist, 
lautet : „Man kann mit Recht sagen, dass die NaturbeschafFen- 
heit der Länder und der Lauf der Flüsse von den Verhält- 
nissen der Abdachung abhängig sind, die Geschichte der 
Völker aber von jenen beiden ersteren/' 

ifrapw^^und Wir habcu oben erwähnt, wie Baer in dem Vorworte 

^d^^re für die „Beiträge zur Kenntnis des Russischen Reiches" die 
Auffassung. Wichtigkeit ethnographischer Studien für die Geschichte 
eben dieses Reiches hervorgehoben hat. Noch eingehender 
tut er dies in einem Vortrag, den er als Vorstand der 
Sektion für Ethnographie in der Geographischen Gesellschaft 
zu halten hatte: „Ueber ethnographische Untersuchung des 
Russischen Reiches insbesondere-'* ^) „Geschichte," sagt 
er da, „oder wenigstens Kulturgeschichte und Ethnographie 
greifen unendlich vielfach ineinander über, ja sie sind im 
Grunde nur ein und dieselbe Wissenschaft. Die vergleichende 
Ethnographie zeigt in der Gegenwart Zustände, welche die 

^) Reden und Aufsätze IL Teil i. Hälfte. St. Petersburg 1873. 
Seite 107—169. 

*) Denkschriften der Russischen Geographischen Gesellschaft zu 
St. Petersburg. I. Band. Weimar 1849. S. 66 — 92. 


Geschichte als vergangen annehmen muss und nur in der 
Gegenwart vollständig kennen lernen und beurteilen kann. 
Ausser der allgemeinen Kenntnis der verschiedenen Kultur- 
zustände ist die genaueste Kunde von den verschiedenen 
Völkern der jetzigen Zeit wichtig um daraus Schlüsse auf 
die Einzelheiten der Geschichte zu machen, wo die eigent- 
lichen historischen Nachrichten fehlen. Nichts hat sich bei 
einem Volke erhalten, was nicht auf irgend eine Weise Auf- 
schluss und zuweilen sehr wichtigen Aufschluss über die 
Vergangenheit geben könnte. Körperbeschaffenheit, geistiges 
Naturell, Religion und Aberglauben, Sitten, Nahrungsmittel, 
Art der Wohnung, des Hausgerätes, der Waffen, Sprache, 
Sagen, Lieder, Märchen, Art der Musik u. a.. Künste.'* 
Klar erkennt hier Baer die Bedeutung der Volkskunde 
als Quelle der Geschichte. „Die Ethnographie der jetzigen 
Zeit gibt die lebenden Bilder für längst entschwundene Zu- 
stände anderer Völker, die jetzt in ganz anderen Staats- 
einrichtungen leben. Die Geschichte der menschlichen Ge- 
schlechter hat eben zweierlei Quellen, solche, welche einst 
auf Stein, Pergament und Papier abgefasst wurden und 
solche, welche noch jetzt fliessen im Leben der Völker." 
Die Geschichtsforschung, meint Baer, sollte mit grossem 
Eifer auch die geringsten Spuren der Volkseigentümlichkeit 
in jeder Beziehung wahren. Er beklagt es, dass man nicht 
daran denke, die jetzigen Volkszustände zu erkennen und 
z B. eine russische Balalaika (Musikinstrument) irgendwo 
aufzuheben und hält die Geographische Gesellschaft für ver- 
pflichtet, alle Mittel, über die sie verfügen könne, vorzüglich 
auf die ethnographische Erforschung des Reiches zu ver- 
wenden. 

Was Baer ;für die Ethnographie Russlands weiterhin lu^^J^"* 
Wünschte, hat er in einem Vortrag niedergelegt : „Ueber eine Völker 
bei der Geographischen Gesellschaft anzulegende Sammlung 
ethnographischer Gegenstände.*' Dieser Vortrag wurde in 
der Sitzung vom 14. (26.) April 1848 verlesen und ist nicht 
deutsch gedruckt. Stieda gibt einen Auszug davon. ^) 

^j L. Stieda: K. C. v. Baer. S. 227/228. 


lungen zur 
Völker- 
kunde. 


— lO — 

Baer 1^ den unmittelbaren Vorteil einer ethnographischen 
Sammlung dar. Er bestehe darin, dass dieselbe die Eigen- 
tümlichkeit des physischen Lebens der Völker, sowie den 
Zustand der Künste und Industrie einer bestimmten Zeit- 
epoche durch Anschauungsgegenstände darstelle. Der darin 
liegende Vorteil könne durch Beschreibung niemals erreicht 
werden. Auch gibt Baer ein Verzeichnis der Gegenstände, 
wie sie ein ethnographisches Museum enthalten solle. Was 
er darin als Sammlungsobjekte vorschlägt, gehört heute zu 
dem Grundbestande einer völkerkundlichen Sammlung. Doch 
bleibt es Baers Verdienst, dass er sich so lebhaft um das 
Zustandekommen eines Ethnographischen Museums bemüht 
und seine Errichtung auch erreicht hat. 

Auch hat Baer in der Folge der Sammlung zahlreiche 
Schädel russischer und fremder Völker zugeführt, die er 
geographisch ordnete und teilweise auch beschrieb. Zahl- 
reiche Abhandlungen Baers sind auf seine kraniologischen 
Studien zurückzuführen, wie über die Schädel von Karagas- 
sen, rhätischen Romanen, Papuas und Alfuren, doch sind 
die Schriften zu sehr anthropologischer Natur, um hier im 
einzelnen besprochen zu werden. Als eine auf Ethnographie 
bezugnehmende Arbeit kann man auch Baers Doctor- 
dissertation ansehen; sie handelt von den Krankheiten der 
Esthen. ^) 

Wir haben im vorausgegangenen Abschnitt gesehen, 
Leutangen wclch* hohe Auffassung Baer von der Bedeutung der Geo- 
phischem graphic als Wissenschaft besass und welch' grosse Erwar- 
tungen er von ihrer künftigen Entwicklung hegte. Es sei 
nun weiterhin hervorgehoben, welche Verdienste er sich 
um die Geographie selbst erworben hat. Baer war für sie 
tätig durch seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten, 
durch seine historischen Studien, durch Entwerfen von Reise- 
plänen für andere Forscher und Unterstützung derselben 
mit Rat und Tat und nicht zuletzt durch seine eigenen 
Reisen. Von diesen sei zunächst die Rede. Zwar dienten 


Dissertatio inauguralis medica de Morbis inter Esthenos ende- 
micis, quam 1. c. p. defendet auctor Carolus Ernestus B a e r in Elsthonia 
natus. Dorpati 1814. 


— II — 

sie grösstenteils ursprünglich nicht rein geographischen 
Zwecken, sie hatten vielmehr hauptsächlich allgemein natur- 
wissenschaftliche oder rein praktische Aufgaben zu lösen, 
allein sein scharf beobachtender Blick liess ihn auch Wahr- 
nehmungen machen, die vom geographischen Standpunkt 
aus sehr bemerkenswert sind. Vor allem gilt dies von seiner 
Reise nach Nowaja Semlja, die für die Erschliessung dieser 
Doppelinsel sehr wertvolle Beiträge lieferte. 

Schon in seiner Königsberger Zeit hatte sich B a e r jJ^^^J^^IJ^* 
lebhaft mit dem Wunsche getragen eine Reise nach dem 
hohen Norden zu unternehmen, um die Lebensbedingungen 
und die Verbreitung der Organismen daselbst kennen zu 
lernen. Allein an äusseren Gründen war die Ausführung 
gescheitert; das Projekt blieb zunächst liegen. Erst durch 
die Bekanntschaft Baers mit Zivolka, einem jungen 
Marineoffizier, wurde es wieder aufgenommen. Bei diesem 
Manne hatte sich ßaer nach dem Walrossfange erkundigt; 
denn er hatte sich viel mit diesem Tiere beschäftigt und 
wünschte selbst eines zu zergliedern. Zivolka war schon 
viel im Weissen Meere gefahren und auch bis Nowaja Semlja 
gekommen. Er erzählte Baer nicht nur vom Walrossfang, 
sondern auch viel von der Insel, für die er grosse Vorliebe 
besass. Dadurch „erneuerte sich Baers alte Liebschaft für 
den hohen Norden"^) und die alten Reisepläne beschäftigten 
aufs neue seinen lebhaften Geist. Mit leidenschaftlichem Eifer 
vertiefte er sich in das Studium nordischer Reiseberichte 
und legte der Akademie einige einschlägige Arbeiten vor. 
In diesen berichtete er über die Reise Zivolkas nach No- 
waja Semlja und ihre Resultate. Dann trug er, wie er selbst 
erzählt, 2) bei der Akademie darauf an, ihn auf ihre Kosten 
dahin zu senden, denn er wolle doch sehen, „was mit so 
geringen Mitteln die Natur an Lebensprozessen produzieren 
könne." Auch in einem Briefe, den er später aus Kostin- 
Schar an seinen Freund Ernst Mayer in Königsberg, den 
Derühmten Historiker der Botanik, richtete, erzählt er, was 


^) Selbstbiogr. S. 553. 
^) Selbstbiogr. S. 554. 


— 12 — 

ihn bewogen habe „seine alten Knochen nach Nowaja Semlja 
zu tragen." Zuvörderst der Wunsch, sagt er, noch ein 
Walross zu zergliedern, dann die Berechnung von zweijährigen, 
meteorologischen Beobachtungen aus Nowaja Semlja. „Was 
kann in einem solchen Lande gedeihen, dachte ich, und ist 
die Flora von Nowaja Semlja nicht darin sehr wichtig, dass 
sie uns lehren kann, wie weit eine Menge europäischer 
Pflanzen wirklich gehen, deren Grenze man an das Nordkap 
versetzt, die aber vielleicht weiter gegangen wären, wenn 
jenseits Mageroe noch Land wäre." ^) Die Akademie be- 
willigte die Reisemittel und Baer ging sogleich Sommer 1837 
nach Archangelsk, um von dort aus die Reise anzutreten 
In seiner Begleitung befanden sich Zivolka, Alex. Leh- 
mann, ein junger Naturforscher, ferner ein Zeichner, ein 
Laborant und ein Diener. 
Studien über Bcvor wir aber auf den Verlauf und die äusseren Schick- 

Nowaja 

Semlja. sale der Expedition eingehen, wollen wir die schon erwähnten, 
auf Nowaja Semlja bezüglichen Arbeiten Baer s betrachten, 
die seiner Reise vorausgingen. Die erste derselben gibt einen 
„Bericht über die neuesten Entdeckungen an der Küste von 
Nowaja Semlja." 2) Er meint damit die Expeditionen Pach- 
tussows 1832 und Pachtussows und Zivolkas 1833/34. 
Zivolka hatte auch eine Karte der Insel angefertigt; Baer 
hatte sie bei ihm kennen gelernt und gibt sie in seinem Auf- 
satze wieder. Er bemerkt dazu, dass Nowaja Semlja hier 
eine ganz andere Gestalt gewonnen habe, als auf der L ü t - 
keschen (1824), der einzigen, auf wissenschaftliche Bestim- 
mungen gegründeten, welche seit der Reise der Holländer 
(1594-7-1596) ins grössere Publikum gekommen sei. Dieser 
Unterschied beruhe erstens auf der Zeichnung der Ostküste, 
welche technisch korrekt aufgenommen sei und daher volles 
Vertrauen verdiene, zweitens in der Verkürzung des nord- 
östlichen Teiles, den v. Lüt ke zu erreichen vom Eise gehindert 
worden sei. Als das wichtigste Ergebnis der Pachtus- 


*) Sielbstbiogr. S. 554. 

*) Bulletin scientifique de rAcademie Inipöriale des sciences de 
St. P^tersbourg. Tome II, 1837 S. 137 — 171. 


— 13 - 

so waschen Expedition von 1832 bezeichnet Baer die Auf- 
nahme der Ostküste der südlichen Hälfte und die Beobach- 
tung, dass diese Küste im allgemeinen niedrig und nur in 
sehr wechselnden Intervallen ganz frei von Eis sei; als das 
Ergebnis der zweiten Expedition unter Pachtussow und 
Zivolka die Aufnahme von Matotschkin -Schar und der 
Ostküste der Nordinsel bis zur Pachtussow-Insel. Es erfüllt 
Baer^ mit Befriedigung, dass die russische Marine durch 
Verfolgung der Ostküste von Nowaja Semlja das Gebiet 
ihrer Herrschaft weiter ausgedehnt hatte, und er stellt mit 
Genugtuung fest, dass die ganze Nordküste der alten Welt von 
der Obischen Halbinsel bis zur Beringstrasse von den Russen 
entdeckt worden ist, und dass jenseits des Ostkaps im Lande 
der Tschuktschen noch nie eine andere Flagge geweht habe 
als die russische, wie an der Küste von Nordamerika keine 
andere als die britische. Wir erwähnen dies als ein Zeichen 
von Baers warmer Liebe für sein Vaterland, denn er fühlte 
sich zu gleicher Zeit als Deutscher in nationalem und als 
Russe in politischem Sinne. Der Name der Insel Nowaja 
Semlja erscheint Baer als ein Beweis, dass sie von den 
Russen entdeckt worden ist, denn Nowa Sembla ist ein 
russischer Name, nicht holländisch oder englisch ; auch hätten 
die Holländer schon vor ihrer Abreise Kenntnis von der 
Insel gehabt, die sie nur von den Russen hätten erhalten 
haben können. In der Tat fand Barendsz, als er 1594 
auf Nowaja Semlja landete, mannigfache Anzeichen ehe- 
maliger russischer Besiedlung. Und dieser holländische See- 
fahrer darf, nachdem es zweifelhaft ist, welche Insel — ob 
Nowaja Semlja oder Kolgujew — Willoughby gesichtet 
hat, als der eigentliche historische Entdecker der Insel gelten, 
Wie überhaupt die Grosstaten bei der Entdeckung der Nord- 
\vestlichen und Nordöstlichen Durchfahrt ausschliesslich 
Germanen vollbrachten. Da aber die Russen Nowaja Semlja 
^icht durch Küstenschiffahrt erreicht haben können, so sieht 
ßaer in ihrer Fahrt dahin auch einen Beweis dafür, dass sie 
schon vor Peter dem Grossen Schiffahrt getrieben hätten, 
Peter also nicht, wie gewöhnlich behauptet werde, ihr ein- 
ziger Lehrmeister darin gewesen sei. Damit wolle er, sagt 


— 14 — 

Baer, keineswegs Peters Verdienste schmälern. Und er 
hat diese Versicherung dadurch bekräftigt, dass er später 
eine Schrift über Peters Verdienste um die Erweiterung 
der geographischen Kenntnisse verfasste, in der dieser Zar 
als Schöpfer der SchifTahrtskunde in wissenschaftlicher Ge- 
stalt gepriesen wird. 
Das Klima Wir haben oben erwähnt, dass zu den Gründen, welche 

Nowaja 

scmijas. B a e r ZU seiner nordischen Reise veranlassten, auch der Wunsch 
gehörte, die Flora eines von der Natur so wenig begünstigten 
Landes kennen zu lernen. Darum nahmen die Temperatur- 
beobachtungen, die Pachtussow 1832/33 und Pachtus- 
sow und Zivolka 1834/35 angestellt hatten, sein höchstes 
Interesse in Anspruch. Er studierte sie durch, berechnete 
die mittleren Jahrestemperaturen und berichtete darüber an 
die Akademie. „Ueber das Klima von Nowaja Semlja und 
die mittlere Temperatur insbesondere."^) Es standen Baer 
zwei meteorologische Tagebücher zur Verfügung. Das erste 
war auf der Pachtussow sehen Reise in den Jahren 1832/33 
geführt worden und zwar vom 2. Aug. bis 14. Nov. 1833. 
Die Beobachtungen wurden über ein Jahr ausgedehnt und 
ununterbrochen von 2 zu 2 Stunden angestellt. Für jede 
Beobachtung wurde nicht nur die Temperatur, sondern auch 
der Stand des Barometers, die Richtung und Stärke des 
Windes und die Beschaffenheit des Himmels aufgezeichnet. 
Die Lage der Beobachtungshütte in der Felsenbai an der 
Südostüste wurde astronomisch zu 70^ 36' 47" n. Br. und 
57® 47' ö. L. von Greenwich bestimmt. Dennoch ergab sich 
aus der Berechnung von 11 monatigen Beobachtungen eine 
merklich niedrigere Temperatur als in der fast 3 Grad nörd- 
licher sich befindenden Westmündung von Matotschkin-Schar, 
nämlich —9,45 ^ Celsius gegen —8,37 ^ Geis. Das zweite Journal 
wurde auf der zweiten Reise geführt, welche Pachtussow 
mit Zivolka unternommen hatte. Es begann am 25. Juli 
1834 und reichte bis zum 21. Aug. 1835. Die Hütte lag in 
der Nähe der Westmündung von Matotschkin-Schar. Baer 
fand die mittlere Temparatur für die Westmündung dieser 


Bulletin seien tifique. Tome II S. 225—238. 


— 15 — 

Meeresstrasse aus den arithmetischen Mitteln aller Beobach- 
tungen berechnet gleich — 8,37 ^ C. Diese mehr als i ^ betragende 
Differenz der mittleren Temperaturen beider Orte findet Baer 
zwar auffallend, doch übereinstimmend mit allen Erfahrungen, 
welche Seefahrer an diesen Küsten gemacht hätten, und bei 
näherer Erwägung der Verhältnisse auch verständlich. Die 
Westküste werde von einem weiten Wasserbecken bespült, 
das während des grössten Teiles des Jahres eisfrei sei. Die 
Ostküste dagegen liege an dem Karischen Meer, das von 
drei Seiten von Land umschlossen sei und einem Eiskeller^) 
gleiche, und dessen Pforte fast immer durch Eis gesperrt sei. 
Dieselbe Wirkung, welche die Lokalverhältnisse der Karischen 
Pforte im Süden hervorbrächten, werde weiter nach Norden 
durch die hohe Bergkette bedingt, welche längs der West- 
küste laufe und einen ähnlichen Einfluss wie an der Küste 
von Norwegen äussere. Sie bräche die mildernden Wirkungen 
des Wasserbeckens zwischen Lappland, Nowaja Semlja und 
Spitzbergen. Westwinde brächten an der Westküste Feuch- 
tigkeit, an der Ostküste aber kämen die Westwinde trocken 
an und nur Ostwinde bringen, wenn das Karische Meer offen 
sei, Feuchtigkeit, die ebenso wenig an die Westküste reiche. 
Waja Semlja bildet also, zu diesem Schlüsse kommt Baer, 
eine Wetterscheide, obgleich die südliche Hälfte nicht einmal 
eine bedeutende Bergreihe enthält. 

Die mittlere Temperatur Nowaja Semljas berechnet 
Baer auf -8,91^0. Er stellt sie in Vergleich zu derjenigen 
anderer Länder. Nowaja Semlja ist viel kälter als Grön- 
land, bedeutend kälter als die Nordküste von Labrador 
'--34^), noch merklich kälter als die Süd- und Westküste 
\'on Spitzbergen ( — 7®). Auch Jakutsk (—8,07^) ist noch 
Wärmer. Dagegen ist Nowaja Semlja wärmer als Nischnij 
l^olymsk ( — 10^), als Ustjansk ( — 15,24^), wärmer als ein 
grosser Teil Nordamerikas, z. B. Fort Enterprise (—12,130). 
Es fällt nun Baer auf, dass in den nordamerikanischen Gegen- 
den Menschen wohnen, in Nowaja Semlja dagegen nicht. 

Die Bezeichnung der Karischen See als „Eiskeller" hat Baer 
■mancherlei Angriffe eingetragen, auf die wir später zu sprechen kommen 

^'erden. 


- i6 — 

Er sieht d^n Grund nicht in der geringen Wärme an sich^ 
sondern vielmehr in der ungünstigen Verteilung derselben. 
Der Winter hat nur eine mittlere Kälte von — 19,66^, ist 
mithin nicht viel strenget^ als im Inneren von Lappland, aber 
die mittlere Sommerwärme ist überaus gering mit +2,53®. 
Dieser kalte und neblige Sommer ist beinahe der rauheste, 
den man kennt, und er schadet nach Baers Ansicht Nowaja 
Semlja sehr. 

Zu den eben gegebenen Resultaten seiner Berechnungen 
fügte Baer noch zwei weitere über den jährlichen und den 
täglichen Gang der Temperatur in Nowaja Semlja. ^ Er stellt 
die mittlere Temperatur der 12 Monate des Beobachtungs- 
jahres für die Westmündung von Matotschkin - Schar und 
die Südostspitze der Ostküste nebeneinander und es fällt ihm 
dabei auf, dass der März, wie fast überall im Nordpolarge- 
biete, so entschieden der kälteste Monat ist in der Reihe 
für die Südostspitze, der August der wärmste und der Mai 
ungefähr der mittlere. Den Grund sieht Baer in der steten 
Hinleitung des Eises im Karischen Meer, durch das eine Ver- 
schiebung der Jahreszeiten veranlasst werde. Baer hält es 
unter diesen Umständen für ein Unrecht, die meteorologische 
Begrenzung der Jahreszeiten hier ebenso anzunehmen wie 
gewöhnlich, indem man für den Winter den Januar, für den 
Sommer den Juli in die Mitte nimmt. Man solle mit diesen 
Monaten den Anfang machen. Er ist überhaupt der Meinung, 
dass die Frage über das Verhältnis des Winters und des 
Sommers in den verschiedenen Gegenden nur dadurch be- 
antwortet werden könnte, dass man die Kurve, welche der 
jährliche Gang der Temperatur beschreibt, für jeden Ort 
durch graphische Darstellung oder mathematischen Ausdruck 
bestimme und die Epochen der höchsten und niedrigsten 
Temperatur als die Mitte von Sommer und Winter annehme. 
Man solle, verlangt er, unterscheiden zwischen meteoro- 
logischem und astronomischem Jahr. 

Baer gibt weiterhin eine Tabelle, in der er für jede 
der beiden Stationen (West- und Ostküste) die höchste und 

*) lieber den jährlichen Gang der Temperatur in Nowaja Semlja* 
Bull, scient. Tome II 1837 N. 16 u. 17. C. 242—254. 


- 17 - 

niedri^te Temp«atur für jeden einzelnen Monat zusammen- 
stelk und das daraus berechnete mit dem aus allen Tem- 
peraturbeobachtungen gewonnenen oder „wahren Mittel" ver- 
gleicht. Aus dieser Uebersicht erkennt man, wie sehr in 
diesen Gegenden die Berechnung der mittleren monatlichen 
Temperatur aus dem höchsten und niedrigsten Stande des 
Thermometers während eines Monats von der Wahrheit ab- 
weicht. Die Tabelle macht auch anschaulich, dass die grössten 
Temperaturdiflerenzen nicht in die Sommermonate fallen, wie 
in den mittleren Breiten. Dasselbe Ergebnis findet Baer bei 
den dreissigmonatigen Beobachtungen von Ross in Boothia 
felix, wo ebenfalls diis Temperaturunterschiede im Sommer 
am geringsten waren, . im Herbst rasch zunahmen, im Winter 
wieder kleiner wurden und im Frühling wieder wuchsen. 
Der November zeigte die grössten Differenzen und zwar in 
allen drei Jahren fast dieselben. Da ganz offenbar, so folgert 
nun Baer, diese Temperaturdifferenzen der einzelnen Monate 
sich nach dem Wechsel von Tag und Nacht richten, so dürfe 
man annehmen, dass unter dem Pole, in der Mitte der Polar- 
nacht und insbesondere des Polartages geringe Schwankungen 
in der Temperatur obwalten werden. 

Die eben erwähnten Beobachtungen, die Ross^ 30 Mo- 
nate alle 2 Stunden in der Nähe des amerikanischen Kälte- 
poles anstellen liess, benützt B a e r in einem weiteren Aufsatze 
nochmals zu einem Vergleiche: „Ueber den täglichen Gang 
der Temperatur in Nowaja Semlja."^) Aus der Gegenüber- 
stellung der Beobachtungen auf Nowaja Semlja und Boothia 
felix schliesst Baer: 

1. Dass der tägliche Temperaturwechsel in den Winter- 
inonaten am geringsten war, dass er dann im Frühling rasch 
zunahm, im April und Mai am grössten wurde und im Sommer 
wieder bedeutend abnahm. 

2. Dass die Differenzen der täglichen Temperatur in 
hohen Breiten nicht so gross sind als in mittleren. 

3. Dass die grösste Wärme im allgemeinen und beson- 
ders im hohen Norden früher eintritt als tiefer im Süden. 


*) Bull, scientifique, Tome II, Nr. 18. S. 289—300. 1837. 

V- Baer al& Geograph. 2 


— i8 — 

4. Dass auch im hohen Norden die grösste Wäflne auf 
verschiedene Stunden des Tages fällt, dass aber die Diffe- 
renzen nicht so gross sind als weiter im Süden. 

Sehr auffallend erscheint es Baer, dass in der Karischen 
Pforte während des Januars die grösste Wärme um 4 Uhr 
nachmittags und im November sogar 2 Stunden vor Mitter- 
nacht beobachtet wurde. Ja, in Matotschkin-Schar gewinnt 
diese nächtliche Erwärmung zu viel Regelmässigkeit, um sie 
zufälligen Strömungen beizumessen. Im November fällt näm- 
lich die grösste Wärme auf 6 Uhr nachmittags, im Dezember 
zwischen 10 Uhr und Mitternacht, im Januar zwischen Mitter- 
nacht und 2 Uhr. Im Februar fällt zwar die grösste Er- 
wärmung, welche die Sonne hervorbringt, auf die Zeit nach 
dem Mittag, allein es ist deutlich, dass einige Stunden nach 
Mittemacht eine geringe Erwärmung vorherging. Dies lässt 
nun Baer zu der Vermutung kommen, dass im Winter un- 
abhängig von der Sonne ein anderer Grund der Erwärmung 
wirke, dessen Erfolg von Monat zu Monat später kenntlich 
werde. Da nun beide Beobachtungsorte an Meerengen liegen, 
so stellt Baer die Frage, ob nicht, da notwendig fortgehend 
die verschiedenen Temperaturen der Ost- und Westküste sich 
ausglichen, in der Nacht regelmässig ein Luftstrom aus 
wärmeren Gegenden vorbeigehe. Um sich zu Oberzeugen, 
ob der sonderbare Gang der Temperatur im Winter auf 
Lokalverhältnissen der Beobachtungen beruhe, zog Baer die 
mittlere Temperatur aus den Beobachtungen von Ross auf 
Boothia felix aus. Die Tabelle bestätigte seine Vermutung, 
dass dort keine solche Erwärmung nach den verschiedenen 
Monaten innerhalb der Stunden eines Tages hervortrete. 

Aus dem Vergleich der drei Tabellen ersieht nun Baer 5. 
dass, je weiter nach Norden, um so entschiedener während 
des Polartages die niedrigste Temperatur auf Mitternacht 
oder sehr bald nach Mitternacht fällt. 

Und 6. endlich scheint Baer aus diesen Uebersichten 
hervorzugehen, dass in der Tat der Anfang der Dämmerung 
eine abkühlende Wirkung habe, wogegen es aber auch scheine, 
dass bei geringer Tiefe der Sonne unter dem Horizonte die- 
selbe schon erwärmend wirke. 


— 19 - 

Die vier Arbeiten Baers, die seiner Reise vorausgingen, gjjjjjj«^* 
legen Zeugnis dafür ab, auf welch* gründliche Weise er sich ^^2^^** 
vorbereitete. Nach solch eingehenden Vorstudien und bei **««^- 
der Fülle seines naturhistorischen Wissens und seiner scharfen 
Beobachtungsgabe war B a e r wie kein anderer geeignet, die 
Forschungsreise anzutreten. „Bisher war Nowaja Semlja 
bloss im kommerziellen und nautischen Interesse besucht worden, 
kein Naturforscher von Fach hatte noch mit dem Zauberstab 
der Wissenschaft das Land berührt". ^) B a e r war der erste 
Naturforscher, der die Insel besuchte. 

Am 7. Juni 1837 ^^^^ ^^ seine Reise an. Ueber den 
Gang derselben berichtet er in zwei Briefen, die er von 
Archangelsk aus an die Akademie richtete. ^) *) Am 18. Juni 
kamen die Reisenden glücklich in Archangelsk an. Hier 
wurde die Geduld Baers auf die erste Probe gestellt. Noch 
war noch kein Walrossfänger angekommen, das Weisse 
Meer war noch voll Eis. Man benützte den unfreiwilligen 
Aufenthalt zu einer Fahrt in die See und zum Sammeln von 
Muscheln, Tangen und Küstenpflanzen des Weissen Meeres. 
Der von der russischen Marine zur Verfügung gestellte 
Schooner war zu klein; Baer mietete deshalb noch die Lodja 
eines Walrossfängers. Die fünf Reisenden verteilten sich 
auf beide Fahrzeuge, und am 19. Juni segelten sie ab. In 
der Nacht vom i. auf 2. Juli kamen sie an der Südküste 
von Lappland an. Sie fuhren die Küste entlang und ge- 
langten bis Tri-Ostrova an der Ostseite; gelegentlich unter- 
brachen sie die Fahrt, um Exkursionen an das Land zu unter- 
nehmen. Auf einen Besuch in Kola verzichteten sie wegen 
des Zeitverlustes und segelten nun direkt nach Matotschldn- 
Schar, wo sie am 17. Juli nach 5tägiger Fahrt ankamen. 
Nachdem die Ausmündujig der genannten Meerenge in 
geognostischer, botanischer und zoologischer Hinsicht unter- 


J. Spörer: Nowaja Semlä in geographischer, naturhistorischer 
und volkswirtschaftlicher Bedeutung. (Ergänzungsheft 21 zu Petermanns 
Mitt. 2. Teil 1867.) 

*) Expedition ä Nowaja Zemlia et en Laponie. Premier Rapport 
de Mons. de Baer. Bull, scient. Tome II S. 345. 

') Tome III. Bullet, scient. 1838 Nr. 5—7. S. 96—107. 

2* 


20 — 


sucht worden war, wurde etwas tiefer in ihr ein Ankerplatz 
für längeren Aufenthalt gesucht. Von hier aus wurden nach 
allen Richtungen Exkursionen unternommen. Am letzten 
Juli durchfuhren sie Matotschkin- Schar bis an den Ausgang 
ins Karische Meer. Nach der Rückkehr an die Westmündung 
segelten sie nach Süden und ankerten in der Nähe von 
Kostin-Schar an der Mündung eines Flusses Nechwatowa. 
Von hier aus unternahmen sie wieder Ausflüge in die Um- 
gegend und ins Innere. Am 30. August lichteten sie dann 
nach 6 wöchigem Aufenthalt auf der Insel die Anker mit 
Kurs nach der Halbinsel Kola. Infolge widriger Winde gaben 
sie jedoch die Fahrt dahin auf und erreichten dann am 
II- Sept. glücklich Archangelsk, von da in kurzer Zeit 
St. Petersburg. 

Baer war mit dem Verlauf seiner Reise zufrieden; er 
hatte Glück gehabt. Das Wetter war im Vergleich zu dem^ 
das frühere Expeditionen gehabt hatten, günstig gewesen^ 
Schiffe und Mannschaft waren in gutem Zustand zurückge- 
kehrt. Die wissenschaftlichen Früchte der Expedition waren 
reichlich. 90 verschiedene Arten von Phanerogamen waren ge- 
funden worden und mindestens halb so viel Kryptogamen. 
lieber 70 Arten wirbelloser Tiere hatte man festgestellt. 
Das Felsengebäude Nowaja Semljas war an besuchten Stellen 
von Lehmann genauer erforscht worden, Zivolka hatte 
die Höhe der bedeutendsten Berge um Matotschkin-Schar ge- 
messen, Witterungsbeobachtungen gemacht und magnetische 
Beobachtungen angestellt, der Zeichner Abbildungen von 
naturhistorischen Gegenständen und landschaftlichen Auf- 
nahmen geliefert. 

Die Reise hatte einen tiefen und bleibenden Eindruck 
auf Baer hinterlassen. Nach fast 30 Jahren noch, 1864, als 
er seine Selbstbiographie schrieb, war die Erinnerung lebendig 
in ihm. Er sagt:^) „Noch jetzt gehört die Erinnerung an 
den grossartigen Anblick des Wechsels der dunklen Gebirge 
mit den mächtigen Schneemassen und den farbenreichen^ 
überaus kurzen und fast sämtlich in Miniaturrasen gesammelten 


*) Selbstbiographie S. 407. 


— 21 — 

Blumen der Ufersäüme, die in die Erde kriechenden, nur mit 
den letzten Schüssen aus dai Spalten vorragendeft Weiden 
zu den lebhaftesten Bildern meines Gedächtnisses. Zu den 
schönsten, möchte ich sagen, gehören die Eindrücke der 
feierlichen Stille, welche auf dem Lande herrscht, wenn die 
Luft ruht und die Sonne heiter scheint, sei es am Mittage 
oder um Mittemacht. Weder ein schwirrendes Insekt, noch 
die Bewegung eines Grashalmes oder Gesträuches unter- 
bricht diese Stille; denn alle Vegetation ist nur am Boden." 

Was Baers Reise für die geographische Wissenschaft 
besonders wertvoll macht, ist die Tatsache, dass sie, als die 
erste wissenschaftliche Expedition nach Nowaja Semlja „für 
die Klimatologie und Physiographie dieser Insel den Grund 
gelegt'*, „Flora und Fauna der Wissenschaft einverleibt und 
die Natiu^erhältnisse der Insel in klaren Zusammenhang mit 
der Erdphysik gebracht hat." i) „Die Abhandlungen, welche 
Baer in den Bulletins der Akademie veröffentlicht hat, haben 
ihm mit Recht den Namen eines wissenschaftlichen Entdeckers 
der Insel erworben."^) In ihnen will er der Akademie „ein 
physisches Gemälde der von ihm besuchten Gegenden (tableau 
physique des contrees visit6es)" geben. Sie umfassen fünf 
Artikel. 

Der erste handelt von dem Ufer des Weissen Meeres Pflan««- 

geo^aphi- 

und Lappland. ^) Baer hatte, wie erwähnt, die kurze Zeit »chc^Rcsui- 
seines lappländischen Aufenthaltes hauptsächlich zur Be- 
obachtung der Pflanzenwelt benützt und gibt von derselben 
eine anschauliche Schilderung. „Lappland*', sagt er, „kann 
man mit Recht das Land der Flechten und Moose nennen. 
Wo der Boden während des Sommers austrocknet, erzeugen 
sich Flechten, wo er feucht bleibt, Moose. Und Flechten 
und Moose scheinen in einem fortwährenden siegreichen 
Kampfe mit der übrigen Vegetation zu stehen." Der Anblick 
^er verkümmerten Bäume und Wälder bestärkte Baer in 
seiner Ueberzeugung. „Fügt man noch hinzu," so fährt er 
tort, „dass in der Nähe der kleinen Flüsse oder an andern 

^) J. Spörer a. a. O. Seite 45. 

/ »» *f tf , »» 45' 

') Bulletin scient. Tome III 1838 S. 132—144. 


wasserreich sich erhaltenden Stellen niedriges, aber oft un- 
durchdringliches WeidengestrQpp sich bildet, so hat man ein 
allgemeines Bild der gesamten Küstengegend des russischen 
Lapplandes, das wir teils besucht, teils vom Schiffe aus 
immer im Auge behalten haben." Auch das animalische 
Leben des Festlandes fesselte Baers Aufmerksamkeit. Er 
fand, dass die Zahl und Mannigfaltigkeit der Seevögel, wie 
sie sich an der norw^ischen Küste zeige, in Lappland nicht 
erwartet werden dürfe. Die Zahl der Singvögel in den 
Wäldern südlich und nördlich von Archangelsk zeige eine 
auffallende Abnahme, die der hühnerartigen Vögel sei an- 
sehnlich. Der Ruf des Kuckucks, der sich bis jenseits des 66^ 
n. Br. hören lasse, werde unter diesen Umständen um so 
auffallender. Wir sehen, dass Baer, was bei ihm als Zoologen 
ja sehr nahe liegt, sein Augenmerk auch auf die geogra- 
phische Verbreitung der Tiere richtet. Zum Schlüsse seines 
Aufsatzes spricht er in anregender Weise von der Bevölke- 
rung Lapplands imd ihren Erwerbsquellen. 
Gcoioiische Der zweitc der Reiseaufsätze handelt von der „Geo- 

gnostischen Konstitution von Nowaja Semlja'*. ^) 

Der Geognost der Expedition, der schon erwähnte 
Studierende der Naturwissenschaft in Dorpat Lehmann 
entwarf einen Umriss von der geognostischen Beschaffenheit 
des Landes. Er führte als die wesentlichen, von der Ex- 
pedition auf Nowaja Semlja angetroffenen Gesteinsarten 
folgende auf: Tonschiefer, Talkschiefer, grauer Quarzfels, 
grauer, versteinerungloser Kalk, schwarzer, orthoceratiter 
Kalk, Mandelstein, Aupitporph)a". Als Hauptaufgabe der 
Expedition auf dem Gebiete der Geognosie bezeichnet Baer 
jedoch die Untersuchung darüber, ob das Gebirge auf Nowaja 
Semlja eine Fortsetzung des Ural sei oder nicht. Baer be- 
ruft sich bei der Lösung dieser Frage zunächst auf Alex. 
Schrenck, der im Dienste des kaiserlichen botanischen 
Gartens 1838 die Samojedentundra des Archangelskschen 
Gouvernements durchreiste. Dieser drang bis zum Ural vor, 
untersuchte denselben geologisch und verfolgte die nörd- 


Resultate. 


*) Bullet, scient. Tome III 1838 S. 151—159. 


— 2Q — 

lichsten Ausläufer dieses Gebirges bis nach Waigatsch hin. 
Hier herrscht nun, nach seiner Mitteilung, derselbe graue, 
versteinerungslose Kalkstein, der Kostin-Schar umgibt und 
sich von hier über die Südspitze von Nowaja Semlja fort- 
setzt. Es gleichen nicht nur die um Kostin-Schar geschlagenen 
Belegstücke denen von Waigatsch einigermassen , sondern 
es stimmen auch die anderen geognostischen Verhältnisse 
miteinander überein. Baer selbst ist der Ansicht, dass schon 
die äussere Form und Lage von Nowaja Semlja in Verbin- 
dung mit der Insel Waigatsch fast zu der Ueberzeugung 
nötigen, dass' die ganze Inselgruppe eine Fortsetzung des 
Ural sei. Er findet es daher sehr auffallend, dass Ludlow, *) 
der einzige Geognost, der bisher Nowaja Semlja besucht 
hatte, als Resultat seiner Beobachtung die Behauptung auf- 
stellte, dieses Land dürfe nicht als Fortsetzung des genannten 
Gebirges betrachtet werden. Um so erfreulicher erscheint 
es B a e r, dass es -den vereinten Bemühungen Lehmanns 
und Schrencks gelungen sei, den Zusammenhang voll- 
ständig nachzuweisen. Auch Hessen die zahlreichen Klippen, 
meint Baer, zwischen Waigatsch und Nowaja Semlja, sowie 
das hier gewöhnliche Anhalten des vom Karischen Meer 
nach Westen bewegten Eises vermuten, dass unter dem 
Niveau des Meeres ein Höhenzug durch diese breite Strasse 
gehe. Auch zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja hält 
Baer einen versenkten Höhenzug für möglich, der das regel- 
mässige Anhäufen der Eismassen erklären könnte. Wäre 
& der Fall, so schliesst er weiter, wäre es eine unterseeische 
Fortsetzung des Urals, welche das Wasserbecken südlich 
von Spitzbergen von dem Hauptandrange der Wassermassen 
aus dem nordsibirischen Eismeere sichere, so wäre der Ural 
der grösste Wohltäter Europas, das er gegen die klimatischen 
Einflüsse Sibiriens bewahrt, und dann wäre es auch klar, 
warum der Golfstrom Spitzbergen so erwärmen könnte, wie 
wir es in der Tat erwärmt finden. 


*) Ludlow, Uralscher Bergwerksbeamter, hatte im Jahre 1807 
^ic Expedition des Kaiserl. Steuermanns Pospelow nach Nowaja 
^mlja zum Zwecke der bergmännischen Erforschung der Insel mit- 
gemacht. 


— 24 — 

Im Gegensatz zu Baers Ansicht, dass das Gebirge auf 
Nowaja Semija eine Fortsetzung des Ural sei, steht Spörer. ^) 
Er sagt : „NoWaja Semija und Waigatsch sind geognostisch 
nicht als Fortsetzung des Ural, sondern des Pai Chloi anzu- 
sehen. Nach dem Resultat der Uralschen Expedition der 
Geogr. Gesellschaft schliesst der Ural mit dem Konstanti- 
nowsky Kameny ab, und 40 Werst weiter nach N. W. be- 
ginnt ein anderer Gebirgszug, der Pai-Chloi mit durchaus 
anderer, der von Waigatsch und Nowaja Semija ähnlichen 
Formation.« 

Auch Hiekisch^) hält den Pai-Chloi fiir ein durch 
seine Richtung und die äussere Form der Berge als selbst- 
ständiges zu bezeichnendes Gebirge, wenn es auch in seinen 
geologischen Altersbeziehungen vom Ural nicht zu unter- 
scheiden sei. Dagegen erscheint ihm die nächste geologische 
Verwandtschaft des Pai-Chloi mit den Inseln Waigatsch und 
Nowaja Semija zweifellos. 

In Wirklichkeit ist es, wie Toppen^) mit Recht be- 
merkt, gleichgültig, ob man die Erhebung von Nowaja 
Semija als Fortsetzung des Ural oder des Pai-Chloi betrachtet, 
denn auch diese Gebirge wird man kaum von einander 
trennen können, wenn gleich sie durch eine tiefe Boden- 
senkung geschieden sind. 

Über „Vegetation und Klima von Nowaja Semija 
gische Re- spricht Bacr in einer weiteren Abhandlung.*) Er schildert 
pflanxcnvcr. ^^^ Pflauzcndecke der Insel als sehr arm und dürftig. Es 
frachtung. fehlt an Humus^ dieser ist an den meisten Stellen sehr gering 
und vermehrt sich unglaublich langsam, da viele Pflanzen im 
Herbste ihre Blätter entfärbt beibehalten. Doch würde No- 
waja Semija noch viel nackter erscheinen, wenn es nicht 
viele Pflanzen trüge, die gar keines Humus zu bedürfen 
scheinen, sondern nur einer Felsenspalte oder eines lockeren 


^) Spore r, a. a. O. Seite 58. 

*j H i e k i s c h , das System des Urals, Dorpat 1882 Seite 230 
^) Toppen, die Doppelinsel Nowaja Selmja, Leipzig 1878 S. 80- 
*) Bulletin scient. Tome III S. 171— 192. 


— 25 — 

Kieses, in dessen Zwischenräumen sich etwas Feuchtigkeit 
erhält. Die geringe Vegetation in Nowaja Semlja erscheint 
Baer nicht verwunderiich , wenn er sich erinnert, dass nach 
den Beobachtungen von Pachtussow die Sommerwärme 
dort geringer als in irgend einem Lande ist, von dem wir 
sie durch Messung kennen. Es gedeihen aber auch nur 
solche Pflanzen, die ihrer inneren Anlage nach eine sehr 
kurze Vegetationsperiode haben. Dabei findet sich, dass 
bei anscheinend gleicher Beschaffenheit des Bodens im all- 
gemeinen die Küste reicher besetzt ist als die von ihr mehr 
entfernten Gebiete und spricht die Vermutung aus, dass das 
Eis fremde Pflanzen gestrandet habe. Von bestimmendem 
Einfluss auf das Wachstum der Pflanzen ist nach Baer 
weiterhin die Temperatur des Bodens. Er hat sich wieder- 
holt überzeugt, dass, nach der speziellen Lokalität wechselnd, 
der Boden in einer Tiefe von 2V4— 2-'/4 Fuss nie auftaut. 
Die Bodenwärme steigt um so höher, je mehr sich dieser 
der Natur des reinen Felsens nähert, und durch diese Wärme 
allein, die im allgemeinen höher ist, als die mittlere Tem- 
peratur der Luft, wird die Vegetation verständlich. Und nun 
spricht Baer über den Bau der Pflanzen Nowaja Semljas 
einen Satz aus, der uns heute für die gesamte Flora der 
Arktis geläufig ist: ,, Sämtliche Vegetation ist auf die oberste 
Schicht des Bodens und die unterste Luftschicht beschränkt" 
und beide sind im Sommer wärmer als die höhere Luft- und 
die tiefere Bodentemperatur. Die Wurzeln krautartiger 
Pflanzen, stellt Baer fest, dringen gewöhnlich nicht über 
2 Zoll in den Boden. Selbst die Holzgewächse gehen nicht 
viel tiefer. Es versteht sich von selbst, fügt er bei, dass 
sie nie die Form von Bäumen, sondern nur von Sträuchern 
haben. Die aus dem Boden hervortretenden Triebe er- 
scheinen nur als ganz unbedeutende überirdische Ausläufer 
eines unterirdischen Stammes. „In der Tat sind die Wälder 
in Nowaja Semlja mehr in als über der Erde." 

Welchen Eindruck nun dieser Mangel an Baumwuchs zoo|co«a 
und an jeglichem augenfälligen Gesträuche auf den Menschen suitate. 
"iacht und welche Wirkung er auf das animalische Leben 
ausübt, schildert B a e r in einem 4. Artikel : „Tierisches Leben 


— 26 — 

auf Nowaja Semlja/'*) Zuvörderst, sagt er, geht alles Mass 
für das Auge verloren. In Ermangelung der gewohnten 
Gegenstände von bekannter Dimension, der Bäume und der 
menschlichen Bauwerke hält man die Entfernungen für viel 
geringer als sie sind und eben deshalb auch die Berge für 
viel niedriger. Doch beruht diese Täuschung nach Baers 
Überzeugung nicht allein auf dem Mangel an gewohnten 
Gegenständen, sondern auch auf einer besonderen Durch- 
sichtigkeit der Luft. Eine andere Wirkung des Mangels an 
Baumwuchs ist das Gefühl der Einsamkeit. Wir haben schon 
eine Stelle angeführt, in der Baer von dem Eindrucke spricht, 
den die feierliche Stille der Natur auf den Menschen macht. 
Auch hier schildert er wieder in anschaulicher und schöner Weise 
die Lautlosigkeit der Natur. „Es fehlt bei stillem Wetter 
an Lauten und an hinlänglicher Bewegung. Lautlos sind 
alle ohnehin spärlichen Landvögel Nowaja Semljas, lautlos 
sind auch die verhältnismässig noch viel spärlicheren Insekten. 
Auch der Eisfuchs lässt sich nur in der Nacht hören. Trotz 
Zeichen tierischen Lebens scheint dieses zu fehlen, weil man 
zu wenig Bewegung sieht." Viel lebendiger als die Fläche 
des Landes findet B a e r die Küste von Nowaja Semlja infolge 
der hier nistenden Seevögel. Sie sind oft so zahlreich, sagt 
er, dass die dunkle Felswand von ihren weissen Bäuchen 
fleckig erscheint. In ihnen sieht er die besten Zeugen, 
dass in der Tiefe der See mehr zu holen ist als auf dem 
Lande und die „Summe des tierischen Lebens" unter die 
. Fläche des Ozeans gesunken ist. Auf dem Lande fand Baer 
die Zahl der Lemminge trotz der spärlichen Vegetation 
gross, auch sah er zahlreiche Eisfüchse, dagegen wenig Eis- 
bären, Wölfe, gewöhnliche Füchse und Renntiere. Wichtiger 
erschienen ihm die Seesäugetiere, deren Vorkommen stark 
wechselt, je nach der Zahl der Expeditionen. Das wichtigste 
darunter für die Jagdzüge ist das Walross ; unter den Robben 
nennt er 4 Arten. Merkwürdig kommt es Baer vor, dass 
sich der grönländische Walfisch niemals in die Umgegend 
von Nowaja Semlja zu verirren scheint. Was die Schwimm- 


^) Bulletin scient. Tome III pag. 343—352. 


— 27 — 

Vögel betrifft, die die „Saison" hier zubringen, so sind nach 
Baers Beobachtung, wenigstens in der südlichen Insel, die 
Saatgänse so allgemein, dass das Einsammeln der ausge- 
fallenen Schwungfedern ein Gegenstand des Jagderwerbes 
ist. Die Eisenten sind häufig, die Singschwäne, Eiderenten 
und -gänse nicht selten. Von der gesamten Klasse der 
Amphibien fand Baer keine Spur, von den Fischen wohl 
eine reiche Zahl an Individuen, doch eine geringe an Arten. 

Im Anschluss an diese 4 Artikel macht Baer noch eine "höiSi^' 
kurze Mitteilung über Zivolkas Messung einiger Berge sSji* 
von Nowaja Semlja. *) Während des Aufenthaltes in der 
Meerenge Matotschkin-Schar hatte man mit Hilfe einer an 
dem schmalen Küstensaum abgesteckten Basis die Höhe der 
bedeutendsten von dieser Gegend aus sichtbaren Gipfel ge- 
messen. Die Höhen schwanken zwischen 1841,7 Fuss = 
561,72 m (Lütkes erstgesehener Berg) und 3475 Fuss = 
1059,87 m (ein Berg am Südufer der Meerenge). 

Nachdem so Baer durch seine Reise und die sich daran ^aShi^"' 
anschliessenden Artikel zur Erforschung Nowaja Semljas SiUwsS^ 
einen namhaften Beitrag geliefert hatte, verfolgte er begreif- '^^'iiS^I!^ 
licherweise ihre fernere Erschliessung mit regem Interesse. 
Schon bald nach seiner Rückkehr wurde in den Jahren 
^W39 eine neue Expedition unter dem Befehle der Leutnants 
Zivolka und Moissejew ausgeführt, und Baer, Hess es 
sich nicht nehmen, über die Resultate derselben an die Aka- 
demie zu berichten. 2) Der Hauptzweck der Expedition die 
Nordostspitze aufzunehmen war nicht erreicht worden — dies 
Wieb Johannsen 1870 vorbehalten — , woran nach Baers An- 
sicht die späte Ankunft 1838 und das baldige Erkranken und der 
Tod des Führers Zivolka schuld sein mochte. Indessen war 
die Expedition nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Für die 
wichtigste Nachricht, die man zurückgebracht hatte, hielt 
ßaer die, dass die Kreuzbai keineswegs, wie Zivolka ver- 
J^utet hatte, eine Meerenge sei, sondern ein tiefer Fjord. 
Die Expedition hatte ferner einen Teil der Nordwestküste 

*) Bullet, scient. Tome III S. 314. 

') Die neuesten Entdeckungen in N. S. aus den Jahren 1838/39. 
ßuUet scient. Tome VII S. 133—134. 


- 28 — 

aufgenommen und gefunden, dass die nördliche Hälfte der 
Insel ein von tiefen Fjorden eingeschnittenes Land ist. 

Das Interessanteste, was die Expedition aber heim- 
brachte, war für Baer wohl das meteorologische Tagebuch, 
dessen Resultate er eigens veröffentlichte: „Temperatur- 
beobachtungen, die an der Westküste von Nowaja Semlja 
unter dem 74® n. Br. angestellt worden sind. ^) Sie sind für 
ihn deswegen so interessant, weil er in ihren Resultaten 
die Folgerungen im allgemeinen bestätigt findet, die er selbst 
aus den früheren Beobachtungen gezogen hat So hatte Baer 
die Vermutung ausgesprochen, dass die grosse Temperatur- 
differenz zwischen dem wärmeren, obwohl nördlicher ge- 
legenen Westende des Matotschkin-Schar und der südlicher 
gelegenen, aber kälteren Karischen Pforte mit den bisherigen 
Erfahrungen über die Verschiedenheit der Temperatur an 
der Ost- und Westküste übereinstimme, ja noch auffallender 
befunden worden wäre, wenn nicht beide Beobachtungen an 
Meerengen angestellt worden wären. Er findet seine Ver- 
mutung durch die neuen Beobachtungen sehr auffallend, mehr 
sogar als er erwartet, bestätigt. Nicht nur die Gesamttemperatur 
des Jahres, sonderA die fast aller einzelnen Monate ist höher 
befunden worden als 1834/35 im Westende von Matotschkin- 
Schar und noch viel mehr als 1832/33 in der Karischen 
Pforte, obgleich der neue Beobachtungsort etwas weiter nach 
N. liegt als die erstere Meerenge und bedeutend weiter als 
die letztere. Auf jede Weise zeigte sich dieser nördliche 
Punkt auf Nowaja Semlja wärmer als die früheren südlichen, 
vorzüglich aber im Winter. Baer ermittelte die mittlere 
Jahrestemperatur in der Seichten Bai auf —7,28® Cels. ; der- 
selben steht diejenige von Matotschkin-Schar gegenüber mit 
—8,37^ und die der Karischen Pforte mit —9,43^ C. Auch 
die Verspätung des meteorologischen Jahres gegen das astro- 
nomische zeigte sich in der Seichten Bai, obgleich nicht in 
dem Masse wie in der Karischen Pforte. Baer kann die 
filiher schon gefasste Ueberzeugung nicht aufgeben, dass die 


*) Bullet, scient. Tome VIT 1840 S. 229 — 248. 


- 29 — 

Bildung und das Schwinden des Seeises der Grund dieser 
Verspätung der Temperaturkurven ist. Was den täglichen 
Gang der Temperatur betrifft^ so erkennt er auch aus 
dieser Beobachtung, dass in den Wintermonaten die täglichen 
Differenzen am geringsten, in den Sommermonaten etwas 
grösser, am grössten aber während des Ueberganges aus 
der langen Polarnacht in den Polartag sind. Die grösste 
tägliche Erwärmung findet er auch jetzt, wie bei der ersten 
Beobachtung des Klimas von Nowaja Semlja, im Sommer 
sehr bald nach Mittag. Nur im August tritt die höchste 
Erwärmung nach i Uhr ein, im Mai, Juni, Juli, September, 
Oktober sehr bald nach 12 Uhr. Im November, Dezember, 
Januar, Februar, März erscheint dagegen die höchste Wärme 
nach 2 Uhr und zuweilen sehr viel später. Dies erinnert 
ihn daran, dass bei Berechnung des Temperaturganges in 
Matotschkin-Schar ebenfalls ein eigentümliches Verhältnis in 
der Reihenfolge der erwärmten Stunden hervortrat. Er hält 
es nicht für schwer, in Matotschkin-Schar den Grund dieser 
zur Regel gewordenen Störung zu erkennen. Die genannte 
Meerenge verbindet das Karische Meer mit dem Eismeer, 
sowie die Luftmassen über den beiden Meeren. Das Karische 
Meer ist fast nie ohne Eis. Es ist daher kälter als das west- 
liche Eismeer (Barendsz-See). Die Luft über demselben ist 
im grössten Teil des Jahres bedeutend kälter als die Luft, 
welche auf dem westlichen Eismeere liegt. In der Höhe 
des Sommers mag sie wärmer sein, denn die grossen Länder- 
massen, die das enge Meer umschliessen und sich bedeutend 
mehr erwärmen als die See geben der Luft über dem Kari- 
schen Meer eine höhere Temperatur, als die Luft westlich 
von Nowaja Semlja hat. Es muss aber nicht nur eine Aus- 
gleichung der verschiedenen Temperaturen durch die Meer- 
enge stattfinden, sondern es wird auch mit Ausnahme der 
Sommermonate ein fortwährender Luftzug durch Matotschkin- 
Schar von Osten nach Westen stattfinden, da, wenn zwei 
verschieden erwärmte Luftmassen miteinander in Verbindung 
stehen, in den unteren Schichten die kältere gegen die 
wärmere strömt. Diesen Verhältnissen meint Baer, muss 
nian die Depression der mittleren Jahrestemperatur in Ma- 


— 30 — 

totschkin Schar gegen die übrige Westküste zuschreiben. 
Die kältere Luft über dem Karischen Meer und über Nowaja 
3enilja strömt gegen die wärmere über dem Eismeere. In 
dieser vorherrschenden Windrichtung liegt, wie Baer nicht 
bezweifelt, der Grund der sonderbaren, im Verlauf des Jahres 
nach den Tagesstunden scheinbar zirkulierenden Erwärmung, 
das Phänomen nun, das in Matotschkin-Schar unverschleiert 
hervortritt, das Vorherrschen des Landwindes in den kalten 
Jahres- und Tageszeiten (das Karische Meer im Winter als 
Land betrachtet) bringt auch wohl nach Baers Ansicht in 
anderen arktischen Gegenden die Störungen im täglichen 
Gang der Temperatur während des Winters hervor, wenn 
auch nicht mit derselben Bestimmtheit. Es zeigt sich auch 
in der Tabelle von der Seichten Bai. Die Beobachtung, die 
hier Baer gemacht hat, ist ein Beispiel von örtlicher Luft- 
bewegung, wie wir sie an Meeresküsten häufig als „Land- 
und Seewind" finden. Die Folgerungen, die er aus den 
früheren Beobachtungen gezogen hatte, konnte er, wie ge- 
sagt, durch die Beobachtungen in der Seichten Bai völlig be- 
stätigt finden. 
Anderweite j)ie eben besprochene Arbeit Baers über Temperatur- 

sehe Ar* beobachtunsTen an der Westküste von Nowa Semlja führt 

beiten Baers. o J 

uns von selbst auf eine andere Gruppe von Arbeiten, die 
klimatologischen. Es war für ihn eine interessante Be- 
schäftigung, Berechnungen aus Temperaturbeobachtungen 
Anderer zu machen, sie zu schon bekannten in Vergleich zu 
stellen und Schlüsse daraus zu ziehen. Eine Reihe von 
meteorologischen Arbeiten verdankt solchen Studien Baers 
ihre Entstehung. So benützt er das meteorologische Tage- 
buch, das der Kontreadmiral und ehemalige Verwalter der 
russischen Kolonien in Amerika v. Wränge 11 während 
seines Aufenthaltes in Neu-Archangelsk auf Sitcha oder Ba- 
ranow, einer Insel des Alexander-Archipels an der Westküste 
von Alaska, vom November 1831 bis Februar 1835 geführt 
hatte, zu einem Artikel „lieber das Klima in Sitcha und den 
russischen Besitzungen an der Nordwestküste von Amerika 
überhaupt, nebst einer Untersuchung der Frage, welche 
Gegenstände des Landbaues in dieser Gegend gedeihen 


_ 31 — 

können." Er stellt Wränge 11 s Beobachtungen gegenüber 
die von Kämtz aus älteren Beobachtungen berechneten 
mittleren Temperaturen für die Kolonie Nain in Labrador, 
die auf der Ostküste von Nordamerika in fast gleicher Breite 
mit Neu- Archangelsk liegt. Den schon lang beobachteten Unter- 
schied auf der Ost- und Westküste von Nordamerika unter 
gleichen Breiten hofft er durch Zahlenwerte mit Sicherheit 
bestimmen zu können. In der Tat ergeben die gefundenen 
Zahlen diesen Unterschied in auffälliger Weise. Die mittlere 
Temperatur von Neu- Archangelsk betrug +7,89® Cels., die 
von Nain —3,62® C. So ist das Klima im Verhältnis zu 
dem der Ostküste Nordamerikas begünstigt. Doch sprechen 
bei Sitcha Lokalverhältnisse mit. Es erfährt den Einfluss 
des Kontinents und der See zugleich und hat daher nicht 
ein Insel-, sondern ein Küstenklima. Ausserdem ist die Insel, 
wie die Küste von hohen Bergen besetzt, wodurch die Aus- 
gleichung der Temperaturverschiedenheit zwischen dem 
Kontinent und dem Ozean bedeutend gehemmt wird. Diese 
Berge sind zudem noch mit dichten Waldungen besetzt, wo- 
durch die Luft sehr viel Feuchtigkeit erhält. Neu- Archangelsk 
ist also im Sommer kühler und im Winter wärmer als es 
ohne dieses Lokalverhältnis sein würde und kann nicht un- 
mittelbar den Lauf der Isotheren und Isochimenen bezeich- 
nen. Die russische Kolonie, findet Baer, gibt einen auffallen- 
den Beleg dafür, dass die Raumverhältnisse zwischen dem 
festen Land und dem Ozean die Abweichung der Isothermen, 
Isotheren und Isochimenen bedingen. Die mittlere Tempe- 
ratur des Winters in Neu- Archangelsk ist +1,52^ C, die mitt- 
lere Jahrestemperatur +7,39® C. Dagegen beträgt die mitt- 
lere Sommertemperatur von Sitcha nur +13,5^ C, entspricht 
also denjenigen Gegenden Europas, wo der Roggen gar nicht 
gedeiht. Man dürfe also, meint Baer, nicht erwarten, dass 
der Bau von Roggen auf Sitcha gelingen werde, zumal 
Sitcha so feucht ist und der Roggen Trockenheit braucht. 


*) Bulletin scient. Tome V No. 9 u. 10 1839 S. 129 — 141 zugleich 
auch abgedruckt im I. Bd. der Beiträge zur Kenntnis des russischen 
Reiches. S. 290—320. 


— 32 — 

Anders sei es mit Gerste, die wahrscheinlich gedeihen werde, 
da ihr Feuchtigkeit weniger schadet. Auf dem Küstensaume 
baut man einige GemOsearten und Kartoifehi, die sehr gut 
gedeihen. Baer schlägt vor, man solle die Quinoa pflanzen, 
die in Südamerika auf einer Höhe gedeiht, welche die Gerste 
nicht mehr verträgt- 

In der Ausgabe im Bd. I der Beiträge ist der Aufsatz 
Baers über das Klima von Sitcha mit einem Zusatz versehen, 
der die Stellung der damals russischen Halbinsel als Klima- 
scheide betont. Alaska, sagt er da, bildet in seiner Länge 
von mehr als 80 Meilen eine ununterbrochene Mauer zwischen 
dem Beringsmeer und dem Busen, den die Südsee im Osten 
von dieser Halbinsel bildet. Eine lange Inselkette setzt diese 
Scheidewand mit einigen Unterbrechungen fort. Die Folge 
davon ist, dass das Beringsmeer kälter* ist als jener Busen. 
Ausserdem ist nicht nur Alaska, sondern auch ein Teil der 
Inselkette sehr hoch. Dadurch wird auch die Temperatur- 
ausgleichung in den Luftmassen über beiden Meeren gehemmt. 
Daher ist kein Meer so reich an Nebeln als das Beringsmeer, 
denn fast von allen Seiten kommt der Wind aus einer mehr 
erwärmten Luftregion und muss über der Fläche des kalten 
Beringsmeeres Nebel absetzen. Wohl nirgends auf der Erde, 
meint Baer, ist ein so bedeutender Unterschied der Klimate 
in so geringer Entfernung als auf beiden Seiten von Alaska. 
Diese Halbinsel scheidet die waldigen von den waldlosen 
Ufern, die Kolibris von den Walrossen. 

Bemerkungen ähnlicher Art wie die zuWrangells Be- 
obachtungen machte Baer auch zu den Temperaturbeobach- 
tungen der Herren Tschichatschew und Dahl in den 
Steppen der Kirgisen während des Winters 1839/40: „Petites 
notes sur les observationsde temperature, faites pendant Thiver 
1839 — 1840 dans les steppes de Kirghises par MU. Tsch. et 
D."^) Die Herren hatten aus der Steppe zwei Briefe an Baer 
gesendet von denen der eine meteorologische Beobachtungen 
dortselbst vom 18. Nov. 1839 bis 27. Februar 1840 ent- 
hielt. Baer berechnete aus den Beobachtungen die wahr- 


*) Bullet, scient. VII 1840. S. 66. 


- 33 - 

scheinliche mittlere Temperatur der drei Wintermonate auf 
-2i^ C. Indem er dieses Resultat mit denjenigen thermo- 
metrischer Beobachtungen in analogen Gegenden verglich, 
kam er zu dem Schluss, dass die Isochimene der Kirgisen- 
steppe gegen Norden fast der Richtung des Meridians folgt. 

Zu den meteorologischen Arbeiten ist femer zu rechnen Studien aber 
ein Artikel: „Sur la fr6quence des orages dans les regions **wttter. 
arctiques;" *) „lieber die Häufigkeit der Gewitter in den 
arktischen Gegenden/' 2) Der französische Physiker Arago 
hatte im „Annuaire 1838" einen Artikel über den Donner 
veröffentlicht und darin die Behauptung aufgestellt, dass es 
im offenen Meere oder auf den Inseln jenseits des 75^ n. Br. 
niemals donnere und dass der 70^ n. Br. die Grenze der 
Gewitter bilde. 

Der Petersburger Physiker und Akademiker Jakobi 
stellte nun bezugnehmend auf diesen Teil der Arago sehen 
Arbeit an B a e r die Frage, ob er während seiner nordischen 
Reise 1837 Donner über 70^ n. Br. gehört habe oder ob er 
irgend eine andere Kenntnis habe von Gewittern, die im 
Norden beobachtet worden seien. Baer antwortet Jakobi 
in einem ausführlichen Briefe, den er im Auszuge der Aka- 
demie mitteilt. Es ist ihm kein Zweifel, sagt er, dass der 
Donner immer seltener wird, je weiter man gegen Norden 
vorrückt. Indessen scheint es ihm, dass Arago den Donner 
zu sehr begrenzt habe, weil er sich nur auf englische Quellen 
stützt und auf Thorstensens Beobachtungen in Island. 
Baer ist der Ansicht, dass es keine von Menschen erreichte 
nördliche Breite gibt, wo der Donner fehlt, und gibt dafür 
einige Beispiele. In Island ist das Gewitter ein zwar seltenes, 
aber doch sehr gut bekanntes Phänomen. Anderson, 
Olafsen und Po v eisen sind ihm dafür Zeugen. ^) In Grön- 
land ist der Donner noch seltener, wie Egede und Crantz 
versichern.*) Auf dem Kontinente unter den Breiten Islands, 


^) Bullet, scient. VI p. 66—73 oder 
*) Petersburger Ztg. 1839 Nr. 273. 

*) Anderson: Nachrichten von Island und Grönland. Hamburg 
^47- Olafsen: Reise durch Island. Kopenhagen 1774. 

*) Egede, Paul: Nachrichten von Grönland. Kopenh. 1790. 

V Baer als Geograph. 3 


— 34 - 

vermutet Baer, ist der Donner häufiger als auf dieser Insel. 
Uleäborg hat z. B. durchschnittlich 7,3 Donnerschläge im 
Jahr, Archangelsk 6,5 Gewitter, Beresow (64®) 6, 
Jakutsk 6, Nertschinsk 18 in 6 Jahren. Baer bemerkt, 
dass sich die Häufigkeit der Gewitter mehr nach dem Iso- 
thermen richtet oder vielmehr nach den Isotheren als nach 
den Breitegraden. Der Botaniker Schwenk hat auf seiner 
Reise durch das Samojedenland 1837 mehrere Gewitter er- 
lebt. Baer selbst beobachtete, als er sich eine Woche in 
Russisch - Lappland aufhielt unter dem 68° ein Gewitter. 
Rein ecke, der sich zur Erforschung der Küsten des 
Weissen Meeres und Russischen Lap^Iandes dort auihielt, 
erzählte Baer, dass er zwischen 69 und 70° achtmal Gewitter 
beobachtet habe und dass sie alle im Süd-Osten sich gezeigt 
hätten. Man kann also nicht zweifeln, folgert Baer, dass im 
Zentrum von Lappland die Gewitter häufiger sein werden. 
Selbst inmitten des Polareises fehlen sie nicht gänzlich. 
V. Wrangell erzählte Baer einen solchen Fall. Es gibt also 
keine Gründe, sagt letzterer, um zu bezweifeln, dass die grossen 
Inseln des Polarmeeres Gewittern nicht mehr ausgesetzt 
seien. Baer widerlegt also Aragos Ansicht durch die mit 
Fleiss zusammengestellten interessanten Beispiele aus den 
Beobachtungen Fremder und dann zweitens dadurch, dass 
er selbst mit Zivolka ein Gewitter an der östl. Mündung 
des Matotschkin-Schar unter 75° 10' beobachtet hat. 
Bacrs Düu- y^y^ verlassen damit die auf Klimatologie bezüglichen 

schungen. Arbeiten K. E. v. B a e r s und wenden uns einer neuen Kate- 
gorie derselben zu, den geologischen. Es handelt sich dabei im 
wesentlichen darum zu untersuchen, welche Stellung derselbe 
zur Erklärung des erratischen Phänomens einnahm und zwar 
zu einer Zeit, als die Meinungen darüber noch sehr geteilt 
waren. Baer hatte im Sommer 1838 eine Reise durch das 
südliche Finnland bis nach Helsingfors unternommen, auf 
welcher, wie er selbst erzählt,^) die Schrammen und Ab- 
schleifungen der dortigen Felsen fast gewaltsam seine Auf- 
Crantz: Geschichte von Grönland. Barby 1765—70, Olafsenund 
Eg. Povelsens Reise durch Island Kopenh. u. Leipz. I774"~79- 
*) Selbstbiographie S. 557 bis 55** 


— 35 - 

merksamkeit erregten. „Diese Beobachtungen/' so berichtet 
er weiter, ^) weckten mein Interesse für diesen Gegenstand 
für immer, und da es mir schwer wiu'de, mich in die von 
Äggassiz kOhn und geistreich entwickelte Erklärung durch 
Gletscher einer ehemaligen Eiszeit zu finden, habe ich Finn- 
land noch mehrmals besucht, zuvörderst aber nach dieser 
Reise 1838 und im Jahre 1839 eine andere Reise auf die 
Inseb des Finnischen Meerbusens unternommen, um mir eine 
Ansicht von der Häufigkeit der durch Schwimmeis auch in 
jetziger Zeit umhergetragenen Felsblöcke zu verschaffen. 
Obgleich ich von manchen in neuerer Zeit angekommenen, 
ansehnlichen Blöcken Nachricht erhielt und der Transport 
von kleinen sich als sehr häufig erwies, so dass einzelne 
Inseln im Laufe eines Jahrhunderts dadurch auffallend wachsen, 
drängten doch die ansehnlichen und zahlreichen Haufen von 
grossen Blöcken, die man im Meere selbst aufgeschichtet 
findet, zu der Annahme von Gletschern/' Der Gedanke 
Agas s iz', dass beim Transporte grosser Blöcke die Gletscher 
einer ehemaligen Eiszeit beteiligt gewesen seien, den B a e r 
kühn und geistreich nennt, hatte um die Zeit dieser 
Reisen eben an Festigkeit gewonnen, wurde aber noch leb- 
haft bekämpft von L. v. Buch. 2) Wir sehen, wie Baer 
nach beiden Seiten Konzessionen macht. Er bringt Beispiele 
für fortgewanderte Felsblöcke. „Zwei Beispiele von fortge- 
wanderten Felsblöcken, an der Südküste von Finnland be- 
obachtet." 3) Zivolka hatte Baer diese Fälle aus seinem 
Tagebuche mitgeteilt, und diesem schienen sie zu den merk- 
würdigsten zu gehören, über die man historische Nachrichten 
hat. Der eine ist besonders merkwürdig durch die Höhe, 
auf welche der gewanderte Stein geführt ist. Dieselbe liegt 
drei Klafter Ober dem Meeresspiegel bei Kittelholm in der 
Nähe von Sweaborg auf anstehendem Felsen lose auf. Er 
soll 1814/ 15 erschienen sein. Im zweiten Fall in der gleichen 
Gegend glauben die Bewohner den gewanderten Stein wieder 


^) Selbstbiographie S. 557 bezw. 558. 

') Vgl. darüber Günthers Geophysik II. S. 936. 

') Bulletin scient. Tome II S. 124—126. 1837. 


- 36 - 

ZU erkennen, wodurch eine sehr weite Wanderung (V2 Werst 
im Winter) nachgewiesen würde. Sie soll 1806/07 erfolgt 
sein. Baer ist der Ansicht, dass diese Notizen ebenso wenig 
genügen können, das Phänomen im ganzen zu erklären, wie 
alle anderen bekannt gewordenen Beispiele von Steinwan- 
derungen in historischer Zeit, wenn sie auch für die Theorie 
der Verbreitung der Granitgeschiebe des Nordens nicht ohne 
Interesse sein werden. 

Noch von einer anderen „Wanderung eines sehr grossen 
Granitblockes über den Finnischen Meerbusen nach Hoch- 
land" gibt Baer Nachricht.*) Es handelt sich um einen un- 
geheuren Granitblock, der vom Eise über das Meer nach 
der Insel „Hochland*' im Finnischen Meerbusen getragen 
worden war. Die Eingeborenen behaupten, er sei nicht vor 
dem Eisgang des Frühlings 1838 bemerkt worden. Der 
Block war scharfkantig und lag nicht weit vom Strande im 
Wasser. Baer findet nun eine derartige Verfi*achtimg eines 
Felsens durch das Eis durchaus nicht unwahrscheinlich; er 
ist der Ansicht, dickes Eis könne einen gefassten Block in 
die weiteste Entfernung, in die es ohne zu schmelzen gelangt, 
tragen. Wir sehen, Baer bekennt sich in diesem Fall zur 
Drifttheorie, und müssen zugestehen, dass sie hier auch wohl 
berechtigt ist. 

Damals fesselten ausser diesem Felsblock Baers Auf- 
merksamkeit nicht nur der Anblick der unzähligen und un- 
geheuren Geschiebe, sowie ihre zuweilen höchst abenteuer- 
liche Stellung, sondern vor allem die Furchung der anstehen- 
den Felsmassen. Er findet es unbegreiflich, wie sie bis auf 
die neueste Zeit die Aufmerksamkeit der Geologen nicht ge- 
fesselt haben, und erklärt es sich daraus, dass in Finnland die 
Furchen vielleicht deutlicher seien, als jenseits des Bottnischen 
Meerbusens in Schweden 2). Was nun ihre Entstehung be- 


^) Bulletin scient V pag. 154—157- 

*) Hier kannte Baer die ältere Literatur nicht. Denn schon im 
18. Jahrhundert beschäftigten sich Abildgaard und Tilas mit den für 
Finnland typischen Gesteinsanhäufungen der Rapaviki. Elrsterer er- 
klärte sie durch tellurische Umwälzungen; Tilas begnügte sich mit 
der Erklärung durch einen ausgiebigen Verwitterungsprozess. 


— 37 - 

trifft, so will sie Baer nicht stärkerer Verwitterung oder der 
inneren Struktur der Gesteine zuschreiben, sondern einer 
mechanischen Einwirkung auf die Oberfläche. Er ist der 
richtigen Erklärung auf der Spur, ohne sie weiter zu ver- 
folgen. Auch über die Kraft ist sich Baer nicht klar, welche 
die Lagerung von manchen Felsblöcken in Finnland bewirkt 
hat. Er sah Felsen, die ihm ohne bedeutende Geschwindig- 
keit in der Bewegung in die Lagerstätte und die Stellung 
gekommen zu sein schienen, welche sie jetzt einnehmen. 
Oft, sagt er, hatte es den Anschein, als seien sie mit Vor- 
sicht geschoben oder gehoben, hin und wieder waren sie wie 
Tischplatten auf ihr Untergestell aufgesetzt. Da sie auch 
auf weiten Flächen und auf abgeflachten Bergrücken vor- 
kommen, so findet es Baer schwer, nach der jetzigen Gestalt 
des Landes die hebende Kraft zu finden. An Gehängen von 
verengten Flussbetten erscheinende Blöcke erklärt sich Baer 
durch die bewegende Kraft dfs aufgestauten Eises ; aber von 
der Reise jener Geschiebe, die auf weiten Flächen oder auf 
Bergrücken langsam abgelagert sind, kann er sich keine 
Vorstellung machen. Noch im Jahre 1842 nennt er in einem 
Artikel über Diluvialschrammen ^) die Vermutung, dass die 
erratischen Blöcke auis Skandinavien über die Ostsee nach 
Norddeutschland und Russland gekommen seien, „eine kühne 
Hypothese, die bloss in Ermangelung einer anderen Erklä- 
rungsweise für das Vorkommen jener Felsstücke und wegen 
verwandter Erscheinungen in viel kleinerem Massstabe im 
Gebiete der europäischen Alpen sich Anhänger erwerben 
und bewahren konnte." Als Baer im Jahre 1839 in Gesell- 
schaft seines ältesten Sohnes Karl eine Reise auf die Inseln 


Abildgaard: Eine merkwürdige Veränderung auf der Ober- 
fläche der Erde in Finnland. Abb. der schwed. Akad. d. W. 
XIX. S. 205. 

Tillas: Anmerk. Ober den vorhergehenden Aufsatz. Ebenda 
XIX S. 219 bei Günther Geophysik II S. 882. 

^) Bericht über kleine Reisen im Finnischen Meerbusen in bezug 
auf Diluvialschrammen und verwandte Erscheinungen. Bullet, physico- 
«nath. I Nr. 7 S. 108- 112. 


- 38 - 

des Finnischen Meerbusens machte, war es ihm, wie er in 
dem gleichen Artikel berichtet, vor allem darum zu tun ge- 
wesen, diejenigen in der Ostsee liegenden Inseln, welche aus 
hinlänglich harten Felsmassen bestehen, nach Furchen und 
Schrammen zu untersuchen. Zeigten sie sich, so überlegte er, 
nicht geschrammt, so hatte man nur den Beweis von der 
Fortbewegung stark reibender Massen bis an das Meer. 
Zeigten sich dagegen die Inseln geschrammt, so war damit 
der Beweis geliefert, dass dieselben Bedingungen, durch welche 
die Felsmassen Skandinaviens geschrammt sind, über einen 
grossen Teil des Meeres fortgewirkt haben und es gäbe dann 
kein Hindernis anzunehmen, dass sie auch Ober das ganze 
Wasserbecken ihre Wirkung ausgedehnt haben. Nun kommt 
Baer in den Finnischen Busen nach Lawin Sari, Wier, Hoch- 
land, Aspö und einigen um Aspö liegenden Inseln. Er sieht 
Schrammen, Furchen und Abschleifungen in denselben Modifi- 
kationen, wie das feste Land v.on Finnland sie zeigte. Damit 
räumt er nach dem Vorausgeschickten ein, dass dieselben 
Bedingungen, die in Skandinavien die Schrammen geschaffen 
haben, auch auf den Inseln gewirkt haben. Allein eine be- 
stimmte Erklärung gibt er nicht. Er sagt nur, dass man aus 
dem Transport der Felsblöcke durch Seeis die Entstehung 
der Schrammen am wenigsten herleiten könne. Denn unter 
diesen seien so tiefe Ausfurchungen, dass man sie nur der 
Einwirkung eines sehr starken Druckes auf die reibende Masse 
zuschreiben könne. Desgleichen erscheint ihm die Versetzung 
durch das Seeis, die für kleinere Blöcke häufig, für grössere 
aber doch selten sei, für die allgemeine Erklärung der errati- 
schen Blöcke keineswegs ausreichend. 
SiVLw Damit war für Baer die Frage zunächst abgetan, und 


2u äenstu-es vergingen viele Jahre, ohne dass er sich wieder damit 


dien des 

iSjIe" beschäftigt hätte. Erst im Jahre 1863 wurde er wieder an 
^ niS? seine finnische Reise und die sich daran knüpfenden Fragen 
hypothese. erinnert. Graf Keyserlingk hatte im Bulletin de TAca- 
demie VI eine Notiz zur Erklärung des erratischen Phänomens 
gegeben; Baer hatte sie gelesen und war durch die darin 
enthaltenen Gedanken angeregt worden, seine Meinung zu 
äussern. Er bringt die Keyserlingk sehen Ausfühnmgen 


— 39 - 

nochmal und knüpft seine Ansicht daran J) Keyserlingk 
macht zunächst Einwände gegen die bisherigen Erklärungen 
der finnländischen Felsblöcke auf weiten Strecken Esthlands. 
Denkt man sich, sagt er, Finnland mit Gletschern bedeckt, 
die von Felstrümmem überschüttet ins Meer sich hinab- 
drängen und deren Eismassen sich schwimmend weithin ver- 
breiten, so könnten auf diese Weise geflösste Steinblöcke nur 
auf dem Meeresgrund oder an der Küste sich absetzen. Dann 
mOsste das ganze mit nordischen Blöcken bedeckte Flachland 
in jüngster geologischer Zeit Seegrund gewesen und Spuren 
davon noch sichtbar sein. Dies lässt sich aber nicht nach- 
weisen. Auch die Reibungserscheinungen an den erratischen 
Ablagerungen können nicht durch die unregelmässigen, oft 
drehenden Bewegungen des schwimmenden Eises hervor- 
gebracht werden. Gletschereis, das mittelst Grus allerdings 
Rutschflächen zu bilden imstande ist, will Keyserlingk 
auch nicht annehmen, da nach seiner Ansicht in einem flachen 
Lande wie Esthland die wesentlichen Bedingungen zur Bildung 
von Gletschern fehlen. Darum sind ihm die Beobachtungen 
eines Herrn v. Stael an der Pernauschen Bucht (Rigaer 
iMeerbusen) willkommen, weil sie eine besondere Art der 
Fortbewegung des Eises von der Meeresfläche aus landein- 
wärts und bergauf kennen lehren. Stael hatte mehreremale 
beobachtet, wie eine schwimmende Eisfläche von ungeheurer 
Ausdehnung gegen das Ufer gedrängt und über das Land 
geschoben wurde. Wo die schwimmende Eisdecke des Meeres 
auf steile Abstürze des Ufers stiess, drängte sie sich nach 
der Beschreibung wie ein Blatt Papier in die Höhe. Überall 
wurden gleichzeitig mit dem Eise Steine aus dem Meere ge- 
hoben und ans Land gedrängt. Keyserlingk leuchtet dies 
ein und er glaubt, dass Packeis, das auf dem Meeresgrund 
festsitzt, Steine in recht bedeutenden Meerestiefen erfassen 
und an die Oberfläche bringen könne. Hier berührt Keyser- 
lingk die zu seiner Zeit noch sehr strittige Frage nach dem 
^og. Grundeis des Meerwassers und der hebenden Kraft des- 


^) Zusatz zu des Grafen Keyserlingks Notiz zur Erklärung des 
'Erratischen Phänomens. Bullet, de TAcad. Tome VI p. 195—207. 


- 40 — 

selben. Seine Ansicht erscheint zutreffend, denn nach den 
Untersuchungen des Schweden Petterson in der Nordsee 
ist die Bildung von „Grundeis" in beliebiger Tiefe unter dem 
Wasserspiegel und damit auch das Wiederaufholen ver- 
sunkener Gegenstände möglich, wenn nur die vertikale Wärme- 
verteilung das keilförmige Einschieben einer kalten Schicht 
zwischen zwei warme gestattet. Diese Erklärung findet nun 
Baer sehr verständlich. Er hatte, wie schon erwähnt, auf 
seiner finnischen Reise eine Reihe von Beispielen gesehen, 
die erkennen Hessen, dass Felsen von beträchtlicher Grösse 
in eine auffallende Lage geschoben worden seien. Auch war 
ihm bei einem Vergleich der heutigen Form der Insel Lawen- 
Sari mit der auf dem Kartenbild vonSpafariew (26 Jahre 
vorher aufgenommen) aufgefallen, dass die Insel an einer Stelle 
grösser geworden sei. Hier kommt ihm nun die Keyser- 
lingksche Erklärung sehr gelegen. Er sagt sich: An den 
Riffen, welche die Insel umgeben, stapelt sich das Schwimmeis 
im Frühling in hohen Schichten auf, die schwimmenden Eis- 
felder brechen im Andrang und es bildet sich ein Wall von 
Bruchstücken, Liegt dieser „Toross" auf stehendem Eis, so 
kann er dasselbe durch sein Gewicht leicht zum Brechen 
bringen, sinkt nun tiefer und fasst die Steinblöcke auf dem 
Grunde, die es weiter nach innen schiebt. Doch will Baer 
keineswegs behaupten, dass die Insel nur durch das Antreiben 
neuer erratischer Blöcke vergrössert werde, er hält es für 
denkbar, dass auch Hebung mitwirkt, zumal dem Besucher 
des Finnischen Meerbusens manche Phänomene vorkommen, 
welche anzudeuten scheinen, dass die skandinavische, säkulare 
Erhebung unter diesem Busen sich fortsetzt. Das Resultat 
seiner Nachforschung über die Bewegung der Blöcke möchte 
Baer wie folgt ausdrücken : „Sehr grosse Blöcke werden nur 
selten und für jede Gegend nur in sehr langen Zwischen- 
räumen vom Eise herangeführt, mittelmässige viel weniger 
selten, kleine aber und besonders dem Niveau des Meeres 
nahe werden so häufig transportiert und insbesondere vom 
Eise zusammengeschoben, dass die Bewohner der Gegend 
davon wenig Notiz nehmen und die Umrisse der flachen Inseln 
sich in einem Jahrhundert ganz merklich ändern können." 


— 41 - 

In dieser Beziehung meint Baer, greift also das erratische 
Phänomen tief in die Jetztzeit ein. Andererseits aber gesteht 
er zu, weisen uns die erratischen Blöcke Verhältnisse nach, 
die von den jetzigen ganz verschieden scheinen und von 
denen es sehr schwer ist, sich eine Vorstellung zu machen 
und welche auch auf das jetzige Meer und sein schwimmendes 
Eis gar nicht bezug zu haben scheinen. Er meint damit vor ^ 

allem die tiefe Verschüttung von erratischen Blöcken in die 
Schuttmassen des Bodens z. B. in Esthland und die weite 
Verteilung der Blöcke. Für sie muss man, das gibt er doch 
zu, auf die Gletscher- oder eine andere Hypothese zurück- 
gehen, die die schwimmenden Eisfelder diese Blöcke nicht 
ftglich in Haufen verteilt haben würden, sondern mehr gleich- 
massig gewirkt hätten. Das Gesamtresultat seiner Erfahrungen 
möchte er darum folgendermassen zusammenfassen : Er glaubt 
ein noch fortgehendes oder rezentes erratisches Phänomen 
von anderen, die man Diluvialphänomene nennen könnte, 
unterscheiden zu müssen. Für das erstere könne das Schwimm- 
eis und das jetzige Niveau des Meeres oder ein etwas höheres 
den Erklärungsgrund vollkommen abgeben. Über die antiken, 
erratischen oder diluvialen Phänomene wagt er keine Ver- 
mutung. Wenn man für diese das schwimmende Eis nicht 
requirieren wolle, so habe man auch kein Bedürfnis, nach den 
Resten von Seetieren zu suchen. Das wäre, so schliesst 
Baer, der bescheidene Beitrag, den er zur Kenntnis des 
rezenten erratischen Phaenomens geben zu können glaube. 
Wir sehen daraus, dass er im allgemeinen ein Anhänger der 
„Drifttheorie" ist. Wenn er auch über die von ihm diluvial 
genannten Phänomene keine Vermutung ausspricht, so können 
wir doch wohl annehmen, dass er den Transport durch 
skandinavische Gletscher, der uns heute als Erklärung ge- 
läufig ist, als befriedigende Lösung der Frage zu ahnen scheint. 

Wir haben im Vorausgegangenen erwähnt, dass Baer Bcmcr- 
für die Vergrösserung der Insel Laven-Sari auch die Hebung die vcr- 
des Landes als erklärenden Faktor mit heranzieht und dass *^asscr. 
^r es für möglich hält, dass sich die skandinavische säkulare 
Hebung unter dem Finnischen Busen fortsetze. Die Frage 
der Niveauverschiebung des Meeres nimmt sein Interesse in 


— 42 — 

Anspruch. Als Kapitän Rein ecke daher 1837 bei der Auf- 
nahme der Küsten von Finnland Marken in die Felsen ein- 
hauen Hess, erstattete Baer über diese Arbeit einen Bericht 
an die Akademie.^) Aus den Beobachtungen Reineckes 
schien eine Erhebung des Landes am Finnischen Meerbusen 
hervorzugehen. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass der fest- 
gestellte mittlere Wasserstand bei der Admiralität zu St- 
Petersburg um 2 Zoll = 7 cm, bei Kronstadt um 6,9 
= 24,15 cm, bei Reval um 2,6 :=■ 10 cm und bei Swea- 
borg um 8,4 Zoll := 29,40 cm niedriger war als auf den 
Hafenpegeln nach Beobachtungen 15 Jahre zuvor. Ob aber 
diese Differenzen eine Erhebung des Bodens beweisen, will 
Baer dahingestellt sein lassen. Nun berichtete Rein ecke 
aber auch, dass im Jahre 1800 der mittlere Wasserstand bei 
Sweaborg durch 2 Marken bestimmt worden sei, von denen 
jetzt eine 8,9 = 31,15 cm und eine 9,8 =- 34,30 cm über 
dem Meeresspiegel stehe. Dies ergibt ein Sinken des Wasser- 
spiegels bei Sweaborg um rund 9 Zoll := 31,5 cm in 40 
Jahren ; dem steht gegenüber die Senkung des Wasser- 
standes bei Hanpönd um die gleiche Zahl von Zoll aber in 
85 Jahren. Dies lässt Baer die Hebung sehr ungleichmässig 
erscheinen, und er vergleicht sie mit derjenigen an der Küste 
Schwedens, die auch unregelmässig befimden worden ist. 
Beide scheinen sie ihm ein Falten oder Runzeln des er- 
starrten Erdreiches anzudeuten. Baer bekennt sich mit dieser 
Ansicht zu der Kontraktionstheorie, wie sie Johnston 
aufgestellt und Berzelius nach ihm in den lapidaren 
Satz gekleidet hat: „Die Ursache des Phänomens ist die 
allmählich stattfindende Abkühlung unserer Erde, wobei 
sich der Durchmesser vermindert und die erstarrte Rinde 
entweder leere Zwischenräume zwischen sich und der Ge- 
schmolzenen lassen oder nachsinken muss, wobei sie jedoch 
einen zu grossen Umfang hat, um nicht Falten oder Biegungen 


') Bericht ober die Marken, die der Capt. Rein ecke bei Ge- 
legenheit der Aufnahme des Finnischen Meerbusens zur Bezeichnung 
des Wasserspiegels hat machen lassen. Bullet, sdent. IX S. 144—146. 1841- 


- 43 ~ 

zu bilden, so dass sich auf der einen Seite Teile erhöhen, 
auf der andern senken müssen".^) 

Zu den geologischen Arbeiten Baers sind femer zu ^icL^i 
rechnen die Abhandlungen, welche sich auf den sibirischen Eisboden«. 
Eisboden beziehen, „the groundice or froizen soilofSiberia*^) 
wie er ihn nennt. Dass Baer zwischen diese beiden Bezeich- 
nungen or = oder setzt, ist kein Zeichen dafür, dass er 
zwischen ihnen keinen Unterschied macht. Und doch ist 
derselbe, worauf Günther^) mit Bestimmtheit hinweist, ein 
wesentlicher, indem froizen soil der unterirdische Eisboden 
Sibiriens ist, in dessen Innerem das sonst im Boden frei zirku- 
lierende Wasser in gefrorenem Zustande vorkommt, während 
ground ice Boden- oder Steineis bezeichnet, das kompaktes, 
verschüttetes Eis und ein massgebender morphologischer 
Faktor ist. In dem oben genannten ersten Artikel gibt nun 
Baer eine kurze Geschichte der Beobachtungen über den Eis- 
boden Sibiriens. Er nennt Gmelin als den, der die ersten 
Nachrichten vom Eisboden aus Jakutsk brachte, erwähnt den 
Gegensatz zwischen v. Buch, Erman und v. Hum- 
boldt und hebt das Verdienst des Kaufmanns Schergin 
in Jakutsk hervor, der bei einem Brunnenbau die ersten Ex- 
perimente über die Bodentemperatur anstellte. Er fand in 
einer Tiefe von 382 Fuss eine Temperatur von — ^/2° R. 
= 0,65 Geis., weiter gegen die Oberfläche war die Temperatur 
niedriger. Baer hält es bei dem damaligen Stand der Kennt- 
nisse über diesen Gegenstand für unmöglich, genau festzu- 
stellen, welches die Grenze der Eisbodenschicht ist. Er hofft 
daher, dass die Akademie der Wissenschaften die Temperatur- 
Messungen in den verschiedenen Tiefen genauer vornehmen 
werde als es M. Schergin konnte und dass man sich be- 
mühen werde, die Tiefe festzustellen, bis zu welcher die Isolation 
m Jakutsk wie in anderen Orten eindringe und somit die 

') Vgl. Günther, Ein vergessenes Dokument zur Geschichte 
^er Erdphysik Ausland 66 S. 129 ff. u. Roh. Sieger: Zur Geschichte 
<ler Kontraktionstheorie Ausl. 66 S. 18. 

') On the ground ice or froizen soil of Siberia. Journal of the 
■ ^gr. Society Vol. VIII. 210 — 213 und Athenaeum 1838 N. 540 S. 169. 

') Günther Geophysik I S. 332 und II S. 758. 


— 44 — 

Ausdehnung des Eisbodens. Im Anschluss an seine Mit- 
teilung bringt Baer noch den Bericht von A. Er man, der 
ihm mitteilt, dass er den fraglichen Brunnen in Jakutsk ge- 
sehen habe, er habe damals 50 Fuss = i5>«5 m gehabt und die 
Erdstücke daraus hätten die Temperatur — 6^ R. = —7,5 Cels. 
gezeigt. Er man, der der Frage des Eisbodens das höchste 
Interesse entgegenbrachte, war mit dem von Baer gewählten 
Ausdruck „ground ice" nicht einverstanden. In einem zweiten 
Artikel erklärt darum Baer noch einmal, was er darunter 
versteht. ^) „Perpetual ground ice", sagt er da, ist das Eis, 
welches in den arktischen Regionen in der Schicht der Erde 
gefunden wird, die unmittelbar unter der von der Sonne auf- 
getauten liegt, diese reicht bis zu der Tiefe, wo die Tempe- 
ratur der Erde am Gefrierpunkte ist." Die Dicke des immer 
gefrorenen Bodens in Ländern festzustellen, in denen die 
mittlere Temperatur bedeutend unter dem Gefrierpunkte liegt, 
scheint Baer wichtig vor allem mit Rücksicht auf die Theorie 
der Quellenbildung. Wenn, sagt er, der Boden, wie es der 
Fall ist in Jakutsk, 300—400 Fuss niemals auftaut, dann müssen 
alle die kleinen Flüsse, deren Wasser nur im Sommer im 
flüssigen Zustande ist, im Winter ganz ohne Wasser sein 
und umgekehrt müssen alle Flüsse, welche ganz innerhalb 
der Länder mit Eisboden fliessen und doch im Winter Wasser 
führen, dieses aus grösseren Tiefen erhalten, als diejenigen, 
welche in gefrorenem Zustande bleiben. Diese Wasseradern 
müssen den Eisboden durchdringen. Darum wünscht Baer, 
dass einige Nachforschungen darüber in nördlicheren Breiten 
angestellt würden. Femer möchte Baer — was er später 
ja auch getan hat — Material sammeln, um die südliche 
Grenze des ewigen Eisbodens in der alten Welt festzustellen. 
Er zeigt an Beispielen, dass man, je weiter man östlich geht, 
desto südlicher die Grenze des Eisbodens findet. In den 
Wäldern allerdings, wo das Licht der Sonne abgeschwächt 
ist, geht das Auftauen nur V4 — 6 Fuss (23,5 cm — 1,83 cm weit). 
Weit im Osten wird wenig Eisboden gefunden, wahrscheinlich. 


*) Recent intelligence of the froizen ground in Siberia. Journ. of 
. the G. S. Vlll S. 401—406 auch Athenaeum 1838 N. 565, S. 309. 


- 45 ~ 

30 vermutet Baer, weil die Nachbarschaft der See die Tem- 
peratur des Bodens hebt. So fand Er man kein Eis im Boden 
von Ochotsk. Baer glaubt, dass Fort Curchill in Amerika 
in 59® n. Br. genau an der Grenze des ewigen Eisbodens 
Kegt, da die mittlere Temperatur dieses Ortes nur wenig 
unter dem Gefrierpunkt steht. Nach der Karte der Grenz- 
linie des Eisbodens von Fritz, reproduziert in Günthers Geo- 
physik I S. 333 S^ht diese allerdings noch einige Grad süd- 
licher.' 

Wir sehen, welch' reges Interesse Baer der Frage des ^^"Jj^iel? 
sibirischen Eisbodens entgegenbrachte, wie ihm überhaupt die ^^en^* 
Erschliessung dieses Landes sehr am Herzen lag. Hat er 
auch keine eigenen Beobachtungen an Ort und Stelle aus- 
geführt und keine Expedition in das Innere von Sibirien 
unternommen, so gebührt ihm doch das Verdienst, die Er- 
forschung dieses Landes durch seine Bemühungen um das 
Zustandekommen von Expeditionen wesentlich gefördert zu 
haben. Nach seiner ersten Reise nach Nowaja Semlja war 
ihm die Notwendigkeit einer Reise in den nördlichsten Teil 
von Sibirien zum Zwecke der Erforschung der Pflanzen- und 
Tierwelt noch dringender erschienen als früher. Es wurde 
dorn auch eine Expedition dorthin im Schosse der Akademie 
1838 in Vorschlag gebracht. Da man aber Zweifel hegte an 
der Ausführbarkeit derselben, so beschloss man auf B a e r s 
Vorschlag zur vorherigen Orientierung durch Vermittlung 
des Generalgouvemeurs von Westsibirien Fürsten Gor tscha- 
kow in Turuchansk eine Reihe von Fragen an Personen, 
welche die Taimyrgegend kennen, zu senden. Baer hat sie 
niit den Antworten veröffentlicht.^)» Die Fragen, insgesamt 36^ 
erkundigen sich zunächst nach praktischen Erfahrungen z. B. 
ober die Art, wie man die Nordküste erreichen könne, ob 
init Hunden oder Renntieren. Andere Fragen beziehen sich 
auf die Verteilung der Bevölkerung. Dazu treten noch rein 
naturhistorische und geographische Fragen über Vogel- und 
Fischarten, Lemminge, über Ursprung, Laufrichtung, Länge 

^) Neueste Nachrichten über die nördlichsten Gegenden von Si- 
birien zwischen den Flüssen Pjäsida und Chatanga. B a e r u. H e 1 - 
niersen's Beiträge Bd. IV. S. 269-300. 


- 46 - 

, uvi* Kintritt und Dauer des Frostes u. a. Baer 
,, .N ".a Uea Antworten manche willkommene natur- 
,, ,v Xoti^ vorkomme, wie die über die Grenzen des 
. ^K^v.uianigea Holzes; doch nennt er im ganzen ihren In- 
\...i j*ohr niederschlagend. Trotzdem stellte er 1843 d^" 
Antrag an die Akademie, sie wolle eine Kommission er 
nennen> die über die Zweckmässigkeit und Ausführbarkeit 
einer Expedition in das Taimyrland beraten, dann später die 
Ausführung bestimmen und schliesslich die Überwachung 
übernehmen sollte. Die Kommission wurde gewählt, sie be- 
stand aus dem Petersburger Zoologen Fried r. v. Brandt, 
dem Physiker Fr d. Emil Lenz und Baer. Dieser war es, 
der der Akademie einen für die Durchführung der Aufgabe 
vorzüglich geeigneten Mann empfahl, den Professor an der 
Universität zu Kiew Theodor v. Middendorff Er hatte 
diesen ausgezeichneten Forscher kennen gelernt auf seiner 
Reise nach Lappland 1840, auf der er ihn begleitete. Über 
diese Reise übrigens, welche Baer nach der Halbinsel Kola 
führte, ist nicht viel bekannt gegeben worden. Bevor 
V. Middendorff seine grosse Reise antrat, unternahm Baer 
mit ihm im Sommer 1842 noch eine kleine Reise auf die 
Inseln des Finnischen Meerbusens bis nach Helsingfors, damit 
Middendorff die Spuren der Eiszeit kennen lernen sollte. 
Wir haben die darauf bezügliche Arbeit^) B a e r s schon bei 
der Frage des erratischen Phänomens erwähnt. Dann schrieb 
letzterer eine besonders ausführliche Instruktion für M i d d e n - 
d o r f f 2) Zwei Aufgaben, heisst es da, sind es vorzüglich, denen 
diese Expedition sich zu widmen hat. i. Eine allgemeine 
Erforschung der Gegend nördlich von Turuchansk bis Cha- 
tanga in geographischer, ethnographischer und naturhistorischer 
Hinsicht. 2. Die Untersuchung der Ausdehnung und so viel 
wie möglich der Mächtigkeit des bleibenden Eisbodens in 
Sibirien, sowie aller übrigen Verhältnisse der Bodentem- 
peratur, soweit es die Verhältnisse und Mittel dieser Reise 


^) Bericht über kleinere Reisen im Finnischen Meerbusen. Bullet, 
phys. math. I No. 7. 

*) Instruktion für den Dr. v. Middendorff zu seiner Reise nach 
Sibirien. Bullet, physico-math. 1 S. 177 — 185. 1843. 


— 47 - 

erlauben. Die zweite Hauptaufgabe zerfällt in zwei Reihen 
von Beobachtungen, von denen die eine auf eine möglichst 
genaue Untersuchung des Brunnens in Jakutsk sich bezieht, 
die andere aber korrespondierende Beobachtungen in anderen 
Gegenden Sibiriens sammeln wird. 

Ende des Jahres 1842 trat Middendorff seine Reise ^iSi^d^iS*" 
an; Baer verfolgte sie begreiflicherweise mit dem grössten **'*'^*" 
Interesse. Aus den Briefen, die Middendorff an ihn rich- 
tete, entnahm er von Zeit zu Zeit Berichte im „Bulletin** der 
Akademie. Diese sowie alle seine Aufsätze, welche sich auf 
Middendorffs Reise bezogen, hat er später summarisch 
zusammengefasst. ^) Middendorffs Reise, die von November 
1842 bis April 1845 dauerte, war für ihn und alle Teilnehmer 
überreich an furchtbaren Anstrengungen und Gefahren ge- 
wesen, und seine Berichte lesen sich, wie Günther sagt,^) 
stellenweise wie eine ausschweifende Robinsonade. Baer 
gab von dem Gange und den Schicksalen der Expedition 
„die erste zusammenhängende, höchst anziehend und fesselnd 
geschriebene Darstellung". ') 

Von grösster Wichtigkeit musste es für Baer bei seiner 
Vorliebe für klimatologische Beobachtungen und bei seinem 
Interesse für den sibirischen Eisboden sein, Middendorffs 
Beobachtungen darüber zu erfahren. Er bemächtigte sich 
mit Eifer der Ergebnisse von dessen Beobachtungen über die 
Temperatur in der Luft und im Boden und stellte sie zu- 
sammen. Es erschien eine eigene Arbeit von ihm über das 
l^a des Taimyrlandes nach den Beobachtungen der M i d- 
dendorfschen Expedition.*) Dieser Forscher^ hatte Tempe- 
raturbeobachtungen an der Boganida in dem Orte Korennoje- 
FUippowskoje unter 70^5' n. Br. und 118 ö. L. gemacht. 
Baer findet die gegebenen Zahlen deshalb wertvoll, weil sie 
uns zuerst ein Mass gaben für die Wirkung der Sonne auf 
dem Kontinent in Gegenden, wo sie einige Monate über 

*) Summarischer Bericht von Herrn Th. v. Middendorffs Reise 
im arktischen Sibirien. Beiträge IX. Bd. 2. Abt. Petersb. 1855. 
') Günther, Geschichte der Erdkunde S. 282. 
') Stieda a. a. O. S. 132. 
*) Bulletin physico-math. Tome IV p. 315—336. 


- 48 - 

dem Horizonte verweilt. Die mittlere Sommertemperatu: 
betrug +7,25^ C. Wenn wir, sagt Baer, den Sommer von 
Aufgehen des Flusses bis zum Bedecken desselben mit Eii 
rechnen, so währt er 90 Tage. Fast ebenso lange währ 
im allgemeinen die Zeit der Vegetation. Diese kurze Zei 
und die angegebene Intensität der Wärme während derselber 
genügt, um Bäume, namentlich Lärchen von 8 — 10 Zoll zi 
erzeugen. Erst unter 72^ lag nach dem Ausdruck Mi d den 
dorffs der Wald in den letzten Zügen. 
^SzcMnt- Daraus folgert nun Baer, dass für den Baumwuchs aussei 

wicuung einer bestimmten Quantität Wärme oder einer bestimmten Inten 

nach Baer. , 

sität derselben noch ein Schutz gegen den unmittelbaren Einfluss 
der Seewinde erforderlich sei. Denn bisher habe man keinen 
bestimmten Beweis in Zahlen geben können, dass, auch ab- 
gesehen von der Verminderung der Sommertemperatur, welche 
das Meer besonders im Norden erzeugt, die Nähe desselben 
dem Wachstum der Bäume sei es durch Winde oder auf 
andere Weise hinderlich wird, eben weil man dieses Mini- 
mum von Wärme noch nicht kannte, mit welchem ein Wald 
noch bestehen kann. Da wir nun ein solches von der Boga- 
nida haben, so lässt sich, meint Baer, durch Vergleichung 
der Sommertemperaturen zeigen, dass eine Menge nordischer 
Gegenden waldlos sind, die mehr Sommerwärme haben als 
die Waldregion an der Boganida. Ueberhaupt, so steigert 
Baer seine Behauptung, hat man durch die Middendorff- 
sche Expedition nicht nur auf dem nördlichsten Vortreten 
des Landes auch das nördlichste Vortreten des Waldsaumes 
kennen gelernt, sondern man darf wohl auch überzeugt sein, 
dass, wenn das Land bedeutend weiter vorginge, der WaJd 
es auch täte. Ja Baer bezweifelt sogar kaum, dass der Wald 
bis an den Pol reichte, wenn das Land in weiter Ausdehnung 
über denselben hinaus sich verlängerte, da ohnehin mit dem 
weiteren Vortreten des Landes der Sommer in derselben 
Breite wärmer sein würde. 

Ein weiteres, nicht uninteressantes Ergebnis der Tempe- 
J^^^'JP^J^^Yn r^^^^beobachtungen an der Boganida*) sieht Baer in dem 

Sibirien. 

*) Vgl. Kärtchen I. 


— 49 — 

Umstand, däss dort die Höhe der Sommerwärme auf die 
erste Hälfte des August traf. Da in zwei anderen Beobach- 
tungsstationen, auf welche das Karische Meer und die Luft 
über demselben unmittelbare Einwirkung ausüben (Felsenbai 
an der Südostspitze von Nowaja Semlja und Matotschkin- 
Schar), dasselbe Verhältnis beobachtet ist, so bezweifelt B a e r 
nicht, dass die Retardation der Sommerwärme ihren Grund 
in den Verhältnissen des Karischen Meeres selbst habe. Er 
wiederholt hier die gleiche Ansicht über das Eis des Kari- 
schen Meeres und seine Wirkung, wie er sie schon in den 
Aufsätzen über Nowaja Semlja geäussert hat. Wir wollen 
später noch einmal darauf zurückkommen. 

Für viel wichtiger als diese Beobachtungen der Tempe- Bodentem. 

*^ *' * . peratnren u. 

ratur in freier Luft hält Baerbei Middendorffs Reise die ««&?«»*•« 

rv I . Erdreich. 

Beobachtungen der Bodentemperatur, weil sich hiezu eme 
ganz ausserordentliche Gelegenheit darbot, und weil dieser 
Gegenstand viel weniger wissenschaftlich erforscht war. Aus 
diesem Grunde findet er aber auch nur einige Fragen durch 
die Reise gelöst, andere Fragen und neue Zweifel erheben 
sich ihm erst jetzt, und es scheint ihm, dass die Temperatur 
des Bodens überhaupt und des gefrorenen Bodens insbesondere . 
noch langjähriger Untersuchung bedürfen wird. Die Mäch- 
tigkeit des Eisbodens, in den der Schacht von Jakutsk ge- 
trieben ist, erscheint B a e r bedeutender als man nach Scher- 
gins Temperaturablesungen glauben konnte. Mi ddendorff 
berechnete nämlich, dass der Nullpunkt bei Jakutsk erst in 
einer Tiefe von 600—700 Fuss (183—213,5 m) zu erwarten 
sei, wie schon Er man vermutet hatte. Dass die Temperatur 
in den tieferen Schichten, auf welche der Wechsel der Jahres- 
zeiten keinen bedeutenden Einfluss mehr ausübt, zunimmt, 
erscheint Baer mit genügender Sicherheit bestimmt. Dagegen 
bezweifelt er nicht, dass der Scherginschacht mit seiner 
Mitteltemperatur von -6,61 « R. (8,260 Cels.) bei 50 Fuss 
^i5>25 m) Tiefe keineswegs die Bodentemperatur angibt, 
sondern nur das Mass seiner eigenen Abkühlung. Es findet 
nämlich, vermutet Baer, innerhalb des Schachtes eine auf- 
^d absteigende Luftströmung statt, hervorgerufen durch den 
freien Zutritt der kalten Luft in den offenen Schacht. Da- 

V- Baer als Geograph. 4 


— 50 — 

durch erklärt sich Baer auch, dass alle anderen Gruben, 
welche man neu anlegte, eine auffallend höhere Temperatur 
zeigten. Middendorff hält die Temperaturen in der Wand 
des Scherginschachtes im allgemeinen für die normalen, Baer 
dagegen kann sich nicht entschliessen, die fast übereinstim- 
menden Temperaturen der drei neuen Gruben und die zwei 
anderen sämtlich für Abweichungen zu halten. Wenn es 
richtig ist, sagt er, dass der Schacht in Jakutsk durch den Zutritt 
der atmosphärischen Luft und die im Schacht unterhaltenen 
Strömungen um mehrere Grade abgekühlt ist, so folgt dar- 
aus, dass wir die Leitungsfähigkeit ftir die Wärme im ge- 
frorenen Boden nicht kennen und dass man aus dem Scher- 
ginschacht nicht auf die Mächtigkeit des Eisbodens schliessen 
kann. Unter diesen Umständen und bis die Frage entschieden 
ist, ob der Unterschied der Boden- und Lufttemperatur in 
Sibirien so gross ist, als wir glauben, hält es Baer für völlig 
unmöglich, die Ausdehnung des Eisbodens theoretisch oder 
nach der Lufttemperatur einigermassen annähernd zu be- 
stimmen. In der Tat können wir auch heute nur das eine 
sicher feststellen, dass die Eisbodenschicht eine sehr mäch- 
tige ist, ohne genaue Angaben über ihre Dicke machen zu 
können. Statt einen solchen Versuch zu wagen, möchte 
Baer lieber zusammenstellen, wo die unmittelbare Beobach- 
tung bleibendes Bodeneis nachgewiesen hat. In Lappland 
ist seines Wissens nirgends bleibendes Bodeneis, auf der 
Ostküste des Weissen Meeres scheint ihm aber der Eisboden 
bald zu beginnen. Schrenck fand in der Umgegend von 
Mesen^) eine gefrorene Schicht in 7 Fuss (engl.) (2,13 m) 
Tiefe. Die Insel K o 1 g u j e w , sowie alle Inseln des Eismeeres 
bis zur Beringstrasse haben Eisboden. In der Nähe von 
Mesen beginnt der zusammenhängende Eisboden, bis gegen 
die erste Hauptkrümmung der Petschora reicht er nach 
Schrenck. Nach dem Ural hin scheint Beresow dem Südrande 
des Eisbodens nahe zu liegen. Weiter nach Osten am Jenissei 
hat man jetzt nach Middendorffs Beobachtungen die 
Grenze ziemhch genau festgestellt, da Turuchansk fast 


») Vgl. Kärtchen I. 


— 51 - 

auf dem Rande des Eisbodens zu liegen scheint. Weiter 
nach Osten im Gebiete der Lena sind die Verhältnisse ausser- 
ordentlich verändert. Dass von der Küste bis über Jakutsk 
hinaus ununterbrochen Eisboden ist, wusste man von der 
Zeit der ersten Besetzung her. Wie ungemein mächtig er ist, 
Hessen die Erfahrungen Schergins erkennen. Zur Abschät- 
zung der Südgrenze hatte Baer einige Vergleichungspunkte 
erhalten. Nach Südosten fand man in Amginsk in 60 Fuss 
(18,30 m Tiefe) — 1,5^ R. (1,87^ Cels.) Noch weiter in der- 
selben Richtimg an der Mündung der Maja wird in der Tiefe, 
wo der Einfluss der Jahreszeiten schwindet, die Temperatur 
nur sehr wenig unter dem Gefrierpunkte sein. Nach Süd- 
westen ist Olekminsk noch innerhalb des Eisbodens, Witimsk 
entschieden ausserhalb. Dagegen ist auf dem Witimplateau 
nach mehrfachen Nachrichten der Boden selbst am Schlüsse 
des Sommers in geringer Tiefe gefroren. Baer bezweifelt 
nicht, dass die ganze Höhe südlich der Witimsteppe im Westen 
bis zum Baikalsee, im Osten bis zum Flussgebiet des Amur 
bleibendes Bodeneis enthält, weil in Nertschinskischen Gruben- 
revieren an vielen Stellen Eis in so bedeutenden Tiefen ge- 
funden wurde, dass man es nicht für ein Produkt des vor- 
berigen Winters halten darf. Ja Baer findet es sogar wahr- 
scheinlich, dass der Eisboden aus den Grenzen des russischen 
Gebietes heraustritt und mehr oder weniger über die Stadt 
Urga reicht. Dass östlich von Jakutsk der Eisboden sich 
bis an die unmittelbare Nähe des Meeres hinzieht, schliesst 
Baer aus Nachrichten, die Georgi vor sich hatte und die 
Es bei Ochotsk melden. Die Südgrenze mag mit der Reichs- 
grenze ziemlich zusammenfallen. Wenigstens fand Midden- 
^orff bei Udskoi am 13. Juni in 6^/2 Fuss den Boden ge- 
froren, ohne dass er jedoch entscheiden konnte, ob er un- 
veränderlich so bleibt und ob dieses Verhältnis allgemein 
^st- Aus Kamtschatka kennt Baer keine Nachrichten über 
bleibendes Bodeneis. Er glaubt daher, dass es in der süd- 
lichen Hälfte fehlt — was ja auch der Fall ist — , und sieht 
Qen Grund teils in der vulkanischen Tiefe, teils in der Lage 
zwischen zwei weiten Meeren. In der nördlichen Hälfte, 
^^ni Lande der Korjaken, glaubt er, wird es nicht fehlen. 

4* 


— 52 — 

k^L*^. Bevor wir die Arbeiten Baers, die sich auf Sibirien be- 

■^p^- ziehen, verlassen, müssen wir noch, wie oben angekündigt, 
den wissenschaftlichen Streit berühren, den seine Aeusse- 
rung Ober das Karische Meer hervorgerufen hatte. In seinem 
Aufsatze: „Ueber das Klima von Nowaja Semlja und die 
mittlere Temperatur insbesondere*) hatte Baer das Karische 
Meer mit einem „Eiskeller" verglichen. Diese Bezeichnung 
hatte nun vielfach die Vorstellimg erweckt, als ob das 
Karische Meer gar nicht schiffbar sei. In einem Artikel des 
„Ausland" 1876 Nr. 2 kommt dies besonders zum Ausdruck. 
Hier verteidigt v. Hell wald den Gothaer Geographen Peter- 
mann g^en die schwedische Zeitung „Aftonbladet", die ihn 
der Verkleinerung Nordenskiölds beschuldigte, da er die Er- 
gebnisse von dessen Expedition (1875) als Bestätigung seiner 
schon 187 1 ausgesprochenen Ansicht von einem neuen nor- 
dischen Seeweg hingestellt haben soll, während Nordenskiöld 
diesen schon 1869 prophezeit habe. v. Hellwald zeigt nun, 
dass N o r d e n s k i ö 1 d seine Vor aussetzung nur bedingt gebrauch t 
habe, und dass die Frage, ob die Karasee schiffbar sei, weder 
von Nordenskiöl d (1869) noch von Pe t e r man n entschieden 
worden sei, weil damals „die von E. v. Baer herrührende 
Vorstellung von dem Eiskeller des Karischen Meeres noch 
die Oberhand hatte." „Hätte," so fragt der Verfasser weiter, 
„Petermann etwa von den Resultaten der Walfischfahrer 
keine Notiz nehmen, seine Vorstellung von dem Baerschen 
Eiskeller nicht rektifizieren, den alten Irrtum weiterschleppen 
sollen?" 

An diese Auseinandersetzung knüpft nun B a e r in dem 
Artikel: „Verdient das Karische Meer die Vergleichung mit 
einem Eiskeller?"*) an und wendet sich mit Bitterkeit gegen 
den Vorwurf, als hätte er behauptet, das Karische Meer 
könne gar nicht zu Schiff befahren werden. Er weist 
darauf hin, dass er in seinem ersten Aufsatze über den hohen 


^ Bullet, scient. Tome II. 

•} Ausland 1876 Nr. 11 und Bullet, de TAcad. de St. Petersbourg 
Tome XXI 1876 S. 289—292. 


— 53 - 

Norden, ^) in welchem er von den letzten Besuchen in Nowaja 
Semija spricht, zuerst bekannt gemacht hat, dass die alte 
Sage von dem Walrossfänger Loschkin, der Nowaja 
Semija vollständig umsegelt habe, dadurch zur Gewissheit 
erhoben sei, dass Pachtussow ein von ihm errichtetes 
Kreuz an der Ostküste der Südinsel aufgefunden habe. Dann 
hebt Baer hervor, dass er ja selbst das Karische Meer be- 
sucht und in seinem Bericht gesagt habe, dass gar kein Eis 
zu sehen gewesen wäre. Unmöglich, folgert er daraus, könne 
er also behauptet haben, dass das Karische Meer nicht be- 
fahrbar seL Es scheint in der Tat, dass man Baer Unrecht 
tut, wenn man ihm die Urheberschaft des Vorurteils gegen 
die Schiffbarkeit des Karischen Meeres zuschreibt. Denn 
dadurch, dass er es mit einem Eiskeller vergleicht, spricht 
er keineswegs zugleich die Unschiffbarkeit desselben aus. 
Daran hält er auch in der eben genannten Verteidigungs- 
schrift fest Er habe, sagt er, das Karische Meer, das rings 
von Landmassen umgeben sei, die im Winter viel kälter 
seien als die See und das darum sein Eis länger bewahren 
und nur gelegentlich ganz eisfrei sein könne, mit einem Eis- 
keller verglichen. Sei denn dies so falsch? Ein Eiskeller 
ist eine Räumlichkeit, in welche Eis gebracht wird und in 
te es sich lange erhält, weshalb jene Räumlichkeit auch 
eine niedrigere Temperatur hat als die Umgebung, denn 
selbst wenn das Eis geschwunden ist, unterhalten die abge* 
kühlten Erd wände die niedere Temperatur. Wolle man 
übrigens, so fährt er fort, die Vergleichung mit einem Eis- 
keller missbilligen, so habe er nichts dagegen; wenn man 
aber zu verstehen gebe, er habe das Karische Meer für ganz 
^fahrbar erklärt, so könne er das nicht billigen. Gegen 
die Hoffnungen Nordenski öl ds, dass ein bleibender Handels- 
^^eg nach dem Jenissei durch die letzte Fahrt der Schweden 
^^ordenskiöld mit dem Segler „Pröven" 1875) eingeleitet sei, 
spricht sich Baer sehr skeptisch aus : „Zu einem Handelsweg 
gehört nicht nur ein Weg, sondern auch Handel. Wenn 


Bericht über die neuesten Entdeckungen an der Küste von 
^^^^k Semija. BuUet. scient. T. IL 


- 46 - 

von Flüssen, über Eintritt und Dauer des Frostes u. a. Baer 
findet, dass in den Antworten manche willkommene natur- 
historische Notiz vorkomme, wie die über die Grenzen des 
hochstämmigen Holzes; doch nennt er im ganzen ihren In- 
halt sehr niederschlagend. Trotzdem stellte er 1843 den 
Antrag an die Akademie, sie wolle eine Kommission er- 
nennen, die über die Zweckmässigkeit und Ausführbarkeit 
einer Expedition in ds^s Taimyrland beraten, dann später die 
Ausführung bestimmen und schliesslich die Überwachung 
übernehmen sollte. Die Kommission wurde gewählt, sie be- 
stand aus dem Petersburger Zoologen Fried r. v. Brandt, 
dem Physiker Fr d. Emil Lenz und Baer. Dieser war es, 
der der Akademie einen für die Durchführung der Aufgabe 
vorzüglich geeigneten Mann empfahl, den Professor an der 
Universität zu Kiew Theodor v. Middendor ff Er hatte 
diesen ausgezeichneten Forscher kennen gelernt auf seiner 
Reise nach Lappland 1840, auf der er ihn begleitete. Über 
diese Reise übrigens, welche Baer nach der Halbinsel Kola 
führte, ist nicht viel bekannt gegeben worden. Bevor 
v. Middendor ff seine grosse Reise antrat, unternahm Baer 
mit ihm im Sommer 1842 noch eine kleine Reise auf die 
Inseln des Finnischen Meerbusens bis nach Helsingfors, damit 
Middendorff die Spuren der Eiszeit kennen lernen sollte. 
Wir haben die darauf bezügliche Arbeit^) Baers schon bei 
der Frage des erratischen Phänomens erwähnt. Dann schrieb 
letzterer eine besonders ausführliche Instruktion für M i d d e n - 
d o r f f.2) Zwei Aufgaben, heisst es da, sind es vorzüglich, denen 
diese Expedition sich zu widmen hat. i. Eine allgemeine 
Erforschung der Gegend nördlich von Turuchansk bis Cha- 
tanga in geographischer, ethnographischer und naturhistorischer 
Hinsicht. 2. Die Untersuchung der Ausdehnung und so viel 
wie möglich der Mächtigkeit des bleibenden Eisbodens in 
Sibirien, sowie aller übrigen Verhältnisse der Bodentem- 
peratur, soweit es die Verhältnisse und Mittel dieser Reise 


*) Bericht über kleinere Reisen im Finnischen Meerbusen. Bullet, 
phys. math. I No. 7. 

*) Instruktion GXr den Dr. v. Middendorff zu seiner Reise nach 
Sibirien. Bullet, physico-math. 1 S. 177 — 185. 1843. 


— 47 - 

erlauben. Die zweite Hauptaufgabe zerfällt in zwei Reihen 
von Beobachtungen, von denen die eine auf eine möglichst 
genaue Untersuchung des Brunnens in Jakutsk sich bezieht, 
die andere aber korrespondierende Beobachtungen in anderen 
Gegenden Sibiriens sammeln wird. 

Ende des Jahres 1842 trat Middendorff seine Reise ^JSidd«*" 
an; Baer verfolgte sie begreiflicherweise mit dem grössten **°''^'* 
Interesse. Aus den Briefen, die Middendorff an ihn rich- 
tete, entnahm er von Zeit zu Zeit Berichte im „Bulletin" der 
Akademie. Diese sowie alle seine Aufsätze, welche sich auf 
Middendorffs Reise bezogen, hat er später summarisch 
zusammengefasst. ^) Middendorffs Reise, die von November 
1842 bis April 1845 dauerte, war für ihn und alle Teilnehmer 
überreich an furchtbaren Anstrengungen und Gefahren ge- 
wesen, und seine Berichte lesen sich, wie Günther sagt,^) 
stellenweise wie eine ausschweifende Robinsonade. Baer 
gab von dem Gange und den Schicksalen der Expedition 
„die erste zusammenhängende, höchst anziehend und fesselnd 
geschriebene Darstellung". ^) 

Von grösster Wichtigkeit musste es für Baer bei seiner 
Vorliebe für klimatologische Beobachtungen und bei seinem 
Interesse für den sibirischen Eisboden sein, Middendorffs 
Beobachtungen darüber zu erfahren. Er bemächtigte sich 
niit Eifer der Ergebnisse von dessen Beobachtungen über die 
Temperatur in der Luft und im Boden und stellte sie zu- 
sammen. Es erschien eine eigene Arbeit von ihm über das 
Üima des Taimyrlandes nach den Beobachtungen der M i d- 
d e n d r f sehen Expedition. *) Dieser Forscher^ hatte Tempe- 
raturbeobachtungen an der Boganida in dem Orte Korennoje- 
Filippowskoje unter 70^5' n. Br. und 118 ö. L. gemacht. 
Baer findet die gegebenen Zahlen deshalb wertvoll, weil sie 
uns zuerst ein Mass gaben für die Wirkung der Sonne auf 
dem Kontinent in Gegenden, wo sie einige Monate über 

*) Summarischer Bericht von Herrn Th. v. Middendorffs Reise 
im arktischen Sibirien. Beiträge IX. Bd. 2. Abt. Petersb. 1855. 
') Günther, Geschichte der Erdkunde S. 282. 
') Stieda a. a. O. S. 132. 
*) Bulletin physico-math. Tome IV p. 315—336. 


- 46 - 

von Flüssen, über Eintritt und Dauer des Frostes u. a. Baer 
findet, dass in den Antworten manche willkommene natur- 
historische Notiz vorkomme, wie die über die Grenzen des 
hochstämmigen Holzes; doch nennt er im ganzen ihren In- 
halt sehr niederschlagend. Trotzdem stellte er 1843 den 
Antrag an die Akademie, sie wolle eine Kommission er- 
nennen, die über die Zweckmässigkeit und Ausführbarkeit 
einer Expedition in das Taimyrland beraten, dann später die 
Ausführung bestimmen und schliesslich die Überwachung 
übernehmen sollte. Die Kommission wurde gewählt, sie be- 
stand aus dem Petersburger Zoologen Fried r. v. Brandt, 
dem Physiker Fr d. Emil Lenz und Baer. Dieser war es, 
der der Akademie einen für die Durchführung der Aufgabe 
vorzüglich geeigneten Mann empfahl, den Professor an der 
Universität zu Kiew Theodor v. Middendorff Er hatte 
diesen ausgezeichneten Forscher kennen gelernt auf seiner 
Reise nach Lappland 1840, auf der er ihn begleitete. Über 
diese Reise übrigens, welche Baer nach der Halbinsel Kola 

• 

führte, ist nicht viel bekannt gegeben worden. Bevor 
V. Middendorff seine grosse Reise antrat, unternahm Baer 
mit ihm im Sommer 1842 noch eine kleine Reise auf die 
Inseln des Finnischen Meerbusens bis nach Helsingfors, damit 
Middendorff die Spuren der Eiszeit kennen lernen sollte. 
Wir haben die darauf bezügliche Arbeit^) Baers schon bei 
der Frage des erratischen Phänomens erwähnt. Dann schrieb 
letzterer eine besonders ausführliche Instruktion für Midden- 
do r f f.^) Zwei Aufgaben, heisst es da, sind es vorzüglich, denen 
diese Expedition sich zu widmen hat. i. Eine allgemeine 
Erforschung der Gegend nördlich von Turuchansk bis Cha- 
tanga in geographischer, ethnographischer und naturhistorischer 
Hinsicht. 2. Die Untersuchung der Ausdehnung und so viel 
wie möglich der Mächtigkeit des bleibenden Eisbodens in 
Sibirien, sowie aller übrigen Verhältnisse der Bodentem- 
peratur, soweit es die Verhältnisse und Mittel dieser Reise 


*) Bericht über kleinere Reisen im Finnischen Meerbusen. Bullet, 
phys. math. I No. 7. 

*) Instruktion GXr den Dr. v. Middendorff zu seiner Reise nach 
Sibirien. Bullet, physico-math. 1 S. 177 — 185. 1843. 


— 47 - 

erlauben. Die zweite Hauptaufgabe zerfällt in zwei Reihen 
von Beobachtungen, von denen die eine auf eine möglichst 
genaue Untersuchung des Brunnens in Jakutsk sich bezieht, 
die andere aber korrespondierende Beobachtungen in anderen 
Gegenden Sibiriens sammeln wird. 

Ende des Jahres 1842 trat Middendorff seine Reise ^MiJdcS-" 
an; Baer verfolgte sie begreiflicherweise mit dem grössten **°''^"' 
Interesse. Aus den Briefen, die M i d d e n d o r f f an ihn rich- 
tete, entnahm er von Zeit zu Zeit Berichte im „Bulletin** der 
Akademie. Diese sowie alle seine Aufsätze, welche sich auf 
Middendorffs Reise bezogen, hat er später summarisch 
zusammengefasst. ^) Middendorffs Reise, die von November 
1842 bis April 1845 dauerte, war für ihn und alle Teilnehmer 
überreich an furchtbaren Anstrengungen und Gefahren ge- 
wesen, und seine Berichte lesen sich, wie Günther sagt,^) 
stellenweise wie eine ausschweifende Robinsonade. Baer 
gab von dem Gange und dein Schicksalen der Expedition 
„die erste zusammenhängende, höchst anziehend und fesselnd 
geschriebene Darstellung". ®) 

Von grösster Wichtigkeit musste es für Baer bei seiner 
Vorliebe für klimatologische Beobachtungen und bei seinem 
Interesse für den sibirischen Eisboden sein, Middendorffs 
Beobachtungen darüber zu erfahren. Er bemächtigte sich 
mit Eifer der Ergebnisse von dessen Beobachtungen über die 
Temperatur in der Luft und im Boden und stellte sie zu- 
sammen. Es erschien eine eigene Arbeit von ihm über das 
Klima des Taimyrlandes nach den Beobachtungen der M i d- 
d e n do rf sehen Expedition. *) Dieser Forscher^ hatte Tempe- 
raturbeobachtungen an der Boganida in dem Orte Korennoje- 
FUippowskoje unter 70^5' n. Br. und 118 ö. L. gemacht. 
Baer findet die gegebenen Zahlen deshalb wertvoll, weil sie 
uns zuerst ein Mass gaben für die Wirkung der Sonne auf 
dem Kontinent in Gegenden, wo sie einige Monate über 

*) Summarischer Bericht von Herrn Th. v. Middendorffs Reise 
im arktischen Sibirien. Beiträge IX. Bd. 2. Abt. Petersb. 1855. 
') Günther, Geschichte der Erdkunde S. 282. 
') Stieda a. a. O. S. 132. 
*) Bulletin physico-math. Tome IV p. 315—336. 


- 58 - 

und fast plötzlich wirkende Ueberschüttung, denn es zeigen 
sich keine dünnen untergeordneten Jahresschichten, und der 
Boden ist salzhaltig. Einen mehr augenfälligen Beweis sieht 
er in gewissen Einwirkungen, welche das frühere Meer mit 
seiner Brandung an steilen, vortretenden Flussufern hinter- 
lassen hat: gewundene, durch Reibsteine ausgearbeitete 
Höhlen, die nicht nach unten fortgehen, sondern sich nur in 
gewisser Höhe zeigen. Das wichtigste Zeugnis aber für die 
rasche und gewaltsame Abnahme des Kaspischen Meeres 
findet Baer in den gigantischen Schriftzügen, die es hinter- 
lassen hat. Er meint damit die langgezogenen, fast parallelen 
Hügel aus „festgedrücktem" Steppenboden, welche sich be- 
sonders zusammendrängen, wo die Ufer des Kaspischen 
Meeres sich dem Flachlande zwischen der Donschen Steppe 
und den Vorbergen des Kaukasus nähern, am meisten aber 
gegenüber dem westlichen Ende des Manytschtales. Baer 
glaubt nun, dass diese Hügel einen raschen und gewaltsamen 
Ab- oder Zufluss des Kaspischen Meeres und zwar durch die 
Kuma- und Manytschniederung nachweisen, einen Abfluss, 
der immerhin Wochen und Monate gewährt haben mag. 
Ob er aber durch rasche Hebung des östlichen oder irgend 
eines Ufers anzunehmen ist oder durch rasches Sinken des 
Schwarzen Meeres oder sonstige Ursache kann Baer nicht 
beurteilen. Die erwähnten Hügel nennt man Bugors. Sie 
sind sämtlich in die Länge gezogen, ihre Länge ist am 
häufigsten V2— 3 Werst = 534 m bis 3,281 km. Es gibt auch 
solche, die 5,7 und mehr Werst = 6,82 km lang sind. Alle 
haben einen breiten Rücken und sanfte Abdachung nach 
den Seiten. Sie sind mit Wellen zu vergleichen, die aus 
Erdmassen nachgebildet sind. Zwischen ihnen liegen schmale 
Wasserarme oder Limane, welche sich zum Teil 30, 40 und 
60 Werst = 32, 42, 68 bis 64 km ins Land erstrecken. Die 
Bugors aber sind das Ursprüngliche, das Bestimmende, zwi- 
schen sie trat das Wasser ein. Um einer Verwechslung der 
Bugors mit langgedehnten Sandhügeln (Dünen) vorzubeugen, 
weist Baer darauf hin, dass sie aus Sand und Lehm be- 
stehen und Muscheltrümmer und Salze enthalten. Was nun 
die Entstehung dieser Burgors anbelangt, so bezweifelt Baer 


— 59 - 

sehr, dass die Hügel unmittelbare Auswaschungen des noch 
weichen und nachgiebigen Meeresbodens sind. Solange 
man nicht ganze Schichten oder grosse Lager von wenig 
zerbrochenen Muscheln in ihnen nachweisen kann, hält er 
sie nicht für ausgefurchte oder ausgewaschene Reste des 
Meeresbodens. Die ganz zerstreuten Muscheltrümmer und 
das durch die ganze Höhe gehende, so gleichmässige Ge- 
misch von Ton und Sand, die doch ein so verschiedenes 
Sinkvermögen haben, lassen ihn glauben, dass die Bugors 
sich während eines heftig aufgewühlten Meeres bildeten. 
Ihre „dünne Schichtung" würde er am liebsten durch zu- 
sammenschlagende Wellen erklären, die in gewisser Regel- 
mässigkeit gegeneinander schlagen und auf derselben Stelle 
zusammentreffend einen Teil ihres Inhaltes fallen lassen 
müssen. Das fächerförmige Streichen der Bugors nach der 
Kuma-Manytsch-Niederung und die Art ihrer Schichtung 
lässt Baer auf eine gleichzeitige Strömung dahin oder von 
da schliessen. Doch kann er sich über die Richtung der 
Strömung wegen der mangelhaften Untersuchung kein Urteil 
bilden. Bei der eben gegebenen Ansicht über die Entstehung 
der Bugors fühlt Baer selbst heraus, dass das Bedenkliche 
und Unwahrscheinliche darin liegt, dass gegeneinander sich 
bewegende Wellen längere Zeit in derselben Richtung zu- 
sammentreffen müssen, um den Absatz der Bugors zu er- 
klären. Darum ist er doch schliesslich geneigt, sie als Pro- 
dukte der unmittelbaren Auswaschung anzusehen, wenn man 
nur mehr unzertrümmerte Muscheln, die es doch zur Zeit 
der Bugorsbildung lebend genug gegeben haben müsste, 
finden würde oder wenn es sich nachweisen Hesse, wohin 
sonst der grosse Vorrat lebender Muscheln gespült wurde. 

Die nächste, III. der kaspischen Studien spricht von dem Betrachtun. 
Salzgehalte des Kaspischen Meeres. „Nimmt* das Kaspische ^|^^^° 
Meer fortwährend an Salzgehalt zu? Salzlagunen und Salz- des Kaspi- 
Seen, die sich auf Kosten des Meeres bilden. Meeresbuchten, '''^*'° ^**'* 
die reicher an Salz werden. Salzseen, die auf Kosten des 
Landes sich bilden." i) 


^) Bullet, physlco-math. 1855 Tome XIV. S. 1—34. 


— 6o — 

Baer führt zunächst die bisher ausgesprochenen An- 
sichten über den Salzgehalt des Kaspischen Meeres an und 
beurteilt sie dann. GöbeP) hatte die Vermutung ausge- 
sprochen, dass das Kaspische Meer, ursprünglich ein Süss- 
wassersee aus der angrenzenden Steppe, erst allmählich sein 
Salz erhalten habeq möge. Eich wald ^) hatte ebenfalls das 
Wasser des Kaspischen Meeres für sehr salzig und bitter 
erklärt und behauptet, dass die Tiere in ihm im Absterben 
begriffen seien. Ebenso Stuckenberg. •'^) Hommaire de 
Hell*) nahm für das Kaspische Meer 5 Prozent Salzgehalt 
an. Dagegen wendet sich nun Baer. Gegen G ö b e 1 wendet 
er ein: i,Die Cardiaceen und andere Salzwassermuscheln, 
welche wir in allen Ablagerungen des Kaspischen Meeres, 
in den felsigen sowohl als lose in den Steppen in zahlloser 
Menge finden, werden wohl nachweisen, dass das Kaspische 
Meer von unermesslicher Zeit her salzig war, wahrscheinlich 
schon in früheren Bildungsperioden des Erdballs, wo es vom 
allgemeinen Meere nicht geschieden sein wird." Es wird 
somit als Reliktensee erklärt. Was die Abnahme der Tier- 
welt betrifft , so weist Baer auf ein Zeugnis hin , welches 
beweist, dass dies nicht der Fall ist. Es ist die Zunahme 
des Ertrages der Kaspischen Fischerei. Doch verkennt Baer 
nicht die Bedeutung der ganzen Frage. Wir haben jetzt, 
meint er, ein Kaspisches Meer mit geschlossenem Umfange 
und in seiner Umgebung eine weitgedehnte, salzreiche 
Steppe. Wenn nun die Verhältnisse so wären, dass das 
Kaspische Becken allmählich alles Salz aufnehmen müsste, 
welches in dieser Steppe enthalten ist, ohne von seinem 
Salzvorrat bedeutende Quantitäten abzugeben, so müsste es 
notwendig an Salzgehalt zunehmen. Dann wäre allerdings 


Göbel: Reisen in die Steppen des südlichen Russlands. Bd. II 
S. 104. Dorpat 1837—38. 

*) E i c h w a 1 d : Reise nach dem Kaspischen Meer und dem Kaukasus 
unternommen in den Jahren 1825— .26. Stuttgart 1834—37. 

') Stuckenberg: Hydographie des Russischen Reiches. Bd. IV. 
S. 38. St. Petersburg 1844 — 49. 

*) Hommaire de Hell: Les Steppes de la mer Caspienne 
Tome III S. 398. Paris Strassburg 1843—45. 


— 6i — 

möglich, dass manche Tiere, welche jetzt in ihm leben, nicht 
mehr bestehen könnten. Aber — und das bezeichnet B a e r 
als einen glücklichen Umstand — das Kaspische Meer hat 
nicht nur seine Einnahmen, sondern auch seine Ausgaben 
an Salz und es kommt nur darauf an, ob es gelingt, beide 
g^neinander abzuschätzen. Der Verlust wird bedingt 
durch die Bildung von Salzlagunen und Salzseen. Die Ab- 
scheidung von Meeresteilen durch verlängerte Sandbänke 
erfolgt auch am Kaspischen Meer, namentlich an der Ost- 
köste. Nicht weit von der Alexander - Bai ist der lang- 
gezogene Salzsee Karakul von dem Meere durch eine Sand- 
bank schon abgetrennt. Als weitere Beispiele für die Ent- 
stehungsgeschichte von Salzseen am Kaspisee führt B a e r 
vier nahe beieinander liegende „Salzmulden" an der Spitze 
von Mangischlak zwischen der Festung Nowo-Petrowsk und 
dem Hafen an. Sie stellen vier Abstufungen in der Bildung 
von Salzmulden dar und es ist für B a e r kein Zweifel, dass sie 
ihr Salz durch einrieselndes Wasser aus dem Kaspischen 
Meere erhalten haben und ihr Salzabsatz allmählich zu- 
nehmen muss auf Kosten des Meeres. Aber ausser diesen 
Salzmulden gibt es grosse, buchtenförmige Abteilungen des 
Meeres, welche salzreicher sind als das allgemeine Becken 
und welche auf Kosten desselben ihren grösseren Salzgehalt 
gewonnen zu haben scheinen. Baer nennt als solchen den 
Mertwyi-Kultuk, ganz besonders aber den schmalen Busen, 
der davon nach Südwesten abzweigt, den Kara-Su (Kaidak- 
Busen). Auch den Kara-Bugas zieht er bei. Dieser ist nach 
Sherebzows^) Bericht „beissend salzig'* und sein Boden 
besteht aus Salz. Durch seinen schmalen Eingangskanal 
geht eine Strömung, die fortwährend Seewasser zuführt. 

Wie gross nun der Gewinn und Verlust an Salzgehalt 
im Kaspischen Meere ist, das versucht Baer in der vierten 
der Kaspischen Studien zu berechnen: „Abschätzung von 
Gewinn und Verlust an Salzgehalt im jetzigen Kaspischen 


^) Leutnant Sherebzow unternahm 1847 ^^ Auftrage der Admi- 
ralität eine Untersuchung des Kara-Bugas. Er teilte Baer mündlich 
seine Beobachtungen mit. 


— 62 - 

Meeresbecken. Zufluss salzhaltigen Wassers aus der Wolga- 
Uralschen Steppe, aus der Pontisch-Kaspischen Steppe, aus 
dem Felsboden der Mangischlakschen Halbinsel, aus dem 
Transkaukasischen Salzboden. Abgang desselben (salzhal- 
tigen) Wassers durch Bildung von Salzseen und durch Be- 
reicherung abgesandeter Buchten."^) 

Um den Einfluss der einzelnen Steppengebiete des 
Kaspischen Beckens auf dessen Salzgehalt darzutun und 
ihre Verschiedenheit anschaulich zu machen, gibt Baer erst 
eine Schilderung der Steppen. Die Bilder, die er dabei ent- 
wirft, sind mit vortrefflicher Anschaulichkeit gezeichnet. 
Ueber den Beitrag von Salz, den die einzelnen Steppen leisten, 
äussert er sich, wie folgt: Die Ural- Wolgasche Steppe führt 
dem Kaspischen Meere nur sehr wenig Salz zu, eine Quan- 
tität, die . gegen den jährlichen Verlust des Meeres als ganz 
unbedeutend zu betrachten ist. Der Grund liegt in den 
verschiedenen Schichten, aus denen die Steppe besteht. 
Die eine der sanft geneigten Schichten enthält vorherrschend 
Sand, die andere Lehm. Die Sandschichten in der Steppe 
sind fast vollständig ausgesüsst, die Lehmschichten dagegen 
enthalten noch viel Salz. Das meteorische Wasser senkt sich, 
wo es auf Sandschichten fällt, durch diese herab und da das 
Kaspische Becken das tiefste dieser Gegend ist, muss es die- 
sem zugute kommen. Das Wasser, welches auf die Lehm- 
schichten fällt, wird von ihnen mit grosser Zähigkeit fest- 
gehalten. Daraus geht hervor, dass das Wasser, das in 
der Tiefe fliesst oder sich filtriert, entweder ganz oder fast 
rein von Salz ist. Eben weil es in den mehr sandigen 
Schichten sich senkt und zuletzt rinnt, sind diese ja aus- 
gesüsst. Und aus dem umgekehrten Grunde sind es die 
andern nicht. 

In der Pontisch-Kaspischen Steppe erscheint es Baer 
noch viel augenscheinlicher als in der vorher beschrie- 
benen, dass der Sandboden ausgewaschen ist, der Lehm- 
boden aber nicht und dass beide hier häufiger wechseln und 
schärfer geschieden sind. Ebenso findet er, dass der Boden, 


*) Bulletin physico-math. Tome XV. S. 53—59 u. 65—86. 


- 63 - 

abgesehen von dem grösseren oder geringeren Sandgehalt, 
umsoweniger Salz enthält, je mehr er Neigung hat. Was 
nun die Frage betrifft, welchen Beitrag an Salz die Pontisch- 
Kaspische Steppe gibt, bemerkt Baer, dass ihm auch hier 
kein salzreicher Fluss bekannt ist, der das Meer erreichte. 
Dass aber doch ein Teil derselben in die Tiefe dem Meer 
zufliesst, dafür scheint ihm das schlechte Brunnenwasser zu 
sprechen, das er in der Nähe des Meeresufers antraf. Er 
kommt darum zu dem Schlüsse, dass die Pontisch-Kas- 
pische Steppe, obgleich sie viel mehr salzlosen Boden hat, 
doch dem Meere mehr Salz zuführt als die Wolga-Uralsche. 

Die Felsensteppe von Mangischlak zeigt poröses Gestein, 
der Fels zeigt Beimischung von Salz. Das meteorische 
Wasser rinnt von der Oberfläche in die Tiefe. Es verdampft 
nur zum geringeren Teil, zum grösseren rinnt es durch den 
porösen Felsboden und wird dabei salzhaltig. Baer hält 
es nicht für wahrscheinlich, dass eine irgend bedeutende 
Menge Salz von hier aus ins Meer gelangt, wenn auch ver- 
hältnismässig mehr als aus den vorher genannten Steppen. 

Der Salzboden Transkaukasiens endlich ist sehr aus- 
gedehnt. Die Steppe wird in Norden von einer fortlaufenden 
Reihe abschüssiger Lehmberge begrenzt, welche in ihrer 
ganzen Masse salzreich sind. Ein grosser Teil des weit aus- 
gedehnten Bodens ist stark mit Salz angefüllt, und Baer 
kann sich der Ueberzeugung nicht erwehren, dass dieser 
Boden reicher an Salz ist als ein gleicher Umfang der drei 
ersten Steppen. Darum ist er auch gar nicht im Zweifel, 
dass der Transkaukasische Salzboden dem Meere mehr Salz 
zukommen lässt als eine der drei genannten Steppen. Hier 
enthält das Wasser selbst grosser Flüsse sehr merkbaren 
Salzgehalt. 

Die südliche oder Persische Steppe gibt nur süsses 
Wasser. 

Die Wege nun, auf denen der Verlust des Meeres an 
Salz erfolgt, hat Baer schon in der 3. Studie angedeudet. 
Er wiederholt: das Meer verliert Salz durch die Bildung 
von Salzseen. Beispiele dafür sind die schon genannten 
Salzseen bei Tjukkaragan. Manche der Salzlager in der 


- 64 - 

Kirgisischen Steppe, fögt Baer noch hinzu, mögen sich auf 
Kosten des Kaspischen Meeres gebildet haben. Der Salz- 
gehalt im Meerbusen von Kaidak ist viermal so gross als 
in dem grossen Becken. Man ersehe daraus, dass in sol- 
chen Busen des Kaspischen Meeres, welche mit dem grossen 
Becken nur eine enge Verbindung haben, die Satzteile sich 
anhäufen. Die fortschreitende Abscheidung hat die Zunahme 
des Salzgehaltes zur Folge. Das ist auch bei dem Kara-Bugas 
der Fall, den Günther^) ein belehrendes Beispiel natürlicher 
Salzbereitung durch Verdampfung des Wassers nennt. Er 
hat eine ganz enge Verbindung mit dem grossen Becken 
und liegt überdies in einem heisseren Erdstrich. Da findet 
es Baer ganz natürlich oder notwendig, dass die Verdun- 
stung in ihm, wie ein „gigantisches Saugwerk*' auf das grosse 
Becken wirkt. 

Baer kommt zu dem Resultat, dass das Kaspische 
Meeresbecken jetzt weniger an Salz zu empfangen als abzu- 
geben scheint. Damit findet er eine andere Erscheinung in 
Harmonie stehend, nämlich das Verhältnis der Muscheln der 
Vorwelt zu den jetzigen. Muschelschalen fossiler Formen, 
welche man im Ufer und in der Astrachanschen Steppe fand, 
gehören Gattungen an, die gar nicht mehr im jetzigen Meere 
lebend zu finden sind, sondern in salzreicheren. 

Aus alledem folgert nun Baer: Das alte Kaspische 
Meer war reicher an Salzgehalt als das jetzige, obgleich es 
höchst wahrscheinlich oder fast gewiss eine grössere Aus- 
dehnung gehabt hatte. 
Die Ma- Die V. der kaspischen Studien führt uns in das Tal 

lytochsenkc. (jgj. Manytsch. Sie lautet: „Das Manytschtal und der 
Manytschfluss.***) Die Reise Baers in dieses Gebiet war 
von wissenschaftlichem und praktischem Interesse; erstens 
weil man über das Manytschtal die widersprechendsten Nach- 
richten hatte und seine nähere Bekanntschaft für die genauere 
Erkenntnis der jetzigen Gestaltung der Steppe zwischen 
dem Schwarzen und dem Kaspischen Meere und der Ver- 
gangenheit beider Meere höchst wichtig war, zweitens wegen 

^) Günther, Geophysik IL S. 433. 

*) Bulletin physico-math. Tome XV. S. 91 — 112. 


- 65 - 

der Möglichkeit einer Kanalverbindung zwischen dem Kas- 
pischen- und Asowschen Meere. Der Manytsch war bisher 
noch wenig bekannt. Der westliche Teil allerdings war 
schon aufgenommen, allein der östliche war noch unbekannt, 
kein Naturforscher hatte ihn noch besucht, höchstens No- 
maden im Winter, wegen des vollständigen Mangels an 
Trinkwasser im Sommer. Pallas, der Petersburger Natur- 
forscher und Akademiker, hatte Andeutungen über den öst- 
lichen Lauf, den er selbst nicht gesehen, gegeben. Seine 
Darstellung des Manytschflusses war richtig, des Tales aber 
sehr falsch. Er hatte die Quellen des Manytsch zu weit 
nach Osten verlegt, das war deswegen nicht richtig, weil das 
Tal sich nach Osten senkt. Parrot, Baers Freund, Natur- 
forscher und Reisender aus Dorpat, erhob die ersten Zweifel 
gegen die Richtigkeit der Pallasschen Darstellung nach 
Berichten von Augenzeugen. Er hörte, dass der öst- 
liche Manytsch aus dem Kaiaus seinen Ursprung nehme und 
sein Wasser nach Osten fliessen lasse, das Kaspische Meer 
aber nicht erreiche. Ein Nivellement, welches späterhin die 
Akademie der Wissenschaften anordnete, ergab als Resultat 
ein Tieferstehen des Kaspischen Meeres von zirka 84 engl. 
Fuss = 25,62 m. 

Dies war der Stand der Kenntnisse über den „Manytsch* ^ 
als Baer 1856 in dieses Gebiet kam. Die Resultate, die er 
gibt, sind übereinstimmend mit der heutigen Darstellung, 
nämlich: Man muss unterscheiden die Manytsch-Niederung, 
das eigentliche Manytschtal und den Manytschfluss, oder, 
wenn das Wasser sich verloren hat, sein Bett. Für diese 
drei Begriffe gebraucht man im Lande den Ausdruck Manytsch, 
und die Verwechselungen derselben haben die irrigen An- 
gaben veranlasst. 

Die Manytsch-Niederung ist nur in der Mitte scharf 
begrenzt, nach Norden von dem Südrande der Ergeniberge, 
nach Süden von den Vorbergen des Kaukasus. Das. Manytsch- 
tal ist ein in dieser Niederung scharf ausgearbeiteter, breiter 
Graben, der sich in zwei Arme teilt, von denen der nördlichere 
nach Osten, der südlichere nach Südosten gerichtet ist. Der 
erstere erreicht das Kaspische Meer nicht mehr, der zweite 

V. Baer als Geog^raph. 5 


— 66 — 

südöstliche Hauptarm des Manytschtales nimmt vorzüglich 
das Wasser aus dem ungeteilten Manytschtale von der Mün- 
dung des Kaiaus an, auf. Er ist gegen die Kumaniederung 
gerichtet und enthält einige seeartige Vertiefungen. Das 
mittlere, d. h. ungeteilte Manytschtal, hat eine ansehnliche 
Breite. Das gesamte Tal ist nach zwei Seiten geneigt, sowohl 
nach Westen als nach Osten. DerScheidepunkt dieser Neigungen 
ist sehr wenig westlich von der Mündung des Kaiaus. Die 
seeförmige Erweiterung, die das Wasser des Kaiaus gebildet 
hat, liegt schon ganz auf dem östlichen Abhänge. Bei Hoch- 
wasser aber fliesst das Wasser von der westlichen Seite 
auch nach der östlichen über. So erklärt sich die Behauptung, 
dass der Kaiaus sich nach beiden Seiten ergiesse. 

Aus dieser Schilderung des Manytschtales. sagt Baer 
weiter, geht schon hervor, wie es mit dem Manytschflusse 
steht. Ein Fluss, der in der Nähe des Kaspischen Meeres 
entspringe und bis in den Don flösse, existiert nicht. Wohl 
aber fliesst in der westlichen Hälfte des Manytschtales ein 
Fluss, der aus den kleinen vom Südende der Ergeni-Berge 
kommenden Flüsschen Ilan Sucha und Chara Sucha gebildet 
wird, welche das ganze Jahr hindurch, einiges Wasser zu 
enthalten pflegen. Ausserdem erhält der Fluss Wasser im 
Frühling aus dem Kara - Chulussum , dem höchsten Teile 
des Tales selbst, und aus der ganzen Breite der Manytsch- 
Niederung vermittelst seitlicher A wrage (von Murchison aus 
dem Russischen adoptierter Ausdruck für durch Frühlings- 
wasser gemachte Einrisse)^) Im weiteren Verlaufe nimmt 
der Fluss noch einige kleine Nebenflüsse auf und mündet, 
bald seeartig erweitert, bald verengt in den Don. In der 
kleineren östlichen Hälfte des Manytschtales fliesst auch 
Wasser, aber nur im Frühling oder Spätherbst. Da 
es selbst im Winter fehlt, so möchte Baer dieses Wasser 
nicht mit dem Namen eines Flusses belegen. Es ist viel- 
mehr die östliche Hälfte des Manytschtales nach ihm ein 
Awrag, dessen Wasser einesteils die Salzpfützen und Salz- 
gründe der Umgegend überschwemmt, andernteils aber in 


Erklärung nach Stieda a. a. O. S. 260. 


- 67 - 

die Kuma-Niederung sich ergiesst und zuweilen mit dem 
Kumawasser in offener Strömung das Kaspische Meer erreicht. 

Für das Kanalprojekt nun zur Verbindung des Asow- ^^SJ^*^* 
sehen Meeres oder des Don mit dem Kaspischen Meere be- '™*=^«° . 

\ Pontas iiod 

zeichnet Ba er die Tatsache als sehr wichtig, dass die Sohle Ka«|j^«" 
des Manytschtales ihren höchsten Punkt nicht in der Nähe 
des Kaspischen Meeres hat, sondern fast genau in der Mitte 
zwischen beiden Meeren. Ein Kanal müsste bei der tiefen 
Lage des Kaspischen Meeres in einer ununterbrochenen 
Senkung fortgehen. Natürlich müsste er in das Manytschtal 
gelegt werden, doch käme dies wohl zu teuer. Leichter 
ausführbar und lohnender erscheint ihm ein Kanal in der 
Kuma-Niedenmg, der den Stromlauf dieses Flusses bis in das 
Kaspische Meer wieder herstellte. 

Später ergriff Ba er noch einmal in der Kanalfrage das 
Wort: „Ein Wort über das Projekt den Manytsch zu kana- 
lisieren und die öffentlichen Streitigkeiten darüber."^) Er 
bekennt sich hier als Gegner des Projektes, da der Erfolg 
nur gering und die Schwierigkeiten sehr gross wären. 

Im Sommer des gleichen Jahres, das Baer in das ^1^^^^"^^^" 
Manytschtal führte, machte er eine Rundreise um das Kas- ^j^l^^"" 
pische Meer. Das Resultat derselben ist die VI. der Kas- 
pischen Studien. „Besuch der Ostküste. Der Chiwasche 
Meerbusen und Kolotkins Atlas des Kaspischen Meeres. 
Tschelekün oder die Naphtha-Insel. Neft-degil und Fauna der 
Insel. Beabsichtigter Leuchtturm auf der Insel Swätoi mit 
Benutzung der Gase aus der Tiefe. Inseln der „zwei Brü- 
der". Temperatur des Kaspischen Seewassers in der Tiefe 
von 300 Faden. Temperatur des Wassers an der Ober- 
fläche."2) Baers Besuch galt vor allem der ihm noch unbe- 
kannten Ostküste, insbesondere der Chiwaschen Bucht. Diese 
hatte Kolotkin in seinem Atlas des Kaspischen Meeres an 
die Ostküste als einen tief nach 03ten in das Land hinein- 
gehenden, im allgemeinen ausgezackten Busen gezeichnet. 
^ies gibt Baer Anlass überhaupt in Kürze die Geschichte 


^) Petermanns Geogr. Mitteil. 1862 S. 446—451. 

^) Bulletin physico-math. Tome XV Nr. 12 u. 13 S. 177—202. 


5* 


- 68 — 

der kartographischen Darstellung des Kaspischen Meeres zu 
berühren. Nach ihm ist die Verden 'sehe Karte die erste im 
allgemeinen richtige Karte des Kaspischen Meeres, alle 
früheren seien unverbesserlich falsch, die von Olearius^) 
nicht ausgenommen. Soimonow verbesserte 1731 den grössten 
Fehler der Verden'schen Karte, die den nordöstlichen 
Winkel an den Mündungen des Ural- und Embaflusses viel zu 
weit nach Norden gerückt hatte. Nach ihm hatKolotkin 
zuerst das Kaspische Meer in seiner wahren Form dargestellt, 
nur die Chiwasche Bucht zeichnete er zu tief hinein in ein 
flaches Sandufer als einen Busen mit scharfen Auszackungen, 
wie sie nur ein Felsboden geben kann. K a r e I i n 1836 zeichnete 
sie dann als eine flach abgerundete Einbuchtung. Baer 
fand diesen Busen als einen Einspnmg des flachen Sandufers. 
Er hält es nicht für unwahrscheinlich, dass im Verlauf eines 
Jahrhunderts durch Abschneidung von Meerwasser dort Salz- 
seen entstehen, wo man damals das Ende der Bucht hinsetzte. 

Auf der gleichen Fahrt besuchten sie auch die Naphtha- 
insel Tschelekün. Ein Produkt aus der Naphtha, Neft-degil, 
welches man ihnen zeigte, erklärte Baer identisch mit dem 
Kir Bakus, einem künstlichen Gemisch von dicker Naphtha 
mit erdigen Teilen. Beide schienen Baer vorweltliche Naphtha- 
ansammlungen zu sein. 

Am meisten aber interessierte es B a e r auf dieser Fahrte 
dass zuerst ein ernsterer Versuch gemacht wurde, den Boden 
des tiefen Beckens zu erreichen und aus der Tiefe Wasser 
zu schöpfen. Zwar erreichte man den Boden im tieferen 
Teile nicht, doch bestätigten die gefundenen Zahlen die Schei- 
dung des allgemeinen Beckens in zwei gesonderte, wie sie 
Baer schon in der I. Studie schildert. Wasser, welches aus 
der Tiefe von 275 Faden =1 517 m heraufgeholt wurde, 
zeigte eine Temperatur von 15® R. =: 18,75® Geis. Die 
Temperatur des Wassers an der Oberfläche des Meeres wurde 


M Adam Olearius unternahm mit dem Dichter und Arzt 
F 1 e m i n g im Auftrage des Hersogs Friedrich 111. von Holstein-Gottorp 
eine Gesandtschat tsreise nach Persien und gab nach seiner Rückkehr 
1839 eine Beschreibung heraus: „Beschreibung der moskowitischen und 
persischen Reise,** Schleswig 1647. 


- 69 - 

21 V2" R. = 26,9® Cels. gefunden. Baer schätzte die Tiefe an 
der Beobachtungsstelle 37^8' n. Br. u. 51^15' ö. L.) mit mehr 
als 1800 Fuss = 549 m noch zu gering ein. 

Was den Salzgehalt betrifft, so fand er ein Ver- 
hältnis des Salzgehaltes der Oberfläche zu dem der Tiefe 
wie II : 11,75. Daraus ersah er, dass von unten eine fort- 
gehende Aufnahme an Salz nicht stattfindet, während von 
oben sicher süsses Wasser zufliesst. 

Die VII. der kaspischen Studien ist historisch - geo- ^ST A^e^. 
graphischei Natur. „Der alte Lauf des armenischen Araxes".^) 
Baer stellt die Frage: „Wie ist der Widerspruch alter und 
neuer Nachrichten über den unteren Lauf des Araxes zu 
lösen?" Strabo^) lässt nämlich den Araxes gesondert 
vom Kur in das Kaspische Meer sich ergiessen, heute strömt 
der Araxes in die' Kiu^a. Baer erscheint es nun aus histo- 
rischen und naturhistorischen Gründen wissenswert, ob 
Strabos Angaben den Tatsachen entsprechen oder nicht. 
DassStrabo nicht die wahre Ausmündung, wie sie damals 
bestand, erfahren haben sollte, erscheint Baer bei dem langen 
Verkehr dieses Forschers in Armenien, bei den vielen Hilfs- 
mitteln, die ihm zu Gebote standen und bei seiner Zuver- 
lässigkeit fast unmöglich. Strabo erzählt nun in seiner Be- 
schreibung Albaniens Lib. XL Kap. 4 von den Flüssen Kyros 
und Araxes, dass der erstere viel Schlamm im Meere absetze 
und die Küste „dünenvoU" mache und der letztere, so wild 
er auch herabströme, ihn nicht forttreiben könne. Baer be- 
anstandet da an der Uebersetzung das Wort „Schlamm**; 
es sei Sediment gemeint. Ebenso erklärt er sich ^icht ein- 
verstanden mit der Uebersetzung von j,d^iveg*' mit Dünen. 
Er möchte es erklären durch „Untiefen" oder „Bänke**. Tut 
nian dies, sagt er, lässt man also das Meer vor den Mün- 
dungen des Kur voll Untiefen sein, so ist die Beschreibung, 
welche der griechische Geograph vor fast 2000 Jahren gab. 


Bulletin de la classe historico-phüologique. Tome XIV, S. 
305-348. 1857. 

*) Baer beruft sich hier auf S t r a b o , Beschrb. Albaniens Lib. XI 
Kap. 4 S. 52 nach Groskurds Uebersetzung. Berlin 1831—33. 


— 70 — 

noch vollkommen dem jetzigen Zustande entsprechend. Baer 
glaubt nun die Lösung des Rätsels gefunden zu haben, in- 
dem er ein früheres Flussbett nachweist, welches ehemals dem 
alten Araxes angehört zu haben scheint. Er sei keineswegs 
mit dieser Frage beschäftigt gewesen, erzählt er, als ihm auf 
dem Wege von Lenkoran nach Saljan (1855) ein sehr an- 
sehnliches, trockenes Flussbett aufgefallen sei, das in einem 
grossen Bogen durch die trockenen Steppen gezogen sei. 
Auf seine Erkundigung habe er erfahren, dass der „Kanal'', 
den er gesehen, ganz für sich ins Meer auslaufe und auf der 
andern Seite mit einem See kommuniziere. In diesem See 
sieht Baer den Intscha-See. Weiterhin erkannte er nun 
aus der Karte des Generalstabes, dass vom rechten Ufer des 
Araxes ein stark gewundener Hauptkanal ausgeht, dessen 
Zweck nicht ersichtlich ist. Er sieht in demselben ein altes 
Flussbett, das aus dem persischen Gebiet in das russische 
übertritt. Die Zeichnung endet im Flussbett des „Bolgary 
Tschai", das letzte Ende des Bettes ist genau nach dem 
trockenen Flussbett gerichtet, das Baer getroffen hat. Da- 
zwischen liegt noch der Intscha-See, der dieselbe Richtung 
hat. Es bleibt nur noch ein Zwischenraum von neun Werst 
etwa, in welchem die Karte keine Vertiefung in derselben 
Richtung angibt. Sie war aber wohl da und wurde nur 
undeutlich durch das Ausbleiben des Araxes-Wassers. „Da 
hätten wir denn," ruft Baer aus, „den ganzen alten Lauf des 
Araxes, wie ihn Strabo beschreibt, gesondert von den Mün- 
dungen des Kur, aber doch nahe von ihnen in das Meer 
sich ergiessend." 

Den Uebergang des Araxes aus diesem alten Flussbett 
in ein neues möchte nun Baer auch noch durch eine Reihe 
historischer Nachrichten erweisen. Es hat eine Zeit gegeben, 
in welcher der Araxes zwei Ausmündungen hatte, eine in den 
Kur und eine andere unmittelbar in das Meer. Cl. Ptole- 
maeus (Lib. V Kap. 13) sagt es nicht nur bestimmt, sondern 
gibt auch die geographische Länge und Breite an. Strabo 
muss nur von der Ausmündung ins Meer gewusst haben, 
denn er erwähnt der andern nicht. Pomponius Mela, ein 
Menschenalter später, hat dieselbe Meinung. Plinius (Lib. VI 


— ^^ — 

Kap. lo), um zwei Menschenalter später, scheint der erste, 
welcher von einem Ausfluss des Araxes in die Kura be- 
richtet^ Gerade die Zeitfolge der verschiedenen Angaben 
über die Mündung des Araxes scheint nun B aer nachzuweisen, 
dass die Veränderung im unteren Laufe dieses Flusses im 
Anfang der christlichen Zeitrechnung eintrat. Für die Frage, 
wie lange nun wohl diese Bifurkation des Araxes bestanden 
haben mag, istBaer neben Moses v. Chorene^) und dem 
Araber Ista'cjhri^), die von zwei Mündungen sprechen, ent- 
scheidend Abulfeda, der seine berühmte Geographie 1321 
beendete. Dieser sagt sehr bestimmt: „Der Araxes giesst 
sich in den Kur, und beide Flüsse bilden von da an nur 
einen, der in das Meer geht." 

Am Schlüsse des 13. Jahrhunderts, das ist das Ergebnis, 
zudem Baer konlmt, bestand also wohl keine Gabelung mehr. 

Die letzte der 8 kaspischen Studien*^) ist vor den andern B^ers ^.ce- 
deswegen besonders wichtig, weil sie das allgemeine Gesetz 
über die Gestaltung der Flussbetten enthält, das unter dem 
Namen „Baersches Gesetz" wohl bekannt ist. Es war eine , 

alte Wahrnehmung, dass die Flüsse Russlands in der Regel 
em hohes rechtes und ein niedriges linkes Ufer haben. Pal- 
las und andere Reisende hatten sie schon gemacht; Baer 
war sie bekannt. Ueberzeugen konnte er sich von der Tat- 
sache, als er 1853 auf der Wolga von Nischnij-Nowgörod bis 
Kasan fuhr. Ebenso, als er 1854 die Wolga zur Zeit der 
stärksten Strömung sah. Damals fiel ihm besonders auf, 
wie die Seitenkraft — so will er den Ueberschuss oder Mangel 
an Rotationsgeschwindigkeit nennen — in diesem Fluss auf 
das rechte Ufer wirkte. Er suchte nach einer Erklärung und 
glaubte sie in der Rotation der Erde gefunden zu haben. 
Der Satz, den er darüber aufstellt, lautet wie folgt: 


Moses v. Chorene, armenischer Geograph um 450. 

*)Istachri, arabischer Geograph aus der ersten Hälfte des X. Jh., 
aus dem Jaqut, Ihn Hauqual und andere Orientalen so viel ge- 
schöpft haben. 

*) Bulletin de TAcademie imperiale de St. Petersbourg. Tome II 
1860. S. 1-49; 218-259: 353—382 u. f. 


— 72 — 

Das fliessende Wasser bringt, wenn es vom Aequator 
gegen die Pole sich bewegt, eine grössere Rotations- 
geschwindigkeit mit, als den hohen Breiten eigentlich zukommt, 
und drängt deshalb g^en die östlichen Ufer. Umgekehrt 
wird das Wasser, welches von den Polen gegen den Aequator 
fliesst, mit geringerer Rotationsgeschwindigkeit ankommen 
und deshalb gegen das westliche Ufer drängen. Auf der 
nördlichen Halbkugel muss also an Flüssen, die mehr oder 
weniger nach dem Meridian fliessen, das rechte Ufer das 
angegriffenere, steilere und höhere, das linke das Ober- 
schwemmte und deshalb verflachte sein und zwar in dem- 
selben Masse, in welchem sie sich dem Meridian nähern. 
Auf der südlichen Halbkugel muss umgekehrt das linke Ufer 
hoch, das rechte überschwemmt sein. 

Es soll nicht unsere Aufgabe sein, das schon so oft 
besprochene Baersche Gesetz mit allen den Gründen dafür 
und dagegen noch einmal eingehend darzulegen, es kommt 
hier, wo es sich um die Feststellung der Verdienste Baers 
um die geographische Wissenschaft handelt, hauptsächlich 
darauf an, zu betonen, dass er es war, der die Rotation 
der Erde als einen Grund zur Erklärung des tatsächlich be- 
stehenden Unterschiedes der Flussufer beibrachte. „Dass 
ich an die Rotation der Erde dachte," sagt er,*) „habe ich 
vielleicht nur dem Umstände zuzuschreiben, dass mich die 
Drehung der Winde und der Seestürme öfters beschäf- 
tigt hatte/' Gleichgültig. Dass er daran dachte, ist sein 
Verdienst ; sein Fehler, dass er die Bedeutung dieses Moments 
überschätzte, dass er ihm Wirkungen zuschrieb, die es 
nimmer zustande bringen konnte, wenn nicht im Bunde mit 
anderen kräftigeren Faktoren. Mit ausserordentlicher Zähig- 
keit hielt Baer an dem einmal als wahr erkannten Satze 
fest, und eifrig bemühte er sich, von allen Seiten bestätigende 
Beispiele für die Richtigkeit seiner Anschauung zu sammeln 
Zwar verhehlt er sich keineswegs, dass man Einwände gegen 
sein „Gesetz" machen könnte, er übt selbst Kritik, aber er 
geht in seinen Zugeständnissen nie so weit, dass dadurch 

^) Nachträge zu dem Aufsatz: Ueber ein allgemeines Gesetz in der 
Gestaltung der Flussbetten. Bullet, de l'Acad, 1860, Tome 11, S. 373- 


— 73 — 

seine ganze Stellung zu der Frage erschüttert würde. Mit 
Freuden begrüsst er alle, die sich zu seiner Meinung be-. 
kennen, mit Erbitterung bekämpft er bis in seine letzten 
Tage die Gegner. Denn die Ueberzeugung von der Richtig- 
keit seiner Anschauung nahm er mit in das Grab. Ueber 
seinen Tod hinaus jedoch dauerte der Streit um das 
„Baersche Gesetz'*. Eine umfangreiche Literatur entstand 
darüber im Laufe der Zeit. ^) Die ganze Streitfrage hat für 
uns heute nur mehr historische Bedeutung. Die Bedeutung 
der Erdrotation für die Morphologie der Flussbetten ist als 
eine geringe erkannt. Sie vermag höchstens, wie Günther 
sagt, 2) „im Verlaufe sehr langer Zeiträume mitzuwirken.'* 

Wir schliessen hier eine Arbeit Baers über das {?c*h/!J^^: 
Asowsche Meer an. „Ueber das behauptete Seichterwerden ^^^'}^^, 
des Asowschen Meeres;" Bericht einer Kommission an die J*^^«" 
Akademie der Wissenschaften.^) Es war von dem Gross- 
forsten Konstantin Nikolajewitsch an die Akademie der 
Wissenschaften sowie an die Geographische Gesellschaft die 
Bitte gerichtet worden, ein Urteil über das behauptete 
Seichterwerden des Asowschen Meeres abzugeben. Die 
Akademie ernannte eine Kommission zur Abstattung eines 
Berichtes, der auch Baer angehörte. Baer verfasste den 
Bericht. Zunächst stellt er in demselben historische Nach- 
richten über das Asowsche Meer zusammen. Von H e r o d o t 
(Lib. IV Kap. 86), dessen Nachrichten zweifellos irrig sind, 
abgesehen, bezeichnen alle späteren Nachrichten den „Maeoti- 
schen Sumpf als sehr viel kleiner als den Pontus. So 
Polybius (Lib. IV Kap. 40), Strabon (Lib. IV Kap. 49) 
und Ptolemaeus (Lib. V Kap. 13). Aus diesen Nachrich- 
ten zieht Baer den Schluss, dass das Niveau des Asowschen 
Meeres seit 2000 Jahren sich nicht merklich verändert hat. 
Aehnlich verhält es sich mit der Tiefe. Die Alten nannten 
ja schon das Wasserbecken einen Sumpf. Die Tiefe, 
welche Polybius den meisten Teilen des Asowschen Meeres 

} *) Eine genaue Uebersicht über dieselbe gibt Günther: „Die 

sichtbarenu. fühlbaren Wirkungen der Erdrotation". Humboldt i. Bd. S.328ff. 
*) Günther, Geophysik II p. 915. 
*) Bulletin de TAcademie. 1861 Tome V S. 72—105. 


— 74 — 

gibt, besteht noch jetzt im grössten Teile desselben., 
Eine gleiche Uebereinstimmung zwischen der Wahrnehmung 
des alten Historikers und dem jetzigen Zustand zeigt sich 
auch bei der Beobachtung über den Ueberfluss des Wassers. 
P o 1 y b i u s bemerkt, der Don und die andern Flüsse brächten 
viel Wasser in dieses Becken, so dass der Spiegel des 
Sees sich heben müsste, wenn das Wasser nicht immer 
durch den Kimmerischen Bosporus abflösse. Noch jetzt, 
sagt Baer, fliesst -der Ueberschuss an Wasser, den dieses 
Seebecken erhält, durch die Meerenge von Kertsch ab, noch 
jetzt bleiben die Sedimente, welche der Don und andere 
Flüsse in das Meer führen, grösstenteils in demselben liegen. 
Dennoch ist das Seichterwerden des Meeres im allgemeinen 
nicht bedeutend und nur für gewisse beschränkte Regionen 
sehr merklich. Baer möchte überhaupt, was die Tiefen- 
verhältnisse betrifft, zwei Teile des Asowschen Meeres unter- 
scheiden: das grosse Becken und den nordöstlich gelegenen 
Busen von Taganrog. Die Tiefe des grossen Beckens hat 
nachweisbar nicht abgenommen; man sollte daher, meint 
Bäer, auch aufhören, von einem Seichterwerden des Asow- 
schen Meeres überhaupt zu reden. Anders ist es in dem 
engeren Teil des Asowschen Meeres oder dem Taganrog- 
sehen Busen im weiteren Sinn. In dieser Bucht sind die 
Tiefen veränderlich, sie hat etwas von der Natur eines 
Flusses angenommen. Die zunehmende Beengung und Krüm- 
mung des Fahrwassers macht im Verein mit dem Wechsel 
in der Höhe des Wasserstandes die Fahrt auf dem nord- 
östlichen Busen des Asowschen Meeres beschwerlich und 
gefährlich. Im allgemeinen scheint es Baer, dass die Tiefe der 
Bucht seit dem Ende des 17. Jahrhunderts abgenommen hat, aber 
weniger als man gewöhnlich glaubt, um höchstens i— 2Fuss. 
Die Ursachen der Eigentümlichkeiten des Asowschen 
Meeres nun, seiner Seichtigkeit, der zahlreichen und weit 
vorstehenden Landzungen, der zunehmenden Versandung im 
nordöstlichen Busen und des auffallenden Wechsels im 
Niveau desselben, scheinen Baer einfach aus den Natur- 
verhältnissen hervorzugehen, unter denen es steht. Der 
Boden, in dem das Asowsche Meer eingegraben ist, besteht 


— 75 - 

vorherrschend aus lockerem Steppenboden; alle Wasser- 
ansammlungen in der Steppe sind flach. Aus der Umgebung 
werden viele Sinkstoffe eingeführt. Auch der Don setzt eine 
Menge Sinkstoffe im Taganrogschen Busen ab. 

Dass trotzdem das Delta des Flusses seit der Zeit der 
Griechen nicht gewachsen zu sein scheint, dafür sieht die 
Kommission den Grund in den heftigen Ost-Ostnordost- und 
Nordostwinden, welche an der Mündung des Don herrschen. 
Durch diese Winde entstehen Strömungen, welche die Sand- 
teile nach Westen tragen und das Fahrwasser von Zeit zu 
Zeit reinigen. Die Sandteile bleiben an den nächsten Land- 
zungen liegen. Diese vergrössern sich und dadurch wird 
das Fahrwasser zwischen ihnen immer mehr beengt und ge- 
wunden. Der Taganrogsche Busen nimmt somit, nach dem 
Ausdrucke der Kommission, immer mehr die Natur eines 
Flusses an. Auch hielt die Kommission die Behauptung, 
dass durch den ausgeworfenen Ballast die Taganroger Bucht 
unfahrbar gemacht werde, für einen Irrtum. Die Mündungen 
des Don sind seit Jahrhunderten, wahrscheinlich seit Jahr- 
tausenden, auch von mittelmässigen Schiffen nicht zu erreichen. 

Für eine weitere wissenschaftliche Untersuchung im 
Asowschen Meere äussert Baer noch mancherlei Wünsche. 
Es sollten neue Lotungen zum Vergleich mit den alten an- 
gestellt werden. Dann hält er es auch für nützlich für die 
Schiffahrt und die physikalische Geographie, festzustellen, 
welchen Einfluss der Luftdruck auf das Niveau der Wasser- 
fläche ausübt. Weiterhin bezeichnet er als künftige Auf- 
gaben Untersuchungen über den Salzgehalt und den Fisch- 
reichtum des Meeres und über die Wassermenge, welche die 
kleinen Flüsse jährlich bringen. 

Wir wenden uns nun einer Arbeit Baers zu, die der Ge- 
schichte der Gegoraphie angehört und den Uebergang bilden soll 
2u der letzten Gruppe seiner Schriften, denjenigen, die sich 
^it geographischen Fragen aus dem Altertum beschäftigen. 

Es ist :„Peters des Grossen Verdienste um die Erwei- Peters des 

Grossen 

terung der geographischen Kenntnisse".^) Diese Abhandlung y^^^^J^'^^., 

') Beiträge zur Kenntnis des russischen Reiches XVI. Bd. Peters- *^'*"^** 
^ürg 1872. 


— 76 — 

Baers ist, wie Stieda sagt/) ein Dokument für seinen patrio- 
tischen Sinn und sein Gerechtigkeitsgefühl, welches den 
Männern, die durch ihre Bemühungen Erfolge erzielt haben, 
auch die nötige Anerkennung wünscht. Das Werk zerfällt 
in zwei Teile, die getrennt voneinander abgefasst wurden, 
der erste schon 1849, der zweite erst 1872. Die Veranlassung 
dieser Unterbrechung bildete eine Polemik Baers mit dem 
Marineleutnant Sokolow über die Bedeutung Be rings und 
Tschirikows. Als nämlich Baer den ersten Teil seiner 
Arbeit, worin er am Schlüsse Be rings tragischen Tod er- 
zählt und seine Verdienste rühmt, vorgetragen hatte, erschien 
in einer russischen Zeitung ein Artikel Sokolows „Bering 
und Tschirikow". In dem von russischem Chauvinismus 
und Deutschenhass getragenen Artikel beschwert sich der 
Verfasser darüber, dass man immer nur von Deutschen spreche 
(zu denen er auch den Dänen Bering rechnet) und nicht 
von den Russen, dass man namentlich immer Bering preise 
und seinen Gefährten Tschirikow vernachlässige, der doch 
ein viel tüchtigerer Seemann gewesen sei als Bering. 
Gegen diesen Angriff wendete sich nun Baer mit einem Ar- 
tikel, der den gleichen Titel führt: „BeringundTschiri- 
kow*'.2) In demselben weisst er die unbegründeten An- 
klagen gegen Bering zurück. Doch war ihm infolge dieses 
Streites die Lust zur Fortsetzung seiner Arbeit benommen. 
Erst als sich die Petersburger Akademie zum Feste des 
200. Geburtstages PetersdesGrossen rüstete, entschloss er 
sich zur Beendigung seiner Schrift. In derselben rühmt er 
nun mit Wärme die Verdienste des bildungsdurstigen Zaren 
um die Erweiterung der geographischen Kenntnisse. Vor 
allem sucht er nachzuweisen, dass „die grösste geographische 
Entdeckung ~ nach dem Auffinden von Amerika — welche 
die Weltgeschichte kennt", nämlich die Erkenntnis der Tren- 
nung der Alten Welt von der Neuen, nichts anderes war 
als die Ausführung einer Aufgabe des Kaisers, eine unmittel- 
bare Fortsetzung einer von ihm selbst angeordneten Expe- 


^) Stieda a. a. O. S. 274. 

*) Petersburger Ztg. 1849 N. 114— 116. 


— 77 — 

dition.^) Die Frage über den Zusammenhang oder das Ge- 
trenntsein von Asien und Amerika sollte durch eine Expe- 
dition gelöst werden. Zur Führung derselben erschien dem 
Zaren Kpt. Bering der rechte Mann. Peter selbst schrieb 
die Instruktion. Sie bestand nur aus drei Sätzen: 

I. „In Kamtschatka oder an einem anderen Ort ein 
oder zwei Schiffsbote mit Verdecken bauen. 

II. Mit diesen längs der Küste fahren, welche nach Norden 
verläuft und wahrscheinlich, da man ihr Ende nicht kennt, ist 
dieses Land ein Teil von Amerika. 

III. Und deswegen suchen, wo sie mit Amerika zu- 
sammenläuft und bis zu irgend einer Stadt einer europäischen 
Macht gehen und wenn man irgend ein Schiff sieht, von ihm 
erfragen, wie die Küste heisst und es aufschreiben und selbst 
an der Küste landen, wahrhafte Nachrichten einziehen und 
nachdem man sie auf eine Karte gebracht hat, zurückkehren. 

Diese im eigenartigen imperativen Stile geschriebene 
Instruktion hatte Peter fünf Wochen vor seinem Tode ab- 
gefasst und es ist unleugbar, meint Baer, „dass die Expe- 
dition Berings eine Frucht der Saat ist, welche Peter 
mit seiner kleinen Instruktion von 3 Paragraphen gesät hat". 

Den zweiten grossen Erfolg Peters sieht Baer in der 
durch des Zaren Expeditionen gewonnenen Kenntnis von der 
wahren Gestalt des Kaspischen Meeres und der Gewissheit, 
dass die beiden Flüsse der mittelasiatischen Steppe, der Syr- 
und Amu-Darja, sich nicht in dieses Meer ergiessen. 

Infolge des unglücklichen Krieges am Pruth 171 1 war 
das Russische Reich vom Asowschen und Schwarzen Meere 
ausgeschlossen. Das Kaspische sollte nun Ersatz bieten; 
seine Erforschung war notwendig, gleichzeitig sollte nach 
Peters Plan ein Handelsweg über den Amu nach Indien 
eröffnet werden. Peter erhielt durch Bekowitsch, der 
Fahrten an der Ostküste des Kaspischen Meeres gemacht 
hatte, eine richtige Vorstellung von der Gestalt deselben. 
Dies benutzte er, als er 171 7 in Paris die Akademie besuchte. 

*) Baer erinnert sich hier nicht an die Fahrt des Kosaken Se- 
men Deschnew, der schon 1648 in das Beringsmeer eindrang und 
als der erste Entdecker der ßeringstrasse anzusehen ist. 


- 78 - 

Delisle der Aeltere legte ihm eine von ihm entworfene 
Karte des Kaspischen Meeres vor, die Peter für falsch er- 
klären und verbessern konnte. Die Akademie ernannte den 
Zaren 1718 auch zum Ehrenmitglied. 1721 entstand auf 
Peters Veranlassung die sog, Verden sehe Karte des 
Kaspischen Meeres, von der schon in der 6. der Kaspischen 
Studien die Rede war. 

Die Versuche, die P e t e r zur Erschliessung eines Handels- 
weges nach Indien anstellen liess, scheiterten. Er dachte an 
die Gründung eines Stapelortes für den orientalischen Handel 
an der Kurmündung. Sein früher Tod verhinderte die Aus- 
führung dieses Planes. 
Die Topo- In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte sich 

graphie , •' , ^ ® 

^ph»[s ^»j^^d B a e r mit der Lösung einiger geographischer Fragen aus der 
Ho"mlrs ^^^^^^^f ^^ dcrcn Besprechung wir nunmehr übergehen 
wollen. Er bezeichnet die darauf bezüglichen Arbeiten als 
„Historische Fragen mit Hilfe der Naturwissenschaften be- 
antwortet". Diese Ueberschrift bezeichnet schon den Gesichts- 
punkt, von dem aus er die Fragen behandeln will, er möchte 
im Gegensatz zu der bisherigen mehr philologischen Be- 
urteilung naturhistorische Momente in den Vordergrund treten 
lassen. Es sind im ganzen drei Aufsätze, die hierher ge- 
hören. Der erste sucht die Lage des biblischen Ophir zu 
bestimmen, der zweite einen alten Handelsweg durch Russ- 
land nachzuweisen, der dritte den Schauplatz der Fahrten 
des Odysseus zu finden. 
^phirf Es sei zunächst von der ersten Frage die Rede. „Wo 

ist das Salomonische Ophir zu finden?"^) Ophir ist das Land, 
in das nach einer Erzählung der Bibel [I. König Kap. 9 (26/28), 
Kap. 10 (V. 11/12)]; II. Chron, Kap. 8 (V. 17/18) Kap. 9{V. 10)] 
Salomo mit Hilfe des Königs Hir am von Tyrus eine Flotte 
ausgesandt hat, um Gold zu holen. Diese Flotte brachte nach 
drei Jahren nicht weniger als 420 Kikkar (Zentner, Talente) 
Gold zurück. Man hatte nun dieses Land Ophir in allen 
Weltgegenden gesucht, meist nahe bei den Phöniziern oder 
in den östlichen Meeren. Auch das südliche Spanien, 


^) Reden und Aufsätze III. Teil. Petersburg 1873 S. 112—379. 


— 79 — 

Arabien und die Ostküste Afrikas waren dafür angesehen 
worden. Baer billigt alle diese Erklärungen nicht. In einer 
.\nmerkung zu dem Aufsatze : „Ueber den Einfluss der äusseren 
Natur auf die sozialen Verhältnisse der Völker"^) wendet er 
sich kurz dagegen. Das südliche Spanien oder ein anderes 
Küstenland des Mittelmeeres anzunehmen, erklärt er für un- 
statthaft, da sehr bestimmt gesagt wird, dass die Schiffe, die 
nach Ophir gingen, an der Nordspitze des Roten Meeres 
ausgerüstet wurden. Gegen Arabien wendet er ein, dass 
dort weder Ebenholz noch Pfauen, die doch die Expedition 
zurückbrachte, zu haben sind. Das Nichtvorhandensein der 
Pfauen lässt ihn auch Ostafrika ausschalten. Nach seiner An- 
sicht kann Ophir nur der indischen Welt angehört haben 
und zwar aus folgenden Gründen. Die Namen der mit- 
gebrachten Gegenstände und diese selbst weisen auf Indien 
hin: Sie sind gar nicht hebräisch und wurden deshalb bei 
der Uebersetzung ins Griechische zuerst gar nicht verstanden. 
Lassen, der berühmte Sanskritforscher, hat nachgewiesen, 
dass sie sich von der Sanskritsprache ableiten lassen. Ferner 
haben die mitgebrachten Gegenstände, wie Em m er an 
Turnert (ein ehemaliger Gouverneur von Ceylon) sagt, 
noch heute auf der Insel eine fast gleichlautende Benennung. 
Weiterhin führt Baer als Grund an, dass das mitgebrachte 
Gold, dessen Quantität ungemein gross ist, von den Israeliten 
nicht durch Handel erworben worden sei, da sie keine ent- 
sprechenden Tauschobjekte besassen, sondern dass sie es 
selbst sammelten. Dazu musste es in reichlichem Masse und 
zwar an der Küste vorhanden sein. Ein solch goldreiches 
Land ist nun Malakka, das gleich nachdem es den späteren 
Völkern des Westens bekannt geworden war, die goldene 
Halbinsel, Aurea Chersonesus, genannt worden ist. Die erste 
Veranlassung für die Phönizier, nach Malakka zu fahren, 
sieht Baer gegeben in dem sehr reichlich und oberflächlich 
liegenden Zinnsande. Hatten die Phönizier in den südlichen 
Ländern Vorderindiens oder in Ceylon erfahren, dass gerade 
nach Osten ein reichlicher Vorrat an Zinn vorhanden war, so 


*) Reden und Aufsätze II. Teil S. 


— 8o — 

war es für sie eine natürliche Au%abe, sich in dieses Land 
führen zu lassen, zumal sie Zinn zur Herstellung von Bronze 
brauchten und vor Entdeckung der Cassiterischen Inseln 
einzig und allein von hier beziehen konnten. Dabei werden 
sie leicht erfahren haben, dass die Flüsse in Malakka Gold 
führen. 

Baer kommt also zu dem Schluss, dass die Phönizier 
die Israeliten nach Ceylon brachten, und dass sie, da Ceylon 
selbst kein Gold lieferte, weiter nach Malakka gingen. Diese 
Ansicht findet er noch bestätigt darin, dass in den hebräi- 
schen Nachrichten zwei sehr scharf geschiedene Oertlich- 
keiten vorkommen, Tarsis und Ophir. Beide liegen auf dem- 
selben Wege und da Ophir das Ziel war, so vermutet Baer, 
dass mit dem Namen Tarsis ^) Ceylon bezeichnet wurde. 

Diese Erklärung Baers, der zugestanden werden muss, 
dass sie wohl durchdacht ist, fand in der Folge zustimmende 
und ablehnende Kritik. Heute allerdings ist sie in den 
Hintergrund getreten. Die am meisten anerkannte Erklärung 
ist jetzt diejenige Lassens,^) der Ophir im Nord- Westen Ost- 
indiens sucht und den Namen von dem Kirtenvolk Abhira 
ableitet.^) Nichtsdestoweniger bleibt Baers Verdienst be- 
stehen, dass er, wie gesagt, die Frage von der naturhistori- 
schen Seite beleuchtet hat und als Grundlage seiner Er- 
klärung nicht wie die meisten die philologische, sondern 
die realistische Seite genommen hat. „Irgend eine Entdeckung, 
gleichviel von welcher Seite sie käme", sagt er selbst in der 
Nachrede zu seinem Ophiraufsatze, „könnte noch ein anderes 
Ophir nachweisen, allein die leitenden Ideen, denen ich ge- 
folgt bin, werden doch wohl ihre Geltung behalten." 
odysseus Dic wichtlgstc der historisch-geographischen Fragen, 

schv^rzen welche Bacr zu beantworten sucht, ist diejenige nach dem 

Meere? "^ ° 

^) Tarsis (Tartessus) ist aber ganz sicher in Spanien zu suchen- 

'^) Lassen: Indische Altertumskunde Berlin 1843 i. S. 538. 

*) Auch der bekannte Afrikareisende Karl Peters hat eine 
Hypothese über Ophir aufgestellt. (Peters: Das Goldene Ophir Salo- 
mos, München 1895.) Er sieht den alten Namen Ophir in latinisierter 
Form bis auf heute in unserem Wort Afrika erhalten und sucht das 
Land selbst in dem uralten sabäisch-phönikischen Goldlande hinter Sofala. 


Schauplatze der Fahrten des Odysseus Eine Reihe von 
Abhandlungen sind ihr gewidmet. Der Kern von B a e r s 
Darlegungen ist der Versuch — entgegen der bisherigen 
Anschauung — , die Fahrten des Odysseus nach dem Schwarzen 
Meer zu verlegen. In einem Begleitworte zur Orientierung 
der Leser sagt er selbst : „Der Besuch des Schwarzen Meeres 
an sehr verschiedenen Punkten hat mir die Ueberzeugung 
gegeben, dass die Auffassung von den Reisen des Odysseus, 
wie sie bei den Philologen und Historikern herrschend ist, 
eine sehr erzwungene und dem einfachen Text des Homer 
nicht entsprechende ist." ^) Zunächst kritisiert B a e r die 
Karten, welche die Irrfahrten des Odysseus mit aller Ge- 
nauigkeit darstellen sollen, die von Voss und v. Spruner 
(Atlas antiquus 1865). Er wendet sich dagegen, dass die 
Karten die Einfahrt in die Unterwelt nach der Strasse von 
Gibraltar verlegen. Bei dem Volke der Kimmerier erreicht 
Odysseus den Eingang in die Unterwelt, sagt er, wer gibt 
uns das Recht, die Kimmerier an der Strasse von Gibraltar 
zu suchen? Kein Schriftsteller des Altertums kennt Kim- 
merier in dieser Gegend. Von der vielfach verbreiteten 
Meinung, der auch Manne rt (Geographie der Griechen und 
Römer) huldigt, dass Homer das Schwarze Meer gar nicht 
kannte, will B a er nur die Behauptung unbedenklich annehmen, 
dass das Schwarze Meer nicht als geschlossenes Becken vor- 
kommt Ja, es erscheint ihm unzweifelhaft, dass der Sänger 
der Odyssee dieses Meer über Thracien hinaus in Verbindung 
roit dem Mittelländischen sich dachte; Griechenland mit Mace- 
donien und Thracien also als eine Insel. Wie die Argonauten, 
so meint er, auf dem Heimweg nicht durch • den Bosporus 
fuhren, so konnte man auch nach der Vorstellung der Odyssee 
in das Schwarze Meer kommen, ohne die bekannten Meer- 
engen zu passieren. 

Baer stützt sich mit seiner Ueberzeugung, dass die 
Homerischen Schilderungen in der Odyssee auf Lokalitäten 
des Schwarzen Meeres anzuwenden sind, auf Dubois de 


^) Wo ist der Schauplatz der Fahrten des Odysseus zu findei^^ 
Reden und Aufsätze III. Teil 1873 S. 13—62. 

V- Baer als Geograph. 6 


— 82 — 

Montpereux (Voyage autour du Caucase et en Crimee, Paris 
1847), ^^^ diesen Nachweis überzeugend schon vor 26 Jahren 
geftihrt hätte. Baer hat die von Dubois erwähnten Ort- 
schaften besucht und schlagende Wahrheiten in seinen An- 
sichten gefunden. 

So findet er, dass die Schilderung, welche Homer 
von der Bucht der Lästrygonen gibt, so genau auf die Bucht 
von Balaklava an der Südküste der Krim passe, dass sie 
wohl nur nach derselben entworfen und die Uebereinstim- 
mung unmöglich eine zufällige sein könne. Die Schilderung 
der Unterwelt weiterhin hält Baer für der Meerenge von 
Kertsch entnommen, da auf beiden Seiten dieser Strasse, 
dem ehemaligen Bosporus Cimmericus, dem historisch be- 
glaubigten froheren Wohnsitz der Kimmerier, zahlreiche 
Schlammvulkane mit mehr oder weniger Naphthaerguss vor- 
kommen, deren Schlünde sehr natürlich die Vorstellung er- 
regen konnten, dass durch sie die Geister aus der Unterwelt 
aufzusteigen vermögen. Für wichtig und entscheidend be- 
trachtet Baer femer einige kleine Angaben in der Schilde- 
rung der Gegend, in der Odysseus nach Durchschiffung des 
Okeanos landen soll. Es soll dort geschehen, wo das Gestade 
flach ist und die traimgen Haine der Persephone aus langen 
Pappeln und Weiden bestehend sich finden. Nun ist die 
Südküste des Asowschen Meeres nahe an der genannten 
Meerenge sehr flach, femer fand Baer an diesem Arm bei 
Atschujew einen dunklen Pappelhain mit hoher Laubdecke, 
der trefflich zu den dunklen Hainen der Proserpina passte. 
Die Wohnung der Kirke verlegt Baer ebenfalls in das 
Schwarze Meör. Schon die Tatsache allein, sagt er, dass 
die Insel der Wohnsitz der Morgenröte genannt wird, hätte 
davon abhalten sollen, sie im fernen Westen zu suchen. 
Die alles zerschlagenden Irrfelsen sieht Baer in der Strasse 
von Konstantinopel. Sie besitzt eine starke Strömung und 
hat zudem eine Länge von 5 Meilen, während die von Messina 
kaum eine habe. (!) Es war also hier wohl mehr Stoff für die 
Sage von der in der Felshöhle drohenden Skylla und der 
einschlürfenden Chaiybdis als in der sich schnell erweitern- 
den Strasse von Messina. J o b s t , der die Skylla und Charyb- 


- 83 - 

dis ebenfalls in die Strasse von Messina verlegt, bezeichnet 
B a e r s Meinung als eine gegenwärtig unverständliche.*) Folge- 
richtigerweise sieht dann B a e r weiterhin in der Insel Imbros 
an der Ausmündung der Dardanellen die Insel der heiligen 
Rinder des Phöbus Apollo (Thrinakia = dreispitzige). Ihre 
Gestalt mit den drei entschiedenen Spitzen konnte von jedem 
Schilf erkannt werden, die Gesamtgestalt Siziliens konnten 
die Griechen der Homerischen Zeit nicht überblicken. 

Doch will Baer keineswegs alle Fahrten des Odysseus :, ^ 
auf das 'Schwarze Meer beschränken. Den Schauplatz des 
Anfangs der Fahrten sieht er auch nur im östlichen Mittelmeer. 
Die Lotophagen wohnen in Afrika, wo früher und später 
Lotosesser bekannt waren. Für ihn ist die Hauptsache, dass 
Bilder aus dem Schwarzen Meere unverkennbar in der Odys- 
see (X., XL, XII. Gesang) vorkommen, dass also diese Gegen- 
den seinerzeit besucht und bekannt waren, mögen Homer 
nun diese Bilder durch Griechen oder Phönizier zuge- 
kommen sein. 

Diese Ansichten B a e r s erfuhren im Lit. Zentralblatt Literarische 
18742) von einem Herrn Kr. (nach Stieda S. 191 Kammerruwn oiber 
aus Königsberg) — und zwar mit Recht -- eine ungünstige HypoK««. 
Besprechung. Es wird ihn vorgeworfen, dass seine Aufsätze 
„an umständlicher Breite und oft sehr lästigen Wiederholungen" 
litten, und dass ihm seine „leicht bewegliche Phantasie oft 
zu den gewagtesten und unhaltbarsten Kombinationen" führe. 
Dies veranlasste Baer zu einer nochmaligen Bearbeitung der 
ganzen Frage. ^) Er wendet sich mit Bitterkeit und Spott 
gegen seinen Angreifer, in dem er in erster Linie dep wenig 
geschätzten Philologen sieht, .,der wahrscheinlich beleidigt 
sei durch die Zumutung, seine bisherige Ueber/eugung zu 
ändern." Nicht für Graekologen habe er geschrieben, sondern 
nur für Leser von allgemeiner Bildung, und wenn er die 
Fragen jetzt nochmals bespreche, so gebe er die Versicherung, 


^) J o b s t , Skylla und Charybdis, Würzburger Dissertation. 
'^) Leipzig 1874 Nr. 9. 

*) Ueber die Homerischen Lokalitäten in cj^r Odyssee. Nach dem 
Tode des Verfassers herausgegeben von L. Stieda- Braunschweig 1877. 

6* 


- 84 - 

dass er die Phflologen und namentlich die Graekologen weder 
zu belehren, noch zu erzürnen wünsche. Er habe selbst 
nie geglaubt, dass seine Darstellung schnell als die richtige 
anerkannt werden würde, aber er denke, dass sich sein 
Rezensent wohl hätte sagen müssen, dass er sich auf Autopsie 
berufe, welche Voss, Mannert und Ukert, den Begrün- 
dern der herrschenden Ansicht, abginge, 
^^^g* '^B a e r erneuert in seiner letzten Arbeit die Entwicklung 

*^Sei!^ seiner Ansicht. Bestärkt fühlte er sich in derselben, weil er 
unerwartet ein Werk zu Gesicht bekommen hatte, in welchem 
zum Teil seine Ansichten über die Lokalitäten der Odyssee 
bereits 1858 entwickelt worden waren. Es war ein drei- 
bändiges Werk von dem berühmten englischen Minister 
W. E. Gladstoner: Studies on Homer and the Homerie 
age, in dem der Verfasser die zweite Hälfte der Abenteuer 
des Odysseus ebenfalls ins Schwarze Meer verlegt. 

Wenn nun auch die heutige geographische Wissenschaft 
die eben dargelegten Erklärungen des Schauplatzes der 
Odj^seischen Fahrten, wie sie B a e r gibt, nicht teilt, so muss 
doch anerkannt werden, dass diese in ihrer Schärfe und 
Logik etwas Bestechendes haben, und dass der Eifer, ja die 
Leidenschaft, mit dienen sie B a e r verficht, den vorurteilslosen 
Leser ftir ihn- gefangen nehmen, so bedenklich sie auch dem 
nüchternen Kritiker erscheinen müssen. 
"tS?i^ Unterstützt sieht Baer seine Ansicht, dass Homer die 

naerasien. ^Qj-^küste des Schwarzeu Meeres bis ins Asowsche Meer 
hinein und einen Teil der Ostküste sehr gut kannte, noch 
dadurch, dass zur ZeitHerodots eine griechische Handels- 
niederlassung tief im Inneren des Waldlandes vom jetzigen 
Mittelrussland bestand, welche nach Angabe dieses Autors 
ursprünglich von Griechen gestiftet war, aber zu seiner Zeit 
schon von einem Gemisch von Griechen und Skythen, den 
Kallipoden, bewohnt wurde. Da dieser grossen Niederlassung 
notwendig lange eine Handelsbewegung der Griechen voraus- 
gegangen sein musste, so schliesst Baer, dass schon zur Zeit 
Homers oder sehr bald nach ihm die Griechen bis in diese 
Gegend vorgedrungen waren. Ihrem „Handelsweg, der im 
5. Jahrh. v. Chr. durch einen grossen Teil des jezt russischen 


- 85 - 

Gebietes ging," widmet er eine Abhandlung.*) Der Weg, 
den Herodot von den Skythen bis zu den Agrippäern be- 
schreibt war von Historikern und Philologen oft und viel 
besprochen worden. Baer weicht auch hier von den Resul- 
taten derselben ab und versucht eine Deutung mit beson- 
derer Berücksichtigung der in dem Berichte vorkommenden 
naturhistorischen Winke. Der Weg führte nach Herodots 
Schilderung von den Küsten des Pontischen Meeres durch 
das Land der Sauromaten (nach Baer die Sarmaten späterer 
Zeit). Dann ging er 15 Tage durch eine waldlose Steppe 
nach Norden und erreichte schliesslich das Land der Budiner. 
In dem Lande dieses nach Herodot zahlreichen und mäch- 
tigen Volkes befand sich die griechische Stadt Gelonos, deren 
Bewohner ein Gemisch von Griechisch und Skjrtisch redeten. 
Diese Nachricht greift nun Baer als eine sehr wichtige auf, 
da sie ihm beweist, dass schon längere Zeit vor Herodot 
die griechischen Handelsstädte im Lande der Skythen das 
Bedürfnis fühlten, hier im Waldlande Filialen zu errichten. 
In dem Lande befand sich nach Herodot auch ein grosser 
See, dessen Spurqn Baer in einem fast unüberwindlichen Morast 
bei Nischnij -Nowgorod erkannt zu haben glaubt. Die hölzerne 
Stadt Gelonos sucht er in der Nähe davon und sieht sie für 
eine Faktorei des Pelzhandels an. Besonders kühn ist nun 
weiter die Deutung, die Baer von dem letzten Ziele des 
Weges, den Agrippäern am Fusse unübersteiglicher Berge, 
gibt. Da sie nach Herodot für heilig gehalten wurden, 
kahlköpfig und flachnasig waren, so möchte sie Baer für 
Priester eines mongolischen Volkes halten, die als ein von 
den Ostländern vorgeschobener Posten die aus Westen an- 
kommenden Waren zu empfangen und weiter zu befördern 
hatten. Die Frucht, welche die Agrippäer zu ihrer Nahrung- 
gebrauchten, verwendet Baer dazu, deren Wohnsitz näher 
zu bestimmen. Heeren (Ideen über die Politik, den Ver- 
kehr und den Handel der vornehmsten Völker der alten 
Welt) erklärt sie für die Vogelkirsche (Prunus Padus) ; B a e r 
hält sie fQr den Oleaster (Elaeagnus hortensis). Da sie sich 


^) Reden und Aufsätze III. Teil., Petersburg 1873 S. 62-^112. 


— se- 
in guter Qualität erst am Syr Darja findet, so schreckt Baer 
nicht davor zurück, bis dorthin den skytischen Karawanenzug 
zu führen. Das unübersteigliche Gebirge, an dessen Fuss 
die Agrippäer wohnen, hält er nicht für den Ural, da der- 
selbe Einsenkungen hat und das Land westlich von ihm Ur- 
wald ist, der nicht von einem Volke zum Aufenthalt gewählt 
worden sein konnte. Darum geht er bis zum Belur. *) Eine 
besondere Ansicht hat Baer auch von dem Volke der lyrken, 
das Herodot als Nachbarvolk der Thyssageten nennt. Er 
berichtet von demselben, dass es bei der Jagd auf Bäume 
steige, von dort das Wild anschiesse und dann zu Pferd 
verfolge. Diese Jagdprozedur lässt sich nach Baer nur auf 
vereinzelte Baumgruppen in der Steppe anwenden. Darum 
versetzt er die lyrken in die Steppe, ihr Name weist ihn 
auf die wichtigste Stadt im chinesischen Turkestan Jarkend, 
Jarken, Irken; sie selbst erklärt er für ein türkisches Volk. 
Noch mehr wohl als von den vorausgegangenen histo- 
risch-geographischen Arbeiten B a e r s gilt von der letzten das 
Urteil, es seien die Schlüsse, die er aus gegebenen Anhalts- 
punkten zieht, zu weitgehend und seine Spekulationen zu 
gewagt. 
Rückblick. Wir sind zu Ende. Uebersehen wir noch einmal Baers 

Tätigkeit auf dem Gebiete der Geographie, so müssen wir 
sagen, sie war eine ungemein reiche, fruchtbare, auf alle 
Zweige dieser Wissenschaft sich erstreckende. Nicht immer 
zwar war sie von dauerndem Erfolg gekrönt. Wie der letzte 
Abschnitt zeigte, haben seine Kombinationen über das Land 
Ophir, über den Schauplatz der Odysseischen Fahrten oder 
gar den Handelsweg nach dem Skythenland die Anerkennung 
der Nachwelt nicht gefunden. Auch die Bedeutung des von 
ihm so hochgehaltenen „Baerschen Gesetzes" ist heute auf 
ein Minimum beschränkt. Trotzdem aber hat er sich durch 
seine ernsten Bemühungen um die Erforschung der Wahr- 
heit wissenschaftliche Lorbeeren errungen, und seine immer 
geistvollen Ansichten haben überaus anregend und befruch- 
tend auf dem Gebiete der geographischen Literatur gewirkt. 


^) Offenbar Bolor Dagh-Pamir. 


- 87 - 

Doch auch direkte Verdienste um die geographische 
Wissenschaft hat er sich erworben. Er war es, der als 
erster Naturforscher die nordische Doppelinsel Nowaja Semlja 
betrat und mit seinen Abhandlungen über sie den Grundton 
zu ihrem physischen Gemälde gab. Er war es, der die eisigen 
Fluten der nordischen Meere und ihre reizlosen Ufer, wie 
die glühenden Steppen der kaspischen Senke forschend durch- 
reiste und von beiden gleich lebensvolle, treffliche Schilde- 
rungen entwarf. Seine Beschreibung des Kaspischen Meeres 
ist die beste bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Ge- 
setze, die er aus dem Gang der Temperatur abzuleiten wusste, 
haben spätere Beobachtungen als richtig bestätigt. Auch 
was er für die Belebung der geographischen Forschung durch 
Entwerfen von Reiseplänen und durch selbstlose Unter- 
stützung von Reisenden getan ; was er ferner für die Hebung 
des geistigen Lebens Russlands durch Mitbegründung der 
Geo- und Ethnographischen Gesellschaft und ihrer Journale 
geleistet hat, müssen wir ihm als solches Verdienst anrechnen. 

Aus alledem kommen wir zum Schlüsse zu 
der Erkenntnis, dass Karl Ernst v. Baer, dem im 
Kreise der Naturforscher so hervorragenden Ge- 
lehrten, auch unter den Geographen ein Ehren- 
platz gebührt. 



Loschkin 53. 

Ludlow 23. 

V. Lütke 3, 5, 12, 27. 

Mannert 81, 84. 

Mayer 11. 

V. Middendorff 45, 46, 47, 48, 

5o> 51- 
Moissejew 27. 

Moses von Chorene 71. 

Murchison 66. 

Nordenskiöld 52, 53, 54. 

Olafsen 33, 34 
Olearius 68. 

Pachtussow 12, 13, 14, 25. 

Pallas 65. 

Parrot 65. 

Peter der Grosse 13, 14, 75, 

77, 78- 
Petermann 52, 66, 87. 

Peters 80. 

Petterson 40. 

Plinius 70. 

Polybius 73, 74. 

Pomponius Mela 70. 

Pospelow 23. 

Povelsen 33, 34. 

Ptolemaeus 70, 73. 

Reinecke 34, 42. 
Ritter 3, 4, 6, 7, 8. 
Rose 57. 
Ross 17, 18. 


49, 


Salomo (König) 78. 

Schergin 43, 49, 51. 

Schrenck i, 23, 23, 50. 

Schwenk 38. 

Sherebzow 55, 61. 

Sieger 43. 

Soimonow 68. 
! Sokolow 76. 
I Spafariew 40. 

Spoerer 19, 21, 24, 87. 
' V. Spruner 81. 

V. Stael 39. 
! Stieda i, 2, 3, 9, 54, 66, 76, 83, 87. 
! Stoelzle 2, 87. 
I Strabo 69, 70, 73. 
i Stuckenberg 60. 

i 

1 Thorstensen 33. 

^ ' I Tilas 36, 37. 

i Toeppen 24, 87. 

i Tschichatschew 32. 

1 Tschirikow 76. 

' Turnert 79. 

I 

i ükert 84. 

I Verden 68, 78. 
! Voss 81, 84. 

I Willoughby 13. 
V. Wrangeil 3, 5, 30, 31, 34. 

I Zivolka 3, II, 12, 13, 14, 20, 27, 
I 34, 35- 


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MÜNCHENER 
GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIEGHUND GÜNTHER. 


VIERUNDZWANZIGSTES STÜCK: 

DIE PFLANZENBARREN 
DER AFRIKANISCHEN FLÜSSE 

MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER 

WICHTIGSTEN PFLANZLICHEN 
VERLANDÜNGSEßSCHEINÜNGEN 

VON 

OSWALD DEUEBLING. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGUCHER HQF-BUCHHÄNDLER 
1909. 


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MÜNCHENER 
GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIEGKUND GÜNTHER. 


VIERUNDZWANZIGSTES STOCK: 

DIE PFLANZENBARREN 
DER AFRIKANISCHEN FLÜSSE 

MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER 

WICHTIGSTEN PFLANZLICHEN 
VERLANDÜNGSEKSCHEINÜNaEN 

VON 

OSWALD DEUEBLIN6. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HQF-BUCHHÄNDLER 
1909. 


MÜNCHENER 
GEOGRAPHISCHE STUDIEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

SIEGMUND GÜNTHER. 


VIERUNDZWANZIGSTES STOCK : 

DIE PFLANZENBARREN 
DER AFRIKANISCHEN FLÜSSE 

MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER 

WICHTIGSTEN PFLANZLICHEN 
VERLANDUNGSERSCHEINUNGEN 

VON 

DR. OSWALD DEUERLING. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HOF-BUCHHÄNDLER. 
1910. 


DIE PFLANZENBARREN 


DER 


AFRIKANISCHEN FLÜSSE 


MIT 


BERiJCKSfCHTIGUNG DER WICHTIGSTEN 

PFLANZLICHEN VERLANDUNGS- 

ERSCHEINUNGEN 


VON 


DR. OSWALD DEUERLING. 


MÜNCHEN 

THEODOR ACKERMANN 

KÖNIGLICHER HOF-BUCHHAnDLER. 
I9IO. 


Vorwort. 

» 

Diese Abhandlung entstand auf Anreguner meines hoch- 
verehrten Lehrers, des Herrn Professors Dr. Siegmund 
Günther in München. Sie stellt einen Versuch dar, die 
Verlandung der Gewässer durch Pflanzen und die. Entstehung 
der besonders in Afrika vorkommenden Pflanzenverstopfung 
der Flüsse zu kennzeichnen. Wenn mir dies nicht in er- 
wünschtem Masse gelungen ist, so entschuldigt wohl teilweise 
die Tatsache, dass diese Erstlingsarbeit fern von dem Stand- 
orte grosser Bibliotheken verfasst wurde. Letzterer Umstand 
erklärt, dass vorliegende Zusammenstellung auf Vollständig- 
keit keinen Anspruch machen darf, da mir das namentlich 
in neuerer Zeit m Fülle erschienene (besonders englische) 
Material nicht völlig zur Verfügung stand. Wenn ich ausserhalb 
des Rahmens der Arbeit auf die Hydrographie einzelner 
Flüsse eingegangen bin, so geschah dies in der Absicht, 
die neueren Forschungen dabei zu übermitteln.^) 

Eine angenehme Pflicht ist es mir, an dieser Stelle 
allen jenen, die mir das Zustandekommen der Abhandlung 
ermöglicht haben, meinen innigen Dank zu sagen. Besonderer 
Dank gebührt nächst Herrn Prof. Dr. Günther, der mir stets 
mit seinem bewährten Rate zur Seite stand , vor allem den 
Herren Prof. Dr. Schweinfurth, z. Z. in Kairo, und Prof. 
H. G. Lyons in Glasgow (bis März d. J. Direktor General 
of the Survey-Department of Egypt in Giza), ferner den 
Herren Geheimrat Prof. Dr. P. Ascherson in Berlin, Dr. 
A. Chevalier (Chef der Mission Scientifique de TAfrique 
Occidentale Fran^aise), z. Z. am Niger, Leutnant D. Comyn, 
42»^ Highlanders im CurraghCamp, Irland, Prof. Dr. J. Früh 
in Zürich, Sir William Gar st in, weiland ägypt. Unterstaats- 
sekretär, in Lincoln, E. Giegler-Pascha, ehem. Vizegeneral- 
gouyerneur der ägypt. Sudänprovinzen, in Schweinfurt a. M., 
sowie dem Survey-Department in Giza und der Royal Geo- 
graphica! Society (Herrn Dr. J. Scott Keltie) in London. 

Bei der Namengebung wurde nicht die Schreibart Gebel ge- 
wählt, obwohl sie relativ die beste und auf den Karten Aegyptens ein- 
gebürgert ist, weil man in Deutschland an die Form Djebel oder Dschebel 
gewöhnt ist. Ebenso wurde der uns nicht geläufige arabische Plural 
von Ssedd und Maije (Ssedudd und Maijät) vermieden. 

Rosen heim, April 1909. 

0. D. 


Inhalt. 


A. Verlandtingserscheintingen überhaupt ^«i<^ 

I. Verlandung stehender Gewässer i 

1. Sumpf und Moor i 

2. Das Meeresufer 8 

3. Der Schwingrasen 10 

4. Schwimmende Inseln 14 

II. Verlandung fliessender Gewässer .... 18 

1. Teilweise pflanzliche Verlandung der Flösse . . 19 

2. Die Obä oder Flusswiesen 25 

3. Schwimmende Inseln 27 

B. Die Pflanzenbarren der Flüsse 32 

I. Pflanzenbarren in Europa, Asien und Amerika 33 

1. Europa 33 

2. Asien 37 

3. Amerika 38 

II. Pflanzenbarren in Afrika 43 

1. Sudan und Guinea 43 

2. Stromgebiet des Kongo 48 

3. Südafrika und übriges Afrika 63 

4. Stromgebiet des obersten Nils 66 

C. Die Pflanzenbarren (Ssedds) des oberen Nils 77 

I. Einleitung 77 

II. Die Sseddregion 85 

1. Charakter der Landschaft 85 

2. Klima, Regen und Wassermenge 91 

3. Die Vegetation der Sseddregion 98 

III. Die Entstehung der Pflanzenbarren (Ssedds) iio 
I. Die Maije iio 

' 2. Die schwimmenden Inseln (Tefän) 114 

3. Die Verdichtung der schw. Inseln zu Barren ... 118 

IV. Beobachtete Barrenbildungen und deren 
geogr. Verbreitung 133 

1. Pflanzenbarren in den Hauptflüssen ...... 133 

2. Pflanzenbarren in den Nebenflüssen 153 

3. Geogr. Verbreitung der Ssedds 160 

4. Sseddperioden 161 

V. Die Beseitigung der Pflanzenbarren . . 161 

1. Art der Wegräumung 161 

2. Die Ssedd* Expeditionen 168 

3 Pläne zur Verhinderung der Sseddbildung . . . 172 

Anhang: Verzeichnis der Ssedd-Pflanzen 177 

Literaturverzeichnis 189 

Literaturverzeichnis zum Anhang 239 

^iidex 244 


Abkürzungen. 


Pet. Mitt. = Petermanns Geographische Mitteilungen, Gotha.. — E(rg). 

H(eft) = Ergänzungsheft. 
Geogr. Z(ei)tschr. = Geographische Zeitschrift, herausgegeben von A. 

Hettner-Leipzig. 
V(erh). (d.) G(es). f. E(rdk). B(erlin). = Verhandlungen der Gesellschaft 

für Erdkunde, Berlin. 
Z(tschr). (d.) G(es). f. E(rdk). B(erlin). = Zeitschrift der Gesellschaft für 

Erdkunde, Berlin. 
Globus = Globus, herausgegeben von Singer- Braunschweig (jährl. 2 Bde.). 
Mitt. a. d. d. Schutzgeb. = Mitteilungen aus den deutschen Schutz- 
gebieten, herausgegeben von Frhr. v. Danckelman-Berlin. 
D. R. f. G. u. St. = Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik, 

herausgegeben von Umlauft- Wien. 
Mitt. Geogr. Ges. Wien = Mitteilungen der k k. Geographischen Gesell- 
schaft Wien. 
Bull. Soc. Geogr. = Bulletin de la Soci^te de Geographie, Paris. 
La G. = La Geographie, Bull. Soc. G6ogr. Paris (von 1900 an ; jährlich 

2 Bde.). 
Bull. Soc. Geogr. comm. = Bulletin de la Societe de Geographie com- 

merciale de Paris. 
Ann. Geogr. = Annales de Geographie, Paris. 
Bull. Soc. Khed(iv). Geogr. = Bulletin de la Societe Khediviale de 

Geographie du Caire. 
Bull. Soc. d'£t. Col. = Bulletin de la Societe d'fitudes Coloniales, Bruxelles. 
M(ouv). G(eogr). == Le Mouvement geographique, herausgegeben von 

A.-J. Wauters-BrOissel. 
Proc. R. G. S(oc). = Proceedings of the Royal Geographica! Society, 

London. 
Jour(n). R. G(eogr). S(oc). = Journal of the Royal Geographica! Society, 

London. 
G(eogr). J(ourn). = The Geographical Journal, London (seit 1893; 

jährlich 2 Bände). 
Scot. Geogr. Mag. = The Scottish Geographical Magazine, Edinburgh. 



Fig. I. Am Ufw d< 


Die 

Pflanzenbarren der afrikanischen Flüsse 

mit Berücksichtigung der wichtigsten pfjanzh'chen 

Verlandungserscheinungen. 


A. Verlandungserscheinungen überhaupt. 

I. Verlandung stehender Gewässer. 

I. Sumpf und Moor. 

Im ewigen Wechselspiele der Natur wiederholt sich der 
Kampf zwischen Land und Wasser in den mannigfaltigsten 
Formen. Bei den grossen Umwälzungen sehen wir gewöhn- 
lich das Wasser in der Rolle des Angreifers, während das 
Land als der leidende Teil erscheint; so bei den Überschwem- 
mungen, der Ufererosion, den Untersptilungen u.^ dgl. m. 
Da aber das vom Wasser fortgeführte Land nicht zu exi- 
stieren aufhören kann, so muss es wieder anderswo aufge- 
häuft werden, am Grunde einer Wassermasse oder an den 
Ufern; ja es kann sogar das Wasser verdrängen, wie bei 
den Muhrbrüchen und Uferstürzen. 

Einen nicht unbedeutenden Feind besitzt das Wasser 
auch in den Pflanzen, die in ihm oder auf seinem Unter- 
grunde wurzeln. Besonders bei stehenden Gewässern können 
die Pflanzen die Herrschaft derart an sich reissen, dass in 
vielenFällen eine vollkommene Verlandung eintritt. Günther^) 
stellt das in dem Satze fest: „Wenn eine Wassermasse auf 
undurchlässigem Grunde steht und einerseits in den unteren 
Schichten bewegungslos verbleibt, andererseits aber mehr 
und mehr von Wasserpflanzen durchzogen wird, so ist der 


— 2 


Versumpfungsprozess bald eingeleitet. . . .In kalk- 
armen Gegenden pflegt dieser Akt von oben nach unten, 
in kalkreichen aber V o n unten nach oben fortzuschreiten. 
Das Ufer und eine dem Ufer benachbarte, flache Seezone 
kommen zuerst an die Reihe .... In zufälligen Löchern 

der Randpartieen siedelt sich Sphagnum, das 

gemeine Sumpfmoos, an, eine Pflanze, welche die Eigen- 
schaft hat, als Feuchtigkeitssammler zu wirken und 
so in ihrer nächsten Umgebung immer aufs neue die Moos- 
bildung zu befördern. So wächst Moos, mit Borstengras 
und anderen Gewächsen vermischt, in den See hinein, und 
ein immer dichterer Überzug legt sich über die Wasserfläche. 
Indem die Pflanzendecke immer schwerer wird, senkt sie sich 
mehr und mehr; das Wasser wird verdrängt, die Land- 
bildung eine immer vollkommenere, so dass der See als 
solcher verschwindet. ... Im anderen Falle, wenn also der 
Seeboden wesentlich Kieselsäure enthält, wachsen in der 
Uferzone Algen, Schilf und Wassergräser in die Höhe, und 
indem die Verlandung gegen die Mitte vorschreitet, wird 
der zentrale Wasserfleck über den tieferen Partieen sichtlich 
eingeengt, und eine sumpfige Grasflur ist zuletzt an die 
Stelle des Sees getreten." 

Freilich betont Günther mit Recht, dass es im allgemeinen 
verfehlt wäre, wahllos jeden Sumpf als das letzte 
Entwicklungsstadium eines Sees aufzufassen, 

Ist aber der Versumpfungsprozess einmal bei einem See 
eingeleitet, so kommt es in vielen Fällen zur Vermoorung. 
Darüber geben uns u. a. Senf t^), Weber^), Schimper*), 
Warming^) und besonders Früh und Schröter®) aus- 
führlich Aufschluss. Die Torfbildung beschränkt sich im 
allgenieinen auf die gemässigte und kalte Zone, während sie 
in den Tropen nach Früh'') erst in den Höhenregionen mit 
dem Klima der gemässigten und kalten Zone einsetzt. In 
den Niederungen der Tropen gibt es keinen beträchtlichen 
eigentlich autochthonen Torf, höchstens anmoorigen Boden, 
Rohhumus und schwache Rasentorfdecken. 

Dagegen ist die Sumpf- oder Morastbildung (bei 
festerem Gefüge Bruch; franz. marais; engl, march, swamp; 


— 3 — 

ital. palude, stagno, maremma) allenthalben auf der Erde^ 
besonders in den Tropen, verbreitet. Abgesehen von den 
später zu erörternden Flussümpfen und den fast ganz vege- 
tationslosen Salzsümpfen ist eine strenge Klassifizierung der 
verschiedenen Sumpftypen nicht gut möglich. Eine Eigen- 
art bilden die Tundren Nordeuropas, die Günther®) als 
gefrorene Moossümpfe bezeichnet, und die Nadis, 
welche man nach K. Martin®) in den regenreichen Provinzen 
Valdivia und Llanquihue des südlichen Chile antrifft. Sie 
unterscheiden sich von den chilenischen Sümpfen der Aler- 
zalen, Tepualen und Quilantos, welche mit Bäumen und 
Sträuchern bestanden sind, wesentlich, indem sie nur 0,2 bis 
0,5 m hohe, in ihrer Entwicklung zurückgebliebene Wurzel- 
knollen und -Filze, Horste von Cyperaceen und dornige 
Berberitzen aufweisen. Zwischen dicken Rasenhöckern zieht 
sich eine grosse Menge unscheinbarer Rinnsale hin, bald voll 
braunen torfigen Wassers, bald bedeckt mit schwärzlichem 
Schlamm, bald auch mit ziemlich trockenen Krusten über- 
zogen. Regelmässig hat aber ein Nadi einen harten 
Boden unter den Wasserkanälen. Auch w^enn während 
der Regenzeit das Wasser so hoch steigt, dass es die 
Rasenballen völlig bedeckt, kann man das Nadi zu Fuss 
überschreiten, wobei man freilich infolge der Enge der Rinnen 
und der meterbreiten Löcher einerseits und der Glätte der 
kugeligen Knollen andererseits weder ununterbrochen gehen 
noch reiten kann. Längerdauernde Regen führen die Nadis 
in Rohrsümpfe, kürzere und geringere Niederschläge in 
Sumpfmoore über. Die Pflanzenhorste bestehen haupt- 
sächlich aus dem hier zwerghaft bleibenden Bambusgras Chus- 
quea uliginosa Phil., aus Cyperaceen wie Dichromene astro- 
sanguinea und Carex-Kx\txi y vermischt mit hygrophilen 
Stauden, und aus dem bultenförmigen Fesluca-Grsis. Diese 
Nadis finden sich hauptsächlich in der chilenischen Provinz 
Valdivia in der Umgebung des Llanquihue-Sees von ca. 
100 m an aufwärts mitten in der Waldregion. Aber auch 
die in der Cordillere von Curicö in 2500 m Höhe ange- 
troffenen, aus der polsterförmig wachsenden Juncacee Patosia 

gebildeten und von kleinen Kanälen durchzogenen Rasen- 

I* 


~ 4 — 

Seen scheinen den Nadis ähnlich zu sein; ebenso die flachen, 
zur Flutzeit vom Meere überschwemmten Auen an der Mün- 
dung des Coihun (südlich von Puerto Montt), welche aus 
dicliten Horsten von Juncus procerus und rasenartigen Polstern 
von Samolus litoralis, vermischt mit Lepigonum und Lepti- 
nella acaenoides, bestehen. Einen Unterschied machen die 
Nadis nur insoferne von der von Kerner^^j geschilderten 
Zsombek- Formation Ungarns (wo Carex stricta das Über- 
gewicht über das Röhricht hat), als in letzterer das Wasser 
erhalten bleibt, während es in Nadis, mindestens im Sommer 
regenarmer Jahre, fast gänzlich zurücktritt; aber gemeinsam 
sind beiden Formationen die getrennt wachsenden, hohen 
Sumpfgewächse (Carex stricta) , zwischen welchen Wasser- 
führende Kanäle offen bleiben ; nur ist bei den Zsombeks der 
untere Teil häufig schon vertorft, während die Spitze noch 
grünt. Früh') vergleicht dieses Phänomen mit dem Stricte- 
tum mitteleuropäischer Moore, wie es z. B. am Chiem-See in 
Oberbayern vorkömmt. 

Eine andere Art von Sümpfen stellen die sog. Erd- 
schwämme Innerafrikas dar, welche sich nach Living- 
stones^^) Schilderung zwischen Tanganjika- und Bangweolo- 
See ausbreiten. Diese Schwammstellen sind immer flach 
geneigte Täler ohne Bäume und Sträucher, ^/2 bis 2 km breit 
und 3 bis 15 und mehr km lang. In der Regenzeit sinkt 
das Wasser etwa 15—20 m weit in den flachen Boden bis 
zu einer Schicht gelben Sandes, worunter eine andere von 
weissem und undurchlässigem Sande liegt; da allmählich der 
Boden nicht mehr alle Niederschläge aufzusaugen vermag 
und es an grösseren Abflusskanälen fehlt, so treten die Flüsse 
und Seen über ihre Ufer und überschwemmen die ganze 
Gegend. Eine den Nadis ähnliche Eigenschaft dieses Schwamm- 
bodens beschreibt Livingstone^^) folgendermassen : ^kh 
reiste in Lunda, als alle Schwammflächen überfüllt waren. 
Der Gräserboden war so gehoben, dass er nur aus locker 
zusammenhängenden Klumpen bestand, und wenn der Fuss 
diese verfilzten Klumpen verfehlt, die den einzigen Pfad 
bilden, dann plumpst man bis an die Hüfte in den Schlamm." 
Wenn die Schwämme jemals austrocknen, so spalten sie die 


— 5 — 

Oberfläche i bis iVa ni tief und 0,15 bis 0,20 m weit oben. 
Livingstone^^) klassifiziert die Schwämme als Moor ohne 
Torf, bestehend aus schwarzer, lockerer, mit hartem, drahtigem 
Grase und anderen wasserliebenden Pflanzen bewachsener 
Erde. 

Wenn Cardanus^^j das Land um den See Lomond 
im Schottland „terra fungi instar et bituminosa'' nennt^ 
so dürften wir hiebei aber kaum an ein Analogon zu diesen 
Erdschwämmen zu denken haben, da der Autor nur die 
Leichtigkeit und erdpechhaltige Beschaffenheit des Bodens 
im Auge hat 

Sümpfe gibt es fast in jedem grösserem Landstriche der 
Erdoberfläche, wo genügende Bewässerung die Vorbedingungen 
hiezu schafft. Die bekanntesten sind wohl die Pripet- 
Sümpfe^*) in Russland, die Maremmen und Pontini- 
schen Sümpfe^*) in Italien, die ungeheuren Zedern- 
Sümpfe Floridas (cypress swamps)^^), der Macquarie- 
Sumpf in Australien^*) und die Sümpfe des oberen Nils 
(s. u.). Grosse Sümpfe weisen auch dieLlanos^®) auf, und 
J. Huber und K. v. Kraatz-Koschlau^') erzählen uns 
von den Igapös oder Sumpfwäldern und den Campos 
Guianas und Brasiliens; in den Camposniederungen gewinnen 
in den sommerlichen Tümpeln Wasserpflanzen wie Nymphaea 
Rudgeana, Eichhornia azurea und E. crassipes, Pistia Stra- 
tiotes, Salvinia auriculata, Ceratopteris, Azolla nebst Thalia 
gmkulata, Cyperaceen und Maranthaceen u. s. w. die Herr- 
schaft^®). Grosse Sumpf flächen bieten auch die später noch 
zu erörternden Stromgebiete des oberen Paraguay und 
des Pilcomayo dar. Dass das tropische Asien und nament- 
lich dessen ' Inselwelt reich an sumpfigen Niederungen ist, 
steht fest. Aber auch die stillen Buchten des Baikal-Sees 
werden von Pflanzenteppichen aus Potamogeton und anderen 
Wasserpflanzen eingenommen^^). Im Hamun-Sumpf und 
Hilmend in Afghanistan lässt das bis zu 4 m hohe Schilf oft 
nur eine Wasserstrasse von 2 m frei^®).*) 

*) Uher die Rohrsümpfe (hauptsächlich Phragmites), Sumpf- und 
Wiesenmoore, Sphagnummoore und -Tundren handeln ausführlich War- 
"ling-^i) und Früh und Schröter^?). 


— 6 — 

Die meisten Sümpfe dürfte wohl das tropische Afrika 
aufweisen. Die vielen in derR^enzeit über ihre Ufer tretenden 
Flüsse schaffen weite Inundationsgebiete, welche, bald mit 
üppiger Wasservegetation bestanden, den grössten Teil des 
Jahres hindurch den Verkehr verhindern oder doch er- 
schweren. Dazu kommt noch das unleugbare Schwinden 
der afrikanischen Seen*), verbunden mit der erobernden Tätig- 
keit der Pflanzen. Mehr und mehr macht der Seespiegel 
ungangbaren Sumpfflächen Platz. 

Der Ngami-See in Südafrika war i. J. 1849, als 
Livingstone*^) ihn entdeckte, noch eine ungefähr 800 qkm 
grosse Wasserfläche, obwohl der Forscher schon damals auf 
der Westseite ein Schwinden des Wassers festgestellt hatte; 
noch vor zwei Jahrzehnten konnte man ihn als grossen See be- 
zeichnen **\ Jetzt aber dehnt sich an seiner Stelle mit Aus- 
nahme des östlichen Teils eine unabsehbare Schilffläche und 
Morast aus">. 

Der Moir- oder Wamba-See in Nord-Rhodesien, 1890 
von Thomson*®) entdeckt, geht nach Selby und Codring- 
ton**) seiner vollständigen Versumpfung entgegen. Von 
Thomson noch auf etwa 75 qkm geschätzt, beträgt seine 
Fläche jetzt nur ungefähr 15 qkm bei i m Tiefe. Langes, 
dünnes Gras wächst vom Seeboden auf und lässt kein offenes 
Wasser mehr sehen. 

Der schon zu Livingstones Zeiten versumpfte Di- 
lolo-See wird nach Lemaire*®) immermehr zum Sumpf. 

Der zimehmenden Verlandung und Versumpfung des 
Bangweolo- und Mweru-Sees geschieht später Er- 
wähnung. 

Der Schirwa-See zeigte schon bei seiner Entdeckung 
i- J- 1859 durch Livingstone^^) einen dichten Gürtel von 
Rohr und Pap3rrus, verlandete aber immer mehr — John- 
son**) nennt ihn „sl wast swamp of grass* — , so dass nach 
den Berichten der dort tätigen Missionäre^) jetzt von der 

•) Über dieses Thema herrscht noch keine Einigkeit. Eine ge- 
diegene ältere Publikation über die Schwankungen der innerafrikanischen 
Seen besitzen wir von Sieger^). Neuerdings hat Pieray**"» einige 
Daten über den Nyassa-See gegeben. i 


grossen Wasserfläche nichts übrig gebUeben ist als einige 
kleine Teiche an den Ausflüssen grösserer Bäche ; die Inseln 
sind landfest geworden, und nur die neue Bodenfläche ist 
stellenweise noch weich und beweglich. Auch der nahe 
Amaramba-See teilt nach O'Neill^) ein ähnliches 
Schicksal; und die den Oberlauf des Schire begleitenden 
Sümpfe wie der Elephantensumpf^^) undderPamalombe- 
See^*) waren schon vor einem halben Jahrhundert mit ihrer 
undurchdringlichen Papyruswand, ihren riesigen Binsen, Meer- 
linsen und übrigen Wasserpflanzen im fortgeschrittensten 
Stadium der Versumpfung. 

Der Rikwa-See in Deutsch-Ostafrika scheint nach 
den sich widersprechenden Schilderungen seiner Besucher 
grossen Wasserschwankungen unterworfen zu sein. Nichts- 
destoweniger bleiben, wie schon zu Thomsons^'; Zeit, 
grosse Strecken der Nord- und Südseite auch zur Zeit hohen 
Wasserstandes nunmehr trocken. Schilf und Schlamm streiten 
um die Herrschaft ^), Nach F ü 1 1 e b p r n *®) teilen auch an- 
dere Seen des Kondelandes diese Eigenschaft. Grosse Binsen- 
und Papyrussümpfe sind in der Kivuseegegend nichts 
Seltenes. ^®) . 

Das grossartigste und in der neuesten Zeit am meisten 
besprochene Beispiel der Verlandung und Austrocknung bietet 
der Tschad -See*®) dar. Alle Forscher sind der Ansicht, 
dass dieser grosse Süsswassersee seit Barths und Over- 
wegs Zeit einer unaufhaltsamen Austrocknung entgegengeht, 
wenn auch grosse Schwankungsperioden zu verzeichnen 
sind. Chevalier*^) nimmt sogar ein ehemaliges Binnen- 
meer an, da im Osten von Kanem mitten in der Sahara ver- 
stemerte Klumpen von Arundo Phragmiies L., Mollusken- 
fauna und Fischzähne und Knochen 200 km vom heutigen 
See entfernt gefunden wurden. Ursachen der Austrocknung 
bilden die Zufuhr von Sedimenten seitens der Schari und 
Komadügü-Yo, die Zuwehung von Wüstensand, die Abnahme 
der Regenmenge, die grosse Verdunstung und die Durch- 
wachsung weiter Strecken mit Vegetation. Secker*^) be- 
richtet, dass über den Komadügü-Yo jetzt Fischwehre gelegt 
sind, sodass das Wasser seitwärts austritt und nicht mehr 


— 8 — 

dem See zugute kommt, und er knüpft daran die Anschau- 
ung, dass dies zum Einschrumpfen des Tschad wesentlich 
beitrage; doch dürfte die geringe Wassermenge dieses 
Flusses auch sonst wenig in Betracht kommen. Die Ver- 
landung der Inseln des östlichen Archipels macht riesige 
Fortschritte, und das Seebecken ist jetzt in eine nördliche 
und südliche Hälfte durch eine Pflanzenbarre geschieden. 
Schilf, Papyrus und eine dem Ambadsch des Nils verwandte 
Art (Herminiera mimosa, nach Boyd Alexander „maria"- 
Busch) von 3 — 9 m Höhe bilden ein so verworrenes Dickicht, 
dass Lt. Alexander**^) in einem Tage kaum i km zurück- 
legte. Die Forschungsergebnisse sind verschieden je nach 
der Jahreszeit des Besuchs; dennoch scheint die Seefläche 
des Tschad seit 30 Jahren von 30000 auf 18—20000 qkm, 
in der Trockenzeit auf 10 000 qkm eingeschrumpft zu sein. 
Freilich wird dem mehrseits widersprochen ; Marquard- 
sen*^) glaubt sogar an ein Wachsen des Seespiegels in 
historischer Zeit. Die Tiefe beträgt gewöhnlich i m und 
darunter, wächst aber an grösseren freien Stellen bis zu 
4 m (Maximum 14 m). Jedenfalls ist das schon von Nach- 
tigal signalisierte Schwinden des Sees kaum zu bezweifeln. 

2. Das Meeresufer« 

Landbildung und Vegetation in Wechselwirkung. 

Es ist bekannt, dass das Meer an der einen Küste nagt, 
an der anderen den so gewonnenen Stoff wieder ablagert. 
Die angeschwemmten Stoffe haben aber selten dauernden 
Bestand, wenn nicht die Vegetation als Befestigungsmittel 
dazutritt. Gewöhnlich geschieht dies von selbst,**) aber 
auch der Mensch kann künstlich die bestehenden oder ge- 
wonnenen Küstenländereien durch Anpflanzungen sichern. *®) 
Jedenfalls spielt auch die mittlere Windrichtung beim Ver- 
wachsen der Küsten eine Rolle, wie dies Klinge**) nach- 
zuweisen sucht. 

Besonders die der Tropenzone eigentümlichen Man- 
grovebüsche sind nach S u p a n „die wahren Pioniere des 
Landes im Kampfe gegen das Meer." Sie treten, wie War- 


ming^') darlegt, besonders an flachen Küsten auf, wo das 
Wasser verhältnismässig ruhig ist (Lagunen, Buchten, Fluss- 
mündungen), aber nicht, wo Felsenboden oder Brandung 
vorkommen; Ebbe und Flut verhindern ihr Auftreten nicht. 
Da die Mangrovevegetation brackiges Wasser bevorzugt, so 
erstreckt sie sich an vielen Stellen längs den grossen Flüssen 
weit in das Land hinein (z. B. beim Sambesi). Die Man- 
grovewälder oder Manglebüsche setzen sich hauptsächlich 
zusammen aus einer Baumart (Rhizophora mangle; Leuchter- 
baum), deren Stämme und Äste Luftwurzeln entsenden, und 
diese dringen zum Teil wieder in den Boden ein, hiedurch 
eben zu einer oft undurchdringlichen Verschlingung Anlass 
gebend (im ganzen zählt die Flora etwa 26 Arten aus 9 
Familien *'')). Die immergrünen, eine ziemliche Höhe er- 
reichenden Bäume bilden förmliche Barrieren an der Küste 
und insbesondere in den Flussmündungen. ^) Tuomey*^) 
schildert den Vorgang folgendermassen : „Es ist schwer, sich 
ein Gewächs vorzustellen, welches mehr dazu taugt, Inseln 
aufzubauen, als die Mangrove. Ihre langen Hängefrüchte 
fallen in das seichte Wasser und schlagen in dessen Schlamm- 
boden Wurzeln; der Schoss, welcher bald aufgeht, sendet 
seinerseits Zweige senkrecht abwärts, die ins Wasser tauchen 
und Wurzel fassen; neue Seitenzweige gehen von ihnen ab 
und verzweigen sich weiter , und auf diese Weise wandern 
die Sprösslinge oft 20 — 30 m vom Mutterstamm weg. See- 
tang und Treibholz fangen sich in ihren Schlingen, und so 
ist bald eine bleibende [?] Insel hergestellt." Ein Mangrove- 
bezirk stellt sich dar als ein Territorium von Sümpfen und 
Altwassem, und der freien Durchspülung durch die Meeres- 
und Fluss wellen bereiten die um die Wurzeln sich an- 
häufenden Schlammassen die grössten Hemmnisse.^; Schim- 
Per*^) unterscheidet zwei grosse, scharf geschiedene Man- 
groveareale, ein östliches, welches sich von Ostafrika 
über Asien nach Australien und Mikronesien erstreckt, und 
ein westliches, welches die westafrikanische Küste und 
die amerikanischen Gestade umfasst. Die östliche Mangrove 
^eist ihren grössten Formenreichtum in Hinterindien und 
iro Malayischen Archipel (besonders auf Java) auf, wo sie 


lO 


auch nach Schimper^*) ihre Ursprungsstätte haben dürfte. 
Sie findet in geschlossener Formation ihre NO-Grenze in 
Süd-Liukiu (25° N.Bn), im SO jenseits des Wendekreises d. 
St.; in Neu-Süd- Wales wird sie niedriger und formenärmer, 
einzelne Büsche zeigen sich noch in Neu-Seeland und bis 
44** S.Br. Die nordwestliche Grenze der gemischten Man- 
grove liegt an der Indusmündung, die südwestliche etwa bei 
40^ S.Br. in Natal. ^^) Die westliche Mangrove ist viel arten- 
ärmer und weniger reich gegliedert; sie besteht aus nur vier 
Arten ^). Sie reicht in nordöstlicher Richtung bis Bermuda 
(32** N.Br.), auf dem amerikanischen Kontinent aber nur bis 
Süd-Florida (27** —28^) ; südöstlich wurde sie von S c h i m p e r ^^) 
bis 27° S.Br. beobachtet. Die nordwestliche Grenze be- 
findet sich in Südkalifornien, die südwestliche bereits bei 4^ 
S-Br. (wegen der Trockenheit des Klimas). 

Hauptmangrovebezirke im Westen bilden das Mündungs- 
gebiet des Amazonas^), Guiana ^), die Flussmündungen Ve- 
nezuelas (wo sich Rhizophora Mangle zu stattlichen Hoch- 
wäldern erhebt), Panama*'), Florida*®); die afrikanische Gui- 
neaküste von der Senegal- bis über die Kongomündung 
hinaus (namentlich Kamerun, Nigerdelta, Sklavenküste **j, 
Fouta Djallon^). Die östliche Mangrove prangt in Afrika 
hauptsächlich an der Sambesimündung •^j; sie fehlt nicht in 
Neu-Guinea**), bekommt aber hier wie in der Sunda-See*^) 
und Ostasien starke Konkurrenz durch die Nipapalme. 
Diese stammlose Palme (Nipa fruticans) gedeiht meist auf 
trockenem und minder salzhaltigem Boden, kann aber auch 
unmittelbar aus dem Wasser emporwachsen^). 


3« Der Schwingrasen. 

Eine treffliche Definition des Schwingrasens gibt 
Früh®^): „Darunter versteht man stark verfilzte, bis über 
I m mächtige zusammenhängende Rasendecken, welche auf 
wasserdurchtränkter Unterlage aufruhen oder auf dem 
Wasser schwimmen und beim Auftreten deutlich in schwin- 
gende (oft buchstäblich wellenförmige) Bewegung geraten. 


— II — 

Man hat zwei verschiedene Entstehungsweisen zu unter- 
scheiden : 

1. Sukzessiv : vom Ufer eines Sees, Torfstiches, wachsen 
Rhizome gemeinschaftlich ins Wasser hinaus und bilden eine 
auf demselben schwimmende, mehr und mehr sich verfil- 
zende und vorrückende Decke. Gegen Ende der Verwach- 
sung eines Sees bleiben kleine Wasserflächen als „See- 
fenster'', „Blanken/' „Augen" übrig iz. B. Laibacher Moos). 

Als Hauptkonstituenten dieser in unserem Lande [d. i. 
in der Schweiz] nur in relativ kleinen Flächen, in den Tropen 
grossartig entwickelten Decken treten auf Arundo Phrag- 
mites, das sich durch zahlreiche Adventivwurzeln an den 
Ausläufern verfilzt, dann (im flacheren Europa) Glyceria aqua- 
tica, im Ostbaltikum Graphephorum arundinaceum (Phalaris 
anmdinacea) Aschers., wie Scirpus lacustris. Dagegen reich- 
lich auf Flach- und Hochmoor Menyanthes, Carex rostrata 
(= ampullaceajy Cfiliformis, Equisetum heleocharis, Hypttum- 
Arten. Auf Hochmoor allein: Carex chordorrhiza, Sphag- 
mm, Scheuchzeria, Hypneen, Comarum; nur auf Flachmoor: 
Phragmttes, Carex acuta. Jedes mit Wasser durchtränkte 
Sphagnumpolster ist eine ermüdende, nachgiebige Fläche. 

2. Simultan entstanden : auf einer trocken gelegten Torf- 
fläche (wasserreichem Torfschlamm) entsteht durch Anflug 
ein Rasen, der sich allmählich in eine dichte Decke verfilzt ; 
durch später eindringendes Wasser wird der Untergrund 
durchweicht, der Rasen zum Schwingrasen. Vgl. das Rhyn- 
chosporetum. Stets sind es Depressionen mit torfigem Boden, 
die mit diesem meist völlig ebenen Teppiche überzogen sind. 
Der Bestand kommt namentlich auf abgebauten Hochmooren 
vor und im Inneren von Flachmooren, er ist ein Bindeglied, 
ein Ubergangsglied, als solches auch stratigraphisch durch 
die Scheuchzeria charakterisiert. Die Konstituenten unseres 
Rhynchosporetums lassen sich in folgende Übersicht bringen. 
Nur im Flachmoos : Rhynchospora fusca, Carex stricta. In 
Flach- und Hochmoor: Rhynchospora alba, Scheuchzeria, 
'■nchophorum alpinum, Carex rostrata, C ßliformis. Nur 
ini Hochmoor: Eriphorum ragninatum, SphagnumSpecies, 
Carex pauciflora, C. limosa." 


— 12 — 

Die erstere Art ist die häufigere. Früh gibt hiefür 
viele Beispiele**). An unseren oberbayerischen Voralpen- 
und Flachlandsseen beg^nen wir oft dieser Erscheinung. 
Im flacheren Europa überhaupt sind verfilzte schwimmende 
Decken von Phragmites und anderen Pflanzen sehr häufig. 
In Ungarn kommen die schwimmenden Rohrdecken als 
Läps**^) oder Ingovanys vor, in Böhmen als Schaukel- 
sümpfe,, in Bayern als Wampen oder „Kuhwampen*' (so 
z. B. in den schwingenden Wiesen der Täler um Bayerisch- 
Zell und Hausham, wo das Wild, das sich dorthin verlaufen, 
sich nicht mehr herauszuarbeiten vermag*®). Hangesack, 
Gynge, Schaukel, schwebendes Moos heissen sie im 
nordwestlichen Deutschland und Schleswig, Schwebe- 
kämpen im Drau-See in Westpreussen , in französisch 
sprechenden Gebieten prairie tremblante ou flottante; 
die Auvergne birgt die trügerischen Na rses, Fondrieres 
oder Sag n es, Schottland und der Südosten der Vereinigten 
Staaten die trambling-bögs und quaking-bogs, wäh- 
rend die schwimmenden Decken in Brasilien als tremen- 
dals (auch tremetaes oder balsedos), in Cubaals trem- 
bladeras und in Irland als shaking-bogs bekannt sind *®j. 
Auch ins Meer hinaus können gleich den Mangrovebäumen 
solche zitternde Wiesen oder schwimmende Halbinseln ge- 
baut werden wie z. B. an der Ostküste der Union, in Loui- 
siana in dem „Attakapas''**). 

Die Erscheinung des Schwingrasens in den Tropen 
dürfte eine weitverbreitete sein, aber eben wegen des häufigen 
Vorkommens wird sie von den Reisenden nur selten erwähnt. 
Nach Huber und Meer war th'^j sind die Wasseransamm- 
lungen der Insel Marajö im Amazonasdelta von „schwim- 
menden Wiesen'' aus Pistia stratiotes und Eichhornia be- 
deckt. Rieh. Schomburgk'^) fand in Guiana mehrere 
solcher Schwingrasen, und Spix und Martins''^) berichten 
anschaulich von den in der Umgebung von St. Luiz de 
Maranhäo in Brasilien vorkommenden Zitterwiesen, Treme- 
taes oder Balsedos genannt. 

Lemaire'®) fand auf dem Dilolo-See und in dessen 
Umgebung eine „prairie mouvante'', einen Pflanzenteppich, 


— 13 — 

„der wie jene Tücher wogt, die auf dem Theater die em- 
pörten Wogen vortäuschen sollen". Franc qui und Cor- 
net'*) sahen im Quellgebiete des Lomami und Sankuru 
viele Seestimpfe mit einem dichten und starken „gazon flot- 
tant" bedeckt. Nach einer in der Regenzeit überschwemmten 
Sumpfzone von einigen hundert Metern kommen seichte 
Wasserlachen, überflochten mit einem schwimmenden Rasen- 
gurtel von 5—600 m Ausdehnung, schliesslich freies Wasser 
ohne eine Spur von Vegetation. Dieser Rasen hat die Nei- 
gung, sich immer weiter auszudehnen. Man kann ihn mit 
iMühe überschreiten. 

Der Mohrya- oder Bohia-See ist nach Cam eron") 
mit einem Gürtel von -schwimmenden Pflanzenmassen um- 
schlossen. 

Der Tanganjika-See'*) ist in seinen Buchten meilen- 
weit mit Schilf, Conferven, Wasserlilien und anderen Pflan- 
zen bedeckt, und oft sind diese zu einem Rasen vereinigt^ 
der Menschen nicht zu tragen vermag, aber doch dicht ge- 
nug ist, um Booten den Weg zu versperren. J. Thom- 
son^') fand in der Bai, in welche der Lofu mündet, eine 
undurchdringliche Schranke von schwimmenden Gewächsen, 
hohem Gras und schwankendem Grund, über 2 qkm gross, 
welche so dick war, dass man mit Sicherheit darauf gehen 
konnte. Dieser Schwingrasen hatte sich innerhalb fünf Mo- 
naten gebildet. 

Der Albert-See, der in seinem Südende ein undurch- 
dringliches Dickicht von Ambadsch (Hermtniera Elaphroxylon 
G. P. R.), Papyrus und Schilf aufweist und auf der West- 
seite wie im Norden beim Ein- und Ausflusse des Nils 
Mauern von Schilf und Papyrus sowie Teppiche von Ptstta 
sfraiiofes zeigt'®), neigt zur Schwingrasenbildung. S. Ba- 
ker'^) erzählt, er habe am Westufer Bänke angetroffen, aus 
abgestorbener Vegetation gebildet, aus welchen Papyrus- 
binsen Wurzel schlugen ; die schwimmende Masse war etwa 
I m dick und so zäh und fest, dass man darauf umhergehen 
lionnte, wobei man nur bis über die Knöchel in den weichen 
Schlamm sank. Unter dem Pflanzenfloss war äusserst tiefes 
Wasser, und das Ufer war auf eine Breite von etwa 800 m 


— 14 — 

durch diese aussergewöhnliche Formation völlig geschützt. 
Auch am Ostufer bei Magungo schien die schwimmende 
Masse wie festes Land, doch konnte man mit einer 7 m 
langen Stange keinen Grund finden. Vermutlich handelt es 
sich bei der von Gordon®®) auf seiner Kartenskizze ange- 
gebenen ungeheueren „lle d'herbes flottantes" zwischen 
Nilein- und Ausmündung auch um einen Schwingrasen. 

Auch der Viktoria-Nj ansa, der in den Kanälen 
zwischen den Inseln und in den Buchten, besonders im Emin- 
Golf und Smith-Sund, eine üppige, oft unzugängliche Vege- 
tation von Schilf, Papyrus, Ambadsch, Tingatinga-Gras und 
dichte Beete von Wasserlilien, Pistien, Vallisnerien beher- 
bergt®^), scheint die Schwingrasenbildung zu begünstigen; 
das geht hervor aus der Beschaffenheit seiner schwimmen- 
den Inseln®*) und aus Mackays ®^j Bericht, dass man den 
Smith-Sund an mehreren Stellen trotz der Tiefe des Was- 
sers auch nicht mehr mit Booten befahren könne, da Schilf, 
Schwertgras und Papyrus so dicht in einander verflochten 
und verwachsen sei, dass es herkulischer Kraft bedürfe, um 
durchzukommen. 

Ob der wesentlich aus Lo^naria robusia und Juncus- 
Arten gebildete „schwingende Sumpf in den unteren Re- 
gionen von Tristan da Cunha®*) dem Schwingrasen- 
phänomen angehört, bleibe dahingestellt. 


4. Schivimmende Inseln. 

In diesem Zusammenhange seien kurz die schwim- 
menden Inseln erwähnt, wobei aber eine ausführliche Wür- 
digung dieser Erscheinung einer späteren Untersuchung an ande- 
rem Orte vorbehalten bleibt. Schwimmende Inseln in ste he n - 
den Gewässern führen kaum je zu einer grösseren Ver- 
landung, da sie, abgesehen von ihrem meist bald erfolgen- 
den Untergang, zu selten und zu wenig bedeutend sind, um 
auch im Falle der Landung und Verwachsung mit dem Ufer 
eine bedenkliche Einengung des Wasserspiegels zu bewirken ; 
sie stellen vielmehr im Gegenteil Produkte der Verlandung dar. 


- 15 — 

Es sei hier nur auf die mit vielen Literaturangaben 
versehenen uns bekannten Monographien von M u n z ®^ j (wel- 
cher Belege aus älteren Zeiten bringt), Senft®®), Hahn®''), 
Früh««), Früh u. Schröter«»), Günther^^j ^^^ Hanusz«^) 
verwiesen. Früh u. Schröter®») nennen zwei Arten der 
Entstehung der phytogenen schwimmenden Inseln (die hier 
nur in Betracht kommen, da minerogene [wie Eisberge etc.] 
und Treibkörperscharen, wie Treibholz, Asphalt, Salzschollen 
von Steppenseen, Bimssteinflottillen etc. ausserhalb des Be- 
reiches unserer Untersuchung liegen). 

1. Überwachsungsdecken verfilzen sich zu schwim- 
menden phytogenen Fladen, wie z. B. in den schwimmenden 
Moosdecken der seeländischen Seen, Hangesack genannt^^). 

2. Sie entstehen durch Abtrennung von Schwing- 
rasen. Als Abtrennungsarten werden angeführt a) scharfer 
Wellengang, b) rasch eintretende grosse Wasserschwankun- 
gen, wodurch der Rasen durch sein Gewicht abbricht, c) 
künstliche Abtrennung, d) vermutlich auch Zerklüftung des 
Schwingrasens durch Frostspalten. -— Eine dritte Gattung der 
schwimmenden Inseln in stehenden Gewässern rührt von der 
Zufuhr abgerissener Uferstücke durch die Zuflüsse her, wie 
siez. B. Cameron®®) vom Tanganjika-See beschreibt. 

Immerhin kommen die schwimmenden Inseln in manchen 
Seen so häufig vor oder trotzen so lange dem Untergang, 
dass das Volk eigene Namen dafür gefunden hat. So heissen 
sie im Steinhuder Meer und dessen Umgebung „Fledder", 
!,Quebben'', im St. Jürgener Lande zwischen Weser und 
Hamme „Dobben", im Drau-See „Schwimmkämpen*'. 

Eine Eigentümlichkeit sind die „Chinampas" oder 
schwimmenden Gärten im Chalco- und Xochimilio-See bei 
der Stadt Mexiko. Hesse-Wartegg^*) meldet, dass diese 
^u Corte z' Zeit noch viel häufigeren Schwingrasendecken 
schwankende Blumen- und Gemüsegärten tragen, die den 
^ft zeitweise darauf wohnenden Eingeborenen ihren Unter- 
nalt gewähren. Durch Winde oder Menschenhand werden 
^ft solche Inseln weitergeführt und verstopfen die engen 
•Kanäle, welche die Seen verbinden. Ans Ufer geworfen, 
^Verden sie, wie so viele seit Jahrhunderten, landfest. 


- i6 - 

Mac Millan*^) erzählt von den Sphagnum- oder Torf- 
moos-Atollen in Zentral-Minnesota, welche auf Hebung 
und Senkung des Wasserstandes unter geschlossenen Decken 
zurückzuführen sind. Es sind ringförmige Moorbezirke, welche 
sich beim Steigen des sie durchdringenden Wassers ablösen 
und dann mit allem, was sich darauf befindet, in die Höhe 
gehoben werden, bis nachmals wieder eine Land Verfestigung 
stattfindet. Eine ähnliche Erscheinung kommt nach Keil- 
hack®*) in den verwachsenden Seen Hinterpommerns vor, 
wo geschlossene Decken von Sphagneen etc. sich losreissen 
und heben, so dass bei Hochwasser eine grosse zentrale 
Scheibe von einem Wassergürtel umschlossen wird. 

In Livland, beim Gute Festen, und in Böhmen bei Jicin 
zeigen sich periodische Inseln, die im Sommer steigen, im 
Herbst sinken, angeblich infolge Gasentwicklung. In den 
Quellsümpfen der Daurischen Hochsteppen wird im Winter 
die sumpfige Umgebung von nahezu versiegenden Salz- 
sümpfen „samt der Eisdecke fadenhoch*' durch das quellende 
Wasser gehoben*'). 

Von den überschwemmten Flüssen und Strandlagunen 
in Dahomey und Togo tritt öfters das Wasser ins locker 
aufliegende Festland ein und hebt die Pflanzendecke, wo- 
durch schwimmende Inseln gebildet werden®®). 

Am interessantesten ist wohl die Schilderung vom 
„schwimmenden Land von Waakhusen" im St. Jürgener 
Lande an der Hamme nördlich von Bremen *•). Waakhusen 
und noch fünf benachbarte Ortschaften liegen auf einem 
Wiesengrund, einem ehemaligen Hochmoor von 7 — 9 m 
Tiefe, das auf Sandboden aufliegt. Einer Schicht Heide- 
moor folgt eine solche von Sumpfmoor, welche von einer 
Lage Wasser getragen wird, das auch an geeigneten Stellen 
vertikal aufsteigt. Am tiefsten befindet sich eine Schicht 
Bruchwaldmoor. Gegen Weihnachten oder später tritt Hoch- 
wasser ein, das unter das Moor eindringt, eine Spannung 
zwischen Decke und tieferem Moor erzeugt und so die obere 
1V2— 2V2 m, ja 6 m dicke Schicht aus weissem Sphagnum 
hebt, so dass alles Land, wie Wald, Acker und Heide 
schwimmt, und die auf hohen Sanddünen fest erbauten 



Fig a. Papyrus vegcutii 


:I bei Hellet Nu<'. 



Fig. 3. Der B.hr el Seraf. 


— 17 — 

Häuser bisweilen bis ans Dach von der schwimmenden 
Schicht umgeben werden. Oft genug kommt es vor, dass 
grosse Stücke schwimmenden Waldes vom Sturm losgerissen 
und fortgetrieben werden. So trieb 1876 ein Sturm ein wohl 
30- 40 Ar grosses, mit 6 — 10 m hohen Tannen bestocktes 
Stück Land ^/g km weit fort, bis es auf Grund kam. Beson- 
ders wenn das den ohnehin leichten Boden durchtränkende 
Wasser gefriert, wird das spezifische Gewicht des Gesamt- 
körpers vermindert und das Land schwimmt um so leichter. 
Dünne Schichten werden durch darüber hinwegfahrende 
Wägen oder schon durch die munteren Sprünge der weiden- 
den Füllen in wellenförmige Bewegung gesetzt, so dass sie 
als Schwingrasen anzusprechen sind. 

Nach A. V. Negelein^^) gibt es im Südosten des 
Jadebusens ein Moor, das mit dem Steigen und Fallen hoher 
Fluten durch Eindringen von Meerwasser sich hebt und senkt, 
so dass schon mehrere Male „grosse Stücke Moores mit 
Wohnungen, Gärten, Bäumen etc.*' gehoben und 300 — 1000 m 
weit ins Land geführt wurden. Nach Münz ^°^) scheint 
auch das Land um den benachbarten Dollart samt den da- 
rauf befindUchen Wiesen, Feldern, Häusern und Kirchen zu 
„schwimmen" („terra interdum aquis innatat") oder wenig- 
stens diese Eigenschaft besessen zu haben. 

Zum Schlüsse seien noch die Flott-tegar oder 
Schwemmbeete ^^^) erwähnt, die auf der Moorebene von 
Ilmola in f^innland dadurch entstehen, dass die Abzugs- 
gräben die Moorfläche in grössere Felder zerlegen, welche 
mit dem in ihnen aufgesaugten Wasser im Winter gefrieren, 
so dass die Frühjahrshochfluten die leichten, gasgefüllten 
Beete emportreiben und weiterführen, da sie ohne feste Ver- 
bindung auf dem anstehenden Ton geruht haben. Hier gibt 
es auch Torfmoore, welche auf einer mehrere Meter 
mächtigen Wasserschicht schwimmen. Eine analoge Er- 
scheinung bietet die seit 200 Jahren bekannte schwimmende 
Insel des Sees Ralängen in Smäland in Schweden. 


Deuerling. Die Pflanzenbarren. 


- i8 — 

II. Verlandung fliessender Gewässer. 

Wie durch Geschiebe und Schlamm, so werden auch 
durch die stete Arbeit der Pflanzen die Flusse häufig der 
V^erlandung nahegebracht Die Verlandung fliessender Ge- 
wässer wird nach Früh^**) von folgenden Faktoren bestimmt: 

I. Von der Geschwindigkeit, weicheähnlich wie der 
Wellenschlag an Seen das Abtreiben und die Bewurzelung 
beeinflussen. 

2- Mit ihr verbunden von der Tiefe mit denselben 
Grenzwerten für die verschiedenen Gewächse, wie beim 
Verwachsen von Seen. 

3. Von der Grösse und Menge der transportierten 
terro- und phytogenen Bestandteile. 

4« Vom Windschutz, d. h. der Umrahmung durch 
hohe oder flache Ufer, Wälder gegen vorherrschende Winde 
(Differenzen von Wiesen- und Bergufer). 

5. Vom Klima, indem es die Wasserführung und das 
mehr oder weniger üppige Wachstum der Pflanzen bestimmt. 

Das Zusammenwirken dieser und anderer Faktoren be- 
stimmt örtlich, ob und in welchem Grade eine Verlandung 
und zwar als ein Überwachsen und Verwachsen stattfindet. 

Auch das Eingreifen des Menschen vermag die Verlan- 
dung eines Flusses herbeizuführen, indem z. B. Gewässer 
durch Wehre (Fischwehre, Stauanlagen für Mühlen usw.) 
gestaut werden, wodurch die Geschwindigkeit sich verringert 
und dem Vordringen der Pflanzenwelt Vorschub geleistet wird. 

Kalte, raschfliessende Gebirgswasser werden der Ver- 
landung feindlicher gesinnt sein, als trägschleichende Flüsse 
des Tieflandes. 

Frtih^^j führt aus der Schweiz die interessante Tat- 
sache an, dass Mäanderflüsschen das allgemein gültige Bild 
zeigen, dass alle konvexen Stellen verwachsen, alle konkaven 
mehr oder weniger offen bleiben- Bei trägen O.-W. streich- 
enden Rinnsalen ist das besonnte Nordufer unter übrigens 
gleichen Umständen kräftiger verwachsen als das südliche. 

Hier sei auch die Erscheinung von Flus sümpfen 
erwähnt, wie sie neben den später zu besprechenden Sümpfen 


- 19 - 

des Pilcomayo vorzüglich das von Tanfiljew untersuchte 
Poljesje in Nordwestrussland darstellt ^^). Ein von den 
Ufern her allmählich versandeter und versumpfter See zeigt 
als kärgliche Vegetation heidereiche Kiefernwälder, in denen 
sich stellenweise weisse Moore befinden. Der innere Raum 
besitzt eine Ausdehnung von beiläufig 2500 qkm und trägt 
nur auf Boden ansch wellungen Waldinseln, sonst aber ist es 
ein Rohrsumpf, der meistens unter Wasser steht. Ein mit 
Dampfern befahrbarer Fluss zieht sich hindurch, dessen Bett 
aber oft zwischen den überschwemmten Sümpfen kaum zu 
linden ist. 


I. Teilweise pflanzliche Verlandung der Flüsse. 

In Europa zeigt sich die Verlandung fliessender Ge- 
wässer verhältnismässig stark im Spreewald, in den nieder- 
ländischen und deutschen Marschen, den vielen Stromteilungen 
und Flüssen mit vergrünten Flössen von Deutschland, Ungarn, 
Russland; besonders die moorigen baltischen Lande (s. u.), 
das Wald- und Moorgebiet von Russland, Kanada und die 
Union sind der Verlandung sehr zugänglich. Gramineen, 
Cyperaceen und vor allem Sphagneen wetteifern um die Er- 
oberung der trägen Gewässer ^^''*). Auch im schwedischen 
Lappland westlich vom Torneä-Elf und seinem Zuflüsse 
Muonio begleiten die Ränder der Seen und Flüsse in der 
kurzen Vegetationszeit Moore, und im Wasser selbst breiten 
sich Nymphaeen, Potamogeton, Phragmites, Carex und Liesch- 
gf'as aus^^^j. In Südaustralien mit seinen Salzsümpfen 
gibt es dennoch nach Winnecke^*^®) ,,grassy watercourses", 
Flüsse, die in Sümpfen endigen oder, wie der Diamantina 
River, schlammige, mit Polygonum überwachsene Wasserläufe. 
Am meisten aber ist die Verlandung fliessender Ge- 
wässer in den Tropen und namentlich in Afrika entwickelt. 
Da dieses Phänomen hier so häufig ist, so erwähnen es viele 
Reisende nicht besonders, vorzüglich wenn es nicht in solcher 
Mächtigkeit auftritt, dass die Schiffahrt dadurch gehindert 
wird. Immerhin besitzen wir genug Berichte, um nachstehende 
Klassifikation vorschlagen zu können. 


2* 


— 20 


ff 


1. Durchwachsung; d^3 Flussbettes 

2. Ueberwachsung „ 

3. Ueberstopfung „ 
oder nach besonders typischen Erscheinungen: 

1. Rush dratn {Binsengraben, Uganda: Speke) 

2. Obä (Flusswiesen, Oberes Udle- und Aruwimigebiet) 

3. Ssedd (Pflanzenbarren, Oberes Nilgebiet). 

Im übrigen aber treten die Verlandungserscheinungen 
in den tropischen Flüssen gewöhnlich als Uferwald (nicht 
ganz zutreffende, missverständliche Bezeichnung für Binsen- 
und Papyruswände und ins Wasser vordringende Ufer- und 
Wasservegetation), als Ansammlungen von Wasser- 
pflanzen und als laterale Schwingrasen auf. Nach den 
zumeist nur das Vorhandensein von Wasservegetation regi- 
strierenden Berichten kann man selten eine genaue Unter- 
scheidung zwischen den drei Arten machen. Es seien des- 
halb im folgenden einige Beispiele von Verlandung aus den 
verschiedensten Gegenden der Tropen angeführt. 

Der Ramu-Fluss in Deutsch-Neuguinea zeigt nach 
Lauterbachs Karte ^^') Anhäufungen von Saccharum spon- 
taneum (wildem Zuckerrohr), Pistia stratiotes, und ist stellen- 
weise dicht überwachsen mit Rotang, Lianen und Schilf 
Der Amberauke-Fluss in Niederländisch-Neuguinea ist wie 
sein Nachbar, der Merauke, nach Zondervan^*^®) an den 
Ufern mit hohen sogen. Grasbänken bedeckt, welche nach 
schweren Regengüssen oft losgerissen und als schwimmende 
Inseln stromabwärts getrieben werden. Wir haben es ver- 
mutlich hier mit einer dem Schwingrasen entfernt ähnlichen 
Vegetationsbildung zu tun. Der letztgenannte Fluss, das 
Produkt der Abwässerung eines ausgedehnten Morastwaldes, 
durchfliesst eine einförmige Sumpflandschaft; zahlreiche im 
Fluss wachsende und die vielen treibenden toten Baum- 
stämme, sowie die zähen Rotang- und Schlingpflanzen er- 
schweren stellenweise die Schiff'barkeit. 

Die oft drohende vollständige Verlandung der Ströme 
der südlichen Niederung Nordamerikas findet ihre Be- 
handlung im folgenden Abschnitte. Die Flüsse des Igapö 
genannten Sumpfwaldes und des Orinokodeltas im nordöst- 


— 21 — 

liehen Südamerika weisen nach Huber ^^•j und Sachs ^^®) 
reiche Wasservegetation auf; andere Flüsse drohen, wie 
später beschrieben werden soll, der Verstopfung durch 
Pflanzenbarren anheimzufallen. Selbst der den 3860 m hoch- 
gelegenen Titikaka-See entwässernde Desaguadero wird 
an den breiten seichten Stellen (ebenso wie die untiefen 
Stellen des Sees selbst) von 2—3 m hohem Schilfgras 
\Scirpus) in Menge eingenommen ■^^^). 

Die quartären Flussrinnsale des tropischen Afrika mit 
Ausnahme der Gebirgsflüsse bilden ein wahres Dorado für 
die Verlandung durch Pflanzen. Die üppige Vegetation der 
Flüsse Nord-Nigeriens, zumal des Sokotoflusses, würde 
die Wasserläufe gänzlich verstopfen, wenn nicht die wilden 
Fluten in der Regenzeit eine Waffe dagegen böten ^^^). Im 
Niger zwischen 9*^ und 10® N. Br. oberhalb Bussa dringen 
der Uferwald und grosse Flächen von Schilf weit in die 
tiefen Stellen des Flusses vor ^^^). In Französisch-Congo, 
zwischen den Flüssen Benito und Compo, gibt es nach C u n y ^^*) 
kleine Flüsse und Creeks voll von Sumpf und Wasser- 
pflanzen. Ebenso sind die Flüsse von Spanisch-Gabun 
im Rio Muni-Gebiet eingefasst mit Barren von Sumpf- 
pflanzen. ^^^). Der Kokema, ein Nebenfluss des Kwanza in 
Angola, 50 — 60 m breit und 3 m tief, hat einen so trägen 
Lauf, dass er zahlreiche dicht mit Schilf besetzte Lagunen 
und Sümpfe ^^*), also eine Art Flussumpf bildet. Der Kongo 
ist oberhalb der Sangamündung bei Lukolela, wie schon vor- 
her stromaufwärts von Kongolo, eingesäumt von „forets de 
Vegetation aquatique" und von Sümpfen ^^'). 

Die Quellflüsse des Sankuru, Lomami, Luembe und 
Luina, besonders der Luembe, sind nur sumpfige Rinnsale 
ohne ausgesprochenes Bett, ganz von Pflanzen eingenommen^^®;. 

Der Dilolo-See und seine Umgebung ist, wie bereits 
dargelegt wurde, eine weite Sumpffläche. Denselben Charakter 
tragen auch die dortigen Flüsse, welche teils dem Kassai, 
teils dem Sambesi zustreben (weshalb man bei der infolge 
des Schwammcharakters der Gegend entstehenden Unüber- 
sichtlichkeit an eine Bifurkation zwischen beiden Strömen 
glaubt). Besonders der Lotembwaist nach Livingstone ^^^) 


— 22 


etwa 1V2 km breit, aber nur i m tief und voll von Lotus, 
Papyrus, Arum, Binsen und anderen Wasserpflanzen. 
Lemaire^***) traf klares Wasser an seiner Übergangsstelle, 
aber eine kaum merkliche Strömung; die Tiefe schwankte 
zwischen 40 cm und i m. Er scheint bei Hochwasser vom 
See Dilolo gespeist zu werden ^^^j. Im gleichen sumpfigen 
Zustand befindet sich sein 250 m breiter Zufluss Dambai o ^^®) 
und der weiter östlich dem Sambesi zufliessende Luvua^^®), 
von 400—500 m Breite und von 0,40 bis mehr als i m Tiefe, 
der infolge seiner unmerklichen Strömung dichte Schilfwände 
in sich birgt. 

Der Kubango, der an der Uebergangsstelle Cunning- 
homes^^^) 25 m breit und 2 m tief war, hatte dort eine 
starke Strömung, breitet sich aber dann aus zu dicht mit 
hohem Schilf umsäumten Sümpfen und Lagunen. 

Der San schüre ist an mehreren Stellen mit Schilf 
angefüllt; eine Eigentümlichkeit bildet eine auf dem durch- 
tränkten Uferboden wachsende Art „Flechten", welche sich 
ablöst, auf dem Wasser schwimmt und wie Schwefelwasser- 
stoff riecht. Von ihm zum Tschobe breitet sich ein über 
2 m hoher Rohrwall aus, den Livingstone^^^j an weiten 
Strecken nicht zu durchdringen vermochte. Aber nicht bloss 
Schilfrohr, sondern auch sägenartig gezähntes Gras, durch 
zähe Winden mit 2 — 3 m hohen und 4 cm dicken Papyrus- 
stengeln verbunden, bildete eine unpassierbare Mauer. Auch 
P. C. Reid^^^) bestätigt, dass der Kwando-Tschobe bis zu 
seiner Mündung in den Sambesi, ebenso wie die Seitenarme 
des letzteren, mehr ein sumpfiges Schiltbett mit dünnen 
Wasseradern als einen Strom darstellt. 

• 

Die Sambesimündungsarme, wie derLuave und Kon- 
gone, sind in Wechselbeziehung mit der Meerufer Vegetation 
der Manglebäume auch teilweise in Seitenarmen von Rohr 
und anderen Wasserpflanzen versperrt ^^^). Der Sambesi 
scheint nach Livingstone^^^) an den Ufern wirklichen 
Schwingrasen zu besitzen. Der Schire, der in seinem 
Oberlaufe weite Sumpfgegenden durchfliesst^^*), ist auch nach 
den Stromschnellen, zwischen Schilomo und Katunga, von 


- 23 — 

Schilf eingefasst, welches den Anprall der durch Wirbel- 
strudel umhergeworfenen Dampfer abschwächt^*'). 

Dass natürlich der S a i s i , der Hauptzufluss des Rikwa- 
Sees, konform dem versumpfenden See, durch „swamp and 
thick jungle" mündet, wie Wallace^*®) berichtet, ist ein- 
leuchtend. Ebenso sind die Ufer des Luajerri nach Be- 
ringe r^**) von einem undurchdringlichen Schilfsumpf um- 
geben. Stanley^^®) und Cameron^®^) erwähnen, dass die 
Mündungen der Zuflüsse des Tanganjika-Sees ganz 
von Grasmassen (Mutete und Papyrus) eingeengt oder ver- 
sperrt sind, was u. a. auch auf Zufuhr von schwimmenden 
Pflanzen zurückzuführen ist. Der Ug a 1 1 a in Deutsch-Ostafrika 
ist nach Kandt^**) von vielen Pflanzen bedeckt und verliert 
sich streckenweise in einem Papyrussumpf. Der in den 
ziemlich gut schiffbaren Ulanga mündende Kihansi stellte 
durch seine starke Verwachsung dem Vordringen von Pritt- 
witz^^^) öfters Hindernisse entgegen. Die Rusisimün- 
dungen sind sehr sumpfig und von vielen Pflanzen einge- 
nommen^®*). 

Mehrere Zuflüsse des Albert-Eduard-Sees, wie 
der Rutschuru, Sasa und Ntungwe^®^), münden in sumpfigen, 
pflanzenbedeckten Marschen. Der Semliki, durch eine 
mit Wald und überreichlichen Sumpfgräsern bewachsene 
Alluvialebene fliessend ^®*), mündet in den Albertsee in einem 
undurchdringlichen Papyrus- und Ambadschhorst (s. o.). 

Ausgedehnte Verlandungserscheinungen zeigen wie es 
uns zuerst von Speke^®') und Stanley^®^), erzählt wird, 
der Kagera und sein Stromgebiet. Dies schildern am aus- 
führlichsten Fitzner^^^), dann Martonne^*®), Henze^*^), 
Kandt^*2)^ Garstin^*^) und Lyons^**). Kandt^*^) be- 
richtet, dass in Urundi Bäche, die kaum 2 m breit sind, in 
einem mehrere hundert Meter breiten Tal von Papyrus 
dahinfliessen. Nicht bloss die Haupttäler, sondern auch alle 
Nebentäler und selbst die Furchen und Schluchten sind so 
mit Papyrus ausgefüllt, dass das Land einem Riesennetze 
grüner Bänder gleicht. Der Nyavarongo und Akanyaru, von 
vielen Papyrussümpfen begleitet, vereinigen sich in einem 


— 24 — 

weiten, tiefen Sumpftale zum Kagera***). In seinem Mittel- 
lauf besitzt er nur ein Gefälle von o,ii m per km^*'), so 
dass er sich oft seeartig en\'eitert und mit üppiger Wasser- 
vegetation bedeckt wird. Er neigt zu Stromverlegungen und 
in Folge davon zur Bildung von Stromlagunen. Garstin^*®; 
glaubt, dass diese Sumpfseen ihm einen grossen Teil seines 
Wassers entziehen, aber auch als Regulatoren der Wasser- 
höhewirken. GrafGoetzen fand da, woderFlusssich plötzlich 
nach Norden wendet, eine Gesamtbreite von etwa 250 m, 
von der nur 35 m auf die freie, nicht verschilfte Wasser- 
fläche, den eigentlichen Stromlauf, entfielen, während auf 
den übrigen 215 m das Wasser durch die hohen Papyrus- 
dickichte zu beiden Seiten sickerte^*®». Im Unterlaufe besitzt 
die freie Wasserfläche 80-100 m Breite; der Rest des Fluss- 
bettes ist mit Pap3Tus erfüllt, der manchmal eine Breiten- 
ausdehnung von 1000 m und darüber gewinnt ^^). Seine 
etwa 100 m breite Mündung ^^^), durch welche losgerissene 
Pistia stratiotes- und Schilfstücke treiben^^^), istmit Ambadsch- 
büschen bestanden; ein Papyrus- und Schilfsumpf breitet 
sich hier aus^*^). Nach Decle^**) soll der Kagera einige 
Jahre bis 1900 sogar durch einen Ssedd (Pflanzenbarre) ver- 
sperrt gewesen sein 

Das östliche Britisch - Ostafrika und Somaliland bietet 
fast gar keine Bedingungen zu pflanzlichen Verlandungen 
der Flösse. Böttego^^^) erwähnt fast nie derartige Er- 
scheinungen. Im Tiefland des unteren Tana wurde zwischen 
diesem und dem Osi durch Ueberschwemmungen eine Ver- 
bindung, der Belesoni, geschaffen, der, von den Einge- 
borenen erweitert, auch in der Trockenzeit eine 1V2 Stunden 
lange Verkehrsader zwischen beiden Flüssen bildet. Er vari- 
ierte i. J. 1880 nach Cl. Denhardt^^®) zwischen ^U und 
2 m Breite; seine Tiefe wechselt zwischen ^U und 1V2 n^- 
Dun das ^^0 berichtete aus dem Jahre 1891 eine Breite von 
I^4--2 m. Je nach der Wassermenge des Tana ist die 
Strömung in diesem Kanäle mehr oder weniger stark. 1899 
wurde wieder eine Erweiterung des Bettes vorgenommen^"*^!- 
Da die im Belesoni wuchernden Binsen und Schilf das Rinn- 
sal binnen wenigen Monaten gänzlich durchsetzen und be- 


— 25 - 

decken würden, kann es nur durch die Räumungen und das 
stete Befahren frei gehalten werden. 


I 


2. Die Obä oder Flusswiesen. 

Bisher haben wir die Verlandung fliessender Gewässer 
infolge Durch wachsung des Rinnsals oder teilweise ijber- 
wachsung des dem Ufer zunächst liegenden Wassers durch 
Schwingrasen besprochen. Es erübrigt noch auf die merk- 
würdige Erscheinung der vollständigen Uberwach- 
sung fliessender Gewässer durch Schwingrasen einzugehen. 
Zuerst hat uns Schweinfurth^^^) auf das Vorkommen 
dieser Flussüber wachsung aufmerksam gemacht. Abgesehen 
von einigen mit den halbschwimmenden Horsten der Phry- 
nienstauden bedeckten Sumpfflüssen überschritt er in etwa 
5^50' N. Er. und 28^30' Ö. L. die beiden dem Jubbo, 
einem Nebenfluss des Kibali-Uelle-Makwa, tributären Wiesen- 
gewässer Jabo und Jabongo, welche sich auf unterirdi- 
schem Wege unter ihrer frisch grünenden Decke bewegen.*) 
Weiter südlich aber, zwischen 2^10' und 3^ N. Br. und 
28^5' und 28^50' Ö.L. liegt die Gegend der eigentlichen Fluss- 
wiesen, der Obä. Casati^^^) erwähnt kurz, dass er im 
Bomokandigebiete viele Sümpfe angetroffen habe, die wahre 
Flüsse sind, mit angehäuften Kräutern bedeckt, welche ein 
elastisches Bett bilden, in das man häufig mit Leichtigkeit bis 
zum Knie einsinkt. Der Wanderer bemerkt oft nicht, dass 
er sich auf einem Flusse befindet, so dass er Gefahr läuft 
zu versinken. Auf grösseren Strömen, wie der Mäka und 
Mola, gestaltet sich die Überschreitung für Menschen oft 
sehr schwierig, für Tiere mit grossem Gewicht fast unmög- 
lich. Die beste und ausführlichste Schilderung dieser Fluss- 
wiesen gibt uns Junker^®^). Er überschritt zweimal ein 
^em ßomokandi tributäres Gewässer, das damals einen 
trockenen, sehr breiten Sumpf darstellte. Es hat seinen 
Ursprung in einer ganz nahen, scharf umgrenzten Niederung 

*) Herr Prof. Dr. Schweinfurth bestätigte mir kürzlich brieflich 
die Obäeigenschaft dieser Flüsse. 


~ 26 — 

und zieht in der Regenzeit träge dem Obu, einem Neben- 
flusse des Bomokandi, zu ^•^). Leider verschweigt uns Junker, 
welche Beschaffenheit der Schwingrasen des Obä in der 
Trockenheit hatte. Da kaum anzunehmen ist, dass sich die 
Pflanzendecke wie ein unbiegsames Brett über dem wasser- 
losen Hohlraum gespannt erhält, müsste sie gleich einem 
beiderseits aufgehängten Teppich, welcher der Unterlage 
entbehrt, sich vermöge ihrer eigenen Schwere in der Mitte 
senken und bei grosser Tiefe des Flussbettes abreissen, so 
dass das Rinnsal ausgefüllt würde — ein Vorgang, den 
Senft^^^j bei der Verwachsung der Seen so anschaulich 
schildert. Wahrscheinlich hat Junker unter Trockenheit 
jenes Obä ein Freisein der Pflanzenoberfläche von Wasser- 
tümpeln verstanden. 

Die meisten Obä gehören dem Stromgebiet des N 6p o k o , 
des Oberlaufs des Aruwimi, an. Junker kreuzte zweimal das 
Obä des Mämä und Mgofu, des Oberlaufs des Hauptobä Mäka^^^l, 
südlich von welchem noch vier Obä dem Hauptstrome zufliessen. 
Weiter westlich wanderte der Reisende einem kurzen Obä 
entlang, das von der Wasserscheide des Bomokandi und 
Nepoko südwärts fliesst, überschritt ein etwa i8o m breites 
Obä, hierauf das zweite und grösste, 600 m breit, das den 
Mittellauf des schon weiter oben angetroffenen Obä Mäka 
bildet ^®^). Es folgten dann noch zwei 350 und 400 m breite 
Flusswiesen ^^•), welche sich bald darauf vereinigen. Der 
Mäka wurde im Westen liegen gelassen. Er mündet unfern 
der Stelle, wo Junker den Nepoko erreichte, als klares 
Wasser in diesen. Westlich vom Mäka soll noch ein anderes 
Obä, Ngadda, dem Nepoko zuströmen. Auf der Rückreise 
machte der Forscher ziemlich den gleichen Weg. 

Die Obä fliessen in einem flachen, gleichförmigen Ge- 
biete mit sehr geringem Neigungswinkel ^*'), sind bis zu 600 m 
breit und mit 30—60 cm hohem Grase, selten mit Papyrus- 
horsten bedeckt. Beim Betreten der schwingenden Decke 
senkt sich langsam der elastische Boden unter der Last und 
schwillt hinter dem aufgehobenen Fusse wieder empor. Der 
Gang wird höchst unsicher und ermüdend, wie auf einem 
ausgespannten Sicherheitsnetze der Akrobaten, weshalb die 


— 27 — 

Neger mit ausgestreckten Armen, um das Gleichgewicht zu 
erhalten, das Obä überschreiten. Der Weg über die Obä 
ist durch niedergetretenes Gras vorgezeichnet; doch bricht 
man an einzelnen Stellen plötzlich mit einem Beine bis zur 
Hälfte durch, wobei aber der kundige Eingeborene sofort 
das Bein im Knie biegt und so ein tieferes Einsinken ver- 
hindert. Im allgemeinen ist der Übergang für den Menschen 
nicht gefährlich. Grössere Tiere wie Antilopen, Büffel, Ele- 
phanten, sind wegen ihrer schmal gebauten Füsse oder in- 
folge ihrer Schwere, wenn sie sich auf die Obä verirrt haben, 
verloren und fallen dem Neger, der sie wohl auch auf seinen 
Jagden dorthin treibt, zum Opfer, ähnlich wie es dem Wilde 
in den „Kuhwampen" der bayerischen Moore ergeht 

(S. S. I2)^*«j. 

Die Obä sind demnach eine stabile, zusammenhängende 
und verfilzte Gras Vegetation, die vom langsam darunter hin- 
fliessenden Wasser getragen wird. Sie bedecken jene Zu- 
flüsse des Nepoko-Aruwimi auf 20 — 70 km Länge ^^®). Sie 
haben eine entfernte Ähnlichkeit mit den Grasbarren, den 
Ssedds, im oberen Nil. Der bedeutende Unterschied besteht 
aber darin, dass, wie Günther^'^J hiezu bemerkt, bei den 
Obä die Vegetation sich am primären, bei den Ssedds 
am sekundären Ort befindet; denn der Ssedd wird haupt- 
sächlich durch zusammengetriebene und gestaute Grasinseln 
gebildet, die, durch die Strömung aneinandergepresst, ver- 
wachsen, während die Obä durch Wasservegetation an dem- 
selben Orte, wo sie angetroffen werden, entstehen und stabil 
bleiben. 


3. Schwimmende Inseln. 

Von schwimmenden Inseln in fliessenden Gewässern 
kommen hauptsächlich drei Arten in Betracht: 
a. Baumstammkomplexe; 

(i. Losgetrennte Uferstrecken mit Gras- oder Baum wuchs; 
/. Grasinseln, welche sich aus zu einander gesellenden 
treibenden und mit Erdkitt verbundenen Pflanzen 
bilden. 


— 28 — 

Jede der drei Arten kann zur Verlandung und pflanz- 
lichen Verschiebung von Flüssen führen, wie sie Früh^^^i 
und Penck^'^l schildern. 

a. Schwimmende Baumstammkomplexe gehen 
meistens hervor aus Uferwaldstrecken, welche durch reissende 
Strömung, besonders zur Zeit der Hochwasser losgetrennt 
werden, wobei oft die Erdteilchen sich im Wasser loslösen 
und der nackte Stamm weitertreibt. Da hier nicht der Ort 
ist, dieses Phänomen eingehend zu verfolgen, das seine 
grösste Ausdehnung im Mississippi, Orinoko, Ama- 
zonas, Kongo und den arktischen Flüssen hat, aber 
auch sonst überall auftritt, wo reissende Ströme das Ufer 
unterspülen und Orkane die geknickten Bäume in den Fluss 
schleudern, so sei nur an Hand eines Beispiels der Vorgang 
erläutert. Penck^'^) schildert als Konsequenz der nord- 
amerikanischen Swamplandschaft : „Es entstehen (durch Unter- 
spulung des Uferlandes] schwimmende Wälder, welche ge- 
legentlich forttreiben können und als schwimmende Inseln 
sich im Flusse bewegen, bis sie irgendwo festfahren, den 
Fluss verbarrikadieren und denselben einen neuen Weg ein- 
zuschlagen nötigen. Derartige schwimmende Waldin$eln, 
welche zuweilen auch auf der unteren Weser [s. Waak- 
hausen] vorkommen, sind als Snags oder Sawyers(Snag" 
Höcker, Sawyer =^ Säger) am Mississippi ziemlich häufig.'^ 
Lyell"^) erzählt uns solche Verbarrikadierungen des Red 
River und Mississippi in seiner anschaulichen Beschreibung 
der „Rafts*' (Flösse). Wenn die treibenden Baumstämme 
sich oft als sog. Snags in den Grund einbohren, verfangen 
sich Sand, Geröllmassen und Pflanzen im Ast- oder Wurzel- 
werke, und es bilden sich Inseln oder Halbinseln , auf denen 
oft die Vegetation zur Herrschaft kommt. Diesen Vorgang 
beschreibt ausführlich Senft^''*), ebenso Frauenfelder^'^) 
in seiner Studie über die Entstehung der Flussinseln; LyelP'*) 
führt ein konkretes Beispiel von den ,.Mud-lumps** im Missis- 
sippidelta an (vergl. Hahn, Inselstudien, S. 174). Deckert^'') 
nennt die zur völligen Verstopfung einiger Flüsse der Atlan- 
tischen Niederung führenden Treibholzmassen „jams". Der 
Reichtum an Treibholz hat dem grössten Nebenflusse des 


— 29 - 

Amazonas den Namen Madeira, Holzfluss, gegeben^'*). — 
Meyer"^) erzählt von vielen Meter hohen Barrieren ange- 
schwemmter und in den Fluss gestürzter Baumstämme im 
Rio Formoso, einem Nebenflusse des Xingü; mit Axt und 
Säge muss man dem durch Gestrüpp und Schlingpflanzen 
befestigten Holzdamme zu Leibe rücken. Ähnliches ersehen 
wir aus Grenfells^®®) Bericht über den oberen Kongo. 

ß. Schwimmende Grasinseln in Flüssen, gewöhnlich 
hervorgegangen aus Stücken vertorften und unterspülten, 
pflanzenbekleideten Ufersaumes, führen gewöhnlich nicht zur 
Verlandung eines Flusses, da sie bald untersinken oder sich 
auflösen. Immerhin werden wir sie später als Hauptfaktor 
bei der Bildung von Pflanzenbärren in einigen Flüssen treffen. 
Die Bildung schwimmender Inseln aus grossen mit Bäumen 
bestandenen Festlandstücken, die wir schon oben 
besprochen haben, schildert sehr anschaulich Bates^®^) bei 
Gelegenheit eines Ufersturzes am Amazonas. 

;'* Schwimmende Inseln aus massenweise sich gesel- 
lenden treibenden Pflanzen mag es in sehr vielen, 
namentlich tropischen Flüssen geben. Schwein furth ^®®) 
erzählt uns ja von der Unmasse schwimmender Vegetation aut 
der Havel zwischen Potsdam und Brandenburg. Living- 
stone^^^j sah am Ende der Regenzeit im Lualaba bei 
Nyangwe ausser vielen Bäumen auch Wasserpflanzen in 
grosser Menge treiben. Einen eigentümlichen Charakter 
scheint ein Nebenfluss des unteren Sanga, der Likuala — 
zum Unterschied von dem weiter westlich dem Kongo zu- 
strömenden Likuala (Mosaka) von den Franzosen auch Li- 
kouala aux Herbes genannt — zu haben, der auch unter 
0^ 15' S Br. mit dem nahen Kongo durch Bifurkation in 
Verbindung steht ^^^). Er liegt inmitten der Sumpfregion 
des einstigen Sanga-Ubangi-Binnensees ^®^) , kommt wie sein 
sumpfiger, träger Nebenfluss Baily aus einem weiten Morast- 
gebiet, das besonders in der Regenzeit unzugänglich ist, und 
hat infolge des Pflanzendetritus schwärzliches Wasser.*) 

') Da hier nicht der Ort ist, auf die Farbe der Flüsse einzugehen, sei 
auf die auch aus Afrika u. s. w. zahlreiche Belege bringende schöne Studie 
von ReindP^**) über die schwarzen Flüsse Südamerikas hingewiesen. 


^ - 30 - 

Sonderbarerweise berichten die Forscher, die ihn anscheinend 
ohne natürliches Hindernis befuhren, wenig von der typischen 
Beschaffenheit, derentwegen ihm der Name Likouala aux 
Herbes beigelegt wurde. Nur Thiery^®') erwähnt, dass 
sein mit Pflanzen gefüllter Lauf ihm mehr das Ansehen einer 
ungeheuren Marsch gebe, und Wauters^*®) sagt in seiner 
Zusammenfassung über das Sangagebiet von dem Flussbett 
des Likouala „le canal obstrue d'herbes". Nach Jobit^®^) 
treiben in diesem Flusse grosse Mengen von Pistien abwärts. 
Ob wir es also bloss mit einer Durchwachsung oder mit 
einer- Überstopfung des Flussbettes durch angeschwemmte 
Pflanzen zu tun haben, steht noch dahin. 

Der Schire soll nach Livingstone^*^;, der ihn zu 
Anfang d. J. 1859 das erstemal befuhr, eine beträchtliche 
Menge Wasserpflanzen mit sich führen, die aus einer west- 
wärts gelegenen Seitenlagune, „See des Schlammes genannt", 
in den Fluss kommen. Diese Pflanzen (Pisiia stratiotes) 
veranlassten eine zur Weiterreise unlustige portugiesische 
Expedition zu der Lüge, man könne infolge der Dichte dieser 
Pflanzen nicht einmal mit Baumkähnen hinauffahren. E. F o a ^^^) 
bestätigt, dass der Schire auf 30—40 Meilen stinkende Sümpfe 
durchläuft, „en serpentant au milieu d'une Vegetation mi- 
aquatique*', und H. H. Johnston^*^) erwähnt, dass überall 
die stehenden Gewässer mit Wasserlilien und Papyrus be- 
standen seien und die ,*,narrow inlets blocked by the Pistia 
stratiotes". Aus diesem Bereich erhält der Fluss die treiben- 
den Pflanzen. Mauch^*^) erzählt, dass selbst im Sambesidelta 
noch schwimmende Süsswasserpflanzen , die hauptsächlich 
vom Schire herabgebracht worden seien, zu sehen sind. 

Am bekanntesten von den schwimmenden Krautinseln 
sind wohl die Camelotes desParanä, die nach Hahn^^^j 
bei Überschwemmungen bis nach Montevideo und wohl noch 
weiter in das offene Meer hinaus gelangen. Sie stammen 
zum Teil auch aus den grossen Nebenflüssen, wie aus dem 
Salado, der nach Church^®^; stets eine ungeheure Menge 
schwimmender Pflanzen mit sich führt. Eine treffliche Schil- 
derung dieser schwimmenden Inseln während der Über- 
schwemmungen im Sommer 1905 verdanken wir dem Kapitän 


_ 31 - 

des Dampfers „Sicilia'' Schubart^**). Die ganzen Fluss- 
niederungen des Paranä waren in ein meilenbreites Meer 
verwandelt, so dass man die Fahrwassergrenze nicht mehr 
erkennen konnte. Eine ungehetu'e Menge Kraut, oft grosse 
schwimmende Inseln bildend, schwamm flussabwärts. Stellen- 
weise war es derartig zusammengetrieben, dass der Fluss 
einer grünen Wiese glich. Kleinere Dampfer müssen stets 
auf der Hut sein, ihre Schraube klar zu behalten. Die zur 
Markierung des Fahrwassers verankerten Tonnen wurden 
häufig durch den Druck der sich sattelförmig herumlegenden 
und immermehr wachsenden Cameloten vertrieben, so dass 
oft Schiffe, irregeleitet, strandeten. Das Anlegen an den 
Ladestellen wurde dadurch unmöglich gemacht, dass die zur 
Befestigung der Leinen am seichten Ufer ausgesandten Boote 
nicht durchdringen konnten. Man vermochte höchstens unter 
ständigem Benutzen der Maschine den Bug schief gegen das 
Ufer zu halten, die Trift der Krautinseln dadurch von dort 
abzuschneiden und ausserhalb des Schiffes vorbeizuleiten; nun 
konnte das Bootin demWinkel zwischen Land undSchiff arbeiten. 
Lag dann das Schiff an seinem Platz, so sammelten sich bald ge- 
waltige Mengen von Cameloten vordem Bug und der Ankerkette ; 
ja der Heckanker wurde durch den Druck stromabwärts 
gezogen, und die in der ganzen Drahtlänge nachschleppen- 
de Insel diente als Anker. Grosse Mengen von Alligatoren 
trieben, auf dem Kraut liegend, an dem Schiflie vorbei. Man 
stellte ihnen sowie den Rieseneidechsen, Schlangen und 
Schildkröten auf der zwischen dem Lande und der Anker- 
kette vor dem Schiffsbug festgehaltenen schwimmenden Insel 
nach. Diese Insel erlangte durch das dauernde Antreiben 
von Cameloten einen derartigen Festigkeitsgrad, dass ein 
Wagen hätte darüber fahren können. Wenn es zu keiner 
wirklichen Verstopfung des Flusses kam, so ist dies wohl 
nur der ungeheuren Breite der Wasserfläche und der starken 
Strömung zuzuschreiben; auch die Gezeiten üben hier wohl 
ihren Einfluss aus. 


B. !Die Pnanzenbarren der Flüsse. 

Es ist eine allgemein bekannte Erscheinung, dass viele 
Flüsse der gemässigten und kalten Zone im Winter ain 
Rande zugefrieren, dass von diesem Eissaume bei starkerj 
Strömung Stücke weggerissen werden, als schwimmende 
Eisschollen flussabwärts treiben und sich an engen oder ge- 
wundenen Stellen des Flusses ansammeln, aufstauen und, 
mit dem Randeise zusammengefrierend, den ganzen Strom 
der Breite nach überstopfen. Erst die Frühjahrssonncj 

schmilzt das Eis und löst die Barre auf. Oder es kommt! 

■ 

schon früher durch die gewaltige Stauung und Pressung* zu 
einem Bersten der Eisdecke, was dann die gefürchteten „Eis- 
stösse'' im Gefolge hat. 

, Eine gleiche Wirkung wie das Eis vermögen auch die 
Pflanzen hervorzurufen, namentlich in der heissen Zone. Gras- 
flecke des Uferschwingrasens oder schwimmende Pflanzen- 
inseln in Hinterwassem werden von der Strömung abwärts 
geführt und stauen sich an geeigneten Stellen, mit dem dor- 
tigen schwimmenden Ufersaum verwachsend, zu wahren 
Pflanzenbarren auf. Aber während gemässigte Breiten 
nur wenige Wochen und nur bei einigen ohnehin zu res^cl- 
mässiger Schiffahrt wenig geeigneten Flüssen, wie z. B. 
unseren bayerischen Alpenströmen, unter diesen Eisbarren 
zu leiden haben, sind die Tropenbewohner häufig jahrelang 
durch die Pflanzenbarrieren ihres oft wichtigsten Verkehrs- 
mittels, der freien Wasserstrassen, beraubt. 

Wenn wir im folgenden uns nicht allein auf die Unter- 
suchung über Verstopfung der Flüsse durch schwimmende 
Pflanzeninseln beschränken, sondern auch Fälle offenkun- 
diger totaler Durchwachsung und Uberwachsung in unsere 
Abhandlung einbeziehen, so mag dies mit der Tatsache ent- 


— 33 — 

schuldigt werden, dass abgesehen von der verhältnismässig 
seltenen Barrenbildung vom Typus der Ssedds auch jene 
anderen Phänomene von einigem Interesse sein dürften. 

Freilich muss man die oft ungenauen und sich wider- 
sprechenden Berichte der Reisenden mit Vorsicht aufnehmen; 
denn auch auf diesem Gebiete hat manche Unwahrheit und 
Übertreibung Platz gegriffen, wie uns das Beispiel der por- 
tugiesischen Schireexpedition (s. S. 30) zeigt. Wer kennt 
nicht die Sage von den „undurchdringlichen Tangwiesen" 
westlich von den Azoren, die im Anschluss an Columbus' 
Berichte immer und immer wieder aufgetaucht ist? Krüm- 
meP*') hat die Fabeln von einer Pflanzenbarre im Atlan- 
tischen Ozean in seiner zusammenfassenden Abhandlung 
über die Sargasso-See kritisch beleuchtet. Auch Gün- 
ther^®*) behandelt diese Sagen. 


1. Pflanzenbarren in Europa, Asien und 

Amerika. 

I. Pflanzenbarri&ren in Europa. 

Klinge ^^) hat uns in einer meisterhaften Untersuchung 
über das Verwachsen der Gewässer mehrere Beispiele von 
verwachsenden Gewässern im Ostbaltikum, namentlich 
im Peipus-See und* dessen Zu- und Abflüssen, gegeben. 
Zuerst arbeiten flutende, schwimmende und untergetauchte 
Gewächse, die an solchen Stellen der Flusserpentinen sich 
am günstigsten entwickeln, welche von der Stromrichtung 
nicht getroffen sind, im Verein mit dem zwischen ihnen ab- 
gelagerten Detritus vor. Es sind hauptsächlich nachbenannte 
Pflanzen, welche zu wurzeln anfangen:**^) 

Butomus umbellaius L. 

Sagittaria sagittaefolia L. 

Glyceria tiquatica Wahlberg 

Acorus Calamus L. 

Arundo Phragmites L. 

Scirpus liictistris L. 

Deuerlin^. Die Pflanzenbarren. 3 


— 34 — 

Graphephorum arundinacemn Ascherson. 

Ranunctäus Lingua L. 

Oenemihe aquatka Lamk. 

Cicuta virosa L. u. s. w. 
Diese Gewächse wirken durch Massenentw*icklung da- 
rauf hin, das Gefälle des Flusses, welches schon durch die 
erste Pflanzenansiedlung geschwächt worden war, durch das 
vollständige Überziehen des Flussbettes gänzlich aufeuheben. 
Das Flusswasser hört bald zu fliessen auf, sickert aber 
zwischen Stengeln und Wörzelchen hindurch und setzt noch 
feinerai Detritus ab, der gldchsam von der Vegetation ab- 
filtriert wird. Zugleich aber verbreitem diese meist rohr- 
und schilfartigen Wassergewächse ihren V^etationsboden 
durch Stauen des Flusswassers und ermögUchen so eine 
noch grössere Ausdehnung ihres Nachwuchses. 

Die Pflanzen versperren dem Flusse allmähUch voll- 
ständig den Weg imd nur wenn bei Hochwasser oder bei 
plötzUch eingetretenem Auftauen der Gewässer die Strom- 
geschwindigkeit besonders erhöht ist, vermag die Strömung 
den Pflanzenwall zu durchbrechen. Dabei werden gleich- 
zeitig die mit den Wurzeln festgefi'orenen Pflanzenrasen 
plötzhch gehoben, aus dem Zusammenhange mit der übrigen 
Pflanzendecke gerissen und zerstückelt. Dann sieht man 
solche Pflanzeninseln im Strome treiben und dorthin geführt, 
wohin der Wind weht; nach der Überschwemmung findet 
man viele metergrosse Rasenstücke am Ufer hegen. Ob es 
dabei zu einer Art Sseddbildung kommt, ist aus Klinges 
Bericht nicht ersichthch. Jedenfalls ist die Strömung zu 
stark, der überlaufende Fluss zu breit und die inselauf- 
fangende Pflanzenmasse zu sehr überflutet, als dass es zu 
einer Verbarrikadierung käme. 

Das Ostbaltikum hat viele Beispiele für vollständig 
durchwachsene Flüsschen aufzuweisen. Sucht auch der Fluss 
seitlich dem Vordrängen der Vegetation auszuweichen und 
zwar meist unter dem Winde, so erweist sich doch die Ver- 
einigung der Pflanzen häufig kräftiger als das fliessende Ge- 
wässer und füllt das Flussbett so vollständig aus, dass nur 
noch eine eigentümliche Vegetation das verschwundene Fluss 


- 35 - 

bett bezeichnet. Es bedarf keiner Strömung, um Bäche ver- 
sumpfen und verwachsen zu lassen, wobei die Durchwach- 
sung gleichzeitig an mehreren Stellen , gewöhnlich aber im 
Quellgebiet beginnend, allmählich dem Laufe folgend tal- 
wärts fortschreitet. 

Die oben angefbhrten Pflanzen insgesamt vergesell- 
schaftet bringen im A r dl a- Flusse bei Dorpat, der einen 
fast völlig verwachsenen See gleichen Namens durchsickert, 
eine Pflanzenbarre zustande. 

Der Woo, ein südwestlicher Zufluss des Peipus, ist 
bald nach dem Verlassen der Seen des Oberlaufes von 
Nymphaeen, Potamögetonen und Ranunculus aquatüis bedeckt 
und im weiteren Laufe ist überall eine vollständige oder 
teilweise Durchwachsung des Flussbettes zu sehen. Abge- 
sehen von dem infolge der geringen Bodenneigung schon 
an und ftir sich geringen Gefälle wird die Strömung durch 
& zahlreichen Fischwehre (40 an der Zahl) stellenweise 
fast aufgehoben ; Verwachsung des Flussbettes, Versumpfung 
dei- Uferränder, seitliche Durchbrüche (z. B. Entstehung von 
grossen Schlingen im Embach, einem anderen Zufluss des 
Peipus-Sees) und Entstehung von Flussteichen und Buchten 
sind die Folge. Klinge^®^) beschreibt uns, wie er beim 
Dorfe Käpa an einer Stelle nur schwer mit dem Boote 
durch das vollständig verwachsene Flussbett zu rudern ver- 
mochte. Bald darauf traf er das Wasser derartig bedeckt 
von Potamogeton natans^ Potamogeton perfoliatus var. ebur- 
neus, Nuphar luteum, Myrtophy llum- Arten ^ Sagittaria sagiU 
idefolia und der flutenden Form von Buiomus umbellatus 
und anderen Gewächsen, dass das Boot nur durch Stossen 
mühsam fortzubewegen war. Selbst die schilfartigen Ge- 
wächse wie Typha latifolia, Scirpus lacustris und Acorus 
Calamus, die Grundformen von Butomus umbellatus, Glyceria 
^uatica Whlbg. , Graphephorum arundinaceum Aschs. und 
Armdo Phragmttes bedecken oft das ganze Flussbett, so 
dass nur schwer eine Fahrstrasse zwischen diesen flutenden, 
schwimmenden und schilfartigen Wassergewächsen gefunden 
^Verden konnte. Vor dem Dorfe Moskülla konnte das Boot 
kaum durch die dichten Beete von Potamogeton natans 

3* 


- 36 - 

dringen*®*). Im Bentenhof sehen Gebiet und unterhalb des 
Dorfes Paidra erfüllt oft streckenweise die flutende Form von 
Btäomus umbellatus (Schwanenblume) den Woo vollständig» 
ohne indess ein Hindernis für die Schiffahrt zu bilden, eben- 
sowenig wie das Potatnogeton lucens L., var. langifolius Gay, 
das später in den stark strömenden Teilen des Woo zur aus- 
schliesslichen Alleinherrschaft gelangt *^). 

Nachdem der Woo in seinem Mittellaufe sich durch 
Devonschichten in schnellem Laufe, unterbrochen von vielen 
Steinen und Baumstämmen im Flussbett, durchgearbeitet hat, 
wird sein Gefalle von Friedholm an wieder minimal und das 
zurücktretende Ufer niedrig. Seichte Stellen sind mit 
Stratioies aloides oder Oenanthe Pkellandrium bedeckt; 
stellenweise herrschen Mmyantkes Urifoliata, Butomus umbel- 
laius,Sagitiaria sagttiaefolia,Ranunculus aquatilis, Nymphacem 
und Potamogetonen. Weiterhin ist der Lauf der Strömung 
in einer Massenentwicklung von Wassergewächsen oft schwer 
zu verfolgen. Einige Teile der Wasseroberfläche sind von 
einem dichten Filz von schwimmenden und flutenden Wasser- 
pflanzen bedeckt, aus welchem die Blüten von Polygonum 
ampkibmm, Nymphaea cUba, Nuphar luteum und Ranuncvdus 
aquatilis hervorleuchten*®*). 

Klinge^^ unterscheidet 5 Etagen in Bezug auf die 
Höhenentwicklung des dominierenden Wassergewächses. 

Eine ausgedehnte Pflanzenbarre ist in Polnisch-Livland 
an dem Du be na -Flusse^ oberhalb des Gutes Arrendol; 
sie umfasst mehrere Quadratkilometer und ist aus Acorus 
Calamus L. gebildet. 

Die bisher genannten Barren gehören der Gattung 
„rush-drain" an, sie sind infolge Durchwachsung entstanden. 
Aber es zeigen sich im Ostbaltikum auch Ueberwachsungen 
des Flussbettes, ein der Obä-Bildung ähnlicher Vorgang. 
Die von Pflanzenmassen überdeckten Bäche und Flüsse 
schleichen oder sickern unterirdisch weiter. 

Der Kirkumäh-Jerw (deutsch: Kirchenberg-See) m 
Livland ist namentlich im S und W stark verwachsen ; eine 
breite Zone von Grasmoor- und Moosmoorbildung umgibt ihn 
undseinen Relikten, den Peddetz-SeeimS. Die P e d d e t z ^f 


— 37 - 

der Abfluss der beiden Seen, war Anfangs der 8ocr Jahre 
noch sichtbar, ist aber jetzt infolge völliger Oberwachsung 
verschwunden. Auch der zweite Abfluss des Peddet2*Sees 
ist vollständig tiberwachsen und die Peddetz selbst, welche 
heute nur mit einem Abfluss dem See entströmt, ist hin und 
wieder durch Überwachsungsmassen überbrückt. 

Auch der Walge-Jerw (deutsch: der Weisse See) in 
Livland besitzt im W und SW einen weiten Verwachsungs- 
gürtel Der ziemlich breite Ausfluss des Sees ist mit der 
Zeit stellenweise vollständig von Pflanzensubstanz überbrückt 
worden, so dass man an diesen Stellen sicher über den unter- 
irdisch fortströmenden Fluss hinwegschreiten kann*®'). 

Natürlich sind auch die Seen und Flüsse Livlands für 
Schwingrasenformation begünstigt, wie sie nach Klinge*^) 
im Keri-See bei Dorpat (gebildet aus Graphephorum arun- 
dinaceum Aschs.) und im oberen Embach sich »findet. 

Aehnliche Überwachsungen von Flüssen scheinen nach 
Pokornys^^) Vermutungen früher in den Läps der 
ungarischen Ebenen vorgekommen zu sein. 


2. Pflanzenbarridren in Asien. 

In Niederbengalen und Assam breitet sich ein 
grosser Sumpf in der Gegend zwischen Silhat, Comilla und 
Maimensing aus. Vielerlei Wasserpflanzen vereinigen sich, 
um nicht nur Barren in* den Strömen, sondern auch während 
der jährlichen Hochfluten des Ganges, Brahmaputra und 
Surma eine dichte Masse schwimmender Vegetation zu bilden 
in einer Ausdehnung von über i6o qkm. Während der 
Überschwemmungen bildet das Wasser das einzige Ver- 
kehrsmittel; abseits von den Hauptströmen können sich die 
Bewohner nur von einer Höhe zur anderen begeben, wo 
die Dörfer auf isolierten, künstlich erhöhten Dämmen oder 
Flussufern erbaut sind. Den Verkehr bewerkstelligen sie 
durch die schwimmenden Pflanzen längs der geraden Gäss- 
chen, welche von den Handelsbooten künstlich offen gehalten 
werden. Die Hauptbarrenformer, die Pistien, backen sich 
zu einer Dichte von 18—70 cm zusammen, so dass sie nicht 


- 38 - 

bloss Vögel, sondern oft auch einen Mensch^i zu tragen 
vermC^en. Diese schwimmenden Pflanzenmassen wachsen 
in einem Wasser, das nur eine langsame Strömung von N W 
nach S O besitzt; wenn sie in die genannten Hauptströme 
gedrängt werden, vermögen sie nicht deren riesige Breite 
zu verstopfen, sondern lösen sich allmählich auf. 

C. B. Clarke, dem Hope**^ diese Schilderung ent- 
nimmt, findet viele Arten der die Ssedds bildenden Nilflora 
in diesen bengalischen Pflanzenbarren vertreten, z. B. 

Cypertis cephcdotes Vahl. 

Cyperus plaiysfylis, R. Br. 

Aeschynomene aspera, Linn. oder Aesckynomene indica, 
Linn. ^M (2 m hoch, in Indien ,Solah' genannt) 

AzoUa ptnnata, R, Br. 

Ottelia alismoides, Pers. 

Vqssia-procera, Griff. 

Trapa natans, Linn. 

Pistia stratiotes, L. 

Aldrovanda vesiculosa, L. (sehr selten) 

Nymphaea Lotus, L. 

Nymphaea stellata, Willd. 

Ceratopteris thalictroides, Brongn. 

Monochoria natans, Beauo. (ähnlich der Eichhornia cras- 
sipes, Sohns) ^\ 

C. B. Clarke setzt hinzu, dass all das Unkraut der 
Reisfelder auch auf den schwimmenden Pistienmassen zu 
wachsen vermag; selbst. Schösslinge von Bäumen, wie 
Bombax und Erythrma erscheinen oft reichlich auf der 
schwimmenden Pflanzenmasse. 


3. Pflanzenbarri^ren in Amerika« 

Im Gebiete von Alabama in Nordamerika besitzen 
alle Flüsse der östlichen Golfniederung ein sehr geringes 
Gefälle. Besonders der Hauptstrom, der Mobile-River, 
zeigt dies durch die starken Windungen seines Laufes. Die 
Schiffahrt wird aber nicht nur durch die von den Hochfluten 


— 39 — 

fortgerissenen und in den Biegungen als „Snags" festge- 
fahrenen Baumstämmen gehindert, sondern auch eine sehr 
üppige Wasservegetation von Pistia stratiotes und Eich- 
hornta crassipes zwingt den Fluss zu Laufveränderungen *^ ^) 

Die Ströme Floridas sind infolge der mangelnden 
Erhebung des Gebietes Seenströme. Der wichtigste ist der 
St. John-River. Er durchfliesst eine Reihe von Seen und 
nimmt unterhalb Palatka durchgängig Seenbreite an; er 
mündet unfern Jacksonville. Verschiedene Stromengen mit 
Untiefen sind aber vorhanden. Sein ganzes Gefälle beträgt 
kaum i6 m. Nach den neuerdings vorgenommenen Regu- 
lierungsarbeiten ist er bis Palatka für 3 m tiefgehende 
Dampfer und bis zum Monroe-See, 350 km von der Mündung, 
für I m tiefgehende fahrbar ^^*). Die langsame Strömung 
lässt aber im Flusse, seinen Seitencreeks und den Seen eine 
feste, dichte Masse von Wasserhyazinthen, Eichhornia spectosa^ 
Kunth. {syn.Eichh, crassipes,So\ms^='Pioropus crasstpes,hv\iton) 
und Pistien^^^) aufkommen, welche aber durch die Hoch- 
wasser der sommerlichen Regenzeit und durch den Wind 
losgerissen und in grossen Massen als schwimmende Inseln 
weitergeführt werden, bis sie oft die engeren Stellen des 
Stromes gänzlich verstopfen ^^®) ; denn vom Ufer aus wachsen 
hier die gleichen Pflanzen weit ins Wasser vor, welche die 
neu angeschwemmten, aus verwickelten Pflanzenblöcken be- 
stehenden Massen aufhalten. 

Der linksseitige Nebenfluss des St. John-River, der 
Okiawaha, wird jetzt 150 km weit von ansehnlichen 
Dampfern befahren. Aber auch ihm drohen stets in seinen 
Engen, wie dem Hauptfluss, mehr oder minder vollständige 
Verstopfungen durch Naturflösse aus Treibholzstämmen und 
schwimmenden Inseln. Der Kissimee, der Hauptzufluss 
des Okeechobee-Sees, ist dem Okiawaha in jeder Beziehung 
ähnlich. Der See ist zeitweise mit der schon geschilderten 
Sumpfwildnis der Everglades durch unterirdische Kanäle 
verbunden ^^'). 

Bei den Flüssen Südamerikas verbinden sich oft 
Treibholzflösse und schwimmende Pflanzen, um das Strom- 
bett zu verbarrikadieren. Die Seitenkanäle des Magdaleiten- 


— 40 — 

Stromes, der viel Treibholz mit sich führt ^^®), werden oft 
zeitweise so mit Holz und verwickelter Vegetation versperrt, 
dass der Fluss diese Kanäle verlässt und sie erst nach den 
reinigenden Hochfluten wieder einnimmt. 

Der etwa loo km lange Dique verbindet den Magda- 
lenenstrom mit der Bai von Mantunilla in lo® S. Br. südlich 
von Cartagena ; seine Breite schwankt zwischen 70 und 100 m. 
Aber er verschlammte derart und wurde an einigen Stellen 
so mit Vegetation verstopft, dass Teile seines Laufes zeit- 
weilig ganz trocken sind oder nur einige Centimeter stehendes 
Wasser aufweisen. Eine Reinigung des Flusskanals für den 
Handelsverkehr scheiterte an der Finanznot des Landes ^^®). 

> 

Im Essequibo und anderen grossen Flüssen Guianas 
zeigen sich ebenfalls von Zeit zu Zeit ernste Pflanzenver- 
stopfungen ^^). R o d w ay beschreibt dies nach H o p e ^^^) 
folgendermassen : Verschiedene Arten von Leguminosen, ein- 
schliesslich Drepanocarpus lunatus, Muellera moniliformis, 
Hecastophyllum Brownii bilden feste Dickichte und breiten 
sich so weit als möglich vom Ufer weg aus. Ihnen ist ein 
Gürtel von Mocca-Mocca vorgelagert. Diese ungeheure 
Arumpflanze, Montrichardia arÄor^^c^;«^*)^ im Wasser wachsend, 
entwickelt grosse keulenartige Stengel, welche möglichst 
nahe zusammenwachsen, so dass sie wie Pallisadenreihen 
von 4 m Höhe und mehr über die Oberfläche ragen. Und 
als wenn dies nicht genügte, verankert sich noch dazu das 
Gras der schwimmenden Inseln, Panicum elephantipes, und 
breitet sich quer aus, soweit es die schnelle Strömung erlaubt. 
Bei Hochwasser werden durch die rasenden Fluten von der 
in der Trockenzeit üppig gedeihenden Vegetation 15 und 
mehr Meter grosse Stücke losgerissen und bis ins Meer ge- 
führt, von welchem sie wieder in grossen Haufen an den 
Strand gespült werden und so die Küstenlinie erweitern. 
Zur reinen Grasvegetation kommen auch öfters herabge- 


*) Diese Pflanze wird auch von Rieh. Schomburgk*-') und 
J. Deydier*") als „moueou-moueou" erwähnt und Heilprin*-*) 
beschreibt die riesenhaften aus „muck-a-muck" {MoHtrichardia arbonscens) 
und Rohr gebildeten Dickichte des benachbarten Demerara-Flusses. 


— 41 — 

schwemmte Bäume, welche wieder als Pflanzenfänger wirken 
und fortwährend Holz und Gras aufhalten, so dass schliess- 
lich über diesen ungeheuren Block neues Gras wächst und 
eine vollständige Pflanzenbarre den Flüss verstopft. Diese 
Barren aber vermögen selten wie die des Nils allen Jahres- 
zeiten zu trotzen. Die alten hohlen Stengel der Montrichardia 
steigen schliesslich in grossen Massen zur Oberfläche und 
ziehen von dort aus die mit ihnen verbundenen unteren Teile 
der Barren, wenn der Fluss 5 — 6 m steigt, herauf, bis das 
ganze Gefüge gelockert und in einzelnen Teilen den Fluss 
hinabgeführt wird. Hie und da aber ist die Barriere so 
stark verankert, dass die Hochwasser nur neuen Stoff zu 
ihrer Verstärkung liefern. Ja, das Ufer widersteht weniger 
dem Angriff der Fluten, als der Pflanzendamm, und in 
wenigen Monaten hat sich der Fluss ein neues Rinnsal ge- 
schaffen. Wo an seichten Stellen der Flüsse Gerolle und 
Treibholz sich festsetzt, überkleiden die Mocca-mocca-Pflanze 
und ein Heer von dornigen Papilionaceen die neue Insel, die 
sich oft meilenweit flussabwärts verlängert. 

Im Gebiet des oberen Paraguayflusses, da wo 
der durch den Cuyabä verstärkte Loren9o einmündet, breitet 
sich eine Menge von Seen aus, die durch Wasseradern mit- 
einander oder mit dem Flusse verbunden sind. Bolland ^^) 
erzählt, dass der Alto Paraguay selbst dort teilweise durch 
niedere Ufer, Sümpfe und überschwemmte, mit Wasser- 
pflanzen bedeckte Ländereien fliesst. Die Seen, wie der 
Gaib a und O b e r ä b a sind infolge ihrer Grösse und der herrsch- 
enden Winde frei von der schwimmenden Vegetation der 
Camelotes, aber die Verbindungskanäle sind derart mit 
Pflanzen versperrt, dass die Schiffahrt darin unmöglich wird. 
Der Paraguay bei der Einmündung des Ausflusses der Gai- 
balagune ist bereits halb mit Pflanzen verstopft, aber der 
^^ 60 cm tiefe Verbindungsarm zwischen dem Gaiba-See 
und der Gaiba-Merim-Lagune ist vollständig mit Pflanzen 
blockiert; ebenso undurchdringlich ist der den Gaiba- und 
Mandiore-See verknüpfende Caßo. Vermutlich handelt es 
sich hier um eine Durchwachsung des Rinnsals, doch ist 
auch eine Ueberstopfung durch Camelotes möglich. 


— 42 — 

Die vom oberen Paranä abzweigoide, stark mit Schill 
und Kräutern verwachsene Laguna Iberä beherbergt viele 
schwimmende Inseln. Barclay***) fand ihre Abflösse im 
S, den Corrientes und Mirinej, ganz mit solchen Inseln verlegt. 

Tauchen schon in dieser Gegend grosse Sümpfe auf 
und berichtet uns Church*"), dass der Otuguis in einer 
Reihe von Sümpfen endigt, so sehen wir die Erscheinung 
der Flussümpfe (s. S. 19) noch grossartiger im weiteren 
Verlaufe des Paraguay und seiner westhchen Zuflüsse auf- 
treten ***). Die Landschaft, 400 — 600 m hoch, besitzt harten 
Tonboden, der lange Zeit das Regenwasser trägt, so dass 
grosse Überschwemmungen eintreten. Jedoch schiessen bald 
„Estera-Gras, Schilf und andere Wasserpflanzen aus dem 
Wasser empor. Die sogenannten Sümpfe sind eigentlich 
Sumpfflüsse, Naturkanäle von wechselnder Breite, welche 
die ganze Gegend durchschneiden und mittelbar oder un- 
mittelbar mit den Strömen verbunden sind. Diese Sumpf- 
fltisse wechseln in der Breite zwischen wenigen Metern und 
2V2 km, in der Tiefe zwischen 30 cm und 3 m. Bei lang- 
anhaltender Trockenheit bleiben nur Teiche und schmutzige 
Pfützen übrig. Barrieren von Treibholz versperren oft ihren 
gewundenen Lauf, der vielen Veränderungen unterworfen ist. 

Das Gebiet des mittleren Pilcomayo bildet einen 
ungeheuren Flussumpf. Frih^^*), Gunnar Langet, W. 
Herrmann*^^) und Adalbert Schmied jun.^^^) geben uns 
teilweise widerstreitende Berichte über dieses noch nicht klar 
erforschte Flussgebiet Aus den Beschreibungen geht her- 
vor, dass der Pilcomayo sich in verschiedene Arme teilt, 
den Süd-Pilcomayo, Nord-Pilcomayo und Rio Conftiso, die 
sich in Sümpfen verlieren, schliesslich aber wieder zu einem 
einheitlichen Strom vereinigt werden. Sümpfe, wie der 
Estero Patifio für den Südarm, die Lagunen des Arroj'o- 
Dorado und Soret - Satandi für den Nordarm, nehmen die 
Wassermassen auf. Eichhornia, Pistia, einige Arten von 
Nymphaea und Rhysocarpea Azolla bedecken das ^yasser. 
Baumstämme, Wurzeln, Schilf- und Pflanzenbarren hemmen 
die Schiffahrt. 


— 37 - 

der Abfluss der beiden Seen, war Anfangs der 8oer Jahre 
noch sichtbar, ist aber jetzt infolge völliger Überwachsung 
verschwunden. Auch der zweite Abfluss des Peddetz-Sees 
ist vollständig tiberwachsen und die Peddetz selbst, welche 
heute nur mit einem Abfluss dem See entströmt, ist hin und 
wieder diu-ch Überwachsungsmassen überbrückt. 

Auch der Walge-Jerw (deutsch: der Weisse See) in 
Livland besitzt im W und SW einen weiten Verwachsungs- 
gürtel. Der ziemlich breite Ausfluss des Sees ist mit der 
Zeit stellenweise vollständig von Pflanzensubstanz überbrückt 
worden, so dass man an diesen Stellen sicher über den unter- 
irdisch fortströmenden Fluss hinwegschreiten kann*®'). 

Natürlich sind auch die Seen und Flüsse Livlands für 
Schwingrasenformation begünstigt, wie sie nach Klinge^ 
im Keri-See bei Dorpat (gebildet aus Graphephorum arun- 
iinaceum Aschs.) und im oberen Embach sich -findet. 

Aehnliche Überwachsungen von Flüssen scheinen nach 
Pokornys^^) Vermutungen früher in den Läps der 
ungarischen Ebenen vorgekommen zu sein. 


2. Pflanzenbarri^ren in 

In Niederbengalen und Assam breitet sich ein 

grosser Sumpf in der Gegend zwischen Silhat, Comilla und 

Maimensing aus. Vielerlei Wasserpflanzen vereinigen sich, 

um nicht nur Barren in* den Strömen, sondern auch während 

der jährlichen Hochfluten des Ganges, Brahmaputra und 

Surma eine dichte Masse schwimmender Vegetation zu bilden 

in einer Ausdehnung von über i6o qkm. Während der 

^Überschwemmungen bildet das Wasser das einzige Ver- 

hrsmittel; abseits von den Hauptströmen können sich die 

owohner nur von einer Höhe zur anderen begeben, wo 

die Dörfer auf isolierten, künstlich erhöhten Dämmen oder 

Hussufern erbaut sind. Den Verkehr bewerkstelligen sie 

^urch die schwimmenden Pflanzen längs der geraden Gäss- 

chen, welche von den Handelsbooten künstlich offen gehalten 

v^erden. Die Hauptbarrenformer, die Pistien, backen sich 

2U einer Dichte von 18—70 cm zusammen, so dass sie nicht 


I 

B. !Die Pflanzenbarren der Flüsse. I 

1 

Es ist eine allgemein bekannte Erscheinung, dass viel| 
Flüsse der gemässigten und kalten Zone im Winter ai( 
Rande zugefrieren, dass von diesem Eissaume bei starke! 
Strömung Stücke weggerissen werden, als schwimmende 
Eisschollen flussabwärts treiben und sich an engen oder ge 
wundenen Stellen des Flusses ansammeln, aufstauen und 
mit dem Randeise zusammengefrierend, den ganzen Strorr 
der Breite nach überstopfen. Erst die Frühjahrssonne 
schmilzt das Eis und löst die Barre auf. Oder es kommt 
schon früher durch die gewaltige Stauung und Pressung zu 
einem Bersten der Eisdecke, was dann die gefürchteten „Eis- 
stösse*' im Gefolge hat. 

. Eine gleiche Wirkung wie das Eis vermögen auch die 
Pflanzen hervorzurufen, namentlich in der heissen Zone. Gras- 
flecke des Uferschwingrasens oder schwimmende Pflanzen- 
inseln in Hinterwassern werden von der Strömung abwärts 
geführt und stauen sich an geeigneten Stellen, mit dem dor- 
tigen schwimmenden Ufersaum verwachsend, zu wahren 
Pflanzenbarren auf. Aber während gemässigte Breiten 
nur wenige Wochen und nur bei einigen ohnehin zu regel- 
mässiger Schiffahrt wenig geeigneten Flüssen, wie z. B. 
unseren bayerischen Alpenströmen, unter diesen Eisbarren 
zu leiden haben, sind die Tropenbewohner häufig jahrelang 
durch die Pflanzenbarrieren ihres oft wichtigsten Verkehrs- 
mittels, der freien Wasserstrassen, beraubt. 

Wenn wir im folgenden uns nicht allein auf die'Unter- 
suchung über Verstopfung der Flüsse durch schwimmende 
Pflanzeninseln beschränken, sondern auch Fälle offenkun- 
diger totaler Durchwachsung und Uberwachsung m unsere 
Abhandlung einbeziehen, so mag dies mit der Tatsache ent- 


— 33 — 

schuldigt werden, dass abgesehen von der verhältnismässig 
seltenen Barrenbildung vom Typus der Ssedds auch jene 
-anderen Phänomene von einigem Interesse sein dürften. 

Freilich muss man die oft ungenauen und sich wider- 
sprechenden Berichte der Reisenden mit Vorsicht aufnehmen; 
denn auch auf diesem Gebiete hat manche Unwahrheit und 
Übertreibung Platz gegriffen, wie uns das Beispiel der por- 
tugiesischen Schireexpedition (s. S. 30) zeigt. Wer kennt 
nicht die Sage von den ^^undurchdringlichen Tangwiesen" 
westlich von den Azoren, die im Anschluss an Columbus' 
Berichte immer und immer wieder aufgetaucht ist? Krüm- 
meP®') hat die Fabeln von einer Pflanzenbarre im Atlan- 
tischen Ozean in seiner zusammenfassenden Abhandlung 
über die Sargasso-See kritisch beleuchtet. Auch Gün- 
ther^*®) behandelt diese Sagen. 


I. Pflanzenbarren in Europa» Asien und 

Amerika. 

I. Pflanzenbarri^ren in Europa. 

Klinge^'^) hat uns in einer meisterhaften Untersuchung 
über das Verwachsen der Gewässer mehrere Beispiele von 
verwachsenden Gewässern im Ostbaltikum, namentlich 
im Peipus-See und' dessen Zu- und Abflüssen, gegeben. 
Zuerst arbeiten flutende, schwimmende und untergetauchte 
Gewächse, die an solchen Stellen der Flusserpentinen sich 
am gunstigsten entwickeln, welche von der Stromrichtung 
nicht getroffen sind, im Verein mit dem zwischen ihnen ab- 
gelagerten Detritus vor. Es sind hauptsächlich nachbenannte 
Pflanzen, welche zu wurzeln anfangen:*^) 

Butomus umbellatus L. 

Sagittaria sagütaefolia L. 

Glyceria aquatica Wahlberg 

Acorus Calamus L. 

Arundo Phragmites L. 

Scirpus lacustris L*. 

Heuerling. Die Pflanzenbarren. 3 


— 34 — 

Graphephorum arundinaceutn Ascherson. 

Ranunculus Lingua L. 

Oenanthe aquatica Lamk. 

Cicuta virosa L. u. s. w. 
Diese Gewächse wirken durch Massenentwicklung da- 
rauf hin, das Gefälle des Flusses, welches schon durch die 
erste Pflanzenansiedlung gesch^yächt worden war, durch das 
vollständige Überziehen des Flussbettes gänzlich aufzuheben. 
Das Flusswasser hört bald zu fliessen auf, sickert aber 
zwischen Stengeln und Würzelchen hindurch und setzt noch 
feineren Detritus ab, der gleichsam von der Vegetation ab- 
filtriert wird. Zugleich aber verbreitern diese meist rohr- 
und schilfartigen Wassergewächse ihren Vegetationsboden 
durch vStauen des Flusswassers und ermöglichen so eine 
noch grössere Ausdehnung ihres Nachwuchses. 

Die Pflanzen versperren dem Flusse allmählich voll- 
ständig den Weg und nur wenn bei Hochwasser oder bei 
plötzlich eingetretenem Auftauen der Gewässer die Strom- 
geschwindigkeit besonders erhöht ist, vermag die Strömung 
den Pflanzenwall zu durchbrechen. Dabei werden gleich- 
zeitig die mit den Wurzeln festgefrorenen Pflanzenrasen 
plötzlich gehoben, aus dem Zusammenhange mit der übrigen 
Pflanzendecke gerissen und zerstückelt. Dann sieht man 
solche Pflanzeninseln im Strome treiben und dorthin geführt, 
wohin der Wind weht; nach der Überschwemmung findet 
man viele metergrosse Rasenstücke am Ufer liegen. Ob es 
dabei zu einer Art Sseddbildung kommt, ist aus Kl Inges 
Bericht nicht ersichtlich. Jedenfalls ist die Strömung zu 
stark, der überlaufende Fluss zu breit und die inselauf- 
fangende Pflanzenmasse zu sehr überflutet, als dass es zu 
einer Verbarrikadierung käme. 

Das Ostbaltikum hat viele Beispiele für vollständig 
durchwachsene Flüsschen aufzuweisen. Sucht auch der Fluss 
seitlich dem Vordrängen der Vegetation auszuweichen und 
zwar meist unter dem Winde, so erweist sich doch die Ver- 
einigung der Pflanzen häufig kräftiger als das fliessende Ge- 
wässer und füllt das Flussbett so vollständig aus, dass nur 
noch eine eigentümliche Vegetation das verschwundene Fluss 


~ 35 - 

bett bezeichnet. Es bedarf keiner Strömung, um Bäche ver- 
sumpfen und verwachsen zu lassen, wobei die Durchwach- 
sung gleichzeitig an mehreren Stellen , gewöhnlich aber im 
Quellgebiet beginnend, allmählich dem Laufe folgend tal- 
wärts fortschreket. 

Die oben angeföhrten Pflanzen insgesamt vergesell- 
schaftet bringen im Ardla-Flusse bei Dorpat, der einen 
fast völlig verwachsenen See gleichen Namens durchsickert, 
eine Pflanzenbarre zustande. 

Der Woo, ein südwestlicher Zufluss des Peipus, ist 
bald nach dem Verlassen der Seen des Oberlaufes von 
Nymphaeen, Potamögetonen und Ranunculus aquatüis bedeckt 
und im weiteren Laufe ist überall eine vollständige oder 
teilweise Durchwachsung deis Flussbettes zu sehen. Abge- 
sehen von dem infolge der geringen Bodenneigung schon 
an und für sich geringen Gefälle wird die Strömung durch 
die zahlreichen Fischwehre (40 an der Zahl) stellenweise 
fast aufgehoben ; Verwachsung des Flussbettes, Versumpfung 
dei* Uferränder, seitliche Durchbrüche (z. B. Entstehung von 
grossen Schlingen im Embach, einem anderen Zufluss des 
Peipus-Sees) und Entstehung von Flussteichen und Buchten 
sind die Folge. Klinge^"^) beschreibt uns, wie er beim 
Dorfe Käpa an einer Stelle nur schwer mit dem Boote 
durch das vollständig verwachsene Flussbett zu rudern ver- 
mochte. Bald darauf traf er das Wasser derartig bedeckt 
von Potamogeton natans, Potamogeton perfoliatus var. ebur- 
neus, Nuphar luteum, Myriophyllum-Pirteriy Sagittarta sagit- 
iaefolia und der flutenden Form von Butomus umbellatus 
und anderen Gewächsen, dass das Boot nur durch Stossen 
mühsam fortzubewegen war. Selbst die schilfartigen Ge- 
wächse wie Typha latifolia, Scirpus lacustris und Acorus 
Calamus, die Grundformen von Butomus umbellatus, Glyceria 
(iquatica Whlbg., Graphephorum arundtnaceum Aschs. und 
Armdo Phragmites bedecken oft das ganze Flussbett, so 
dass nur schwer eine Fahrstrasse zwischen diesen flutenden, 
schwimmenden und schilfartigen Wassergewächsen gefunden 
Werden konnte. Vor dem Dorfe MosküUa konnte das Boot 
Kaum durch die dichten Beete von Potamogeton natans 

3' 


- 36 - 

dringen*^). Im Bentenhof sehen Gebiet und unterhalb des 
Dorfes Paidra erfiQllt oft streckenweise die flutende Form von 
Buiontus umbelkUus (Schwanenblume) den Woo vollständig» 
ohne indess ein Hindernis für die Schü&hrt zu bilden, eben- 
sowenig wie das Polamogetan lucens L., var- longifolius Gay, 
das später in den stark strömenden Teilen des Woo zur aus- 
schliesslichen Alleinherrschaft gelangt "•). 

Nachdem der Woo in seinem Mittellaufe sich durch 
Devonschichten in schnellem Laufe, unterbrochen von vielen 
Steinen und Baumstämmen im Flussbett, durchgearbeitet hat, 
wird sein Gefälle von Friedholm an wieder minimal und das 
zurücktretende Ufer niedrig. Seichte Stellen sind mit 
Siratiotes aloides oder Oenanthe PheUandrium bedeckt; 
stellenweise herrschen Menyanihes irifoliaia, Butomus umbei- 
lctius,Sagittarta sagitiaefolia,Ranunctdus aquatüis, NymphcLcem 
und Potafnqgetonen. Weiterhin ist der Lauf der Strömung 
in einer Massenentwicklung von Wassergewächsen oft schwer 
zu verfolgen. Einige Teile der Wasseroberfläche sind von 
einem dichten Filz von schwimmenden und flutenden Wasser- 
pflanzen bedeckt, aus welchem die Blüten von Polygonum 
ampbibium, Nymphaea alba, Nuphar Itäeum und Ranunadus 
aquatüis hervorleuchten*®*). 

Klinge*",^ unterscheidet 5 Etagen in Bezug auf die 
Höhenentwicklimg des dominierenden Wassergewächses. 

Eine ausgedehnte Pflanzenbarre ist in Polnisch-Livland 
an dem Dubena- Flusse^ oberhalb des Gutes Arrendol; 
sie umfasst mehrere Quadratkilometer und ist aus Acorus 
Calamus L. gebildet. 

Die bisher genannten Barren gehören der Gattung 
„rush-drain" an, sie sind infolge Durchwachsung entstanden. 
Aber es zeigen sich im Ostbaltikum auch U e b e r w a c h s u n g e n 
des Flussbettes, ein der Obä-Bildung ähnUcher Vorgang. 
Die von Pflanzenmassen überdeckten Bäche und Flüsse 
schleichen oder sickern unterirdisch weiter. 

Der Kirkumäh-Jerw (deutsch: Kirchenberg-See) in 
Livland ist namentlich im S und W stark verwachsen ; eine 
breite Zone von Grasmoor- und Moosmoorbildung umgibt ihn 
undseinen Relikten, den Peddetz- See im S. DiePeddetz^^V 


— 37 — 

der Abfluss der beiden Seen, war Anfangs der 8oer Jahre 
noch sichtbar, ist aber jet2t infolge völliger Oberwachsung 
verschwunden. Auch der zweite Abfluss des Peddet2*Sees 
ist vollständig überwachsen und die Peddetz selbst^ welche 
heute nur mit einem Abfluss dem See entströmt, ist hin und 
wieder durch Überwachsungsmassen überbrückt. 

Auch der Walge-Jerw (deutsch: der Weisse See) in 
Livland besitzt im W und SW einen weiten Verwachsungs- 
gürtel. Der ziemlich breite Ausfluss des Sees ist mit der 
Zeit stellenweise vollständig von Pflanzensubstanz überbrückt 
worden, so dass man an diesen Stellen sicher über den unter- 
irdisch fortströmenden Fluss hinwegschreiten kann*®'). 

Natürlich sind auch die Seen und Flüsse Livlands für 
Schwingrasenformation begünstigt, wie sie nach Klinge^ 
im Keri-See bei Dorpat (gebildet aus Graphephorum arun- 
dinaceum Aschs.) und im oberen Embach sich »findet. 

Aehnliche Überwachsungen von Flüssen scheinen nach 
Pokornys***®) Vermutungen früher in den Läps der 
ungarischen Ebenen vorgekommen zu sein. 


2. Pflanzenbarri^ren in 

In Niederbengalen und Assam breitet sich ein 
grosser Sumpf in der Gegend zwischen Silhat, Comilla und 
Maimensing aus. Vielerlei Wasserpflanzen vereinigen sich, 
um nicht nur Barren in' den Strömen, sondern auch während 
der jährlichen Hochfluten des Ganges, Brahmaputra und 
Surxna eine dichte Masse schwimmender Vegetation zu bilden 
in einer Ausdehnung von über i6o qkm. Während der 
Überschwemmungen bildet das Wasser das einzige Ver- 
kehrsmittel; abseits von den Hauptströmen können sich die 
Bewohner nur von einer Höhe zur anderen begeben, wo 
die Dörfer auf isolierten, künstlich erhöhten Dämmen oder 
Flussufern erbaut sind. Den Verkehr bewerkstelligen sie 
durch die schwimmenden Pflanzen längs der geraden Gäss* 
chen, welche von den Handelsbooten künstlich offen gehalten 
werden. Die Hauptbarrenformer, die Pistien, backen sich 
zu einer Dichte von 18—70 cm zusammen, so dass sie nicht 


- 38 - 

bloss Vögel, sondern oft auch einen Menschen zu tragen 
vermögen. Diese schwimmenden Pflanzenmassen wachsen 
in einem Wasser, das nur eine langsame Strömung von N W 
nach S O besitzt; wenn sie in die genannten Hauptströme 
gedrängt werden, vermögen sie nicht deren riesige Breite 
zu verstopfen, sondern lösen sich allmählich auf. 

C. B. Clarke, dem Hope*^®) diese Schilderung ent- 
nimmt, findet viele Arten der die Ssedds bildenden Nilflora 
in diesen bengalischen Pflanzenbarren vertreten, z. B. 

Cyperns cephcUoies Vahl. 

Cyperus plaiystylis, R. Br. 

Aeschynomene aspera, Linn. oder Aeschynomene indica^ 
Linn. ^M (2 m hoch, in Indien ,Solah' genannt) 

AzoUa pinnata, R. Br. 

Ottelia alismoides, Pers. 

Vqssia -procera. Griff". 

Trapa natans, Linn. 

Pistia stratiotes, L. 

Aldrovanda vesicidosa, L. (sehr selten) 

Nymphaea Lotus, L. 

Nymphaea steüata, Willd. 

Ceratopteris thaliciroides, Brongn. 

Monochoria natans, Beauo. (ähnlich der Eichhornia cras- 
sipes, Solms) ^^^). 

C. B. Clarke setzt hinzu, dass all das Unkraut der 
Reisfelder auch auf den schwimmenden Pistienmassen zu 
wachsen vermag; selbst. Schösslinge von Bäumen, wie 
Bombax und Erythrma erscheinen oft reichlich auf der 
schwimmenden Pflanzenmasse. 


3. Pflanzenbarri^ren in Amerika« 

Im Gebiete von Alabama in Nordamerika besitzen 
alle Flüsse der östlichen Golfniederung ein sehr geringes 
Gefälle. Besonders der Hauptstrom, der Mobile-River, 
zeigt dies durch die starken Windungen seines Laufes. Die 
Schiffahrt wird aber nicht nur durch die von den Hochfluten 


— 39 — 

fortgerissenen und in den Biegungen als „Snags" festge- 
fahrenen Baumstämmen gehindert, sondern auch eine sehr 
üppige Wasservegetation von Pistia stratiotes und Etch- 
hornia crassipes zwingt den Fluss zu Laufveränderungen *^ ^) 

Die Ströme Floridas sind infolge der mangelnden 
Erhebung des Gebietes Seenströme. Der wichtigste ist der 
St. John -River. Er durchfliesst eine Reihe von Seen und 
nimmt unterhalb Palatka durchgängig Seenbreite an; er 
mündet unfern Jacksonville. Verschiedene Stromengen mit 
Untiefen sind aber vorhanden. Sein ganzes Gefälle beträgt 
kaum i6 m. Nach den neuerdings vorgenommenen Regu- 
lierungsarbeiten ist er bis Palatka für 3 m tiefgehende 
Dampfer und bis zum Monroe-See, 350 km von der Mündung, 
für I m tiefgehende fahrbar ^^*). Die langsame Strömung 
lässt aber im Flusse, seinen Seitencreeks und den Seen eine 
feste, dichte Masse von Wasserhyazinthen, Eichhornia speciosa, 
Kunth. (syn.Eichh, crasstpesSolms—Pwropus crasstpeSfBntton) 
und Pistien^^^) aufkommen, welche aber durch die Hoch- 
wasser der sommerlichen Regenzeit und durch den Wind 
losgerissen und in grossen Massen als schwimmende Inseln 
weitergeführt werden, bis sie oft die engeren Stellen des 
Stromes gänzlich verstopfen ^^*) ; denn vom Ufer aus wachsen 
hier die gleichen Pflanzen weit ins Wasser vor, welche die 
neu angeschwemmten, aus verwickelten Pflanzenblöcken be- 
stehenden Massen aufhalten. 

Der linksseitige Nebenfluss des St. John-River, der 
Oklawaha, wird jetzt 150 km weit von ansehnlichen 
Dampfern befahren. Aber auch ihm drohen stets in seinen 
Engen, wie dem Hauptfluss, mehr oder minder vollständige 
Verstopfungen durch Naturflösse aus Treibholzstämmen und 
schwimmenden Inseln. Der Kissimee, der Hauptzufluss 
des Okeechobee-Sees, ist dem Oklawaha in jeder Beziehung 
ähnlich. Der See ist zeitweise mit der schon geschilderten 
Sumpfwildnis der Everglades durch unterirdische Kanäle 
verbunden ^^^). 

Bei den Flüssen Südamerikas verbinden sich oft 
Treibholzflösse und schwimmende Pflanzen, um das Strom- 
bett zu verbarrikadieren . Die Seitenkanäle des Magdalerten- 


zu überfluten und nicht nur mit den Teichen in Verbindung 
zu treten, sondern auch die ganze Umgebung zu über- 
schwemmen. Das Flusswasser dringt um so leichter zu den 
Lagunen vor, als diese durch einen oder mehrere Kanäle mit 
dem Strombett in Verbindung stehen, so dass das grosse 
Hochwasserbecken, welches freUich nicht die Grössenverhält- 
nisse des einstigen SOsswassersees hat, die Abströmung des 
Flusses regelt, indem es diese während der Regenzeit 
mässigt, in der Trockenperiode aber unterhält*^». 

Da dem Kamolondo schon von jeher von seinen Zu- 
flassen aus dem Gebirge viele Sedimente zugeführt werden, 
so wTMxie sein Bett dadurch sehr erhöht imd die Umgegend 
mit Alluvionen angefüllt Als nun, wie Cornet*^*' glaubt, 
die Macht des Wassers schliesslich den Felsenwall (in 5® 
20' S- Bn • am Ende des alten Kamolondo-Sees zu zersägen 
und zu durchbrechen vermochte, da entleerten sich die 
VV^assermassen durch die neugeschaffene Schlucht (jetzt Porte 
d'Enfer genannt» und es blieben nur das sich etwas ver- 
tiefende Flussrinnsal und dessen Hinter wasser zurück. 

Aber noch ein anderer Faktor ist tätig, den alten See- 
boden auszufüllen. Die Lagunen, deren Tiefe bei Hoch- 
wasser zwischen i"— 5 m schwankt , werden ganz oder am 
Rande von weiten PapjTuswiesen eingenommen, deren ver- 
faulte Überreste den Boden aufiullen und eine schwarze 
Erde bilden, welche stets wächst und schliesslich vereint mit 
den angeschw^emmten Sedimenten der Flusse an Festigkeit 
gewinnt imd das Wasser zurückdrängt^*'). 

Alle Reisenden, die diese Gegend besucht haben, wie 
Reichard^^;, Bia^, Delcommune^, Francqui und 
Cornet^^', Brasseur*^) u. a. bestätigen den sumpfigen 
Charakter der Lagunen und der Flusstrecken des Gebietes. 
Auch der Fungwe läuft inmitten grosser Moräste. Jedoch 
erst die neueste Zeit brachte den Nachweis, dass in diesem 
Teile des Lualaba-Kamolondo fast die gleichen Verhältnisse 
wie im Gebiete der Ssedds des oberen Nils herrschen, d. h. 
dass Pflanzenbarren den Fluss zeitweise für die Schiffahrt 
unbrauchbar machen. 


— 51 — 

Die Vorbedingung für die Entstehung von Pflanzen- 
barren ist gegeben einmal durch Klima und wechselnden 
Wasserstand, dann auch durch das geringe Gefälle des Stromes. 
Denn das 550 km lange Stromstück zwischen Schimaloa 
(660 m) und Lukugamündung (497 m) [575 m; s. S. 61] be- 
sitzt eine Niveaudifferenz von nur 163 m [85 m], so dass der 
Strom nur ein mittleres Gefälle von 30 cm [15,6 cm] auf den 
Kilometer aufweist^®'). Der Lualaba verengt sich schon 
unterhalb des Kabele-Sees auf 60 m und fliesst von nun ab 
zwischen dichten Hecken von Papyrus und anderen Sumpf- 
pflanzen dahin ^®®). Durch einen schmalen Kanal tritt der 
Lualaba in den Kissale-See ein, der bei Hochwasserstand 
3, 4 — 5 m Tiefe zeigt. Von SO her ergiesst sich der Lufira 
in den See, der zur Regenzeit kurz vor seiner Mündung 
durch Kanäle mit dem Lualaba in weiten Sümpfen ver- 
bunden ist. Der Lufira ist nach Lattes^®®), der den See 
zu Ende April 1903, also zu Ende der Hochwasserzeit, be- 
suchte, nur von einer kleinen Pflanzenansammlung erfüllt, 
welche den Verkehr der Kähne nur wenig beeinträchtigt. 
Der Kissale selbst aber ist so mit Pflanzen durchwachsen 
und von schwimmenden Inseln eingenommen, dass man leicht, 
seinen Weg verfehlend, zwischen der flottierenden Vege- 
tation umherirrt. Die gleiche W^ahrnehmung machte auch 
später Mauritzen ^*°). Camer on, der den See zuerst, 
aber nur aus der Ferne sah, erwähnt gleiclifalls dessen schwim- 
mende Inseln, die er aber als künstliche Inseln bezeichnet. 
Wenn man nicht annimmt, dass damals, im Dezember 1874, 
andere Verhältnisse obwalteten, so könnte man den Reisenden 
wohl als Opfer einer Mystifikation betrachten; denn er er- 
zählt ^®"'^), dass die bewohnten schwimmenden Inseln grosse 
Ausschnitte aus dem an den Ufern sich hinziehenden Schwing- 
rasen der Tingitingi-Massen seien, die erst mit Baumstämmen 
und Reisig belegt, dann mit Pflanzenerde überdeckt würden. 
Auf den so geschaffenen Inseln baue das Volk Hütten, pflanze 
Bananenbäume an und treibe Ziegen- und Hühnerzucht.*) 


*) Der Bericht scheint etwas übertrieben zu sein. Jedenfalls 
kann man nicht Bäume auf solchen schwimmenden Inseln pflanzen; 

an 

4 


— 52 — 

Er fügt aber hinzu, dass man diese Inseln nicht eigentlich 
schwimmend nennen könne, da sie meist auf in den Seegrund 
festgerammten Pfählen ruhten, sodass ihre Bewohner sie in 
der Absicht des Platzwechsels an Stricken an eine andere 
Stelle zögen, nachdem sie die Pfähle herausgenommen und 
anderswo eingeschlagen hätten. Hier ist wahrscheinlicher 
an Pfahlbauten zu denken, die wegen der Ueberschwemmungen 
am Ufer angelegt sind; vermutlich samme^ln sich um diese 
Pfahlroste viele treibende Jnseln. 

Lattes^®*) beschreibt die Entstehung dieser schwim- 
menden Inseln folgendermassen ; Man trifft im Kissale haupt- 
sächlich N^nuphar, Fistula, lange Sumpfgräser und Papyrus. 
Die ersteren drei Arten würden noch kein unüberwindliches 
Hindernis für die Schiffahrt auf dem See bilden, wenn einmal 
eine Gasse durch die Kräuter gezogen wäre. Der Papyrus 
aber ist ein ernstliches Hindernis. Er fasst Wurzel auf dem 
durch Pflanzendetritus entstandenen Humus; zur Zeit des 
Niederwassers ruhen die Inseln auf dem Seegrunde und 
saugen eine beträchtliche Lage Schlamm auf, welcher der 
Pflanze in der Zeit der Hochwasser Leben und Kraft verleiht. 
Die abgestorbenen Pflanzen und Papyrusstengel bilden eine 
derartige Masse, dass nunmehr diese schwimmenden Inseln 
dadurch eine 0,50 bis i m dicke Schicht besitzen, welche 
von den verwickelten Wurzeln der Kräuter und des faulen 
Papyrus, von Schlamm u. s. w. gebildet sind; diese ist dicht 
und widerstandsfähig genug, um die Last von 20—30 Menschen 


auch scheint die sumpfige Gegend wenig dazu einzuladen. L a 1 1 e s und 
Mauritzen wissen nichts von dieser Wohnart. Dennoch kommt Aehn- 
liches nach Hesse-Wartegg ^*^) in den Seen von Mexiko vor (s. S. 15), 
wo zur Saat- oder Erntezeit die Eingeborenen auf den schwimmenden 
Gärten wohnen ; man kann diese „Chinampas" an andere Stellen ziehen 
und dort wieder mit Pfählen verankern. Eine andere Art von schwim- 
menden Wohnungen kennt Powell-Cotton *®*) am Ostufer des Albert- 
Eduard-Sees. Die Ortschaft Katanda besteht aus Hütten, deren jede 
auf einer an festgerammten Pfählen verankerten Plattform ruht, die mit 
der Seefläche steigt und fällt. Jedoch haben diese schwimmenden Hütten 
ebensowenig mit einem Verlandungsprodukte zu tun wie die in China 
vorkommenden, durch die Uebervölkerung bedingten schwimmenden 
Wohnstätten der armen Landleute '^•*). 


— 53 — 

zugleich zu tragen. Diese Inseln sind ein Spiel der Winde 
und verändern beim leisesten Lufthauch ihren Platz, öfters 
in wenigen Minuten die den Kähnen dienende Fahrstrasse 
versperrend. Anfangs September, wenn die Wasser niedrige 
aber nicht am seichtesten sind, ist der weit ausgedehnte See 
stellenweise mit schwimmenden Pflanzen bedeckt; die Ver- 
schlingung, der an der Oberfläche flottierenden Wurzeln und 
Kräuter bildet oft eine 50—60 cm dicke Lage, welche aber 
nur eine geringe Widerstandsfähigkeit besitzt. Das freie 
Wasser zeigt zu jener Zeit 1,50—2 m Tiefe. Wenn Lattes 
glaubt, dass mittels eines Schraubenpropellers das Vorwärts- 
kommen durch die schwimmenden Kräuter wohl gesichert 
würde, so ist doch schwerlich ausser acht zu lassen, dass die 
Pflanzen sich leicht um die Schraube wickeln und dadurch 
die Fahrt verzögern, wie es Casati^^) bezüglich der Nil- 
dampfer schildert. Lattes glaubt, dass doch die Schiffahrt 
für einen Dampfer bis zu i m Tiefgang auf dem Kissale 
das ganze Jahr hindurch möglich ist. 

Die eigentliche Pflanzenbarre des Lualaba befindet sich 
I km abwärts von seinem Austritt aus dem Kissale-See. 
Die Strömung beträgt in dem 150 m breiten und 5 m tiefen 
Flussbette in der Sekunde etwa 2 m, verringert sich dann 
aber (vor Kadia) auf ungefähr 0,16 m i. d. Sek. Zur Hoch- 
wasserzeit, wo das ganze umliegende Land einen ungeheuren 
Sumpf bildet und die Strömung fast verschwindet, werden 
die dem leisesten Windhauch gehorchenden schwimmenden 
Inseln hier zusammengetrieben, verdichten sich und sperren 
vollständig den Fluss ab**®). Es ist also ein vollkommener 
Ssedd gebildet. 

Lattes^®*) und Mauritzen^®^) machen verschiedene 
Vorschläge zur Verhinderung einer Pflanzenbarre. Da die 
Eingeborenen es nicht verstehen, den Papyrus mitsamt seinem 
Untergrund zu zerstören und ein Abbrennen, abgesehen von 
der Schwierigkeit, halbnasse Pflanzen anzuzünden, wegen 
der Gefahr der Ausbreitung des Feuers nicht ratsam ist, 
so wäre eine künstliche Verstärkung der Strömung, die ja 
I unterhalb von Kadia 40—50 cm in der Sekunde beträgt, 
angebracht, oder man müsste, wie es eine 1908 ausgeschickte 


- 54 — 

Expedition beabsichtigt^), an den gefährlichen Plätzen, auf 
X— 2 km Länge, bis die Ufer des Flusses wieder ausgeprägter 
werden, Pfähle ins Ufer schlagen, um das Losreissen von 
Inseln zu verhindern. Auch will man durch eingerammte Pflöcke 
den Lauf des Lufira ändern und so die Stromkraft verstärken. 
Diese Pflanzenbarre erinnert ganz an den Ssedd des 
oberen Nils, und der Kissale-See spielt eine ähnliche Rolle 
wie der Mokren el Bahür (oder Nö-See) am Zusammen fluss 
des Bahr el Ghasal und Bahr el Djebel, wenngleich letzterer 
See weniger den Nährboden für die schwimmenden Inseln 
abgibt (wie hier der Kissale). 

b) Stromgebiet des Luapula. 

Der Bangweolo- oder Bemba-See, 1868 von Li vi ng- 
s t o n e entdeckt und 1873 von ihm wieder besucht, ist stark 
versumpft. Wahrscheinlich ist er ein Ueberschwemmungs- 
See ^*), hervorgerufen infolge der durch die im W und S W 
vorgelagerten Gebirgszüge gestauten Wasser. Seine Länge 
beträgt 60—70 km, seine Breite schwankt zwischen 80—85 
km während des Winters. Die Ausdehnung des Sees wurde 
fortwährend verschieden angegeben je nach der Jahreszeit, 
in welcher er oder seine Umgebung erforscht wurde. Während 
der Regenzeit vermehrt sich seine Oberfläche fast um die 
Hälfte. Von Januar bis April 1904 z. B. stieg sein Niveau 
um mehr als 7 m^^). Sonst beträgt seine Tiefe nach 

W ea t h er ley*^ nirgends mehr als 472^1- Livingstone^^^) 
fand den See bereits in starker Verlandung begriffen und 
besonders in der Regenzeit die vom See sich 40 Meilen weit 
ins Land sich erstreckenden Buga's mit aquatischer und sub- 
aquatischer Vegetation, wie Lotus, Papyrus, Arums und ver- 
schiedenen Schilfarten, bedeckt. G i r a u d ^^) und W e a t h e r - 
ley^, die einzigen Forscher, welche nachher den See 
beführen, bestätigen das Vorhandensein ungeheurer Papyrus- 
und Schilf horste an den Ufern, besonders an den Fluss- 
mündungen. Vorzüglich der südliche Teil des Sees und die 
der Seefläche fast entsprechende Gegend im Süden bilden 
einen einzigen Sumpf ^^*). W e a t h e r 1 ey fand im Westen eine 
kleine stille Wasserfläche, Chilipa genannt, jenseits welcher 


~- 55 — 

meilenweit Morast und Papyrus sich ausdehnt. Chilipa ist 
durch einen breiten Schilfgürtel von der offenen Wasserfläche 
des Bangw^olo getrennt ^^). 

AehnJiche Beschaffenheit wie die Seeufer hat auch der 
Schwammboden, der den See umgibt, und die Zuflüsse 
des Bangweolo sind zumeist ganz oder teilweise ver- 
wachsen ^. Livingstone*®') sagt, in der Regenzeit weiss 
man nicht, wo das Land endet und der See beginnt. Die 
Flüsse sind breit und mit Schilf und Wasserpflanzen be- 
wachsen; es ist Überfluss an Schilf, Farnkräutern und 
Lotus. 

Die Mündung des nördlichsten Zuflusses, des Luena, 
ist infolge der hohen Gräser nicht sichtbar *°®); er fliesst 
langsam und ist sumpfig; ebenso die benachbarten Flüsse 
Lufobu und Liposotschi (Lipoposchi) ^®®). 

Der bedeutendste Zufluss des Bangweolo-Sees ist der 
Tschambesi, der im Ebagebirge entspringt und anfänglich 
klar und schnell fliesst, aber bei seinem Eintritt in die Ebene 
sich in Sümpfen verliert. Dann folgt eine Strecke von Fällen 
und Schnellen, worauf er in die ungeheure Sumpflandschaft 
gerät, welche das Süd- und Südostufer des Sees bedeckt ®^°). 
Livingstone^^^) fand ihn im März etwa 250 m breit und 
5V2 m tief, aber ausser einigen Schilfpartien klar. Seine 
Mündung ist ganz mit Pflanzen verstopft. Giraud®^^) gelang 
es nicht, durch die Zone dichten hohen Schilfes zu dringen; 
Weatherley ^^*) sagt, man kann die Mündung des Tscham- 
besi nur erraten, ein solches Meer von Papyrus umgibt sie; 
man würde Tage brauchen, um durch die verwickelten und 
gewundenen Kanäle im Papyrus durchzudringen. Die Pflanzen- 
barriere zwingt den Fluss schon weiter oberhalb, sich in 
zahllose Arme zu verzetteln, von denen einige ein für Boote 
offenes Wasser besitzen, deren Mehrzahl aber durch Gras 
und Schilf versperrt ist^^*). Er ist anfänglich etwa 400 m 
breit. Bei Kabinda wird er nach Codrington®^^) 3 km 
breit und 6 m tief. Er zeigt auch weiter oben noch Papyrus- 
wälle. Ob eine Verbindung von den Delta wassern zum 
Luapula hin durch das Sumpfland besteht, ist unsicher; 
Wallace^^^) z. B. nimmt eine Durchsickerung der Wasser 


L. 


- 56 - 

an. Der grösste Nebenfluss des Tschambesi, der Lwitikira^ 
ist konform seiner Umgebung sumpfig und fliesst durch 
wahre Wälder von Papyrus ®^'). Sein ansehnlichster Tributär, 
der Lumbatwa, ist in seinem Unterlaufe 90 m breit und ergiesst 
sich nach einem sumpfigen Laufe durch ein Meer von Papyrus 
in den Lwitikira bei seinem Eintritt in die Sümpfe südlich 
vom See®^®). Livingstone^^^j fand ihn etwa 60 m breit, 
mit sehr viel aquatischer Vegetation, wie Papyrus u. s. w., 
dem Lwitikira zueilen. Auch der Lusangaschi ist, obwohl 
tief, doch mehr sumpfiger Natur und voll von Rohr^^®). 

Der einzige Ausfluss des ßangw^olo-Sees ist der L u a- 
pula. Auch er ist an einigen Stellen durch Pflanzenbarren 
verstopft. Giraud®^^) fand wohl den 90 m breiten und 
5 m tiefen Ausfluss des Luapula aus dem See mit Binsen- 
mauern umgürtet, aber doch ein offenes Fahrwasser; Wea- 
therley®^^) dagegen, der sich 1896 durch ein Labyrinth 
von Papyrusinseln durcharbeiten musste, schildert den Fluss- 
ausgang 1,20 m tief, ohne Strömung und mit Myriaden von 
Wasserlilien bedeckt; nichts war vorne oder an den Seiten 
zu sehen als mächtiger Papyrus. Westlich vom Luapula, 
bald nach Verlassen des Bangweolo-Sees, breitet sich der 
Kampolo mbo-See aus, der mit dem Flusse in Verbindung 
steht. Er scheint, wie Wallace^"^) vermutet, früher ein 
Teil des Bangweolo gewesen zu sein. Weiter abwärts fand 
Weatherley ^^*) i. J. 1898 eine Stelle, wo die Strömung 
des Luapula so langsam war, dass man sie zumeist nicht 
bemerkte. Hier fand sich eine solche Anhäufung von Pflanzen 
vor, dass er sie mit den Ssedds des Nils vergleicht. 

Als rechten Zufluss empfängt der Luapula den Lukulu 
lua Manda, der aus dem östlichen Gebirge kommt und im 
Morastland, wie der Lubansenschi und Tschambesi, im Unter- 
lauf dem Schicksal der Versumpfung anheimfällt. Er lässt 
zwischen den Papyrusstauden nur einen 2 m breiten Kanal 
fj.gj326j Yx empfängt den papyrus- und schilfbewachsenen 
Lulimalu ^^*), der wieder den stagnierenden, mit Pflanzen ge- 
füllten Fluss Luwe aufnimmt. Auch die übrigen in diesem 
Schwammgebiet mündenden Zuflüsse des Luapula zeigen 
nach Li vingstone^^') denselben Charakter. 


— 57 — 

Später durchfliesst der Luapula in raschem Laufe sein 
etwa 140 m breites, gut ausgeprägtes Flussbett, das aber 
immerhin noch von Teichen und Hinterwassern begleitet 
ist*^). Der weitere Lauf des Flusses ist durch Schnellen 
und Wasserfälle uiiterbrochen, bis endlich bei seinem Ein- 
tritte in den Mweru-See die Versumpfung wieder einsetzt. 
Der Mweru-See, von Livingstone 1867 entdeckt, zeigte 
schon damals das Bild unaufhaltsamer Verlandung; die Ufer 
waren mit einem dichten Gürtel von Tropenpflanzen um- 
wachsen *^). Oestlich vom See liegt ein 35 geogr. Meilen 
langer und 10—15 Meilen breiter Sumpf, der Mweru- 
Sumpf (Mweru Swamp, Mweru Marsh) genannt, welcher 
einst einen Teil des grossen Sees bildete. Sharpe^^j und 
besonders Wallace^^) erzählen, dass darin nur an einigen 
Stellen kleine Wasserflecke sichtbar sind, sonst ist alles 
Dschungel und Morast. Von den vier Zuflüssen des Sumpfes 
laufen drei das ganze Jahr, der Chisera nur während des 
Sommers ^^). Livingstone überschritt ihn in seinem Ober- 
laufe, wo er ihn über 2 km breit fand; er nennt ihn „einen 
FIuss. oder richtiger Morast, welcher voller Pap3^ruspflanzen 
und Schilf ist" ^). 

Der Mweru-See selbst war in 20 Jahren um 1,5—2 m 
und in 30 Jahren (bis 1895) um 3— 4 m gefallen. Im Süden 
beträgt seine Tiefe nach Francqui^^J nur 2—3 m. Be- 
sonders im NO und SW sind ungeheure Ebenen entstanden, 
teils mit Sand, teils mit Wald bedeckt ^^); die ganze Bucht 
im SW ist mit Gras — und „Mangrove'* (?) — Sumpf um- 
säumt^). Der Ambadsch*) am Nordufer erreicht eine Höhe 
von 6—7 m, der im Süden das Doppelte ^^). 

Der bedeutendste Zufluss des Mweru nach dem Lua- 
pula ist der Kalongwischi, der am Ostufer mündet. 
Giraud^^'^) sagt, dass er sich durch einen grossen Sumpf 


*) Da kaum anzunehmen ist, dass der wirkliche Ambadsch 
(Äeschynomene oder Herminiera elaphroxylon, G. P. R.) in diesem Ge- 
biete vorkommt und diese Pflanze keine solche Höhe erreicht, so darf 
^an wohl die Aeschynomene aspera L. darunter verstehen, deren Vor- 
handensein am nahen Chungu-Flusse Livingstone (a. a. O. S. 296) in 
Gesellschaft mit Sapotas und Papyrus erwähnt. 


- 58 - 

in unzähligen Windungen durcharbeiten muss, ehe er den 
See erreicht. Sein Delta besteht nach Sharpe^^®) haupt- 
sächlich aus Papyrusdickicht. 

Am meisten aber ist der 2— 2V2 ni tiefe Luapula vor 
seinem Eintritt in den See durch Pflanzenbarren beeinträchtigt. 
Hier, am Südende des Sees, breiten sich weite, zum Teil 
ausgetrocknete Sümpfe im Flussdelta*) aus; die Mofue-Lagune 
ist bereits vom See abgeschnürt^^). Sie steht nur bei Hoch- 
wasser, wenn der Luapula die ganze Niederung überschwemmt, 
mit dem Flusse in Berührung, sonst ist die Wasserverbindung 
von Pflanzen eingenommen. Die kleineren Arme des Deltas 
sind mit Gras durchwachsen. Blair Watson^*®) fand i. J. 
1896 noch eine Passage zwischen dem lagunen artigen Chim- 
bufumo, der auch im Süden durch dichtes Gras versperrt 
ist. und dem Siki-mtu-Kanal, sagte aber für die nächsten 
Jahre das vollständige Verwachsen an. Das Gleiche gilt 
für die meisten Deltaarme. Nach Sharpe^^) bildet der 
Luapula hier verschiedene Arme, oder vielmehr er hat viele 
Schilfinseln an seiner Mündung hervorgebracht. Schwim- 
mende Pflanzen, welche auch im See häufig wachsen, wur- 
den von der Strömung abwärts geführt und zusammen- 
geschlossen ; Schilf fasste darauf Wurzel, und die vom Flusse 
herabgebrachten Sedimente schufen in Verbindung damit 
eine Insel nach der andern. Wenn wir bei den Bangweolo- 
Zuflüssen und dem Luapula hauptsächlich Barren aus im 
Flussbett wurzelnden Pflanzen antreffen, so scheinen hiernach 
doch auch leichte Anzeichen von Sseddbildung vorhanden 
zu sein. 

Vom Mweru-See an, dessen nördlicher Teil schon von 
Bergen begrenzt ist, fliesst der Luapula durch Gebirge, bis 
er sich mit dem Kamolondo-Lualaba vereinigt. Der gemein- 
same Strom empfängt dann von Osten her den Lukuga, 


•) Sharp e behauptete später (Geogr. Joum. 5. Bd. 1895 S. 391)^ 
der Luapula habe nur eine Mündung und nur vom See aus erstrecken 
sich in die Marschen hinein einzelne Sackgassen, von denen aus man 
aber nur mit äusserster Mühe kleine Boote durch die Sümpfe in den 
Fluss schieben könne. 


— . 59 - 

den periodischen Abfluss des Tanganjika-Sees, welcher auch 
öfters durch Pflanzen harren versperrt ist. 

c)Der Lukuga. 

Der Tanganjika-See, der wie alle grossen zentralafrika- 
nischen Seen, verschiedenen Schwankungen unterworfen ist^^), 
hat etwa loo Zuflüsse und nur einen, noch dazu verhältnis- 
mässig selten in Tätigkeit tretenden Ausfluss, den Lukuga- 
Cameron entdeckte ihn im Mai 1874 zuerst, als er gerade 
in Aktion war. Er fand ^ eine mehr als 1600 m breite 
Öffnung, in der aus hartem Feldspat ^**) bestehenden 
Hügelkette, welche den See umgibt. Die Einfahrt in den 
Fluss war aber mit Ausnahme eines 250—350 m breiten 
Kanals durch Gras bewachsene Sandbänke versperrt; quer 
über den Kanal lief eine Art natürliches Wehr hin, an 
welchem sich die Flut zu Zeiten heftig bricht. Cameron fuhr 
7 km weit den Fluss hinab-, bis durch die Menge der schwim- 
menden Pflanzeninseln die Schiffahrt unmöglich gemacht 
wurde. Der Lukuga war hier 540 m breit und 5,40 m tief 
und hatte eine Geschwindigkeit von 0,7 m i. d. Sek. Der 
Forscher schätzte die Pflanzenbarre offenbar zu gross, wenn 
er ihr 6—8 km Ausdehnung zuschrieb. Dahinter sollten 
sich immer abwechselnd offene und verstopfte Stellen im 
Flusse finden. Er berichtete, dass die schwimmende Rasen- 
barre an manchen Stellen bis zu 1,8 m dick sei, so dass 
eine Wegräumung damals nicht gut ausführbar war, weil 
nach Entfernung der oberen Schicht sich von unten immer 
wieder neue Massen erhöben ^*^). Cameron^*) hielt immer 
das öfters angezweifelte Vorhandensein dieser Pflanzenbarre 
aus Tingitingi-Gras aufrecht. 

Stanley^''), der den Lukuga im JuH 1876 erforschte, 
fand wohl den See gestiegen, aber den Fluss fast ganz ohne 
Wasser, da vermutlich nach Camerons Besuch der Seespiegel 
gesunken war, der Fluss zu fliessen aufgehört hatte und 
nun das Flussbett und die Barre am Ausfluss mit Rohr- 
dickicht und Papyrus so dicht bestanden war, dass das 
steigende Wasser noch nicht dieses Hemmnis durchbrechen 
konnte. Stanley berechnete die Breite der Austrittsstelle 


— 6o ~- 

des Flusses auf etwa 2300 m, traf nach je einer engl. Meile 
730 und 410 m und bemass die Breite der eigentlichen, 
offenen Fahrrinne zwischen 410 und 35 m. Nach einer 
Stunde Fahrt fand er bei 2 — 3,5 m Tiefe eine dichte Papyrus- 
wand und der creekartige Strom löste sich in einzelne 
Tümpel auf^. 

Thomson^*) fand im Januar 1880 den Lukuga in 
so schneller Strömung (und späterhin bei Makalumbi 6 — 9 m 
tief) aus dem See ausfliessend, dass man bei der Rückfahrt des 
Bootes kaum gegen den Strom ankämpfen konnte. Er 
sah an beiden Ufern zahlreiche Anzeichen eines früheren 
Dickichts von Binsen und Papyruspflanzen, die völlig weg- 
gefegt waren und nur Wurzeln zurückgelassen hatten, die 
jedoch schnell wieder junge Schösslinge trieben. Nach 
wenigen Tagen aber fand er die Ausmündung des Flusses 
von einer Sandbarre verlegt und die hereinströmende 
Wassermenge bedeutend vermindert ^^). Bis zum August 
1880 zeigte das von Höre 1879 aufgestellte Pegel ein Sinken 
des Seespiegels um 3 m^*^); der Lukuga hatte den Tangan- 
jika entwässert. Nun war für das Wuchern neuer Vegetation 
und die Entstehung von Pflanzenbarren wieder Gelegenheit 
geboten. Wissmann '^^) fand den Fluss im Jahre 1882 
wieder als starken Abfluss, während er ihn im April 1887 
infolge des Sinkens des Wasserspiegels seichter antraf. Er 
schlägt vor, durch eine Schleuse am Ausflusse des Lukuga 
diesen selbst und damit den Wasserstand des Sees zu 
regulieren. 

Delcommune ^^) bemerkte im Oktober 1892 im Lukuga 
einen starken Strom ; ebenso M o h u n ^^) und H i n d e ^^^) 
Ende März 1893; und Lemaire^*^) schildert die Strömung 
des Flusses als eine ausserordentlich heftige im April 1900. 
Moore ^") und Fergusson^®) schliessen auf starke Erosion 
des Lukuga im Sandsteingebirge; letzterer beschreibt den 
Fluss in der Trockenzeit d. J. 1900 als träge und nur 
15 — 30 m breit. Die Pflanzenbarre des Lukuga wird in der 
Literatur noch öfters erwähnt ^^); Moore ^*®) aber bezweifelt 
dennoch, dass der Fluss jemals durch die Wasserpflanzen 
versperrt werden könnte. 


— 6i — 

D^r 350"~40o km lange Lauf cjes Lukuga, der in 8i8 m 
den See verlässt, ist durch die 'stete Abwechslung von 
Stromschnellen und sumpfigen, gefällosen Abschnitten 
charakterisiert. In einer Höhe von 497 m '•^) (nach anderen 
575 m^**), wonach sich auch das Gefälle des Lualaba bis 
dahin um 78 m verringern würde, s. S. 51) tritt er in zwei 
Armen in den Lualaba ein. 

Einige Meilen oberhalb der Mündung, bei Buli, fanden 
Mohun **^) und Hinde ®^j im März 1893 eine Pflanzenbarre, 
die aus schilfrohrartigen hohen Pflanzen bestand und den 
Lukuga buchstäblich versperrte. Sie war 5-6 km (?) lang, 
während der nur 1,25 — 1,50 m tiefe Fluss etwa 1600 m breit 
war. Diese Barre beruhte auf Durchwachsung des Flusses, 
während die obere nach Cameron sich mehr der Ssedd- 
formation näherte. 

d. Mittelbare Tributäre des Kongo. 

Livingstone fand 1870 einen mittelbaren Nebenfluss 
des Lualaba (beim Lolinde, der in den Luamo fliesst) ganz mit 
Tikatika-Gras bedeckt, über den sich eine Pflanzenbrücke 
wölbte, welche durch eine Grasart mit einem glänzendem 
Blatte gebildet war. Er berichtet *®^), dass sich „dieses Gras 
zu einer Matte verflicht, stark genug, das Gewicht eines 
Mannes zutragen; es gibt aber beijedem Schritte einen Fuss 
oder 15 Zoll nach; ein 6 Fuss langer Stock konnte bei 
manchen Löchern, an denen wir vorüberkamen, nicht auf 
Grund stossen. Die Lotosblume oder heilige Lilie, welche 
fast in allen seichten Gewässern in diesem Lande wächst, 
streckt zuweilen ihre breiten Blätter über die Brücke, so 
dass oberflächliche Beobachter verleitet werden, sie für die 
Brückenbauerin zu halten; dies ist aber in Wirklichkeit das 
erwähnte Gras". Livingstones Schilderung gleicht sehr der 
Junkers über die Obä. 

Die gleiche Erscheinung zeigt sich beim Sindi, einem 
Nebenflusse des Malagarasi. Stanley, der ihn 1871 über- 
schritt**^), nennt ihn einen Sumpf, der in seiner Mitte und 
unter dem dichten aus Gras und vielen verwesten Stoffen 
bestehenden Nfetzwerk einen breiten, tiefen, reissenden Strom 


— 62 — 

birgt. Diese Crasbrücke habe beim Überschreiten in schweren 
langsamen Wellenlinien sich auf und nieder bewegt, vergleichbar 
dem Wogen des Meeres nach einem Sturme. Stanley erzählt 
auch, dass in der Nähe eine Karawane von 36 Mann beim 
Ueberschreiten des Flusses eingesunken und verschwunden 
sei. Cameron^'), der 1874 den Sindi bei Tamballa über- 
schritt, fand den 100 m breiten Fluss ausser einem 0,6 m 
breiten offenen Kanal an beiden Ufern mit schwimmenden 
Pflanzen massen bedeckt, welche sich bis zu 1200 m strom- 
abwärts ausdehnten. Er nennt diese obäartigen Schwing- 
rasen nicht ganz zutreffend „schwimmende Inseln". Kandt^««), 
der den Sindi 1897 ^^ f^^^ Stellen kreuzte, fand überall 
diese Pflanzendecke vor, so dass er zu dem Schlüsse kommt, 
dass fast das ganze Flussbett von flottierenden Pflanzen- 
teppichen bedeckt ist. Er wieCameron berichten, dass sie 
ihre Entstehung den Binsen, Gräsern und dem Papyrusschilf 
verdankt, welche die im Flusse treibenden Pflanzen ansammeln 
und so einen Boden für die Vegetation bilden. Die Pflanzen 
gehen schnell auf, blühen, ihre Wurzeln verwachsen mit- 
einander und bilden dadurch eine kompakte Masse, die sich 
am Boden wie schwarzer, scheinbar fester und in der 
Trockenheit etwas hellerer Humus ausnirömt. Cameron 
fand den zäh-elastischen Rasen 90 cm dick und darunter 
tiefes Wasser, in das sich, wie auch Kandt bestätigt, die 
Nilpferde flüchten. Fraglich ist Ca merons Annahme, dass 
das Wachstum der Vegetation in 6 Jahren seinen Höhe- 
punkt erreicht und dann in weiteren 4 Jahren der vollstän- 
dige Verfall der „Insel" vor sich geht. Auch diese beiden 
Forscher bestätigen die Elastizität des Bodens, der bei jedem 
Schritt nachgibt, aber sich rasch wieder ausgleicht. 

Hier sei auch angefügt, was Cameron^**), der die 
Häufigkeit dieses Phänomens im tropischen Afrika betont, 
bei Gelegenheit der Beschreibung der Tanganjika-Zuflüsse 
sagt : „Tingitingi nennt man gewisse grasige Stellen an der 
Mündung von Flüssen und sonstwo, wenn das Gras so dicht 
ist, dass Boote nicht hindurchkommen, aber doch nicht dicht 
genug, dass ein Mensch darauf gehen kann; vermögen sie 
aber das Gewicht eines Mannes zu tragen, so heissen sie 


- 63 - 

Sindi. Aus diesem Grunde wird der Fluss bis Ugaga Sindi 
genannt; man spricht aber auch von anderen Flüssen als 
Sindi; vom Kirumbwa z. B. sagt man, er ist Tingitingi mit 
ein wenig Sindi**. 

Der Wala in Deutsch-Ostafrika, ein Nebenfluss des 
Ugalla, ist ein Regenstrom, der in der Regenzeit die Ufer 
überschwemmt, aber selten sein Wasser bis zum Ugalla 
fortwälzt. Böhm und Reichard ^'% die ihn im März 1882 
befiihren, erzählen von den vielen Barren, die sie am Vor- 
wärtskommengehindert hatten. Ausser vielen Mag akas (d. 
s. Bäume, welche im Flussbett selbst wachsen und ausge- 
dehnte, mit Lianen verschlungene Wurzeln und Schösslinge 
treiben) zwangen mehrere Ptstia-Barren die Reisenden zur 
Umgehung. Der 30 — 100 und mehr m breite Fluss war 
mehrere Male, einmal iV« km weit, durch kompakte Barren 
von Pistien verschlossen, unterhalb deren das Wasser trübe 
und stinkend war. Oft war der ziemlich schnell strömende 
Fluss ganz vergrast oder durch Binsenbarren abgesperrt. 
Schliesslich endete der zuvor seebeckenartig verbreiterte 
Fluss in einer schmalen, verschlammten und von Nymphaeen 
völlig bedeckten Bucht; nur mehr ein trockenes Bett zog 
sich zum Ugalla hin. 

Stanley*^^) fand den Itawafluss in der Luwamberri- 
Ebene breit, aber langsam fliessend und mit Gräsern voll- 
gestopft. 

3. Südafrika und übriges Afrika. 

Wie wir bereits erörtert (s. S. 6), geht der Ngami-See 
in Südafrika seiner Austrocknung entgegen. Dies wird teil- 
weise auf das mehrere Kilometer vor dem See stattfindende 
Versiegen des T a o ge [Tauche] zurückgeführt, das auf einer 
künstlichen Verstopfung beruhen soll (?). Alljährlich 
Wieb eine grosse Anzahl der Schilfflösse, auf denen die Ein- 
geborenen nach Nakona Tribut brachten, an einer und der- 
selben Stelle oberhalb Nakona liegen, wodurch sich hier 
Sandbänke bildeten, die den Strom verstopften (?) und seine 
abwärts gelegenen Arme trocken legten ^'^^). Glaubhafter ist 


- 64 - 

Passarges ^'^) neuerer Bericht, wonach der sich in drei Arme, 
Taoge, Tso und Sselinda, spaltende Okavango bei einer 
fortwährenden Regenabnahme nur imstande war, dauernd 
den mittleren Arm mit Wasser zu füllen, während die Seiten- 
zweige nicht mehr fähig waren, die verstopfenden Schilf- 
mengen fortzuschieben. Hier ging also eine Durchwachsung 
des Flusses Hand in Hand mit dem Sinken des Wassers. 

Foa^'*) erzählt, dass die zahlreichen kleinen Wasser- 
läufe, welche in den Sambesi münden, allgemein an der 
Mündung mit hohen Pflanzen angefüllt sind, so dass man 
in dem ununterbrochenen Pflanzengürtel des Ufers sie leicht 
übersieht. Nach dem Bericht Ecker sleys^'^) weisen viele 
Nebenflüsse des Sambesi, wie der Ozi, Sabi u. s. w. neben 
Stromschnellen auch abwechselnd Strecken trägen Wassers 
auf, wo das Flussbett durch Erdreich und Vegetationsmassen 
abgedämmt ist. 

Wenig unterhalb der Schiremündung fliesst am gegen- 
überliegenden Ufer der Zangwe in den Sambesi, der auch 
einen Seitenarm in letzteren schickt. Anderson^'®) wurde 
bei einer Bergfahrt im 45 m breiten und 5—6 m tiefen 
Zangwe schliesslich durch eine undurchdringliche Pflanzen- 
barre aufgehalten, die anscheinend schwimmend war, da sich 
darunter noch eine Wassertiefe von 5,4 m fand. Diese 
Barre könnte aber nach Andersons Meinung ohne besondere 
Schwierigkeit entfernt werden. Nach den Angaben der 
Eingeborenen soll zur Hochwasserzeit Wasser durch einen 
Kanal vom Sambesi durch den Urema in den Pungwe fliessen, 
der bei Beira in den Ozean mündet. Das Vorhandensein 
dieser Bifurkation wurde neuerdings bestätigt. 

Der Pungwe teilt sich in seinem Unterlaufe in zwei 
durch die Insel Manangora getrennte Arme, rechts in den 
Pungwe, links in den Dingi Dingi; letzterer empfängt von 
N her den durch Sumpf land^") fliessenden Urema und ver- 
einigt sich dann wieder mit dem Pungwe. Parallel mit dem 
Dingi Dingi im Norden läuft der Zangwi, welcher aber nach 
Reid^'®) mehr eine Kette von Sümpfen als einen Fluss dar- 
stellt. Der Urema nun, der kurz vor Grogans Ankunft 
(1898?) noch etwa 80 km weit in kleinen Booten befahrbar 



Fig. 5. Ein in den Strom getiiebenei Tüf. 


■?\ 


- 65 - 

gewesen, war bei dem Übergang des Reisenden durch eine 
Pflanzenbarre gänzlich verriegelt (now totally blocked by a 
vegetable growth similar to the famous Nile „sudd")^'*)- 
Reid^'®) berichtet ebenfalls, dass er (1900 oder 1902) durch 
diese stellenweise 54 cm dicke Vegetation (a kind of sudd) 
bei seiner Talfahrt im Urema aufgehalten wurde. Beide 
Forscher verglichen die Pflanzenbarre mit dem Ssedd des 
Nils; da aber die Dicke nicht beträchtlich ist und nach 
Grogans Versicherung der Papyrus (und vielleicht jede 
grössere Pflanze) fehlt, so ist es auch möglich, dass sie 
sich der Obä-Form nähert.*) 

Wenn wir uns vom Festland auf die grösste Insel 
Afrikas, Madagaskar, begeben, so finden wir dort auch 
obäartige schwimmende Wiesen, wie aus folgendem Berichte 
E. Wolfs^^) hervorgeht: „Des Nachmittags hatten wir 
mehrfach schwimmende Wiesen zu passieren ; grosse schwim- 
mende Grasflächen ohne Grundwurzeln. Diese Grasflächen 
werden je nach der Höhe des Grundwassers bald hierhin, 
bald dorthin getragen. Das Vieh, oft bis zum Halse im 
Wasser stehend, frisst das Gras von diesen schwimmenden 
Wiesen ab. Der seiner Karawane vorausmarschierende 
Europäer befindet sich lu-plötzlich bis über die Hüften im 
Wasser, wenn er diese trügerische Decke in der Meinung, 
festen Wiesenboden vor sich zu haben, betreten sollte." 
Freilich scheint es sich hier nur um grössere schwimmende 
Wiesenkomplexe zu handeln, die auch nicht die Last von 
Menschen oder gar grösseren Tieren zu tragen vermögen; 
auch ist nicht erwähnt, ob sich diese Wasserwiesen auf 
einem fliessenden Gewässer finden. Nach den Erfahrungen 
C. Kellers^®^) sind die Flüsse Madagaskars mit ihrem 


*) Wie Herr R. L. R e i d (z. Z. in Panga am Aruwimi) mir mitzu- 
teilen die Güte hatte, handelt es sich um eine Obä-Formation. Bei Nieder- 
wasser aberziehen Gräser und Kräuter, besonders eine lilien- 
artige Pflanze, wahrscheinlich Pistia stratiotes L., den Fluss. Die langen 
Faser wurzeln reichen weit hinab, verwickeln sich und nehmen Sedimente 
oder Schlamm auf, während die Gräser, von beiden Ufern aus in das 
Wasser wachsend, sich mit den Pistien derart vermischen, dass dieser 
Rasen stellenweise das Gewicht eines Mannes zu tragen vermag. 

Deuerling. Die Pflanzenbarren. ^ 


— 66 — 

• _ 

langen Berg- und kurzen Talgebiete zur Entwicklung von 
Pflanzenansammlungen nicht gut geeignet. 


4. Stromgebiet des obersten Nils. 

a) Seenplateau. 

Bevor wir uns dem klassischen Reiche der Pflanzen- 
barren des oberen Nils zuwenden, stossen wir auf ein Ge- 
biet, wd es auch öfters zur Bildung von Barrieren kommt, 
das aber in der Hauptsache ein Dorado der Sümpfe und 
Sumpfflüsse darstellt, nämlich das Stromgebiet des ober- 
sten Nils ^oder Kivira), landschaftlich durch die Namen 
Uganda und Unjoro charakterisiert. 

Wir finden hier die eingangs erwähnten drei Typen 
von Pflanzenbarren vertreten: die rush drains oder Binsen- 
gewässer, die Obä und die Ssedds. 

Die ersten europäischen Reisenden, welche in diese 
Gegend kamen, Speke und Baker, betonen bereits den 
sumpfigen Charakter der Landschaft. Leider fehlen uns 
noch immer ausführliche Berichte über die einzelnen Land- 
schaften. Nach Chavanne^^) wird zur Zeit des Nieder- 
schlagsmaximums das ganze Land zu beiden Seiten jeder 
Wasserader weit überschwemmt. Eine Legion von Cherän 
(Plural von Chör^Regenbach) durchwühlt den Boden und 
schwellt die Fluten der grösseren permanenten Wasserläufe, 
in denen trotz der gesteigerten Strömung Papyrus- und 
Lotuspflanzen dicht verflochten die Rinnsale füllen und 
stellenweise förmliche „schwimmende Brücken" bilden. H. 
Johnston^®^) sagt: „Hier (in Uganda) ist selten ein wirklich 
fliessender Strom oder Fluss zu sehen mit Ausnahme des 
Kagera im SW und des Nils im N. Fast jeder Wasserlauf 
ist so mit Vegetation verstopft, dass von der Höhe aus kein 
Wasser sichtbar ist und das breite Flusstal eine Strecke 
lichten grünen Rasens zu sein scheint. Und in den Tiefen 
des Waldes, wo das Tal am tiefsten ist, scheint das Wasser 
kaum zu fliessen oder durchzusickern und bietet ganz das 
Aussehen der Stagnation; und selbst hier ist sein Lauf fast 


\ 


- 67 - 

\ zuständig versteckt durch das - Wachstum von Kräutern, 
Jchilf, Gras, Binsen und anderen Pflanzen. . . . Wo das 
^. lussbett nicht diese verschwenderische Fülle des Waldes 
mährt, ist es vollständig mit Papyrus und anderen Wasser- 
iDflanzen bedeckt. Diese Papyrusbinsen erreichen zuweilen 
eine Höhe von 9 oder 10 Fuss von der Wasseroberfläche 
an." Auch Wilson und Felkin^), Junker^), Casati^«) 
bestätigen das sumpfige und verkrautete Aussehen der Flüsse. 
Lugard ^') beschreibt zutreffend diese Wasseradern: „Die 
Täler besitzen allgemein reiches, schwarzes Erdreich, und 
sehr häufig ist der tiefste Teil der Senkung ein Flussumpf. 
Fast jedes Tal und jede Senkung durch Unjoro und Uganda 
enthält dieses merkwürdige und sehr unangenehme Phänomen. 
So ein Sumpf schwankt zwischen einer Breite von wenigen 
scores (= 20) Yards und einer Meile oder mehr, gewöhnlich 
von V2— V4 Meilen. Eine geringe, sehr geringe Strömung 
ist vorhanden ; der Fluss ist verstopft mit dichtem Papyrus, 
mit einem Unterwuchse von Sumpf- Farnkräutern, Gras, 
Schilf u. s. w. Das Wasser hat gewöhnlich die Farbe von 
Kaffee und ist rot mit Eisenrost. Die meisten dieser Sümpfe 
sind verräterischer Morast ohne Boden ; und wenn nicht die 
Papyruswurzeln dem Fusse einen genügenden Halt ermög- 
lichen, ist es nötig, Schilf und Baumäste zu schneiden, um 
den Übergang bewerkstelligen zu können." Wie hier schon 
angedeutet ist, werden diese Sumpfflüsse mittels Pap3rrus- 
flössen, die 20 und mehr Leute zugleich tragen können, über- 
quert^), oder man legt Papyrusbrücken ^®) über sie. Wil- 
son^*®) berichtet, dass durch die grösseren Sumpfflüsse 
Dämme aufgeworfen sind, von Zeit zu Zeit von Brücken 
3US Baumstämmen unterbrochen, die dem durchsickernden 
Wasser freien Abzug gewähren; ja er sah einen regelrechten 
Knüppeldamm durch einen solchen Sumpf gelegt, der, aus 
Stämmen von wilden Dattelpalmen gebildet, auf der trüge- 
nschen Oberfläche der schwimmenden Vegetation lag und 
jederzeit eine sichere Strasse bildete. Johnston^*^) be- 
schreibt ausführlich die breiten Strassen auf dem lockeren 
Grunde der Marschen und Sümpfe, die zwischen 4,5 m hohem 
Papyrus dahinführen. Gewöhnlich aber werden diese Flüsse 

5' 


— 68 - 

dadurch überschritten, dass man die Papyruspflanzen vor 
sich her niedertritt, oder die zu diesem Zwecke gefällten 
Stauden werden einfach regelrecht gelagert, die unteren 
Schichten längslaufend, die oberen dazu quer und genau 
parallel zu einander. Auf solche Weise wird ein 4 — 8 m 
breiter Gang geschaffen, auf dem man bei guter Herstellung 
fast trockenen Kusses hinübergelangt; selbst das Vieh schafft 
man so über den Sumpf. Natürlich dienen diese Brücken 
nur dem jeweiligen Bedarf*'*). 

Diese Sumpfflüsse gehören mittelbar oder unmittelbar 
alle zum obersten Nil, indem sie entweder dem Viktoria 
Njansa, Albert-Eduard-, Albert-See und den Hauptzuflüssen 
des Nils zustreben oder in den Somerset -Nil und in den 
Tschoga-See selbst münden. 

Der südlichste Fluss Ugandas ist der Ruisi, der durch 
weite Papyrussümpfe fliesst'**) und den Magunga- und 
Kachira-See durchläuft und in den Viktoria-See nördlich vom 
Kagera mündet ; der Kachira-See schrumpft in der Trocken- 
zeit zu drei getrennten Teichen zusammen, die durch sumpfige 
Flüsse mit einander verbunden sind *^). NördUch vom Ruisi 
fand Garst in'®*) viele bis zu 10 m tiefe Flüsse, deren Bett 
mit' Papyrus und Schilf gefüllt ist, durch deren Dickicht 
langsam das Wasser sickert. 

Der grösste Fluss, der im NW in den Viktoria-Njansa 
mündet, ist der K a t o n g a. S t a n 1 e y '••) fand im November 
1875 den langsam und träge in den See sich ergiessenden 
Katonga an seiner Mündung gegen 400 m breit; seine Strö- 
mung ist kaum zu bemerken. Weiter oberhalb traf der 
Forscher überhaupt kein fliessendes Wasser in dem lagunen- 
artigen Flusse. Das etwa 800 m breite Bett ist mit Stechgras 
und Papyrusstauden dicht bewachsen, das stagnierende 
Wasser ist 90 — 120 cm und an einigen Stellen selbst 2 m 
tief. Am Zusammenflusse des Wakassi mit dem Katonga 
ergab sich eine Höhe von nur 5V2 m über dem Seespiegel. 
Bei der Überfahrt müssen die Boote sich mühsam durch das 
dichte Schilf zwängen. S p e k e und B u r t o n ^^) Hessen sich in 
Udschidschi vom Scheich Snay berichten, dass der Katonga 
eine Breite von 1800 m habe, bei Hochwasser sehr tief, aber 


— 69 — 

in der trockenen Zeit sehr träge sei; Wasserlilien und Schilt 
überzögen seine Oberfläche. Er sei nur in der Trockenzeit 
-ZU passieren, wo die Leute auf den Lilienblättern über ihn 
gingen; Rindvieh werde dann an gewissen offenen Stellen 
hinübergebracht. Wenn der Bericht auf Wahrheit beruht, 
dann muss jedenfalls das Überschreitien des Flusses „auf 
den Lüienblättern'' als auf einer schwimmenden Pflanzen- 
brocke, die mit Wasserlilien bedeckt ist, anzunehmen sein. 
Als Speke^®®) dann 1862 wirklich den Katonga überschritt, 
fand er „a succession of rush-drains'', wo einer vom anderen 
-durch Schilfinseln getrennt war. Der Forscher brauchte 
zwei Stimden, um den mit Kräutern und Morast erfüllten Fluss 
zu durchschreiten. Lugard^®®) erzählt, dass er den Katonga, 
der auf den Karten als grosser Fluss eingetragen, der aber 
bloss ein breiter Papyrussumpf sei, im Höhepunkt der Regen- 
zeit trockenen Fusses überschritten habe, als alle kleinen 
Bäche zu einem fast ungangbaren Morast wurden. Aus 
diesem unklaren Berichte ist zu . entnehmen, dass entweder 
<ier Fluss kein Wasser führte, oder eher, dass er auf einer 
Pflanzenbrücke zu überschreiten war. Von den Zuflüssen 
des Katonga sagt Stanley**^): „Obgleich diese Gewässer 
zum Teil Flüsse genannt werden, so lassen sie doch keine 
Strömung bemerken, sondern sind nur flussähnliche Sümpfe 
oder breite Abzugskanäle, welche mit Binsen, Stechgras und 
Papyrus in derselben Weise wie der Katonga selbst voll- 
gestopft sind. Nördlich und südlich von demselben steigt 
in einer Entfernung von ungefähr zehn Meilen das Land 
schnell empor, und hier entspringen zahlreiche Bäche klaren, 
süssen Wassers , aber indem sie ins Katongatal hinabfallen, 
vereinigen sie sich und werden von breit ausgedehnten fluss- 
ähnlichen Sümpfen aufgezehrt, deren schlammiger Inhalt 
von dem breiten, lagunen artigen Katonga langsam abgeleitet 
wird." ' 

Im SW von Uganda, im Gebiete der Wasserscheide 
des Kagera und Albert-Eduärd-Sees , entspringen trotz der 
hohen Lage und dem steilen Gebirge mehrere kleine Sumpf- 
fltisse, die in den Chombo gehen. Der Kaniamagogo ist 
an seiner Oberfläche bedeckt mit dichtem Schilfwuchse ; an 


— 70 — 

einigen Stellen findet sich auch Papyrus. Die Eingeborenen 
kreuzen ihn an gewissen Stellen, indem sie von einem 
Pflanzenbüschel zum andern springen*®^). Der nördliche 
Teil des Ankole-Distriktes besitzt nach Johnston*®^) zahl- 
reiche Moräste oder träge, mit Vegetation versperrte Flüsse. 
Speke^ nennt den Mwarango einen etwa 270 m breiten 
„rush-drain", über mannstief, aber zu zwei Dritteln ver- 
wachsen. 

Der Albert -Eduard -See, dessen nördlicher Ausläufer^ 
der Dweru-See, selbst im N versumpft ist , empfängt nach 
G a r s t i n *^) neben mehreren reissenden (vom Runssoro 
herabkommenden) auch viele sumpfige und verwachsene Flüsse. 

Auch zum Albert-See fliessen nach Junker*®^) und 
G a r s t i n *^) mehrere kleine , sumpfige und brackige Ge- 
wässer, teilweise von Schilf und Pap3rrus ganz erfüllt. Den 
Misisi fand Gessi*"') bei seiner IVfündung durch Pflanzen 
verlegt und weiter aufwärts unterhalb eines Wasserfalls 
unzugänglich gemacht durch Inseln und Pap3a'us. 

Der Viktoria- Njansa empfängt an seinem Nordufer 
zwischen Katonga und Berkeley-Bai keinen Zufluss^^). Der 
Nzoia hat eine reissende Strömung und Stromschnellen, 
endet aber in einem sumpfigen Delta *^). Der Lukos oder 
Yala, etwa 30—40 m breit, bildet den sumpfigen Papjnrussee 
Gangu und verliert sich durch ein ungewisses Rinnsal in 
das Nzoia-Delta *^). Der Sio fliesst zwischen schilf bedeckten^ 
schlammigen Ufern durch eine flache sumpfige Alluvialebene 
träge zum Viktoria-See*®®). Vandeleur*^®) erzählt von 
mehreren Sumpfflüssen zwischen der papyrusbewachsenen *^^) 
Ugowe- und Kavirondo-Bai. Der Njando*^^) durchströmt im 
Unterlaufe eine Reihe von Papyrussümpfen. Auch in Lumbwa 
finden sich nach Pringles*^^j Angabe viele „swamp Valleys". 

b) Der Viktoria-Nil oder Kivira. 

Ehe wir die anderen mittelbar oder unmittelbar dem 
Nil tributären, durch Pflanzenbarren versperrten Flüsse 
Ugandas in unsere Betrachtung einbeziehen, müssen wir dem 
Hauptstrom selbst, dem Viktoria-Nil, unser Augenmerk 
zuwenden. Der Nil verlässt bei dem 4 m hohen Ripon- 


— ^l - 

Fällen den 1129 m hoch gelegenen*^*) Viktoria-Njansa und 
fällt bis zu den Isamba-Schnellen sehr stark *^^). Dann tritt 
er in den 1075 m hoch gelegenen Tschoga (auch Kioga, 
Choga)-See ein, der öfters auch als zwei Seen, Gita-Nzige 
(Kwania) oder I b r a h i m - S e e *^*) und Tschoga-See, bezeichnet 
wird. Dieser See wird von Chaill6-Long*^'), der ihn im 
August 1874 entdeckte, ein ungeheures Meer von Wasser- 
lilien, ein wahrer Pflanzgarten von Nymphaea btus genannt. 
Schwimmende Pflanzen und flottierende Inseln aus Papyrus- 
detritus, auf denen die Eingeborenen ihre Hütten errichten (?), 
nehmen fast die ganze Oberfläche ein, so dass der Entdecker 
einige Tage umherirrte, bis er den Ausfluss des Nils fand. 
Piaggia, der 1876 durch den See zur Einmündung des 
Nils vorzudringen suchte, konnte zeitweise durch die dichte 
Wasservegetation und die mit krautartigen Pflanzen und 
Papyrus bedeckten schwimmenden Inseln nur langsam vor- 
rücken und musste wieder umkehren, da er sich verirrte*"). 
Nach Kirkpatrick*") sind die Ufer des Tschoga-Sees zu- 
meist flach und mit einem Papyrusgürtel von 10 bis 50 m 
Breite umgeben. Überall sind Papyrusansammlungen und 
in den seichteren Teilen Wasserlilien und allerlei Kräuter 
vorhanden. Die Tiefe schwankt zwischen 4 und 9 m. Diese 
Angaben wurden in neuester Zeit von Fishbourne*^^) be- 
stätigt. Die Süd- und Ostufer sind mit Papyrus, Kräutern 
und schwimmenden Inseln maskiert. Der nördliche Teil, 
auch Kwania-See genannt, der die Kawara-Insel (oder Halb- 
insel) umgibt; ist ganz sumpfig und noch wenig erforscht» 
Er ist gewöhnlich vom südlichen Teile völlig durch Pflanzen 
abgesperrt*^®). Immerhin kann man auf der 80 km langen 
Strecke, welche der Nil durch diesen unregelmässig gestalteten 
Sumpfsee durchläuft, eine kleine Strömung bemerken, die 
im ^westlichen Teile einen wahrnehmbaren Kanal offlen lässt*^^). 
Der östlich gelegene Salisbury-See, durch viele Sumpf- 
flüsse genährt, entwässert sich durch den meist ganz von 
Pflanzen versperrten Basina in den Mpologoma, einen öst- 
lichen Zufluss des Tschoga-Sees*^^). Garstin*^^) schreibt 
den Sumpflagunen im O des letzteren eine regulierende 
Wirkung auf den Wasserstand des Viktoria-Nils zu. 


- 72 - 

Die Zuflüsse des Ibrahim-Sees treten grösstenteils in die 
breiten Golfe ein, welche eigentlich mehr Seearme als aus- 
geprägte Flussbetten darstellen. Im SW empfängt der See 
den Luadscherri, der aber auch als Zufluss des Kafu ge- 
nannt wird. Speke***) nennt ihn einen ungeheueren „rush- 
drain", etwa 5 km (?) breit, der an Grösse den Katonga über- 
trifft. Da die Zugehörigkeit des Luadscherri nicht klar Ist, 
so ist wohl die Annahme berechtigt, dass es sich hier um 
eine echt afrikanische Regenzeit -Bifurkation handelt Der 
Luadscherri und der heute Lugogo oder Ergugu genannte 
Fluss sind von Pflanzenbarren durchwachsen. Chavanne ***) 
nennt ersteren ein durch den Ergugu-Sumpf in den Gita-Nzige 
sich träge wälzendes Gewässer, das auf mehr als zwei 
Dritteln seines Laufes (iio km) mehr einem kontinuierlichen, 
von zahlreichen Inseln erfüllten, 4—8 km breiten und von der 
üppigsten Sumpfvegetation durchwucherten, knie- bis brust- 
tiefen Moraste, als einem Flusse gleicht. Linant de Belle- 
f o n d s *^®) fand letzteren bei Njendje mehr als 100 m breit, 
aber nur 60—70 cm tief, jedoch mit merkbarer Strömung; 
er setzt sich im Ergugu fort. Sein Name bedeutet „Sumpf. 
Wilson und Felkin**') fanden diesen Rohrfluss am Ende 
der Regenzeit ietwa 800 m breit, in der Mitte 1,6 m tief und 
von Gras und Papyrus verstopft, aber ohne merkliche Strö- 
mung. Im Juli trafen sie den Ergugu 1200 m breit und 
1,5 m tief mit leiser, doch deutlich bemerkbarer Strömung, 
während er im Februar nur etwa 180 m Breite und Knie- 
tiefe besass. 

Nachdem der Nil oder Kivira den Tschoga-See ver- 
lassen, fliesst er langsam weiter, bis er bei Mruli den 150 km 
langen Kafu empfängt. Der Kafu ist an seiner Mündung 
nur etwa 25 — 30 m breit und durch eine sseddartige Pflanzen- 
barre versperrt, welche auch den Nil einengt*^). Weiter 
oben, namentlich an der Mwerangomündung, erweitert sich 
das Flussbett des Kafu zu einem mehrere Kilometer breiten 
und langen, von Sumpfpflanzen überwucherten Moraste*^) 
J u n k e r ^•^j fand ihn im März mehrere hundert Schritt breit, 
wovon übrigens der grösste Teil auf Papyrusvegetation ent- 
fiel. Linant de Bellefonds**^) traf ihn Ende März nur 


— 73 - 

10 m breit und an der tiefsten Stelle ^U m tief mit einer 
merkbaren Strömung. Nahe seiner Mündung sah S. Baker *•*) 
den Kafu als ein vollkommen totes Wasser und etwa 70 m breit 
mitEinschluss der auf beiden Seiten befindlichen Papyrusbetten. 
Weiter oberhalb traf Baker i. J. 1864 wieder den Kafu bei 
einer Flusskrümmung, wo er ihn fast trockenen Fusses über- 
schritt*^). Der Strom nämlich, der gerade in der Mitte der 
Marsch lief, war zwar tief, aber so mit dichtverflochtenem 
Wassergras und anderen im Wasser wachsenden Pflanzen 
bedeckt, dass durch einen Teppich von etwa 60 cm dickem 
Unrat eine von der Natur geschaffene schwimmende Brücke 
über den ca. 70 m breiten Fluss hergestellt war. Auf dieser 
sich wellenförmig bewegenden und ünstäten Oberfläche 
sprang die Mannschaft rasch hinüber, wobei sie bloss bis 
an die Knöchel einsank , obgleich unter der zähen Pflanzen- 
decke sich tiefes Wasser befand. Über diese verräterische 
Oberfläche zu reiten war ebenso unmöglich als sich hinüber- 
tragen zu lassen. Es fand sich also hier eine vollkommene 
Obä-Erscheinung. 

Unter den Zuflüssen, welche der Kafu empfängt, sind 
die meisten Papyrus-Flussümpfe. Manche davon stehen nach 
Junkers Zeugnis***) an Breite dem Kafu nicht nach; einige 
sind sogar breiter und bilden wahre Waldungen von Papyrus. 
Sie sind indes weniger wasserreich, haben oft nur in der 
Mitte einige Schritt breit vegetationsfreies Wasser und werden 
ohne Boote oder Papyrusflösse durchwatet. Martonne*®*) 
hält wie Junker den Mar and ja, einen Zufluss des Kafu, 
für breiter als den Hauptfluss. Junker*^) erklärt die 
Breite dieses Pap)Tussumpfes (300 m ?) für kaum berechenbar. 
Zum Befahreji mit Papyrusflössen war er zu seicht , . dagegen 
2um raschen Hinüberlegen eines Steges aus Papyrusmassen, 
wie es bei anderen solchen Gewässern geschieht , zu tief; 
ausserdem bestand teilweise eine sichtbare Strömung. Die 
Reisenden steckten beim Überschreiten stundenlang im Schilf. 
Junker*^') erzählt noch von mehreren .Papyrussümpfen 

• 

jener Gegend; Johnston *^®) sagt, dass nur wenig fliessende 
Wasseradern hier zu sehen sind, ausser nahe an ihrem Ur- 
sprung, da die Bäche bald mit Wasserpflanzen versperrt 


— 74 — 

und zu Sümpfen werden. Die kleinen Gewässer, welche 
der Kafii von O erhält, sind zumeist PapjoTissümpfe *^* ». Die 
Quellwasser des Kafu bestehen aus Sümpfen**®). 

Do- Viktoria-Nil, der bei Mruh an der Kafumün- 
dung 700 m breit ist, fliesst in der 88 km langen Strecke **^) 
zwischen Mruli {1070 m) und Fowera (1060 m) mit langsamer 
Strömung in einem zwischen 270 und 360 m breiten Bett 
dahin***) (0,114 m Gefälle per km), von Papjrrus eingerahmt 
und von Wasserpflanzen durchsetzt, wobei er durch die in 
der Regenzeit sehr häufigen schwimmenden Inseln bei ge- 
ringerer Breite sicher versperrt würde **^). Johnston***) 
glaubt, wenn man den Viktoria-Nil von den Sseddbildungen 
reinigte, würde die Strecke von 90 km nördlich des Viktoria- 
Sees bis Fow6ra fQr Dampfschiffe befahrbar sein 

Von Fowera (1060 m) bis zum Albert-See (704 m) stürzt 
der Nil in wilden Laufe über die Karuma- und Murchison- 
Fälle 356 m hinab ***), so dass hier zwar keine Pflanzenbarren, 
wohl aber die Stromschnellen die Schiffahrt hindern. Er 
empfängt von N an seinem rechten Ufer mehrere Zuflüsse, 
die in ihrem Oberlaufe nach Em in Pascha**®) durch 
Sümpfe und Vegetation unpassierbar sind. 

Von den Murchison-Fällen bis zum Albert-See werden 
die Ufer des Nils wieder flach und und sumpfig — hier sah 
Garstin**') den grössten und dicksten Ambadsch am Nil, 
30 cm im Durchmesser und 8— 10 m hoch — und der Fluss 
wälzt sich, 500 m breit, ohne wahrnehmbare Strömung dem 
See zu ***), wo er bei Magungo in eine 2 — ^3 km breite See- 
bucht übergeht***) (s. S. 13). Baker, der von hier aus 
den Viktoria-Nil aufwärts fiihr, musste mit vieler Mühe sein 
Boot durch die riesigen Schilfmauem und Binsen hindurch- 
zwängen. Dann traf er 2,4 m tiefes Wasser, das aber nur 
durch die darin zum See ti*eibenden Pflanzen (Pislia sira- 
tiotes L.) seine schwache Strömung verriet*^®). Gordon*^^) 
berichtet, dass es schwer zu bestimmen ist, wo der See 
endigt und der Fluss beginnt, da die ganze Küste von Pa- 
P3a^sinseln versperrt und von Vegetation eingenommen ist; 
die Strömung ist gleich Null und das Wasser seicht Gessi*^*j 
fand Bakers Landungsplatz mit Papyrus verriegelt und den 


— 75 - 

Fluss, in dem er teilweise eine Strömung von i m i. d. Sek. 
traf, in gleicher Weise verlandet. Vandeleur*^') und John- 
ston***) sprechen ausser von Sandbänken und schwimmen- 
d^n Pflanzeninseln geradezu von einer Sseddverstopfung . 
an der Mündung des Viktoria-Nils. Garstin*^) erzählt, 
dass man ohne kundigen Führer, besonders stromaufwärts, 
nicht in dem von Papyrus, Schilf und Ambadsch über- 
wucherten und bloss 30 cm tiefen Wasser vorwärtskommt^v 

c) Der obere Bahr el DjebeL 

Der Austritt des Nils aus dem Albert-See ist ähnlich ver- 
wachsen wie die Einmündung und durch ein Band hellgrünen 
Schilfes gekennzeichnet*^). Er hat bis Nimule (698m?)**') 
auf einer Strecke von 185 km nur 6 m Gefälle (?), also nur 
0,032 m pro km. Hier vermag sich natürlich wieder eine. 
üppige Wasservegetation festzusetzen, so dass Unmassen, 
schwimmender Wasserpflanzen im Vereine mit Schlamm- 
bänken den Fluss in der Trockenzeit so verbarrikadieren, 
dass nur durch einen schmalen Kanal die Schiffahrt im 
2-3 m und oft weniger tiefen Flusse möglich ist***). Doch 
kommt es infolge der grossen Breite (400 — 2000 m; bei 
Wadelai 4000 m ^^)) nicht zu einer Verstopfung und Durch- 
wachsung des Flusses, wenn auch Mengen von Schilf- und 
Papyrusinseln das oft seeartig erweiterte Becken durchsetzen 
und bei Bora (82 km vom Albert-See) die freie Wasserfläche 
nur etwa 450 m, das Flussbett mit Einschluss der Verwach- 
sung aber ungefähr 2^/2 km breit ist **®X Hier befand sich 
nach Emin*'^) und Felkin*'*) im Jahre 1878 eine beinahe 
unpassierbare Vegetationsbarre, die 1879 durch das Hoch- 
wasser weggeschwemmt wurde. Gessi***) fand zwar den 
Hauptstrom tief und hie und da mit schneller Strömung^ 
verirrte sich aber oft in den Seitenkanälen des Inselgewirrs,, 
deren Ausgänge zum Hauptkanal unter den Wasserpflanzen 
versteckt waren. Er erklärt eine Kartierung des Flusses hier 
for unmöglich, da sein Lauf sich stets ändert. Junker***) 
blieb öfters zwischen den Papyrushorsten und Grasinseln 
init dem Dampfer im sumpfigen Flussbett stecken. Bei der 
Jokkamündung (Km 140) ist der 3 — 5 km breite Fluss nach 


- 76 - 

Garstin***) so mit Kräutern und Papyrus verwachsen, dass 
nur eine 40 — 200 m weite Fahrstrasse übrig bleibt. Ausser 
schwimmenden Inseln finden sich bis Dufile in stillen, von 
Papjrrus imd Ambadsch umsäumten Buchten buntfarbige 
Wasserlilien, und die kohlkopfertige Pistia siratiotes schwimmt 
zu Tausenden den Strom hinunter, besonders nach dem 
Steigen des Nils, wie dies Baker im November beobachtet 
hat. Sie werden aber nicht derart mit schwimmenden Inseln 
verwickelt, dass sie, wie später im Norden, den Fluss zu 
verbarrikadieren vermögen; sie werden in den folgenden 
Stromschnellen zerrieben und finden so ihre Auflösung *^)- 

Etwa 5 km flussabwärts von Wadelai zweigt am West- 
ufer das Chor Lärragoi ab, das im Bogen weit nach WSW 
ins Land zieht Emin Pascha**') schildert es als i — 1V2 kni 
breites, völlig durch Pflanzenwuchs geschlossenes Sumpf bett; 
an den Seiten enorme Pap3n-uswucherungen , in der Mitte 
anscheinend Gräser und Rohr, nur hie und da sind kleine 
Wasserflächen sichtbar. Es scheint sich um ein altes Fluss- 
bett oder versumpftes Altwasser zu handeln. Am Ostufer 
treten mehrere kleine Flüsse, wie der Tangi und Atschwa, 
in verwachsenen Deltas in den Strom ein**®J. 

Unterhalb Nimule folgen die Fola- und noch sechs 
weitere Stromschnellen, so dass der Nil, hier Bahr el Djebel, 
der Bergstrom, genannt, in raschem Laufe zu Tal stürzt, 
um erst später wieder den Wasserpflanzen eine Heimat zu 
bieten, was denn auch zu jener ungeheuren Vegetations- 
entwieklung und -Aufstauung im Flusse führt, die unter dem 
Namen Ssedd bekannt ist. 


G. Sie Pflanzenbarren (Ssedds*)) des oberen Nils. 

I. Einleitung. 

Wenn wir nach den Ursachen forschen, die im Gebiete 
des oberen Nils jene merkwürdige Sumpfregion und die ge- 
fürchteten Pflanzenbarren bewirken, so müssen wir vor allem 
dem Stromsysterae des oberen Nils und dem Charakter der 


•) Das Wort ssedd (englisch sadd, sudd) ist arabisch und be- 
deutet „Damm", „Wehr". Es dürfte im Deutschen etwa wie „Sädd" 
auszusprechen sein. Es bedeutet im Sprachgebrauch der NÜschiffer 
einen aus Wasserpflanzen und schwimmenden Inseln bestehenden Damm 
oder Riegel, der sich Über ein fliessendes Gewässer gelegt hat, so dass 
er die Schiffahrt verhindert. Mit der Bezeichnung ssedd ist ein grosser 
Unfug in der Literatur getrieben worden. Lyons**') hat vollständig 
recht, wenn er der Bezeichnung „ssedd" für einen Ortstypus, eine 
pflanzliche Verlandungserscheinung oder eine Vegetationsklasse, wie 
dies so oft geschehen, entgegentritt. — Wie weit die Sucht geht, die 
Anhäufungen von Wasserpflanzen als ssedd zu bezeichnen, sei an einem 
Beispiel erläutert: In einem Referat über die Arbeiten der „Mission 
scientifique Chari — lac Tchad"*'°) wird hervorgehoben: „Des blocs de 
sedd fossile (roseaux flottants silicific^s) trouvös par M. Chevalier ä 
l'est du Kanem, en pleine zone d^sertique, confirme Phypoth^se 6mise 
par Nachtigal sur ce sujet."' Diese Bemerkung hat offenbar Bezug auf 
eme Stelle in Chevaliers *^*) Reisebericht, wo es " zur Begründung 
der Hypothese von einer fortschreitenden Austrocknung der Sahara 
^eisst: „Ce sont, d'abord, des tufs remplis de d^bris des roseaux aquati- 
ques (Arundo) trouv^es ä Test du Kanem en plein Sahara". Es ist klar, 
^ass eine vergängliche Pflanzenbarre, wie wir sie in den afrikanischen 
Flüssen treffen, nicht in ihrer Gesamtheit versteinert. Wie Herr Dr. A* 
Chevalier mir mitzuteilen die Güte hatte, ist die Benennung „sedd" 
'ör jene fossilen Schilfmassen unzutreffend. Chevalier will nur sagen 
dass jene Versteinerungen von ehemaligen Wasserpflanzen herrühren. 
öurch die Verdunstung des Wassers und die daraus folgende Aus- 
trocknung blieb ein Niederschlag von Salzen und Kalk übrig, welcher 
den Abdruck der dort vorhandenen Pflanzen uns Überlieferte. 


- 78 - 

von ihm und seinen Zuflüssen durchströmten Landschaft 
unser Augenmerk schenken. Wir folgen am besten der 
klassischen Schilderung Ernst Marnos*'*), eines der besten 
Kenner jener Gegenden. 

„Das nordöstliche Afrika steigt von der Ostküste (in 
Abessinien) rasch zum hohen Gebirgslande an, welches nach 
kurzer Ausbreitung gegen W allmählich abfällt, in direkt 
südlicher Richtung aber bis an die Nähe des Äquators sich 
hinzieht. Analog diesem bildet das Nilbecken imd dessen 
Abfall vom höheren Gebirgsland in das tiefere Flachland 
eine Kurve, deren stärkste Konvexität in der Nähe des 
Äquators und gegen diesen zu gelegen ist. Hiedurch wird 
der Abfall des Nilbeckens der Längsachse nach, d. h. von der 
Nähe des Äquators bis an das Mittelländische Meer, also 
auf eine grosse Strecke verteilt, und wird demzufolge eine 
weit geringere sein als der der Querachse, in deren östlicher, 
kürzerer Hälfte derselbe wieder bedeutender sein wird als 
in der westlichen längeren Hälfte. Alle von Ost dem Nil- 
system zukommenden Flüsse durchlaufen daher ein langes 
Berggebiet und kurzes Talgebiet, in welch letzterem sie ihren 
ursprünglichen Charakter noch erkennen lassen. So der 
Atbara und der Bahr-el-Asrak (Blauer Nil), die mit raschem 
Laufe noch durch das Flachland, ihr Talgebiet, strömen, in 
:scharf vorgezeichneten und tief eingeschnittenen Betten." 

„Ganz im Gegensatz zu diesen Flüssen des östlichen 
Nilsystems erscheint das äquatoriale. Was bei den Flüssen 
<les ersteren Regel ist, wird an denen des letzteren zur Aus- 
nahme und umgekehrt. Diese besitzen denmach ein kurzes 
Berggebiet und langes Talgebiet, weit minder ausgesprochene 
Betten bestimmen ihren Lauf, keine Hochufer begrenzen 
clenselben und dämmen die während der Regenperiode ab- 
strömenden Wasser ein. Die Ufer, wo von solchen überhaupt 
noch die Rede sein kann, verflachen sich in das ebene Land, 
welches mit ihnen fast dasselbe Niveau zeigt, so dass über 
•dem mittleren Wasserstand zum Vorschein kommende trockene 
Ufer zu den Seltenheiten gehören. Hiedurch wird ein mehr 
oder weniger ausgedehntes beständiges Inundationsgebiet 
geschaffen, welches so die günstigsten Verhältnisse darbietet, 


- 79 — 

um die aus dem Berggebiete herbeigeführten Sedimente ab- 
zulagern, wodurch Veränderungen der Richtung des Fluss- 
laufes, Erhöhung der Flussbetten, Verminderung des Gefälles 
sowie Nivellierung des ganzen Gebietes verursacht wird. 
Wenn auch momentan gering, so werden diese Veränderungen 
durch die Länge der Zeit, in welcher sie fortwährend statt- 
finden und summiert werden, bedeutend." 

Bevor wir näher auf die Einzelheiten der Niveauver- 
änderungen eingehen, mag zur Orientierung der im folgenden 
angeführten Tatsachen ein Überblick über das Stromsystem 
gestattet sein*). 

Der Fluss, den wir Nil zu nennen gewohnt sind, verlässt 
durch die RiponfäUe den Viktoria- Njansa unter den Namen 
Kivira, durchfliesst den Tschoga-See und wendet sich, 
mehrere Wasserfälle tiberwindend, zum Albert-Njansa. Diesen 
(2^ i6' N. Br.) verlässt er bald wieder unter dem Namen 
Bahr el Gebel (d. h. Bergfluss, weil er von den Bergen, 
aus dem Gebirgsland, kommt). Anfangs von geringem Ge- 
fälle, stürzt er sich dann durch mehrere Stromschnellen, bis 
er bei Ladö (5® i'aa"" N. Br.) die Ebene erreicht. Von Bor 
bis Ghaba Schamb6 begleitet ihn rechts ein von vielen Hinter- 
wassern genährter Kanal, Atem und Awäi genannt, der wieder 
mehrere Ausläufer nach N schickt. Nördlich von Ghaba 
Schambe (7®6'i2" N-Br.) sendet er rechts einen Seitenarm, 
den Bahr el Seraf (Giraffenfluss), nach Norden zum Bahr 
€l Abiad. Seine Laufrichtung ist nördlich oder nordwestlich. 
In 9° 29' N.Br. besteht bei seiner Vereinigung mit dem von 
WkommendenBahr el G basal (Gazellenfluss) eine seeartige 
Erweiterung, der Mökren el Bahür (d. h. Zusammenlauf, 
Mündung der Flüsse, näraUch des Bahr el Djebel und Bahr 
^1 Ghasal) oder Nö-See (dessen Name aus Nuehr-See entstellt 
wurde). Von seinen Zuflüssen ist nur einer von Bedeutung 
"nd am besten bekannt, nämlich der Jei, der nördlich von 
^haba Schambe am linken Ufer einmündet. 

Mit dem Namen Bahr el Ghasal bezeichnet man gewöhn- 
lich jenen etwa 200 km langen sumpfigen Flusslauf, der von 
Qer Bahr el Arab-Mündung an scharf nach S umbiegt und, 

♦) Hierzu Tafel I. 


— 8o — 

von da an oft den Namen K i t führend, bei der Meschra er 
Rek (8<*4i'35" oder 8<* 24' 12" N. Br. *^*)) in einer Sackgasse 
endigt oder besser anfängt. Sein weites Stromsystem ist 
immer noch nicht ganz klar bekannt. Die Zuflüsse ent- 
springen der Hauptsache nach in einem Areale, das zwischen 
5® und 8^ (bezw. mit dem Bahr el Arab-System 11®) N. Er. 
und 24® und 30® Ö. L. liegt *'*). Die bereits aus dem Jahre 
1883 stammende Karte Luptons*^*) scheint im allgemeinen 
das Richtige zu treffen (ausser der Zugehörigkeit des Lol). 
Die Karte von Lyans*'*) löst die Bahr el Arab- und Bahr 
el Homr-Frage nicht befriedigend, während die Karte von 
Comyn*^'), sich mehr Luptons Aufnahmen näliemd, im 
Vereine mit der neuesten Karte von Lyons*'®) die derzeit 
beste zu sein scheint. Bei Meschra er Rek mündet nur der 
Molmul und vielleicht auch derTondj, d. h. wenn dieser 
nicht identisch ist mit einem weiter nordöstlich in den Bahr el 
Ghasal mündenden Flusse. Nicht weit unterhalb der Meschra, 
182 km *'^) vom Mokren el Bahür entfernt, strömt dem Bahr 
el Ghasal von links der Djur zu, in seinem Oberlaufe Sueh 
genannt, mit seinem bedeutendsten Nebenflusse, dem W a u. 
Der wichtigste Zufluss des Bahr el Ghasal ist der Bahr el 
Arab oder K i r. Etwa 20 km unterhalb mündet ein grosser 
Fluss ebenfalls links. Garst in*''®) hält ihn für eine zweite 
Mündung des Bahr el Arab. Es kann aber auch der viel- 
umstrittene Bahr el Homr**®) sein. Dieser von arabischen 
Bahr el Ghasal-Schiffem irgend einer Chor-*) oder Fluss- 
mündung (die Zuflüsse des Bahr el Ghasal wurden lange 
Zeit nicht verfolgt und waren nur an der Mündungsstelle 
bekannt oder irgendwo flüchtig gekreuzt) gegebene Name 
spukt auf allen Karten herum, ohne zur dauernden Ruhe 
auf einem Flusslauf zu kommen. Es ist hier nicht der Ort, 
dieser Frage nachzugehen. Es sei nur erwähnt, dass er bald 
als mit dem Bahr el Arab identisch bezeichnet, bald als 
nördlicher Zufluss erklärt (oder beide werden vertauscht), 
ja sogar als zweiter Name fiir den Lol benützt wird*®^), 

•) eher (Khor, Kor; Plur. Cherän, Kerän) = während oder kurz 
nach der Regenzeit Wasser führende Flussbetten; oft überhaupt fiir 
Wasserader gebraucht. Vgl. S. 66. 


— Bi - 

welch letzterer dann in den Djur mündet usw. Wir wollen 
ihn ganz vermeiden. 

Der Bs^hr el Arab entsteht in der Nähe von Hofrat-en- 
Nahas aus dem Umbelatscha (Bahr el Fertit) und Baradda 
(nicht Bahr [=Fluss] Adda)*«^) (oder Obbo?*»^). wendet 
sich in etwa lo® 25' N. Br. und 25^ Ö. L. nach O und hier- 
auf SO, bis er in 9^20' N. Br. und 28^30' Ö. L. den Lol 
oder Boro empfängt, der ihm die Wasser des Raga, Sopo, 
Tjell, Dabura und Pango zubringt ***). Die übrigen Zuflüsse 
des Bahr el Ghasal sind schwer zu zählen. In etwa 29^ 25' 
0. L. mündet durch ein Hinterwasser rechts ein Fluss ein, 
nach Marno*®^) Maije Achmed Arabi, nach Junker*®*) 
Maijeh bita el Deleb genannt, von beiden aber für die Mün- 
dung des weit aus dem Süden kommenden D j au angesehen 
(der auch oft als mit dem Tondj vereinigt betrachtet wird). 
Nach G a r s t i n *®') soll dieses Hinterwasser ziemlich parallel 
zum Hauptflusse laufen und 64 km oberhalb davon ausgehen. 
Dann empfängt der Gazellenstrom auf der linken Seite in 
etwa 29^55' Ö. L. durch ein Hinterwasser einen von NW 
kommenden Fluss, den Junker*®®) als Maijeh oder Bahr 
bita el Arab, Marno*®*) als Maije Mohammed Löus, 
Garstin^**®) als Maijeh Nu6r oder M. Mahmud EflFendi 
bezeichnet. Letztere beide vermuten in ihm den aus Kordo- 
fan kommenden Keflak, der ebenfalls in der Literatur über 
den oberen Nil ruhelos hin und her irrt. Russegger*®^) 
lässt ihn in den Bahr el Abiad münden. Brun- Rollet**^) 
nennt den Bahr el Ghasal selbst Misselad oder Keülak, den 
auch Klöden**^) als zweiten Namen des aus S kommenden 
Bahr el Eifs oder Gazellenflusses übernimmt. Später hat 
man, wie Russegger, wieder das unfern der Ssobatmündung 
in den Bahr el Abiad links mündende Chor Lölle [LoUö] 
oder Famakama (s. u.) als Keilak bezeichnet ***). 

Der letzte bekannte grössere Zufluss, der (Nam — ) Rohl, 
ergiesst sich etwa 25 km vor dem Mokren el Bahür, rechts 
von S her in den Bahr el Ghasal. Er tritt durch ein Hinter- 
wasser, das Marno*®^) für ein altes Flussbett hält, in be- 
trächthcherer Breite ^Is der Hauptstrom in den Gazellenfluss. 

Deaerling. Die Pflanzenbarren. 


— 82 — 

Junker***) und Garstin**^) kennen die Einmündungs- 
stelle unter dem Namen Chor Deleb. 

Der durch den Bahr el Ghasal verstärkte Bahr el Djebel 
läuft nun unter dem Namen Bahr el Abi ad (d. h. weisser 
Nil) vom Mokren el Bahür ostwärts, nimmt den weit im S 
vom Bahr el Djebel ausgeschickten Bahr el Seraf auf und 
wendet sich dann von der Ssobatmündimg an nach NO und 
N bis Chartum (15® 36' 38" N. Br.). Kurz vor der Mündung 
des Ssobat fliesst ihm von links das Chor Lölle (Fanakama, 
Keilak) zu, das vermutlich aus dem Mokren kommt und 
dessen überschüssiges Wasser fortleitet. Der Ssobat setzt 
sich aus zwei Hauptflüssen zusammen, dem Pibor, der aus 
der offenen Ebene im O des Bahr el Djebel kommt und dem 
Baro (auch Adura und Upeno geheissen), der dem abessi- 
nischen Tafellande entspringt. Die hauptsächlichsten Neben- 
flüsse des Pibor, der Agwei, Akobo, Gelo und Bela, fliessen 
ihm gleichfalls aus dem östlichen Gebirge zu. Die Neben- 
flüsse des mächtigen Baro sind für uns von weniger Be- 
deutung. Kurz vor der Mündung empfängt der Ssobat am 
linken Ufer das aus S kommende Chor Filus. 

Die unbedeutenden Nebenflüsse des Weissen Nils sowie 
der Blaue Nil und der Atbara scheiden aus unserer Betrach- 
tung aus. 

Zur weiteren Orientierung seien hier noch die wichtig- 
sten Punkte, ihre Lage und Entfernungen von einander an- 
geführt *®®). Freilich haben besonders die älteren Messungen 
keinen Anspruch auf Genauigkeit. 

Länge des gesamten Nils vom Viktoria-Njansa bis zum 
Meer: 5589 km. Gefälle 1129 m. Länge des Bahr el Djebel 
vom Albert-See (2^12' N. Br.) bis zijjm Mokren el Bahür 
(9^29' N. Br.) 1156 km. 

Vom Albert-See entfernt: 

Lyons i. Garstin Lyons 2. 

Albert-See (704 m) — — — 

[a» ly N. B.] (680 m) «) [2« IT N. B ] 

Wadelai (702 m) 64 km 64 km — 

[a0 45' N. B., 29» 4' ö. L.] 

Duffiltf ~ (610 m?) 209 km — 

[30<»84' «6" N. B., 3Ä0 80' Ö.L.] 


- 83 - 



Lyons /. 

Garstin 

Lyons 2. 

Nimule (698 ? oder 685 m) 

216 km 

216 km 


[^a/N. B., 3a0 8' Ö. L.] 




Bedden 

— 

(475 m) 355 km 

— 

Fort Berkeley (666 m ? I) 

363 km 

363 km 

— 

Redjaf 


378 km 


Gondokoro 

395 km 

395 km 

(446,2 m) 

[4<>54'i5" N. B^3i0 4o' 4" Ö. L. 

(435 n») 

400 km««) 

[4054'a9" N.B., 3x'> 43' 46" Ö.L.] 

Ladö 

407 km 

407 km 

fS» I' 33" N. B.] 


Mongalla (440 m) 

436 km 

437 km 

(435»7m)435km 

[S» II' 58« N. B., 310 46' 4^' Ö. L.] 




Kiru 


453 km 

[5? ia'-i3' N. B.] 


Bör . 

570 km 

570 km 

(4T6m)57okm 

:ö>36' N. B.] (411 m) 

580 km«») 

I6P la' 46" N. B.] 


Kenissa 

687 km 

687 km 

[6» 46' N. B.J 


Abu Kuka 


734 km 

[ö5 54' N. B.] 

• ' ' 

Ghaba Schambe 

767 km 

766 km 


l7»6'44" N. B., 3oP46'3i"Ö.L.] 

m .9 

7» 6' la*^ N. B. 


Bahr el Seraf-Ausfluss 


773 km 

[70 6' aa" N. B.] 


Jei-Mündung 

ca. 820 km 

807 (bezw. 812) krr 

|500\ 

Helle t-en-Nuer 

948 km 

941 km 

[8P4' 36" N. B,] 



oder Eliab Tök 

Mokren el Bahür 1156 km 1156 km (386,5111) 1150 km 

oder Nö.See (38a m) 1155 km «») [cP 39' N. B.] 

Die Länge des Bahr el Ghasal wird sehr verschieden 
angegeben. Marno*^®^) überschätzt sie bedeutend, wenn er 
sie zu 2cx>— 220 naut. Meilen (etwa 360 — 395 km) von der 
MeschraerRek bis zum Mokren el Bahür annimmt. Junker^®*) 
kommt der Wirklichkeit näher, da er 214 km rechnet. 
Garstin^ zählt erst von der Djurmündung an mit der 
Bemerkung, dass nur mehr wenige Meilen bis zur Meschra 
seien. Da die Djurmündung 182 km vom Mokren entfernt 
ist, dürften 190 bis 200 km Lauflänge für den Bahr el Ghasal 
tM rechnen sein. 

Meschra er Rek (391 m?**^)) [8^23' 20" N. Br.«>»)] [8*24' 12'' K. Br.^)] 

[80 41^ 35" N. Br.«»'); 8^17' 30" N. Br., 29« 1' 15" Ö. L.^J 
Djur-Mündung [8« 44' 50" N. B.«'«)] etwa 18 km*) 

*) Da die Länge des Flusses approximativ zu 200 km ängenom- 
rocn ist, werden alle Werte verschoben. Die einzelnen Abstände von 
I)iur bis zum Mokren sind Gar st ins Bericht entnommen. 


- 84 - 

Bahr el Arab-Mfindang (gTö'N.Br.a^^ö'Ö. L.^etwa6okm (s. vor. Anm). 
Grosse Chör-MOndung, vielleicht DördL Arm des Bahr d Arab: 80 km. 
Maijeh Achmed Arabi oder Djau-Mfindung: etwa laokm. 
Maijeh Mahmud-Efiendi (Keüak): etwa 176 km. 
Chor Deleb oder Rohl-Mfindmig: etwa 189 km. 
Mokren el BafaOr (3136,5 m): etwa aoo km. 

Die Länge des Bahr el Abi ad (Weissen Nils} beträgt 
nach Lyons*^") und Garstin*^) etwa 962 km und nach 
Willcocks*") 970 km. 

Die einzelnen Entfernungen der wichtigsten Punkte 
stellen sich folgendermassen dar: 

Lyons i. Garsiin Lyons 2. 

Mokren el BabOr — — (3P6,5 m) — 

Ausfluss des Bahr el Abiad [9^ 29' N. Br.] 

:^a9'N-Br,3D»34'Ö.LP") 

Maijeh SigncH'a — 5 mid 21 km — 

(Am- and Einmflndang) 

Bahr el Seraf-MOndmig 76 km 76 km — 

•jf^^T N-Br.,31»»' Ö.L.?»- y>^ 17" N. Br.] 

Lölle-Mfindung — 119 km — 

Ssobat-Mfindmig 124 km 124 km 

^^/N.Br-}») (alBaJB m)«*) IsP aa* 8" N. Br^ 3J« 3'' Ö- L] 

IS^ ar* :q- N. Br. . ai^^g* Ö. U] M^ 

Tanfikia 132 km 132 km (382,7 m) 140 km 

Faschoda — 215 km (382^2 m) 225 km 

oder Kodok y>55*ao''N.Br^3^6'ÖX-l 

Melut — — (381^ m» 300 km 

Kaka . — 323 km — 

Renk 480 km**') 453 km (380,0 m) 480 km 

Kawa — 728 km — 

El-Duem 762 km 761 km (377,4 m) 760 km 

Chartum (378 m) 962 m 962 km (374,9 m) 970 km 

:iS» aiS'ao^. Br, ^ 2^ ^oT Ö. LI [i^ 36' ^- N. ErJ 

Der Bahr elSerafist an seinen Ufern nicht besiedelt 
und da er als Verkehrsweg nur ein paar Mal notgedrungen 
benützt wurde, so wurden ausser von J. A. Baker ^^•) (die 
,;Dubbahs'0 in der ebenen Sumpfgegend, die er durchfliesst, 
keine Punkte geographisch bestimmt Seine Länge bemisst 
sich nach Lyons^^ auf ungefähr 340 km, nach Garst in **^> 
auf mindestens 480 km, was aber zu hoch gegriffen ist, da 
die Strecke des ebenfalls sehr windungsreichen Nils von 
seiner Ausmundung bis zum Wiedereintritt kaum diese Länge 


- 85 - 

aufweist; obwohl sie die Krümmung des Bogens, der Lauf 
des Giraffenflusses aber die- Sehne darstellt. 

Da der S s o b a t noch nicht genügend in seinem Strom- 
system erforscht ist und für unsere Untersuchung wenig in 
Betracht kommt, so sei nur angegeben, dass 25 km ***) ober- 
halb der Mündung Doleb Hilla (395 m?) und 275 km (278 
km)*^) weiter Nasser (ca. 470 m) liegt, während die Ver- 
einigung des Pibor und Baro nach weiteren 20 km erfolgt. 


II. Die Sseddregion. 

I. Charakter der Landschaft. 

Wir haben schon am Eingang kurz eine allgemeine 
Charakteristik der Sumpf landschaft des oberen Nils angeführt. 
Wenn wir nun nach den Ursachen forschen, die jenes Ge- 
biet der Versumpfung so sehr zugänglich gemacht haben, 
so ist uns vor allem klar, dass hier niemals eine Berg- oder 
Hügellandschaft vorhanden gewesen sein kann, sondern eine 
Ebene oder sogar eine allmählich durch Ablagerungen aus- 
gefüllte Depression. Zuerst hat Lombardini *^) die Ver- 
mutung ausgesprochen, dass hier einstmals ein grosser In- 
landsee sich ausgedehnt habe, welcher der Verschlammung 
und Auffüllung anheimgefallen sei. Auch Grogan^^^), 
Johnston^n WiUcocks^^'), Garstin*^«) und Broun^*«) 
sind dieser Ansicht, während Lyons^^®), ein scharfer Geg- 
ner dieser Annahme, eine Reihe von beachtenswerten Grün- 
den gegen die Hypothesen jener beibringt. Er nimmt eine 
Auffüllung dieser alten Überschwemmungsebene an, in die 
der Bergstrom sich ein wenig ausgeprägtes und teilweise 
wieder verschüttetes Bett gegraben habe^^^). Die Abdachung 
dürfte noch nicht dagegen sprechen. Aber weder am Süd- 
«nde des hypothetischen Ursees bei Ghaba Schambe und in 
der ostwärts zum Ssobat sich ausdehnenden Ebene, noch an 
dessen Nordende im N des Mokren el Bahür finden sich 
Strandlinien, die bei einem See von solcher Grösse scharf 
ausgeprägt sein müssten. (Freilich könnten diese durch 
Denudation verwischt sein.) Da das Zentrum des Sees in 


— 86 — 

der Gegend des Mokren gelegen wäre, so würden sich hier,, 
an der tiefsten Stelle, höchstens feine Schlammteile ansam- 
mein, jedoch kein Sand, wie er hier zu finden ist, da Sand- 
ablagerungen auf die Flussdeltas beschränkt zu sein pflegen. 
Wollte man aber den Blauen Nil in jenen See hineinleiten, 
so müsste die Abdachung der Strecke Faschoda - Schendi 
(i86 km nördlich von Chartum) nicht wie jetzt südnördlich, 
sondern von N nach S verlaufen und die Gegend von 
Schendi müsste einige 80 m höher gelegen gewesen sein 
als jetzt. Solch lokale Umwälzungen anzunehmen, liegt 
aber kein Grund vor. Im Gegensatze zu Johnston ^^*), der 
eine Überflutung der ganzen Gegend durch den Bruch 
eines Staudammes im obersten Nilgebiet annimmt und von 
einem ungeheuren Musterbild des Viktoria-Njansa spricht, 
glaubt Broun ^^•), dass der einstige See nicht der jetzigen 
grossen Ausdehnung der Sümpfe gleichkam, sondern dass 
die Ablagerung der Sedimente sich kegelförmig von Bor 
aus nach N ausbreitete und viel Sumpfland schuf. Jeden- 
falls dürfen wir mit Lyons an der Existenz jenes Sees stark 
zweifeln. 

Das Becken des mittleren Nils unterscheidet sich nach 
Martonne®'^ vom Seengebiet, das der Fluss treppenförmig 
durchläuft, durch den Mangel an unregelmässigen Senkungen, 
welche die Bildung von grossen Seen zur Folge haben. 
Wie im Süden die Seen und im Norden die Wadis, so sind 
hier die Flüsse die vorwiegenden hydrographischen Formen. 
Das Fehlen der orographischen Differenzierung geht aber 
so weit, dass die meisten Flüsse in ihrem unteren Laufe 
kein Gefälle haben, und da alle nach dem Zentrum des 
Beckens konvergieren, so entsteht eines der merkwürdigsten 
Sumpfgebiete, welche die Erde darbietet. 

Diese weite Ebene ist nur am Pibor durch den Djebel 
Atin und in der Nähe, der Bahr el Serafmündung von vier 
isolierten Sandstein- und Granithügeln, die unter dem Namen 
Djebel Seräf bekannt sind (s. Fig. 3), unterbrochen®*^). Nach 
DePruyssenaere®^) besteht aber diese Gegend trotzdem 
aus einer sehr alten Formation, aus rotem Sandstein der 
Buntsandsteinformation, der grosse flächen so eben wie ein 


- 87 - 

Strassenpflaster enthält, die nur von kleinen Unregelmässig- 
keiten unterbrochen sind. An der Oberfläche des Sandsteins 
findet man bisweilen kleine Einlagerungen von Kalkstein in 
kleinen, leicht zerreibbaren Stücken. Auch sind einzelne 
Partieen des Gesteins ziemlich reich an Eisenstein, der von 
den Negern ausgebeutet wird. Über diesem Felsgrunde findet 
sich nur etwas Sand und Alluvialboden, herrührend von der 
Verwitterung des Felsens und der Anschwemmung der Flüsse 
und des Regens, und die Einförmigkeit der Ebene wird nur 
unterbrochen durch die aus Sand erbauten Termitenhügel,, 
welche die staunenswerte Höhe von 3V2 — 4V2 (ja 10?) m 
erreichen. 

Die Flüsse, wie der Bahr el Djebel, Bahr el Ghasal 
und untere Ssobat mit ihren Stromgebieten nehmen ihren 
Lauf längs der tiefsten Stellen dieser Ebene. Die Ablagerung 
der Erosionsprodukte des Berggebietes findet nach Marno*'®) 
besonders an den Einmündungen der Flüsse, an den Konvexi- 
täten der Flussmündungen, Inseln u. s. w. statt. Aber selbst 
in diesem Talgebiete wird Abtragung noch da vorkommen, 
wo die beschleunigte Strömung auf Hindernisse trifft, also 
an Konvexitäten des Flusslaufs und besonders in der Regen- 
periode. 

Freilich aber überwiegt die Ablagerung, die jenes un- 
geheure Gebiet nivelliert hat. Während die Beschaffenheit 
der Erosionsprodukte und des Flussalluviums des Berg- 
gebietes sandig, selbst schotterig ist, wird es bald (noch vor 
Bör) erdig und humusreich, durch die stete Überflutung 
morastig und schlammig, mit verfaulenden Pflanzenstoffen 
und infolge des Abbrennens der Vegetationsdecke zur 
trockenen Jahreszeit mit Asche und Kohlenresten vermengt, 
welchen Charakter es noch weit nördlich von der Ssobat- 
mündung beibehält. Nun aber erhöhen diese Flüsse (namentlich 
der Bahr el. Djebel) nach De Pruyssenaere^^*) ihr Bett 
auch durch die Ablagerungen, und die Ufer erhöhen sich 
ungefähr in demselben Verhältnis, weil beim Übertreten des 
geschwollenen Flusses die Ablagerungen in der Nähe stärker 
stattfinden als weiter entfernt, und weil die dichte Ufer- 


— 88 — 

Vegetation den Absatz begünstigt. Daher kommt es, dass 
in seinem eigentlichen Tale der Fluss in einem erhöhten Bett 
läuft, gleichsam auf der Krone eines niedrigen Dammes/ ^vie 
dies auch in Ägypten bekanntlich auf grosse Strecken hin 
der Fall ist. Jenseits seiner Ufer liegen Ebenen , die der 
Fluss tiberschwemmt, meist infolge von Durchbrüchen seiner 
Uferbärike, zu denen oft schon ein von Flusspferden ausge- 
tretener Pfad Veranlassung geben kann. Auf diese W^eise 
schafft sich der Fluss selbst Seitenbetten, Hinterwasser, die 
miteinander in Zusammenhang treten und mit dem Flusse an 
Stellen der ursprtinglichen Durchbrüche in mehr oder weniger 
Verbindung bleiben. Dadurch werden aber diese Ebenen 
selbst wieder den AUuvionen ausgesetzt und ihr Boden 
manchmal überraschend schnell aufgefüllt; dann nehmen die 
austretenden Wasser andere Stellen ein und die Gestalt und 
der Verlauf dieser Cherän ist beständigem Wechsel unter- 
worfen. Ja, der Verlauf der Hauptströme selbst unterliegt 
ähnlichen Veränderungen. Sie verstopfen sich namentlich 
(Jurch Bildung von Etherien-Bänken, welche förinliehe Dämme 
quer durch den Fluss bilden und diesen zum Einschlagen 
eines neuen Weges nötigen. Beispiele hiefür bringen De 
Pruyssenaere^^) und Marno^*^). 

Natürlich ist es kein fruchtbarer Boden, der auf jenen 
AUuvionen das Wachstum von Gras und Sumpfpflanzen her- 
vorruft. Er kann auch nicht zu mächtig sein, da die dort so 
häufigen Termiten es jedenfalls verschmähen würden, den 
Stoff zu ihren grossen Bauten aus beträchtlicher Tiefe zu 
holen. Inwiefern das Gelände geeignet ist, die Infiltration 
des Bodens mit Wasser zu begünstigen, entzieht sich noch 
unserer Kenntnis. Jedenfalls ist es auffallend, dass z. B. der 
Bahr el Seraf da, wo er den Bahr el Djebel verlässt, auch 
zur Regenzeit sehr seicht ist, während er, ohne dass man 
bisher einen ausgesprochenen Zufluss entdeckt hätte, in den 
Bahr el Abiad als stattlicher Fluss eintritt (s. Fig. i). Er emp- 
fängt vermutlich weiterhin Wasser vom Bahr el Djebef durch 
Seitenkanäle (wie sie manche Karten hypothetisch zeigen) oder 
durch Wasseradern, die gleich dem Pibor in der flachen 
Savannenlandschaft selbst ihren Ursprung haben ^^•). 


89 - 


Die Veränderungen, welche die Pflanzen im Laufe der 
Ströme bewirken, sollen später untersucht werden. 

Wie schon der erste Blick auf die Karte zeigt, kann 
der Neigungswinkel dieser Ebene nur ein kleiner sein. Und 
die Messungen haben auch ergeben, dass der Nil auf der 
1723 km langen Strecke zwischen Gondokoro (446,2 m) und 
Chartum (375 m) nur ein Gefälle von 71 m besitzt, was 
einem Verhältnis von 1:24267 entspricht oder einem mitt- 
leren Gefälle von nur 0,041 m per km. 

In Teilstrecken ausgedrückt, ergibt sich nach den uns 
bekannten neuesten Messungen®^') folgendes: 

Die 175 km lange Strecke von Gondokoro bis Bor hat 
eine Niveaudifferenz von 30,2 m, folglich eine Neigung von 
1:5800 und somit ein Gefälle von 0,172 m per km. Von 
Bor bis zum Mokren el Bahür (Sumpfstrecke) trifft auf 580 km 
ein Niveauunterschied von 29,5 m; es ergibt sich mithin 
eine Neigung von i : 19 661 und ein Gefälle von 0,05 m per 
km. Die Flusstrecke vom Mokren bis Taufikia, 140 km 
lang, zeigt eine Höhendifferenz von 3,8 m, somit bei einer 
Abdachung von i : 36842 nur 0,027 ™ P^r km Gefälle. Von 
Taufikia bis Chartum endlich beträgt das Gefälle des Weissen 
Nils auf 830 km bloss 7,8 m , woraus sich bei einem Ver- 
hältnis von 1 : 106 410 ein mittleres Gefälle von 0,009 m per 
km ergibt. 

Auf kleinere Teilstrecken angewendet, bekommen wir 
folgende Tabelle : - 


von 


bis 


Ent- 
fernung 
in km 


Gefälle 
in m 


Neigung 


Gefälle 
m per km 


Gondokoro 

Mongalla 

Bor 

Mokren el 

Bahür 
Taufikia 
Melut 
Renk 
Duem 


Mongalla 
Bor 

Mokren el 
Bahür 

Taufikia 

Melut 

Renk 

Duem 

Chartum 


40 

10,5 

135 

19,7 

580 

29,5 

140 

3,8 

160 

1,3 

180 

1,4 

280 

- 

2,6 

210 

2,5 


i: 3810 
i: 6853 

I : 19661 

i: 36842 
1 : 123077 
I ; 12857 I 
I : 107692 
I : 84000 


0,262 

0,146 

0,050 

0,027 
0,008 
0,008 
0,009 


0,012 


— go — 

Die Teilstrecke Bahr el Seraf-Mündung — Ssobat- 
Mündung (48 km) besitzt nach Lyons*^) nur eine Neigung 
von 1 : 38500 bei Niederwasser, was einem Gefälle von 1,25 m 
oder 0,025 m per km entspricht. 

Bei Hochwasser verschieben sich die Verhältnisse zu 
Ungunsten des Gefälles noch mehr. Infolge des Anschwellens 
des Ssobat um 3 m und des Mokren um i m besitzt die 
Neigung zwischen Seraf- und Ssobat-Mündung dann nur mehr 
ein Verhältnis von 1:103000^, was also zwischen beiden 
Punkten nur noch ein Gefälle von 0466 m (rund V2 m) ausmacht. 
Nach den neuesten Messungen ^ besitzt die 830 km lange 
Strecke von Taufikia bis Chartum (die bei Niederwasser ein Ver- 
hältnis 1 : 107000 aufweist) bei Hochwasser nur ein Gefälle 
von 3,3 m oder 0,04 m per km bei einer Neigung von i : 255000. 
Das kommt davon her, dass in jener Jahreszeit der Blaue 
Nil um 8 m steigt, so dass die Fluten des Weissen Nils so 
sehr zurückgestaut werden, dass von Renk bis Chartum 
(ca. 490 km) der Fluss einem See gleicht*). 

Das Mittel aus dem Gefälle des Bahr el Seraf ist 
bei ca. 340 km Lauflänge auf etwa 22 m zu veranschlagen **), 
also auf 0,065 ^ pro km; natürlich trifft für den stets 
sumpfigen Oberlauf, wenn man von einem solchen reden 
kann, ein weit geringeres und für den gewöhnlich rascher 
fliessenden Unterlauf ein grösseres Gefälle zu. 

Das Gefälle des Bahr el Ghasal ist infolge der 
mangelnden Angaben für die Seehöhe der Meschra er Rek 
und des Mokren el Bahür schwer zu bestimmen. Bei ca. 
200 km Lauflänge nimmt Chavanne^*'') nur 4 m Niveau- 


*) Zu diesen neuesten und bisher zuverlässigsten Messungen 
vgl. die älteren bei Hann**<*), Chavanne"*) und Martonne^^^V 
H e n z e ^*^), G a r s t i n ®**) genannten, sowie die übrigen bei L y o n s ^*''} 
und W i 1 1 c o c k s '^*). 

••) Wenn wir das Durch Schnitts Verhältnis von 1:19661 zwischen 
Bor und Mokren el Bahür nicht ganz verallgemeinernd auf die 390 km lange 
Teilstrecke von Ghaba Schambe bis zum Mokren anwenden, ergibt sich 
0,05086 X 390 = 19,83 m Höhendifferenz. Ebenso besteht auf der Teilstrecke 
Mokren—Bahr el Serafmündung (76 km) bei einer Neigung von 1:3684^ 
ein Höhenunterschied von 0,02717 x 76 = 2,06 m; 19)83 + 2,06 = 21,89 
oder rund 22 m. (Vgl. S. 83, 84 u. 89.) 


— 9^ — 

unterschied zwischen beiden an, was einem Gefälle von nur 
0,02 m per km entspräche. 

Das mittlere Gefälle des S s o b a t kann auf der 286 knr 
langen Strecke von Nasser (470 m?) bis zur Mündung (etwa 
383 m) auf 0,302 m pro km angenommen werden. 


a. Klima, Regen und Wassermehge. 

Als wichtige Voraussetzung zur Entstehung der Pflanzen- 
barren ist neben der Beschaffenheit der Landschaft und dem 
Gefälle auch die aus dem Regenfalle sich ergebende Wasser- 
menge zu betrachten. Eine wahre Fundgrube für das ganze 
Nilbecken bilden die durch zahlreiche Tabellen und Diagramme 
erläuterten Angaben Lyons' in seiner „Physiography of the 
River Nile and its Basin". 

a) Klima und Regenzeit. 

Die äquatoriale Regen- und windstille Zone hat im Nil- 
becken ihre mittlere Lage etwa um den i.^N. Br., wo ein 
fast ständiger Regenfall mit Maxima im April-Mai und im 
November obwaltet. Im Sudan und in Abessinien offenbart 
sich der Monsun hauptsächlich zwischen 5^ und 18® N. Br. 
in einem Wechsel zwischen Nord- und Südwinden in der 
trockenen und feuchten Jahreszeit. Die Frühlings-Tag- und 
Nachtgleiche scheidet nach DePruyssenaere*^®) die Zeit 
der ständigen Nordwinde von derjenigen der Südwinde; sie 
ist bezeichnet durch eine dem Äquinoktium gewöhnlich 
unmittelbar folgende Epoche heftiger Windstösse von ver- 
änderlicher Richtung, begleitet von Gewittern und. wölken- 
bruchartigem Regen. Während der Monate Juni bis Oktober 
herrschen die Südwinde vor, die als südöstliche Passatwinde 
der Südhalbkugel am Äquator zu Süd- und weiter nach N 
2u Südwestwinden werden infolge der Abweichung durch die 
Rotation der Erde. 

Das durchschnittlich 1500m hoch gelegene Seenplateaa 
^eist nach Lyons®*®) infolge seiner Lage am Äquator einen 
^ittelmässig starken Regenfall auf, der sich auf zwei Regen- 


1 


— 92 — 

Zeiten, März— Mai und November — Januar verteilt, ohne 
scharf begrenzt zu sein, da einzelne Regen in den meisten 
Monaten des Jahres fallen, besonders in der Nachbarschaft 
der Runssoro-Kette. Eine ausgesprochene Trockenheit herrscht 
im Juli und August und eine schwächere im Februar. 

Die Verhältnisse weiter im Norden nähern sich denen 
-der tropischen Regen mit einer nassen und einer trockenen 
Jahreszeit, mehr oder weniger den Sommer- und Winter- 
solstitien entsprechend, so dass im Becken des Bahr el 
Ghasal, Bahr el Djebel und^Ssobat die Regenzeit vom 
April bis Oktober dauert, während der Rest des Jahres ver- 
hältnismässig trocken ist, besonders Dezember, Januar und 
Februar^. Im Bahr el Djebel- Gebiet nehmen gegen die 
Mitte der Regenzeit (Ende Juni) die Regen an Stärke ab, 
während vom i. September an wieder eine Verstärkung 
eintritt. Dann vermag die völlig mit Feuchtigkeit getränkte 
Erde nicht mehr wie am Anfange der Regenzeit die Regen 
aufzusaugen, und es bilden sich überall Tümpel und Sümpfe ^®). 

Die höchsten Temperaturen (in der Gegend zwischen 
Gondokoro und Doleb Hilla) sind im März und April, die 
niedersten im September zu verzeichnen. In Mongalla z.B. 
hat der März und September noch 22,4^ und 31,3® C Minimai- 
Temperatur, in Wadelai 21,0^ und 18,4® C, während die 
Maximaltemperaturen 32,4® und 33,8® und 32,1^ und 31,1® C 
an beiden Orten in jenen Monaten sind^^^). 

Auf dem Lateritplateau der Bahr el Ghasal-Region 
ist die trockene und feuchte Zeit scharf abgegrenzt. Nach 
Dye^^^) ist das Gebiet vom November ab den NO-Winden 
ausgesetzt und der Himmel wird klar. Dieses klare Wetter 
<iauert bis zum Mai; dann ist der Himmel mit Wolken be- 
-deckt und die Winde blasen von SW, die ersten Regenschauer 
fallen und Gewitter sind nicht selten. Die Regenzeit, die 
von Mai bis Anfang November dauert, erreicht ihr Maximum 
im Juni, Juli und August ^^% Im Winter sinkt das Thermo- 
meter auf den Höhen nachts bis auf 11® und 15® im Dezember, 
während es im März untertags auf 35^—42^ im Schatten 
steigt. DePruyssenaere ^^) hebt besonders die kalten Januar- 
nachte auf dem Bahr el Ghasal hervor. Während der Regen- 


— 93 — 

zeit bleibt die Temperatur ziemlich konstant auf einem Mittel 
von 28® C mit Minima von 21® — 24^ und Maxima von 34^—35®- 

Abwärts vom 9.^ N. Br. ist die Regenzeit von kürzerer 
Dauer und schärfer begrenzt. In den Ebenen des Sudans 
und im grösseren Teile des abessinischen Tafellandes währt 
die Regenzeit vom 15. Mai bis 15. September, mit grosser 
Regelmässigkeit beginnend und endend. Im Oberlaufe des 
Baro bei Göre walten dann W- Winde ®®^). Im Weissen Nil- 
becken herrscht zwei Drittel des Jahres hindurch, vom Ok- 
tober bis Mai, grosse Trockenheit, hervorgebracht durch die 
NO-Passatwinde; der saharische Typus mit heiterem Himmel,, 
hohen Temperaturen und sehr beträchtlichen täglichen Schwan- 
kungen herrscht vor. Die Regenzeit bringt Südwinde, grosse 
Feuchtigkeit und Temperaturfall mit sich ^'^•), D e M a r t o n n e ^^''} 
weist auch an der biogeographischen Differenzierung die 
Richtung der klimatologischen nach, indem er im Hinblick 
auf die Grenzen der Pflanzengattungen zu dem Schlüsse 
kommt, dass die Trockenheit vom Äquator nach höheren 
Breiten und von W nach O zunimmt. 

Natürlich sind die Regenzeiten und die Regenhöhen 
nicht immer gleich ausgeprägt. In den Jahren, seit man Mes- 
sungen im oberen Nilgebiet angestellt hat, wurden verschiedene 
Trockenheit- und Feuchtigkeitperioden, besonders im Seen- 
und im Bahr el Djebel-Gebiet konstatiert ^^®). So fiel z. B. 
ein niedriger Wasserstand im Bahr el Djebel im Januar der 
Jahre 1849— 1853 und 1858 mit einem wahrscheinlichen 
Sinken anderer äquatorialer Seen zusammen^®®). Auch 1899 
und 1900 war ein äusserst trockener Sommer am oberen 
Nil^). Diese trockenen Jahre sind natürlich für die Ent- 
stehung von Pflanzenbarren weniger günstig als'' die nassen. 
Solche Barren bildeten sich denn auch nach besonders regen- 
reichen Jahren, wie 1863 und 1878®^*). In letzterem Jahre 
besonders stieg der Viktoria-Nil und der Bahr el Djebel so 
hoch, dass er die Flussufer auch bei Ladö überflutete, und 
selbst im Nildelta noch ausgedehnte Ueberschwemmungen 
stattfanden^*^). Emin^**) spricht von geradezu diluvialen 
Regen. Auch der Albert- See erreichte damals sein Maximum ^, 
Noch im November 1879 war Ladö überschwemmt^**). 


— 94 — 

b) Wassermenge und Wasserführung. 

Die erste und wichtigste Wassermenge schöpft der 
Ni\ aus dem Viktoria-Njansa, dessen Schwankungen aber 
keine besondere Wirkung auf das Wasserquantum des Flusses 
ausüben ^. Der Nil verlässt durch die Ripon-Fälle den See 
mit einem mittleren Volumen von 550 cbm in der Sekunde ^•*>. 
Bei den Murchison-Fällen beträgt die Minimalmenge nach 
Lyons**') 600 cbm, das Maximal volumen 1600 cbm i. d. S. 
Von grosser Bedeutung für die Wassermenge des Nils ist 
<ler Albert-See. Garstin*"^) drückt das in den Worten aus: 
^,Wenn der Viktoria-See die wahre Quelle ist, so ist der 
Albert-See das wahre Reservoir des Nils und, in einiger 
Ausdehnung, der Regulator, welcher das den Fluss hinab- 
strömende Volumen bestimmt." Es würde zu weit führen, 
^le an mehreren Plätzen gemessenen Wassermengen aufzu- 
zählen. Der Nil entwässert das Seenplateau (Areal 368600 qkm) 
amd führt bei Wadelai (März 1903, als der Albert-See niedrig 
war) 646 cbm per Sek. mit einer mittleren Geschwindigkeit 
von 0,84 m i. d, Sek. *••). Bei Ladö hat der Bahr el Dje bei 
-eine Breite von 230 m, eine Tiefe von 3,4 (März 1901) — 4,6 
oder 5,6 m (September 1902 und 1903) und eine Wasser- 
menge von 623 cbm bezw. 1079 oder 2071 cbm i. d. Sek. ®'^) 
Bei Bor entsprechen einer Breite von 145 — 150 m eine Tiefe 
von 4,1 m und eine Wasserführung von 737 cbm im Mai 
und eine Tiefe von 5,1 m und ein Volumen von 888 cbm 
i. d. Sek. im September ^'^). Bei Ghaba Schambe tritt der 
Fluss in die Sumpfregion ein, wo er nach G a r s t i n "*) einen 
Wasserverlust von über 5o7o erleidet durch Verdunstung 
und Versumpfung. Emin^'^) nimmt an, dass jene grosse 
Wasserfläche, die sich in der Regenzeit zwischen Ghaba 
Scl^ambe und dem Mokren ausbreitet, kein einfacher Sumpf 
sei, sondern eine enorme Depression, zu deren Ausfüllung 
seiner Ansicht nach weit mehr der Bahr el Ghasal bei- 
getragen hat als der Bahr el Djebel. 

Damit kommen wir auf die Wichtigkeit des Bahr el 
Ghasal zu sprechen. Schweinfurth"*) wies zuerst 
<]arauf hin, dass dieser Fluss mit seinem bei Hochwasser 
unbegrenzten Inundationsgebiete auch in der Trockenzeit 


— 95 — 

unter dem dichten Schwingrasenfilz (s. Fig. 7) einen Wasser- 
vorrat von beträchtlicher Tiefe verrät, der, versteckt durch 
jene Decke oder gebunden an den Brei der unergründlich 
tiefen Marschmasse, sich jeder Berechnung entzieht und so 
den langsamen Fluten des Weissen Nils die Nachhaltig- 
keit ihrer Bewegungen zu verleihen scheint, während der 
Bahr el Djebel als mächtiger Faktor bei deren schnellem Steigen 
auftritt. Ja, R o u 1 e t ^'*) stellt die Theorie auf, dass der Bahr 
el Ghasal, da seine Wasser infolge des geringen Gefälles 
später, vom August bis zum Dezember, nach Chartum ge- 
langen, als die schnell abfliessenden Gewässer Abessiniens, 
welche schon vom Juli bis September jenen Ort erreichen, 
hiedurch dem Nil ergänzende Zufuhr bringt und so Ägypten 
vor verheerenden Überschwemmungen bewahrt. Ausserdem 
soll die aus Savannenbränden des Flussgebietes herrührende 
und flussabwärts geführte Pottasche einen Teil der Frucht- 
barkeit Äg3rptens bewirken. 

Sicher ist, dass die vielen Zuflüsse des Bahr el Ghasal, 
von denen, wie Sc h wein für th^'^*) bemerkt, der Djur und 
Bahr el Arab je schon bedeutender ist als irgend ein Tributär 
des Bahr el Djebel, dem Hauptflusse ein bedeutendes Quantum 
Wasser zubringen. Steht doch nach Ly ons^'*) dem dürftigen, 
nur 190700 qkm umfassenden Becken des Bahr el Djebel 
(mit Bahr el Seraf) ein 552 100 qkm. grosses Areal des Bahr 
el Ghasal gegenüber. Aber hier scheint die Verdunstimg 
und Verzettelung noch grösser zu sein als beim Bahr el 
Djebel. Wohl erreichen die das Plateau entwässernden Flüsse 
nach D y e s ^'') Beobachtung ein Maximum von 4—5 m Tiefe 
bei nicht geringer Breite*), nach Roulet"') sogar 5 — 8 m 
Tiefe, aber in ihrem Mittel- und Unterlauf treten sie, wie 
Junker**®) erzählt, in das ihnen charakteristische Über- 
schwemmungsgebiet ein, wo sie sehr viel Wasser verlieren. 
Diese 1—5 km breiten Niederungen sind weit und breit von 
hohem Schilfgras ausgefüllt und in der Regenzeit ungangbar. 

•) Z. B. der Rohl 70 cbm Wasservolumen 1. d. Sek., der Djau 
9ocbm, der Tondj 80 cbm, der Bahr el Arab (im UnterlauO im Winter 
100 m breit und i m tief, (im Oberlauf) beim Höchststand 100 m breit 
"nd 4,5 m tief, der Djur (im Unterlauf) i6o m breit und 4—5 m tief*") 


- 96 - 

So nur ist es verständlich, dass der Bahr el Ghasal schein 
bar eine so geringe Wassermenge dem Weissen Nil zubringt 
denn neuere Messungen etwa 30 km vor der Mündung ha.ber 
ergeben: Anfang April (1901) Breite 84 m, grösste Tief« 
4 m, mittlere Geschwindigkeit 0,18 m i. d. Sek. und Menge 
27 cbm i. d. S.; Ende August (1903) Breite 70 m, Tiefe 
5,3 m, Geschwindigkeit 0,23 m, Menge 12 cbm"^). Pethe- 
rick***) mass dagegen zu Ende April (1862) kurz vor der 
Mündung ein Volumen von 86 cbm (3042 Kubikfuss). Schwein- 
furth"*), der schon diese letztere Wassermenge sehr gering 
findet, spricht die Überzeugung aus, dass dieses Resultat 
nicht auf die gesamte Wassermasse Bezug habe, sondern 
nur auf den schiffbaren Mündungsarm des Flusses. Wenn 
auch S. Baker®**) aus der mangelnden Strömung im Mokren 
el Bahür folgert, dass der Gazellenfluss im Januar kein und 
in der Regenzeit nicht viel Wasser in den Nil führt, so ist 
doch sicher anzunehmen, dass ein grosser Teil des Wassers 
sich einerseits in den Ufergebieten verliert, andererseits ver- 
mutlich nördlich sich abzweigt und mit Umgehung oder Be- 
nützung des Mokren el Bahw dem Chor LöUe zugute kornmt 
und somit dem Nil nicht ganz verloren geht. Garstin**^» 
geht aber soweit, dem Bahr el Ghasal mit bloss 27 cbm im 
April keinen Einfluss auf den Bahr el Abiad zuzuschreiben, 
wenn er ihn auch als Reserve für den Mokren und als 
mächtigen Faktor für die Erhaltung einer ständigen Wasser- 
menge des Nils während der Sommermonate betrachtet. 

Für die durch den Bahrel Seraf fortgeführte Wasser- 
masse kann nie eine Norm auch nur für kurze Zeiträume 
aufgestellt werden, da die Wasserführung dieses Flussarmes 
zu sehr von den Pflanzenbarren des Bahr el Djebel und des 
eigenen Rinnsals abhängig ist. Eine 128 km weit von der 
Mündung vorgenommene Messung zu Ende März (1900) ergab 
eine Breite von 47 m, eine mittlere Tiefe von 1,94 m, eine 
mittlere Geschwindigkeit von 0,353 ^ ^' ^- Sek. und eine 
Wassermenge von 32 cbm; eine Messung zu Anfang April 
(igoi), 19 km oberhalb der Mündung, zeigte bei 47 m Breite 
2,94 m Tiefe imd 2,39 m Geschwindigkeit ein Volumen von 
33 cbm, während dort die gleichen Zahlen Ende September 


:! 



Fig. 6. Wriasrv Nil. in der Nahe des Sso 


- 97 - 

(^9^3) 59 ^f 3;93 "^> o,6^ m i. d. Sek. und 158 cbm i. d. 
Sek. betrugen^®*). 

Den Wasserverlust, welchen der Nil durch das Sumpf- 
gebiet erleidet, gibt Garstin^'') für den April fblgender- 
massen an: 
Wassermenge des Bahr el Djebel bei Ladö 622,9 ^^^ i« d. S. 

(29. III. Ol) 

Wassermenge des Bahr el Abiad nach Aufnahme der 32 cbm 
des Bahr el Seraf 294,2 cbm i. d. S. (5. IV. oi). 

Der Wasserverlust zwischen Ladö und einem Punkte 
unterhalb der Seraf-Mündung betrug also 328,7 cbm in der 
Sekunde. Schon bei Hellet Nu6r, mitten im Sumpfgebiete, 
hatte der Fluss nur ein Volumen von 262 cbm (i. IV. oi)®®*>. 
In der Hochwasserzeit hatte der Bahr el Djebel bei Ladö 
19. IX. 02) 1079 cbm bezw. (9. IX. 03) 2o7i cbm i. d. Sek., 
während der Weisse Nil nach der Serafmtindung nur mehr 
(22. IX. 02) 419 cbm bezw. (22. IX. 03) 450 i. d. Sek. auf- 
wies *®*). Von den Wassermengen des obersten Nils er- 
reichen nur 15—2570 den Mokren el Bahür^*®). 

Nun kommt als wesentlicher Faktor der Nilschwelle 
und der konstanten Wasserhöhe des unteren Weissen Nils 
die Wassermenge des Ssobat, der ein Areal von 244900 qkm 
entwässert, dazu. Im Winter ist seine Wassermenge gering, 
wenn auch kaum anzunehmen ist, wie es da und dort^*^) 
heisst, dass er dann zuweilen sogar ganz austrocknet. Am 
6 April (1901) betrug sein Volumen 45 km vor der Mün-^ 
düng nur 87 cbm i. d. Sek. bei 97 m Breite und 4,1 m 
mittl. Tiefe, In der Regenzeit aber schickte der 140 m breite 
^nd 7,1 m tiefe Fluss bei Doleb Hilla mit einer mittl. Ge- 
schwindigkeit von 0,83 m i. d. Sek. 771 cbm i. d. Sek. in 
den Bahr el Abiad; bezw. (26. IX. 03) sogar 895 cbm^®^). 
Ja, De Pruyssenaere^®^) sah am 15. Juni 1862 den Ssobat 
(120) 160 km von der Mündung entfernt, 317 m breit (?), 
8 m tief und mit etwa 0,56 m Geschwindigkeit i. d. Sek. 
ein Wasserquantum von 1066 cbm i. d. Sek. (?) fortwälzen; 
damals stieg der Fluss binnen einer Woche um 1,20 m. Wir 
sehen also, dass der Ssobat in der Regenzeit den Bahr el 
Abiad an seiner Mündung an Wassermasse übertrifft. 

Deuerliog:, Die Pflanzenbarren. 7 


— 90 — 

Obwohl die Regen im abessinischen Tafellande im 
Oktober aufhören, steigt der Ssobat nach Lyons®**) doch 
noch .bis Ende November und erreicht anfangs Dezember 
sein Maximum. Das kommt daher, dass die Ebenen im S, 
welche der Pibor durchfliesst, meilenweit etwa 60 cm hoch 
überschwemmt sind und nun nach und nach ihr Wasser an 
den Fluss abgegeben, der im Fallen begriflFen war, so dass 
der Wasserstand des Ssobat gleich bleibt *). Erst gegen Ende 
Dezember beginnt der untere Ssobat schnell zu fallen. Durch 
die grosse Wassermasse — es genügt schon ein Steigen von 
2— 2V2 m — des Ssobat, welche der Weisse NU nicht so 
schnell fortzuführen vermag, werden die Wasser des letz- 
teren derart aufgestaut, dass sie nicht nur die nächsten 
Flussufer überschwemmen, sondern auch die tieferen Teile 
der Ebene des Bahr el Djebel und Bahr el Ghasal, selbst 
bis zur Meschra er Rek, vom Juni bis Dezember unter 
Wasser setzen. Diese Ueberflutung bedeutet eine wesent- 
liche Förderung des üppigen Gedeihens der Wassörvege- 
tation und damit der Pflanzenbarren. 

Von der Ssobatmündung an hört im allgemeinen das 
Sumpfgebiet auf, und somit können wir uns auf die Konsta- 
tierung beschränken, dass der durch die drei Hauptströme 
genährte Weisse Nil nach Waite^^) gegen den 20. Mai 
zu steigen beginnt und sein Maximum etwa zwischen 15. 
und 20. September erreicht. Es sei nur eine Messung er- 
wähnt, wonach der Weisse Nil bei Duem bei Niederwasser 
(21. IV. 03) 415 cbm und bei Hochwasser (18 IX. 03) 840 
cbm bezw. (^24. DC 03) 1665 cbm Wasser in der Sekunde 
führte ^•'). 


3. Die Vegetation der Sseddregion. 

a) Das Sumpfgebiet überhaupt. 

Das Sumpfgebiet des äquatorialen Nüsystems bedeckt 
nach Rücker- J.enisch^*®) ungefähr die Fläche eines gleich- 


*) G a r s t i n *^) gibt die Möglichkeit zu, dass die von Baker er- 
wähnten Chors, welche von den Latuka-Bergen nordwärts fliessen, in 
der Regenzeit ihr. Wasser in die Marschen des Pibor abgeben. 


— 99 — 

seitigen Dreiecks, dessen Grundlinie südlich des lo. " N. Brj 
vom 28. bis 34. O. L. reicht und dessen Spitze nördlich von 
Ladö auf dem 5.® 30' N. Br. liegt; oder mit Örtlichkeiten 
bezeichnet, von Nasser-Taufikiä im Ö bis zur Meschra .er 
Rek im W und beiderseits bis Kiru ipi S.i Der grösste Teil 
dieses Gebietes ist Steppe. H an sal ^••) beschreibt die Gegend 
folgendermassen : „Die Ufer dieses Tieflandes versch^yinden 
unter den wuchernden Papyrus- und Ambadschbüschen — un- 
passierbare und undurchdringliche, mit Hochgras bedeckte 
Flächen, in welchen sich Moräste, Teiche und Seen meilen- 
weit ausbreiten — keine menschliche Wohnung, kein Baum, 
kein Hügel — keine Spur von wilden Tieren, die vor einem 
Jahrzehnt hier ihre ungestörte Ruhe pflegten -^ selbst Fluss- 
pferde und Krokodile . scheinen durch das fortwährende Ge- 
töse der Dampfschiffahrt verscheucht — das durch die ewige 
Einförmigkeit müde Auge späht tagelang . vergeblich nach 
einem erquickenden Anhaltspunkte wie im engbegrenzten 
Horizont auf dem Meere — nur einzelne Rohrhühner huschen 
hie und da momentan aus dem Dickicht empor und die 
Termitenhügel ragen ab und zu über den Grasfluren hervor — 
das ist die Sumpf region, wo die Luft von Mosquitos 
wimmelt, mit ihren unvermeidlichen Bescheerungen : Fieber 
und Dysenterie". S, Baker *^^) fasst seine Eindrücke kurz 
zusammen in dem Satze: ^,Es ist eine vom Fieber heimge- 
suchte Wildnis — ein Himmel für Mosquitos, für den Menschen 
eine dumpfige Hölle". Und wirklich hat auch das Klima bei 
vielen Expeditionen, die freiwillig oder unfreiwillig durch die 
Pflanzenbarren hier aufgehalten wurden, zahlreiche Opfer 
an Menschenleben gefordert. Garstin*^^) nennt dieseii 
melancholisch aussehenden weiten Raum „a reedy ocean in 
all directions" und Ch. Elliot ®^^) „eine der sonderbarsten 
und ödesten Gegenden der ganzen Welt". 

Nach De Pruyssenaere ®^^) bietet der Anblick des 
Landes in den verschiedenen Jahreszeiten in dem nördlichen 
Teile des betrachteten Gebietes, d. h. zwischen Chartum und 
der Ghasalmündung, dieselbe Einförmigkeit dar, die dem 
Sudan und dem oberen Nubien eigentümlich ist. An den 
Flussufern wächst und treibt es in ewigem Sommer; der 

7' 


— lOO — 

einzige Unterschied ist, dass im Sommer die reichlicher be- 
wässerten Ufer smnpfiger und mehr von hohen Gräsern über- 
wuchert werden (namenthch in der Schilf- und Ambadsch- 
G^end des südlichen Teiles dieser Zone), so dass der Winter 
die schönere Jahreszeit ist* Abseits vom Flusse ist, wie 
sonst überall im Sudan, im Winter alles fast ausgetrocknet 
und grünt im Sommer mit dem Regen. In diesem Gebiete 
gibt es eine sehr kleine Zahl von eigentlich einer südlicheren 
Zone angehörenden Bäumen, die ihre Blätter verlieren; die 
meisten Sträucher und Bäume sind immergrün. Die drei 
Grundformen des Landschaftscharakters sind die Vegetation 
der Flüsse und ihrer Ufer, die weiten baumlosen Ebenen 
und der Wald.') 

b) Wasser- und Uferflora. 

Schöne Schilderungen der Wasser- und Uferflora ver- 
danken wir u. a, Werne*^j, Kotschy^, v. Harnier^, 
v.Heuglin«"), S.Baker««^),Schweinfurth«~),Marno«^^ 
Junker*^^), Henry*^^ und (inbezug auf wissenschaftliche 
Gliederung) Broun •^'). 

I. Om Ssüf Nach Marno*^*) sind es Hochgräser^ 
welche die Flussufer und die Ebenen bedecken, die aber auch 
im Wasser selbst ihr üppiges Gedeihen finden. Vor allem 
ist es das Om-Ssüf, das wilde Zuckerrohr (Vossia procera 
Griff, von Marno Saccharum ischaemum genannt), dessen 
Wurzelstöcke im Wasser, flottierend, mit seiner Oberfläche 
sich heben und senken, fortwährend frisch grünend und 
treibend die Wasserfläche mit einem wogenden Halmenwald, 
wie mit einem darauf schwimmenden Teppich bedecken. 
Schweinfurth*^^) erzählt uns, dass dieses Wassergras 
Om-Ssüf, d. h. Mutter der Wolle, genannt wird, weil es die 
unangenehme Eigenschaft besitzt, den Körper, der im Grase 
sich durcharbeitenden Leute mit einem dichten Flaume ste- 
chender Borsten zu bekleiden; auch seine Schärfe uijd die 
häufigen Schnittwunden bilden eine Qual für die Schiffer. 

*) Von der Tierwelt sei nur der ausschliesslich in dieser Sumpf- 
region (Bahr el Ghasal und Bahr el Seraf) vorkommende storchartige 
„Abu Merkub*' (d. h. Vater des Schuhschnabels = Ba/afMiir^/s Rex, GouId> 
erwähnt. 


— lOI — 

Das Om-Ssüf-Gras wird von Rindern, Schafen und Pferden 
gerne gefressen. 

2. Papyrus. Eine zweite Hauptpflanze dieser Gegend 
ist der Papyrus, oder, wie ihn Wer ne*^®) nennt, die Kronen- 
binse (Papyrus antiquorum B. B, Cl. oder Cyperus Papyrus L.)i 
eine prächtige Cyperacee, die majestätisch ihren kugel- 
förmigen Gipfelschopf im Winde winken lässt und an und für 
sich schon ein Landschaftsbild gibt •") (s. Fig. 2). Henry *^®) be- 
schreibt die Papyrusvegetation dieser Flüsse folgendermassen : 
,,Der Papyrus, der Vater der Unsterblichkeit des menschlichen 
Gedankens, wie ihn Schweinfurth nennt, ist auch der Vater 
der Hindernisse, welche man in diesem Teile des Bahr el 
Djebel (von Schambe abwärts) trifft. Er treibt mit stolzer 
Kraft empor im Schlamme der Sümpfe, hier als einzelne 
Pflanze, dort in prächtigen Büscheln, weiterhin eine unge- 
heure Fläche bedeckend, worauf er sich, je nach der grös- 
seren oder geringeren Ausdehnung, fortpflanzen kann. Er 
herrscht vor allem auf den Ufern, wo er auf jeder Seite des 
Flusses eine grossartige Einfassung bildet, die, häufig eine 
Breite ' von mehreren Kilometern erreichend, beim geringsten 
Windhauche anmutig hin und her wogt und das Auge durch 
seine frische und schöne grüne Farbe ebenso entzückt wie 
durch die natürliche Grazie jeder Pflanze". Marno®^®) sagt, 
dass dichte, 5 — 6 m hohe Papyrusbestände, Miniaturpalmen- 
wäldern ähnlich, die normale Land- und Wassergren^e mit 
natürlichen dunkelgrünen Mauern einsäumen, und deren knor- 
rige Wurzelstöcke, im Moraste festwurzelnd, ähnlich wie die 
Mangroven an brackigen Flüssmündungen, hier das Erdreich 
befestigen und Ablagerungen begünstigen. Daher besitzt 
2. B. die Strecke des Bahr el Djebel von Hellet Nu6r bis 
zum Mokren el Bahür, wo der mittlere normale Wasserstand 
durch Papyrus markiert ist, weit fester begrenzte, widerstands- 
fähigere Ufer, an denen Durchbrüche und Ausweitungen des 
Flussbetts unter normalen Verhältnissen nicht vorkommen. 
Dagegen wo die Hochgrasarten des Om-Ssüf und verwandter 
Gattungen den gröasten Teil der Vegetation bilden, ist die 
Grenze zwischen Wasser und Festland am weitesten in 
letzteres vorgeschoben, am wenigsten bestfmmt und den 


— I02 — 

grössten Veränderungen ausgesetzt; so ist es der Fall z. B, 
auf der Strecke von Ghaba Schambe bis zur Ausmtindung 
des Bahr el Seraf, bei der Ghursa el Kelab („Hundewindung", 
wenig oberhalb Hellet Nu6r) und Hellet Nu6r und dann auf 
dein grössten Teile des Bahr, el Abiad vom Mokren el Bahür 
bis zur .Ssobatmündung Auch im Bahr el Ghasal ®^**) ist, 
wenigstens im Unterlaufe, das Om-Ssüf-Gras herrschend, nur 
von einzelnen Papyrusbeständen unterbrochen. Auffallend 
möchte der Mangel an Papyrus am Bahr el Seraf sein,, 
wenn er nicht dadurch erklärt würde, dass dieser Arm ober- 
halb jener Stelle vom Bahr el Djebel abzweigt, wo die 
Pflanze auch in diesem nicht mehr häufig, sondern nur in 
kleinen Beständen vorkommt ®*^). Marno fügt hinzu: „Wie 
man dies im Grosseh auf weite Strecken des Flusslaufes be- 
obachten kann, so auch im Kleinen an jenen Strecken, wo 
Hochgrasvegetation mit Papyrus abwechselt; immer wird 
das Flussbett, wo erstere auftritt, seitliche Verbreiterung und 
Verflachung, wo letzterer vorhanden, bestimmte Begrenzung 
und Verengung aufweisen." 

Diese beiden Vegetationsformen prägen der Gegend 
hauptsächlich den Stempel auf. Wirkliche Schilfbestände 
— die Vossia ist für das Laienauge leicht mit dem Schilf zu 
verwechseln — treten in unserem Gebiete nur an einzelnen 
Punkten und in geringer Anzahl von Büscheln auf Erst 
südlich von Ghaba Schambe und Bor kommt das Schilf 
(Phragmites communis Trin.) in zusammenhängenden grösseren 
Beständen vor. 

3. Am b ad seh. Eine dritte Hauptpflanze der Sumpf- 
region ist der Ambadsch (Hermintera [Aeschynomene] Ela- 
phroxylon G. P-. R., Aedemone mirabilis, Kotschy). Er bildet 
nach Junker®^^) stellenweise ganze Horste, die bis 4V2 in 
über die Wasserfläche emporragen. Diese interessante und 
hauptsächlich dem oberen Nilgebiete eigentümliche Pflanze 
wurde im Weissen Nil zuerst von Werne 1840 etwa unter 
12° N. Br. entdeckt und folgendermassen beschrieben®^^): 
„Der Baum wächst nur im Wasser selbst oder doch nur 
im Sumpfe und stirbt nach dem Zurücktreten des Wassers 
bis auf die Wurzeln ab. Sein Wachstum übertrifft an 


— ros — 

Schnelligkeit jene des steigenden Nils und schiesst noch 
10—15 F^ss über dessen höchsten Stand hinaus. Er steigt 
zwar konisch aus dem Wasser heraus , verjüngt sich aber 
wieder nach der Wurzel hin *) und hat die Dicke eines 
starken Mannesarmes. Das Holz ist durchaus schwammiger 
Natur, und man kann es nur faseriges Mark nennen, welches 
mit einem bräunlichen Anflug und kleinen, unmerklich ge- 
bogenen Dornen versehen ist.*' Schweinfurth schreibt 
dem 5— 6 m hohen Ambadsdi, den man besser als Strauch 
denn als Baum anspricht, eine 5 — 6jährige Vegetations- 
epoche ^^^) und 5— IG jährige Stillstandsperioden®**) zu; Heu g- 
lin**') lässt beide Zeiten etwa 5 Jahre dauern. Lejean®*®) 
und J u n k er ®*®) sprechen von einer Blütezeit im Februar und 
März, Heuglin^^®) sah den Strauch in dieser Zeit, freilich 
am nahenden Ende einer Ambadschperiode (1863), als ein 
Konglomerat von 6— 7V?l?) m hohen, meist ganz kahlen, 
häufig zerbrochenen morschen Stecken, unter denen zuweilen 
ein frischer Schoss emporragte, spärlich mit mimosenähnlich 
gefiederten Blättern bekleidet und dazwischen einige grosse 
rötlichgelbe Schmetterlingsblumen und kurze dicke Dornen 
am öligen Zweig. Schweinfurth •^^) sagt über den. An\- 
badsch: ^Er ist durch die beispiellose Leichtigkeit seines 
Holzes ausgezeichnet, wenn anders der schwammige Körper 
des Stammes diesen Namen verdient. Er schiesst bis zu 
15—20 Fuss Höhe auf und erreicht in seiner Basis gewöhn- 
lich eine Dicke von 6 Zpll. Das Gewicht dieses Schwimm- 
holzes lässt sich mit dem einer Federseele vergleichen, und 
man muss es in Händen gehabt haben, um an die Möglich- 
keit glauben zu können, dass ein Mann ein daraus ver- 
fertigtes Floss auf seine Schultern hebt, das. acht Menschen 
über dem Wasser zu halten vermag.**) Die Pflanze schiesst 

*) Jaensch***) bezweifelt diese Verjüngung des Stammes. 
*•) Schweinfurth erzählt weiterhin**^) von deh -aus zusämmenr 
gebundenen jüngeren Stämmen verfertigten Ambadschkähnen , welche 
die Schillukneger beim Fischen benützen, und von denen ein Mann drei 
auf die Schulter laden kann, solange sie trocken sind, obwohl ein jeder 
Kahn ihrer (der Eingeborenen) drei zu tragen vermag. Diese Ambadsch- 
kähne werden in der Literatur des oberen Nils öfters genannt. Zuerst 


— I04 — 

mit rapider Geschwindigkeit an ruhigen Uferstellen in die 
Höhe.* Der Ambadsch scheint nach allen Berichten mehr 
am Bahr el Abiad und Bahr el Ghasal als am Bahr el Gabel 
vorzukomfnen und am Bahr el Seraf*^) nur selten; am 
meisten tritt er in der seeartigeii Sackgasse des Bahr el 
Ghasal, welche von der Djurmündung zur Meschra er Rek 
führt und Kit (oder von Lejean*^®) „Ambadja-See") ge- 
nannt wird, auf. Lejean*^®j fand ihn dort sehr üppig 
wachsend, ganze Wälder bildend, Heuglin®^} am Ende 


tut ihrer Werne**^) Erwähnung, der sie (1840) im Weissen Nil und 
vom Blauen Nil herabkommen sah. Früher schon (1837) hatte sie 
Kotschy***) auf dem Bahr el Asrak als Transportmittel getroflfen. 
Die Eingeborenen Ugandas bedienen sich nicht nur der bereits (S. 67) 
erwähnten Papyrusflösse, sondern sie gebrauchen nach Johnston '**) 
sowohl im Nil als im Viktoria-Njansa Flösse, aus dem dort wachsenden 
Ambadschholz verfertigt, zum Jagen und Fischen. Speke*") erzählt 
dagegen, dass die Eingeborenen Ambadsch k 1 ö t z e (d. h. wohl = 
Stämme, weil der Durchmesser kaum mehr als 25— 30 cm beträgt) als 
Hilfsmittel zum Durchschwimmen des Stromes benützen („Natives use 
its light bogs to assist them when swimming across the Nile")» Das- 
selbe tun nach Adanson*'^) die Neger auf dem Senegal, wo ebenfalls 
die Herminiera vorkommt. („Cest du bois de cette plante, infiniment 
plus löger que le li^ge, que se servent les habitans du pays pour leur 
Peches ou quand ils veulent s'aider ä traverser ä la nage le fleuve, 
dans les endroits 06 11 a trop de largeur'')* Gleiches kommt auch bei 
den Insulanern des Tschad-Sees vor, wie D * H u a r t®*®) berichtet („Les indi- 
genes se servent rarement de pirogues pour passer d*une lle ä Tautre. 
Ils se soutiennent dans les traversöes un peu longues avec un tronc 
de bois d*,ambatch*, bois tres li^ger, d'une density analogue ä celle du 
liege, et qui pousse communöment dans les lies"). Freydenberg"*) 
bestätigt dies durch seine Ausführungen, dass die Inselbewohner der 
südlichen Seegegend, besonders mit kleineren Lasten auf dem Kopfe, 
wenn das Wasser zwischen den Inseln so tief ist, dass sie mit den 
Füssen keinen Grund finden, sich eines 2 m langen und vorne 20—30 
cm, hinten 10 cm dicken Ambadschstammes zum Übersetzen bedienen ; 
Der Eingeborene setzt sich rittlings aiä* das Schwiikimholz und erhält 
das Gleichgewicht dadurch, dass er den vorderen Teil etwas aus dem 
Wasser ragen lässt, hält sich dann mit der einen Hand dort fest und 
rudert sich mit der änderen und mit den' Füssen vorwärts. N a c h t i g a 1 •*®' 
weiss von diesem Gebrauch des Ambadsch nichts, tut aber öfters des 
Phogu- oder Ambadschholzes als Material für Fähreh auf dem Tschad 
und seinem Zuflüsse Kormadügu Mbülu Erwähnung. 


— IÖ5 — 

r 

emer Ambadschperiode (1Ö63); Schweinfurth***) sah im 
Kit 1869— 187 1 keine Spür von ihm, erst zwischen Djur; 
und Bahr el Arab-Mündung (1871) kamen wieder Ambadsch- 
horste. Gessi***) scheint im Juni 1875 wieder mehr von 
dieser Pflanze bei der Meschra gesehen zu haben- Auch 
Junker***) fand von der Bahr el Arab-Mühdung bis zur 
Meschra 1880 wieder viel Ambadsch. Marno***) nennt diese 
Papilionacee von der Bahr el Arab-Mündung an aufwärts 
fiirs Jahr 1881 fast die einzig sichtbare Vegetationsform, die 
wie Mauern den Fluss einfasste. Dy^***) fand 1898 den 
Ambadsch im Kit fast ganz verschwunden und auch 1901 
war er nach Garstin**'') gleichfalls nicht zu bemerken. 
Auch im unteren Bahr el Djebel gehörte der Ambadsch von 
1879—1880 nach Marno***) fast zu den Seltenheiten, indem 
das Hochwasser ihn grösstenteils vernichtet hatte, wogegen 
er bei und südlich von Ghaba Schambe sich häufiger fand, 
wo er auch jetzt noch, wie Broun^*) angibt, gleichwie an 
vielen Stellen des obersten Bahr el Djebel •^), die Vegetation 
charakteristisch beeinflusst, 

4. Kleinere Pflanzen. Om-Ssüf, Papyrus und 
Ambadsch sind neben dem Schilfrohr (Phragmites communis 
Irin.) und stellenweise dem Rohrkolben {Typha australis, 
Schum. et Thonn.) die Hauptrepräsentanten der Wasser- 
vegetation unseres Gebietes. Um aber die einzelnen Pflanzen- 
gattungen untereinander zu festen, teilweise im Wasser frei- 
schwimmenden Gefügen zusammenzuschweissen, übernehmen 
noch eine Menge kleinerer Pflanzen die Rolle des Binde- 
mittels, und so wird bald ein fester Schwingrasen geschaffien, 
der immer weiter ins Wasser vorgreift. Schon zwischen den 
Schillukinseln im Weissen Nil stösst man, wie Kotschy®^) 
berichtet, in dem fast stehenden Wasser des Flusses auf 
grosse Massen von Schwimmpflanzen wie Nymphaea Lotus 
Lv Nymphaea caerulea Savi., Nymphaea ampla D C, Nep- 
hnia stolonifera Guill. Perr. R., Pisiia aethiopica Fzl., Myrio- 
phyllum sp., Poiamogeton sp. und Valltsneria aethiopica. 
Aber weiter aufwärts im Flusse wird die Vegetation noch 
reichhaltiger und dichter. Marno®^^) erzählt vom unteren 
Bahr el Djebel, dass an manchen Stellen die Papyrusmauem 


I06 r— 

mit dichten, laubenbildenden, gelbblühenden Cticurbitaceen 
und lilablühenden Klettersprpssen von Convolvulaceen ver- 
woben und durchflochten sind, so dass diese undurchdring- 
liche Dickichte bilden, die nur hie und da von den sonderbar 
gestalteten sparrigen Ambadschbtischen unterbrochen und 
-von den schwankenden Halmen des Rohrs und Wasserkolbens 
überragt werden, während sich an ihren Wurzeln, auf der 
Wasseroberfläche, die schwimmenden Pistien zu kleinen Feldern 
ansammeln. Freilich betont Marno*^*) mit Recht, dass diese 
'kleinere Sumpf- oder Wasserflora, wie Pistien, Nymphäen, 
Vallisnerien, Conferven gegen, die oben genannten grossen 
Veget^tionstypen verschwindet; aber sie kann für manche 
Gegenden der Flüsse ganz charakteristisch werden, wie die 
Confervenwiesen im mittleren Bahr el Seraf oder die Teppiche 
von kelchförmigen Pistien und weissblühenden Wasserlilien 
(Nympkaeen), die namentlich an stillen Plätzen des Gazellen- 
flusses das Wasser bedecken, und auf denen kleine Wasser- 
Vögel sich ergehen*"). Und Schweinfurth*^^) berichtet 
von den dichtflutenden Massen von Potamogeton, Wassernuss 
(Trapa) und gelbblütigen Ottelia; ja selbst das Bett jenes 
Stromes, namentlich im Kit, bietet eine ununterbrochene 
Wiese dar,, die ausschliessHch von der äthiopischen Val- 
lisneria gebildet wird, und deren weibliche Blüten auf langen, 
schraubenförmig aufgeringelten Stielen sich wiegen. Die 
Vegetation ist hier so mächtig, dass nur Schlamm, nirgends 
eine Spur von Sandbildung zu sehen ist*^*). 

Bei diesen enormen Massen von Sumpfvegetation ist 
es, wie M a r n o *^') bemerkt, auffallend, dass man nirgends 
eine Spur von Torfbildung bemerkt. Wohl nennt 
.Kotschy^^) einmal die Ufer des Weissen Nils einen 
Moorboden; aber dies ist wohl eine unrichtige Be- 
zeichnung für Marsch-, Sumpfboden. Wohl ist, wie 
Schröter*^®) angibt, die torf bildende Fähigkeit des Schilfs, 
das hier häufig zu finden ist (also wohl auch des Nilschilfs 
und des Papyrus), gross ; aber die hier im Flusse selbst ab- 
sterbende Vegetation geht ganz in Fäulnis über„ während 
:^ie nicht vom Wasser bespülte in der trockenen Jahreszeit 
.verdorrt, . wenn aber der Fluss steigt, ebenfalls gänzlich 


— I07 — 

zersetzt oder, wie das aufweite Strecken hin während deir 
Dürre stattfindet, abgebr^innt wird. 

Dass aber die verfaulenden Pflanzenstöffe einen Einfluss 
auf die Farbe und den Gehalt des Wassers ausüben, geradeso 
wie umgekehrt die grünenden Pflanzen als Filter wirken, -ist 
klar. Wir wollen eine Diskussion der yerschiedeneu, sich 
oft gänzlich widersprechenden Angäben über die Farbe der 
einzelnen Flüsse unterlassen und nur auf die umfassende 
Arbeit von R e i n d 1 *^®) über die „schwarzen" Flüsse hinweisen. 
Jedenfalls trifft für die Haupt^eit der Versumpfung der Bericht 
Kotschys*®°) zu, dass dann das Wasser schwarz, ölig, voll 
fauler Pflanzenstoffe, Insekten und Kräuter ist. Ein Charakter 
ristikum ist nach Lyons®*^) bei Niederwasser (im Mai) di6 
ungewöhnlich grüne Farbe des Weissen Nils; das Wasser 
hat einen sumpfigen und faulen Geschmack und Geruch, der 
beim Kochen und Destellieren nur zunimmt. K a u f m a n n^^) 
führt diese Färbung auf die grossen Mengen von mikro- 
skopischen Algen zurück,, die im Wasser schwimmen.. Die 
Annahme, dass diese Algen durch das Steigen des Stromes 
und seiner Zuflüsse zu Tal gebracht werden, trifft nicht zu,, 
da die Nilschwelle erst später auftritt. Wahrscheinlicher ist,, 
dass die Algen das ganze Jahr hindurch aus dem Sumpf- 
gebiete fortgeführt werden, sich aber erst rapid vermehren, 
wenn, wie im Mai, die Scnnmerhitze und die geringe Strömung 
dies begünstigen. 

c) Die Ebene. 

Die zweite Grundform des Landschaftscharakters, die 
Ebene, zeigt allenthalben das traurigste Bild. Viele der 
Pflanzen, welche die . Flussufer beleben, fehlen; Gras und 
Sumpfpflanzen bedecken die weiten Flächen. Betrachtet 
löaa eine Abbildimg jener Landschaft (s. Fig. 3), so fällt 
einem auf, dass zu beiden Seiten der Flüsse oft Hunderte 
von Metern w.eit das Gras eine dunklere Färbung zeigt — bei 
verstopften Flüssen ist dies beim Strombett selbst der Fall, 
das z. B. bei dem durch Vegetation versperrten Bahr el Seraf, 
wie Marno**^) erzählt, durch das darin. höher aufschieSsende 
und dunkelgrön gefärbte Gras gegenüber den stets ver- 
wachsenen Seitenwassern und Ufefn erkennbar ist. Die zu- 


— io8 — 

nächst Uzenden Uferstrecken bestehen nämlich auch in der 
Trockoizeit aus Sumpf imd Schwingrasen, die den einst im 
weiten Flusstale viel In^ter dahinströmenden Fluss allmählich 
dngeengt haben, ohne freilich das Wasservolumen beträcht- 
lich zu verringern, da unter der trügerischen Decke der 
schwimmenden Ufervegetation immerhin noch grosse Mengen 
Wassers verborgen sind. Die endlosen Ebenen, die sich 
baumlos, nur von Termitenhügeln und an einzelnen trockenen 
Stellen von traurigen Gebüschen besetzt, zu beiden Seiten 
des Flusses ausdehnen^, sind hauptsächlich mit Gräsern, 
namentlich dem Om-SsQf, bedeckt Besonders öde ist die 
Savanne, die der Bahr el S^af durchmissL Im nördlichen 
Drittel ist das Gebiet nach Marno^ mit Busch imd Hoch- 
wald an den Ufern stellenweise sehr dicht bestand«], später 
hört dieser auf, und an seine Stelle tritt die unabsehbare 
Grassteppe mit Tausenden von Termitenbauten, während 
weiter aus dem Inneren des Landes die dichtgedrängten Kronen 
der Deleb-Palmen (Borassiis flaAellifer L.y emporragen. Dann 
aber weiter südlich ist nur mehr weit und breit ein wogender 
Graswald von Om-Ssüf und dahinter die Steppe mit den 
mehrere Meter hohen . Ardah- Ameisenhügeln zu erblicken. 
Garstin***) nennt dieG^end die traurigste imd hofinungs- 
loseste des oberen Nils. Grogan**') und Liddell***), welch 
letzterer das Land östlich vom Bahr el Seraf durchwanderte, 
bestätigen den öden Charakter der Region vom GirafFenfluss 
bis zum Ssobat. In der Regenzeit sind die Ufer weithin 
überschwemmt, so dass z. B. die Bakersche Expedition ihre 
Toten entweder mitten im Sumpfe oder in verlassenen 
TermJtenhaufen begraben musste ***). Einige „dabbeh" (= Er- 
höhung) von Zimmergrösse sind die einzigen trockenen 
Stellen ^\ Die Ebene, welche der Bahr el Ghasal durchzieht, 
ist noch wenig erforscht. Auch sie ist ein weites Grasmeer 
{%, S. 95 f), das in der Regenzeit Oberschwemmt wird*^)- 

d) Der Wald. 
Die dritte Form der Landschaft ist der Wald. Er tritt 
spärlich auf und findet sich nach De Pruyssenaere*'*) 
hauptsächlich parallel mit den Flüssen laufend, im mittleren 


— I09 — 

Abstand von 2 — 3 Stunden, manchmal sich mehr nähernd, 
manchmal weiter zurücktretend. Geht man vom Flusse aus 
gegen das Innere, so bietet der Wald zuerst das ziemlich 
traurige und eintönige. Schauspiel der Wälder des Su<iän. 
Es sind fast ausschliesslich Minosenwälder der Gattung 
Acacia; der Boden ist mit i — 2 m hohem Gras bedeckt. 
Erst nach mindestens 5 km kommt man in die wahre Wald- 
region, das Gog, wo die neuen und bewundernswerten 
Formen eines tropischen Urwaldes auftreten. Marno*^') be- 
richtet, dass von der Ssobatmündung bis nahe zur Seraf- 
mündung am Südufer des Bahr el Abiad hart am Flusse hin 
Busch und Hochwald zieht, der westlich von der Mündung 
des Giraffenflusses ins Innere des Landes sich wendet. Der 
Weisse Nil bespült dann ausser einer Ghaba (= Wald) 
keinen weiteren Wald, höchstens an wenigen Punkten ein- 
zelne oder in Gruppen stehende Hochbäume und Busch- 
partieen im Innern des Landes. Der Bahr el Djebel zeigt 
nur sehr vereinzelte Bäume und Baumgruppen vom Mokren 
el Bahür bis nahe zur Ausmündung des Bahr -el Seraf; 
südlich von Ghaba Schambe und noch mehr von Bör werden 
die Wälder häufiger, wie uns besonders Gar stins Karten •'^) 
gut veranschaulichen. Der Bahr el Seraf hat, wie wir ge- 
sehen, nur an seinem Unterlaufe an beiden Seiten ausgedehnte 
Wälder, die dann Delebpalmen Platz machen, welche aber 
auch bald dem Hochgras und dürftigem Buschwerk weichen. 
Die Bahr el Ghasal-Region weist auf einigen „dabbeh" des 
Flussufers und weiter davon entfernt einigeWaldpartieen auf^*^^). 
Sonst aber stehen nur hie und da an allen diesen Flüssen 
Deleb- (Borassus flabellifer L. oder Aethiopicus, Mart.) und 
Dum-Palmen (Hyphaene thebaka, Mart.), die als gute, weit 
sichtbare Marken in der endlosen Steppe dienen. Diese 
Waldbestände bestehen im allgemeinen noch heute, obwohl 
durch das viele Holzschneiden zum Heizen der Dampfer viele 
Fällungen stattfinden, die ihre Existenz gefährden, so dass 
Garst in®'*) mit Recht Besorgnis für Ersatz hegt. 

An einzelnen Arten fallen besonders auf die immer- 
grünen Dum- und Delebpalmen, Kigelien, Euphorbien, Bala- 
niten, Zizyphus, Akazien; während die Talha im Winter 


— HO — 


bedeutend schwächeres Wachstum zeigt und der Kakamüt 
-dann sein Laub verliert, entfaltet der besonders im mittleren 
und unteren Bahr el Abiad sehr häufige Simtbaum sein präch- 
tigstes Grün, Auch die zahlreichen strauchartigen klettern- 
den und baumartigen Capparideen und mehrere Mimosenarten 
prangen stets in grünem Laubschmucke*"). 


ÜI. Die Entstehung der Pflanzenbarren (Ssedds) 

des oberen Nils. 

I. Die Maije. 

Betrachten wir eine detaillierte Karte der Sumpfregion, 
etwa die von G a r s t i n •'*), so fällt uns auf, dass der viel- 
gewundene Flusslauf von zahlreichen mit ihm durch Kanäle 
verbundenen Seen und Wasseransammlungen begleitet wird. 
Diese Seitenlagunen, denen wir schon beim Niger (s. S. 43 ff . 
und beim Kamolondo (s. S. 49 ff.) begegnet sind, bilden das 
Produkt der Überschwemmungen des Nils; denn, wie wir 
schon gesehen, fehlt diesem Strome infolge iseines geringen 
Gefälles die Möglichkeit, die grossen Wassermengen der 
Regenzeit schnell fortzuleiten, die sich nun über das flache 
Ufergebiet ergiessen und hier infolge des hohen Grundwasser- 
standes •'•) nicht gut einzusickern vermögen. Das Wasser 
bleibt auch nach der Regenzeit in diesen überfluteten Ufer- 
partieen vorhanden, welche an vielen Stellen aus becken- 
förmigen, flachen Einsenkungen bestehen, und zunächst noch 
wenig Verbindungskanäle mit dem Hauptstrome besitzen. Bald 
^ber schaffen sie sich Zugang zum Flusse und ihre Mündungen 
•erweitern sich, so dass sie bei tieferer Lage mit dem Flusse 
zum Teil auch während des niedrigsten Wasserstandes stets 
in Verbindung stehen und gleichsam Buchten bilden; od^r 
•sie werden in der Trockenzeit zu kleinen Seen und Teichen, 
die nur bei Hochwasser mit dem Strome in Verbindung treten. 
Dies sind die Alt- oder Hinterwasser des Nilstromes, von 
^en arabischen Nilfahrern Maije geheissen, die infolge des 
immerfort wechselnden Wässerstandes gleichfalls je nach der 


— ITI — 

augenblicklichen Wasserhöhe einen veränderten Anblick ge-- 
währen. Sie bilden Hunderte von Sackgassen und Sack- 
gässchen und erschweren nach Umständen selbst dem Kün-^ 
digen die Fahrt. Diese Verhältnisse treffen hauptsächlich zu 
auf die Strecke des Bahr el Abiad zwischen der Ssobat- 
mündungutid demMokren el Bahür und auf den Bahr el Djebel 
bis Bör, aber nicht auf den Ssobat. wie Junker®^®) her- 
vorhebt, da dieser im allgemeinen sehr regelmässe Ufer mit 
hohen Seitenwändeh besitzt (s. Fig. 1 1). Der Bahr el Djebel be- 
sitzt nach Garstin®^^) besonders auf der Strecke von Hellet 
Nu6r (221 km) bis 100 km vom Mokren el Bahür eine grosse 
Menge von Hinterwassern, so dass der Fluss oft zwischen 
zwei I^agunen dahinfliesst, nur durch einen schmälen Papyrus^ 
säum von ihnen getrennt. Sie zeigen im Winter eine offene 
Wasserfläche; jedoch muss der Wasserverlust durch Ver- 
dunstung in den kaum i m tiefen Teichen sehr gross sein; 
Im Bahr el Ghasal sind die eigentlichen Maije seltener; da- 
gegen finden sich mehr gleichmässig ausgebreitete Uber- 
flutungs-Gebiete. Diese spielen dann nach Dy6*®*) die Rolle 
eines Reservoirs (wie beim Pibor, s. S. 98); selbst in der 
Hochflut des Djür, im Oktober, stieg der Wasserstand 1898 
bei der Meschra nur um 22 cm, weiter unten um 40 — 50 cm. 
Die jahraus, jahrein bestehenden Altwasser des Nils 
begünstigen, wie Junker •®**j treffend bemerkt, bei fehlender 
Strömung das üppige Aufsprossen und Gedeihen einer Vege- 
tation von treibenden Schwimmpflanzen ; denn nach den 
Erfahrungen Schweinfurths*^) vermag weder der in ein- 
zelnen Jahren ausnahmsweise stärker wechselnde Wasser- 
stand, noch das ungleiche Mass der höchsten Nilschwelle 
überhaupt irgend welchen Einfluss auf das Wuchern dieser 
Vegetation auszuüben. Diese Maije sind denn auch in der 
Tat die Hauptentstehungs- und Bildungsorte für alle den 
Strom hinabschwimmenden Pflanzeninseln und für die zeit- 
weilig durch andere Umstände begünstigten Verstopfungen 
des Stromes. Wir entnehmen dem Berichte Garst ins®®*), 
dass diese manchmal mehrere Quadratkilometer grossen 
seichten Lagunen vom April ab überall mit einem üppigen. 
Wachstum von Wasserpflanzen umgürtet sind, hauptsächlich' 


— 112 — 

aus Papyrus, OmSsM (Vossia procera Grifl-)*) und dem „Bus" 
oder gemeinen Schilfrohr (Phragntäes communis Trin.) P] **) 
bestehend; daneben sind noch zu erwähnen Pistia stratiotes, 
Utricularia (das Blasenkraut), AzoUa (Wassennoos), Aldro- 
vanda, Ceraiopteris ihalictroides, Lemma, Jussiaea^ Potamo- 
getan, Najas u. s. w. Die drei erstgenannten, mit der an 
ihren Wurzeln haftenden Erde, bilden das wirkliche Hindernis. 
Alle diese Pflanzen wachsen im Wasser, aber in keiner 
grossen Tiefe. Om Ssüf und ,3us" stehen nicht so tief im 
Wasser wie der Pap3mis; letzterer «reicht eine Höhe von 
5 — 6 m mit faserigen Wurzeln, welche tief in den Boden 
greifen. Das Om-Ssüf ist selten höher als iVt m, und seine 
Wurzeln stecken nicht so tief im Boden wie die des Papyrus, 
sind jedoch sehr zähe und schwer zu brechen oder zu durch- 
schneiden. Diese Wurzeln sind in den Boden unter dem 
Wasser gebettet, natürlich nur leicht am Untergründe haftend, 
und sie verschlingen sich so, dass ein Gewebe entsteht 
Junker*®®) versichert, dass das Flach wasser zwar der Bildung 
von Grasinseln Vorschub leistet, aber auch die nur leicht 
angewurzelte Masse zeitweise zurückhält. „Ja, es würden 
die immer mehr zu dicht^i Massen verwachsenden Grasinseln 
beständig stabil bleiben und die Maije mit der Zeit fast aus- 
&llen, wenn dies nicht durch zwei Faktoren vereitelt würde. 
Sobald nämlich das Nilwasser bei seinem periodischen Steigen 
die Maije füllt, sei es durch den Verbindungsarm, sei es 
durch Überflutung, so wird die bereits zur festen Insel zu- 
sammengewachsene Grasmasse vom Untergrund gelöst und 
gehoben. Winde imd Stürme, welche gleichfalls zur Los- 
lösung der Vegetation vom Boden beitragen, sind sodann 


*) Von Brou n***) Panicum pyramidale Lamk. genannt. Jedenfalls 
wegen des Zuckergehaltes nennt es Marno*^) SaccAarum isehaemum 
(vgl. S. 44 die von Chevalier beschriebene AxX. Panicum stagfUmim Retz- 
var- 'Burgu A. Chev., welche zur Zuckerbereitung dient), neben dem 
er noch das Saccharum sponianeum und die . Vossia procera kennt, von 
den Dinka Agau und Apatsch geheissen. 

*•) Es heisst weiterhin, dass der Phragmites gleich dem Panicum 
ein Gras sei, während der Papyrus natürlich ein Schilfgras ist. . Freilich 
ist die Vossia und der Phragmites leicht zu verwechseln. 





— 113 - 

die alleinige Triebkraft für ihre Entfernung vom Entstehungs- 
orte, sie treiben die in verschiedenen Festigkeitsstadien ge- 
lösten Grasinseln durch das Tor der Altwasser in den Nilstrom 
hinein." Nach Garstins*®*) Schilderung bilden die Wurzeln 
dieser nunmehr zu schwimmenden Inseln gewordenen Vege- 
tationskomplexe eine solch verwickelte Masse, dass grosse 
Mengen der Erde, worin sie eingebettet waren, daran hängen 
bleiben. Diese Erdklumpen dienen als Ballast, so dass, wenn 
die Papyrus- oder Schilfinsel losgelöst ist und unter dem 
Einflüsse des Windes über die Lagune hintreibt, deren Gewicht 
die Pflanzen in ihrer vertikalen Lage hält (s. Fig. 5). In dem 
Augenblicke, da die Wurzeln der Inseln einen seichten Platz er- 
reichen, setzen sie sich wie ein Anker im schlammigen See- 
gninde fest. Grosse Massen wechseln so beständig ihre 
Lage. Wenn die Stürme aufhören, verbleiben sie, wo sie 
sind. Unglücklicherweise bildet am Anfang und Ende der 
Regenzeit das stürmische Wetter viel mehr die Regel als die 
Ausnahme. Dann sind grosse Flächen der Sumpfvegetation 
in Bewegung, hin und her getrieben vom Winde. 

Über die hauptsächliche Zusammensetzung belehrt uns 

Schweinfurth®*'): „Dichte Massen einer auf den freien 

Stellen der Wasserfläche flottierenden Vegetation von kleinen 

Kräutern bilden einen grützenartigen Brei, welcher offenbar 

die Vereinigung der Grasmassen zu vollständigen Decken 

sehr erleichtert. Wie ein zementierter Kitt verstopft dieser 

Brei von Kräutern alle Spalten und Löcher zwischen den 

Gras- und Ambadschinseln [die bei der Zusammensetzung 

des Ssedd im Bahr el Abiad und Bahr el Ghasal eine Rolle 

spielen], welche sich an den den Winden oder der Strömung 

minder zugänglichen Stellen der Hinterwasser anhäufen. 

Den Hauptanteil an solchen Bindemitteln nehmen in diesen 

Gewässern zwei Pflänzchen ein, unscheinbar in ihrem Äusseren. 

Das eine, ein feingegliedertes Wasserfarn (AzoUa), das andere 

die Pistia, welche in so hohem Grade an einen kleinen 

Salatkopf erinnert. Die Schiffer des Weissen Nils nennen 

sie Negertabak, wahrscheinlich wegen des zwerghaften 

Wuchses der beiden Tabakarten in allen Negerländern. 

Auch unsere Entengrütze (Lemna), von verschiedenen Arten 

Heuerling. Die Pflanzenbarren. 8 


- 114 — 

Jussieua durchflochten, und die afrikanischen Repräsentanten 
von Gattungen unserer gemeinsten Wasserpflanzen spielen 
daselbst eine grosse Rolle." 


a. Die schwimmenden Inseln (Tefän). 

Wie Gar st in***) erzählt, werden nach Umständen 
durch einen starken Windstoss Hunderte von Ackern dieser 
schwimmenden Massen in einer Richtung in Bewegung gesetzt, 
bis sie einen Punkt des Flusses erreichen, wo sie in das 
Stromrinnsal getrieben werden. Einmal da angelangt, treibt 
sie die Strömung schnell abwärts. Das sind die schwim- 
menden Pflanzeninseln des oberen Nils, von den Arabern 
Töf (Plur, Tefän) geheissen, welche fast das ganze Jahr hin- 
durch den Fluss beleben und seit den zwanziger Jahren des 
19. Jahrhunderts, d. h. seit der menschliche Unternehmungs- 
geist die Schiffer den Weissen Nil hinaufgeführt, wohlbekannt 
sind (s. Fig. 6). Ihre Entstehung ist aber nicht allein auf die 
Hinterwasser beschränkt; sie können auch an den stillen 
Plätzen des Ufers sich bilden. Die erste uns bekannte Schilde- 
rung besitzen wir von Werne •^j, der diese Tefän auf seiner 
Nilfahrt oft antraf. Im Weissen Nil oberhalb der Insel Aba 
sah die Expedition eine Menge losgerissener Wassergewächse, 
die schwimmende Inseln von grösseren und kleineren Dimen- 
sionen bildeten. Es war ein überraschender Anblick. Doch 
lassen wir Werne selbst reden: „Am Mittag kamen wir 
einer solchen Insel, welche durch eine Art Wasserquecke 
zusammengehalten und gleichsam an das Ufer angekettet 
war, so nahie, dass wir einen ganzen Teil davon abrissen 
und als eine kleine Wasserwelt der verschiedensten Pflanzen- 
gattungen in Bewegung setzten. Die Grundfläche dieser 
schwimmenden vegetabilischen Welt bildet das allenthalben 
verbreitete, fahlgrüne Sammet-Gewächs, welches sich aurikel- 
artig ausbreitet, Faserwurzeln hat und mit grünen Röhren 
unter sich verbunden ist, aber keine Blüten zu haben scheint. 
Einen anderen Hauptbestandteil macht das stengelartige 
Moos, welches sich unter dem Wasser verbreitet und dünne 
weisse Saugwurzeln wie Polypen an den unteren langen 


- 115 — 

Striemen hat. Pann kommt eine Art Wasserwinde (Convol- 
v\i\us) mit lilafarbenen Blumen, die ebenfalls den Samen 
wie die Butterblume hat/' Wir haben es also hier mit einer 
ausgedehnten Schwii^asenbildung zu tun, von der häufig 
durch Sturm und Wellen oder künstlich Stücke als schwim- 
mende Inseln abgetrennt werden. De Pruyssenaere*®*) 
berichtet, dass an der Oberfläche des Wassers zwischen den 
Schiifstengeln eine Menge von Pflanzen kriechen, die schein- 
bar einen Boden bilden, der mit den Wellen auf und nieder- 
wogt. Junker*^) fand die sehr breite Wasserfläche des 
Weissen Nils bei fortschreitender Bergfahrt von immer aus- 
gedehnteren, schliesslich ununterbrochenen Wänden flottie- 
renden Schilfes eingeengt, das durch die Wurzelfasern mit^ 
einander verflochten, ein anscheinend festes Ufer bildete; 
das ist aber, wie Junker selbst betont, eine Täuschung; 
denn erst die hinter den 2 m hohen Gras- und Schilfwänden 
aufragenden fernen Bäume zeigen die wirklichen Ufer an. 
Auch Baker •®^) berichtet, dass die scheinbaren Ufer des 
Flusses aus „einer Masse von schwimmenden Wasser- 
pflanzen, abgestorbenen Pflanzenstoffen und einem hohen 
schilfartigen Gras bestehen, das sehr dem Zuckerrohr gleicht 
und ein sehr vortreffliches Futter für die Tiere bietet" (Vossiq 
procera oder Saccharum spontaneum); die wirklichen Ufer 
aber seien gen 450 m von der freien Wasserfläche entfernt. 
Natürlich gewinnt diese schwimmende Pflanzendecke durch 
das Stranden von Inseln weiteren Zuwachs, so dass selbst 
Pflanzenarten, die nicht in jener Region endemisch sind, wie 
die Papjo-usstaude, losgelöst vom heimatlichen Sitz, in weit 
nördlicheren Gegenden vorkommen •®^). Nach Schwein- 
furth*®') ist diese Pflanzendecke in fortgeschrittenem Zu- 
stande nicht einer Eisdecke vergleichbar, welche bricht und 
durch die Gewalt des Stromes in Stücke gerissen wird, 
sondern einem wirklichen Gewebe von zähem Filz, welches 
sich wie ein Teppich über die ganze Wasserfläche ausbreitet. 
Hin und wieder bricht sich in engen Rissen die Gewalt des 
Stromes Bahn; aber diese Kanäle entsprechen nicht immer 
den Tiefenlinien des Strombettes und sind daher nur selten 

für Barken passierbar. Ein beständiges Ziehen und Drängen 

8' 


— ii6 — 

der Massen verändert sie alljährlich in so hohem Grade, dass 
selbst der erfahrenste Schiffer sich in ihnen nicht zu orien- 
tieren weiss, und daher jede Winterfahrt sich aufs neue durch 
ein labyrinthisches Fahrwasser zu winden hat. Wie der 
Forscher weiter erzählt ••*), sind diese schwimmenden Gras- 
decken von solcher Dicke, dass sie nicht nur mehrere 
Menschen, sondern ganze Rinderherden zu tragen vermögen. 

Namentlich der seeartige Mokren el Bahür, ein wahres 
Paradies der schwimmenden Vegetation, erleidet dadurch 
fortwährende Veränderungen seines Bildes. Im Bahr el 
Ghasal bestehen weithin die Ufer aus Schwingrasen, der 
vermutlich stellenweise den ganzen Fluss überbrücken würde, 
wenn die stete Befahrung nicht einen engen Kanal frei liesse 
(s. Fig. 7). Die offene Fahrrinne ist aber manchmal so eng, 
dass der Radkasten des Dampfers an beiden Seiten das Gras 
streift ••*); denn die scheinbaren Ufer sind auch hier nichts 
anderes als schwimmende Grasdecken, wogegen erst weit land- 
einwärts das Festlandterrain beginnt •**). Besonders in der see- 
artigen Erweiterung bei der Meschra er Rek bedeckt nach 
Schwein für th***) und Dye*®^) der Schwingrasen weite 
Flächen. Seh wein für t h •**) erzählt von den schwimmen- 
den Inseln des Gazellenflusses, dass man diese treibenden 
Eilande, die zum Teil mit buntgefärbten Blüten geziert, zum 
Teil mit üppigem Schmuck prachtvoller Farne überladen er- 
scheinen, gleich Eisschollen mit Stangen von dem vorwärts 
strebenden Schiffe abhielt. Wenn aber ein Töf ganz dicht 
an die Schiffswand herankommt, so verursacht das Hinstreifen 
des Schilfes und Grases daran ein eigenartiges. Geräusch, das 
nach einem Vergleich Junkers*®®) lebhaft an das Brausen 
eines einen Tunnel durchfahrenden Eisenbahnzuges erinnert. 
Die schwimmenden Pflanzen sind derart dicht, dass sie 
Petherick'^**^) wie ein grünes Feld erschienen, das sich 
losgelöst hat. 

Da sich diese Inseln häufig zusammengesellen und da- 
durch förmlich zusammenwachsen, so erhalten sie bisweilen 
eine Grösse von einigen Hektaren. Natürlich sind die 
von einem geborstenen oder zerschnittenen Ssedd stammen- 
den noch mächtiger und besonders sehr dick, so dass der 


- 117 — 

grössere Teil uiiter Wasser taucht. Ihre Mächtigkeit erhellt 
daraus, dass eine solche Insel, wie Giegler-Pascha '®^) sich 
durch Augenschein überzeugte, die Last eines ausgewach- 
senen Nilpferdes zu tragen vermag. 

Diejenigen Tefän, welche nicht in der Sumpfregion ans 
Ufer treiben und, dort festwachsend, den Schwingrasen ver- 
mehren oder zu Grunde sinken und sich da auflösen, treiben 
im Flusse weiter, bilden aber kein Hindernis mehr für die 
Schiffahrt, da voi^ der Ssobatmündung an sich der Nil be- 
deutend verbreitert und die Ufer im allgemeinen fester ge- 
staltet sind. Doch treiben manche Inseln weit über Faschoda 
hinaus nach Norden, ja Junker''®*) traf, wie bereits erwähnt, 
schon nach wenigen Tagen Fahrt südlich von Chartum an- 
gestaute Grasvegetation und Papyrusdickichte. Die Haupt- 
masse der erstaunlich zahlreichen Grasinseln, welche auf der 
endlosen Wasserfläche des Weissen Nils verteilt umher- 
schwimmen, wird teils, wie wir gesehen, an geeigneten Ufer- 
stellen abgesetzt und verkommt, teils sinkt sie, durch die 
aus dem trüben Wasser aufgenommenen Ton partikelchen all- 
mählich immer mehr beschwert, auf der langen Fahrt in den 
Strom hinab und fällt dort, ein verbrauchter Filter, dem Ver- 
wesungsprozess anheim. Auch Schweinfurth^®^) stellt 
fest, dass die Inselreste an den Biegungen des Flusses, wo 
flache Ufer sind, sitzen bleiben und dort beim Fallen des 
Wassers vertrocknen. Inselstticke, die etwa weiter als bis 
Chartum trieben, würden auch zweifellos in den Katarakten 
des Nils zerrieben werden. Gordon'^) sagt, dass der 
Papyrus nicht weiter als bis Chartum geschwemmt wird, 
wenn überhaupt so weit. Nach Aegypten sind nur. in den 
seltensten Fällen und ganz vereinzelt Papyrusbtischel hinab- 
gekommen. Solch kleine Papyrusexemplare, die dort im 
Nil aufgefischt worden waren, galten bis auf die Expeditionen 
Mehemet Alis (1839— 1841), woran Thibaut, Werne, 
D * A r n a u d und S a b a t i e r teilnahmen '^*), als einziger Beleg 
für das Vorhandensein dieser berühmten, in Aegypten aus- 
gestorbenen Pflanze in den oberen Nilregionen. 


— ii8 — 
3. Die Verdichtung der schwimmenden Insehi zu Barren. 

a) Ursachen der Verdichtung. 

Wenn in normalen Jahren und besonders zur Regen- 
zeit die schwimmenden Vegetationskompiexe als Schwing- 
rasen und schwimmende Liseln diese Flösse einengen, so 
kommt es bei aussergewöhnlicher Heftigkeit und Dauer der 
Regenzeit zu gänzUcher Unfahrbarkeit weiter Flusstrecken 
oder mit anderen Worten,zur Entstehung von Pflanzen- 
barren. Für deren Bildung sind nach Junker'®*) erfor- 
derlich und b^ünstigend: 

1. Das Steigen des Wassers über die normale 
Höhe, um die Hinterwasser mit dem Strome in Ver- 
bindung zu bringen und flottierende Grasmassen zu 
lösen und zu heben. 

2. Günstige Winde, um solche Grasinseln gleichfalls zu 
lösen und sie in die Strömung des Hauptflusses einzuführen. 

3. Die Pflanzenwelt, namentUch die vielen kleinen 
Pflanzen, die als Kitt zur Verbindimg der grösseren 
Wasserflora dienen. 

Diese Bedingungen genügen aber kaum, um jenes 
Phänomen vollständig zu erklären. Schweinfurth'^) er- 
gänzt den ersten Punkt dahin, dass zur Ssedd-Bildung immer 
ein grösserer Strom gehört, weil nur bei diesem die an 
und flttr sich im obersten Nilgebiete sehr schwachen- Unter- 
schiede zwischen Hoch- und Niederwasser sich deutlicher 
auszuprägen vermögen. Natürhch bezieht sich die Grösse 
des Stromes nicht auf die Breite, sondern auf die Wasser- 
führung, da sehr weite Ströme zu wenig Anhaltspunkte für 
die schwimmenden Inseln abgäben. Im oberen Nil aber ist 
die Wasserfläche durch V^etation eingeengt 

Femer ist zur Ssedd-Bildung notwendig eine verhält- 
nismässig geringe Strömung, abhängig vom geringen 
Gefälle, was ja, wie wir nachzuweisen versucht haben, in 
unserem Falle besonders zutrifft. 

Schliessüch bedarf. es noch jäher Windungen und 
Verengungen des Flusslaufs und bestimmterer 
Ufer, um die Pflanzenmassen zur Stauung zu bringen. 


— n 9 — 

Garstin^®®) nennt folgende Bedingungen für die Ent- 
stehung eines Ssedd (wie man ihn vom 4. bis 11. April 1900 
im Bahr el Djebel traf, also ein spezieller Fall): 

a) Die Richtung des Flusses mit Rücksicht auf den 
herrschenden Wind. 

b) Das Vorhandensein eines grossen Hinterwassers 
oder Schilfreservoirs zwischen dem Winde und 
dem Flusse. 

c) Der völlige Mangel jeder Art von Ufer auf 
der Ostseite [weil von da hauptsächlich die Winde 
kommen], 

d) Die Gestalt des Flussbettes d. h. ein breites 
Flussbett, das sich plötzlich in einen gekrümm- 
ten Trichter verengt. 

Henry '^) schreibt den Passat winden noch eine be- 
sondere Kraft zu. Er sagt, dass diese Winde in der Sumpf- 
region tagsüber fast ständig in solcher Stärke wehen, dass 
eine Boje an das Ufer geworfen oder gezwungen wird, 
stromaufwärts zu schwimmen. Der Wind kann dann an 
einem günstigen Punkte das Stillstehen einer oder 
mehrerer grossen schwimmenden In sein, verursachen, und 
mit Unterstützung des Drucks der stromabwärts kommenden 
Wassermassen entsteht eine solche Barre. 

Ju nker '^•) erwähnt auch, dass der Wind begreiflicher- 
weise unter Umständen sogar eine entgegengesetzte Wirkung 
auszuüben vermag. Es können nämlich die in die Fluss- 
strömung eingeführten Grasinseln durch günstige Winde 
aus der Strömung abgelenkt und weit von ihrem Entstehungs- 
orte wieder in frei gewordene Hinterwasser hineingeleitet 
werden. Ja, dieselben Ursachen sind ebenso wie die Strö- 
mung imstande, bereits gebildete Grasbarren wieder zu be- 
seitigen. Infolge dieser Ursachen, durch das Steigen des 
Wassers, durch Wind und Sturm, durch die Wirkung der 
Strömungen, sind die in beständiger Bildung und Umbildung 
begriffenen flottierenden Vegetationsmassen der oberen Nil- 
region einem ewigen Geschiebe, einer beständigen Verän- 
derung ihres Standortes unterworfen. Da, wo sich gestern 
vielleicht noch eine ausgedehnte freie Wasserfläche hinzogt 


— I20 — 

kann heute schon ein Meer von Gras wahrgenommen werden; 
umgekehrt erscheinen vollständig durch Gras verschlossene 
Altwasser über Nacht bereits von ihrem Grase gereinigt. 

b) Art und Folgen der Verdichtung. 

Die Bildung eines Ssedd veranschaulichen die treflf- 
lichen Schilderungen Marnos'^®) und Garstins'^) so gut, 
dass wir am besten ihrer Erzählung folgen. 

I. Stauung der Tefän. Die von der Strömung und 
vom Winde aus den seitlichen Maije in den Fluss geführten 
Vegetationskomplexe werden stromabwärts getrieben und 
stauen sich an jähen Biegungen oder an einem Vorsprunge, 
wo sie den Fluss seiner ganzen Breite nach besetzen. Es 
kann vorkommen, dass eine mehrere Morgen grosse Gras- 
decke in den Fluss als weite Fläche abgeht; in solchem Falle 
muss sie notwendigerweise an dem ersten Punkte, wo der 
Durchmesser des Stromes verengt ist, aufgehalten werden. 
Die geringe Strömung besitzt nicht die Kraft, dieses Hinder- 
nis zu beseitigen, führt aber von oberhalb immer neue Gras- 
inseln herbei und häuft sie hier an, so dass eine immer 
grössere Strecke des Flusslaufes von schwimmenden, dicht 
an einander geschobenen Pflanzeninseln bedeckt und versperrt 
wird, zunächst vielleicht nicht in grosser Tiefe. Der Durch- 
schnitt des Flusslaufes wird durch diese Verlegung bedeutend 
verringert, die Geschwindigkeit der Strömung nimmt rasch 
zu, und diese Massen, dem leichtesten Laufe folgend , fluten 
unter dem so geschaffenen Hindernis durch. Der Abfluss 
geht nur unter dieser Decke vor sich. Durch den immer- 
mehr zunehmenden Druck der oberhalb gestauten Wasser- 
massen werden die Grasinseln zusammengepresst und viele 
der neu hinzu kommenden unter die früheren geschoben 
und dort festgehalten, so dass der Fluss nicht nur seiner 
ganzen Breite und auf eine Strecke seiner Länge, sondern 
auch seiner Tiefe nach mit Vegetation erfüllt wird. So tritt eine 
immer grössere, festere und dichtere Absperrung des Fluss- 
bettes ein, die das Abströmen des Flusses je nach ihrer 
Länge, Dichte und Mächtigkeit verhindert und für die Schiff- 
fahrt ein unpassierbares Hindernis bildet. Der Ssedd ist fertig. 


— 121 


Der Druck des Wassers ist oft so gross, dass die 
obere Schicht eines solchen Vegetationsblockes einige Meter 
über die Wasseroberfläche gedrängt wird und so abwechselnd 
Erhöhungen und Vertiefungen zeigt. 

Marno'^^) fand 1879 die nördlichste Barre des Bahr 
el Djebel teilweise bis auf den Grund des Flusses hinab- 
reichend, aber auch 2 - 2V2 m über die Wasserfläche empor- 
ragend und aus vermodertem, mit Erdreich vermengtem Gras, 
Rhizomen und filzähnlichem Wurzelwerk bestehend. Die 
Erzählung von 8 m hohen Anhäufungen von Gras, Morast 
und Wurzelwerk, wie sie beim Ssedd im Bahr el Djebel 
1879 bestanden haben soll, erklärt M a r n o '^^) für eine Fabel, 
die vermutlich dadurch entstanden war, dass man das feste 
Ufer, wo solche Anhäufungen bestanden, für eine Pflanzen- 
barre ansah, was bei alten Barren infolge des nicht leicht 
zu bemerkenden Übergangs vom Ufer vorkommen kann. 

2. Dichte und Zusammensetzung. Diese gröss- 
tenteils aus Vossia und Pantcum bestehenden Vegetationö- 
massen, zwischen welchen hie und da Papyrus und Schilf- 
büschel eingepresst sind, sterben jedoch nicht ab, höchstens 
die zu Unterst gelegenen, am meisten zusammengeschobenen 
Partieen, vielmehr sind ihrer üppigen Wucherung die gün- 
stigsten Verhältnisse geboten. Die 4 — 5 m langen und 2 und 
mehr cm starken Vossiarhizome sind wie Taue ineinander 
verschlungen und bilden ein riesiges, zusammengepresstes 
Netzwerk. An ihren Knoten sitzen in dichten grossen 
Büscheln die langen, bindfadenähnlichen Wurzelfasem , die 
das grobe' Netzwerk der Rhizome auf das innigste mit ein- 
ander verknüpfen und an manchen Stellen, wo letztere be- 
sonders dicht und in grosser Menge angehäuft sind, eine 
einem groben Filzwerk nicht unähnliche homogene und dichte 
Masse bilden. Dazu kommen oft noch die armdicken, knor- 
rigen Wurzelstöcke zahlreicher Papyrusbestände ''^*j. Es ist 
ein über den Fluss geworfenes Netz von Tauen, die unter- 
einander mit Millionen dünner Stränge auf das innigste eine 
Filzdecke von 2—3 und mehr m bilden '^*) (s. Fig. 8). Gräbt man 
ein oberes Feld des Blocks ab, so kommt darunter eine neue 


122 


Masse von verfaultem Gras, Rhizomen und filzähnlichem 
Wurzelwerk zum Vorschein; letzteres, mit Schlamm und Erde 
vermischt, hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Torf'^*). Über 
die Wasserfläche empor treiben die Rhizome nun in kurzer 
Zeit und grosser Menge schwanke Schäfte mit dünnen, band- 
förmigen Blättern, so dass ein ungemein dichter Graswald 
von 2~3 m Höhe entsteht, der, abgebrannt, nach 8—10 
Tagen schon wieder in einer .Höhe von i und mehr m 
dasteht ; auch der Papyrus erneuert sich in unglaublich kurzer 
Zeit wieder. Das Flussbett selbst zeigt, wie sich D'Aumont'") 
ausdrückt, den Anblick einer grünen Wiese. Aber auch 
unter der Wasseroberfläche wuchern Rhizome und Wurzel- 
werk in kräftigster Weise fort. Schlamm und verfaulende 
Vegetationsreste werden von dem durchsickernden oder viel- 
mehr durchgepressten Wasser zwischen dem Wurzelwerk 
und am Grunde des Flussbettes selbst angehäuft, so dass 
der Abfluss an manchen Stellen vollständig abgedämmt und 
das Flussbett in seiner ganzen Tiefe von 7 und mehr m 
verstopft wird. Natürlich wechselt die Dicke der Barren 
sehr, je nach der Beschaffenheit und dem Durchschnitt des 
Flussbettes und nach dem Alter der Barre. In vielen Fällen 
beträgt sie nicht mehr als 1V2— 2 m, aber nicht selten wächst 
die Dicke bis zu 5 m unter dem Wasserspiegel und gelegent- 
lich hat man, wie oben angegeben, mehr als 7 m Tiefe 
beobachtet. In letzterem Falle, wenn ein solcher Vegetations- 
block bis an den Grund des Stromes reicht, bildet er eine 
förmliche unten angewachsene Insel, oder, wenn zugleich 
mit dem Ufer iq Verbindung stehend, einen Landzuwachs 
des Ufers. So hatte Marno'^®) z. B. bei der Wegräumung 
der nördlichsten Barre des Bahr el Djebel für kurze Zeit 
einen solch alten am Grunde festsitzenden Kern stehen lassen, 
der bald darauf mit dem Ufer durch neuangeschwemmte 
Inseln verbunden war. Henry'^®) musste in demselben 
Flusse durch eine 6 — 8 m dicke Barre wie durch den Unter- 
grund eines natürlichen Flussbettes einen 3 m breiten Kanal 
graben, um mit dem Schiffe durchzukommen. 

Haben solche Barren noch keine besondere Ausdehnung 
und Dichte erlangt, so kann es wohl vorkommen, dass sie 


— 123 — 

durch die gestaute Strömung und den dadurch zunehmenden 
Druck durchbrochen werden und bersten . Dann bewegt 
sich eine grosse Woge flussabwärts, die alles vor sich her 
schiebt und ähnliche Barren, welche weiter unten eingekeilt 
waren, Wegräumt. Nur auf diese Weise kann die Selbst- 
reinigung des Ssedd in gewissen Jahren, wie es ohne Zweifel 
schon öfters geschehen, erklärt werden. 

Meistens aber entstehen bei den auf einer grossen Strecke 
des Flusslaufes gleichzeitig und gleichmässig herrschenden 
Verhältnisseft zu gleicher Zeit an mehreren Stellen Barren. 
Die an der Barre gestaute Wassermenge erhöht das Ober- 
flächenniveau des Flusses weit stromaufwärts, so dass das 
steigende Wasser weitere Papyrus- und Schilfflächen weg- 
reisst, von welchen die meisten ihren Weg in den Fluss 
finden und sich bei nächster Gelegenheit stauen oder die 
alte Barre verstärken. Durchbricht die Strömung nun die 
oberste Barre , so treibt sie infolge des plötzlich stattfinden- 
den Abflusses die zerrissenen Komplexe mit ungeheurer Kraft 
gegen die nächste standhaltende Barre, häuft dieselben Ober 
und unter dieser an und vergrössert und verdichtet sie, so 
dass solche alte, durchbrochene, umgewälzte und wieder 
angehäufte Barren die grössten Schwierigkeiten zur Beseiti- 
gung bieten. Die Dichte, Festigkeit und Elastizität derselben 
ist derart, dass der Dampfer, bis an die Räder eindringend, 
dann wie von elastischen Polstern zurückgedrängt wird; 
Menschen können darauf lagern (s. Fig. 9) und Vieh darauf ge- 
halten werden, selbst Elephanten würden ohne Gefahr dartiber- 
zugehen vermögen *) — Dinge, die kaum glaublich sind für 
denjenigen, der diese Barrenbildungen in so vorgerücktem 
Stadium nicht selbst gesehen hat: so versichert Marno^*^). 

Es kommt aber auch vor'^^)^ dass zwischen zwei schon 
bestehenden Barren sich nachträglich noch eine dritte ein- 

*) Wenn es aber heisst'*^), dass die NuSr oftmals ihre Wohnungen 
auf dem Ssedd errichten und dort ihren Unterhalt durch Fischen ge- 
winnen, so ist dem erstens entgegenzuhalten, dass die Fische den Ssedd 
beiden, und zweitens, dass eine längere Wohnung auf der Barre doch 
^ü gefährlich wäre, da schliesslich immerhin ein Bersten und Abtreiben 
stattfinden könnte. 


— 124 ~ 

schiebt. Der durch die oberste Verlegung gestaute Fluss 
sucht sich einen Ausweg in ein Maije, dessen Wassermenge 
mangels eines Abflusses stark anwächst, wodurch immer 
grössere Komplexe der Grasvegetation des Maije flottierend 
werden ; schliesslich bricht sich die angestaute Wassermenge 
einen Ausweg in den nahen Fluss und reisst dabei die 
schwimmenden Grasdecken mit, die sich aber bald wieder 
stauen und so eine neue Verstopfung zwischen den zwei 
älteren, einige Kilometer von einander entfernten Barren bilden. 
3. Reissende Strömung des gestauten Was- 
sers. Wenn die Barre nicht allzutief hinabreicht, so schiesst 
das vorher weithin gestaute Wasser mit rasender Schnellig- 
keit unter sie hinab und jenseits wieder hervor. Baker'") 
erzählt, dass bei der Barre im Bahr el Abiad, an die er im 
Jahre 1865 gelangte, der Fluss durch einen unterirdischen 
Kanal mit dem Rauschen wie bei einem Katarakte hinunter- 
tauchte. Der reissende Strom kam brausend mit gfrosser 
Gewalt an der schroffen Kante des Ssedd an und brachte 
allerlei Unrat und grosse schwimmende Inseln mit. Keiner 
dieser Gegenstände blieb an der Kante hängen, sondern in 
dem Augenblicke, wo sie daran stiessen, tauchten sie unter 
und verschwanden. Auf diese Weise war auch ein Jahr 
zuvor eine grosse mit Elfenbein beladene Dahabie (grosse 
Nilbarke) zu gründe gegangen — sie war mit dem Vorder- 
teile an diesen Damm gestossen; die Gewalt des Stromes 
drehte sie sofort mit der Breitseite gegen den Damm, die 
von dem Flusse herabgebrachten schwimmenden Inseln häuf- 
ten sich an dem Fahrzeuge auf, es legte sich auf die Seite, 
wurde völlig unter das Wasser gezogen und unter den Ssedd 
geführt; die Mannschaft vermochte sich noch auf die Barriere 
zu retten. Auch Flusspferde waren unter die Barre geraten 
und ertrunken. Heuglin'**j, der als erster diese Barre im 
Jahre 1864 antraf, vergleicht die Strömung, selbst als man 
einen Kanal durch den Ssedd gegraben hatte, ebenfalls mit 
der eines Kataraktes. Er erzählt, dass an einzelnen Stellen 
die Wasser, durch den Druck von oben gezwungen, die 
Oberfläche dieser anscheinend nicht hohen Naturbrticke mit 
Riesengewalt durchbrochen hatten und hochaufwallend einige 


125 - 


/ 


20 Schritt weiter strömten, um wieder zu versinken, wahr- 
scheinlich in einem Loche. 

4. Strudelbildung. Henryk") beschreibt ausführ- 
lich die durch die Barren bewirkte Strudelbildung. Die 
Expedition hatte in der Barre bereits einen 50 m langen 
Kanal durchgestochen, als die von ihr losgezogenen Tefän 
daherkamen. Diese aber wurden von den Wirbeln ergriffen, 
kreisten einen Augenblick und verschwanden dann mit rasen- 
der Schnelligkeit plötzHch in dem Schlünde, worauf sie unter 
der Barre hinweggeführt wurden, um dann völlig zerfetzt 
dahinter wieder emporzutauchen. Ebenso erging es einigen 
glücklicherweise unbesetzten Kähnen. Die Entstehung dieses 
mächtigen Strudels hatte zur Ursache die Niveaudifferenz 
der Wasser zwischen Anfang und Ende des Hindernisses, 
unter welchem der Abfluss wie durch ein Rohr vor sich 
gehen musste. Dieser Unterschied des Wasserniveaus betrug 
nicht weniger als 3 m — ungeheuer im Vergleich zu der 
Länge des Blocks, die nur auf 500 — 600 m sich bemass, aber 
begreiflich in Hinsicht auf die Festigkeit der Barre und die 
hohe Aufstauung, welche das Wasser zu erleiden hatte; 
denn selbstverständlich hatte der Bahr el Djebel hier auch 
nur das bekannte niedere Gefälle. Fast unglaublich erscheint 
uns die Erzählung Henrys, dass die Wirbel nach und nach 
die Vegetationsmasse in der Weise trennen, dass der Strudel 
langsam aber sicher in ihre Mitte vorrückt wie ein furchtbarer 
Kreisel, der von einer rasend schnellen Rotationsbewegung 
beseelt und mit den Zähnen einer Feile oder Säee bewehrt 
Wäre. 

Die Barren wirken auch als Schlammfilter; strom- 
abwärts ist das Wasser meistens klar'^*). 

5. Alte Barren. Wo die Sseddbildungen so weit 
vorgeschritten sind, ist von einem Flussbette eigentlich nicht 
mehr zu sprechen. Während in der Tiefe die zusammen- 
gepressten Vegetationsmassen absterben und verfaulen und 
der hier abgelagerte Schlamm und die Pflanzenreste mit dem 
Wurzelwerk eine immer kompaktere iMasse bilden, wuchert 
auf ihr die Hochgrasvegetation fort, wird zum Morast und 
ist bei zunehmender Entwässerung und Austrocknung nach 


— 120 — 

dem Hochwasserstand vom Festlande nicht mehr zu unter- 
scheiden. Zur Torfbildung aber gelangt es nicht, wie 
Marno'**) hervorhebt, entweder weil die Vegetation hiezu 
nicht geeignet ist, oder weil die Wasserzufuhr erst zu gross, 
dann zu gering ist 

6. Strorageschwindigkeit nach Auflösung 
einer Barre. Ehu-ch diese Aufstauimg wird natürlich, 
sobald eine Barre selbsttätig oder künstlich eine Öffnung 
bekommt, der imgeheure Wasserschwall mit starker Ge- 
schwindigkeit fortgewälzt. Schwein furth '") erzählt, dass 
im Ssedd des Bahr el Abiad (1869) die Stärke des Stromes 
öfters ein Seilziehen unmöglich machte und die Schiflfemann- 
schaft Mühe hatte, schwinunend die grösseren Papyrusbüsche 
zu gewinnen, um an deren Rhizomen die Taue zum Barken- 
ziehen zu befestigen. Marno'*^ berichtet öfters, dass, wenn 
ein Ssedd im Entstehen war oder sich auflöste, die Strömung 
des eingeengten Flusses 0,37—0,66 m und sogar i m und 
darüber in der Sekunde betrug. Auch im mittleren Bahr 
el Seraf fand Marno'**) unterhalb einer Pflanzenverlegung 
eine Strömung von 0,65 m i. d. Sek. Das strömungslose 
Wasser zwischen mehreren Barren sieht fast schwarz aus 
und verbreitet, besonders wenn ein Block sich löst, einen 
abscheulichen, faulen Geruch — wie Marno"®) sagt: eine 
wahre Höllen-Atmosphäre. 

7. Schichtung einer Barre. Bei umgewälzten und 
aufeinandergehäuften Barren kann man die Schichtung gut 
unterscheiden; denn eine alte Barre ist nichts weniger 
als eben. Vermodertes Gras, Wurzel werk, Asche, Morast 
und Wassertümpel sind das Charakteristikum''^). Auch 
unzählige Fischleichen, selbst Kadaver von Krokodilen und 
Nilpferden, die hier zu gründe gegangen sind, finden sich 
in der Masse. 

8. Chemische Zusammensetzung eines Ssedd. 
Über die chemische Zusammensetzung eines Ssedd macht 
Lyons''*) folgende interessante Angaben: „Eine vom West- 
ufer der Bahr el Djebel beim Block No. 9, 108 km strom- 
aufwärts vom Nö-See, genommene Ssedd-Probe wurde 1900 
im Imperial Institute analysiert. Die aus einem feuchten 


— 127 — 

dunkelbraunen Kuchen bestehende Probe wog etwa V2 kg 
und war ein Gemisch von Wurzeln und Pflanzenstengeln 
mit Schlamni. Eine Analyse gab folgende Resultate: 

Wasser (abgegangen bei einer Hitze von 105^0.) 57,21 p. c. 

Nach Abgang des Wassers gab der getrocknete Rest: 

Vo' 
Leichtflüchtige Stoffe .... 29,40 
Freier Kohlenstoff (Coke) ... 5,91 
Pottasche (und Nilschlamm) . . 64,69 
Der Wärmewert betrug 1441 Grammkalorien. 

c) Der Ssedd des Bahr el Ghasal. 

Der Ssedd des Bahr el Ghasal (s. Fig. 10) ist von bedeu- 
tend leichterer Beschaffenheit als der des Bahr el Djebel. Die 
Hochgrasvegetation erfüllt nach Marno'^^) hier grosse 
Strecken des Flusslaufes, flottiert aber und wird bei der ge- 
ringen Strömung nicht zusammengepresst. Übrigens ist es, 
wie Gar st in "^^j angibt, hier weniger das Om Ssüf-Gras, als 
kleinere Schwimmpflanzen, wie Azolla, Uiricularia u. s. w., 
welche im Kit und an anderen seichten seeartigen Erweite- 
rungen des oberen Flusses wachsen und den Ssedd zu- 
sammensetzen; nach S ch wein für th(s. Pflanzenliste) kommt 
aber dem Om-Ssüf und Ambadsch eine nicht unbedeutende 
Rolle zu. Bei Beginn der Regenzeit werden diese Pflanzen 
stromabwärts geführt und bilden kleine Hindernisse. Eine 
Stauung und Anhäufung von Grasinseln kann nicht ein- 
treten, oder wo eine solche doch in geringem Masse vor- 
kommen sollte, ist sie bei dem Mangel der Ufer und bei 
dem ausgebreiteten Inundationsgebiete leicht zu durchbrechen 
oder zu umfahren '^^). Am Bahr el Ghasal dehnen sich die 
Papyrus- und Schilfhorste nicht so weit aus; auch treten 
die Maije dort spärlicher auf '^^). Ja , wo den Fluss , wie 
dies von der Bahr el Arab-Mündung an aufwärts meistens 
der Fall ist, beiderseits oft hohe Ambadschbestände ein- 
säumen, vermögen die in den Maije schwimmenden Gras- 
niassen nicht in den Fluss einzudringen'^*;. Dye'^'j fand 
jedoch zwischen der Bahr el Arab- und der Djau-Mündung 
1898 einen ziemlich mächtigen Ssedd. Wie Garst in '^®) 


— ia8 — 

berichtet, besteht oberhalb der Rohlmündung, 67 — 78 km 
vom Mokren entfernt, stets eine Ssedd-Gefahr. Auf dieser 
Strecke durchläuft der Fluss Papyrussümpfe, welche ein 
Miniaturbild derjenigen des Bahr el Djebel darstellen. Aber 
selbst hier vermag die Verstopfung kaum die gleiche Festig- 
keit wie dort zu erlangen, da die träge Strömung des Ga- 
zellenflusses die Masse zwischen den Ufern nicht so gut zu 
durchbrechen imstande wäre, als das der reissende Strom 
des Bergflusses vermag. Gar st in erwähnt auch, dass der 
Bahr el Ghasal selten für längere Zeit versperrt ist, höch- 
stens für einige Monate, worauf er sich selbst reinigt. Aber 
auch hier sinken oft die ehemaligen Sseddkomplexe zu Boden 
und zersetzen sich, wodurch sie das Flussbett allmählich er- 
höhen ; dann sind diese Massen schwer wegzuräumen. Im 
allgemeinen aber treten in dem oft nur 15—20 oder 30 — 40 m 
breiten Flusse nur kleinere — wenn auch zahlreichere als auf 
dem Bahr el Djebel — und leichtere Verstopfungen ein, die 
sich, wenn auch langsam und schrittweise, so doch allmäh- 
lich mit dem Dampfschiffe überwinden lassen '®®). 

d) Der Ssedd des Bahr el Seraf. 

Im Bahr el Seraf gibt es, wie Marno'*®) berichtet, 
Strecken, wo diese primäre Art (Uberwachsung und leichte 
Stauung) wie im Bahr el Ghasal, und andere, wo die 
sekundäre (Verstopfung durch aus den Maije stammende 
schwimmende Inseln) und selbst tertiäre Art (Verbarrika- 
dierung und Übereinanderhäufung von Tefän aus oberhalb 
geborstenen Barren) von Sseddbildungen vor sich geht. 
Jedoch finden sich für letztere Art keine weiteren schrift- 
lichen Belege. 

e) Typische Beispiele von Barrenbildung. 

Für die Entstehung einer Pflanzenbarre im Bahr el 
Abi ad gibt Junker'*^) ein gutes Beispiel: „Der zwischen 
Serafmündung und dem Mokren el Bahür angetroffene grosse 
Ssedd war während der letzten Tage gebildet ; denn die erst 
kürzlich vorübergefahrenen Schiffe hatten an dieser Stelle 
vollkommen freies Fahrwasser gefunden. Der Pilot wies 


— 129 — 

auf ein ausgedehntes Maije hin, das sich oberhalb der Gras- 
barre dem Nordufer entlang erstreckte. Gegenwärtig eine 
vollkommen grasfreie, spiegelnde Wasserfläche, war es bei 
der letzten Fahrt, so betonte mein Gewährsmann, durch 
Vegetationsmassen vollständig geschlossen gewesen. Wäh- 
rend unseres Aufenthalts in Faschoda, selbst noch in der 
letzten Nacht vor unserer Ankunft bei der Grasbarre, hatten 
beständige Nordwinde geweht Zog man diese in Betracht 
und sah zugleich das Maijeh freigeworden, so lag die direkte 
Ursache fEir die Entstehung des Ssedd klar vor Augen. 
Ohne Zweifel war die zusammenhängende, grosse V^e- 
tationsmasse aus der sehr ausgedehnten nördlichen Aus- 
buchtimg des Nilufers den StFom herausgetreten und dort 
zusammengepresst und eingekeilt worden." Marno'*®) be- 
richtet auch, dass Verstopfungen an einer verbreiterten Stelle 
des Flusslaufs, da wo seitliche Maije sich befinden, ebenso 
rasch, wie sie entstanden, wieder beseitigt werden können, 
wenn der Wind die Vegetation zerteilt und in die Seiten- 
gewässer treibt. 

Garstin'**) gibt in seinem „Report as to Irrigation 
Projects on the Upper Nile" ein sehr interessantes Beispiel 
von der schnell eintretenden gänzlichen Blockierung des 
Bahr el Djebel, wie sie zwischen dem 9. und 11. April 1900, 
107 km oberhalb des Mokren el Bahür, eintrat. Der Fluss, 
durch einen Kanal mit einem Maije verbunden, änderte wie 
dieses fortwährend sein Aussehen und die Art der Ver- 
stopfung , da zudem noch zwei Dampfer ober- und unter- 
halb des Ssedd an dem Hindernis arbeiteten. Der Her- 
gang war kurz folgender (s. Tafel 11): 

Heftige SO- Winde am 7. und 8. April hatten die 
schwimmenden Inseln des östlichen Maije in Bewegung ge- 
setzt. Am 9. April fand ein aufwärts fahrender Dampfer 
den Fluss duri:h einen Ssedd (CDEF) verschlossen; das 
Maije aber bot eine offene Wasserfläche dar, da es seine 
Vegetation durch den Kanal in den Fluss entleert hatte. 
Am 10. April begann der Dampfer im Verein mit einem 
oberhalb der Barre wartenden anderen Dampfschiffe an der 
Beseitigung des Blocks mit ziemlich gutem Erfolge zu arbeiten. 

DeuerÜDg. Die Pflanzenbarren. Q 


— I30 - 

Am II. morgens war das Maije wieder mit Papyrus und 
Om-Ssüf bedeckt Um 5 Uhr nachmittags setzte sich die 
das Hinterwasser bedeckende Vegetation in Bewegung und 
die vielen in den Fluss gelangenden Inseln (in Verbindung 
mit solchen, die schon den Fluss weiter herabkamen) bildeten 
eine neue Barre (CDKL). Das Om-Ssüf am Ostufer war 
auseinandergeschoben und von Papyrusinseln durchsetzt 
worden; der Verbindungskanal hatte sich geschlossen, und 
das Maije war wieder frei. Am 12. April war der Papyrus 
weiter nach W vorgedrungen und das Om-Ssüf teilweise 
unter den Ssedd gedrängt. Die Strombreite oberhalb des 
Blocks war auf 300 m angewachsen ; jedoch öffnete sich im 
Laufe des Tages an der Ostseite (die Westseite war wider- 
standsfähiger) ein schmaler Kanal , ebenso wurde der Ver- 
bindungsarm des Maije wieder frei. Durch die Arbeiten des 
unteren Dampfers brach endlich am Morgen des 13. der 
untere Teil der alten Verstopfung, und die neue, leichter 
gefügte Barre folgte nach. Der noch übig bleibende Kern 
(zwischen CDEF) des ursprünglich 5 m tiefen und 2 m hohen 
Ssedd wurde noch an diesem Tage beseitigt. — Späterhin 
musste (bis Dezember) noch elfmal die immer neu sich 
bildende Verlegung weggeräumt werden. 

f) Verschiebungen der Flussläufe. 

Wenn eine Barre einmal von solcher Länge — es gibt 
solche bis zu 1700 m Länge — und Dichte ist, dass sie 
ganz dem Festland gleicht, so besitzt der Fluss nach M a r n o '^^) 
nie mehr die Gewalt, sie zu entfernen oder zu durchbrechen. 
Die gestauten Wassermassen sammeln sich oberhalb einer 
solchen Stelle, breiten sich in den alten Maije aus und ver- 
grössern diese oder bilden neue; aus diesen Hinterwassern 
oder an hiezu geeigneten Punkten durchbrechen sie dann 
das Flussbett (wie wir oben gesehen) und .suchen auf Um- 
wegen in einem oder mehreren kleinen Betten den Fluss 
unterhalb der verlegten Stelle zu erreichen, wo sie dann, 
ebenfalls die Ufer durchbrechend, sich mit ihm vereinen. 
Die neu gebildeten Betten werden sich allmählich vertiefen 
und erweitern, und da dies an zahlreichen Stellen stattfinden 


- 131 -- 

kann, so wird die umliegende Gegend vielfach durchströmt, 
zerrissen und verwüstet, und bedeutende Veränderungen 
werden in der Richtung des Flusslaufes hervorgerufen. 

Tritt bei einer neuen Sseddperiode nun wieder der 
Fall ein , dass das jüngst gebildete Flussbett verlegt 
wird, so kann abermals ein neues gebildet werden oder 
auch, es kann sich ereignen, dass das alte Flussbett, nach- 
dem inzwischen sein Niveau durch Trockenlegung und 
Verfaulen der es verlegenden Vegetation sich gesenkt 
hat, allmählich wieder mit Wasser sich anfüllt und 
durch Auswaschung und Vertiefung teilweise oder der 
ganzen Länge nach wieder neu eröffnet wird. Auf diese 
Art kann der Fluss im Laufe der Zeiten das seinem 'Bett 
zunächstliegende Land in den verschiedensten Richtungen 
und Windungen durchströmen, gleichsam umackern; die 
unter normalen Verhältnissen grosse Zeiträume beanspru- 
chenden Vorgänge, welche auf Verminderung der Tiefe und 
Zunahme der Breite des Flussbettes, Vermehrung der Win- 
dungen, Verminderung des Gefälles, also Ausgleichung des 
Niveaus des Flusslaufes und des umliegenden Landes hinaus- 
laufen, wodurch das Inundationsgebiet immer ausgedehnter, 
die ganze Landschaft immer mehr zum Sumpfgebiete umge- 
wandelt wird, gehen in den Perioden der Sseddbildung mit 
grosser Schnelligkeit vor sich. 

Die erwähnten Verhältnisse gelten hauptsächlich für 
den Bahr el Djebel, der auf der 390 km langen Strecke von 
Ghaba Schambe bis zum Mokren el Bahür nach W i 1 1 c o c k s '^) 
eine durchschnittliche Breite von 50—100 m und eine mittlere 
Tiefe von 5 m besitzt. Schon die ersten Nilfahrer, welche 
diesen Teil des Flusses befuhren, heben hervor'**), dass die 
Windungen des Stromes hier so zahlreich sind, dass der- 
selbe Wind in ein und derselben halben Stunde günstig 
und konträr ist. Oft hat man die Schiffe, welche voraus- 
fahren, hinter sich. Nirgends kann man anlanden. Daher 
ist die Flusstrecke namentlich vom Mokren bis Hellet Nuör, 
die von Papyrusbeständen an bestimmteren Ufern eingefasst 
ist, geringe Breite und die meisten Krümmungen besitzt, am 
leichtesten und häufigsten Sseddbildungen ausgesetzt; ebenso 

9" 


— 132 — 

die oberen Strecken bis Ghaba Schambe, welche Vereng- 
ungen und Serpentinen aufweisen. Von den dazwischen 
liegenden Teilen dagegen, wo der Fluss sich verbreitert, die 
Ufer sich verflachen und hauptsächlich mit Hochgrasvege- 
tation bestanden sind, rühren die Pflanzeninseln her, welche 
jene Verlegungen verursachen. 

Der Charakter der Landschaft ist sich in • den letzten 
70 Jahren im allgemeinen gleichgeblieben. Aber unzählig 
sind die einzelnen Veränderungen der Flussläufe,- welche 
schon in normalen Jahren vor sich gehen, nicht zum wenig- 
sten aber auf Verlegungen der Strombetten durch die Ssedds 
zurückzuführen sind. Die Veränderungen, welche der Haupt- 
kanal des Bahr el Djebel von Gondokoro bis zum Mokren 
in nicht ganz 30 Jahren erlitten hat, veranschaulicht am 
besten die Karte (Plate IX, S. 104, Masstab 1:1000000) in 
Lyons' „Physiography of the River Nile and its Basin", 
welche die Aufnahmen der Jahre 1874 (Watson und Chip- 
pendale) und 1903 nebeneinander stellt. 

Grosse Wahrscheinlichkeit besitzt die Hypothese Ma r- 
nos'^^j, dass frühere Sseddperioden , die freilich nicht so 
häufig wie neuerdings stattgefunden haben dürften, an vielen 
grundlegenden Veränderungen der Landschaft schuld sind. 
Zahlreiche Spuren von Durchbrüchen sind ohne solche Ver- 
legungen nicht leicht zu erklären. Dasselbe gilt auch von 
den vielen in so verschiedene Richtungen verlaufenden 
Windungen in dem ebenen, flachen Gebiete. So z. B. ist 
der Seitenarm des Bahr el Djebel, der Bahr el Seraf, mit 
seinen zahlreichen Armen und Kanälen vielleicht selbst das 
Produkt einer früheren Sseddperiode. Damals mag das 
Wasser sich durch den Seraf einen Abfluss gebahnt haben, 
und später, als dieser durch Barrenbildung ebenfalls verlegt 
wurde, öffnete sich die Strömung teils das ältere Bett wieder, 
teils grub sie ein neues, so dass nun beide Arme neben- 
einander existierten. Ein Analogen sehen wir am Bahr el 
Abiad und LöUe, wo die Ablagerungen des ersteren den 
schmalen Landstrich zwischen beiden schufen, daneben aber 
vielleicht auch Sseddbildung im Lölle als dem alten Laufe 


— 133 — 

des Weissen Nils den Bahr el Abiad zur Wahl des heutigen 
Flussbettes nötigte. 


IV. Beobachtete Sseddbildungen des oberen 
Nilsystemes und deren geographische Ver- 
breitung. 

I. Pflanzenbarren in den Hauptflüssen. 

a) Frühere Sseddbildungen. 

E. M a r n o '*^) schreibt : „Die Kürze der Zeit, seit welcher 
wir das äquatoriale Nilsystem erst kennen, macht es natür- 
lich, dass wir von den in früheren Zeiten stattgefundenen 
Settbildungen nichts wissen, wohl aber durch Spuren solche 
vermuten können. Als die Nivellierung dieses Gebietes und 
die Ausmuldung mancher Strecken noch nicht so weit vor- 
geschritten war als heute, werden Settbildungen nur in 
längeren Zeiträumen aufeinander gefolgt sein und daher ist 
es erklärlich, wenn sich hiefür selbst bei dem umwohnenden 
Negern keine Traditionen finden sollten*). Dass aber solche 
stattgefunden, kann kaum einem Zweifel unterliegen, wenn 
man nicht annehmen will, dass eben erst in der Jetztzeit 
die sie verursachenden Verhältnisse eingetreten sind, wozu 
man aber bei den nur allmählichen und längere Zeit bean- 
spruchenden Veränderungen des Gebietes nicht berechtigt 
ist." Er sucht das an den bereits erwähnten Durchbrüchen 
und an der Bildung des Giraffenflusses und Lölle nachzu- 
weisen. 


•) Lyons'*'), der ebenfalls an die schon früher vorhandene 
sumpfige Beschaffenheit dieser Täler und deren Verlegungen glaubt, 
hält dem entgegen, dass die Eingeborenen die ihnen geläufigen Ver- 
stopfungen nicht so sehr dem Gedächtnis einprägen, da sie das ganze 
Tal mit Leichtigkeit in ihren Baumkähnen oder Ambadsch flössen 
durchfahren, indem sie längs der engen Kanäle reisen, welche die 
Marschen durchschneiden; und so ist die Blockierung der Hauptstrasse 
ftr sie von geringer Bedeutung, da sie jene leicht umfahren können. 


- 134 - 

Und doch hat Europa schon vor 1800 Jahren einmal 
eine Kenntnis dieses Gebietes besessen, die freiUch wieder 
verloren gegangen ist. Wie ein Lied aus den vergangenen 
Tagen unserer Sumpfregion klingt die Nachricht zu uns 
herüber, die uns Seneca'*') überliefert: „Ego quidem cen- 
turiones duos, quos Nero Caesar . . : ad investigandum 
Caput Nili miserat, audivi narrantes, longum iilos iter pere- 
gisse, cum a rege Aethiopiae instructi auxilio, commendatique 
proximis regibus, penetrassent ad ulteriora. Equidem, aie- 
bant, pervenimus ad immensas paludes, quarum exitum 
nee incolae noverant, nee sperare quisquam potest, ita im- 
plicitae aquisherbae sunt, et aquae nee pediti eluctabiles^ 
nee navigio, quod nisi parvum et unius capax, limosa et 
obsita palus non ferat. Ibi, inquit, vidimus duas petras, ex 
quibus ingens vis fluminis excidebat." Wir hören also durch 
Seneca, dass zwei von Kaiser Nero (etwa um 60 n. Chr.) 
zur Aufsuchung der Nilquellen ausgesandte römische Cen- 
turionen weit auf dem Flusse nach Süden kamen, bis end- 
lich undurchdringliche Sümpfe, aus welchen der Strom her- 
vorkam, ihrem Vordringen ein Ziel setzten. Vivien de 
Saint-Martin''*®) und Berger'**) sind der Ansicht, dass 
jene Offiziere in das mit dem 9. Grad N. Br. beginnende 
Sumpfgebiet des Weissen Nils gelangten. Wie weit sie 
kamen, bleibt natürlich dahingestellt; manche vermuten 
ein Vordringen bis zum Mokren el Bahür. Minder wahrschein- 
lich dürfte Lejeans'^®) und Seh wein furths'^^) Ansicht 
sein, dass sie in den Kitkanal oder Ambadschsee des Bahr 
el Ghasal gelangten, der bekanntlich eine Sackgasse bildet; 
denn eine Expedition zur Aufsuchung der Nilquellen wandte 
sich sicherlich nach Süden, nicht nach Westen, es müsste 
denn sein, dass der Bahr el Djebel verstopft gewesen wäre^ 
Unklar ist, wo die Stelle in diesem Sumpf lande wäre, wo 
der verschlammte und verwachsene Nil zwischen Felsen 
hervorkäme; es wäre höchstens an den Djebel Njemati u. s. w. 
unterhalb Faschoda oder an die unbedeutenden Berge des 
Djebel Seraf zu denken. Wahrscheinlich aber existierten 
diese zwei Felsen nur in der Phantasie von Senecas Ge- 
währsmann, um den Ursprung des Nils aus dem Weltmeere 


— 135 - 

besser zu beweisen. Im übrigen aber stimmt die Schilde- 
rung von den Pflanzen, die in buntem Gewirr das Wasser 
durchsetzen, und von dem schlammigen Flusse, der weder 
zu Fuss noch zu Schiff, höchstens mit einem Einsitzerkahn 
zu befahren ist, so gut mit den uns bekannten Verhältnissen 
überein, dass man, wenn nicht an eine Pflanzenbarre, so 
doch an eine starke Verwachsung des Weissen Nils ums 
Jahr 60 n. Chr. glauben kann: vorausgesetzt, dass nicht, 
wie in ähnlichen Fällen, die schon einige Tagereisen südlich 
von Chartum beginnende üppige Wasservegetation den Vor- 
wand zur Umkehr der Expedition abgeben musste. Eines 
aber ist klar, nämlich dass unser Gebiet schon vor 1800 
Jahren im Zustande starker Versumpfung sich befand. 
Vivien de St. Martin'^^) führt noch einige Stellen aus 
alten Werken an, aus denen man auf eine frühere Bekannt- 
schaft der Kulturvölker mit den „Sümpfen der Aethiopier" 
schliessen könnte. Die alten Berichte über das Nilquellen- 
gebiet möge man bei Ganzenmüll er '^^) nachlesen. 

Lyons'®*) schliesst aus dem niederen Stande der Nilflut 
bei Kairo zwischen 1781 und 1800 (wo nur in 3 Jahren die 
Flut über den mittleren Stand sich erhob) und zwischen 1825 
und 1840 (wo dies nur in 2 Jahren der Fall war), dass diese 
geringe Wassermenge der Bildung von Pflanzenbarren bis 
1840 nicht günstig war. 

Marno'^®) erzählt, dass alte Neger behaupten, von 
ihrem Vater erzählen hören zu haben, dass vor langer Zeit 
der Bahr el Djebel sich ebenfalls (wie i. J. 1870) so verstopfte, 
die Ameisen jedoch das Gras etc. gefressen hätten, so dass 
er wieder frei wurde. Marno fügt hinzu, das sei echte Neger- 
anschauungsweise; , denn obgleich Ameisen hier zu Lande 
überall zu Milliarden vorkommen, so sei es doch leicht be- 
greiflich, dass ein plötzliches tüchtiges Anschwellen des 
Flusses die Auflösung der Barre bewerkstelligte. Die Wahr- 
heit dieser Kunde vorausgesetzt, würde diese Sseddbildung 
^twa um 1800 herum stattgefunden haben. 

Wie schon erwähnt, gelangte man erst 1839 ^^^ ^^4^ 
^um erstenmal ins Sumpfgebiet des oberen Nils, aber es 


— 136 — 

• 

dauerte noch über 20 Jahre, bis man durch die erste Tvirk- 
liche Barre aufgehalten wurde. Wohl erzählt Werne von 
den vielen schwimmenden Inseln und der oft stark ver- 
sumpften und durchwachsenen Wasserstrasse im Bahr el 
Djebel und Bahr el Abiad, aber eine wirkliche Barrenbildung 
traf er nicht an; die Umkehr der Expedition erfolgte auch 
aus anderen Gründen. Er hörte '^•j aber, dass die erste 
Expedition i. J. 1839 zwei Tage an der Mündung des Gazellen- 
flusses herumfuhr, ohne des Schilfes wegen eindringen zu 
können. Auch erwähnt er nichts von der Bahr el Seraf- 
Mündung, welche vermutlich wie die des Bahr el Ghasal 
unter Pflanzen verborgen war; wenigstens traf Heu gl in'®') 
die Serafmündung durch Schilfinseln maskiert. Es wäre hier 
also nur eine Verwachsimg (rush drain) vorgelegen. 

Klöden'^®) berichtet von einem Kanäle, der in etwa 
7^ N. Br. vom Nil abzweigt, östlich an den Sümpfen sich 
hinzieht und 2 Meilen oberhalb des Ssobat in den Nil mündet; 
„aber an seiner Mündung ist er durch Kräuter verstopft". 
Es ist dies jedenfalls der Bahr el Seraf. De Pruysse- 
naere'^®) kam 1859 an der Mündung eines von W in den 
Bahr el Djebel (nach ihm unter 7® 20' N.) mündenden Flusses 
vorbei, damals Nyebör, jetzt Jei geheissen, der aber fast 
kein Wasser führte und von Vegetation angefüllt war. 

Th. V. H e u g 1 i n '®®) versichert, dass sich die Beschaffen- 
heit des Gazellenflusses, der eigentlich ein langer Sumpf sei, 
binnen weniger Jahre sehr wesentlich geändert habe. 1852 
seeartig erweitert und äusserst breit, sei er noch 1856 so 
getroffen worden, 1863 aber sei er in Schilffelder verwandelt 
gewesen, die immermehr überhandzunehhien schienen. Die 
Mündung des „Bahr el Homr" war verschilft. Auch 
Petherick'®^) bestätigt, dass damals seit 8 Jahren der 
ganze Anblick des Bahr el Ghasal sich ausserordentlich ver- 
ändert habe. Er war früher in dessen oberem Teile oft 
Tage lang gesegelt, ohne Land zu sehen (?); auch die Sack- 
gasse bei der Meschra er Rek soll ein immenser See ge- 
wesen sein. 


- 137 - 

b) Sseddbildungen von 1864 bis 1874. 

1. Bahr el Ghasal. Die erste Nachricht aber von 
wirklichen Barren besitzen wir erst aus dem Jahre 1864. 
Heuglin'^^) traf sie im Bahr el Ghasal an in der für diesen 
Fluss charakteristischen leichteren Form. Unfern der Mün- 
dung des „Bahr el Homr" stiessen die ßarken auf unerwartete 
Hindernisse; an engen Stellen hatte das angeschwemmte 
Schilf (wahrscheinlich Papyrus oder Vossia) die Passage ge- 
schlossen und es kostete viel Arbeit, die schweren Schiffe 
über diese Barren zu bringen. Weiterhin musste sich die 
Expedition im Februar 1864 drei Tage lang durch eine wohl 
400 m lange Verlegung hindurcharbeiten, die hauptsächlich 
durch die zähen, viele Klafter langen Wurzelschosse des 
wilden Zuckerrohrs (Saccharum ischaemutn oder Panicum 
Crus'galli L. ?) schwer zu überwinden war. Nach dem Durch- 
bruch folgte eine Menge schwimmender Inseln dem Schiffe. 

2. Bahr el Abiad. Die grösste Barre aber befand 

sich damals im Bahr el Abiad etwa 30 km östlich vom 

Mokren el Bahür, an einer Stelle, die auch späterhin öfters 

verlegt wurde. (Eine übersichtliche Zusammenstellung der 

Hauptbarren von 1864—1904 bietet Tafel III [nach der Karte 

in Lyons' „Physiography of the River Nile and its Basin": 

Plate XI, S. 114.]) Heuglin'^), der sie am i. März 1864 

erreichte, sagt, dass die Erzählung ging, die Schillukneger 

hätten unmittelbar nach der Regenzeit durch fortgesetztes 

Anschwemmen grosser Schilfbündel den Fluss gegen die 

Schiffahrt abzudämmen und zu schliessen versucht*). Aber 

es war kein Menschenwerk. Schon auf der Bergfahrt hatte 

die Tinnesche Expedition, der Heuglin angehörte, sich hier 

nur mühsam durcharbeiten können. Nun aber hatte sich an 

dieser gebogenen, 180 m breiten (d. h. in freier Wasserfläche) 

*) Ebenso spricht Werne '**) davon, dass bei der Rückkehr seiner 
Expedition die Kunde ging, die Eingeborenen hätten mittels der schwim- 
menden Vegetation den Fluss abgesperrt; dies habe sich aber als un- 
begründet herausgestellt. Wi 1 1 c o c k s '®*) knüpft daran die Bemerkung, 
dass allem Anschein nach diese Neger die Geschicklichkeit besessen 
hätten, den Flusslauf derart zu ändern, wie sie es ja öfters zum Zwecke 
des Fischfangs tun. 


- 138 - 

Stelle eine feste Masse angehäuft, die hauptsächlich durch 
tägliches Aufflössen schwimmender Inseln, Pistien, Ambadsch 
u. s. w. gebildet war. Das Wasser schoss mit einer Ge- 
schwindigkeit von 3~4 m i. d. Sek. über tiefere Stellen der 
Barre. Die Oberfläche des 350 — 400 m langen Blocks bestand 
aus Schilf (wohl Panicmn), blühendem Ambadsch und Papyrus. 
Sie konnte, wenig Stellen ausgenommen, trockenen Fusses 
überschritten werden. Es wurde am Südufer ein Kanal ge- 
graben, durch den man in ein grosses Maije kam (das fortan 
nach dem Fräulein Tinne „Maije Signora" hiess), von dem 
aus man hinter der Barre wieder in den Nil gelangte (vgl. 
S. 124 f.). Baker''**), der im Januar 1863 ebenfalls noch 
jene Stelle ohne Aufenthalt passiert hatte, fand (s. S. 124) 
im April 1865 den yon den Handelsbarken durch den Pflanzen- 
damm gegrabenen Kanal wieder mit Unkraut, Schilf, Ambadsch- 
holz. Gras und Schlamm verstopft und die 1200 m breite 
Barre mit hohem Schilf und Gras überwachsen, so dass sie 
eine Fortsetzung des umliegenden Landes bildete. Auch 
Baker brauchte 2 Tage, bis er durch das Maije kam. Das 
Maije Signora bildete nunmehr eine Zeitlang den neuen Weg, 
bis etwa i. J. 1867 oder 1868 auch diese Strasse durch Pflanzen 
verlegt wurde'®*). 

Diese Stelle im Bahr el Abiad war von 1864^-1874 
mehr oder weniger beständig durch Barren versperrt. 
Schweinfurth'®') traf im Februar 1869 bei seiner Fahrt 
stromaufwärts diesen Ssedd. Es waren nur periodische 
Stromarme vorhanden, welche die schwimmenden Gras- 
massen, Papyrus- und Ambadschdickichte nur zum Schein 
in Arme teilten. Obwohl die Barken auch den Weg durchs 
Maije Signora nahmen, gelang dies doch nur unter grossen 
Schwierigkeiten, und auch nachher, als man nach fünf Tagen 
harter Arbeit wieder in den Hauptstrom gelangte, musste 
man die schweren Barken buchstäblich über das plattgedrückte 
Gras schleifen. Auf der Rückkehr, im Juli 1871, umfuhr 
der Forscher mit weniger Mühe dieBarre durch das gleiche 
Maije'««). 

Baker'^^J umfuhr 1870 diese Barre, indem er während 
der Hochwasserzeit (12. — 21. August) vom Maije Signora 


— 139 - 

» 

aus direkt nach SW durch das überschwemmte Land in den 
Bahr el Djebel fuhr, ohne den Mokren el Bahür zu berühren, 
und, da ersterer verstopft war, auf dem gleichen Wege 
wieder in den Bahr el Abiad zurückkehrte. Erst 1874 wurde 
dieser Vegetationsblock von Ismail Ajub Pascha beseitigt. 

3. Bahr el Djebel. Wie wir sahen, fand Baker 1870 
den Bahr el Djebel versperrt. Auch dieser Fluss wurde 
erst 1874 von seinen Fesseln befreit. 

4. Bahr el Sera f. Infolge der Verstopfung des Bahr 
el Abiad schlugen die Sklavenhändler seit Mitte der sech- 
ziger Jahre einen neuen Weg nach dem oberen Bahr el 
Djebel ein und zwar auf dem Bahr el Seraf, wo infolge- 
dessen mehrere Seriben (Handelsniederlassungen) entstanden. 
Aber der Giraffenfluss war 1870 auch häufig verstopft, als 
Baker auf diesem Wege nach Gondokoro kommen wollte. 
Die zu schwerfällige Expedition fand, da sie in der Trocken- 
zeit (Mitte Februar bis Anfang April 1870) den Durchgang 
durch den Bahr el Seraf (der nach Marno"^) eigentlich nur 
im untersten Drittel den Namen Fluss verdient) nehmen 
^vollte, an den vielen Barren und seichten Stellen ein der- 
artiges Hindernis, dass sie umkehren musste. Als Baker 
dann von Anfang Januar bis Mitte März 187 1 endlich die 
Durchfahrt erzwang, hatte er das letzte Stück Wegs nur 
durch einen künstlichen Damm (aus Erde, Sand und Faschinen 
aus den Schilfgräsern), mit dessen Hilfe er die Wasserhöhe 
steigerte) überwinden können''^). Die Barren in diesem 
Flusse begannen schon bald nach der Einfahrt ; sie bestanden 
hauptsächlich aus den verschlungenen Wurzeln des wilden 
Zuckerrohrs"^) (Om Ssüf), jedoch auch stellenweise aus 
dichten Massen von Pistia stratiotes, welche schwer wegzu- 
räumen waren ''^). Nach dem ersten Viertel setzte sich die 
Wasserstrasse nur mehr aus einer Aufeinanderfolge vonSsedds 
und kleinen offenen Wasserflecken zusammen"*). Öfters 
mussten die Schiffe durch „horrid accumulations of floating 
rafts""^) dringen oder sie waren in den Ssedd eingepresst, 
„wie festgefroren in einer Eistrift der arktischen Regionen '''*), 

Im Jahre .1872 drang Marno*^") von Mitte Januar bis 
Anfang März im Bahr el Seraf vor. Er fand die gleichen 


— 140 — 

Verhältnisse wie Baker. Die Kanäle, die dieser gegraben 
hatte, waren meistens durch den nachtauchenden schwim- 
menden Graswald wieder geschlossen. Die Seichtigkeit 
(15 — 30 cm) des nunmehr zwischen höheren Ufern sich hin- 
ziehenden Flusses nahm derart zu, dass Marno umkehren 
musste.' Aber das Wasser fiel so sehr, dass er bis Anfang 
September im Flusse stecken bleiben und ein Lager beziehen 
musste. Erst die wachsende Flut brachte das Schiff strom- 
abwärts. 

Bei Beginn der Regenzeit d. J. 1873 (Ende Mai bis 
Mitte Juni) kehrte Baker"®), da der Bahr el Djebel immer 
noch verstopft war, wieder durch den Bahr el Seraf von 
seiner Expedition zurück. Diesmal waren nur wenige Ssedds 
zu durchbrechen. Im J. 1874 war der Giraffenfluss nach 
Gordon"®) wieder durch Barren verlegt. 

Als der Bahr el Djebel 1874 von IsmaTl Ajub Pascha 
von den 8 ihn versperrenden Barren '***) befreit wurde, wobei 
Watson die zwei äussersten Blöcke oberhalb des Mokren 
und unterhalb Hellet Nuör fand'®^), wurde der ohnehin als 
dauernde Wasserstrasse nicht in Betracht kommende Bahr 
el Seraf nicht mehr befahren. 

c) Sseddbildungen von 1878 bis 1881. 

Von 1874— 1878 waren die Ströme im allgemeinen frei 
von Pflanzenbarren. Doch fand Junker'**) zu Ende August 
1876 im Bahr el Abiad bei Faschoda eine nicht sehr feste 
Grasbarre. Derselbe Forscher traf auch anfangs November 
1876 im unteren Bahr el Djebel häufig kleine, den Fluss aber 
völlig versperrende Grasbarren, die das Schiff immerhin zu 
durchbrechen vermochte'®*). Sonst aber war der Stromlauf 
nahe der Mündung 22— 25 m und auf der Strecke von da bis 
Hellet Nu6r 90—110, 60 und 35 m breit '*^). 

I. Bahr el Djebel. Das Jahr 1878 brachte, wie er- 
wähnt, ein ungewöhnliches Steigen des Bahr el Djebel mit 
sich, so dass dieser Fluss durch die losgelöste Vegetation 
von einer Reihe von Pflanzenbarren versperrt wurde. Di^ 
ersten Spuren der Barrenbildung fand Emin-Bey, der Gou- 
verneur der ägyptischen Aquatorialprovinzen, bei seiner Fahrt 


— 141 — 

stromauf von Faschoda nach Ladö schon im Juli 1878 un- 
gefähr 4 Stunden aufwärts vom Mokren el Bahür'®*). Zwei 
im August von Ghartum nach Ladö beorderte Dampfer ge- 
langten nur noch mit grossen Schwierigkeiten durch die 
immer zunehmende Barre. Aber ein am 5. September von 
Ladö stromabwärts fahrender Dampfer musste zurückkehren, 
da er den Fluss unterhalb der Ausmündung des Bahr el 
Seraf so verlegt fand, dass ein Durchbrechen unmöglich 
war'®^). Buchta'®*) kam am 25. September etwa 50 km 
vor Ghaba Schambe an diese aus Om-Ssüf gebildete Barre, 
die aber nach zehntägiger Arbeit mit Hilfe von Eingeborenen 
umfahren wurde. Anfangs Oktober gelang es noch einem 
Dampfer nach 41 tägiger Einschliessung, durch ein Maije die 
Barre zu überwinden. Felkin''®') schildert anschaulich die 
Qualen und die nahende Hungersnot, der die Insassen aus- 
gesetzt waren. Es möchte auffallend erscheinen, dass das 
Schiff vom 5. September nicht durch die Barre kam, während 
später zwei Dampfer sich durchbrachen. Das kommt aber 
davon her, dass beim Stromabfahren die losgebrochenen 
Tefän dem Schiffe wieder nachdrängen und es einschliessen, 
während das stromauffahrende Fahrzeug die gelösten Ssedd- 
stücke hinter sich lässt. 

Im November 1878 forschte Em in Bey''®®) nach den 
Barren und fand die erste Barre 8 km unterhalb Ghaba 
Schambe kurz nach der Serafausmündung, in einer Aus- 
dehnung von 600 m den Fli^ss verstopfend. Der Fluss zeigte 
oft veränderte Ufer. Dieser Ssedd wurde durch Hinter- 
wasser und Seitenkanäle umfahren. Die zweite Barre, sehr 
dicht und über 1200 m lang, befand sich 8 km oberhalb 
Hellet Nuör in der sogenannten Ghursa el Kelab (Hunde- 
windung) und liess sich ebenfalls umfahren. Doch bald 
wurde das Schiff von Grasinseln umringt, deren viele solche 
Dimensionen hatten, dass sie den 70 m breiten Fluss beinahe 
sperrten. Diese Inseln halfen die dritte Barre verstärken, die 
sich 55—75 km vom Mokren entfernt in vier Partieen aus- 
dehnte. Sie war nicht zu durchbrechen, und Emin musste 
umkehren. Auch ein späterer Versuch im Mai 1879'®®) 
fruchtete nichts. Der Fluss war vom Oktober 1878 bis April 


— 142 — 

i88o total versperrt und Ladö von Jeder Verbindung mit 
Chartum abgeschnitten ''^). Die durch den Ssedd verursachte 
ROckstauung der Wasser machte sich nach Emin'*^) sogar 
noch im Bahr el Djebel oberhalb Duffiie bemerkbar. 

Besondere Schwierigkeiten machte die dritte und älteste 
Barre, 55 km oberhalb des Mokren beginnend. Sie verdankte 
ihren Ursprung zum Teile der Wasserstauung, die durch die 
gleichzeitige Blockierung des Bahr el Abiad unterhalb des 
Mokren entstanden war. Sie war auch nicht zu umfahren, 
da der Strom hier im allgemeinen regelmässige und erhöhte 
Ufer besitzt Eigentlich waren es vier Barren, die nur wegen 
der nahen Aufeinanderfolge vonMarno als eine bezeichnet 
wurden. Die erste, dem Mokren zunächst liegende Partie, 
war die älteste. Sie hatte sich am meisten gefestigt und 
aufgehäuft, so dass sie teilweise im 5 — 7 m tiefen Flussbett 
bis an den Grund reichte. Die zweite Partie war leichter 
als jene und die dritte, da sie sich nach jenen beiden durch 
Zufuhr von Grasinseln aus einem benachbarten Maije ge- 
bildet hatte. Die nach ihrer Entfernung abtreibenden Tefän 
jedoch stauten sich öfters wieder an dem Rest der ersteren. 
Die dritte Partie war ursprünglich mit ihrem Nordende 
3,6 km vom Südende der ersteren entfernt und der Fluss 
dazwischen frei, bis sich die zweite Partie bildete. Dann 
kamen einige 50 — 100 m lange verstopfende Grasinseln, die 
hier im Verhältnis zu der Stärke und Ausdehnung der 
Hauptbarren nebensächlich erschienen. Die vierte Partie, 
als die jüngste, war sehr lang, aber nicht so fest als die 
übrigen und staute sich bei den Räumungsarbeiten sehr oft 
wieder. Auch die 50 m breite und 7— 8 m tiefe Mündung 
des Bahr el Djebel in den Mokren war oft durch die losge- 
lösten Inseln verlegt, so däss Marno wiederholt über die 
überschwemmte Landzunge, welche zwischen dem W-Ufer 
des unteren Bahr el Djebel und dem O-Ufer des Mokren sich 
ausdehnt, unmittelbar vom Flusse in den inneren Mokren fuhr. 
Erst am 27. März 1880 war die dritte Barre endgültig be- 
seitigt, und da die beiden ersten Ssedds umfahren werden 
konnten — die zweite Barre bei der Ghursa el Kelab blieb, 
und der Strom schuf sich von da ab ein neues Bett — , so 


— 143 — 

war der Bahr el Djebel wieder offen. Die Beschaffenheit 
der ersten Barre schildert Marno''®^^ in mehreren Berichten 
sehr ausführlich. i 

2. Bahr el Sera f. Zu jener Zeit war auch der Bahr 
el Seraf wieder, oder besser, immer noch verlegt. Eine 
Untersuchung seines Oberlaufs im Jahre 1878 zeigte seine 
völlige Verstopfung'®^). Marno'®*) suchte Mitte Oktober 
1879, also am Ende der Regenzeit, durch den Bahr el Seraf 
nach Ghaba Schambe zu kommen, musste aber infolge der 
Grasverstopfungen dieses Vorhaben aufgeben und kehrte 
nach IG Tagen wieder um. Bei der Rückkehr hatten sich 
die durchbrochenen Stellen vielfach schon wieder geschlossen*. 
Der im Unterlaufe sehr tiefe und schnelle Fluss verengte sich 
oft so, dass der Dampfer beiderseits an den Ufern anstreifte. 
Der Ssedd zeigte sich diesesmal weit früher als 1872, schon 
vor der Dabbeh agusa. 

3. Bahr el Abiad. Das gleiche Schicksal der Ver- 
stopfung teilte auch der Bahr el Abiad. Schon bei der 
Serafmündung traf Mar no am 22. September 1879 eine lange 
schmale Grasbarre, und weiterhin zwei nicht sehr feste 
Ssedds. An der Stelle, wo von 1864 bis 1874 die bekannte 
Barre stand, 30 km vom Mokren entfernt, hatte sich der 
Fluss, wie schon Emin'®*) vermutet hatte, wieder verstopft'®^). 
Nach ihrer Beseitigung am 25. September bildete sie sich 
binnen 6 Tagen wieder, ebenso die beiden andern. Sie 
Hessen sich jedoch auf dem überschwemmten Lande um- 
fahren. Als Marno ein zweites Mal, am 11. Oktober, strom- 
auf fuhr, traf er die 10 Tage vorher gereinigte Strecke wieder 
verlegt ; er entfernte zwei Barren, von denen die eine an einer 
neuen Stelle sich befand, umfuhr einige leichtere und fand 
die bekannte Stelle beim Maije Signora zum drittenmal ver- 
sperrt. Dieser Ssedd war ausgedehnter und widerstands- 
fähiger als je; infolge der Strömung in der engen Windung 
hatte der durch die knorrigen Rhizome der Papyrusmassen 
gefestigte Damm eine mächtige Pressung erlitten. Bei der 
Rückfahrt hatten sich die tagsvorher gereinigten Stellen 
wieder geschlossen '®*). • Zuletzt wurde die sich imm er neu 
bildende Barre vom 9. bis 17. November endgültig be- 


— 144 — 

seitigt ''^j; denn eine im Febniar 1880 von Junker'*®) au 
dieser Stelle angetroffene junge Verlegung von 100 m Länge 
war schnell wieder aufgelöst. 

Jedoch war der Bahr el Abiad nicht lange oifen. Ein 
Ende September 1880 von Ladö heimkehrender Dampfei 
konnte sich nur mit Mühe durch eine unterhalb der alten 
Stelle neu entstandene Pflanzenbarre Bahn brechen. Die 
Abströmung des endgültig geöffneten Bahr el Djebel war in 
diesem Jahre sehr gross*), so dass die dadurch ebenfalls ver- 
stärkte Strömung des Bahr el Abiad grosse Massen sch^vim- 
mender Vegetation aus den Maije in den Flusslauf führte 
und diesen wieder versperrte. Marno®^) fand am i. Dezember 
30 km oberhalb der Serafmündung eine etwa 1500 m (?) 
lange Verlegung, die aber wegen ihrer geringen Festigkeit 
bald beseitigt war und von selbst abtrieb. Aber an der be- 
kannten Stelle, 30 km unterhalb des Mokren el Bahür, hatte 
sich seit der Passierung dieser Strecke durch ersterwähnten 
Dampfer, also in kaum 70 Tagen, ein neuer Vegetationsblock 
von 250 m Länge und 4—5 m Dicke gebildet. Ausser Erd- 
reich und Schlamm hatten die armsdicken Wurzelstöcke 
zahlreicher Papyrusbestände ein dicht zusammengepresstes 
und verfitztes Netzwerk gebildet. Das Material zur Barren- 
bildung hatten die weiten Wasserflächen am Südufer des 
Abiad geliefert, die im Jahre vorher meilenweit mit schwim- 
mender Vegetation bedeckt gewesen, nun aber frei waren. 
Der durch den Ssedd gestaute Fluss aber hatte sich, das 
linke (Nord-) Ufer zerstörend, einen neuen Weg in ein Maije 
gebrochen, dieses vergrössert und so ein neues Bett ausge- 
waschen, so dass die verlegte Stelle hier bei Hochwasser 
umfahren werden konnte. Nach I4tägiger angestrengter 
Arbeit wurde die Barre beseitigt und auch der Bahr el 
Abiad war wieder frei. 

4. Bahr el Ghasal. Der Bahr el Ghasal hatte um 
jene Zeit ebenfalls unter den Pflanzenbarren zu leiden, aber 
infolge der bereits erwähnten Eigenschaften seiner Vege- 


*) Lyons^**) führt diese Sseddbildung mehr auf die Wasserrück- 
stauung des Weissen Nils, hervorgebracht durch eine ungewöhnliche 

• _ 

Anschwellung des Ssobat, zurück. 


■A 


I-, 



Fig. lo. Der Bahr el Ghasal, 


— 145 — 

tationsverlegungen nicht so stark als die anderen Flüsse. 
Junker ®*^^), vomMokren zur Meschra er Rek fahrend, fand 
vom 21. bis 28. Februar 1880, also gegen Ende der Trocken- 
zeit, 30—40 Grasbarren, hauptsächlich zwischen Maije 
Mohammed EfTendi und Bahr el Arab-Mündung. Darunter 
waren mehrere kleine und leichte, die man am Bahr el Djebel 
weniger beachtet, aber auch einige von 1200—1400 m Aus- 
dehnung, besonders kompakt und filzig ®*^^). Casati®®^) 
brauchte Ende Juli 1880 17 Tage zur Zurücklegung der 
gleichen Strecke und hatte etwa 66 Pflanzenbarren, vermut- 
lich von geringer Ausdehnung und Festigkeit, zu überwinden. 
Zu Ende d. J. 1880 ereignete sich infolge der zahlreichen 
Pflanzenverstopfungen dieses Flusses jenes schreckliche Er- 
eignis, das man wohl als die Tragödie der Pflanzenbarren 
bezeichnen kann. Gessi-Pascha, der Gouverneur der 
Bahr el Ghasal-Provinz, hatte am 25. September 1880, trotz 
der Warnungen Casatis®***), die infolge der Ssedds viel 
schwieriger als die Bergfahrt (s. S. 141) zu bewerkstelligende 
Reise stromabwärts angetreten. Der Dampfer „Ssäfia" hatte 
ausser einem eisernen Frachtschiffe noch drei beladene Holz- 
barken im Schlepptau. G e s s i führte 500 Soldaten, Gefangene, 
Weiber, Kinder und noch etwa 100 Schiffsleute mit sich, 
die er nur auf 15—30 Tage verproviantierte. Gleich nach 
der Djurmündung traf man ein 1800 m langes Pflanzenhin- 
dernis, dann nach mehreren kleinen Barren eine solche von 
4 km (?) ; ein Ssedd folgte dem andern. Bald hatte man 
kein Holz mehr zum Heizen der Dampfer. Bei der Bahrel 
Arabmündung ging bereits der Proviant aus, die entkräfteten 
Leute konnten und mochten nicht mehr arbeiten. Man zer- 
schlug eine Barke, Hess aber das Holz liegen, ohne es zu 
verheizen. Alle Vorräte gingen bald zu Ende und die Leute 
nährten sich von Sutep (Samen der Wasserrose) und von 
Häuten. Sie starben dutzendweise. Ja, schliesslich assen 
sie die Leichen der Verhungerten. EndUch, am 4. Januar 
1881, 77 km vom Mokren entfernt, kam die Rettung in der 
Gestalt Marnos auf den Dampfer „Borden". Aber nach 
lootägigen Leiden waren 300 bis 40p Menschen gestorben 
und Gessi-Pascha selbst verschied wenige Monate darauf in 

Oeuerling. Die Pflanzenbarren. lO 


— 146 — 

Suez an den Folgen der Entbehrungen. Wenn auch sicher 
nicht die Pflanzenbarren allein die Schuld an jener traurigen 
Katastrophe hatten, sondern auch ungenügende Verprovian- 
tierung, Kopflosigkeit und Mangel an Disziplin mitspielten, 
so kann es doch nur in dieser traurigen Sumpfgegend vor- 
kommen, dass Hunderte von Menschen auf einem Flusse 
verhungern. Gessis Tagebuch*®*) gewährt erschütternden 
Einblick in die Leiden jener Todesfahrt. 

Marno war ausgeschickt worden, den Bahr el Ghasal 
von den Ssedds zu säubern und nach der „Ssäfia" zu sehen. 
Am 3. Januar 1881 fand er 67 km ®^) vom Mokren el Bahür 
die ersten Barren, die sich ziemlich leicht überwinden liessen- 
Auch am 4. und 5. Januar, als er den Dampfer und die 
Frachtschiffe oberhalb der Ghaba el Gerdega fand, musste 
er viele Barren durchbrechen*^). Als er am 7. April 1881 
wieder zur endlichen Öffnung des Flusses hieher kam, fand 
er hier drei Barren bei nur 15—20 m Strombreite. Die 
Ssedds vom Januar waren meistens abgetrieben. Von der 
Ghaba el Gerdega bis zur Djaumündung betrug die Breite 
des Flusses nur 20—30 m, die Tiefe 6—7 m. Hier fand sich 
die 4. bis 10. Verlegung. Von der Djaumündung an auf- 
wärts folgten nacheinander acht weitere Barren bei 30 bis 
35 m breitem Fahrwasser. Die 17. und 18. Verlegung 
waren die dichtesten. Die 19. und 20. Barre im 100 m 
breiten Flusse unterhalb der Mündung des Bahr el Arab 
schienen durch die schwimmenden Inseln des letzteren ent- 
standen zu sein. Es folgten noch zwei kleinere Ssedds. Am 
12. Mai kam Marno in der Meschra er Rek an. Bei der 
Rückkehr vom 14. Mai bis 15. Juni mussten die vorher un- 
genügend geöffneten und die durch das Abtreiben der Inseln 
neu entstandenen Barren beseitigt werden ^. Nun war auch 
der Gazellenfluss wieder der Schiffahrt vollständig geöffnet. 

Von 1881 an haben wir 17 Jahre lang keine authen- 
tischen Nachrichten mehr von Sseddverlegungen des oberen 
Nilgebiets; denn von 1884 (bez. 1885) anhörte der geregelte 
Verkehr auf dem Weissen Nil und seinen Zuflüssen auf Di^ 
Stürme der Mahdistenherrschaft fegten über das Land von 
Chartum bis Ladö, von der Bahr el Ghasal-Provinz bis 


— 147 — • 

zum Ssobat. Wir wollen die lediglich in der Literatur an- 
gegebenen®*^) Sseddverstopfungen, welche 1884 und 1895 
stattgefunden haben sollen, registrieren. Jedoch scheinen 
nach einem Briefe Emin-Beys an Junker®^®) im Sommer 
1885 im Bahr el Djebel Barren bestanden zu haben. Auch 
soll nach Garstin®^^) der gleiche Fluss im Jahre 1889 
wenige hundert Meter vor seiner Mündung in den Mokren 
el Bahür durch Ssedd versperrt gewesen sein. 

d) Sseddbildungen von 1898 bis jetzt. 

Als die Mahdiherrschaft im ägyptischen Sudan durch 
die Schlacht von Omdurman 1898 gebrochen war, machte 
sich die englisch-ägyptische Verwaltung sogleich daran, den 
Verkehr auf dem oberen Nil wieder aufzunehmen. Aber 
die Flüsse waren jetzt natüriich durch Ssedds versperrt. 
Schon im Juli 1897 hatte der englische Oberstleutnant 
Martyr®^^) von Uganda aus versucht, den Bahr el Djebel 
hinabzufahren ; aber seine Expedition musste vor den Ssedd- 
verlegungen 40 km nördlich von Ghaba Schambe um- 
kehren. 

I. Bahr el Diebel, Da der obere Nil durch das 
Ausbleiben der Tropenregen während der Jahre 1899. ^^^ 

1900 einen sehr tiefen Stand zeigte ®^^), und die. verringerte 
Wassermenge durch die Pflanzenbarren noch mehr reduziert 
wurde, verliess Major Peake -Bey®^*) mit, einer Ärbeiter- 
scharam 16. Dezember 1899 Omdurman, um die Ssedds zubesei- 
seitigen. Gleich bei der Mündung des Bahr el Djebel in den 
Mokren traf er die erste Barre, etwa 15 km aufwärts die zweite und 
nach weiteren 12 km die dritte ®^^). Diese drei waren die 
dicksten und zähesten ®^*) von allen 19 Barren, die angetroffen 
wurden. Bei der dritten Barre begegnete er am 11. Januar 

1901 einer Expedition des Kongostaates, bestehend aus 
Kommandant Henry und Lt. Bertrand (in Begleitung von 
De Renette, Mulders, Nagels), die bereits 16 Barren auf 
dem Wege von Ghaba Schambe bis hieher überwunden hatte. 
Ihr hatte sich eine im September von Fort Berkeley ab- 
gereiste Expedition unter Hauptmann Gage und Dr. Mi Ine 

und eine französische von Lt. Tonguedec und Salpin, die 

10* 


— 148 — 

in Schambe stationiert gewesen war, angeschlossen ®^'). Henry 
hatte, von Kiru kommend, am 3. August 1899 Ghaba Schambe 
verlassen und war auf dem 20 — 30 m breiten Flusse etwa 
60 km nördlich von diesem Orte gekommen. Er hatte 4 
Barren (Nr. 19—16) auf einer 25 km langen Kette von 
Hinterwassern umfahren ®^^). Der südlichste Vegetationsblock 
befand sich etwa 10 km nördlich von Ghaba Schambe unter- 
halb der Bahr el Seraf-Ausmündung (1880 war der letzte 
Ssedd kurz oberhalb davon). Der grösste Ssedd (Nr. 15) 
lag, wie schon 1880, auf der windungsreichen Strecke vor 
Hellet Nuör, Ghursa el Kelab genannt®"). Er begann 265,5 
km vom Mokren und zog sich 36 km weit nach N, das 
ganze Flussbett versperrend "^. Man konnte ihn durch eine 
Kette von Seen im W umfahren. Als Henry mit neuen 
Lebensmitteln am 24. September in Gemeinschaft mit Gage 
von Kiru zurückkehrte, ging er daran, die Reihe von Barren, 
welche von etwa 8^40' N. Br. an nordwärts den Fluss sperrte, 
zu durchbrechen. Es wurden bis zum 19. Januar 1900 die 
übrigen Barren durchbrochen und umgangen. Manche Ver- 
legungen änderten infolge des Durchbruchs den Platz, kleine 
v^mrden abgetrieben®*^). Als aber Major Peak e, der bis 
dahin, wie erwähnt, etwa nur 25 km des Bahr el Djebel zu 
säubern vermocht hatte, bald darauf mit mehr Arbeitern und 
Operationsmitteln zurückkam, fand er noch 16 Verlegungen. 
Der dritte Block, 27 km vom Mokren entfernt, war der 
schwierigste. Er besass im Durchschnitt 6 m Dicke und 
hatte so viel Wasser aufgestaut, dass nach seiner Beseiti- 
gung (7. Febr. 1900) der Fluss in vier Tagen um 1V2 ^ 
fiel**^j. Bei Kilometer 65 lag der 4. Ssedd. Die 5-, 6., 7- 
und 8. Barre befanden sich zwischen 81,5 und loi km )• 
Der 4., 5. und 6. Block, vermutlich von Henry und seinen 
Begleitern schon teilweise durchbrochen, trieben nach Ent- 
fernung des 3. Ssedd von selbst ab. Der 7. Block brach am j 
24. Februar und brachte die Massen des achten mit sich* j- 
Von Km 104 bis Hellet Nu6r beträgt die durchschnittliche 
Strombreite 75— 8om, die Tiefe 5—7 m. Zwischen Km 105 
und 131 lagen die Barren 9 — 14®**). Der 14. Ssedd war 
von Peake am 27. März 1900 beseitigt worden und nun war, 


— 149 — 

da die Blöcke Nr. 15 — 19 mit einiger Mühe umfahren werden 
konnten, die Schiffahrt auf dem Bahr el Djebel notdürftig 
wieder hergestellt. Peake gelangte bis Fort Berkeley (ober- 
halb Gondokoro), von wo er am 5, Mai wieder zurück- 
fuhr®**). Während jener Zeit wurde auch teilweise der 
Awai und Atem, ein von Bor bis Schambe reichender öst-, 
lieber Seitenkanal des Bahr el Djebel, befahren®^). 

Der früher beseitigte 10. Vegetationsblock bildete sich 
am 9. April igoo wieder durch Zufuhr aus dem nächsten 
Maije, verschwand jedoch am 12. April wieder teils von 
selbst, teils durch Zerstörung ®**) (s. Tafel 11). Der 36 km 
lange Ssedd (Nr. 15) in der Ghursa el Kelab konnte wegen 
seiner Mächtigkeit — das ganze Flussbett war mit verfaul- 
tem Pflanzenstoff und Erdreich angefüllt und der Ssedd so 
dick; dass Lt. Drury i. J. 1900 in 14 Tagen nur 400 m davon 
säubern konnte — noch nicht beseitigt werden. Er musste 
auf den freilich sich stets verändernden Lagunen und Ka- 
nälen im W umfahren werden. 383 bis 397 km vom Mokren 
entfernt, kurz vor Ghaba Schambe, lagen die vier Ssedd- 
blöcke Nr. 16, 17, 18 und 19. Der Fluss ist hier 50—60 m 
breit und über 5 m tief. Die kleinste von diesen Barren 
war 600, die grösste 2000 m lang. Einige davon waren 
sehr dick und mussten schon lange bestanden haben. Lt. 
Drury entfernte sie im Januar und Februar 1901®^^). Nun- 
mehr war der Fluss der Schiffahrt völlig geöffnet®^®). Der 
Missionär Tappi®*®), der im Dezember 1901, und Rücker- 
Jenisch^, der im Januar 1904 den Fluss befuhr, fanden 
die 15. Barre noch immer vorhanden. Auch ^u Ende d. J. 
1904 bestand sie noch in mehreren Abteilungen, wie Gar- 
stin®'^) berichtet; besonders eine Partie von 150 m Länge 
und grosser Dicke machte Schwierigkeiten. 

2. Bahr el Seraf. Als bis zum Jahre 1900 der Bahr 
el Djebel durch die Barren verstopft war, führte (1899) der 
Bahr el Seraf mehr Wasser als der erstere *^*) und er besass 
eine stärkere Strömung als der Bahr el Djebel und Bahr el 
Ghasal nach ihrer Vereinigung ®®®). Seine Mündung ist nur 
35 m breit, aber weiter aufwärts erweitert er sich. Die 
mittlere Breite beträgt 50—60 m; der Sommerwasserspiegel 


— I50 — 

ist noch 30 — 35 m breit. Im Sommer ist er durchschnittlich 
2^/2 — 3 m tief, und in der Flutzeit 1899 überschwemmte er 
seine Ufer noch um i m. Er musste damals 6 — 7 m tief sein, 
während er 1901 (nach Beseitigung der Barren) höchstens 
5 m Tiefe erreichte. Im März und April 1901 war der 
Giraffenfluss um 60 cm hoher als zur gleichen Zeit d. J. 
1900. Nach 88 Kilometern begimit die Sumpfg^end und 
der Fluss ähnelt einem Sumpfgraben. 192 km weiter ober- 
halb bildet er eine Reihe von Seen, die 1898 durch Ssedds 
versperrt waren •**>. Um jene Zeit erforschte ihn von oben 
bis unten (zu Land) Grogan, der mit Peake zusammentraf, 
als dieser den Bahr el Seraf vom Ssedd zu befreien suchte®^). 
Sparkes-Bey***) fuhr im März 1899 den Fluss aufwärts 
und fand nur die letzten 30 km mit Ssedd verlegt. Der 
Giraffenfluss hatte damals 400 (?) Breite und 2^/2—3 m Tiefe 
bei einer Strömung von i m i. d. Sek. Im J. 1900 hörte 
die Schiffbarkeit schon nach 104 km auf***). Da durch die 
Vernichtung der Pflanzenbarren der Nil sehr gefallen und 
das Jahr 1900 überhaupt trocken war, getraute sich Henryk') 
nicht mehr, auf dem Bahr el Djebel zurückzukehren. Er 
nahm den Rückw^ durch den Bahr el Seraf, den er vom 
5. März bis i. April befuhr. Der anfangs 30 — 40 m breite 
und 4— 5 m tiefe Fluss mit 3 — 4 m hohen Ufern schrumpfte 
allmählich auf einen fahrbaren Wasserweg von iV«— 2 m 
Breite und ebensoviel Tiefe zusammen. Nach 10 Tagen 
Fahrt waren die Ufer nur mehr wenige Centimeter über dem 
Wasser. Die Pflanzenbarren, die man überwinden musste, 
waren von weitaus leichterer Beschaffenheit als die des 
Bahr el Djebel. Dahinter war auch nicht wie dort das 
Wasser aufgestaut, da es sich über die niederen Ufer ver- 
flüchtigt hatte. Bald aber war der sich über 100 m aus- 
breitende Fluss nur mehr 20 cm hoch über dem harten, 
tonigen Grunde. Schliesslich bezog er nur mehr aus einem 
halben Dutzend i — 2 m breiten Furchen sein Wasser. Wie 
einst Baker, musste Henry durch Vertiefung der Gräben 
oder Stauung des Wassers den letzten Teil überwinden, bis er 
in den Nil einlief. — Seitdem scheint der Bahr el Seraf 
nicht mehr erforscht worden zu sein. 


— 151 — 

3- Bahr el Ghasal. Auch der Bahr el Ghasal war 
1898 von Pflanzenbarren eingenommen. Noch am Anfang 
des Jahres, als das erste Schiff der Expedition Marchand 
den Fluss hinabfuhr, war er frei; am Ende des Jahres, bei 
Beginn der Trockenheit, war die Wasserstrasse durch Ssedds 
versperrt ®®®). Schon die Einmündungen der Zuflüsse in der 
Sackgasse der Meschra er Rek waren durch Barren ver- 
sperrt^®). In der seeartigen Erweiterung selbst und im 
Kit waren im Oktober 1898 mehrere Barren. Ausserdem 
waren die schwimmenden Inseln so häufig, dass oft nur kleine 
Spalten offen bheben. Von der sog. Bahr el Homr-Mündung 
bis zum Bahr el Arab gab es schwimmende Inseln von 
einem 80 — 100 m grossen Durchmesser, die aus den Seiten- 
wassern stammten und, in den Fluss getrieben, sich an 
beiden Ufern stauten und durch die nachfolgende Strömung 
und weitere Inseln verstärkt wurden ; sie waren die zähesten. 
Auch weiterhin kamen noch einige Ssedds vor®*®). Die 
Strömung betrug damals im Kit 0,22 m i. d. Sek. und von 
der Djur- bis zur Bahr el Arabmündung 0,55 m i. d. 
Sek. ^*^). Ein äg5qDtisches Kanonenboot, das im Spätsommer 
1898 von Faschoda zur Meschra fuhr, musste sich mit vieler 
Mühe seinen Weg durch die (2?) Pflanzenbarren des Bahr 
el Ghasal bahnen®*^). Eine Verbindung konnte nicht auf- 
recht erhalten werden; zwei Dampfer, der eine Ende Sep- 
tember, der andere Mitte Oktober, gelangten infolge der 
Ssedds und des niederen Wasserstandes nicht zur Meschra 
er Rek^^^j. Im März 1899 (?) war der Bahr el Ghasal 24 km 
unterhalb der Bahr el Arabmündung durch Ssedds ver- 
sperrt®**). In diesem Jahre wurden auch bei der Djaumün- 
dung und bei der Ghaba el Gerdega (77 km vor dem Mokren), 
wo der starkgewundene Fluss nur 12 m breit und 4^/2 m 
tief ist, Barren angetroffen ®*^). Im März 1900 war der Kit, 
die 158 bis 182 km vom Mokren entfernte Flusserweiterung, 
teilweise durch Barren verlegt. Nach 11 km befand sich 
eine 500 m lange Barre in dem durchschnittlich 180 m breiten, 
aber sonst nur 20—40 m offenen Kanäle. Der hauptsächlich 
aus Vossia procera, Saccharum spontaneum, Azolla, Utricularia, 
Aldrovanda und Ottelia zusammengesetzte Ssedd war von 


— 152 - 

leichter Beschaffenheit, da Papyrus und Ambadsch fehlte. 
Die gelösten Pflanzendecken schwammen nicht weiter, son- 
dern sanken und verfaulten. Auch im September war der 
Kit noch völlig verlegt. Der hier einmündende, 70 m breite 
und 6 m tiefe „Bahr el Homr*' wurde im Oktober 1900 von 
Sanders nach 8 km bereits verstopft gefunden®*®). Der Bahr 
el Ghasal war damals überhaupt so verwachsen, dass er, 
wie schon Junker®*') fand, nur aus einer Reihe fast- strö- 
mungsloser Sümpfe zu bestehen schien. Etwa 30 km vor 
seiner Mündung gab er durch ein Chor Wasser ab, das 
vermutlich nördlich vom Mokren nach O ziehend, mit dem 
Lölle in Verbindung steht®*®). Im J. 1903 war der Gazellen- 
fluss nach Garst in®*®) an der Ghaba el Gerdega wieder 
zeitweise verstopft (s. Fig. 10). Auch im J. 1904 waren 
noch Barren im Bahr el Ghasal zu finden. Am 31. Januar 
jenes Jahres wurde von einem Missionsdampfer aus Lull 
der FIuss schon an der Rohlmündung durch eine kleine 
Barre verlegt gefunden; bald aber kam eine Barre von 
150 m Länge in zwei Partieen , von denen die erste und 
Zäheste 100 m Ausdehnung besass. Sie war nach Tappi®^®) 
fast ausschliesslich aus Om-Ssüf mit einigen Papyrusbüscheln 
zusammengesetzt. Durch den Missionsdampfer und ein strom- 
aufwärts von der Barre eingeschlossenes Kanonenboot wurde 
der Ssedd endlich entfernt. Bischof G e y e r ®^^) fand anfangs 
September 1904 den Bahr el Ghasal wieder mit Ssedds ver- 
legt, die erst nach zweitägiger Arbeit überwunden wurden. 

4. Bahr el Abi ad. Im J. 1899 war auch der Bahr 
el Abiad beim Maije Signora an der gleichen Stelle wie 
1863 und 1869 durch eine Barre versperrt ®^^). Infolge der 
Beseitigung der Ssedds war im Frühjahr 1900 der Weisse 
Nil bis Faschoda vielfach durch die vom Bahr el Djebel her- 
treibenden Papyrus- und Schilfinseln verstopft, da die Tefän 
auf Untiefen aufsassen und so unzählige Inseln bildeten. Erst 
die Nilschwelle riss den grössten Teil der Inseln fort; noch 
bei Duem wurden Überreste ans Ufer geworfen®^*). 

Der Mokren el Bahür, das Reservoir der Wasser 
des Bahr el Djebel und Bahr el Ghasal, hat im Laufe der 
Zeiten häufig infolge der Ssedds und des verschiedenen 


- 153 - 

Wasserstands der Flüsse so viele Änderungen durchgemacht, 
dass es zu weit fahren würde, sie aufzuzählen. Auch geben 
die Reisenden je nach der Jahreszeit des Besuchs die ver- 
schiedensten Berichte. Bei Hochwasser scheint er sich 
50 — IOC qkm weit auszudehnen; 1900 und 1901 war er nur 
20 qkm gross***). 


2. Pflanzenbarren in den Nebenflüssen. 

a) Stromgebiet des Bahr el Ghasal. 

Auch in den Zuflüssen der grossen Wasseradern des 
oberen Nilgebiets hat man Pflanzenbarren gefunden. 

I. Bahr el Arab. Einer der wichtigsten Zuflüsse 
des Bahr el Ghasal ist der Bahr el Arab, der aber noch 
wenig erforscht ist. Aus N bekommt er keinen bekannten 
Tributär, da die Gegend, Dar Homr genannt, nur zwei 
intermittierende Wasserläufe aufweist, das Wadi el Ghalla 
und das Chor Schalango. Beide aber lösen sich nach 
Lloyd®^) im Sommer in Sümpfe auf, bevor sie den Bahr 
el Arab erreichen; ersteres ist während der Regenzeit mit 
Bäumen und Gras verstopft. Der Bahr el Arab oder Kir 
nimmt hauptsächlich die Wasser des von vielen Neben- 
flüssen gespeisten Lol (Boru) auf (s. S. 81). Im Oberlaufe 
fand ihn Gessi®^) Ende 1878 ziemlich wasserreich, Fel- 
kin®^') (500 km vor seiner Mündung) im Dezember 1879 
108 m breit, aber nicht über 1,20 m tief. Immerhin führt 
der Bahr el Arab das ganze Jahr hindurch Wasser. In 
seinem mit wenig Gefälle begabten Unterlaufe wird er durch 
die sogar hier noch fühlbare Schwelle des Ssobat und die da 
durch bewirkte Stauung des Bahr el Ghasal gehemmt, und 
er überschwemmt dadurch seine Ufer ®^). S c h w e i n f u r t h ®*^) 
beschreibt ihn als mächtigen Fluss, mindestens 180 m 
breit an der Mündung; hier erweitert sich der Bahr el 
Ghasal durch den Druck der vom Bahr el Arab herab- 
gebrachten Wassermassen. Marno®*®) berichtet, dass er 
früher weithin verstopft und auch im Mai 1881 nur teil- 
weise offen war. Die Strecke des Bahr el Ghasal war an 
seiner Mündung durch die herabkommenden Pflanzenmassen 


~ 154 — 

versperrt. Dye®*^) fand den Bahr el Arab im Juli 1898 bei 
seiner Mündung 500 ra weit verstopft. G a r s t i n ^'^ be- 
schreibt ihn dort als 80 — 100 m weit und 3— sVa^n tief bei 
Niederwasser. 1300 m vor seinem Eintritt in den Gazellen- 
strom war er 1900 und 1901 durch Ssedd und Schilf ver- 
legt. Im Winter 1902 fand ihn Wilkinson-Bey®*') 70 km 
aufwärts IOC m breit und 0,75 — 1 m tief. Einige Strecken 
sind beträchtlich breiter und an der Oberfläche mit Gras 
und Schilf bedeckt; 80 km vor der Mündung war der Fluss 
im November 70—120 m breit und 1,5 -2,4 m tief und hatte 
eine sehr schwache Strömung®**). Broun ®®^) sah 1902 das 
ganze Flussbett der Bahr el Arab verstopft mit Panicum 
pyramidale und Phragmites communis. Nach Comyn®**) 
war der Bahr el Arab noch 1906 durch Ssedds (Panicum) 
versperrt, deren Ausdehnung flussaufwärts nicht zu ermessen 
war. 1908 war der Fluss offen gemacht. 

2. Lol. Der Lol war in den letzten Jahren 5 oder 
10 Meilen westlich von seiner Mündung in den Kir von 
Percival und Bayldon®*') mit Barren verlegt gefunden. 

3. Djur. Der Djur, ein reissender Strom, mässigt erst 
in seinem untersten Laufe seine Schnelligkeit und ist vor 
seiner Mündung 400 m breit und 3 m tief. Drury®'®) fand 
ihn im November 1900 18--20 km weiter oben 60 — 70 m 
breit und 3 — 3V2 ni tief mit einer Geschwindigkeit von i m 
i. d. Sek.; hier war er mit einem Ssedd verlegt. Er wurde 
von der Expedition Peak es in den folgenden Jahren bis 1904 
von den Barrenverlegungen befreit. Etwa 65 km vor seiner 
Mündung verlor sich damals der Djur in einem Grassumpfe. 
Dieser Teil wird häufig durch seh wimmende. Inseln verlegt> 
die Barren bilden. Walsh vermutet, dass das wahre Fluss- 
bett nördlich vom gegenwärtigen, aber auch erst durch Lt. 
Fell gereinigten, in den Bahr el Arab läuft®*"). Bischof 
Geyer"®) befuhr den Djur im September 1904, wo er eine 
Grasbarre durchbrechen musste. Der Flusskanal verengte 
sich bald nach der Mündung auf 20 m und weniger, so dass 
der Dampfer beiderseits anstiess. Der Lauf war sehr ge- 
krümmt und die Strömung reissend; später wurde er breiter 
und ruhiger. 


— 155 — 

Die südlichen Zuflüsse des Bahr el Ghasal, Tondj, 
Djau und-Rohl, sind in ihrem Unterlaufe noch nicht erforscht 
worden. Sie verlieren sich in der weiten Ebene in Sümpfen ®'^) 
und sind vermutlich vielfach mit Barren versperrt. Dies er- 
hellt auch aus dem Berichte des freilich unzuverlässigen 
griechischen Arztes Po tagos *''*), der aber ganz richtig 
diese Flüsse und den Jei* in abflusslose Seen münden lässt^ 
was übertragen als Verstopfung der Flussläufe mit Pflanzen- 
barren zu verstehen ist. 

4. Rohl. Der bedeutendste dieser Flüsse ist der Rohl^. 
der in das Chor Deleb ausmündet. Petherick®''^) traf 
den Rohl etwa 270 m breit, aber meistens mit grünen Schilf- 
gräsern überwachsen ; nur an einer Stelle war klares Wasser 
zu erkennen. Er vermutete seine Mündung in den Bahr 
el Djebel bei Eliab Dök (Hellet Nuer) in 8^ 27' N. Br. (I), 
wo er seinen Eintritt in den Bahr el Djebel durch einen 
Schilfmorast beobachtet hatte. Hier handelt es sich natür- 
lich um einen der vielen Seitenkanäle des letzteren. Po ta- 
ge s®''^), der ihn im Mittellauf kreuzte, lässt ihn in den See 
Geki sich verlieren. Er traf ihn später wieder, parallel mit 
dem Bahr el Djebel laufend und in den Bahr el Ghasal 
mündend, hielt ihn aber für einen eigenen aus den Sümpfen 
entspringenden Fluss®'*). Seine Mündung im Chor wird 
allgemein als viel weiter (1500— 2000 m) denn die Breite des 
Bahr el Ghasal (40 m) angegeben. Doch ist letzterer 4 m, 
das Chor Deleb nur 2— 2V2 m tief®''^). Peake®''®) kam bei 
einer Befahrung dieses Chors nach 28 km an einen Ssedd, 
der ihn zur Rückkehr zwang. 

b) Stromgebiet des Bahr el Djebel. 

I. Es tauchte schon öfters die Vermutung auf, dass der 
Bahr el Djebel mit dem Rohl in Verbindung stehe. Bei 
Hellet Nuör, 225 km oberhalb des Mokren el Bahür, verlässt 
ein nordwestlich laufender Arm den Bahr el Djebel, den 
die Expedition Henry für diesen Verbindungskanal hielt- 
Er mündet aber wahrscheinlich wieder in den Bahr el 
Djebel *''). Bertrand und M u 1 d e r s erforschten ihn zu Ende 
Oktober 1899, wurden aber durch einen Ssedd, unter dem 


— 156 — 

<ias Wasser verschwand, nach 64 km aufgehalten®''®). Der 
Kanal war 66,5 m breit, wovon je 10 m bei den Ufern durch 
Pflanzen eingenommen wurden; seine mittlere Tiefe betrug 
bei Niederwasser i m und die Geschwindigkeit der Strömung 
0,60 m i. d. Sek. Sein Volumen belief sich im März 1901 
auf 21,74 cbm i. d. Sek.®"). 

2- Jei*. 352 und 357 km oberhalb des Mokren empfängt 
der Bahr el Djebel zwei Flussarme von W, wahrscheinlich 
-die des J e T. Dieser wurde schon 1859 von DePruyssenaere 
(s. S. 136) verstopft angetroffen. Potagos®''^) nennt ihn 
Degintschu und verlegt auch seine Mündung in einen See 
(Mantschok). Er fand ihn ebenfalls im Unterlaufe sumpfig 
und ganz mit Kräutern bedeckt. In neuester Zeit wurde 
-der Je'f fast auf seinem ganzen Laufe von BoydAlexander®'*) 
befahren. Er durchfliesst im Unterlaufe eine weite, öde Sumpf- 
ebene. In etwa 6^45' N. Br. tritt er in einen verwachsenen 
See von etwa 10 qkm ein. Nach weiteren 5V2 km ver- 
schwindet der Fluss in einer Pflanzenbarre. Alexander 
konnte nicht durchdringen und musste zu Fuss nach Ghaba 
Schambe reisen. 

3. Atem und Awai. Nördlich von Bor zweigt am 
Ostufer des Bahr el Djebel der Atem ab (s. S. 79 u. 149). 
Er wurde zuerst von Grogan®®^) verfolgt und ganz ver- 
sumpft gefunden. Garstin®®^), der ihn 1901 untersuchte, 
fand ihn im Oberlaufe auf 50—60 km durch Ssedds versperrt. 
Dann wird er zu einem offenen, 60 — 80 m breiten und 2 bis 
2^/2 m tiefen Strom mit einer Wassermenge von 149 cbm 
i. d. S.. Oft erweitert er sich zu einer Reihe von breiten 
und seichten, mit schwimmenden Inseln erfüllten Lagunen. 
Zwischen ihm und dem Bahr el Djebel dehnt sich ein unzu- 
gänglicher Sumpf aus, mit Om-Ssüf überwachsen. 95 km 
nördlich von Bor verzweigt er sich rechts in den Myding, 
der aber bald durch Barren verstopft ist, und links in den 
Awai. Beide scheinen ihr Wasser in den oberen Bahr el 
Seraf abzugeben. Der Awai ist ebenfalls wie der Atem von 
Maije mit schwimmender Vegetation begleitet und selbst oft 
ast verstopft. 


. - 157 — 

c) Stromgebiet des Ssobat. 

Auch im östlichen Gebiete des oberen Nils trifft man 
Pflanzen barren. Der S s o b a t selbst ist frei davon. Er hat feste 
Ufer und keine Maije (s. Fig. ii). Papyrus fehlt hier®^*). Die 
Ufergegenden von der Mündung bis über Nasser hinaus be- 
stehen aus baumlosen Sawanen, unterbrochen von park- 
ähnlichem Gelände und gut kultiviertem Ackerboden. Aber 
das Land zwischen dem Baro im N, von der Mündung des 
Pibor bis Itang, und dem Gelo im S und dem Pibor im W 
bildet einen einzigen grossen brusttiefen Morast, welcher sich 
zur Regenzeit in eine Wasserwüste verwandelt®®^). Wenn 
es heisst®**), dass „grosse Sseddmassen vom Ssobat herab- 
gebracht werden'*, so ist natürlich an die Schilf- und Gras- 
inseln zu denken, die auch Junker®®^) vor Nasser begeg- 
neten. Auch Pistien treiben in manchen Jahren massen- 
weise herab®®*). 

1. Chor Filus. Etwa i6 km vor seinem Eintritt in 
den Weissen Nil empfängt der Ssobat das Chor Filus. Es 
ist an der Mündung 30 — 40 m breit, erweitert sich oben aber 
stellenweise bis auf 70—80 m. Das Strombett mit 5 m hohen 
Ufern ist gut ausgeprägt. Es ist aber meistens mit Kräutern 
verstopft. Wilson®®'') kam 130 km weit; er fand im ver- 
trocknenden Bette grosse Teiche, dicht mit Ambadsch (?> 
umgürtet. Im August 1902 wurde es nach Lyons®®®) ohne 
Strömung gefunden. Als Verkehrsweg kommt es wegen der 
Verstopfung durch Vegetation nicht in Betracht. 

Oberhalb Nasser vereinigen sich der Baro, auch Adura 
und Upeno genannt, und der Pibor zum Ssobat. Diese Flüsse 
sind im Unter- und teilweise noch im Mittellaufe sehr sumpfig. 
Bonchamps®®®) spricht von den Wasserpflanzen, die den 
Gelo versperren, Vanutelli®*^) von „un labirinto di paludi". 
Oft sind diese Flüsse durch Vegetation versperrt ®®^). 

2. Mokwai. Der Mokwai, ein vom Baro ausgehender 
mächtiger Stromarm, der in den Pibor 16 km oberhalb dessen 
Mündung fliesst, hinderte i. J. 1896 Capper®*^) durch eine 
Pflanzenbarre an weiterem Vordringen. 

3. Pibor. Der Pibor zeigt mehrere Ssedds. 1898 


- 158 - 

wurde Maxse nach 174 km durch eine Barre und durch die 
Seichtigkeit des Wassers an weiterem Vordringen ver- 
hindert®®^). Oberhalb der Agweimündung hat er auf 25 km 
noch gut markierte Ufer, die von einander 90—180 m ab- 
stehen; die Tiefe beträgt 4—6 m, die Strömung 0,3 — 0,5 m 
i. d. Sek.®®*). Später aber verengt er sich und wird seicht. 
Etwa bei dem Knie, in dem er von der NO- in die N-Rich- 
tung übergeht, ist er 27 m breit und 6 m tief, mit einer 
Strömung von über 2 m i. d. Sek.®®^). Am Ende seiner 
Schiflfbarkeit, 50 km östlich von Bor, beträgt die Tiefe des 
nur mehr 20 m breiten Flusses i m, schliesslich nur mehr 
30 cm ®®*). C o m y n ®®®), dem wir diese Nachrichten verdanken, 
bereiste im August 1904 den Pibor bis zur angegebenen 
Stelle. Obwohl zu jener Zeit die Pflanzenbarren weniger 
Schwierigkeiten machten, hatte er doch etwa ein halbes 
Dutzend Ssedds zu durchbrechen. Es gab im Pibor Barren, 
die durch Verwachsung des Flussbettes mit „Tigergras" ent- 
standen und Blöcke aus schwimmenden Inseln; letztere von 
derselben Zusammensetzung wie im Nil®®®). 

4. Agwei. Bei seiner Rückkehr wollte Comyn®®'') 
auch den Agwei mittels Barkasse erforschen. Bei seiner 
Mündung war dieser Fluss 5V2 m tief und lief meistenteils 
zwischen erhöhten Ufern; Busch und Ebene wechselte am 
Ufer; an einer Stelle war die Gegend überschwemmt. Mehrere 
kleine Pflanzenbarren wurden überwunden; aber eine machte 
besonders viel Schwierigkeiten, hauptsächlich bei der Rück- 
fahrt. Schliesslich zwang ein zwischen hohen Ufern lagern- 
der fester Sseddblock Comyn zur Umkehr. Der Barren im 
Agwei waren viele; sie bestanden aus zusammengepressten 
Massen von schwimmenden Inseln ®®®). Comyn®®®) vermutet 
im Agwei Wellbys Rugi. Die Eingeborenen versicherten 
ihm, dass er durch eine Sumpfregion von SO komme. Aus 
diesen Sümpfen mag die schwimmende Vegetation stammen. 

Der Sirdar (Generalgouverneur) Sir Reg. Wingate®**) 
stellte die Theorie auf, dass die den Pibor hinabschwimmen- 
den Sseddmassen vom Nil stammen, in der Ansicht, dass 
der Pibor ein in der Nähe von Mongalla auslaufender Arm 
des Bahr el Djebel sei. Letzteres hielt auch Gomyn®**) 


- 159 - 

früher für möglich. Abgesehen von dieser vorläufig noch 
Hypothese bleibenden Theorie dürften auch bei höherem 
Wasserstande kaum viel schwimmende Pflanzen vom Nil her- 
kommen, selbst wenn bei Mongalla die in der Tat wenig 
vorhandenen Vorbedingungen für diese Vegetation sich zeigten. 
Jener Ausfluss bei Mongalla müsste auch nicht von bedeuten- 
der Grösse und seicht sein. Ist doch der Bahr el Seraf, der 
inmitten der Sumpfregion den Bahr el Djebel verlässt, anfangs 
sehr seicht und nur von schmalen Rinnen genährt. 

d) Stromgebiet des Bahr el Abiad. 

Lölle. Zuletzt wollen wir noch dem Lölle, der ja 
vielleicht nach Marno®*®) selbst durch eine Pflanzenver- 
stopfung seine Rolle als Hauptstrom verlor, unsere Betrach- 
tung widmen. Er wird zuerst von Russegger^ als Keilak- 
fluss erwähnt, von Werne*^^) als Kleiner Kidi bezeichnet, 
während Miani^^^j ihn Bahr el Arab nennt und bemerkt, 
dass er noch auf keiner Karte eingetragen sei. v. H e u g l i n ****) 
nennt ihn wieder Keilak; er berichtet, seine Wassermasse 
(1862) scheine sehr beträchtlich zu sein, obwohl der untere 
Teil seines Gebietes derart versumpft sein solle, dass Barken 
nur mit grösster Schwierigkeit vorwärts gelangen könnten. 
Als erster Europäer befuhr den Lölle Schwein fürt h®^) 
im Juli 187 1. Er fand eine sehr schwache Strömung bei 
einer Tiefe von 3— 4V2 ni; an vielen Stellen war dieser 
Stromarm so breit wie der Hauptfluss, d. h. 250 — 300 m, 
während er im Winter zu einem sehr seichten Chor zu- 
sammenschrumpft. Nach den Aussagen des Kapitäns eines 
Dampfers soll er vom Mokren el Bahür®®^) oder oberhalb 
der Mündung des Gazellenflusses vom Hauptstrome abzweigen. 
Oarstin®®*) sagt, es ist zweifelhaft, ob der Lölle einen 
Anspruch auf die Bezeichnung Fluss machen kann oder ob 
man ihn als einen der vielen intermittierenden Cherän [Plur. 
von Chor] ansprechen soll, die dem Nil Wasser zuführen. 
An seiner Mündung, 5 km oberhalb des Ssobat, besitzt er 
eine Breite von 70 m und eine in der Trockenzeit zwischen 
0,50 und 0,60 m schwankende Tiefe. Im April 1901 bemerkte 
man in dem einem Altwasser gleichenden Flussbette keine 


— i6o — 

Strömung. Im September 1903 wies der LöUe eine Tiefe 
von 4,4 m und eine Wassermenge von 31 cbm i. d. S. auf ®^). 
Er schliesst zvvischen sich und dem Bahr el Abiad für gute 
45 km die grosse, 2—4 km breite Insel Tonga ein, die aber 
in der Regenzeit unter Wasser gesetzt wird (so besonders 
i. J. 1903)®®®), so dass die Eingeborenen darüber hinweg- 
steuern. Die Wasserfläche ist mit schwimmenden Kräutern 
bedeckt. Er läuft nach Marnos®^) Karte 50 — 55 km weit 
parallel mit dem Weissen Nil und steht mit diesem durch 
mehrere Cherän in Verbindung, die aber, wie Marno®^®) 
an sich selbst erfuhr, im Winter zu seicht zum Befahren 
sind. DerLölIe heisst auch Chor Fanakama®^^) (weil er die 
Schillukdistrikte Fanakama und Tonga einschliesst) oder Chor 
Habeschi ®^^) (nach einem Kaufmann, der ihn zuerst befahren 
haben soll). Da vor Wiedererschliessung des oberen Nils 
auch der untere Bahr el Ghasal durch Pflanzenbarren ver- 
sperrt war, entstand die Annahme, dass ein 7 km vor dessen 
Eintritt in den Mokren abzweigendes Chor den Verbindungs- 
arm um den Mokren nördlich zum Lölle darstelle ®^^). Wenn 
dies der Fall ist, dann handelt es sich nicht um eine Neu- 
bildung, wie viele annehmen, sondern um die Wiedereröffnung 
des Zugangs zum Lölle. Die träge Strömung des Lölle ist 
natürlich der Bildung von Pflanzenbarren günstig. Daher 
fand die Erkundungsfahrt von Sparkes-Bey^^^), der im 
März 1899 den 80 — 100 m breiten und 2—272^ tiefen Kanal 
hinauffuhr, schon nach 40 km durch einen sperrenden Ssedd 
ihr Ende. Auch 1903 soll der Lölle nach den übereinstimmen- 
den Aussagen der Eingeborenen 40—50 km oberhalb seiner 
Mündung von einem Ssedd verlegt gewesen sein ®^*). Ob im 
Lölle auch jetzt noch Barren vorhanden sind, werden wir 
hoffentlich erfahren, wenn die Resultate von Colyins®^^) 
Arbeiten, die sich i. J. 1906 auf die Vermessung des Nord- 
ufers erstreckten, veröffentlicht sind. 


3. Geographische Verbreitung der Ssedds* 

Die Ssedds erstrecken sich gemäss unserer Kenntnis 
nach den angefühi*ten Beispielen im Bahr el Djebel vor* 



. .: .^Ji 

'j?'"" " "^ 



Fig. 11. Der Ssobat. Blick s< 



Fig. la. Arbeiter beseitigen die Vegetation, ;aur einer Pflapienl 


\«Vo*J 


— i6i — 

Ghaba Schambe im S bis zu seiner Mündung, vom Unter- 
laufe des Bahr el Arab, Lol, Djur im W den ganzen Bahr 
el Ghasal und Bahr el Abiad hindurch bis über die Bahr 
el Seraf-Mündung hinaus nach O ; ihre Ausdehnung ist aber 
durch den oberen Pibor und den Atem noch weiter nach 
und S vorgerückt. Im N bildet der LöUe die Grenze 
(doch wurde auch bei Faschoda eine leichte Barre bemerkt). 
Die Grenzen lassen sich etwa ausdrücken :. Von 6® 20' (Pibor 
und Atem) bis 9^40' N. Br. (LöUe und nach Umständen 
Keilak oder Bahr el Arab) und 28^*30' (Djur und Lol, nach 
Umständen Bahr el Arab) bis 33^30' Ö. L. (Agwei-Pibor). 


4. Ssedd-Perioden. 

Man hat auch vielfach angenommen, dass Ssedd- 
Perioden stattfänden und demgemäss auf ein Jähr grosser 
Trockenheit ein starkes Regenjahr folge, das Barren mit 
sich bringe. Die Schwankungen der ostafrikanischen Seen®^®) 
sowie die von Brückner®") postulierten Klimaschwan- 
kungen könnten dafür sprechen. Tatsache ist, dass i. J. 
1863*^®) starke Regen fielen und in diesem oder im nächsten 
Jahre Barren sich bildeten; bekannt ist auch die grosse Hoch- 
flut d. J. 1878*^®) und die darauffolgende starke Sseddbildung. 
Wie lange die i. J. 1898 vorgefundenen Barren schon be- 
standen, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir wissen nur, 
dass 1895 heftige Regen im Seengebiet fielen und der Viktoria- 
Njansa hoch stieg****). Sicher ist, dass Hochwasser viel 
schwimmende Vegetation loslöst und dadurch der Bildung 
von Barren Vorschub leistet. Die Frage ist aber, warum 
dann nicht auch in anderen Hochwasserjahren Sseddbildungen 
stattfanden, während dagegen manchmal in regenarmen Jahren 
^z. B. 1899 und 1900) Barren entstanden. 


V. Die Beseitigung der Pflanzenbarren. 

I. Art der Wegräumung. 

Wir haben bereits gelegentlich Einzelheiten der Weg- 
t'äumungsweise der Ssedds erwähnt. Gute Darstellungen 
geben uns u. a. Schweinfurth®*^), Baker®^^ Junker®^^), 

Deaerling, Die Pflanzeabarren. II 


— 102 — 

Crispin***; und Garstin***); am ausfOhrlichsten schildert 
uns Marno***), der Leiter mehrerer ,,Sseddexpeditionen'', 
die Beseitigung der Barren. 

In den meisten Fällen ist der Zweck der Arbeit an der 
Barre nur, die einmalige Durchfahrt durch den Ssedd zu 
ermöglichen, ohne Rücksicht darauf, ob sich die Barre hinter 
dem Schiffe wieder schliesst oder nicht*"). Gewöhnlich er- 
leichtert man sich, wenn die Barre abgestorbene, vertrocknete 
und brennbare Stoffe, z. B. dOrre Papyrusstengel, enthält, 
durch Abbrennen der Vegetation die Arbeit. Dies ist jedoch 
nicht ausführbar bei ungünstigem Winde, da, wie dies 
Junker**^) passierte, die Flammen das Schiff in Gefahr 
bringen können. Treten aber solch starke Verstopfungen 
ein, wie 1878 und 1898, so ist eine systematische und an- 
haltende Arbeit, das stückweise Losreissen von Teilen, nötig. 
Diese Arbeit ist nur stromaufwärts möglich, damit die ab- 
treibenden Stücke am Schiffe vorbei den Fluss hinabschwim- 
men können. 

Kommt das zur Beseitigung der Barre bestimmte Schiff 
an den Ssedd, so muss es vor allem bestimmen, wo das 
Ufer und wo das Flussbett beginnt. Da dies wegen der 
gleichen Beschaffenheit der sowohl das Ufer wie die Barre 
zusammensetzenden Stoffe schwer zu erkennen ist, so kann es 
nach M a r n o •*•) vorkommen, dass man irrtümlich einige Zeit 
am Ufer statt am Ssedd arbeitet. Die Matthewssche Ssedd- 
Expedition (1901 — 1902)*^) wandte die Methode an, durch 
den Ssedd zu stechen; die mittlere Wassertiefe im Ssedd 
beträgt nur wenige Fuss ; wenn aber das wirkliche Flussbett 
erreicht ist, wächst sie plötzhch bis auf 4V2-~6 m, da am 
Ufer die nicht zusammengepressten elastischen Teile sich 
finden. Hierauf wird die gewöhnlich aus Papyrus bestehende 
Ssedd Vegetation niedergebrannt oder abgeschnitten (s. Fig. 12). 
Eine eigentümliche Tatsache ist, dass das Feuer längs einer 
Strecke hinauszüngelte, die nachher als das wahre Flussufer 
gefunden wurde. Die folgende Arbeitsweise, die auch noch in 
neuester Zeit angewendet wurde, ersehen wir am besten 
aus einem Berichte Marnos'^^), dem wir folgen wollen. 

„Die Art und Weise, wie bis jetzt (1880) am Ssedd 


— 163 — 

gearbeitet wird, ist die denkbar primitivste. Die Zugseile 
werden an ca. 2 m lange Holzpflöcke gebunden, diese in den 
Ssedd eingerammt, jeder Pflock von zwei bis drei Mann 
gehalten und niedergedrückt, während der Dampfer zuerst 
langsam, dann schneller > mit Halbdampf und schliesslich 
Volldampf zurückgeht* Ist der Ssedd leicht und alles ge- 
hörig geschehen, so trennen die eingerammten Holzpflöcke 
eine Partie der früher abgebrannten Grasvegetation ab 
und es wird dieselbe von dem Dampfer in den Fluss stromab 
gezerrt (s. Fig. 13), dann die Pflöcke aus dem Grase heraus- 
gearbeitet, die Zugseile mit ersteren auf den Dampfer 
gezogen; die Leute schwimmen an den Dampfer oder klettern 
an demselben hinauf, wenn er nicht direkt am abgerissenen 
Töf steht, und die Arbeit kann wieder beginnen. Häufig 
jedoch kommt es vor, dass die Pflöcke nicht tief und gut 
eingerammt waren, dass die Grasmassen zu leicht oder 
zu dicht sind, um dieselben zu halten, und trotz der daran- 
hängenden Kraft von 6—8 Mann (je 3 oder 4 an jedem 
Pflocke) herausgerissen werden. Das geschieht regelmässig 
bei dem leichtesten Ssedd, wenn der Dampfer gleich am 
Anfang mit Volldampf arbeitet und die Holzpflöcke nicht 
durch allmähliches Anziehen erst fest gefasst haben. Arbeitet 
man langsam und allmählich, so wird fast regelmässig, sobald 
die Pflöcke gefasst haben, ein grosser Komplex des Ssedd, 
oft weit hinter den Pflöcken noch, abgetrennt und allmählich 
losgezerrt. Sehr viel kommt auch hiebei auf das gleich- 
zeitige Verlängern und Nachlasseh der Taue auf beiden oder 
auf einer Seite an; ob dies allmählich oder rasch, mehr oder 
weniger stattzufinden hat , muss natürlich der Beurteilung 
des Kommandierenden überlassen bleiben. 

„Ist der Ssedd jedoch dicht und kann der Dampfer mit 
den eingerammten Pflöcken nichts losreissen, oder alt und 
mit Schlamm, Erde etc. so vermengt, dass die Holzpflöcke 
nicht mehr fassen, dann müssen eben Gräben gezogen werden, 
deren Anordnung, Länge und Tiefe natürlich ganz von der 
Beschaffenheit des Ssedd abhängen; dadurch wird dieser in 
mehr oder weniger quadratische regelmässige Felder geteilt 
(s. Fig. 14). Die Gräben werden dadurch hergestellt, dass die 


ii* 


— 164 — 

arbeitenden Soldaten in jener Anordnung aufgestellt werden, 
wie man die ersteren herstellen will. Dieselben arbeiten zu 
erst mit den kurzen Säbeln, indem sie das halbverbrannte Gras 
bis an die Wurzeln oder bis an die feste zusammengepresste 
Vegetationsmasse abhauen und diese selbst ebenfalls zer- 
hacken und das Zerhackte mit den Händen aus dem be* 
gonnenen Graben werfen. Später, wenn die Masse an Dicke 
zunimmt, wird mit dem Spaten gearbeitet, indem derselbe 
senkrecht in die Masse gestossen und dieselbe auf diese 
Weise zerschnitten wird, eine Arbeit, die, sobald man auf 
das von unten und seitlich eindringende Wasser gekommen, 
sehr beschwerlich ist. Die Leute arbeiten oft bis an die 
Brust oder den Hals im Wasser und Morast im Graben 
stehend, die Oberfläche des Ssedd ist Ober ihren Köpfen 
und die Füsse stehen häufig noch immer auf der zusammen- 
gepressten Grasmasse. Ist endlich auch diese an einer Stelle 
durchbrochen, so wird das unter dem Ssedd befindliche 
Wasser durch die Öffnung hinaufgepresst und die Leute 
müssen sich in acht nehmen, an solchen Stellen nicht durch- 
und in den Fluss zu fallen; dabei kommen sie natürlich 
unter den Ssedd und können trotz der grössten Fertigkeit 
im Schwimmen und Tauchen ersticken und ertrinken. Da 
der Ssedd nicht an allen Stellen gleich mächtig, so ist die 
Tiefe eines Grabens für den anderen durchaus nicht mass- 
gebend und es muss derselbe eben so weit vertieft werden, 
als bis die Grasmasse unter den Füssen möglichst wenig 
stark und dicht ist; das Abgehauene wird auch hiebei von 
den Arbeitenden mit den Händen aus dem Graben geschafft 
und an den Rändern aufgehäuft, so dass förmliche Laufgräben 
und Wälle gebildet werden. Die Tiefe der Gräben hängt 
auch viel von den arbeitenden Dampfern ab; arbeitet der 
Dampfer gut und wird gut kommandiert, so ist das voll- 
kommene Abtrennen der einzelnen Felder nicht nötig; es 
genügt schon, ein oder zwei Drittel der Dichte des Ssedd 
mit Gräben in Felder zerteilt zu haben; der arbeitende Dampfer 
reisst dann diese an den gezogenen Gräben vollends los. 

„Sind eine gehörige Anzahl von Feldern auf diese Weise 
durch die Gräben bis auf die nötige Tiefe gezogen, so kann 


— i65 — 

die Arbeit mit dem Dampfer beginnen. Derselbe fährt ganz 
knapp an, selbst etwas in den Ssedd hinein (s. Fig. 15), die Leute 
(nur Schwimmer) rammen die an den Zugseilen angebundenen 
Holz pflöcke ein, oder wenn der Ssedd hiezu zu dicht ist 
oder zu viel Morast etc. enthält, verschlingen sie die beiden 
Holzklötze mit den Tauen, so dass diese eine riesige Schlinge 
bilden, die in den Graben um ein Feld eingelegt wird. Beim 
Rückwärtsfahren des Dampfers wird nun das so umgürtete 
Feld — wenn alles ordentlich geschieht — unfehlbar gänz- 
lich losgerissen und stromab geschleppt, worauf die während 
des Loszerrehs auf dem Felde oder vielmehr an den Rändern 
des Töf an dem Tau und an den Pflöcken hängenden 
Arbeiter diese aus dem Töf herausarbeiten und dann an 
den Dampfer schwimmen oder klettern; das losgetrennte 
Feld aber wird als Ganzes oder Zerstückeltes von der 
während der Arbeit am Ssedd allmählich zunehmenden 
Strömung stromab getrieben (s. Fig. 16). Der Dampfer fährt 
wieder heran, und die Arbeit beginnt von neuem. Sehr viel 
kommt darauf an, wie man die Felder der Reihe nach 
angreift. Zuerst müssen die am Rande befindlichen Felder 
in Angriff genommen werden, nicht seitlich eingeschlossene; 
die stärksten Schiffsketten müssen bei letzterer Manipulation, 
wenn der Dampfer stark genug, zersprengt werden** 

Gewöhnlich wird, wenn ein Teil der Barre abgegraben 
ist, der übrige Teil durch den Druck der Wassermassen in 
Bewegung gesetzt und treibt, meistens in Inseln berstend, fluss- 
abwärts (s. Fig. 17). Dabei geschieht es häufig, dass eine weiter 
oberhalb lagernde Barre auch in Bewegung gerät und stück- 
weise hinunterschwimmt. Vermutlich werden nun die hinter 
jener Barre aufgestauten Fluten zuerst stärker an den Ssedd 
geworfen, dann durch das rasche Fallen des Wassers vor 
dem Block. unter der Verlegung rasch hindurchgeführt, und 
reissen die vermöge ihrer eigenen Schwere sinkenden Par- 
tieen mit sich ; ausserdem mag die unterhalb der Barre sich 
plötzlich vermehrende Strömung förmlich ansaugend zu 
wirken. Dabei geschieht es nicht selten, dass sich die ab- 
treibenden Tefän weiter unten wieder stauen und eine neue 
Verlegung bilden. .Welche Masse bei einem solchen „Ssedd- 


— i66 — 

gang" abtreibt, erhellt aus dem Berichte Garstins®*^) dass 
die schwimmenden Inseln eines berstenden Blocks 36 Stunden 
lang an einem Punkte vorbeitrieben. 

Wenn nun ein Dampfer am Ufer lagert und es kommt 
ein solch gewaltiger „Sseddstoss*' , so ist es leicht möglich, 
dass das SchiflF ganz von den schwimmenden Massen einge- 
schlossen wird. So übernachteten einmal die beiden Dampfer, 
mit denen Marno*^®) arbeitete, oberhalb einer teilweise ge- 
öffneten Barre. Am andern Tage aber war die Durchfahrt 
hinter ihrem Rücken verschlossen und sie hatten nun die 
schwierge Aufgabe, die neue Verlegung stromabwärts zu 
beseitigen. Während dieser Arbeit kamen die Bruchstücke 
einer oberhalb geborstenen Barre herab und schlössen sie 
vollständig ein. Die Dampfer hatten zum Glück schon 
ziemlich viel von der frischverlegten Durchfahrt beseitigt, 
die nun Dank der durch das Abtreiben der oberen Barre 
vermehrten Strömung vollends durchsägt und durchstossen 
wurde, so dass die Schiffe noch rechtzeitig durchschlüpfen 
konnten. Einen schhmmeren Ausgang nahm ein solches 
Ereignis i. J. 1873®^). Die „Sseddexpedition'* Ismail Ajub 
Paschas hatte die (damalige 8.) Barre beseitigt und ging mit 
dem Dampfer mitten im Flusse vor Anker, während die 
übrigen Schiffe hinter diesem ans Ufer gelegt waren. Die 
durch die Hinwegschaffung des Ssedd freigewordene Strö- 
mung brach des Nachts die noch weiter stromaufbofindliche 
Barre, von deren Vorhandensein man nichts wusste, und 
trieb sie mit grosser Gewalt stromab, wo sie den verankerten 
und ungeheizten Dampfer traf, dessen Ankerkette sprengte, 
ihn selbst gegen die Schiffe presste, sechs hievon vernichtete 
und schliesslich ihn mit beschädigten Rädern, Steuer etc, 
auf das Ufer warf. Man muss daher eine kleine Strecke 
von der Barre stromab, in einer kleinen Bucht oder wenig- 
stens in der Konkavität einer Flusskrümmung übernachten 
und darf nicht Anker werfen, sondern denselben mit Seilen 
am Ufer festlegen, um Zeit zu gewinnen, den Dampfer schnell 
losmachen zu können. 

Die Art der Barrenbeseitigung im Bahr el Ghasal 
ist nach Marno®^) ganz verschieden von der im Bahr el 


— 167 — 

Djebel angewandten. Ein Losreissen von Partieen der Ver- 
legung mittels Dampfer, wie dort, ist wegen der meist nur 
geringen Breite, der vielen jähen Windungen und mangeln- 
den Strömung im Bahr el Ghasal nicht möglich. Es bleibt 
nichts anderes übrig, als die Grasmassen, welche die Ver- 
legung erzeugen, auszuräumen, d. h. aus dem Flusse zu 
ziehen und auf das Ufer, oder wo solche fehlen, auf die im 
seitlichen seichten Wasser schwimmenden und zusammen- 
hängenden Schwingrasen zu häufen. 

Marno***) machte seinerzeit den Vorschlag, ein be- 
sonderes Instrument zu konstruieren, mit dem man grössere 
Fortschritte beim Wegräumen des Ssedd machen würde. 
Er wollte aus Baumstämmen mit einem stehen gelassenen 
Aststück, die durch Schienen zu verbinden gewesen wären, 
einen Rechen fertigen, der, in die Sseddmasse eingekrallt, 
grosse Stücke herauszuziehen vermocht hätte. Das Instru- 
ment hätte auch mit V2 bis V4 rn langen Nägeln gleich einer 
Egge versehen werden können. Für leichteren Ssedd wären 
Messer zum Zerschneiden einzusetzen gewesen, für dichteren 
abwechselnd Stifte und Messer, so dass das, was die 
Messer durch das Rückwärtsziehen des Dampfers zer- 
schnitten, durch den dazwischenliegenden Zahn weggezogen 
worden wäre. Für ganz harten Ssedd hätte man in der 
mittleren Querschiene des Gestells Messer, in der hinteren 
Pflugschar ähnliche Eisen einsetzen können. Es wäre nur 
eine Vorrichtung für alle Sseddarten zu fertigen nötig ge- 
wesen, indem man nach Bedürfnis Nägel, Messer oder Pflug- 
scharen hätte anbringen können und so je nachdem einen 
Dampfrechen, eine Dampfschneidmaschine oder einen Dampf- 
pflug zur Verfügung gehabt hätte- Man hätte nach Marnos 
Ansicht Arbeiter dadurch erspart und der Ssedd wäre nicht 
nur beseitigt, sondern auch durch das Zerschneiden und 
Zerpflügen vernichtet worden, so dass sich nicht wie sonst 
losgerissene Graskomplexe stromabwärts neuerdings hätten 
anzusammeln vermocht. Dieser Vorschlag Marnos ist nicht 
zur Ausführung gekommen. Wie Herr Giegler-Pascha mir 
mitzuteilen die Güte hatte, war an die Verwirklichung dieser 
Idee bei den damals zu Gebote stehenden primitiven Mitteln 


— i68 — 

nicht zu denken. Marno überschätzte die Zugkraft der 
Dampfer. Zwei davon hätten nicht genügt, Teile des Ssedd 
auf diese Art zu zerreissen oder zu durchschneiden. Marno 
machte auch den Vorschlag, den Ssedd mittels Pulver zu 
sprengen. Aber dieser Plan ist nicht erfolgreich durchzu- 
führen, wie der Versuch des Lt. Drury®^'') 1901 bewies. 
Das zum Sprengen verwendete Nitroglycerin riss nur tiefe 
Löcher ohne weitere Wirkung; denn, obwohl kompakt, ist 
der Ssedd doch sehr elastisch und besitzt nicht die genü- 
gende Widerstandskraft, um die volle Gewalt der Ladung 
zu verspüren. Immer noch ist die beste Art der Ssedd- 
beseitigung die von M a r n o®^®), P e a k e ®^') und M a 1 1 h e ws®^) 
angewandte, nämlich das Abgraben und Herausziehen der 
Blockstücke durch Dampfer. 


2. Die „Ssedd-Expeditionen^^ 

Die Beseitigung der Pflanzenbarren im oberen Nil- 
gebiete wurde in der Regel von Fall zu Fall von der Be- 
mannung der Handelsbarken oder Regierungsschiffe vorge- 
nommen. Manche Barre, von der wir nichts wissen, ist 
durch die Handelsschiffe weggeräumt worden; so sicher im 
Bahr el Seraf, als er als einziger Verkehrsweg nach Süden 
diente. Die meisten Schiffe begnügten sich damit, einen 
' Weg für den Augenblick durchzubahnen; denn wer hätte 
ihnen die Kosten für die gänzliche Zerstörung einer Barre 
ersetzt? Erst als das Hindernis so stark wurde, dass es 
ein einziges Schiff nicht überwinden konnte, und die Schiff- 
fahrt ganz unmöglich war, wurde systematisch gegen die 
Ssedds vorgegangen. Dies geschah unseres Wissens drei- 
mal: von 1872 — 1874 unter persönlicher Leitung des Hokm- 
dars (Gouverneurs) Ismail Ajub Pascha, 1878 — 1881 
unter Lupton und Marno und von 1899 an unter den 
englischen Majoren Peake und Matthews nebst ihren 
Offizieren. 

I. Ssedd-Expedition. Über Einzelheiten der ersten 
Sseddexpedition sind wir nicht unterrichtet, da kein Bericht 
vorliegt. Wir wissen nur, dass auf die Bitte S. Bakers*^®), 
die Pflanzen Verstopfungen zu beseitigen, der Khedive den 


- i69 - 

Gouverneur Ismail Ajub Pascha mit dieser Mission be- 
traute, welcher in der zum Wegräumen günstigen Jahres- 
zeit (vermutlich Januar oder Februar*^®)) des Jahres 1872*^) 
mit drei Kompagnieen Soldaten und zwei Dampfern®*^) die 
Arbeit begann und ein gutes Stück der Verstopfung (wahr- 
scheinlich im Bahr el Abiad) hinwegschaffte. Der Ssedd 
war, vermutlich durch das Steigen des Nils, i. J. 187 1®**) 
— der Albert-See erreichte damals sein Maxiraum — derart 
angewachsen, dass eine lange Unterbindung des Verkehrs 
zu befürchten war®*^). Bei der Rückkehr Bakers im Juni 
1873 war etwa die Hälfte der Barren beseitigt®^®). Diese 
erste Räumung scheint aber nicht von dauerndem Erfolge 
gewesen zu sein; denn der gewundene und nur 55 m breite 
Bahr el Abiad zwischen der Serafmündung und dem Mokren 
verstopfte sich wieder, und Gordon®**) glaubt, dass er 
erst im März 1874 von einem Unbekannten wieder geöffnet 
wurde. . Zu jener Zeit (1873) waren auch , nicht weit vom 
Mokren entfernt ®*^) , bei der 8. Barre im Bahr el Djebel die 
sieben Schiffe I s m a i 1 s zugrunde gegangen (s, S. 166). Da- 
mals ereignete es sich ®**), dass während der Nacht der Rest 
einer Barre abtrieb und gegen die Schiffe stiess, wobei der 
Dampfer über 6 km weit abwärts gedrängt wurde. Ismail 
nennt es eine grausige Szene: Nilpferde wurden hinab- 
geschwemmt, brüllend und schnaubend, Krokodile rund 
herumgewirbelt, und der Fluss war mit toten und verenden- 
den Nilpferden, Krokodilen und Fischen bedeckt, die durch 
die Vegetationsmassen zerquetscht worden waren ; ein Hippo- 
potamus und ein Krokodil wurden gegen den Bug des 
Dampfers geschleudert und so getötet. 

Im März 1874 waren alle Barren beseitigt®*'), und die 
Schiffahrt konnte wieder den alten Weg benützen. Doch 
war, wie Marno®*®) erzählt, der untere Bahr el Djebel zu 
Ende 1874 durch Om-Ssüf so verengt , dass die Dampfer 
bei Flusskrümmungen das ganze freie Wasser beanspruchten 
und häufig mit Vorder- und Hinterteil in das dichte Pflanzen- 
geflecht gerieten. 

2. Ssedd-Expedition. Sie begann i. J. 1878. Damals 
schickte der stellvertretende Generalgouverneur Giegler- 


— 170 — 

Pascha den nachmaligen Gouverneur der Bahr el Ghasal- 
Provinz Lupton***) und Mohammed Taha mit zwei Dam- 
pfern an die Barren, durch welche seit Oktober 1878 kein 
Dampfer mehr hatte zu dringen vermocht. Die bis zum 
Sommer 1879 ausgeföhrten Arbeiten brachten keinen dauern- 
den Erfolg. Man wollte damals zur Ermöglichung der besseren 
Tefäntrift die Mündung des Bahr el Djebel erweitem und 
entfernte deshalb das sich weit in den Mokren el Bahür wie 
eine Landzunge erstreckende Westufer eine Strecke weit. 
Dadurch war aber dieser natürliche Damm gegen den An- 
drang des Wassers von Westen beseitigt und der Druck 
des Wassers des Bahr el Ghasal auf die Mündung des 
ersteren noch vermehrt worden, so dass der untere Bahr el 
Djebel gestaut wurde***). Im September 1879 wurde Marno 
an die Barren geschickt, die er, wie wir gehört haben, mit 
gutem Erfolge beseitigte. Er hatte anfangs verhältnismässig 
wenig Arbeiter und nur einen Dampfer mit zwei Schiffen, 
bekam aber später drei Dampfer und etwa 200 Mann, so 
dass er bis Ende März 1880 die Ssedds des Bahr el Abiad 
und Bahr el Djebel beseitigt hatte. Da in der Regenzeit 
eine Arbeit an den Barren nicht möglich ist, konnte er erst 
i. J. 1881 den Bahr el Ghasal von den Verlegungen reinigen. 
Auch dies vollbrachte er im Januar (wo er Gessi befreite 
und mit ihm nach Faschoda zurückkehrte) und im April und 
Mai 1881 mit zwei Dampfern, zwei eisernen Lastschiffen, 
eine Barke und 200 Arbeitern. Marno arbeitete, wie G i e g 1 e r - 
Pascha**^) hervorhebt, unter den denkbar ungünstigsten Ver- 
hältnissen; seine Briefe und Tagebücher geben uns hieven 
den besten Begriff. Die Barren bildeten sich immer von 
neuem, so dass oft die Arbeit vieler Tage vergeblich schien; 
die Taue rissen häufig beim Pflockziehen und neue standen 
nicht zur Verfügung; auch die Schiffe wurden teilweise be- 
schädigt. Besonders aber machte sich der Holzmangel fühlbar, 
weshalb immer wieder vom Arbeitsplatze nach der Station 
Ssobat und nach Faschoda zurückgefahren werden musste, 
wo aber auch oft wenig Feuerungsholz aufgestapelt war, da 
noch lange Zeit die spärlichen Uferwälder unter Wasser 
standen; später war fast immer einer der Dampfer zur Holz- 


— 171 - 

fracht unterwegs; denn im Sudan gibt es keine Kohle und 
es werden noch heute die Dampfer mit Holz geheizt®^*). 

3. Ssedd-Expedition. Die dritte Ssedd-Expedition 
endlich wurde, wie wir gehört, zuerst im Dezember 1899 
und dann im Januar 1900 wieder ausgeschickt und hatte 
bis 27. März 131 Kilometer des Flusses von 14 Ssedds frei- 
gemacht. Major Peake arbeitete mit fünf Kanonenbooten 
und 800 gefangenen Mahdisten. Die Expedition beseitigte 
insgesamt eine verlegte Strecke von 8 km, was aber nicht 
die Gesamtlänge der Verstopfungen ausmachte, da drei 
Barren von selbst abtrieben. In drei Monaten wurden allein 
11850 cbm Sseddstoff weggeschafft, wobei aber nicht die 
grosse Masse einbezogen ist, die von selbst sich loslöste. 
Die 16. bis 19. Barre wurden im Januar und Februar 1901 
von Lt. Drury beseitigt®**). 

Wir können nur mit Bewunderung die Arbeiten dieser 
Ssedd-Expeditionen betrachten, die in diesem ungesunden, 
heissen, von Mosquitos heimgesuchten Gebiete, oft auf Monate 
von der Verbindung mit der Aussenwelt abgeschnitten, ein 
solch ungeheures Werk vollbrachten. 

WeitereArbeiten an den Ssedds. Die 15. Barre 
im Bahr el Djebel wurde durch die Ssedd-Expedition des 
Majors Matthews®**) 1901— 1902 in Angriff genommen, 
aber infolge der nahenden Regenzeit nur zur Hälfte abge- 
graben. Im Januar 1904 wurde noch mit 2 Dampfern und 
300— 400 Sudanesen daran gearbeitet ®^^). Damals schien die 
Öffnung nahe bevorzustehen, als Lt Drury, vom Malaria- 
fieber ergriffen, von weiterer Arbeit abstehen musste. Der 
bis dahin geöffnete Kanal schloss sich wieder ^^). Aller Wahr- 
scheinlichkeit nach wurde der Block i. J. 1905 gänzlich beseitigt. 

Drury undPoole arbeiteten 1903 mit gutem Erfolge^ 
namentlich am Bahr el GhasaP^'^); ebenso wurde 1904 fort- 
gefahren®^®). Die Sseddräumung am unteren Bahr el Arab 
setzte 1906 Lt. Bayldon®^®) fort, so dass also nicht, wie 
Bonnel de Mezi^res®®*') glaubt, der Bahr el Arab durch- 
gängig mit Dampfschiffen befahrbar ist, am wenigsten bis 
Hofrat en Nahas, also 750 km®®^) weit, da dieser Fluss 
kaum durchgehends eine brauchbare Wasserstrasse darstellt. 


— 172 — 

Jetzt ist die Schiffahrt auf dem Bahr el Abiad, Bahr el 
Djebel und Bahr el Ghasal wieder hergestellt; ein reger Ver- 
kehr findet bis in den Djur und Wau hinauf statt'**», und am 
1. eines jeden Monats fährt ein Dampfer nach der Meschra 
€r Rek, am 15. eines jeden Monats nach Gondokoro. Jedoch 
ist noch stets ein Dampfer am oberen Weissen Nil stationiert 
zur Freihaltung der Wasserstrasse, die aber nach Sassi^^l 
oft so verwachsen ist, dass die Dampfer in der Trockenzeit 
•öfters für kurze Zeit stecken bleiben. 


3« Pläne zur Verhinderung der Sseddbildung. 

Am Schlüsse einer Abhandlung über die Pflanzenbarren 
mag wohl ein Wort über die Weise der Verhinderung ihrer 
Entstehung angebracht sein. 

Marno®**) wies bereits darauf hin, dass das Flussbett 
des Bahr el Djebel von Hellet Nuer bis zum Mokren el 
Bahür meistens mit Papyfus bestanden ist und daher festere 
Ufer, ohne Durchbrüche und Ausbuchtungen, besitzt. Wären, 
so sagt er, die Flussufer bis Ghaba Schambe beiderseits 
ununterbrochen mit Papyrus bewachsen, so könnten Ssedd- 
bildungen nicht stattfinden, da die flottierende Grasvege- 
tation, auf die Seitengewässer beschränkt, nicht in den eigent- 
lichen Fluss gelangen könnte. Durch diese Pap3rrusbestände 
würden sich die Flussufer mit der Zeit allmählich erhöhen 
und natürliche Dämme bilden, die das umliegende Land vor 
Überschwemmungen schützen und trocken legen würden 
Willcocks®*^) nennt dreierlei Versuche: Einmal Erweite- 
rung und Verkürzung des Hauptflusslaufes durch Aus- 
baggern, im N beginnend, flussaufwär ts ; dann Befestigung 
der Ufer durch Eisenpfähle auf der 6— 8 km langen Strecke, 
wo die schwimmenden Pflanzen besonders leicht beweglich 
und üppig sind; schliesslich Regulierung des Flusses ^'on 
oben bis unten. Zu diesem Behufe müssten durch Pfähle 
und Reisig (Faschinen) die verbreiterten Ufer geschützt und 
die Seitenwasser abgedämmt werden. Die in der Flutzeit von 
den oberen Niltributären her abgebrachten Depositen würden 


— 173 — 

die Ufer befestigen. Dann solle man, führt Willcocks®**> 
weiter aus, Weiden und Pappeln pflanzen, da besonders 
erstere am Mississippi sich als gute Sumpfverbesserer be- 
währt haben. Fingen diese Pflanzen einmal an, Wurzel 
zu fassen, so würden sie dem Ufer Festigkeit verleihen und 
das Wasser, in einen einzigen Kanal eingegrenzt, würde 
selbst seinen Lauf von Pflanzen säubern. W i 1 1 c o c k s schlägt 
die Breite des neuen Flussbettes zu 300—600 m an. Zu 
diesem Behufe müssten aber weite Strecken des jetzt ver- 
wachsenen und oft auf 40—50 m und noch weniger Meter 
eingeengten Flusslaufes gesäubert werden. G r o g a n**')- 
hält diesen Vorschlag nicht für glücklich, weil der Bahr el 
Djebel zu tief sei, um Anpflanzungen zu gestatten und weil 
die Kosten unerschwinglich hoch sein würden. Übrigens 
wird die Weide südlich von Chartum nirgends mehr ge- 
iunden*^), so dass es unwahrscheinlich ist, ob sie in Ber 
Sumpfregion in solcher Menge gedeihen würde; auch ist es 
fraglich, ob die Wassertiefe nicht hinderlich ist. Garst in**®) 
hält dagegen den Ambadsch für einen guten Uferschutz. 
Schon Marno®'^) wies darauf hin, dass der Bahr el Ghasal 
oberhalb der Bahr el Arabmündung stundenweit dicht mit 
Ambadschbeständen eingesäumt sei, die hier, wie am Bahr 
el Djebel der Papyrus, die in den Maije schwimmenden 
Grasmassen am Eindringen in den Fluss hindern. Garstin 
glaubt, dass der in massig tiefem Wasser wachsende Am- 
badsch, in einer Reihe über die Mündung eines Seitenkanals 
gepflanzt, sicher bald (da er sehr schnell wächst; s. S. 103) 
den Kanal verschliessen und so die schwimmende Vegetation 
vom Eindringen abhalten würde. Oder man könnte, fährt 
Garstin fort, zwei Reihen von Ambadsch pflanzen setzen und 
ihren Zwischenraum während der Trockenzeit mit Erde bis 
zum Wasserrande ausfüllen. Henry*'^} schlägt die An-^ 
pflanzungvonSchilfundMimosen vor. Schweinfurth®''*), 
welcher schon bei Gelegenheit seiner berühmten Reise 
(1869— 1871) als sicherstes Mittel, den Bahr el Ghasal einem 
ungehinderten Verkehre zugängHch zu machen, die Herstel- 
lung von Dämmen empfahl®''^), nimmt neuerdings zu dem 
Willcocksschen Projekte Stellung. Er führt aus, dass es in 


— 174 - 

diesen Sumpfregionen sowohl an Holz zu Pfählen, als auch 
an Sand, Erdreich und anderem festen Material zum Aufbau 
der Dämme fast gänzlich mangelt; auch hat der Fluss hier 
keine Sandbänke. Man wäre genötigt, lange eiserne Pfähle 
einzurammen und Strauchwerk mit deren Hilfe zu befestigen, 
in welchem sich allmählichdie festen Bestandteile des Stromes 
verfangen und anhäufen könnten, bis man mit Hilfe solcher 
Anschwemmungen Weiden oder ähnliche Wassersträucher 
-würde anpflanzen können. 

Vielleicht wäre es am besten, den Feind mit seinen 
-eigenen WafiFen zu bekämpfen, d. h. je nach dem klimatischen 
und terrestrischen Bedingungen Wasserpflanzen anzusiedeln : 
im mittleren Bahr el Djebel, Bahr el Ghasal und Weissen Nil 
etwa Ambadsch und im unteren Bahr el Djebel Pap3rrus, 
Diese Pflanzen vmrden, wie erwähnt, als Schlammfänger 
Äe'Ufer befestigen und erhöhen, die Seitenkanäle schliessen 
und das Eindringen schwimmender Inseln verhindern. Bei 
genügender Vertiefung des Flussbettes an den Ufern be- 
stände kaum Gefahr, dass der Papyrus oder Ambadsch zu 
weit ins Wasser vordränge. 

Marno***) war der Ansicht, dass man zur Hebung der 
Abströmung die für diese Gegend charakteristischen recht- 
winkligen Flussmündungen verlegen müsse.*) Er gedachte 
den Bahr el Djebel 3V2 km oberhalb seiner Mündung in den 
Mokren an jener Stelle, wo er plötzlich nach N biegt, direkt 
gegen N O in den Bahr el Abiad zu leiten. Ebenso wie der 
Bahr el Ghasal und Bahr el Djebel sich oft ihren beider- 
seitigen Abfluss erschweren, wird der Bahr el Abiad durch 
die ungünstigen Konfigurationen des Bahr el Seraf und be- 
sonders des Ssobat am Abströmen gehindert. Die Strömung 
des Ssobat trifft nicht nur rechtwinklig, sondern fast konträr 
[?] auf die des Weissen Nils — ein Umstand, der mit zu 
den bekannten Wasserstauungen beiträgt. Es wäre deshalb 
vor aUem der Ssobat vor seiner Mündung durch einen 
Kanal nordöstlich in den Bahr el Abiad zu leiten, so dass 


*) Wahrscheinlich sind diese unnatürlich grossen Winkel zwischen 
Haupt- und Nebenfluss schon Ergebnis einer früheren Stromabdrängung. 


— 175 — 

beide Strömungen in möglichst spitzem Winkel zusammen- 
treffen würden, wie es der Natur entspräche. — 

Innig zusammen mit dieser Uferbefestiguug hängt die 
Regulierung der Wasserführung. Viele Pläne wurden aus- 
geheckt, durch Kanalisierung die in den Sümpfen verloren 
gehende Wassermenge zu erhalten. Nach Schwein fürt h®'"^) 
gehen in der Sseddregion alljährlich mindestens i8 Millionen 
cbm Wasser durch Verdunstung und Absorption durch 
Pflanzen verloren. Nach Gar st in®'*) betrug der Wasser- 
verlust auf der nur 134 km langen Strecke Mongalla— Bor 
im September 1903 50 7o — und das schon vor den Sümpfen ; 
zwischen Gondokoro (1985 cbm i. d. Sek.) und einer Stelle 
zwischen Kenissa^ und Ghaba Schambe (Km 824 vom Albert- 
See: 532 cbm i. d. Sek.) aber bereits 1453 cbm = 74^0 ^'^J- 
Am Mokren war schon ein Verlust vonSsVo ^u verzeichnen®'^*). 
Wie schon erwähnt, (s. S. 97), führte der Nil Ende März 
1901 vor der Sumpfregion (bei Ladö) 622,96 cbm i. d. Sek., 
nach Durchströmung des Sseddgebietes (unterhalb der 
Serafmündung) nur mehr 294,22 cbm i. d- Sek.; er hatte 
folglich 328,74 cbm, also mehr als die Hälfte, verloren. 

Nach solchen Erfahrungen hat man sich entschlossen, 
den oberen Nil zu regulieren. Drei Projekte wurden aufge- 
stellt, um Strömung und Gefälle zu verstärken. 

1. Regulierung des Bahr el Djebel. 

2. Kanalisierung des Bahr el Seraf. 

3. Schaffung eines Kanals von Bor bis zur Ssobatmündung. 

Die beiden letzteren Projekte hätten den Vorteil, den 
Weg der Wassermassen zu verkürzen und so ein schnelleres 
Gefälle herbeizuführen. Über die Einzelheiten dieser Pläne 
orientiert man sich am besten bei Garst in®"). Die Frage 
bleibt nur, wie sich, wenn wenig Wasser mehr durch den 
Bahr el Djebel zum Mokren flösse, der Bahr el Ghasal dazu 
verhalten würde. Die geringe sichtbare Wassermenge 
(12--20-— 30 cbm i. d. Sek.) würde sich kaum durch den 
versumpfenden Mokren und noch weniger durch den Bahr el 
Abiad bis zur Seraf- bezw. Ssobatmündung einen Weg 
bahnen können; oder es würde die enorme zusammenfallende 
Wassermenge des Ssobat und des Kanals noch mehr als 


. / 


- 176 - 

bisher den entwässerten oberen Bahr el Abiad und den 
Bahr el Ghasal zurOckstauen. Sicherlich würde gewiss die 
grosse Wassermenge von bedeutendem Nutzen für das Nil- 
tal sein, wie das z. B. Willcocks*'*) für die Baumwoll- 
ernte erwartet. Ob damit aber eine Entwässerung der jetzt 
stets überschwemmten Sseddregion verbunden sein wird, 
steht dahin. Garstin*'*; glaubt sogar, dass die aus der 
Kanalaushebüng gewonnene Erde den bis jetzt fehlenden 
Untergrund für den Telegraphen- und sogar für den Bahn- 
bau liefern würde. 

Bevor aber diese Pläne, die einen ungeheuren Kosten- 
aufv\^and erfordern, ihrer Verwirklichung entgegengehen, ist 
es nötig, die bisher wichtigsten Verkehrswege im Sudan, 
die Flüsse, offen zu halten ; dies wird am besten durch einen 
geregelten Verkehr erzielt. Dass aber die Tatkraft der 
Engländer den wirtschaftlichen Aufschwung des Sudan noch 
mehr heben wird, daran ist nicht zu zweifeln. Dann wird 
auch der sehnlichste Wunsch eines um den ägyptischen 
Sudan hochverdienten Mannes erfüllt werden, der Wunsch 
unseres unvergesslichen Landsmanns Emin-Pascha. 


Anhang. 


Verzeichnis der Ssedd-Pflanzen. 

Die Aufzählung der einzelnen an der Sseddbildung be- 
teiligten Pflanzen ist in den wenigen Berichten, die wir hievon 
haben, sehr verschieden, je nach den botanischen Kennt- 
nissen der Autoren und der Gegend des Nilsumpfgebietes, 
in der die Beobachtungen angestellt wurden. Die Bahr el 
Abiad- und namentlich die Bahr el Ghasal- Region unter- 
scheidet sich vielfach von der des Bahr el Djebel. 

Herr Professor Dr. G. Schwein furth hatte die grosse 
Güte, mir folgendes Pflanzenverzeichnis der an der Bildung 
der Pflanzenbarren des Bahr el Abiad und Bahr el 
Ghasal beteiligten Pflanzenarten zur Verfügung zu 
stellen, das nach seinen Funden vom Jahre 1869 zusammen- 
gestellt ist und bisher in dieser Art noch nicht veröffenthcht 
war. (Nach Schwein furths eigener Angabe will sein 
Verzeichnis auf Vollständigkeit keineswegs Anspruch er- 
heben.) 

Azolla nilofica, Dcne,*) 

Oryza sativa, L. var. punctata, Ky. 


*) Azolla nilotica Decne. ist nach E n g 1 e r ^) auf Ostafrika be- 
schränkt, wo sie im Bahr el Abiad, an der Ssobatmündung, im Bahr 
el Ghasal, am Gonskoro [?], aber auch bis zum Rovuma, Rukwa-See 
und Lualaba und in Tümpeln der Steppe vorkommt, sowie am Meni 
in einem Waldsumpfe noch bei 1700 m ti. d. M.; ebenso wurde das 
I, Wassermoos'* von Kirk^) am Schire und Luabo gefunden. Barter') 
will die Pflanze auch an der Küste von Lagos in Westafrika angetroffen 
haben. — In Bengalen übt die Azolla pinnata R. Br. ähnliche Wirkung 
wie im Nil*). 

Deuerling. Die Pflanzenbarreo. 12 


— 178 — 

Panicum Cms-gallt, L. v. polystachyum, Munro*) 
Vossia procera, Griff.**) 
Phragmites communis, Trin.***j 


♦) Nur Schweinfurth führt das Panicum CrtAS-galli L. in der 
Var. polystachyum Munro. als Ssedd-Pflanze an. Nach Durand u. 
Schinz*) findet es sich auch im Mongbuttulande. Engler •) nennt 
es auch für Südamerika und Ostindien. Broun^) führt das Panicum 
pyramidale Lamk- an, hält aber das Om-Ssüf („Mutter der Wolle"), dem 
aber nur der Name Vossia procera Wall, et Griff.^) zukommt, dafür. — 
Das Panicum, pyramidale Lamk. ist nach Engler') im tropischen Afrika 
weit verbreitet, im Kapland ap der Südküste und im Osten. Es kommt 
nach Chevalier*®) in Senegambien und Französisch • Kongo wie im 
.Niger häufig vor. — Über das Panicum stagninum Retz. var. Burgu 
Aug. Chev. s. S. 44. — Das P. eUphantipes haben wir bereits in Guiana 
kennengelernt (s. S 40). 

•*) Schon Speke u. Grant"' nennen die Vossia procera Wall. 
et Griff., gefunden in den Hinterwassern des Nils (Nov. 1862); John- 
ston '^Hübernimmt sie in seine Pflanzenliste als in Unjoro vorkommende, 
von Speke u Grant bestimmte Pflanze. Hope*®) hat dies über- 
sehen, wenn er schreibt, dass „ Vossia procera" eine neue Identifikation 
sein müsse , da im „Treasury of Botany" v. J. 1870 die Vossia cuspi- 
data, ein in Westindien einheimisches Gewächs, als die einzige Species 
dieser Art aufgeführt sei. Schweinfurth") beschrieb die Vossia pr. 
als Om-Ssüf („Mutter der Wolle") schon anlässlich seiner berühmten 
Reise. Garstin*^) schrieb 1901, dass ein Muster dieses Grases, das 
ins Britische Museum eingeschickt worden war, als Phragmites com- 
munis identifiziert wurde. Sicherlich hat sich der Einsender getäuscht 
und ein Schilfrohr, das gerade an jener Stelle vorherrschte, infolge der 
grossen Ähnlichkeit statt des Om-Ssüf eingeschickt®). Diese Meinung 
teilt auch Hope"). Die Vossia procera bildet nach Chevalier") auch 
im Kongo ganze Wasserwiesen ; sie reicht, wie Durand u. Schinz^®) 
und Engl er *^) angeben, von Kassakh im N durch Kordofan und das 
Gebiet des Weissen Nils bis zur nördlichen Seenregion (Unjoro, Usinja) 
und vom Senegal bis zum Kongo. In Indien ist sie in den bengalischen 
Sümpfen heimisch-^). Sie wird auch Vossia cuspidata (Roxb.) K. Schum. 
genannt und ihr Verbreitungsgebiet von Engler**) vom Viktoria- Njansa 
einerseits bis Abessinien, andererseits bis zum Nyassatand angegeben. 

**♦) Der Phragmites communis Trin. oder Arundo Phragmites L. 
ist Kosmopolit und bildet allenthalben auf der Erde wohl die wichtigste 
Verlandungspflanze. Früh u. Schröter") führen viele Beispiele von 
Schilfsümpfen an. Der Phragmites schreitet bis höchstens 2Va m Tiefe 
ins Wasser vor (grösste Höhe 10 m), ist aber hier am Nil bei der 
Bildung der flottierenden Inseln weniger beteiligt. Über seine Verbrei- 
tung im Nilgebiete äussern sich u. a. S p e k e u. G r a n t ") und J o h n s t o n "). 


- 179 - 

Anosporum Colyntbetes, Bk. 
Anosporum cubense, Boeckl. 
Anosporum nudicaule, Boeckl. 
Cyperus abyssinicus, H. 
Cyperus Mundtii, Nees 
Cy Perus nuerensts, Bckl. 
Cyperus Papyrus, L.*) 


*) Den Habitus und die Verbreitung des Papyrus im oberen Nil- 
gebiete haben wir bereits (s. S. loi f.) behandelt. Seine geographische 
Verbreitung reicht aber weiter, als man früher annahm. Freilich ist 
nicht immer mit Sicherheit zu unterscheiden, ob es an den von den 
botanisch meist ungeschulten Reisenden bezeichneten Orten immer wirk- 
lich der Cyperus Papyrus Linn. oder ein ähnliches Gewflchs war, 
das gefunden wurde. Der Papyrus, die für die alten Ägypter so wich» 
tige Pflanze, ist jetzt in Ägypten ausgestorben. Sein nördlichster Stand- 
ort am Nil dürfte wenige Tagereisen südlich von Chartum liegen, wo 
ihn Junker**) und Marno") bei Kawa fanden. Dort ist der Papyrus 
aber nicht heimisch, sondern nur durch die schwimmenden Inseln an- 
geschwemmt worden. Jetzt ist er eine für die Sseddregion, namentlich 
des Bahr el Djebel, typische Pflanze. In Westafrika findet sich Cyperus 
Papyrus nach Thiselton-Dyer'*') und Durand u. Schinz*®) in 
Guinea in Lagos*"), Alt-Calabar, Kamerun [?J, Ogowe, Gabun ■^) (Loango) 
und im unteren Kongo (Kisantu); ferner in Angola (Loanda, bei Boa 
Vista, Golungo Alto [Ufer des Delamboa]). Ausserdem wurde sein 
Vorkommen am Tschad-See (s. S. 8) öfters bezeugt, so besonders von 
NachtigaP*) und Chevalier ^^). Im nördlichen Zentralafrika dürfte 
er sich kaum finden, ausser am Unterlaufe einiger Kongotributäre **) 
und (selten) im oberen Stromgebiete des Bahr el Ghasal (s. u.) ; im süd- 
lichen Zentralafrika in Lunda am Lomami und Lulua '^^), auch am Lualaba- 
Komolondo und dessen Seitenlagunen (Kissale-See u. s. w.) (s. S. 50 fF.), 
im Bangweolo-See und dessen Zuflüssen, am Luapula, Mweru-See und 
seinen Tributären (s. S. 54 ff.). Längs dem Kubango**), Tschobe") und 
Lotembwa*^) dehnen sich dichte Papyrusgürtel aus. Am Tanganjika 
und Lukuga wurde ebenfalls Papyrus gefunden ^}. Im Nyassaland steigt 
der Papyrus zwischen Kondowe und Karonga 600—1800 m hoch hinauf*'). 
Livingstone^*) traf den Schirwa- und Pamalombe-See mit einer 
dichten Wand von Papyrus umgürtet. 

Papyrus antiquorum C. B. C. larke ist besonders für das obere Nil- 
gebiet typisch. Er reicht nach Engler*^) von Ägypten durch Ost- 
afrika bis zu den Ufern des Schire. Ausser in der Sseddregion fand 
Schwein für th**j am oberen Sueh und vereinzelt im Niam-Niamlande 
an einem Bodumöh (= Papyrus) genannten Gewässer den Papyrus. 
Im Viktoria-Njansa und besonders am Kagera (-Nil) ist er häufig **) ; 


12* 


— i8o - 

Cyperus polystt»chyi4s^ Rottb. 

Cyperus rculiaius, Vahl. 

Lipocarpha argeniea, R. Br.*) 

Lemna minor, L. 

Pistia stratiotes, L. var. obcordata. Engl.**) 

Boottia Rohrbachiana^ Asch. Gcke. 

(z:^ Ottelia lancifolia, A. P.) 

Vallisneria spiralis, L. 

Alistna pamassifolium, L. 

Echmodorus pumiltiSy K. 


am Naivascha-See in Brit. - Ostafrika nach Johnston*-) desgleichen. 
In Deutsch-Ostafrika weisen nach E n g 1 e r *^) besonders ausgedehnte 
Papyrussümpfe auf der Oberlauf des Ulanga im Mahengeland und der 
untere Ugalla. Im ganzen Gebiete zwischen Viktoria-Njansa, Tanganjika 
und Albert-Eduard-See (Ruanda, Mpororo) sind sowohl in den unteren 
Regionen grosse Papyrussümpfe, wie auch in den oberen Regionen^ 
an den Bächen des Gebirgsweidelandes, Einfassungen von Papyrus an- 
zutreffen. Auch im Ndschiri-See hat v. H o e h n e 1 *^) noch Papyrus- 
und Schilfdickichte konstatiert. J u n k e r **) fand ziemlich weit südlich 
vom Viktoria-Njansa (etwa in 3^ 20 ' S. Br., 33 ° Ö. L.) vereinzelt in 
einem Teiche die Papyrusstaude. Auch die Insel Sansibar birgt Papyrus- 
moräste*'*). Einer der nördlichsten Standpunkte dürfte wohl der Suai- 
See in Abessinien sein, wo B 1 u n d e 1 1 *®) das Nordufer von dichtem 
Papyrusdschungel eingefasst sah. Nach H o p e s *^) Angabe soll Bruce 
auch im Tsana-See Papyrus gefunden haben. In Mozambique, am 
Schire^') und unteren Sambesi^®) gehört diese Pflanze nicht zu den 
Seltenheiten. Papyrus antiq,, auch Cyperus Syriacüs Pari, genannt 
findet sich im nördlichen Teile des Nils und in Palästina ^^) am Jordan 
und Merom-See, wo er eine undurchdringliche, i Meile breite Barriere 
bildet*®). In Europa kommt Cyperus Syriacüs in Sizilien heute noch 
vor (Anapo, Kyane\ wo er im Flusse 4 — 5 m Höhe erlangt**). 

Sc h o m b ur g k *°) nennt als eine im trop. Afrika, Asien und 
Amerika zugleich einheimische Pflanze Cyperus nilottcus Vahl. 

•; Das Verbreitungsgebiet der Lipocarpha argeniea R. Br. in Ost- 
indien gibt am besten C. B. Clarke^^j; vgl. auch S chom burgk^*^). 

*•) Die Pistia findet sich fast überall. Eigentümlich ist, dass, 
während Schweinfurth^^) das Vorkommen der Pistia im Bahr el 
Ghasal leugnet und Heuglin^^) erwähnt, dass in diesem Flusse so 
wenig wie im Ssobat die Pistie vorzukommen scheint, Junker^*) da- 
gegen von seiner Bahr el Ghasal-Fahrt erzählt : ,,Es stauen sich zu den 
Seiten der freien Wasserfläche die kelchförmigen Pistien, die während 
meiner Fahrt auf dem Ssobat massenhaft am Schiß' vorbeitrieben.*' 


— i8i - 

Najas horridttj A. Br. 

Potamogeton javanicus, Hassk. 

Potamogeion Richardii^ Solms. 

Eichhornia naians, Solms. 

Commelina microspatha, Schum. 

Polygonum tomentosum, Willd. 

Nymphaea caerulea, Savi. var. stellata, W. 

Ceratophyllum muricatum, Cham. 

Aldrovanda vesiculosa, L.*) 

Aeschynomene indica, Lam. 

Aeschynomene (Herminiera) Elaphroxylon (G. P,) Taub.**) 


•) Dieses ftir Afrika zuerst von Schwein furth im Bahr el 
Ghasal aufgefundene Pflänzchen wird noch heute oft übersehen. Aldro- 
vanda vesiculosa L. wurde in ihren deutschen Fundorten erst nach und 
nach bekannt. Nach G a r c k e **) findet sie sich in Westpreussen bei 
Czystochleb '^*), in Posen bei Tremessen, in Oberschlesien bei Czarkow, 
im Teiche zwischen Sohrau und Woscye, bei Rybnik, bei Paruschowitz, 
im Gottartowitzer und Niederobschützer Teiche und in den Lenczoker 
Teichen bei Ratibor, bei Proskau, Bulich bei Teschen, Menz bei Gransee ^) 
und im Paarsteiner See **). Im Bodenseegebiet kommt sie nach A s eher - 
son^®) in einem Teiche am Wasserburger Bühl zwischen Lindau und 
Wasserburg und im Vorarlbergischen am Laagt-See vor. In Litauen 
fand man diese Droseracee bei Pinsk und zwischen Dembowitza und 
dem Swaritzewitsche-Bach *'), ferner bei Krakau ^'). Sie ist nach C o h n *•) 
vorzugsweise im S von Frankreich, bei Orange, Arles, Montpellier, bei 
Bordeaux^'), in Oberitalien im Etschland*^) und Piemont in den Seen 
Viverone und Candia°'j, in Ungarn^) heimisch. Das Verbreitungsgebiet 
reicht aber östlich bis Ostindien, nach Calcutta^®) und Bengalen (s. S. 38; 
wo sie zwar von Roxburgh^®) immer als A. verticillata^'^) bezeichnet 
wird} und bis Queensland in Australien, wo sie von F. v. Müller^) 
gefunden wurde. 

*•) Über diese Wasserpflanze existiert eine Monographie von 
Jaensch®^). Sie wurde zuerst i. J. 1751 von A d ans o n®*). auf einer 
schwimmenden Insel an der Senegalmündung gefunden und als eine 
Sesbanie, deren Namen die Eingeborenen mit ^ßiUör" angaben, be- 
zeichnet. G u ille mi n, Perrottet u. Richard®^) beschrieben sie 
ausführlich und nannten sie Herminiera Elaphroxylon G. P. R. In 
Senegambien kommt diese Papilionacee in der Nähe der Insel Senegal ®^), 
am See N'Gerr oder Pani^-Foul und am Marigot de Taou^ vor**). 
Werne *^) entdeckte sie 1840 zuerst am Weissen Nil und bezeichnete 
sie als Ambak. Die erste wissenschaftliche Beschreibung verdanken 
wir K t s c h y **) , der das „Holz" dieser Pflanze schon 1837 auf dem 


— l82 — 

Aeschynomene nüotica, Taub. 
Vigna luteola, Benth. 
Vigna nüotica, Hook. fil. 


Blauen Nil als Flossmaterial sah; er beschrieb sie als Aedemone mira- 
bilis Ky., eine neue Leguminose vom Weissen Nil* (s. S. 104). Auf 
grund eines Hinweises von Schwein furth*') auf den Unterschied der 
Abbildungen in Guillemins etc. und Kotschys Abhandlung und 
infolge der Vergleichung der beiderseitigen Diagnosen kam Jaensch**) 
anfangs dazu, einen Artunterschied zwischen beiden anzunehmen; eine 
genauere Untersuchung führte ihn dahin, die Identitätsfrage zu be- 
jahen **). 

Das Verbreitungsgebiet der jetzt meist Aeschynomene Elaphroxylon 
Taub, genannten Herminiera in der Sseddregion haben wir schon kennen 
gelernt (s, S. 102 f.). Nach N reicht sie im Nil bis zur Insel Aba (13^2^ 
N. Br.)*®). Wilson'^) fand den Ambadsch auch auch im Chor Filus^ 
also nahe am Ssobat. Nach Engler^O ist er fast über das ganze 
tropische Afrika verbreitet. Am oberen Bahr el Djebel und Viktoria- 
Nil findet er sich häufig (s. S. 74 fF.). Nach E n g 1 e r ^-) und -J o h n s t o n '*) 
sind auch die Buchten des Viktoria ■ Njansa mit diesem Strauche be- 
standen. Junker'*) hat auch mitten in Deutsch - Ostafrika in etwa 
5<^ 30' S. Br. und 34« Ö. L. und 6«^ S. Br. und 35« 30' Ö. L. Ambadsch- 
sümpfe gefunden. (Er betont ausdrücklich, dass diese Gegenden viel- 
fach gleich typische Pflanzenformen haben wie jene 10^ nördlich vom 
Äquator '®)), R e i c h a r d '®j will auch an den Mündungen der Tanganjika- 
Zuflüsse den Ambadsch entdeckt haben, w^ährend Livingstone") 
bloss allgemein von Aeschynomenen spricht. Auch im Nyassaland") 
wächst diese Pflanze. Ob das von Stanley'®) am mittleren Kongo 
gesehene und als Aedemone mirabilis bezeichnete Gewächs wirklich mit 
der Ae. EL identisch ist, bleibt fraglich. Ebenso, ob es sich bei dem 
von Deschamps'*) und Brasseur®^) (s. S. 57) am Mweru-See ge- 
nannten Ambadsch (Herminiera) um unsere Aesch. (Herrn.) Elaphroxylon 
(G. P.) Taub, handelt. In Ostafrika findet sich die Ae. El. nach 
Oliver*") noch am Sambesi. In Westafrika kommt sie nach Wel- 
witsch®'^) häufig in Benguela und Angola vor. Chevalier®^) fand 
die Herminiera Elaphroxylon an den Ufern des Kongo, besonders im 
Stanley-Pool. Nach Julien®*) erscheint sie oft in der Gegend zwi- 
schen Ubangi und Schari (am Kota). Am Tschad-See (s. S. 8) bildet 
sie nach Chevalier®*) und A u d o i n ®®) eine der Hauptverland ungs- 
pflanzen. Auch in Oberguinea scheint sie noch vorzukommen®*). 

Kotschy*®) führte seinerzeit noch Aedemone excelsa und Aedn 
humilis vom Weissen Nil und Sennaar an, die aber seitdem nicht mehr 
genannt worden sind. Vermutlich handelt es sich um abnorm grosse 
oder kleine Exemplare der Pflanze. 


— i83 - 

Cardiospernmm halicacabum, L. 
Cisstis ibuensis, Hk. f. 
Ammannia auriculata, W. 
Ammannia attenuata, H. 
Trapa bispinosa, Roxb. 
Jussietia diffusa, F. 
Jtissieua pilosa, H. B. K. 
Jussteua viltosa^ Lam. 
Ipomaea asarifolia, R. S. 
Ipomaea cairica, L. 
Ipomaea fragrans, Baj. 
Ipomaea pterygocaulon, Ch. 
Ipomaea reniformis, Ch. 
Ipomaea repens, L. 
Hoslundia verticillaia, V. 
Uiricularia diantha, R. S. 
Uiricularia exoleia, R. Br. 
Uiricularia incerta. Kam. 
Uiricularia Thonningii, Schum. 
Rhamphicarpa fisiulosa, Bth. 
Rhamphicarpa Heuglinü, H. 
Oldelandia macrophyila, Lepr. Por. 


Inbezug auf ihre Beteiligung an der Barrenbildung 
kommt den angeführten Pflanzen folgende Stellung zu: 

a) An der flottierenden Inselbildung sind be- 
teiligt: 

Panicum Crus-galli, L. var. polysiachyum, Munro. 

Vossia procera. Wall, et Griff. 

Cyperus Papyrus, L. 

Aeschynomene indica, Lam. 

Aeschynomene (Herminiera) Elaphroxylon (G. P.) Taub. 

Aeschynonte niloiua. Taub. 

Trapa bispinosa Roxb. 

b' Als Aasfüllungsmassen der inselbildenden 
Pflanzen dienen: 


— i84 — 

Azolla nilotica, Dcne. 
Lemna minor, L. 

Pistia stratiotes, L. var. obcordata. Engl. 
Najas horrida, A. Br. 
Potamogeton javanicus, Hassk. 
Potamogeton Richardii, Solms. 
Ceratophyllum muricatum, Cham. 
Aldrovanda vesiculosa, L. 


Utricularia diantha, R. S. j 

Utricularia exoleta, R. Br. 

Utricularia incerta. Kam. 

Utricularia Thonnvngü, Schum. | 

c) Uferpflanzen, die häufig von der Masse der 
flottierenden Inseln mitgerissen werden, z. T. in den in 
ihr sich bildenden Lücken, Wasserbecken u. s. w. fort- 
wuchern: 

. Oryza sativa, L. v. punctata, Ky. 

Phragmites communis, Trin. 

Anosporum^ Colymbetes, Bk. 

Anosporum cubense, Bckl. 

Anosporum nudicaule, Böckl. 

Cyperus abyssinicus, H. 

Cyperus Mundtii, Nees 

Cyperus nuerensis, Bckl. 

Cyperus polystachyus, Rttb. 

Cyperus radiatus, V. 

Lipocarpha argentea, R. Br. 

Boottia Rohrbachiana, Asch. Gcke. 
(=1 Ottelia lancifolia, A. P.). 

Vallisneria spiralis, L. 

Alisma parnassifolium, L. 

Echinodorus pumilus, K. 

Eichhornia natans, Solms. 

Polygonum hippopotami, Ehrbg. 

Polygonum tomentosum, W. 

Nymphaea caerulea, Savi. var. stellata, W. 

Ceratophyllum muricatum, Cham. 

Aldrovanda vesiculosa^ L., 


- i85 - 

Atnmanma auriculata, W. 

Ammannia attenüata, H. 

Trapa Hspinosa, Roxb. 

Jussieua diffusa, F. 

Jussieua pilosa, H. B. K. 

Ji4ssietta villosa, Lam. 

Hoslundia verticülata, V. 

Utricularia diantha, R, S. 

Utricularia exoleta, R. Br. 

Utricularia incerta, Kam. 

Utricularia Thonningii, Schum. 

Rhamphicarpa ßstulosa, Bth. 

Rhamphicarpa Heuglinii, H. 

Oldelandia macrophylla, Lepr. Por. 

d) Pflanzen arten, die sekundär auf den Grasinseln 
fortwuchern, namentlich als Schlingpflanzen an den 
Halmen der Gräser oder an den Ambadschschäften. 

Commelina microspatha^ Schum. 

Vigna luteola, Bth. 

Vigna nilotica, Hk. f. 

Cardiospermum halicacabum, L. 

Cissus ibuensis, Hk. f. 

Ipomaea asarifolia, R. S. 

Ipomaea catrica, L. 

Ipomaea fragrans, Baj. 

Ipomaea pterygocaulon, Choisy 

Ipomaea reniformis, Choisy 

Ipomaea repens, L. 


Ausser dieser Pflanzenliste ist noch jene von Broun®') 
zu erwähnen, die aber in vielen Punkten nicht mit der 
Schweinfurths übereinstimmt. Dieses Verzeichnis be- 
zieht sich hauptsächlich auf die den Ssedd im Bahr el 
Djebel zusammensetzenden Pflanzen. Nach Broun®') sind 

a) Die Hauptsseddbildenden Pflanzen:]! 

Cyperus Papyrus, Linn. 

Panicum pyramidale, Lam. („Om-Ssuf *) [!] ®). 


— i86 — 

Phragmites communis, Trin. 
Typha ausiralis, Schum. & Thonn. 

b) Kletterpflanzen. 
Vitis ibuensis, Baker 
Vigna nilotica^ Hook. f. 
Luffa aegyptiaca, MilL 
Adenopus breviflorus, Benth. 
? Melothria cordifolia, Hk. f. 
Ipomaea reptans, Poir. 
Ipomaea palmata, Forsk. 
Ipomaea Lindleyi, Choisy. 

c) Akzessorische sseddbildende Pflanzen (ein- 
schliesslich Wasserpflanzen und die auf der schwimmenden 
Vegetation wachsenden Pflanzen). 

Nymphaea Lotus, Linn. 

Hibiscus diver sifolius, Jacq. 

Herminiera Elaphroxylofi, Guill. & Perr*) 

Jussiaea diffusa, Forsk. 

Jussiaea pilosa, H. B. & K. 

Trapa bispinosa^ Roxb. 

Hydrocotyle natans, Cyr. 

Melanthera Brownei, Rohr. 

Sonchus Bipontini, Aschers. 

Uiricularia Oliveri, Kam. 

Polygonum lanigerum, R. Br. 

Polygonum tomentosum, R. Br. 

Ceratophyllum sp. 

Vallisneria spiralis, Linn. 

Boottia scabra, Benth. 

Ottelia ulvaefolia, Walp. 

Commelina nudiflora, L., cum var. 

Pistia Stratiotes^ L. 

Lemna sp, 

*) Broun") schreibt also auch wie Gar st in**) dem Ambadsch 
(Aeschynonune Elaphroxylon Taub.) nur akzessorische Bedeutung zu 
im Gegensatz zuSchweinfurth (s. o.). Das kommt wohl daher, 
dass der Ambadsch im Bahr el Djebel seltener ist und folglich nicht 
so sehr an der Barrenbildung mitwirkt. 


- IÖ7 - 

Potamogeton äff. pectinato, Linn. 

Cyperus Schimperianus, Schrad. 

Oypertis dichrostachys, Höchst. 

Cypertis latifolius, Poir. 

Cypertis nudicaulis, Poir. 

Cyperus articulatus, L. (= C niloticus, V.) 

Marsilea diffusa, Lepr. 

Azolla niloiica, Decne. 

Ausserdem gibt Broun®') noch jene Pflanzen an^ 
welche auf dem tiefen, zeitweise überschwemmten 
Lande wachsen:*) 

Capparis micrantha, Rieh. (Strauch; kletternd). 

Capparts Rothii, Oliver (Strauch). 

CRAT^VA RELIGIÖS A, Forsk. (Baum). 

Malachra radiata, L. (Krautartige Pflanze) (Mündung 

des Bahr el Seraf). 

Harrisonia abyssintca, Oliver (Strauch). 

Trichüia emeiica, Vahl. (Baum). 

Aeschynomene aspera, L. (Strauch). 

Indigofera orthocarpa, Baker (Zwergstrauch). 

Sesbania aegyptiaca, Pers. (Strauch). 

Sesbania aculeata, Pers. (Krautartige Pflanze) (Bahr el 

Ghasal). 

Psophocarpus longepedunculatus , Hassk. (Krautartige 

Pfl. , Schlingpflanze). 

Canavalta ensiformis, DC. (Krautartige Pfl., Schlingpfl.) 

ACACIA SEYAL, Del. (Baum). 

ACACIA SUMA, Kurz (syn. A, Campylacantha, Höchst.) 

(Baum). 

Acacia verugera, Schweinf. (Baum). 

Combretum sp, (äff. aculeatum, Vent.j (Kletterstrauch}. 

Mollugo Spergula, Linn. (Krautartige Pflanze). 


*) Broun fügt hinzu: „Die Bäume, deren Namen in kleinen 
Kapitälchen gedruckt sind, werden oft inmitten des Ssedd wachsend an- 
getroffen; obwohl sie nunmehr wahrscheinlich festgewurzelt sind, mögen 
sie, ursprünglich auf den schwimmenden Vegetationsmassen wachsend, 
dahingeschwenimt worden sein.** Doch ist das sehr wenig wahr- 
scheinlich. 


- i88 — 

Enhydra fltictuans, Lour. (Kriechendes Kraut). 
Ethulia conyzoides, L. TKrautart Pfl). (Mündung des 

Bahr el Seraf). 
Marsdenia rubicunda, N. E. Br. (Holzige Schlingpflanze). 
Cordia abyssmica, R. Br. var. (Strauch). 
Cordia subopposita, DC. (Strauch oder kleiner Baum). 
Withania somnifera, Dun. (Krautartige Pflanze). 
Kigelia aethiopica, Decne. (Baum). 
Asystasia coromandeliane, Nees (Krautartige Pflanze). 
Nelsonia campestris, R. Br. (Krautartige Pflanze). 
Clerodendron sp, (äff*, nernfolium, Vahl.) (Strauch). (An 

Termitenhügeln). 
Ocimum gracile, Benth. (Krautartige Pfl.). 
Euphorbia Candelabrwn, Trem. (Baum). 
? Fluggea microcarpa, Blume. (Strauch). (An Ter- 
mitenhügeln). 
Ficus Sycomorus, L. (Baum). 
Ficus capraefolia, Del." (Strauch). 
Celtis integrifolia, Lam. (Baum). 
Sanseviera guineensis, Willd. (Krautartige Pflanze). (An 

Termitenhügeln). 
Haemanthus multiflorus, Martyn. (Krautartige Pflanze^ 

(Am Fusse von Termitenhügeln). 
Hyphaene thebaica, Mart. (Baum). 
BORASSUS FLABELLIFER, L, var. ^THIOPICA, 

Warb. (Baum). 
Juncellus alopecuroides ^ C. B. Clarke (Krautartige 

Pflanze). 
Panicum (cf. § Brachiaria). 


Viele der Ssedd-Pflanzen finden sich auch im obersten 
Nilgebiete nach Speke®®) und Johns ton®®). 


Literaturverzeichnis 

zu den „Pflanzenbarren der afrikanischen Flüsse". 

ad Abteilung A. 

• 

I.Günther Siegmund, Handbuch der Geophysik. 2. Aufl. Stuttgart 
1899. II. Bd. 8. Abt. Kap. IV, § 4. Sümpfe und Moore, S. 783. 

2. Senft F., Die Humus-, Marsch-, Torf- und Limonitbildungen als 
Erzeugungsmittel neuer Erdrindelagen. Leipzig 1862. 

3. Weber C. A., Ober Torf, Humus und Moor. Abhandlungen d. 
Naturwissensch. Ver. zu Bremen 17. Bd., Bremen 1903, S. 465 — 484. 
— Weber C A., über die Vegetation und Entstehung des Hoch- 
moors von Augstumal im Memeldelta. Berlin 1902 (mit vielen 
Literaturangaben). 

4Schimper, Pflanzengeographie auf physiologischer Grundlage. 
Jena 1898, S. 690-695. 

5 Warming, Lehcbuch der ökologischen Pflanzengeographie. Berlin 
1896, S. 164- 172. 

6 Früh und Schröter, Die Moore der Schweiz, mit Berücksichtigung 
der gesamten Moorfrage. (Beiträge zur Geologie der Schweiz. 
Herausgegeben von der geologischen Kommission der Schweiz. 
Naturforschenden Gesellschaft. Geotechnische Serie, III. Lieferung.) 
Bern 1904 (mit vielen Literaturangaben). 

]. Früh und Schröter, Die Moore der Schweiz, S. 134—143. 

^Günther, Geophysik II, S. 783. 

9- Verhandlungen des deutschen wissenschaftlichen Vereins zu Santiago 
de Chile, Bd. IV, Valparaiso 1898/ 1902, S. 55—62: Sümpfe und 
Nadis, von K. MartinundK. Reiche. — Vgl. Früh u. Schröter 
a. a. O. S. 139; Geogr. Zeitschrift v. Hettner, 6. Bd , 1900, S. 54. 

Jo. Kern er, A., Das Pflanzenleben der Donauländer, Innsbruck 1863, 
S- 58—65: „Sümpfe", S. 62—64. 

n Kiepert, Ober die Resultate von Livingstones letzten Reisen. 
Verh. d. Ges. f. Erdk. Berlin, II. Bd. S. 65. — Letzte Reise von 
David Livingstonein Centralafrika von 1865 bis 1873, von H. 
Waller, deutsch von J. M. B o y e s. Hamburg 1875, 1. Bd. S. 382—387. 

i2Livingstone, Letzte Reise, I. Bd. S. 385. , 


— igQ — 

13. Cardanus, De Renim Varietate. Liber I, cap. 7. Baseler Aus- 
gabe von 1557, S. 8a f. und Avignoner Ausgabe von 1553, S. 62- 

14. Günther, Geophjrsik II, S 76!^ 

15. Allgemeine Länderkunde von Prof. Sievers. Nordamerika, von £. 
Decken. 2. Aufl. I^ipzig undWien 1904,8.263—264. — Günther, 
Geophysik II, S. 620. — Reclus Elise e, La Terre, 3. Aufl Paris 
1874, I. Bd. S. 522. — The Geographical Journal, 14. Bd. London 

1899, S. 212: The Everglades of Florida v. H. G. Willoughby. 

— Früh und Schröter a- a. O. S. 137. 

16. Sachs C, Aus den Llanos. Leipzig 1879. 

17. J Hub er u. K. v. Kraatz-Koschlau, Memorias do Museu 
Paraense de bist. nat. e ethnographia, II, Para, Brazil 1900, p. 13. 
cit. in Früh u. Schröter a. a. O. S. 137 — 138 und La Geogra- 
phie, 3- Bd. Paris T901, No. 2: Entre 1* Ocean et le Rio Guama) 
S. 123—129. 

18. La G. 3. Bd. 1900, S. 128. — Globus, 84. Bd. 1903, S. 235—240: 

H. Meerwarth, Aus dem Mündungsgebiet des Amazonas, S. 237. 

— Le Mouvement geographique 17. Jhrg. 1900, S- 114. 

19. La G. 10. Bd. 1904, S. 163. 

20. Geogr. Journ. 20. Bd. 1902: Penton Ed., A Joumey from Quetta to 
Mesbed via the Nushki-Sistan Trade Route, S. 82. — Ref. i. Globusj 
84. Bd. 1900, S. 258 f.— G. J. 28. Bd 1906, S. 209—228 u. 333— 352 j 
M c. M a h o n , Recent Survey and Exploration in Seistan (m. Karte), 
S. 215. 

21. Warming, Lehrbuch der ökologischen Pflanzengeographie. Ber- 

lin 1896, S. 162—172. 

22. Früh u. Schröter a. a. O. S 41—54. 

33. Bericht über das XIII. Vereinsjahr des Vereins der Geographen an 
der Universität Wien 1888, S. 41— 60: Sieger, Schwankungen der 
innerafrikanischen Seen. 

24.' Geogr. Journ. 28. Bd. 1906, S. 641—643: Pieray, The Fall of the 
Central African Lakes: Lake Nyasa. 

^5. Livingstone David, Missionsreisen und Forschungen in Südafrika. 
Leipzig 1858, I. Bd., S. 85. 

26. Deutsches Kolonialblatt 16. Jhrg. Berlin 1905, S. 707—711. cit. in 
Globus, 89. Bd. 1906, S. 18. 

27. Geogr. Ztschft. 6. Jhrg. 1900, S. 243. — Verh. d. Ges. f. E. Berlin 

1900, S. 342 — 343. — Geogr. Jour. 30. Bd. 1907, S. 440 — 441: The 
Okavango and the Former Lake Nganii. 

28. Geogr. Journ. I. Bd. 1893, S. 97—121: Thomson J., To Lake 
Bangweolo and the unexplored Region of British Central Africa 
(m. Karte) S. 107. 

2g. Geogr. Journ. 15. Bd. 1900, S. 180 u. 228. — Verh. Ges. f E- 
Berlin 1900, S. 156. 


— 191 — 

30. La G. I. Bd. 1900, S. 470. — Bull. Soc. G. comm. 23. Bd. 1901, 
S. 273. — Mouv. geogr. 22. Jhrg. 1905, S. 625—631: Ch. Lemaire, 
Note sur le Lac Di-Lolo (m. Karte). 

31. Livingstone David und Charles, Neue Missionsreisen in 
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32. Proceedings of the R. G. Soc. 6. Bd. 1884, S. 531. — Vgl. Sieger 
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33. Pet. Mitt. 49. Bd. 1903, S. 239. — Ztschr. d. Ges. f. Erdk. Berlin 
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34. Proc. R. G. Soc. 6. Band 1884, S. 713—741: E. O' Neil 1, Journcy 
from Mozambique to Lakes Shirwa and Amaramba (m. Karte). 

35. Livingstone, Neue Missionsreisen, L Bd. S. 98 ff., 105, 132. 

36. Livingstone, Letzte Reise, L Bd. S. 135. 

37. Thomson Joseph, Expedition nach den Seen von Central -Afrika 
i. d. J. 1878— 1880, Jena 1882, IL Teil S. 168—170. — Vgl. Sieger 
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38. Mitteilungen der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland 4. Bd. 
Berlin 1883 — 1885, S. 91 95: E. Kaisers Reise von Gonda zum 
Rikwa-See (Se()t. — Okt. 1882), S. 94. — Geogr. Journ. 7. Bd. 1896, 
S. 427. Vgl. Pet. Mitt. 42. Bd. 1896, S. 96. Globus 69. Bd. 1896, 
S. 296. — Geogr. Journ. 13. Bd 1899, S. 577 — 623: Wallace,The 
Nyasa-Tanganyika-Plateau, S. 605 -606. — Verh. d. Ges. f. E. Berlin 
27. Bd. 1900, S. 332 - 338 u. 371—384: F ü 1 1 e b o r n , Über Unter- 
suchungen im Nyassa-See und im nördlichen Nyassaland, S. 337 

39 Geogr. Journ. 16. Bd. 1900,* S. 176. — Pet. Mitt. 38. Bd. 1892, S. 143 
u. 148. — Bull, de la Societe d*Etudes Coloniales, 9. Jhrg. Brüssel. 
1902, S. 439. 

40. Mitt. a. d. deutschen Schutzgebieten 18. Bd. Berlin 1905, S.318 — 345: 
Obl t. Marquardsen, Die geographische Erforschung des Tschadsee- 
Gebietes bis zum Jahre 1905 (m. Karte u. Skizzen). — Sieger, a. 
a. O. S. 42 — 45. D e n h a m , Narrative of Travels and Discoveries 
in Northern and Central Africa in the years 1822, 1823 and 1824. cit. 
bei Marquardsen. — BarthHeinrich, Reisen u. Entdeckungen 
in Nord- und Centralafrika i. d. J. 1849—1855, Gotha 1857, IV. Bd. 

— Nachtigal Gustav, Sahara und Sudan II. Teil, Berlin 1881, 
S« 347 — 361 (379) — Rohlfs, Quer durch Afrika. Leipzig 1874—75, 
II. Bd. — Pet Mitt. Erg. Heft Nr. 25 und 34. — Geogr. Jour. 17. Bd. 
1901 : Four e au, From Algeria to the French Congo, S. 144—145. — 
Mouv. geogr. 20. Jhrg. 1903, S- 408 — 411 : Destenave,L* exploration 
des lies du Tchad, nach den Ergebnissen der Forschungen des 
Fähnrichs D' H u a r t in Annales de Geographie 12 Bd. Paris 1903. 

— La G. 9. Bd. 1904, S. 161— 176 : D* H u a r t , Le Tchad et ses 
habitants. — La G 9. Bd. 1904: Lenfant, De T Atiantique au 
Tchad par le Niger et la Benoue, S. 328—329. Vgl. The Scottish 
Geographical Magazine, 20. Bd. Edinburgh 1904, S. 309 — 310. — 
La G. 10. Bd. 1904, S. 392—394. — La G. 9. Bd. 1904, S. 343— 368: 


— 192 — 

Chevalier Aug., De TOubangui au lac Tchad ä travers le bassin 
du Chari, S. 351 — 364. Vgl. Geogr. Journ. 24. Bd. 1904, S. 202 — 210 

— La G. II. Bd, 1905, S. 226—230: Exploration du capitaine Tilho 
dans le bassin du Tchad. Vgl. La G. 13. Bd. 1906, S. 195 — 214: 
Tilho Jean, Exploration du lac Tchad. Vgl. Pet. Mitt. 52. Bd. 1906, 
S. 96. — La G. 12. Bd. 1905, S. 305 — 320 : A u d o i n , Notice hydro- 
graphique sur le lac Tchad. (Vgl. Scot. Geogr. Mag. 22. Bd. 1906^ 
S. 102.) — Globus 88. Bd. 1905, S. 211. ' Vgl. Geogr. Journ. 26. Bd. 
1905 Nr. I. — La G. 13. Bd. 1906, S. 30— 39 : S c h i r m e r^ Les resultats 
g^ographiques de la Mission Saharienne Foureau-Laniy,S. 33 — 35. 

— Geogr. Journ. 25. Bd. 1905, S. 665f.; 28. Bd. S. 168 — 171, S. 3870*. 
-- Geogr. Journ. 30. Bd. 1907,8. 119—149(152): Boyd Alexander, 
From the Niger, by Lake Chad, to the Nile (mit grosser Karte und 
Abbildung S. 133 „Cutting through reeds, Lake Chad", ähnlich dem 
Durchschneiden der Ssedds des Nils), S. 128—137. Vgl. Globus 
86. Bd. 1904, S. 159 u. Scot. Geogr. Mag. 21. Bd. 1905, S. 599—603. 

— Globus 88. Bd. 1905, S. 367—368 rBrixFörster, Neue Forschungen 
im Tschadseegebiet. Vgl. Ztsciir. Ges. f. Erdk. Berlin 1905, S. 38 — 39. 

— Geogr. Journ. 28. Bd. 1906, S. 168 — 171 u. 281 f. — La G. 15. Bd. 
1907, S. i6i — 170: Freydenberg, Explorations dans le bassin 
du Tchad, S. 166 — 169 (m. Kartenskizze). Vgl. Globus 91. Bd. 1907, 
S. 322 u. 369. — Globus 92. Bd. 1907, S. 178—179. — Geogr. Ztschr. 
14. Jhrg. 1908, S. 228 f. u. 467 f. — Globus 94. Bd. 1908, S. 178—179. 

41. LaG. 9. Bd. 1904: Aug. Chevalier, De V Oubangui au lac Tchad^ 
S. 362. 

42. Geogr. Jour. 30. Bd. 1907, S. 438—440: The River Yo from 

Damjiri to Hadeiya and Kano (mit Kartenskizze), S. 440 Vgl. 
Globus 92. Bd. 1907, S. 292. 

43. Marquardsen, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 18. Bd. S. 339 u. 344. 


44. Vgl. die „Strand wiesen" bei S c h i m p e r , Pflanzengeographie etc. Jena 

1898, S. 687 f. und W a r m i n g , Ökologische Pflanzengeographie. 
Berlin 1896, S. 307 f. 

45. Gerhardt, Handbuch des deutschen Dünenbaus. Berlin 1900,. 
S. 616 flF. 

46. Englers Botanische Jahrbücher, 11. Bd. Leipzig 1899, S. 295— 296. 

47. W a r m i n g , a. a. O. S. 299. Vgl. E n g 1 e r, die natürlichen Pflanzen- 
familien. III. Teil 7. Abt. Leipzig 1898, S. 42— 56: Rhizophoraceae. 

48. Günther, Geophysik IL Bd. 7. Abt. 2. Kap. § 7, S. 620. — Vgl. 
Warming a. a. O. S. 2990*. u. 366. 

49. Si 11 im ans American Journal Seriell. Bd. I, 1851, S. 392; ebenso 
Ratzel, Vereinigte Staaten, I. Bd. S. 139; cit. in Hahn, Insel- 
Studien, Leipzig 1883, 4. Abschnitt. B : Phytogene Aufschüttungs- 
inseln, S. 175 — 176. 

50. Günther, Geophysik II, S. 621. 



Fig. .,. Abgeschnitteni 


1. Uer Sseddblock wird in Felder lerachnit 


— 193 - 

51- Seh im per, Pflanzengeographie anf physiologischer Grundlage. 

Jena 1898, S. 423—435- 
58. Ebenda. S. 438. 

53. Ebenda, S. 436. 

54. La G. 3. Bd. 1901:- J. Huber «t v. Kraatz-Koschlau, Entrc 
I'Ocean et le Rio Guama, S. 124 u. 108. — Spix u. Martins, 
Reise in Brasilien i. d. J. 1817—18«). II. Teil. München 1828, S. 879; 
III. Teil 183t, S. 943. 

55. Hahn, Insel-Studien, S. 1»^. — Geogr. Jour. 17. Bd. 1901, S. 355. 
— Schomburgk Rieh., Reisen in Britisch Guiana i. d. J. 
1840—44. I. Bd. Leipzig 1847, S. 106, 132, 177, 218, 241 f. u. Ö. 

56. Warm in g a. a. O. S. 299. 

57. Hahn, Insel-Studien, S. 175. 

58. Ebenda, S. 176. — Günther, Geophysik 11, S. 620. 

59. Bull. Soc. G6ögr. 7. Serie, 16. Bd. x8^, S. 183—2x0: D'Alb6ca, Le 
Dahomey en 1894, S. 196. — Geogr. Journ. i. Bd. 1893, S. 122 — 133: 
G a 1 1 w e y , Journeys in the Benin Country, West Africa. 

60. La G. 6. Bd. 1902: Br esc hin, Le foröt ttopicale en Afrique princi- 
palement dans les Colonies fran^aises, S. 220. 

61. Livingstone, Nene Missionsreisen in Südafrika, Jena 1866, i. Bd. 
S. 15. 

62. Globus 83. Bd. 1903, S. II— 14: Zo'ndervan, Die Erweiterung 
unserer Kenntnisse von Niederländisch Neu-Guinea, S. 13. — Proc. 
R. G. Soc. 6. Bd. 1884, S. 196—216 : T r o 1 1 e r , New Guinea, S. 203. — 
Geogr. Journ.32. Bd. 1908, S. 270 — 274 : S tr o n g, Notes on the Central 
Part of the southem Coast of Papua, S. 272. 

63. D. R. f. G. u. St. 5. Bd. 1883: V. Lehnert, Ober Landbildungen im 
Sundagebiete, S. 56: cit. in Günther, Geophysik II, S. 620. 

64. Warm in g a. a. O. S. 303. Seh im per a. a. O. S. 435. 


65. Früh u. Schröter, Die Moore der Schweiz, Bern 1904, S. 54 — 57. 

66. Ebenda, S. 56. 

67. Sitzungsberichte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse 
der kais. Akademie der Wissenschaften, 43. Bd. i. Abt. Jhrg. 1861, 
Wien 1861, S. 57 — 122: Pockorny, Untersuchungen Über die Torf- 
moore Ungarns, S. 65 u. 66. 

68. Jahrbuch des Deutsch- österr. Alpenvereins, Jhrg. 1886, S. 411 
'Ratze 1, Der Wendelstein). — Münchner Neueste Nachrichten, 
Nr. 509, 1908 V. 30. Oktober. 

69 Reclus E., La Terre, 3. Aufl. Paris 1874, L Bd. S. 552. 

70. F r ü h u. S c h r ö t e r. Die Moore der Sch\veiz^ S. 138. — Globus 84. Bd. 

1903, S. 238. 
71 Schomburgk Richard, Heisen in Brit. Guiana i. d. J. 1840 — 44. 

I. Bd. Leipzig 1847, S. 134, 223 f., 233 f.; II. Bd. 1848, S. 482 f 

Heuerling. Die Pflanzenbarren. I3 


- 194 — 

72. Spix u. Marti US, Reise in Brasilien i. d. J. 1817 bis 1820. IL Teil. 

München 1828, S. 847—848. 

73. Mouv. g^ogr. 22. Jhrg. 1905, S. 625 — 631: Ch. Lemaire, Note sur le 
Lac Dilolo (m. Karte), S. 630. 

74. Mouv. g^ogr. II. Jhrg. 1894, S. 63— 64: FrancquietCornet, Le 

Plateau des Sambas, S. 63 a u. b. 

75. Cameron V. L., Quer durch Afrika. Leipzig 1877, I^- ^^'^ 'S- 5^- 

— Der Morya-See wurde auch von Delcommune besucht ; 
s. Mouv. g^ogr. 9. Jhrg. 1892, S. 149 c. 

76. Livingstone, Letzte Reise, II. Bd. S. 6fF.; S. 195. — Stanley 
H. M., Wie ich Livingstone fand. Leipzig 1879, S. 114 u. 115. — 
Cameron, Quer durch Afrika, I. Teil S. 224 — 225; 242 — 244. 

77. Thomson Joseph, Expedition nach den Seen von Centralafrika 
Jena 1882, IL Teil S. 151. 

78. BulL trimestriel de la Soci6t6 Kh^diviale de Geographie du Caire. 
Le Caire 1876, S. 294 — 295 : Lettres de S. E, g^n^ral Gordon-Pacha, 
I. (mit Karten). — Hill G. B., Colonel Gordon in Central Africa 
1874— 1879; editedfrom original letters and documents. 2. Ausgabe: 
London 1884, S. 177. — Pet. Mitt. 24. Bd. 1878, S. 198 (Mason); 
vgl Proc. R. G. S. 1877/78 (Mason), cit. bei I unker. Reisen IH. 

— Pet. Mitt. 22. Bd. 1876, S. 266 f. u. 376—379: Gessi's Befahrung des 
Mwutan Nzige. — Bull. Soc. G^ogr. 6. Serie 11. Bd. 1876, S. 632— 643: 
Gessi Romolo, Exploration du lac Albert Nyanza. — Gessi-Pasha 
R., Seven years in the Soudan. London 1892, S. 119, 124, 129—135. 
(Original : Sette anni nel Sudan Egiziano, her. v. Fei. G e s s i u. Manfr. 
Camperio, Milano 1891, S. 115— 151.) -^ Mitteilungen des Vereins für 
Erdkunde zu Leipzig 1886. Leipzig 1887, S. 49 (53)— 128 (130). 
Drei neue Briefe Emin Pascha's Über eine Reise auf dem Albert 
Nyanza, S. iio— 128. IV: Reise auf dem Albert Nyanza (an Dr. R 
Felk in in Edinburgh), S. 113, 114, 116, 128. — Wilson und Felkin, 
Uganda und der Ägyptische Sudan. Stuttgart 1883, L, S. 160 u. 161. 

— Chavanne J., Afrikas Ströme und Flüsse. Wien 1883, S. 36 
u. 41. — Casati G, Zehn Jahre in Äquatoria (Obersetzt v. 
Reinhardstöttner). Bamberg 1891, IL Bd. S. 123. — Stuhlmann, 
Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika. Berlin 1894, S. 583. — 
G a r s t i n , Report upon the Basin of the Upper Nile. Cairo 1904, 
S. 71, 75, 77 u. 82. 

79. Sir Sam. White Baker, Der Albert N'yanza. (Deutsch, v. L E. 
A. Martin.) Jena 1868, S. 348—349. 

80. Bull. Soc. G^ogr. 6. Serie 10. Bd. 1875, S. 514 — 520: Voyage sur le 
Haut Nil, par le Colonel Gordon, S. 520. (m. Kartenskizze). 

81. Livingstone, Letzte Reise, IL Bd. S. 22. — Stanley, Durch 
den dunklen Weltteil. Leipzig 1878, L Bd. S. 234 u. 272. — Wilson 
und Felk in, Uganda und der Ägyptische Sudan. Stuttgart 1883, 
L Bd. S. 46, T20— 123, 130. — Dr. Wilh. J u n k e r s Reisen in Afrika 


— 195 - 

1875— 1886. III- ß^- (1882— 1886). Wien u. Olmütz 1891, S. 649—650, 
657J 659, 663. — Pet. Mitt. 41. Bd. 1895, S. 4. -^ Stuhlmann, 
Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika, S. 727- 732. — Pet. Mitt. 
37. Bd. J891, S. 219 (m. Karte). — Werther, Zum Victoria-Nyansa. 
Berlin 1894 {2. Aufl.), S. 140; cit. in Henzt, Der Nil. Halle a. S. 1903, 
S. 20. — Johnston Sir Harry, The Uganda Protectorate. London 
1902, I. Bd. S. 80—82. — G a r s t i n , Report upon thc Basin of the 
Upper Nile. Cairo 1904, S. 12 f., 22 u. 23. 

82. Stuhlmann, Mit Emin Pascha, S. 729. — Pet. Mitt. 41* Bd. 1895: 
Dr. G. A. Fischer, Am Ostufer des Victoria-Nyansa, S. 45. — 
Garstin a. a. O. S. 16. 

83. Proc. R. G. Sog. 6. Bd. 1884, S. 273—2831 Mackay, Boat Voyage 
along the western shores of Victoria Nyanza, from Uganda to 
Kageye ; and Exploration of Jordans Nullah, S. 278—280 u. 283. 

84. Früh u. Schröter, Die Moore der Schweiz, S. 142. 


85. Münz G. Ch., Exercitatio academica de Insulis natantibus. Altorf 

171 1, 22 SS. 

86. Senft, Die Humus-, Marsch-, Torf- und Limonitbildungen. Leip- 
zig 1862. § 38: Moorbildung in Landseen, S» 87—92. 

87. Hahn F. G., Insel-Studien. Versuch einer auf orographische und 
geologische Verhältnisse gegründeten Einteilung der Inseln. Leip- 
zig 1883. S. 174 — 176: Phytogene Aufschüttungsinseln. 

88. Früh J., Schwimmende Inseln. Geogr. Ztschr. 2. Jhrg. 1896, 
S. 216—218. 

89. Früh u. Schröter, Die Moore der Schweiz. Bern 1904, S. 58—61: 
Schwimmende Inseln. 

90. Günther S., Handbuch der Geophysik, 2 Aufl. Stuttgart 1899. 
IL Bd. 7. Abt. Kap. III, § 2, S. 633 — 635: Schwimmende Inseln. 

91. Hanusz E., Jles flottantes. Abr6g6 du Bulletin de la Soci6t6 
Hongroise de Geographie. 22. Jhrg. 1893, Nr. 6 — 7, S. 75—77. 

92. Senft, Die Humus-, Marsch-, Torf- und Limonitbildungen. Leipzig 

1862, S. 89. — Früh u. Schröter a. a. O. S. 58. 

93. Cameron, Quer durch Afrika. Leipzig 1877, L Teil S. 219 u. 233. 

94. E. V. Hesse-Wartegg, Mexiko, Land und Leute. (Reisen auf 
neuen Wegen durch das Aztekenland.) Wien u. Olmütz 1890, 
S. 218— 23a Kap. XXII: Die schwimmenden Gärten von Chalco 
und Xochimilco. — Vgl. Ztschr. Ges. f Erdk. Berlin 1904, S. 319 — 320: 
Referat über einen Vortrag von Frau C. S e 1 e r in München über 
«Reisen in Mexico". 

95- Mac Millan Conway, Minnesota Botanical Studies 1894, I. Bull. 
No. 9; cit. in Sklarek, Naturwissensch. Rundschau 1894, S. 385: 
Ober das Auftreten von Torfmoos- Atollen im zentralen Minnesota 
(Früh u. Schröter a. a. O. S. 59; Günther a. a. O. S. 634). 

13* 


1. 


— I^ — 

'^. Jahi*b. det preas^. geol. Landesanstalt pro 1889. Berlin 1889, S. 205. 
K^ilhack K., Baltische HöhdnrQcken in Hinterpomfil^rn; cit in 
Früh u. Schröter a. a. O. S. 59. 
97. Ffflh u. Schröter ä. a. O. S. 59—60. 

;:98. Bull. Söc G€o^. 7. Serie 16. Bd. 1895, S. 183-^10: D' Alb^cä, Le 

Dahömey cn 1894, S. 196. 
$9. Nach Kohls Aufsatz in der „Gärtfenlaube*, Leipzig 1861, in Senft^ 
Die Humus- etc. Bildungen S. 111—113. — Globus 74. Bd. if^, S. 21 
bis 24: Kahlenberg^ Das sch<^immende LaMd von Wal^khbtis^ti. 

100. Neegelein A. v., "Ober Möoräusbrüche. Mitt. d. Ver. zur För- 
derung der Moorkultur im Deutschen Reiche XVI, 1898, S. 35; cit. 
in Früh u. Schröter a. a. O. S. 60. 

loi. Münz, De Insulis natantibus, S. 22. 

102. Andersson Gunnar, Studier öfver Finlands Torfniossar öch Fossila 
Kvartärflora. Helsingfors 1898, S. i— 157 (JÖ9) von Bull, de Ift 
Commission g^ologique de Finlande. 2. Bd. Nr. 8, S. 56 — ^59. — 
S. 181—210 Referat: Studien über die Torfmoore und die fossile 
Quartärflora Finlands, S. 188. 


103. Früh u. Schröter, Die Moore der Schweiz, S. 61. 

104. Globus 69. Bd. 1896, S. 232: E. H. L. Krause, Gren^fe zwischen 

Wald- und Siimpffeld. 

105. La G. 12 Bd. 1905, S. 337 — 338: La v6götation 6t la Laponi^ suödoise. 

106. Proc. R. G. Soc. 6. Bd. 1884, S. 566—569: Mr. C. Winn ecke's last 

Exjilorations in the Northern Territory, South Australia (rii. Kartfe). 

107. Mitt. a. d. deutschen Schutzgebieten. 14. Bd. 1901, S. 71 — 72: Be- 

gleitworte zu der Karte des Ramu-Flusses v. M. M o i s e 1. Karte 
nach den Aufnahmen von Dr. C. Lauterbach. 

108. Globus 83. Bd. ^903, S. II — 14: Zondei-van, Die ErWeiteruffg 

unserer Kenntnisse von Niederländisch-Neu-Guinea, S. 13. 

109. La G. 3. Bd. 1901. Huber u. v. Kraatz-Koschlau, Entre 

rOcean et le Rio Guäma, S. 127 — 129. 
HO. Sachs K., Aus den Llanos. Leipzig 1879. 

111. Scot. Geogr. Mag. 21. Bd. 1905, S. 249—259: Hill A. W., Notes 

on a Joumfey in Bolivia and Peru around Lake Titicaca, S. 255, 

112. Geogi". Joum. 24. Bd. 1904, S. 636— 651 : Burdoh J. A., The Fularii 

Emirates of Northern Nigeria, S. 640. 

113. Geogr. Journ. 24. Bd. 1904, S. 505 — 522: EUiot G. S. Mc. D., The 

Anglo-French Niger-Chad Boundary Comniission, S. 507 (hi. Karte)- 

114. MouV. g^ogr. 14. Jhrg. 1897 : C 1 u n y , De Batah ä la riviere L^be, S. 45. 

115. Scot. Geogr. Mag. 22. Bd. 1906, S. 326: The Spanish Cölöriles in 

the Golf of Guinea (nach Questions Diplomatiques et GdlÖhiaH» 
No. i?i5). 

116. Geogr. Journ. 24. Bd. 1904, S. 153 — 168: Cunhinghoihe Bbyd A.^ 

A Pioneer Journey in Angola (m. Karte), S. 158. 


— 197 — 

wj. Mouv. geogr. 14. Jhrg. 1897, S. 565 — 567: Wauters, L(5S Bas«ibad3 
de r anci^p^e ^er centrale dju haut ba&sin congolien (m. Karte), S.566. 

11& Mouv. geogr. xi- Jh^g. 1894 :Fra.ncqui et Cornet, Le Plateau d^^ 
Saipbas, S. 63 c. 

119. Livingstone, Missionsreisen und Forschungen in Südafrika. 

Leipzig 1858, H. Bd. S, 125. 

120. Moi^v. geogr. 23. Jhrg. 1905, S. 61^5—631: Lemaire Ch., Note sur 

le lac Di-Lolo, S. 628 (m. K^rte). 

121. Mouv. g^ogr. 17. Jhrg. 1900, S. 184—186 u. 205—206: L'exp^dition 

Lemaire aux sources du Congo, du Kassai et du Zambese 
(m. Karte), S. 185. 

122. Geogr. Journ. 24. Bd. 1904: Cunninghome, A Pioneer Jpurney 

in Angola, S. 160. 

123. Livingstone, Missionsreisen I. Bd. S. 209 — 210. 

124. Geogr. Journ. 17. Bd. 1901, S. 573 — 585 (588) : R e i d Percy C, Joumeys 

in the Linyanti Region, S. 574 u. 576 (m. Kartenskizze). Vgl. 
auch Karte zu Gibbons A. St. Hill, Explorations in Marotseland 
and neighbouring Regions, S. 106 — 134. 

125. Livingstone^ Neue Missionsreisen in Südafrika. Jena und 

Leipzig 1866, I. Bd. S. 15 u. 20. 

126. Livingstone, Neue Missionsreisen, S. 96. 

127. Mouv. geogr. 17. Jhrg. 1900, S. 277 — 281: Leveque, Le Zambese 

et le Shire (m. Kartenskizze), S. 277. 

128. Geogr. Journ. 13. Bd. 1900: Wallace L. A., The Nyasa-Tanganyika 

Plateau II, S. 605 (m. Karte). 

129. Geogr. Jour. 21. Bd. 1903, S. 25—36: Beringer Otto L., Notes on 

the Country between Lake Nyasa and Victoria Nyansa (m. Karte), S. 31. 

130. Stanley, Wie ich Livingstone fand. Leipzig 1879, II. Bd. S. 114— 115. 

131. Cameron, Quer durch Afrika. Leipzig 1877, I. Teil S. 243—244. 

132. Kandt Richard, Caput Nili. Eine empfindsame Reise zu den 

Quellen des Nils. Berlin 1904, S. 99 u. 104. 

133. Mitt. a. d. deutschen Schutzgeb. 11. Bd. 1898; v. Prittwitz und 

Gaffron, Untersuchung der Schilf barkeit des Kihansi und eines 
Teiles des Ulangaflusses (m. Karte), S. 270. 

134. Stanley a. a. O. — Geogr. Journ. 16. Bd. 1900, S. 168. 
135- Geogr. Journ. 16. Bd. 1900, S. 175. 

136. Geogr. Journ. 17. Bd. 1901, S. 1—35 (37) : M o o r e J. E. S., Tanganyika 

and the Countries north of it (m. Karte), S. 15 u. 19. — Garstin, 
Report upon the Basin of the Upper Nile, Cairo 1904, S. 69—71 u. 77. 

137. Speke, Journal of the Discovery of the Source of the Nile. Edin- 

burgh and London i803, S. 218 f u. 262 flf. 

138. Stanley, Durch den dunklen Weltteil. Leipzig 1878. I. Bd. 

S. 490 ff. u. 501 ff. — Pet. Mitt. 22. Bd. 1876, S. 381—382. 

139. Fitz n er R., Der Kagera-Nil. Ein Beitrag zur Physiographie 

Deutsch-Ostafrikas. Berlin 1899, S. 43—65. 


— 198 — 

140. Ztschr.. d. Ges. f. Erdk. Berlin 32. Bd. 1897, S. 303 — 342: E. de 

Martonne, Die Hydrographie des oberen Nilbeckens, S. 323 — 324. 

141. Henze H., Der Nil. Eine nach neueren Quellen bearbeitete Dar- 

stellung seiner Hydrographie und seiner wirtschaftlichen Bedeutung 
(Inaug.-Diss.). Halle a. S. 1903, S. 15—17. [Auch als I, 4 von 
„Angewandte Geographie* erschienen. Halle 1903.] 

142. K a n d t , Caput Nili. Berlin 1904, S. 242 — 256 : XXII. Brief, S. 249 — 253. 

143. Garstin, Report upon the Basin of the Upper Nile. Cairo 1904^ 

S. 26 — 27. 

144. Lyons, The Physiography of the River Nile and its Basin. Cairo 

1906, S. 54—59. 

145. Kandt, Caput Nili, S. 246. 

146. Fitzner, Der Kagera-Nil, S. 43. 

147. Henze, Der Nil, S. 16. 

148. Garstin Sir William, Report upon the Basin of the Upper Nile. 

Cairo 1904, S. 27. 

149. Fitzner a. a. O. S. 54. 

150. Fitz n er a. a. O. S. 62. 

151. Stanley, Durch den dunklen Weltteil, S. 235. 

152. Stuhlmann, Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika. Berlin 1894, 

S. 144 u. 168. 
153- Geogr. Journ. 26. Bd. 1905, S. 481—497 u. 616—632: Delme- 
Radcliffe, Surveys and Studies in Uganda, S. 624. 

154. Garstin, Report as to Irrigation Projects on the Upper Nile 

(Blaubuch : Egypt No. 2, 1901). London 1901, S. 49. — Report upon 
the Basin of the Upper Nile. Cairo 1904, S. 27 Anm. 4. 

155. Böttego V., II Giuba esplorato. Rom 1895. — L' Omo (Seconda 

spedizione Böttego), her. v. Vannutelli u. Citerni. Mailand 1899. 

156. Pet. Mitt. 27. Bd. 1881: C. Denhardt, Erkundigungen im äqua- 

torialen Ostafrika, S. 13. 

157. Proc. Roy. Geogr. Soc 14. Bd. 1892, S. 513-533: Gedge E., A 

Recent Exploration under Captain Dundas up the River Tana 
to Mount Kenia, S. 514. 

158. Geogr. Journ. 13. Bd. 1899, S. 659: Report on the British East 

Africa Protectorate. 


159. Schwein furth Georg, Im Herzen von Afrika. Leipzig 1874' 

II. Teil, S. 205 u. 208. 

160. Casati Ga^tano, Zehn Jahre in Äquatoria und die Rückkehr mit 

Emin Pascha. Bamberg 1891, I. Bd. S. 92 u. 229. 

161. Pet. Mitt. Ergänzungsheft No. 92 u. 93. Gotha 1889. Wissenschaft- 

liche Ergebnisse von Dr. Wilhelm Junkers Reisen in Zentral- 
Afrika I. I. Kap. S. 19—20: Ursprung und Verlauf des N^poko. 
— Junker, Reisen in Afrika 1875— 1886. IIL Band (1882— 1886). 
Wien u. Olmütz 1891. S. 32, 54, 72, 80, 83, 93, 94—96* ^^^ 
118- lao. 


— 199 — 

i62. Junker, Reisen III, S. 54 u. 72; siehe Band III, Tafel 7. 

163. Senft, Die Humus- etc. Bildungen, Leipzig 1862, S. 88 f. 

164. Junker a. a. O. S. 78 u. 95. 

165. Junker a. a. O. S. 94. 

166. Junker a. a. O. S. 96. 

167. Junker a. a. O. S. 83. 

168. Junker a. a. O. S. 94 f«; Pet. Mitt. £. H. 92 u. 93, S. 19 f. 

169. Früh u. Schröter, Die Moore der Schweiz, S. 62. 

170. Günther, Geophysik II, S. 782. 


171. Früh u. Schröter a. a. O. S. 63. 

172. Penck, Morphologie der Erdoberfläche IL Bd. Stuttgart 1894, 

S. 10 f. 
173- Lyell Ch., Principles of Geology, or the Modern Changes of the 
Earth and its Inhabitants. 11. Aufl. London 1872, I. Bd. Gap. 19, 
S. 440 — 443. — vgl. Penck, Morphologie I, S. 267. ReclusEl., 
La Terre, Paris 1874, I, S. 422. 

174. Senft, Die Humus- etc. Bildungen, S. 11 f 

175. Frauen feldef, Die Entstehung der Flussinseln. Programm. 

Ludwigshafen 1897. 

176. Lyell, Principles of Geology, I, S. 444 ff. — Vgl. Hahn, Insel- 

Studien. Leipzig 1883, S. 174. 

177. Allgem. Länderkunde v. S i e v e r s. Nordamerika v. E. Deckert, 

2. Aufl. Leipzig u. Wien 1904, S. 265 f u. 269. 
178- Spix u. Martius, Reise in Brasilien i. d. J. 1817 bis 1820» III. Bd 

München 1831, S. 1307. 
179. Verh. d. Ges. f Erdk. Berlin. Jhrg. 1900, S. 112— 128: Meyer 

Herm., Bericht über seine zweite Xingü-Expedition (m. Karte), 

S. 120. 
i8o. Geogr. Journ. 20. Bd. 1902, S. 485 — 498: Grenfell G., The Upper. 

Congo as a waterway (m. 10 gr. Karten), S. 490. 

181. B a t e s H. W., Der Naturforscher am Amazonenstrom. Leipzig 1866, 

S. 283 f 

182. Schweinfurth G., Im Herzen von Afrika. Leipzig 1874. I.Teil, 

S. 124. 

183. Li vings tone, Letzte Reise. Hamburg 1875, II. Bd. S. 154 u. 156. 

184. Bull. Soc. Geogr. commerciale de Paris 1895, IL fasc. S. 927. — 

Bull. Soc. G6ogr. 1896, S. 199; cit. in Mouv. g6ogr. 12. Jhrg. 1895, 
S. 243 (m. Karte) u. 13. Jhrg. 1896, S. 58 f — Mouv. geogr. 
14- Jhrg. 1897, S. 66; S. 278; S. 567. — M. G. 17. Jhrg. 1900, S. 88; 
S. 124. — La G. 2. Bd. 1900, S. 343—350: Jobit E, Le cours 
inferieur de la Likouala aux Herbes (m. Karte). Vgl. Mouv. g6ogr . 
i?' Jhrg. 1900, S. 565—568. — Mouv. geogr. 18. Jhrg. 1901, 
S- 436—437* A. Fondere, Exploration de la Bali, S. 4390*. — 
la Jhrg. 1901, S. 445. — 19. Jhrg. 1902, S. 392. — 20. Jhrg. 1903, 


— aoo — 

S. 127— 131: Vasseur, La Likouala aux Herbes; Exploration 
nouvelle (m. Karte). 

185. Mouv. g€ogr, 17. Jhrg. 1900, S. 265—267: La r^gion des Bas- 

fonds de l'ancienne mer Interieure du haut Congo (m. Karte). 

186. Münchener Geogr. Studien, her. v S. G ü n t h e r. 13 Stück : R e i n d 1 ^ 

Die schwarzen Flüsse Südamerikas. 138 SS. 

187. Mouv. g6ogr. 14. Jhrg. 1897, S. 64— 66: Thi^ry, Voyages dans le 

Sanga, S. 66. 

188. Mouv. g6ogr. 17. Jhrg. 1900, S. 85—88, 109-113; A.-Jv Wauters, 

La region des Concessions dans le Bassin de la Sanga (m. Karte), 
S. 88. 

189. La G. 2. Bd. 1900, S. 348. 

190. Livingstone, Neue Missionsreisen. Jena u. Leipzig 1866, I. Bd 

S. 81 f. u. 98. 

191. Foa, Bull. Soc. G^ogr. 13. Bd. 1892, S. 516. 

192. Geogr. Journ. 5. Bd. 1895, S. 193—220. H. H. Johnston, The British 

Central Africa Protectorate (m. Karte), S. 208 u. 210. 

193. Pet. Mitt. Erg.-Heft Nr. 37. Gotha 1874 : Carl M a u c h s Reisen im 

Innern von Süd- Afrika 1865—1872, S. 46. 

194. Hahn, Insel-Studien, Leipzig 1883, S. 175. 

195. Geogr. Journ. 17. Bd. 1901, S. 333 — 409: Church G. Earl, South 

America : an outline of its Physical Geography, S. 395. 

196. Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie 33. Jhrg. 

Berlin 1905, S. 469 — 471 :*Schubart, Schiffahrt auf dem Paranä 
während einer Überschwemmung. Cameloten. (m. 4 sehr lehr- 
reichen Abbildungen). 


ad Abteilung B. 

197. Pet. Mitt. 37. Bd. 1891, S. 129— 141: Krümmel O., Die nord- 

atlantische Sargassosee (m. Karte). Mit vielen Literaturangaben. 

198. Günther S., Handbuch der Geophysik 2. Aufl. Stuttgart 1899. 

IL Bd. 6. Abt. Kap. I. § 8. Pflanzenmeere, S 389—391. 

199. Englers Botanische Jahrbücher. 11. Bd. Leipzig 1889, S, 264 — 313: 

Klinge Joh., Über den Einfluss der mittleren Windrichtung auf 
das Verwachsen der Gewässer nebst Betrachtung anderer von 
der Windrichtung abhängiger Vegetations-Erscheinungen im Ost- 
baltikum. 

200. Klinge, ebenda S. 296—299: Die fliessenden Gewässer. 

201. Sitzungsberichte der Naturforscher-Gesellschaft bei der Universität 

Dorpat. 7. Bd., Dorpat 1886, S. 193—233: Klinge, Eine Flussfahrt 
auf dem Woo, S. 202 f. 

202. Klinge, Eine Flussfahrt auf dem Woo, S. 205. 

203. Klinge, Woofahrt, S. 206 f. 

204. Klinge, Woofahrt, S. 223. 

205. Klinge, Englers Botan. Jbb. 11. Bd. S. 297. 


— aoi — 

9e6. Ebenda S. 271. 

207. Elwnda S. 2^84. 

208. Ebenda S. 290 u. 298. 

209. Sitzungsberichte der k. k. Akademie der Wissenschaftea 43. Bd. 

I. Abt. Wien 1861, S. 57—122 : P o k o rn y , Untersuchungen über 
die TorfmocMre Ungarns, S. 67. 

210* Annais of Botany, 16. Bd. Oxford 1902, S. 495—516: Hope C. W., 
The *Sadd* of the Upper Nile : its Botany compared with that of 
similar Obstructions in Bengal and American Waters. S. 509—511: 
Vegetation in the Swamps of Lower Bengal. 

:2ii. Vgl. Speke J. H., Journal of the Discovery of the Source of the 
Nile, Edinburgh u. London 1863, Appendix G., S. 625-^658: List 
of Plauts collected by Captain Grant between Zansibar and 
Cairo, S. 631. — Journal of the Linnean Society 25. Bd. 189p, 
S. 1--107: C B. Clarke, On the Plants of Kohima and Muney- 
pore, S. 15. — Journal of the Proceedings of the Linnean Society. 
Botany. 6. Bd. S. 179 — 210 : £ d g e w o r t h M. P., Florula Mallica, 
S. 187. 

212. über die Verbreitung der Monochoria siehe E n g 1 e r , Die natürlichen 

Pflanzenfamilien, II. Teil 4. Abt. Leipzig 1889, S. 72f — E n g 1 e r 
u. D r u d e, Die Vegetation der Erde. IX. Die Pflanzenwelt Afrikas 
V. Engler. IL Bd. Leipzig 1908, S. 279. Schweinfurth, Ztschr. 
G. f. E. Berlin 5. Bd. 1870, S. 61 (im Bahr el Ghasal). 

213. Allgemeine Länderkunde von Sievers. E. Deckert, Nord- 

amerika, 2. Aufl. Leipzig u. Wien 1904, S. 268 f 

214. Deckert, Nordamerika, S. 27t. 

215 Schi m per, Pflanzengeographie auf physiologischer Grundlage. 
Jena 1898, S. 854. 

216. Deckert a* a. O. S. 271 (m. Abbildung). — Annais Bot. 16. Bd. 

1902: Hope, The *Sadd' of the Upper Nile, S. 515—516 nach 
Webber H. J., A Report to the U. S. Department of Agriculture, 
Division of Botany in Bull, of the Department of. A. B. No. 18, 
Washington 1897. (Ausführliche Beschreibung der Eichhornia.) 

217. Deckert a. a. O. S. 272. 

218. Globus, 23, Bd. 1873, S. 9f. 

219. Geogr. Journ. 17. Bd. 1901, S. 333—409: Church G. Earl, South 

America : an outline of its Physical Geography, S. 349. 

220. Schomburgk Rieh., Reisen in Britisch-Guiana i. d. J. 1840 — 1844. 

Leipzig 1847/48. I. Bd. S. 134; II. Bd. S. 482 f 

221. Rod way James, In the Guiana Forest, London 1895. cit. in Hope, 

The 'Sadd' of the Upper Nile, S. 512 — 516: *Sadd' in America, 

s. 51«— 514- 

222 Schomburgk Rieh., Reisen I. Bd. S. 270 u. III. Bd. (Flora). 
223. La Geographie, 11. Bd. 1905, S. 191—204: Deydier J., Troisans ä la 
Guyane frangaise (1901 — 1904), S. 199. 


224* Bulletin of the American Geographica! Society ^ Bd. New-York 
1906, S. 539—553: Heilprin Angelo, Impressions of a Naturalist 
in British Guiana, S. 544. 

225. Geogr. Joum. 19. Bd. 1902, S. 64—73 : C h u r c h , Bolivia by the Rio de 

la Plata Route, S. 65—67. (Nach Esploraciones Praticadas el 
Alto Paraguay y en la Laguna Gaiba, por el Capitan Enrique 
B o 1 1 a n d , 144 SS. Buenos Ayres.) — Vgl. Annalen der Hydro- 
graphie 28. Jhrg. Berlin 1900^ S. 103—106 : Wedemeyer, Schiff- 
fahrts-Verhflltnisse auf dem Alto Paraguay. — Mouv. geogr. 
19. Jhrg. 1902» S. 293—294: Les voies de communication entre la 
Bolivie et le Br^l, nach Bull. Soc G^gr. comm. 1902. 

226. Geogr. Joum. 33. Bd. 1909, S. 1—36 (40): Barclay, The River 

Paranä: an economic Survey (m. Karte), S. 18. 

227. Church, Geogr. Joum. 19. Bd. 1902, S. 72. 

228. Grubb W. Barbrooke, The Chaco Boreal: The Land and its 

Peoplc, S. 419—421 in Scot. Geogr. Mag. 16. Bd. 1900, S. 418 — 429. 

229. FriCVojtöch, Eine Pilcomayo-Reise in den Chaco Central, S, 215 f., 

231 in Globus 89. Bd., S. 213—220; 229—234 (m. Karten^dzzen). 

230. Globus 92. Bd. 1907, S. 65: Gunnar Langes Beriebt fiber seine 

Pilcomayo-Expedition. — S. 236 — 238: Pilcomayo-Forschung. „The 
River Pilcomayo" cit ebenda. — La Geographie 15. Bd. 1907, 
S. 204 — 206: Exploration du Rio Pilcomayo, S. 206. 

231. Zeitschr. Ges. f. Erdk. Berlin 1906, S. 710—712: W. Herrman'ns 

Pilcomayo-Expedition, Briefl. Mittig. v. Fortin Guachalla, 20. Sept 
1906. — - Vgl. Globus, 91. Bd. 1907, S. 100. — Globus 92. Bd. 1907, 
S. 322. — Annales de Geographie, 16. Bd. Paris 1907, S. 473—474- 
Explorations Gunnar Lange et W. Herr mann sur le Pilcomayo. 

232. ,,Hüben und Drüben", Beilage des argentinischen Wochen- u. Tage- 

blattes V. 19. Januar 1907. Beschreibung der Reise des Herrn 
Adalbert Schmied jun. ; Auszug in Globus 92. Bd. 1907, S. 236 ff. 


233. Adanson, Histoire Naturelle du Senegal. Paris 1757- 

234. LaG.4.Bd. i90i,S. 1—20: Cligny et Rambau d, Lesol du Senegal. 

235. Briefliche Mitteilung von Herrn Dr. A. Chevalier. 

236. Chavanne Joseph, Afrikas Ströme und Flüsse. Wien 1883, 

S. i54f. 

237. Lenz Oskar, Timbuktu. Reise durch Marokko, die Sahara und 

den Sudan. Leipzig 1892 (m. Karten), S. 112, 142 f., 175 f., i79^-i 
183, 203 ff. u. ö. 

238. Lenz, Timbuktu, S. 181. 

239. La G. 15. Bd. 1907, S. 253 — 260: Villate, Le regime des eaux dans 

la rögion lacustre de Goundam (m. Karte 1:600000), S. 253. — 
Vgl. Globus 92. Bd. 1907, S. 18 — 19: Das Seensystem im Westen 
von Timbuktu nach neueren Forschungen. 


— 203 — 

240. Bull. Soc. G^ogr. 7. serie 16. Bd. 1895, S. 374—388: Bluzet R.,, 

La r^gion de Tomboucton (m. Karte 1:500000), S. 377. — Vgl. 
Mouv. g^ogr. 12. Jhrg. 1895, S. 324 — 326 (m. Karte). 

241. Mille Pierre, Le Niger. Mouv. geogr. 21. Jhrg 1904, S. iiif. 

242. La G. 5. Bd. 1902, S. 451 — 461: Lenfant, La navigabilite du bas 

Niger, S. 457. 

243. Mouv. geogr. 13. Jhrg. 1896, S. 360: Les lacs du Niger pres de 

Tombuktu. 

244. La G. 4. Bd. 1901, S. 60. J. Giraud, Sur Texistence probable d*une 

mer r^cente dans la region de Tombouctou : nach dem im Namen 
A. Chevaliers von de Lapparent erstatteten Berichte in 
Comptes rendus hebd. des s^ances de 1' Acad6mie des Sciences 1901. 

245. Bluzet, Bull. Soc. Geogr. 16. Bd. 1895, S. 375—378. 

246. Früh u. Schröter, Die Moore der Schweiz. Bern 1904, S. 135. 

247. Mille, Le Niger. Mouv. geogr. 21. Jhrg. 1904, S. 112: „La barque 

traverse des champs entiers, barrant le fleuve d'une herbe 
aquatique, le borgu.** 

248. Chevalier A., Une nouvelle plante ä sucre de V Afrique francjaise 

centrale (Panicum BurgUy Aug. Chev.). Extrait des Comptes 
rendus de 1' Association Fran<jaise pour Favancement des Sciences, 
Paris 1900, S. 642 — ^6. 

249. Mille, Le Niger. M. G. ai. Jhrg. 1904, S. 112. 

250. La G., 13. Bd. 1906: Gautier E F., Du Touat au Niger, S. 18. — 

Vgl. hiezu La G. 8. Bd. 1903, S. 93 f.; 9. Bd. 1904, S. 480. 

251. Chevalier, Cpts. rds. Assoc. Fr., S. 648 f. u. 652. 

252. Buchholz, Charakterbilder aus Afrika, 3. Aufl. Leipzig 1900, S. 65. 

253. Pobeguin, Notes sur la Cöte d'Ivoire, region comprise depuis 

Grand-Lahou jusqu'au Cavally. Bull. Soc. G^ogr. 7. Serie 19. Bd. 

1898, S. 328—374- 

254. Pobeguin, Notes sur les Lagunes de Grand-Lahou, de Fresco et 

les rivieres Bandama et Yocobou^. Bull. Soc G^ogr. 18. Bd. 
1897, S. 106 — 128 u. 230-251. 

255. Clozel, Junction des lagunes d'Assinie et de Grand-Bassam, 

Cöte dlvoire. La G. 5. Bd. 1902, S. 241-246 (m. Karte). 

256 Deutsches Kolonialblatt 15. Jhrg. Berlin 1904, S. 487—488: Togo. 
Bericht des Oberleutnants Frh. v. Seefried über die Unter- 
suchung des Hahoflusses (m. Karte). 

257. Geogr. Charakterbilder, 4. Teil : Afrika. Aus den Originalberichten 

der Reisenden gesammelt von B. Volz. Leipzig 1886, S. 119— 137: 
Hugo Zöller, Togoland und Togosee, S. 123 u. 129. (Nach» 
dem gleichnamigen Buche Zöllers, Stuttgart 1885.) 

258. Pet Mitt. 34. Bd. 1888, S. 233—237: Bürgi, Reisen an der Togoküste- 

und im Ewegebiet, S. 234. 
259- Geogr. Journ. i. Bd. 1893, S. 122 — 130: Gall wey H. L., Journeys in 
the Benin Country, West Africa, S, 124 f. 


— ?Q4 — 

^m iiloluw 87. Bd. 1905, S. 171. 

iK>l> Mouv. göogr. 24. Jhrg. 1907, S. 78. 

t»Otf« HuH. Soc. G6ogr. 16. Bd. 1895, S. 337 u. 340 (Mizon). — Mouv. 
g^ogr. 21. Jhrg. 1904, S. 85—88: W auters, Le probleme du Tuburi 
et la Mission Lenfant (m. Kartenskizze), S. 88. — Globus 87. Bd. 
1905, S. 168 — 173 u. 186—190: Die Wasserverbindung zwischen 
Niger und Tschadsee (m. Kartenskizze), S. 186. — Hiezu noch 
Barth, Reisen IV. Bd. — Mouv. geogr. 13. Jhrg. 1896. S. 469—473: 
Au sources de la Benue. Expedition du Lieutenant Mizon. — 
Mouv. g^ogr. 19. Jhrg. 1902,3. 5^9—533: Wauters, Du Golfe de 
B^nin au lac Tshad par le Niger, la Benoue, le Kabi, le Tuburi 
et le Logone(m. 2 Kartenskizzen). — La G. 9. Bd. 1904, S. 73—78: 
La mission Len fan t de la Benou^ au Tchad. — La G. 9. Bd. 1904, 
S. 321—342: Lenfan t, De l'Atlantique au Tchad par le Niger et 
la B6nou€. — Scot. Geogr. Mag. ao. Bd. 1904, S. 306 — 316: Len fant, 
Frora the Atlantic to the Chad by the Niger and the Benue 
(m. Karte). — Mouv. g^ogr. 24. Jhrg. 1907, S. 76 — 80: Les Relations 
par eau du Logone avec la Benue (nach Audoin u. d'Adhemar 
in Bull, du Comite de PAfrique frang.) — Die Geschichte der Er- 
forschung bis 1904 ist behandelt in La G. 9. Bd. 1904, S. 257—267: 
Hulot, Historique des missions Benoue-Tchad. 

ti/^, Mitt. aus den deutschen Schutzgebieten 18. Bd. Berlin 1905, 
S. 318 — 345: Marquardsen, Die geographische Erforschung des 
Tschadseegebietes bis zum Jahre 1905 (m. Karten), S. 343 f. — 
Vgl. Geogr. Journ. 30. Bd. 1907, S. 119— 149: B. Alexander, 
From the Niger, by Lake Chad, to the Nile (m. Karte), S. 126 f. 

jji^4> Geogr. Journ. 30. Bd. 1907, S. 438—440 : The River Yo from Dam- 
jiri to Hadeiya and Kano (m. Kartenskizzen), S. 440. 


^6$, Cameron, Quer durch Afrika, Leipzig 1877, 1. Teil S. 129 
266, Ztschr. Ges. f. Erdk. Berlin 1904, S. 426—431: Leo Frobenius* 

Forschungsreise in das Kassai-Gebiet, III. Bericht S. 429. — In 

Frobenius'Im Schatten des Kongostaates, Berlin 1907, ist dieses 

Hochmoor nur kurz (S. 390 f.) genannt. 
»97, Mohun, Sur le Congo, de Kassongo au confluent de la Lukuga. 

Mouv. g^ogr. II. Jhrg. 1894, S. 84 f. — Hin de, Geogr. Jour. 5. Bd. 

1895, S. 426—446. Vgl. Mouv. geogr. 12. Jhrg. 1895, S. 148—151- 
«68. Cornet J., La geologie du bassin du Congo d'apres les recon- 

naissances actuelles. Mouv. geogr. 14. Jhrg. 1897, S. 433—436 u. 

505-508. 

269. Cornet, Bull, de la Soc. de geologie de Beige 1893, S. 153— 159* 

Cit. in Mouv. geogr. 14. Jhrg. 1897, S. 140 f. u. Mouv. geogr- 
10. Jhrg. 1893, S. 102 c. 

270. Brasseur (u. Wauters), L*Urua, Pays des Balubas. Mouv. 

geogr. 14. Jhrg. 1897, S. 139 ff., 159—162. — Wauters, L^ 


— 205 — 

Cöurs du Congo. Le fleüve sup^Heur de sä source aux Stanley- 
Falls. IL Le Kamolörido. Mouv. g^ogr. 14. Jhrg. 1697, S. 578. 

271. Geogr. Zeitschrift 14. Jhrg. 1908, S. 66. 

272. Mouv. g€ögT, 1897, S. 13$ u. 413. 

^73. ]\iouv. göogr. 1897, S. 578; 1903, S. 586. 

274. M. G. 1904, S. 170. 

275. Geogr. Ztsch'r. 1908, S. '66. 
276- M. G. 1904, S. 1Ö4. 

277. M. G. 1904, S. 172. 

278. M. G. 1897, S. 162 u. 414. 

279. M. G. 1897, S. 423. 

280. M. G. 1897, S. 140 u. 413; 1903, S. 586. 

281. M. G. 1897, S. 141; Geogr. Ztschr. 1908, S. 65 f. 

282. Mitteilungen der afrikanischen Gesellschaft in Deutschland IV. Bd.. 

Berlin 1883—85, S. 303—309 : Bericht von Paul R e i c ha r d über die 
Reise nach Urua und Katanga (m. Karte), S. 304; V. Bd. 1886—89^. 
S. 76 — 78: Die ostafrikanische Expedition. Bemerkungen zur 
Karte (Tafel 2 u. 3). 

283. Mouv. g^ogr. 9. Jbpg. 1898, S» 125 a— 196 a (b), 129 a-*-i3o a,.. 

135 a— 136 c: L'exp^dition Bia au Katanga (m. Karten) 10* Jhcg. 
1893» S. 33—35» 40 42, 55^56, Ö7, 100 f. — Vgl. Geogr. Journ. 
I. Bd. 1893, S. 223—228 : Recent Explorations in the South*£astern 
Congo-Basin (m. Karte), S. 227. 

284. Delcommune, Mouv. g^ogr. 9. Jhrg. 1890, S. 139 a-=-i42 b, 

149 a— 150c: L'exp6dition Delcomm une etc. =*- 10. Jhrg. 1893,. 
S. 12 a — 13a: L^expedition d'Alexandre Delcommune au 
Katanga. 

285. Cornet, Mouv. g^ogr. 10. Jbrg. 1893, S. loi— loßb: L' explotation. 

du Liisllaba depufs scs sources jusqu'au lac Kabelt. — 10. Jhrg. 
1893, S. 40 c— 42 a : L' expedition B i a ■ F r a n c q u i. Rapport du Dr. 
Cornet, S. 47. — 11. Jhrg. 1894, S. 84 ff. (Alle Expeditionen, 
zusammengefasst in Mouv. g^ogr. 10. Jhrg. 1893, S. 39 a — 42 c.) 

286. Brasseur, Mouv. g6ogi-. 14. Jhrg. 1897, S. 133— 141, 157—162, 

169—175: L'Urua, Pays des Baiubäs. Historique de la d6couvePtfc. 
— D^scription du pays. — RecorihaisÄance du Lualaba (Kamdlönda) 
et du Luapula (Luvua), S. 139— 141, 159^^62 (m. Kaften). -^ MoüV. 
g^ogr. 1897, S. 409—415, 423-^4!46, 436-438, 447— 45o: L'Urüfe. 
et le Katanga, S. 413 — ^^415 (m. Karte). — Vgl. auch die Karte 
in No. 21, 19. Jhrg. 1902 (u. No. 15, 21. Jhrg. 1904). 

•287. Mouv. g6ogr. 14. Jhrgi 1897, S. 162. 

288. Mouv. ^6ogr. 21. Jhrg. 1904, S. 169—174: Latteö, Les voies navi- 

l^dbles au Katanga I. (m. Kartenskizze), S. 17Ö. 

289. Lattes, Les voies navigables au Katanga IL Moüv. g€ogr. 2i.Jhrg.- 

1904, S. 183—185 (mit I Kroki). 


— 2o6 — 

390. Mouv. geogr. 24. Jhrg. 1907, S. 73 — 75: Nouvelle exploration du 
Kamolondo (mit Kartenskizze^ : Mauritzen. — Vgl. Globus 91. Bd. 
1907, S. 209 — 210. 

291. Cameron^ Quer durch Afrika. Leipzig 1877, EL. Teil S. 73- 

292. Hesse-Wartegg^ Mexico, Land und Leute. Wien u, Olmütz 

1890, S. 229. 

293. Geogr. Joum. 30. Bd. 1907, S. '371— 382 (384) : Po well-Co tton, A 

Joumey of the Congo State (m. Karte), S. 380. Dazu 2 Ab- 
bildungen. 
.294. Huc-Gabet, Wanderungen durch das chinesische Reich. Deutsch 
von A n d r e e. Leipzig 1855, S. 215. Cit. in Günther, Geophysik 
n. Bd. Stuttgart 1899, S. 635. 

295. Casati, Zehn Jahre in Äquatoria. Bamberg 1891, i. Bd., S. 306. 

296. Lattes, M. G. 1904, S. 172 u. 185. 

.297. Geogr. Ztschr. 14. Jhrg. 1908, S. 65 — 83 u. 150—159: Adrien de 
Ghellinck, Wasserstrassen und Eisenbahnen im freien Kongo- 
Staat (m. Karte), S. 154. 

-298. Geogr. Ztschr. 4. Jhrg. 1898, S. 414. 

299. Mouv. geogr. 24. Jhrg. 1907, S< 205 — 208: Foulon, Kilubi-Sainte 

Marie de Bangwelo, S. 206. (Nach „Missions des Peres Blancs'.) 

300. Geogr. Joum. 12. Bd. 1898,3.241—259 (262): Weatherley Poulett, 

Circumnavigation of Lake Bangweolo (Juli to September, T896) 
(m. Karte), S. 247. 

301. Livingstone, Letzte Reise in Centralafirika, Hamburg 1875, LBd. 

S. 374 f.; n. Bd. S. 354. 
3P2. Compte rendu des Seances de la Societe de Geographie. Jhrg. 1885, 
Paris 1885, S. 209 (210) — 244: Giraud Victor, Voyage aux grands 
lacs de TAfrique equatoriale (m. Karte), S. 224 ff. 

303. Weatherley, Geogr. Joum. 12. Bd. 1898, S. 249 u. 256. — Geogr. 

Joum. ^9. Bd. 1907, S. 369 — 395 (400): Wallace, North-Eastern 

Rhodesia (m. Karte), S. 374 — 376. 
3P4^ Geogr. Joum. 13. Bd. 1899, S. 72—73: Lake Bangweolo (vgl. Kritik 

V. Singer in Pet. Mitt 1898, S. 259—260 u. Crawford in Geogr. 

Joum. II. Bd. 1898^ S. 180). 
305. Weatherley, Geogr. Joum. 12. Bd. 1898, S. 256. 
3p6l Geogr. Joum. 15. Bd. 1900, S. 23a 

307. Livingstone, Letzte Reise, 11, S. 319. 

308. Weatherley, Geogr. Joum. 12. Bd. 1898, S. 256. 

309. Pet MitL 48. Bd. 1902, S. 169 — 172: Maitre Henri, Zwei Forschungs- 

reisen der ^Weissen Väter* nach Lobemba und Lobisa. «Mit 
einer Karte 1:1000000 nach den Entwürfen von Henri Maitre 
mit den Reisewegen und Aufnahmen früherer Forscher vereinigt 
von Paul Langhan s,S. 172.)— Mouv. geogr. 15. Jhrg. 1898,5.4^'» 
24. Jhrg. 1907, S. 206. 

310. Pet. Mitt. 48. Bd. 1902, S. 171. 


— 207 — 

311. Livingstoae, Letzte Reise II, S. 347. 

312. Giraud, Cpte. rdu. S6ances Soc. Geogr. Paris 1885, S. 224 f. 

313. Weatherley, Geogr. Journ. 12. Bd. 1898, S. 250. 

314. Pet. Mitt. 1902, S. 171. — Geogr. Journ. 20. Bd. 1902, S. 324—327: 

Maitre Henri, Geographica! Results of the Expiorations of the 
French White Fathers in North-Elastem Rhodesia (m. Kartenskizze), 
S. 326. — Geogr. Journ. 15. Bd. 1900,8.227—234: Codrington 
Robert, A Joumey from Fort Jameson to Old Chitambo and the 
Tanganyika Plateau (m. Karte), S. 230. — Vgl. La G. i. Bd. 1900, 
S. 405—406. 

315. Geogr. Journ. 15. Bd. S. 231; 20. Bd. 1902, S. 326. 

316. Geogr. Journ. 29. Bd. 1907, S. 369-395: Wallace, North-Eastern 

Rhodesia, S. 376. 

317. Geogr. Journ. 15. Bd. S. 230. — Pet. Mitt. 1902, S. 170 u. 171. — 

Geogr. Journ. 20. Bd. S. 327. 

318. Geogr. Journ. 20. Bd. S. 327; Pet. Mitt 1902, S. 171. 

319. Livingstone, Letzte Reise II, S. 355. 

320. Geogr. Journ. 17. Bd. 1901, S. 42—48 : C h e s n a y e C. D., A Joumey 

from Fort Jameson to the Kafue River, S. 43 f. — Vgl. La G. 3. Bd. 
1901, S. 69. 

321. Giraud, Cpte. rdu. S^ances Soc. G6ogr. Paris 1885, S. 225. 

322. Weatherley, Geogr. Journ. 12. Bd. 1898, S. 249; 13. Bd. 1899, 

S. 72 f. — Vgl. Wallace a* a. O. S. 375. 

323. Wallace, Geogr. Journ. 29. Bd. 1907, S. 375 f. 

324. Geogr. Journ. 14. Bd. 1899, S. 561 —563 : Mr. Weatherley's Surveys 

in the Bangweulu Region, S. 562. (Vgl. La G. i. Bd. 1900, S. 68.) 

325. Pet. Mitt. 1902, S. 171 u. Geogr. Journ. 20. Bd. S. 327. 

326. Vgl. 325 u. Geogr. Journ. i. Bd. 1893, S. 97—121 : Thomson Joseph, 

The Lake Bangweolo and the unexplored Region of British Central 
Africa (m. Karte), S. 108. 

327. Livingstone, Letzte Reise I, S. 370. 

328. Thomson, Geogr. Journ. i. Bd. 1893, S. iio. 

329. Livingstone, Letzte Reise, I. Bd. S. 293. 

330. Sharpe Alfred, A Journey from the Shire River to Lake Mweru 

and the Upper Luapula (m. Karte). Geogr. Journ. i. Bd. 1893, 
S. 526. 

331. Geogr. Journ. 13. Bd. 1899, S. 577— 623: Wallace, The Nyasa-Tan- 

ganyika Plateau II, S. 614—617. 
33a. Wallace, Geogr. Journ. 13. Bd. S. 6i6. 

333. Livingstone, Letzte Reise, I. Bd. S. 308. 

334. Francqui, Le Lac Mofero. Mouv. göogr. 10. Jhrg. 1893, S. 75a— 75b. 

335. Mouv. g^ogr. 14. Jhrg. 1897: Brasseur Cl., L'Urua, Pays des Balu- 

bas, S. 174—175 : Le Lac Moöro. — S. 413 — 415 : U Urua et le 
Katanga, S. 414. 

336. Geogr. Journ. 17. Bd. 1901,^. 431. 


- 208 - 

337. Giraudy Cpte rdu. S6ances Soc G^ogr. Paris 1885, S. 231 f. 
333. Sharpe, Geogr. Joum. i. Bd. 1893, S. 53a- 

339. Maitre, Pet Mitt. 48. Bd. 1902, S. 17a. 

340. BlairWatson, Lake Mweru and the Luapula Deka. Geogr. Jounw 

9. Bd. 1897, S. 56-60. — Vgl. Mouv. g^ogr. 14. Jhrg. 1897, S. 27—29. 

341. Geogr. Jour. i. Bd. 1893, S. 524—533: Sharpe Alfred, A Journey 

from the Shire River to Lake Mweru and the Uppier Luapula 
(m. Karte), S. 509. 
340^ Sieger, Schwankungen der innerafrikaniBchen Soen. S. 41 — 60 von 
Bericht des Vereins der Geographen an der Wiener Universität 
XIII, 1888, S. 45—50. Vgl Garstin, Report upon the Basin of 
the Upper Nile. Cairo 1904, S. 37— 41 (Viktoria -Nyansa), S. 43 
(Albert Eduard-See), S. 88—90 (Albert-See). Lyons, The Physio- 
graphy of the River Nile and its Basin. Cairo 1906, S. 33—4^ 
(Viktoria-Nyansa\ S. 67—68 (Albert-£duard-See), S. 75 - 76 (Albert- 
See). — Geogr. Joum. 28. Bd. 1906, S. 641—643 (Nyasaa-See); 
30. Bd. 1907, S. 98: Levels of African Lakes. 

343. Camer on V. L., Quer durch Afrika. Leipzig 1877, !• Teil S. a6a. 

344. Mouv. geogr. 14. Jhrg. 2897: Com et, La g^ologie du baasin du 

Congo, S. 506. 

345. Cameron; I, S. 262 — 265, S. 269. 

346. Geogr. Journ. 2. Bd. 1893, S. 238— 245 (248): J. A. Moloney, The 

Stairs Expedition to Katangaland, Discussion, S. 245. 

347. Stanley H. M-, Durch den dunklen Weltteil. Leipzig 1878, IL Bd. 

S. II — 12, S. 48—57 (mit Karte des Lukuga-Creek). 

348. Stanley, 11^ S. 50—52. 

349. Thomson Joseph, Expedition nach den Seen von Central- Afrika 

i. d. J. 1878— 1880. Jena 1882. II. Teil S. 41—44 (S. 47— 54- 
Hypothesen über den Lukuga). 

350. Thomson, H S. 78. 

351. S i e g e r a. a. O. S. 47. Vgl. Chavanne, Afrikas Ströme und 

Flüsse. Wien 1883, S. loi; 95 f., X04. 

352. Wissmann H. v., Meine zweite Durchquerung Äquatorial- Afrikas 

vom Congo zum Sambesi während der Jahre 1886 u. 1887. Frank- 
furt a. O. 1890, S. 199 f. — Vgl. Bull. Soc. Roy. Beige g6ogr. 
10. Jhrg. Brüssel 1886, S. 50 — 60: Stör ms, Le probleme du 
mouvement des eaux du lac Tanganika. 

353. Mouv. göogr. It. Jhrg. 1894, S. 27— 28b; Wauters, L'exploration 

de la Lukuga, Temissaire du lac Tanganika par Texpedition 
Delcommune (m. Kartenskizze). 

354. Mouv. g^ogr. II. jhrg. 1894, S. 84— 85: Mohun, Sur le Congo, de 

Kässongo au confluent de la Lukuga. — Vgl. Geogr. Joum. 5. Bd. 
1895, S. 80 — 81. 

355. Geogr. Journ. 5. Bd. 1895, S. 426—446: Hinde S. L., Three years' 

Travel in the Congo Free State (m. Karte), S. 441 fif. (Vgl. Mouv, 
geogr. 12. Jhrg. 1895, S. 148—15!). 


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Fig. T5. Dairpfpr, einen Sseddblock 


e Messer in BueilBchaft. 



and Lall* ^* m S 595- - J«»»"/* ' 
3^^rondo«^n?\Sx S."? , , ^ _ Vgl. Garstin. Report 

3.^- i^^'l\^^^^' ^tr? CCt/rr. de Renesse. 
Beige G«ogr_ ^-^.^^ria. S. *5f- 
n'e'r Reän Ul. S- ^^^.^tin. Report X904, S- «6. 

^V^hnston.The^^^^l^. i^eipzig x8,8. 1. Bd. S. .33- 

*^ r^-rstin a. a. O. ^3- ^,„^cn Weltteil- beip^ s 

459 "• '*^3- ;| Die Englische W 

Radcliffe. ^ O.lBd. S. 123 
Tnhnston a. a. v- * 
40»- i° _v^ Tournal, S. aT9- 


Tohnston »• «• ^ 



— MI — 

404. Gar st in a. a. O. S. 48 — 53. 

405. Junker, Reisen III, S. 580. 

406. Gar st in a. a. O. S. 61 f. u. 85. 

407. Gessi, Seven years in the Soudan. London 1892, S. 129. — Bull. 

Soc. G6ogr. 6. Serie 11. Bd. 1876, S. 638. — Vgl. auch Geogr. 
Journ. 9 Bd. 1897, S. 377. 

408. Johnston, The Uganda Protectorate I, S. 43 f. 

409. Geogr. Journ. 13. Bd. 1898, S. 361 —372 : H o b b 1 e y C. W., Kavirondo 

(m. Karte), S. 362 

410. Geogr. Journ. 9.i,Bd. 1897, S 369— 390 (393): Vandeleur C. F. S., 

Two years Travel in Uganda, Unyoro, and the Upper Nile (m. 
Karte), S. 383. 

411. Geogr. Journ. 2. Bd. 1895, S. 112— 139: Pringle, With theRailway 

Survey to Victoria Nyanza (m. grosser Karte), S. 137. 

412. Garstin, Report 1904, S. 25. 

413. Pringle, G. J. 2. Bd. S. 133. 

414. Lyons, The Physiography of the River Nile and its Basin. Cairo 

1906, S. 14. 

415. Ztschr. d. Ges. f. Erdk. Berlin. 32. Bd. 1897, S. 303—342: E. de 

Martonne, Die Hydrographie des oberen Nilbeckens, S. 325 f. 

416. Vgl. Bull. Soc. G6ogr. 6. Serie 10. Bd. 1875, S. 350—364: Voyage 

au Lac Victoria-N'yansa et au Pays Niäm-Niam par le Colonel 
C. Chaille-LongBey,S. 358. — Bull, of the American Geo- 
graphical Society of New York 36. Bd. New York 1904, 
S.« 346—352: Chaille-Long's Work on the Nile (m. Karte). 
Dort legt sich Chaill^-Long sehr ein für den von ihm ge- 
brauchten Namen „Ibrahim-See" , der denn auch (nach Bull. 
Americ. Geogr. Soc. 40. Bd. 1908, S. 17 f. und Geogr. Ztschr. 
14. Jhrg. Leipzig 1908, S. 229) auf den britischen Karten neben 
der Bezeichnung „Lake Choga* figurieren soll. 

417. Bull. Soc, G6ogr. 10. Bd. 1875, S. 358. — Bull. American Geogr. 

Soc. 36. Bd. 1904, S. 348. 

418. G e s s i , Seven years in the Soudan. London 1892, S. 136 f. — Bull. 
Soc. Kh6diviale de Geographie 2. Serie. Le Caire 1882, S. 185—190: 
C. Piagga, Sur le Nil Somerset et le lac Capeke (Long), S. 190. 

419. Geogr. Journ. 13. Bd. 1899, S. 410 — 412 : Kirkpatrick, Lake Choga 
and surrounding Country (m. Karte), S. 410. — Vgl. Lyons, 

I Physiography of the River Nile etc. Cairo 1906, S. 60. ^- Vgl. 

Garstin, Report 1904, S. 72 f. 

420. Geogr. Journ. 33. Bd. 1909. S. 192 — 195: Fishbourne, LakeKioga 
(Ibrahim) Exploration Survey 1907—1908 (m. guter Karte), S. 195. 

421. Scot Geogr. Mag.. 22. Bd. 1906, S. 341 — 354: Ch. El Hot, From Mom- 
basa to Khärtum : through Uganda and down the Nile, S. 345. — 
Johns ton, The Uganda Protectorate I, S. 64. 

422. Geogr. Journ. 33. Bd. 1909, S. 194 f 

14* 


423- Garstin a. a. O. S. 72 f. 

424. S p e k e , Journal of the Discovery of the Source of tbe Nile, S. 459. 

425. Cbavanne, Afrikas Ströme und FlQsse. Wien 188^ S. 34. 

426. Bull, trimestriel de la Soc Kbediv. de Geogr. du Caire. Le Caire 

1876,5.1 — 97: Itineraire et Notes de£.Linant de Bellefonds 
(m. Karte*', S. 83 f. u.. 95 f. 

427. Wilson u. Felkin, Uganda und der Ägyptische Sudan. Stuttgart 

1883, L Bd. S. 135 f., IL Bd. S. 23. 

428. Geogr. Joum. 9. Bd. 1897, Vandeleur, Two years Travel in 

Uganda, S. 373. Vgl. L y o n s a. a. O. S- 61 und Garstina.a.0. 

S. 73- 

429. Chavanne a. a. O. S. 35. 

430. Junker, Reisen III. Bd. S. 595. Pet. Mitt. 37. Bd. 1891, S. 4. 

431. Bull. Soc. Kh^. Geogr. 1876: Linant de Bellefonds, Itineraire, 

S. 29. 

432. S. W. Baker, Der Albert N*yanza; deutsch von J. E. A. Martin. 

Jena 1868, S. 305- 

433. Baker, ebenda S. 321. 

434. Pet. Mitt. 37. Bdi 1891,$. 1—7 (8): Junker, Vom Albert Nyansa 

nach dem Viktoria Nyansa 1886, S. 4. — Junker, Reisen DI, S. 605. 
•435. Mar ton ne, Die Hydrographie des oberen Nilbeckens. Ztschr» 
d. Ges. f. Erdk. Berlin. 32. Bd. 1897, S. 326 Anm. 2. 

436. Junker, Reisen III, S. 608. Pet. Mitt. 37. Bd. 1891, S. 6. 

437. Junker, Reisen III, S. 599 u. 605, 606. Pet. Mitt 1891, S. 4, 5, 7. 

438. Johnston, The Uganda Protectorate I, S. 68. 

439. Junker, Pet. Mitt 1891, S. 3. 

440. Geogr. Jour. 9. Bd. 1897, S. 376. 

441. Garstin, Report 1904, S. 73. 

442. Lyons, Physiography of the River Nile, S. 61 u. Vandeleur, 

Geogr. Joum. 9. Bd. 1897, S. 373- — Vgl. Henze, Der Nil. Halle a. S. 
1903» S. 24. 

443. Speke John Hanning, Journal of the Discovery of the Source of 

the Nile, Edinburgh and London 1863, S. 560. — Piaggia, Bull. 
Soc. Khediv. Geogr. 1882, S. 190. — Hill, Colonel Gordon in 
Central Afrika 1874— 1879. London 1884, S. 150. 

444. Geogr. Journ. 19. Bd. 1902, S. 1—42: Johnston, The Uganda 

Protectorate, Ruwenzori, and the Semliki Forest (m Karte), S. 20. 

445. L y o n s a. a. O. S. 71. 

446. Mitt. d. Geogr. Ges. Wien 24. Bd. 1881, S. 149—167 u. 263 - 275 : 

E m i n B e y , Reise im oberen Nilgebiet von Labore über P'adibek 
nach Fatiko und von Fatiko nach Fauvera und zurQck, S. 265 — 267- 

447. Garstin a. a. O. S. 75 Anm 4. 

448. Martonnea. a. O S. 325 ; Henze a. a. O. S. 24. 

449. G a r s t i n a. a. O. S. 76. — C h a V a n n e , Afrikas Ströme und Flüsse* 

Wien 1883, S. 36. 


— 213 — 

* 

450- Baker S. W., Der Albert N'yanza, S. 349 f. u. 356 f. 

451. Bull. Soc. Kh6d. G^Dgr. du Caire 1876, S. 294 — 295: Lettres de 

S. E. g6n6ral Gordon-Pacha. I: Observations sur le Nil eiitre 
Duflfli et Magungo, S. 295. — Hill, Colonel Gordon, S. 177. 

452. Gessi, Seven years in the Soudan, Ljondon 1892, S. 119 f. 
453 Vandeleur, Geogr. Journ. 9. Bd. 1897, S. 370. 

454. Johnston, The Uganda Protectorate, London 1902, I, S. 142. — 

Auf der Karte von Major Delme-Radcliffe in Geogr. Journ. 
21. Bd. 1903, S. 220 ist hier die Bezeichnung „sudd* eingetragen. 

455. Garst in a. a. O. S. 76. 

456. Baker, Der Albert N'yanza, S. 353. — Garstin a. a O. S. 91. 

457. Lyons, Physiography of the River Nile, S. 71. 

458. Chavanne a. a. O. S. 41. — Vgl. Hill a. a O. S. l^6f.; Bull. 

Soc. Kh6div. Geogr. 1876, S. 294; 1908, S 369. 

459. Mitt. d. Ver. f. Erdk. Leipzig 1886. Emin Paschas Reise auf dem 

Albert Nyanza, S. iio. — Nach Henze (der Nil, S. 28) beträgt 
die Tiefe auf dieber Strecke 5—12 m; das dürfte aber sehr selten 
der Fall sein, da viele Schiffe im Flusse stecken blieben. 

460. Vandeleur a. a. O. S. 369 f ^- Garstin a. a. O. S. 94 berichtet 

von 7 m hohem Papyrus. 

461. Pet. Mitf27. Bd. 1881, S. i— 10: Emin-Bey, Ein Ausflug nach Lur 

am. westlichen Ufer des Mwutan-Nzige, S. i. 

462. Felkin, cit. in Garstin, Report 1904, S. 94 Anm. 3. 

463. Gessi, Pet. Mitt. 22. Bd. 1876, S. 369 und Seven years in the 

Soudan, S. loi— 113. 

464. Junker, Reisen III, S. 497 — 499. 

465. Garstin a. a. O. S. 95. 

466. Wilson u. Felkin-, Uganda und der ägyptische Sudan I. 'Bd. 

S. 138. — La G. 9. Bd. 1904, S. 431-^444: Brumpt, Mission du 
Bourg deBozasduNilä P Atiantique (3. Karte), S. 431, 432, 434. 
— Scot. Geogr. Mag. 22. Bd. 1906, S. 341—354 : Ch. £ 1 1 i o t , Frpm 
Mombasa to Khartum : Through Uganda and down the Nile, S. 348. 
-T Sir Sam Wh. Baker-Pa'cha, Ismailia, London 1874, II Bd. 
Appendix, S. 527. — Garstin a. a. O. S. 91, 93, 94 u. 07. 

467.^ Pet. Mitt. 26. Bd. 1880, S. 263; 27. Bd. 1881, S. 10. 

468. Garstin a. a. O. S. 92. 


ad Abteilui^ C. 

469. Lyons, The Physiography of the River Nile and its Basin. Cairo 

(National Printing Department) 1906, S. 132 Anm." — Geogr. 
Journ. 25. Bd. 1905, S. 663 — 665: Referat von Cptn. H. G. Ly on s 
über Willcocks' „The Nile in 1904'*, S. 664 Anm. 

470. La Geographie 9. Bd. 1904, S. 305 — 306. 


— 214 ~ 

471. La G- 9. Bd. 1904, S. 343— 3Ä: Aug. Chevalier, De T OubangMi au 

lac Tchad ä travers le bassin du Chari, S. 360. 

472. Pet. Mitt. 27. Bd. 1881, S. 411—426: Marno Ernst, Die Suaipfregion 

des äquatorialen Nilsystems und deren Grasbarren (m. Karte)^ 
S. 411 ff. — Vgl. Wisotzki, Hauptfluss und Nebenfluss. Stettin 
1889, S. 99— J05. 

473. Egypt Nr. 2 (1901) cd. 672 (Blaubuch). Despatcb from His Majest3r's 

Agent and Consul- General at Cairo inclosing a Report as to Irri- 
gation Projects on the Upper Nile by Sir William Garstin 
(m. 12 Karten), London 1901, S. 29. — Report upon the Basin of 
the Upper Nile with Proposais for the Improvement of that River^ 
by Sir William Garstin, to which is attached a Report upon 
Lake Tsana and the Rivers of the Eastem Soudan by Mr. C. 
Dupuis (mit 6 grossen Karten, vielen Plänen, Diagrammen und 
Bildern), Cairo 1904, S. 132. — Im folgenden ist die erste Publi- 
kation mit „Blaubuch Egypt Nr. 2, 1901" oder mit „Report 1901"^ 
die letztere mit „Report 1904** bezeichnet. — S. 109 — 141 von 
Report 1904 ist. fast gleichlautend mit S. 9—41 von Report 1901. 

474. Garstin, Report as to Irrigation Projects on the Upper Nile, 1901, 

S. 24. 

475. Proceedings of the Roy. Geogr. Society, 6 Bd. 1884, S. 304: The 

Province of Bahr el Ghazal principally from a sketch by 
F. Lupton-Bey (1:6000900). 

476. Lyons, Physiography of the River Nile etc., Cairo 1906, S. 78. 

Plate VII : The Basin of the Bahr el Jebel and the Bahr el Ghazal 
(i : 4000000). 

477. Geogr. Journ. 30. Bd. 1907, S. 527: Sketch Map of the Western 

Sources of the Nile by Lieut. D. C o m y n , Black Watch (i : 5000000). 
— Vgl. Geogr. Journ. 30. Bd. S. 693: Map showing the Routes in 
Bahr el Ghazal (Percival). Capt. C. P er ci v a 1, Rifle Brigade, 
1906 — 1907 (i : 1 000000). 

478. Geogr. Journ. 32. Bd. 1908, Nr. 5, S. 480: The Nile Basin von 

H. G. Lyons (1:7500000). 

479. Garstin, Blaubuch Egypt Nr. 2, 1901, S. 27; Report 1904, S. 129. 

480. Zu dieser Frage nehmen neuerdings Stellung Lyons , Physiography 

of the River Nile, S. 129 und zwischen S. 144 und 145 (Supplement 
to Chapter III : The Bahr el Arab, 2 SS.); Comy n, Western Sources 
of the Nile. Geogr. Journ. 30. Bd. 1907, S. 525 u. 530 und Garstin, 
Geogr. Journ. 33. Bd. 1909, S. 117— 147: Fifty years of Nile Explo- 
ration, and some of its Resutts (m. Karte), S. 142. 

481. Mouv. geogr. 20. Jhrg. 1903 No. 15: Carte du bassin du Bahr-el- 

Gazal. 

482. C o m y n , Geogr. Journ. 30. Bd. S. 525 u. 528. • 

483. Geogr. Journ. 30. Bd. 1907, S. 604—607: Captain PercivaTs 

Surveys in the Bahr-el*Ghazal Province (m. Karte), S. 606 Anm- 


— 215 — 

484- Geogr. Journ. 30. Bd. S. 524 ff. 

485. Pet. Mitt. 28. Bd. 1882, S. 121— 129: Marno, Die Verlegungen im 

Bahr-el-Ghasal und deren Beseitigung im April bis Juni 1881, 
S. 124. Vgl. die dazugehörige Karte, Tafel 6: £. Marno's Auf- 
nahme des Bahr-el-Ghasal im ägyptischen Dampfer ,,Borden^', 
Januar und März— Juni 1880 (i : 500000). 

486. Junker, Reisen in Afrika 1875- 1886. II- Bd- (1879—1882) Wien 

1890, S. 63. Vgl. die Karte Tafel i: Originalkarte des Bahr-el- 
Ghasäl, aufgenommen im ägyptischen Dampfer ylsmailiä" von 
Dr. Wilhelm Junker den 21. bis 28. Febr. 1880 (1:750000). 

487. Gar st in, Blaubuch Egypt No. 2, 1901, S. 26; Report 1904, S. 129. 

488. Junker. Reisen II, S. 61 u. Karte, Tafel i. 

489. Marno, Pet. Mitt. 1882, S. 123 u. Karte, Tafel 6. 

490. Garst in a. a. O. S. 25 f. 

49i. R US segger. Reisen in Europa, Asien und Afrika 1835— 1841. 
II. Bd., a. Teil (Reise in Ägypten, Nubien und Ost-Sudan), Stuttgart 
1844, S. 83. 

492. B run Rollet, Le Nil Blanc et le Soudan, Paris 1855, S. 125 f. und 

Nouvelles Annales des Voyages. Paris, Ann6e 1855, I. Bd. 
S. 131—132: Le Misselad ou Kellak; 3. Bd. S. 151— 164: Les 
explorations M. Brun -Rollet au Nil Blanc, S. 163. 

493. K l ö d e n G. A. v.. Das Stromsystem des oberen Nil nach den. 

neueren Kenntnissen mit Bezug auf die älteren Nach richten 
Berlin 1856, S. 24 u. 170 f. Auf der uns heute recht phantastisch 
anmutenden Karte ist übrigens ein Fluss Kidi eingezeichnet, der 
aus jener Gegend Kordofans kommt, die neuerdings als Ursprungs- 
gebiet des jetzt Keilak genannten Flusses gilt; freilich fliesst dieser 
Kidi östlich vom Mokren el Bahür in den Bahr el Abiad. — Auch 
die Karte in Mitt. der k. k, Geogr. Ges. Wien i. Jhrg. 1857 zu 
Kotschys „Allgemeiner Überblick Ober die Nilländer und ihrer 
Pflanzenbekleidung*, S. 156 fr. weist, abhängig von Klödens 
Entwurf, keinen Fortschritt auf. 

494. z. B. Heuglin Th. v.. Reise in das Gebiet des weissen Nil und 

seiner westlichen Zuflüsse in den Jahren 1862—1864. Leipzig 
u. Heidelberg 1869, S. 97. 
495* Marno^ Pet. Mitt. 1882, S. 122 n. Karte. 

496. Junker, Reisen II, S. 60 u. Karte. 

497' Gar st in, Blaubuch Egypt No. 2, 1901, S. 24 f.; Report 1904, 
S. 126 f. — Vgl. Dy6, Annales de Geographie, 11. Bd. 1902, S. 328. 

498» Nach: Geogr. Journ. 26. Bd. 1905, S. 198—201: Lyons, Dimensions 
of the Nile and its Basin. Das Gleiche in Lyons, Physiography 
of the River Nile and its Basin Cairo 1906, S. 4-7; femer 
S. 78- 144 b, Chapter III : The Bahr el Jebel, Bahr el Zaraf and 
Bahr el Ghaaal; S. 145—160, Chapter IV: The Sobat und 
S. 161 -179, Chapter V: The White Nile or Bahr el Abyad. — 


— 2l6 — 

Kgypt No. 2, 1901, Gar st in, Report as to Irrigation Projects on 
thc Upper Nile, S. 9 — 34: Part. I. — G arst in, Report upon the 
Basin of the Upper Nile, Cairo 1904, S. 91 — 137. — Die besten 
und neuesten (besonders Höhen-) Angaben basieren auf einer 
brieflichen Mitteilung von Herrn Prof. Lyons (mit «Lyons 2* 
bezeichnet). 

499, Bull. Soc. Kh^div. G^ogr. 7. Serie No. 2. Le Caire 1908, S. 61 — 98: 
Sir William W i 1 1 c o c k s (Ex-Directeur G6n6ral des Reservoirs), 
Le Nil Blanc et la r^colte du coton, S. 82 f 

500» C r a i g (G arsti n , Report 1904, S. 114 Anm. 2) vermutet bei Km 893 
die Jel-Mündung. 

501. Marno, Pet Mitt. 1882, S- 128. 

502. Junker, Reisen II, S. 69. 

503. G a r s t i n, Blaubuch Egypt No. 2, 1901, S. 29; Report 1904, S. 132. 

504. Chavanne, Afrikas Ströme und Flüsse, Wien 1883, S. 59 u. 63, 

lässt zwischen Mokren el Bahür und Meschra er Rek nur etwas 
Ober 4 m Niveaudifferenz. Mokren (nach Lyons) 386,5 m; folglich 
Meschra etwa 391 m Seehöhe. Doch ist dies sehr fraglich. 

505. Aniiales 66 Geographie 11. Bd. Paris 1902, S. 315 — 338: Dy€ A..H., 

Le Bahr el Ghazal. Notions g^n^rales sur la Province, les 
^ Riviferes, les Plateaux et les Marais (m. 2 Karten), S. 330. 

506. Lieut. Fell, cit. bei G a r s t i n a. a. O. S. 29 u. Report 1904, S. 132. 

507. H e u g 1 i n cit. ebenda. S. 29 u. S. 132. 

'508. L u p t o n , Geographical Observations in the Bahr-el-Ghazal Region ; 
Proc. R. Geogr. Soc. 7. Bd. 1884, S 245 — 255 u. Junker, Reisen II, 
Karte, Tafel i. 

509. Pet. Mitt. 28. Bd. 1882, S. 422—428; Eine Post aus dem ägyptischen 

Sudan. — Bestimmung von Marno. 

510. Lyons, Physiography of the River Nile and its Basin, S. 5 und 

167 und Geogr. Journ. 26. Bd. 1905^ S. i^. 

511. Gar st in, Blaubuch Egypt 2, 1901, S^ 9; Report 1904, S. 125. 

512. W i 1 1 c o c k s , Bull. Soc. Kh6d. G6ogr. 7. Serie. Le Caire 1908, S. 83. 

513. Henze, Der Nil, Halle a.S. 1903,5. 34. Marn o, Pet. Mitt. i88i,S. 413* 

514. Henze, Der Nil^ S. 35. Marno, Pet. Mitt. x88i, S. 413. 

515. Geogr. Journ. 32. Bd . 1908, S. 449 — 475 (480) : Lyons, Some 

Geographical Aspects of the Nile (m. Karte) S. 460: Sobatmündung 
26 Fuss (= 7,9 m) höher als Chartum. 

516. Ebenda, S. 457. 

517. Marno, Pet. Mitt. 1881, S. 413. 

518. Willcocks, Bull. Söc. Khediv. G^ogr. 1908, S. 83. Geogr. Journ. 

32. Bd. 1908, S. 460. 

519. Journal of the Royal Geographical Society 44. Bd. London 1874, 

S. 37—49: Lieut. Julian A. Baker, Geographical Notes of the 
Khedive's Expedition to Central Afrika, Appendix, S. 71. 

520. Lyons a. a. O. S. 117. 


— 217 — 

521. Garstin, Blaubuch Egypt a, 1901, S. 54. •— Im Report 1904, S. 180 

gibt die Addition dreier Stromstücke 350—370 km. 

522. Lyons, Geogr. Journ. 26. Bd. 1905, S. 252. Vgl. hiezu »Physio- 

graphy", S. 173 (la km) u. 150 {36 km). 

523. Garst in, Report 1901, S. 40. 


524. Lombardini Elia, Saggio idrologico sul Nilo, Mailand 1865 

(Französisch: Essai sur Thydrologie du Nil, Milan 1865, S. 41: cit 
in Ch^lu, Le Nil, le Soudan, l'figypte, Paris 1891, S. 14 und in 
Lyons, Physiography of the River Nile etc., Cairo 1906, S. 141.) 
— Vgl. M a r n o , Pet. Mitt. 1881, S. 413. * 

525. Geogr. Journ. 16. Bd. 1900, S. 164 — 184: Grog an E. S., Through 

Africa from the Cape to Cairo, S. 176. 

526. Johnston Sir Harry, The Uganda Protectorate, London 1902, I, 

S. 151. 

527. W i 1 1 c o c k s, The Nile in 1904, S. 38; cit. in L y o n s , Physiography, 

S. 141. Vgl* Bull. Soc. Kh^d. G^ogr. Le Caire 1908, S. 83. Will - 
cocks, The Nile Reservoir Dam at Assuän and after. 2. Aufl. 
London und New York 1903, S. 15 f. 

528. G a r s t i n , Blaubucb Egypt No. 2, 1901, S. 15 u. Cit. in Geogr. Journ. 

28. Bd. 1906, S. 389 (bei Besprechung von Lyons* Buch). 

529. Journal of the Linnean Society, 37. Bd. London 1905, S. 51—58: 

Broun, Some Notes on the 'Sudd'-Formation of the Upper Nile, 

S. 54. 

530. Lyons, Physiography, S. 141— 143 und briefliche Mitteilung von 

Herrn Prof. Lyons. 

531. Ebenda, S. 91. 

532. Zeitschr. Ges. f. E. Berlin 32. Bd. 1897, S. 303—342: E. de Mar- 

tonne, Die Hydrographie des oberen Nilbeckens, S. 312, 320 
und 330. 

533. Lyons, Physiography, S. 9 und 91. 

534. Pet. Mitt. Ergänzungsheft No. 50, Gotha 1877, S. 1-38 u. No. 51, 

S. 1—48: E. De Pruyssenaere's Reisen und Forschungen im 
Gebiete des Weissen und Blauen Nil, bearbeitet von Zöppritz 
(m. Karte), S. 11— 13: IV. Zur Geologie und Bödenkunde des 
Weissen Nilgebietes. ' 

535. Pet. Mitt. 27. Bd.: Marno, Die Sumpfregion des äquatorialen Nil- 

Systems, S. 413 f. 

536. Baker S. W.^ Ismailla, London 1874, I. Bd. S. 84. — Pet. Mitt. 

19. Bd. 1873, S. 130-136: Marno, Der Bahr Seraf, S: 134. — 
Garstin, Blaubuch Egypt No. 2, 1901, S. 32; Report 1904, S. 136. 
— Lyons, Physiography, S. 93. 

537- Briefliche Mitteilung von Herrn Prof. Lyons. 

538. Lyons, Physiography, S. 168. 


— 2l8 — 

539. Geogr. Joum- 32« Bd. 1908, S. 460; vgl. Note 518 u. Globus 94. Bd. 

1908, S. 991 f. 

540. Pet. Mitt. 26. Bd. i88o, S. 373-1-377: H a n n. Einige Resultate neuerer 

meteorologischer und hypsometrischer Beobachtungen aus dem 
äquatorialen Ostafrika. — Vgl. S. 210—317 (Emin Bey). 

541. Chavanne, Afrikas Ströme und Flüsse, Wien 1883, S. 59 u. 63. 

542. De Martonne, Ztschr. G. f. E. Berlin 32. Bd. 1897, S. 333. 

543. H e n z e , Der Nil, Halle a. S. 1903, S. 35. 

544. Scot. Geogr. Mag. 15. Bd. 1899, S. 428 — 431: Report on the Sudan, 

S. 430. — Garst in, Report 1901, S. 21 Anm.; Report 1904, S. 109 
Anm. 4, S. 171 u. Appendix IV, S. 41 : Calculation of Slopes. 

545. Lyons, Physiography, S. 91 f , 142 u. 167 f. — G J. 32. Bd. 1908,. 

S. 452 u. 460. 

546. Willcocks, The Nile Reservoir Dam at Assuän and after. 

2. Aufl. London u. New York 1903, Plate 6 u. 7. Bull. Soc. Khed. 
G6ogr. Le Caire 1908, S. 83 f. ^ 

547. C h a V a n n e a. a. O. S. 63. 


548. Pet. Mitt. Erg.-Heft No. 51, 1877: E. de Pruyssenaeres Reisen 

im Gebiete des Weissen und Blauen Nil. 3. Teil. Wissenschaft- 
liche Resultate, b: Wind, Regen und Gewitter, S. 27. 

549. Lyons, Physiography, S. 12 u. 23—31. 

550. Scot. Geogr. Mag. 15. Bd. 1899, S. 57—74: The Egyptian Sudan,. 

S. 68. 
551- Lyons a. a. O. S. 82—87 u. 96—97 

552. Dye, Annales de Geographie 11! Bd. Paris 1902, S. 324; vgU 

Lyons, S. 124 f. 

553. Mouv. Geogr. 15. Jhrg. 1898, S. 25—27, 68-69, 107—108: Le Bahr 

el Ghazal. S. 68. 

554. De Pruyssenaere, Pet. Mitt. Erg.-Heft 50, S. 5. 
555« Lyons a. a. O. S. 12 u. 146—150. 

550. Ebenda, S. 163 — 167. > 

557. Martonne, Ztschr. d. Ges. f. E. Berlin 1897, S. 3x8 f. 

558- Vgl. Brückner, Klimaschwankungen. Wien 1890. 

559. Lyons a. a. O. S. 102 f. — Vgl. Sieger, Schwankungen der inner- 
afrikanischen Seen. Wien i888. 

5160. Scot Geogr. Mag. x6. Bd. 1900, S. 89-92: Mi Ine A. D., The Dry 
Summer on the Upper Nile. — Globus 79. Bd. 1901, S. 338. 

561. Marno, Pet. Mitt. 188 j, S. 421. — Junker, Reisen II, S. 76. 

562. Pet. Mitt. 25. Bd. 1879, S. 273-— 274: Pr. Emin -Bey, Die Strom- 

barren des Bahr el Djebel, S. 274. 

563. De Martonne a. a. O. S. 328. 

564. Pet. Mitt. 27. Bd. i88i; S. i— 10: Dr. Emin- Bey, Ein Ausflug 

nach Lur am westlichen Ufer des Mwutan ^Nzige, S. i. 


— 219 ■"" 

565. Lyons, Physiography, S. 77. 

566. Lyons, ebenda, S. 49, 59, 77. 

567. Lyons, Geogr. Journ. 32. Bd. 1908, S. 453. 

568. The Nineteenth Century and after. 58. Bd. i. Teil. London 1905, 

S. 345—366: Garstin W. E., Some Problems of the Upper Nile 
(m. Karte), S. 351. 

569. Lyons, Physiography, S. 89. 

570. Ebenda, S. 114. 

571. Ebenda, S. 115. 

572. Garstin, Report 1904, S. 156 ff. Vgl. Globus 79. Bd. 1901, S. 338 

u. Deutsches Kolonialblatt 15. Jhrg. Berlin 1904, S. 450. ^ G a r s t i n;^ 
Blaubuch Egypt No. 2, 1901, S. 43. 

573. Emin-Bey, Pet. Mitt. 25. Bd. 1879, S. 274. 

574. Schweinfurth G., Im Herzen von Afrika. Leipzig 1874. I.Teil, 

S. 135. — Z. G. f. E. Berlin 5. Bd. 1870, S. 97—150 : Schwein furth^ 
Von der Meschera des Bachr-el-Ghasal zu den Seriben des Ghattasi 
und Streifzüge zwischen Tondj und Djur, S. 97 f. 

575. La G. 3. Bd. 1901, S. 221 — 222: Influence de la r6gion du Bahr el 

Ghazal sur les crues du Nil. — Vgl. Verh. d. Ges. f Erdk. Berlin 

28. Bd. 1901, S. 331 — 332 und Geogr. Ztschr. 7. Jhrg. 1901, S 295. 

576 Lyons, Geogr. Journ. 26. Bd. S. 200 u. Physiography, S. 7, 78, 122. 

577. Dy6, Annales de Geographie ii. Bd. 1902, S. 324. 

578. Lyons a. a. O. S. 125 ff., 144 a. 

579. La G. 2. Bd. 1900, S. 306 — 307 : Mission du capitaine R o u l e t dans 

le Bahr-el-Ghazal, S. 306, 

580. Junker, Reisen in Afrika. Wien u. Oinrütz 1889, I. Bd. S. 452. 

581. Lyons a. a. O. S. 131. 

582. Petherick, Proc. R. Geogr. Soc. 8. Bd. S. 142 imd Travels in 

Central-Africa, London 1869, I. Bd. S. 322. 

583. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika, I. Teil S. 120. — Z. G. 

f E. Berlin 5. Bd. 1870, S. 29— 62: Schweinfurth, Wahrnehmungen 
auf einer Fahrt von Chartum nach dem Gazellen-FIuss, Januar bis 
März 1869, S. 56. 

584. Baker Sam. White, Der Albert-N'yanza, 2. Aufl. Jena 1868, S. 44; 

Ismailla, London 1874, I, S.. X42. 

585. Garstin, Blaubuch Egypt No. a, 1901, S. 42 u. 30 u. Report 

upon the Basin of the Upper Nile, Cairo 1904. S. 156 u. Appen- 
dix VI, S. 50. — Vgl. Lyons a. a. O. S. 130 f. 

586. Report 19OX, S. 44; Report 1904, S. 159; und Lyons, Physio- 

graphy, S. 121. 

587. Report 1901, S. 42 f. — Vgl. Report 1904, S. 156 f, — Vgl» Geogr. 

Journ. 18. Bd. 1901, S. 398«— 403: Ravenstein, Sir William 
Garstin' s Report as to Irrigation Projects on the Upper Nile». 
S 402. 

588. Lyons a. a. Ö. S. 116. 


— 220 — . 

589* Ebenda, S. 172. 
590. Gar st in, Report 1904, S. 175. 

391. Scot. Geogr. Mag. 15. Bd. 1899, S. 57—74: The Egygtian Sudan; 
Geographica! Sketch, S. 64. 

592. Lyons a. a. O. S. 158. 

593. Pet. Mitt. Erg.-Heft 50, 1877, S. 11. Vgl. Lyons a. a. O. S. 157 u. 

C h 6 1 u y Le Nil, le Soudan, l'Egypte. Paris 1891, S. 14. 

594. Lyons, Geogr. Journ. 32. Bd. 1908, S. 458—459. 

^5. Geogr. Journ. 33. Bd. 1909, S. 117 — 147 (152): Gar st in, Fifty years 
of Nile Exploration and some of its Results, S. 142. 

.596. Scot. Geogr. Mag. 20. Bd. 1904, S. 474—489: Waite Percival C, 
The annual Rise and Fall of the Nile, S. 479. — Vgl. Bull. Soc. 
Kh^d. Geogr. Le Giire 1894, 4« Serie, No. i, S. 5 — 43: Ventre- 
Bey; Essai sur la Provision des Crues du Fleuve. 

597. Lyons, Geogr. Journ. 26. Bd. 1905, S. 249 — 272 u. 395—421: On the 
Nile Flood and its Variation, S. 257. Vgl. Physiography, S. 174. 


.598. Deutsches Kolonialblatt. 15. Jhrg. Berlin 1904, S. 448—451 : Eine 

Reise nach dem Sudan, (Auszug aus dem Bericht des Kaiser!. 

Generalkonsuls Dr. Rücker-Jenisch in Kairo.) S. 449. 
399. Mitt d. k. k. Geogr. Ges. Wien 18. Bd. 1875, S. 232—238: Vom 

oberen Nil. (Schreiben des k. k. öst.-ung. Consuls , Herrn M. L. 

Hansal, an Se. Exz. Herrn Baron v. Hofmann, ddo. Chartum, 

Ende März 1875.) 

600. Baker Samuel White, Der Albert N'yanza, das grosse Becken 

des Nils und die Erforschung der Nilquellen 2. Aufl. Jena 1868, S. 35. 

601. The Nineteenth Century and.after 58. Bd. I. Teil. London 1905, 

S. 345—366 : G a r s t i n \y. E., Some Problems of the Upper Nile, 
S. 349. 

602. Scot. Geogr. Mag. 22. Bd. 1906, S. 341—354: Ch. El Hot, From 

Mombasa to Khartum, S. 352. . 

-603. De Pruyssenaere, Pet. Mitt Erg.-Heft 50, 1877, S. 13. 

-604. Werne Ferd., Entdeckung der Quellen des „Weissen Nil'*. Berlin 
1848, S. 90 ff., 119 — 185, 415 ff., 434 ff. (Die Beschreibung, welche 
ein anderes Mitglied der Expedition, T h i b a u t, in Nouvelles Annales 
des Voyages, i.Bd. Jhrg. 1856, S. 5(9)— 53 "• 141— 191 gegeben 
hat, ist ziemlich wertlos.) 

-605. Mitt d. k. k. Geogr. Ges. Wien i. Jhrg. 1857, S. 156—182. XL 
K o t s c h y Th., Allgemeiner Überblick der Nilländer und ihrer 
Pflanzenbekleidung. — Vgl. auch die älteren Angaben inKlöden, 
Das Stronisystem des oberen Nil. Berlin 1856. (Knoblecher, 
BrunvRollet u. a. m.) Vgl. auch Petherick. 

•606. Pet Mitt Ergänzungsband II, Gotha 1863: Innerafrika- nach dem 
Stande der geographischen Kenntnis in den Jahren 1861— 1863 


— 221 — 

V. Petermann und Hassenstein. Erg.-Heflt ii: X., S. ia6f.r 
Wilhelm v. Harnier's Reise auf dem Weissen Nil, Dezember 
1860 bis November 1861. (Nach den hint erlassenen Tagebüchern« 
des Reisenden.) 

607. Pet Mitt. Erg -Heft 11, Kap VIII, XI, XII, S. 105 f., 1420., 161 f, 

H e u g 1 i n s Berichte. — H e u g 1 i n Th. v., Reise in das Gebiet des^ 
weissen Nil und seiner westlichen Zuflüsse in den Jahren 1862 bis 
1864. Leipzig u. Heidelberg 1869. 

608. Baker S. W., Der Albert N'yanza. Jena 1868, S. 32—66 u. ö.r 

Ismailla, a Narrative of the Expedition to Central Africa for the 
Suppression of the Slave trade, organized by Ismail, Khedive of 
Egypt. 2 Bde. London 1874. 

609. Seh wein fürt h G., Im Herzen von Afrika, Leipzig 1874, I. Bd. 

S. 66—73, ixi ff. u. ö. — Ztschr. d. Ges. f. Erdk. Berlin 4. Bd. 
1869, S. 316—333: Brief des Dr. G. Schweinfurth an seine Mutter. 
S. 341 — 346: Übersicht der im Januar 1869 am Weissen Nil ge- 
sammelten Pflanzen. Ebenda, 5. Bd. 1870, S. 29-62: Wahr- 
nehmungen auf einer Fahrt von Chartum nach dem Gazellen- Fluss, 
Januar— März 1869. — Botan. Zeitg. 28. Jhrg. Leipzig 1870, S. 81— 88^ 
Vegetationsskizzen vom Bachr el Ghasäl. — Pet. Mitt. 18. Bd. 
1872, S. 33—34*. Notizen Ober den Bachr el Ghasal. — Globus^ 
21. Bd. 1872, S. 199—203: III. Aus der Region des Gazellen-Fiussea 
in Afrika. 

610. Marno Ernst, Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. Wien, 18. Bd. 1875, 

S. l66 — 185: Reisebriefe vom oberen Nil. — Reise in der Egyp- 
tischen Äquatorialprovinz und in Kordofan i. d. J. 1874 — 1876. 
Wien 1878, S. 18-52. — Pet Mitt. 27. Bd. 1881, S. 416—417. 

611. Junker W., Reisen in Afrika 1875 — ^öß^- Wien u. Olmütz 1889 bis 

1890, I. Bd. S. 244—277; II. Bd. S. 53 ff. 

612. Bull, de la Soci6t^ d'£tudes Coloniales 9. Jhrg. Brüssel 1902, S. 497 bis 

515, 583—598, 653 — 674: Henry, Dans les Marais du Haut Nil> 
S. 592-594: Le Nil et sa v^g^tation de Shambi ä l'embouchure 
de Bahr-el-Ghazal. 

613. Journal of the Linnean Society (Botany), 37. Bd. London 1904 — 1906. 

S. 51—58: Broun A. F., pirector of Woods and Forests in the 
Soudan, Some Notes on the "Sudd"-Formation of the Upper Nile. 

614. Marno, Pet Mitt 27. Bd. 1881, S. 416. 

615. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika I, S. 117. — Z. G. f. E. 

Berlin 1870, S. 54. 

616. Werne, Entdeckung der Quellen des Weissen Nil, Berlin 1848^ 

S 415. 

617. De Pruyssenaere a..a O. S. 16. 

618. Henry, Bull. Soc d'Etudes Coloniales, Bruxelles 1902, S. 592. 

619. Marno, Pet Mitt 1881, S. 416—417: Reise in der Egyptischea 

Äquatorialprovinz. Wien 1878, S. 28. 


6d0u PeC. Mitt 28 Bd. 1882. S. 121—129: Marno, Die Verleihungen 
im Bahr el Ghasal und deren Beseitigung im April bis Juni 1881, 

S. 122. 

621. Marno, Pet. Mitt. 1881, S. 416 Anm.; Reisen im Gebiete des 
blauen und weissen Nil, im ägyptischen Sudan und den an- 
grenzenden Negerlflndem i. d. J. 1869 bis 1873. Wien 1874, S. 35B. 

^22. Junker, Reisen in Afrika I, S. 248. 

623. Werne, Entdeckung der Quellen des Weissen Nil, S. 93. 

624. Jaensch Th., Henniniera Elaphroxylon G. P. R. Versuch einer 

Einzelbearfoeitung (Monographie), Inaug.-Diss. Breslau 1884?,- S. 10 
Anm. 

'625. Schweinfurtb, Ztschr. d. Ges. f. Erdk. Berlin 5. Bd. 1870, S. 33 
696. Schweinfurtb, Im Herzen von Afrika I, S. iis 
fey. Pet Bilitt. Erg.-Heft No. 11, XII: Th. v. Heu gl in* s Bericht über 
seine Reise vom See Req bis Bongo im Lande der Dör, 23. BAärz 
bis la Mai 1863, S. 161. — Vgl Kotschy u. Peyritsch, 
yPlantae Tinneanae"; dt. in Annais of Botany, 16. Bd. London 
u. Oxford 1902, S. 505. 

628. Pet. Mitt. a Bd. 1862, S. 2i8ff.: Lejean's Aufiiahme des Bahr el 

Ghazal, S. 219. 

629. Junker, Reisen 11, S. 67. 

^30. Pet lyiitt Erg.-Heft 11, XI: Th. v. Heuglin's Bericht über seine 
u. Dr. Steudner's Reise von Chartum den Bahr el Abiad und 
Bahr el ghasäl hinauf bis zum See Req. 25. Jan. bis 20. März 18^ 
S. 147. 

€31. Schweinfurtb, Im Herzen von Afrika I, S. 67. — Zeitschr. 
Ges. f Erdk. Berlin 4. Bd. 1869, S. 316 — 333: Brief des Dr. G. 
Schweinfurtb an seine Mutter, S. 321. 

'632. Ebenda S. 83 f m. Abbildung. — Zeitschr. Ges. f. Erdk. Berlin 

4. Bd. 1869, S. 330; 5. Bd. 1870, S. 41. 

633. Werne a. a. O. S. 494. — Vgl. Baker, Der Albert N'yanza. Jena 

1868, S. 39; Ismailia. London 1874, L Bd. S. 116 f 

634. Österreichische Botanische Zeitschrift 8. Jhrg. Wien 1859. 

5. 113 — 116: Kotschy Th., Eine neue Leguminose vom weissen 
Nfl (m. Tafel), S. 113 f. — Vgl.»Mitt d. k. k. Geogr. Ges. Wien 
I. Jhrg. i8i57, S. 164 Anm. 

635. Johnston, The Uganda Protectorate. London 1902, II. Bd. 

S. 776, 778, 789. 
^35. Speke, Journal of the Discovery of the Source of the Nile. Edin* 
bur^ u. London 1863, Appendix G. (List of Plauts), S. ^i. 

•^37. Ad an so n M», Histoire Naturelle du Senegal. Avec la Relation, 
abr6gee d'un Voyage fait en ce pays, pendant les annees 1749» 
50, 51, 52 u. 53- Paris 1757, S. 133. — Vgl. die Übersetzungen: 
Sehr eher J. Chr. D., Michaels Adansons Nachricht von 
seiner Reise nach Senegal und in dem Innern des Landes. Leip- 


- 223 — 

zig 1773, S. 157 und Martini F H. W,, Hwrn Adansons 
Reise nach Senegall (m. Karte). Brandenburg 1773, S. 198. 

638. La G., 9. Bd. 1904, S. 161— 176: D'Huart, Le Tchad et ses 

habitantS) S. 171. 

639. La G. 15. Bd 1907, S. 161 — 170: Freydenberg, Exploration» 

dans le bassin du Tchad (m. 2 Kartenskizzen), S. i68. 

640. Nachtigal G, Sahara und Sudan, Berlin 1881, IL Bd. S. 370 u. 

754; m. Bd. S. 28. 

641. Pet. Mrtt. 19. Bd. 1873,* S. 130—136: Marno E., Der Bahr Seraf 

(m. Karte), S. 131, 134 u. 135; Marno, Reisen im Gebiete des 
blauen und weissen Nil i. d. J. 1869 bis 1873, Wien 1874 (m. 
Karten), S. 358. — Baker, Ismailla, London 1874, L Bd. S. 187 f. 

642. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika I, S. 115 u. 136, II, S. 489. 

643. Bollettino della Societa Geografica Italiana, 9. Jhrg. 12. Bd. Rom 

iÖ75> S. 747—752: Spedizione del Colonello Gordon nel fiume 
Bianco e ai laghi equatoriali, S. 749. (Brief Gessis aus Gondo- 
koro dd. 12. XU. 75.) 

644. Junker, Reisen IT, S. 66—68. 

645. Pet. Mitt. 28. Bd. 1881, S. 121— 129: Marno, Die Verlegungen im 

Bahr el Ghasal und deren Beseitigung im April bis Juni i88x, S. 122. 

646. Annales de Geographie 11. Bd. Paris 1902, S. 315 — 338: Dye, Le 

Bahr el Ghazal, S. 330 f. u. 336. 

647. Garstin, Blaubuch Egypt No. 2, 1901, S. 28; Report 1904, S. 131. 

648. Pet. Mitt. 27. Bd. 1881, S. 417 Anm. — Vgl. Garstin a. a. O. S. 14. 

649. Journ. Linn. Soc. 37. Bd. London 1905, S. 51 — 58: Broun, Some 

Notes on the *'Sudd"-Formation of the Upper Nile, S. 53 u. 55. — 

Vgl. Garstin, Report 1904, S. 112. 
^50. Garstin. Report 1904, S. 93, 94, 97. 
%i. Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. Wien 2. Jhrg. 1858, S. 75—103: Umrisse 

aus den Uferländern des weissen Nil. Meist nach Herrn H a n s a T s 

Briefen mitgeteilt von Theodor K o t s c h y (m. Karte), S. 83. 

652. Mitt. d. Geogr. Ges. Wien 18. Bd. 1875, S. 166 — 185: Marno E., 

Reisebiiefe vom oberen Nil, S. 166; Marno, Reise in der Egyp- 
tischen Äquatorialprovinz und in Kordofan. Wien 1878, S. 31. 

653. Marno, Pet. Mitt. 27. Bd. 1881, S. 417. 
^54- Junker, Reisen II, S. 60. • 

^55- Schweinfurth, Im Herzen von Afrika I, S. 130, 132; II, S. 489. 
Ztschr. Ges. f. Erdk. Berlin 5. Bd. 1870, S. 60. — Ebenso fand 
S c h w. im weissen Nil jene Vallisnerien wiesen. Ebenda, S. 35. — 
Vgl. Dy6, Ann. Geogr. 1902, S. 331. 

^56- Pet. Mitt. 18. Bd. 1872, S. 33—34: Schweinfurth, Notizen über 

den Bachr el Ghasal, S, 34. 
^57« Marno, Reisen in der Egyptischen Äquatorialprovinz, S. 26f. 
^- Früh u. Schröter, Die Moore der Schweiz. Bern 1904, S. 44. 


— 224 — 

659» MUnchener Geogr. Studien, her. v. S. G ö n t h e r , 13. Stück : R e i n d 1 , 
Die schwarzen Flüsse Südamerikas, München 1903» S. 107. 

660. Kotschy, Mit^. Geogr. Ges. Wien i. Jhrg. 1857, S. 164. — Vgl. 

Kl öden, Das Stromsystem des oberen Nil. Berlin 1856, S. 22. 

661. Geogr. Journ. 26. Bd. 1905 : Lyons, On the Nile Flood and itsi 

Variation, S. 25a f. Vgl. Lyons, Physiography of the River Nile,. 
S. 172—174. — Bull. See. Kh^div. Geogr. 2. Serie No. 4, Le Caire| 
1883, S. 191—202 : Duc d*Aumont,Du Caire ä Gondokoro et aa 
Mont Redjaif, S- 197; 7. Serie No. 2, Le Caire 1908, S. 61 — 98 -I 
Sir W. Willcocks, Le Nil Blanc et la recolte du coton, S. 78. — 
Scot. Geogr Mag. 20. Bd. 1904, S. 561—568: Joannides, Egyptian 
Agriculture, with special Reference to Irrigation, S. 563. — Will- 
cocks, The Nile Reservoir Dam at Assuän and after. 2. Aufl- 
London 1903, p. IX u. X. 

662. K a u f m a n n , Revue de l'figypte, Cairo 1897, S. 105 ; cit. bei Lyons, 

S. 252 bezw. 172. Vgl. Globus 84. Bd. 1903, S. 147: Die Grün-r 
Gelb- und Rotfärbung der Gewässer. 

663. 2. Brief Marnos vom 2. November 1879: aus der Sammlung vonj 

unveröffentlichten Briefen Marnos an Vizegouverneur Excellenz 
Giegler-Pascha in Chartum. 

664. De Pruyssenaere, Fet. Mitt. Erg.-Heft 50, 1877, S. 16 — Baker,. 

Ismailla, i. Bd. S. 77. 

665. Marno, Der Bahr Seraf. Fet. Mitt. 19. Bd. 1873, S. 135. 

666. Garstin, Blaubuch Epypt No. 2, 1901, S. 31 f.; Report 1904, S. 135 f. 

— Vgl. Scot. Geogr. Mag. 21. Bd. 1905, S. 126 — 132: Views on 
the Upper Nile, S. 129. 

667. Geogr. Journ. 16. Bd. 1900, S. 164 — 184: Grogan E. S., Through 

Africa from the Cape to Cairo (m. Karte), S. 180—183. 

668. Geogr. Journ. 24. Bd. 1904, S. 651 — 655: Captain J. LiddeiPs 

Journeys in the White Nile Region (m. Karte). 

669. Baker, Ismailla. London 1874, i. Bd. S. 48, 59 f, 192 u. ö. 

670. Baker, Ismailia, I, S. 46, 67, 188, 193; II, S. 481 u. ö. — Journal 

of the Royal Geographica! Society 44. Bd. London 1874, S. 37—73- 
Lieut. J. A. Baker, Geographica! Notes of the Khedive's Expe- 
dition to Central Africa, S. 38 f , 43, 49, 67, 71. — Fet. Mitt. 19. Bd. 
1873, S. 130 — 136: Marno, Der Bahr Seraf. 

671. Annales de Geographie 11. Bd. Faris 1902, S. 315 — 338; Dye, Le 

Bahr el Ghazal^ S. 325—329. — Marno, Fet. Mitt. 28. Bd. 1882, 
S. 122. 

672. De Fruyssenaere, Fet. Mitt. Erg.-Heft Nr. 50, 1877, S. 16. 

673. Fet. Mitt. 27. Bd. 1881, S. 411—426: Marno, Die Sumpfregion des 

äquatorialen Nilsystems und deren Grasbarren, S. 417. 

674. Garstin, Blaubuch Egypt No. 2, 1901: Compass Survey of the 

BahrelDjebel No. 3—6; vgl. Karte zu Ravenstein, Sir William 


— 225 — 

Garstin's Report as to Irrigation Projects on the Upper Nile, 
Geogr. Journ. i8. Bd. 1901, S. 398 — 403 (Masstab i : 1000 000). 
675 Marno, Pet. Mitt. 28. Bd. 1882, S. 121 — 129: Die Verlegungen im 
Bahr el Ghasal und deren Beseitigung im April bis Juni 1881. 
Junker, Reisen II, S. 61—67. Vgl. auch die Karten M a r n o s und 
Junkers. — Garstin, Blaubuch Egypt No. 2, 1901, S. 24 — 30. 

676. Garstin, Report J901, S. 13. 

677. Pruyssenaere, Pet. Mitt. Erg.-Heft No. 50, 1877, S. 13. 


678. Garstin, Blaubuch Egypt No. 2, 1901 : Compass Survey of the 

Bahr el Gebel, No. 2 — 5; Report 1904, Sheet III. 
679 Globus 94. Bd. 1908, S. 291. 

680. Junker, Reisen II, S. 73 f, 

681. Garstin, Report 1901, S. 15; Report 1904, S. 116. 

682. Dye, Ann. Geogr. ji. Bd. 1902, S. 332. 

683. Seh weinfurth. Im Herzen von Afrika I, S. iii f. 

684. Garstin, Report as to Irrigation Projects on the Upper Nile: 

Blue Book Egypt No. 2. London 1901, S. 34 f. (Vgl. Geogr. Journ. 
18. Bd. 1901, S. 398—403: Raven stein, Sir William G ar stin's 
Report as to Irrigation Projects on the Upper Nile, S. 400 f) — 
Garstin, Report upon the Basin of the Upper Nile, with Proposais 
for the Improvement of that River (mit Karten und Anhang). 
Cairo 1904 (National Printing Department), S. 137 ff.. Vgl. Scot. 
Geogr. Mag. 20, Bd. 1904, S. 569 — 576: The Improvement of the 
Upper Nile, S. 569 — 571. Nature and Origine of the Sudd. — 
Lyons, Physiography of the River Nile and its Basin. Cairo 1906, 

s 133-136. 

685. Broun, Journ. Linn. Soc. 37. Bd. 1905, S. 52 u. 56. 

686. Marno, Pet. Mitt. 1881, S. 416. 

687. Seh weinfurth. Im Herzen von Afrika I, S. H2. 


688. Werne, Entdeckung der Quellen des „Weissen Nil". Berlin 1848, 

S. 91 f. 

689. De Pruyssenaere, Pet. Mitt Erg.-Heft 50, S. 2. 

690. Junker, Reisen I, S. 244; II, S. 77. 

691. Baker, Der Albert N*yanza. Jena 1868, S. 34 u. 40. 

692. Junker, Reisen II, S. 53 u 77. 

693- Seh weinfurth a. a. O. I, S. 113. 

694- Marno, Pet. Mitt. 28. Bd. 1882, S. 123. 

695- Seh wein fu rth a« a. O. I, S. 122. Ztschr. G. f. E. Berlin 1870, S 57. 
696. Seh weinfurth a. a. O I, S. 139. Ztschr. G. f. E. 1870, S. 100. 
697- Dye, Annales de Geographie n. Bd. Paris 1902, S. 330 u. 336f. 
698. Schweinfurth a. a. O. I, S. 132. 

699- Junker, Reisen I, S. 250. 

Heuerling. Die Pflanzenbarren. I5 


— 220 — 

X 

700. Petherick, Travels in Central Africa. London 1869, 1. Bd., S. 106. 

701. Zwischen Mokren el Bahür und Ghaba Schambil i. J. 1874: Brief- 

liche Mitteilung von Herrn Giegler-Pascha. 

702. Junker, Reisen II, S. 77. 

703. Briefliche Mitteilung von Herrn Professor Dr. Seh weinfurth. 

704. Hill G. p., Colonel Gordon in Central Africa 1874— 1879. 2. Aufl. 

London 1884, S. 36. 

705. Scot. Geogr. Mag. 15. Bd. 1899, S. 57—74: The Egyptian Sudan 

(m. Karte) : Exploration, S. 58, — Mitt. Geogr. Ges. Wien 2. Jhrg. 
1858, S. 75—103: Kotschy, Umrisse aus den Uferländern des 
weissen Nil, S. 75flf. 


706. Junker, Reisen II, S. 75. 

707. Briefliche Mitteilung von Herrn Prof Dr. G. Seh weinfurth. 

708. Garst in, Report 1901, S. 38. 

709. Bull. Soc. d'Etudes Coloniales '9. Jhrg. Bruxelles 1902: Henry, 

Dans les Marais du Haut Nil, S. 597. 

710. Pet. Mitt. 27. Bd. 1881; S. 411— 426: Marno Ernst, Die Sumpfregion 

des äquatorialen Nilsystems und deren Grasbarren, S. 418—420. 

711. Sir William Garstin, Report as to Irrigation Projects on the 

Upper Nile, Blue book Egypt No. 2. London 1901, S. 35; Report 
upon the Basin of the Upper Nile. Cairo 1904, S. 138 f. Geogr. 
Journ. 33. Bd. 1909, S. 117— 147 (152): Garstin, Fifty years of 
Nile . Exploration, and some of its Results, S. 137 — 139. 

712. 4. Brief E. Marno s vom 14. Februar 1880: aus der Sammlung 

von unveröffentlichten Briefen Marno s an den stellvertretenden 
Generalgouverneur der